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Sag nichts, küss mich!

Sandra Marton

Sag nichts, küss mich!

1. KAPITEL

Es war ein langer Tag gewesen – die Hochzeit in der kleinen Kapelle in Lower Manhattan und dann der Empfang in der Orsini-Stadtvilla. Nicolo Orsini konnte es kaum erwarten, endlich zu gehen.

Zu Hause wartete eine Frau auf ihn – im Bett. Sie war schon heute Morgen im Schlafzimmer seiner Maisonettewohnung am Central Park gewesen, als er um zehn ging.

„Musst du unbedingt dahin, Nicky?“, hatte sie geschnurrt, mit einem Schmollmund, der ebenso sexy war wie der Rest ihres perfekten Körpers.

Nick hatte noch einmal seine Krawatte gerichtet, den Sitz des maßgeschneiderten Anzugs im Spiegel geprüft und auch einen Blick auf die glänzenden Spitzen seiner Schuhe geworfen – mit Spucke poliert, so, wie er es in der Armee gelernt hatte. Dann war er zum Bett zurückgegangen, hatte einen leichten Kuss auf ihr Haar gedrückt und gesagt, ja, er müsse unbedingt dahin.

Schließlich geschah es nicht jeden Tag, dass der Bruder eines Mannes heiratete.

Ihr hatte er das natürlich nicht gesagt, hatte nur von einer Hochzeitsfeier gesprochen. Selbst das reichte aus, um Interesse in den babyblauen Augen aufflammen zu lassen. Hätte er auch noch gesagt, dass es sich um seinen Bruder handelte …

Den Namen der Orsini-Brüder mit Hochzeiten in Zusammenhang zu bringen, schien ihm keine sonderlich gute Idee zu sein.

„Ich ruf dich an!“

Sofort hatte sie wieder ihren Schmollmund gezogen, und Nick war gegangen, allerdings nicht ohne sie zu instruieren, zu bleiben, wo sie war, bis er zurückkehrte.

Jetzt setzte er die Kristallflöte an die Lippen und trank einen Schluck Champagner. Mist, er hoffte, sie hatte es sich anders überlegt. Nicht, dass er etwas gegen schöne Frauen in seinem Bett einzuwenden hätte, aber sein Interesse an dieser speziellen schwand rasant. Und nach einem Tag wie diesem hatte er nicht die geringste Lust, auch noch das Theater mitzumachen, das das Ende einer Affäre meist mit sich brachte. So sehr er seine Geschwister, seine Mutter, seine Schwägerinnen und seinen kleinen Neffen auch liebte … es gab so etwas wie zu viel Nähe.

Vielleicht lag es ja auch nur an ihm. Wie auch immer … Zeit, zu gehen.

Er sah durch die großen Glastüren in den Garten hinter der Orsini-Villa hinaus. Die Stauden und Büsche, die seine Schwester Isabella vor Jahren gepflanzt hatte, waren noch immer grün, auch wenn bereits der Herbst in der Luft lag. Die Mauer, die den Garten umschloss, war hoch genug, um den Lärm der dahinter liegenden Straßen abzublocken. Straßen, die sich so schnell veränderten, dass er sie kaum noch wiedererkannte. Little Italy, einst Heimat für Generationen von Einwanderern, wurde mehr und mehr verdrängt von Greenwich Village.

Schicke Läden, teure Restaurants, Kunstgalerien. Der Fortschritt, dachte Nick grimmig und trank noch einen Schluck. Er hasste es, das mit ansehen zu müssen. Er war in diesem Viertel aufgewachsen. Nicht, dass er nur schöne Kindheitserinnerungen hätte, das nicht. Wenn der Vater der Kopf einer mächtigen kriminellen Vereinigung war, lernte man schnell, dass man anders war als die anderen. Bereits seit frühester Kindheit wusste Nick, für welche Organisation Cesare Orsini arbeitete, und er hasste ihn dafür.

Die Bindung zu seiner Mutter und seinen Schwestern dagegen war immer stark gewesen. Was nun die Bindung zu seinen Brüdern betraf …

Nicolos Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.

Die ging weit über Blutsbande hinaus.

Als Kinder hatten sie sich gestritten und einander gnadenlos aufgezogen, hatten zusammengehalten gegen die anderen Kinder, die sich einbildeten, den Söhnen eines don der famiglia das Leben schwer machen zu können. Kaum aus der Teenagerzeit heraus, waren sie getrennte Wege gegangen, nur um sich wieder zusammenzufinden und eine Investmentfirma zu gründen, die sie ebenso reich und mächtig wie ihren Vater gemacht hatte, allerdings ohne die kriminellen Energien in Cesares Leben.

Sie waren Teile eines Ganzen – Raffaele, Dante, Falco und er. Sie ähnelten einander im Aussehen, besaßen ähnliche Charakterzüge, ein ähnliches Temperament.

Würde sich das ändern? Es würde sich ändern müssen, jetzt, nachdem drei der vier Brüder Ehefrauen an ihren Seiten hatten.

Nick ging zur Bar, um sein Glas nachfüllen zu lassen.

Unglaublich, dachte er, als er Rafe mit Chiara tanzen sah. Seine Brüder waren verheiratet. Erst Rafe, dann Dante und jetzt sogar Falco. Ausgerechnet Falco, der „Ich-bin-eine-Insel“-Falco.

Absolut unglaublich. Seine Brüder hatten sich verliebt.

„Das passiert dir auch eines Tages“, hatte Rafe gestern Abend noch gesagt, als sie sich in The Bar, der Kneipe in Soho, die ihnen gehörte, getroffen und mit einem Bier auf Falcos Junggesellenabschied angestoßen hatten.

„Ganz bestimmt nicht“, hatte er überzeugt von sich gewiesen, und alle waren in lautes Gelächter ausgebrochen.

„Doch, Mann“, hatte Dante dagegengehalten, „irgendwann erwischt es dich auch.“

„Wenn du es am wenigsten erwartest“, ergänzte Falco. „Dir wird eine Frau über den Weg laufen, und schon hält sie dein armes kleines Herz in ihrer Hand.“

Wieder hatten sie alle gelacht, und Nick hatte beschlossen, es dabei zu belassen. Warum herausposaunen, dass er schon einmal die Erfahrung gemacht hatte – und nicht die geringste Chance bestand, dass er sich ein zweites Mal auf so etwas einlassen würde.

Sicher, konnte durchaus sein, dass seine Brüder der Statistik, die da besagte, dass drei von vier Ehen wieder geschieden wurden, ein Schnippchen schlugen. Ihre Ehefrauen schienen alle süß und liebevoll zu sein. Aber das war ja die Sache mit den Frauen, nicht wahr?

Sie gaben sich immer süß und liebevoll. Aber sie spielten nur. Sie waren wie Vertreter, die Eskimos Kühlschränke verkauften.

Warum also überhaupt heiraten?

Nick kannte die Antwort. Ein Mann wollte etwas Dauerhaftes hinterlassen. Er wollte seinen Namen an seine Kinder weitergeben. Also würde er wohl auch eines Tages heiraten. Doch er würde sich nicht von einer Frau in die Irre führen lassen und glauben, es sei Liebe.

Draußen vor den Glastüren verdunkelte sich langsam der Himmel. Die Wettervorhersage hatte Regen angekündigt, ausnahmsweise schien sie tatsächlich einmal recht zu behalten. Nick schob die Türen auf und trat hinaus auf die Terrasse.

Wenn er bereit war, sich eine Frau zu suchen, würde er die ganze Sache logisch angehen. Er brauchte eine Frau, die sich nahtlos in sein Leben einfügte, die keine Ansprüche stellte – die nichts erwartete, außer dass er ihr ein gutes Leben bot und sie mit Respekt behandelte. Respekt war auch das Einzige, was er von ihr zurückverlangen würde.

Logik war unerlässlich, ob nun bei einem Businessdeal oder einer Heirat. Er ließ sich nicht von Emotionen leiten, wenn er eine Bank oder Aktien aufkaufte. Warum sollte er das also bei der Wahl einer Ehefrau tun?

Sich auf Emotionen zu verlassen war ein Fehler.

Ein Mal – und nie wieder – hatte er kurz davor gestanden, diesen Fehler zu begehen. Zumindest war er nicht dumm genug gewesen, jemandem davon zu erzählen, nicht einmal seinen Brüdern. Weil es ihm damals als etwas Besonderes erschienen war. Es gab eben Dinge, die ein Mann für sich behielt.

Wie, zum Beispiel, dass man benutzt worden war.

Vier Jahre war das jetzt her. Auf einer Geschäftsreise nach Seattle hatte er eine Frau kennengelernt. Sie war intelligent und schön, sie besaß Humor. Sie stammte aus einer Familie, die dem Adel so nahe kam, wie man dem Adel in Amerika kommen konnte, aber sie hatte es aus eigener Kraft zur Finanzdirektorin einer kleinen Privatbank geschafft, für deren Kauf er in den Nordwesten gekommen war.

Nein, er hatte davorgestanden, die Bank aufzukaufen.

Genau das war der Knackpunkt gewesen.

Am Abend des ersten Tages hatte sie in seinem Bett gelegen. Und er hatte sie dort behalten wollen. Schon bald hatte sich ein Muster entwickelt: Ein Wochenende flog er nach Seattle, das nächste kam sie nach New York. Sie behauptete, ihn schrecklich zu vermissen, wenn sie nicht zusammen waren, er gestand, ihm ginge es ebenso.

Er war auf dem besten Wege, sich zu verlieben.

Nach einem Monat beschloss er, ihr von seinem Vater zu erzählen. Das hatte er vorher noch nie für nötig gehalten. Entweder wusste eine Frau, dass sein alter Herr ein Gangsterboss war, oder sie wusste es nicht. Wen interessierte das schon? Aber das hier war anders. Das hier war – selbst damals hatte er den Ausdruck zu umschiffen versucht – eine Beziehung.

Also sagte er es ihr, als sie zusammen im Bett lagen.

„Mein Vater ist Cesare Orsini.“ Als sie nicht reagierte, erzählte er ihr den Rest. Dass Cesare das Oberhaupt einer New Yorker mafiosen Verbindung war. Dass er ein Verbrecher war.

„Oh“, gurrte sie und lächelte verführerisch, „das wusste ich schon, Nicky. Um ehrlich zu sein … ich finde es unglaublich erregend.“

Diese Eröffnung hätte die Alarmsirenen in ihm losschrillen lassen müssen. Nur dachte er zu jenem Zeitpunkt mit einem Teil seiner Anatomie, die keine Alarmsirenen besaß.

Ein langes Wochenende stand bevor. Er fragte sie, ob sie es nicht zusammen verbringen könnten. Sie bedauerte, ablehnen zu müssen, denn ihre Großmutter sei krank, und sie wolle am Samstagmorgen nach Oregon fliegen und das Wochenende bei Grandma verbringen, um sich um sie zu kümmern. Aber sie würde Großmutter alles über den wunderbaren Mann berichten, den sie getroffen hatte.

Natürlich hatte Nick vollstes Verständnis. Es war ja auch so nett und fürsorglich von ihr.

Und dann, am Freitagabend, überlegte er, warum er nicht mit ihr fliegen sollte. Er konnte Grandma kennenlernen, der alten Dame sagen, wie wichtig ihm ihre Enkelin geworden war.

Ja, er würde sie überraschen. So flog er mit dem Orsini-Jet nach Seattle, mietete sich einen Wagen, fuhr zum Stadthaus seiner Lady und nutzte den Schlüssel, den sie ihm überlassen hatte, um sich leise einzulassen.

Was danach folgte, war wie ein Schlag in den Magen.

Seine Lady lag mit ihrem Boss, dem Direktor der Bank, im Bett und schüttete sich aus vor Lachen über Nicolo Orsini, der mit Sicherheit ein Angebot für die Bank abgeben würde, das den tatsächlichen Wert weit überstieg.

„Ein Orsini und du, Baby“, sagte der Mann. „Das ist geradezu ein Klassiker. Die Prinzessin und der Bauer …“

Die feine Champagnerflöte in Nicks Hand zerbrach.

Merda!“

Champagner perlte über seinen Anzug, auf einer Fingerspitze bildete sich ein roter Tropfen. Nick zog sein Taschentuch hervor, tupfte sich den Champagner vom Jackett und den Blutstropfen vom Finger …

„He“, drang in diesem Moment eine amüsierte Stimme an sein Ohr, „so mies ist der Champagner auch wieder nicht.“

Es war Rafe, der, eine Flasche Heineken in jeder Hand, neben ihm auftauchte. Nick stöhnte erleichtert auf und griff nach dem angebotenen Bier. „Du bist mein Lebensretter. Wo hast du das her?“

„Frag nicht, dann muss ich dich nicht anlügen.“ Rafe runzelte die Stirn. „Was ist los?“

Nick zuckte eine Schulter. „Ich scheine meine eigene Kraft nicht zu kennen. Kein Problem, ich räum das auf.“

„Glaub mir, Nick, bevor du dich überhaupt in Bewegung setzt, wird schon jemand vom Catering-Service …“ Eine junge Frau mit Handfeger und Kehrblech tauchte auf und fegte die Scherben zusammen. „Siehst du?“

Nick lächelte der Frau dankbar zu und wartete, bis sie sich wieder zurückgezogen hatte, dann stieß er mit der Bierflasche an die seines Bruders. „Auf kleine Wunder und Brüder, die im richtigen Moment zur Stelle sind.“

„Ich dachte mir, du könntest es gebrauchen, als ich dein langes Gesicht sah.“

„Ich und ein langes Gesicht? Ich … äh … muss wohl an den Schweiz-Deal gedacht haben.“

„Lass Geschäft Geschäft sein.“ Dante gesellte sich zu ihnen, ebenfalls mit einem Bier in der Hand. „Heute feiern wir.“ Grinsend lehnte er sich zu Nick hinüber. „Gaby sagt, die Kleine vom Catering-Service starrt dich schon den ganzen Nachmittag an.“

„Natürlich tut sie das“, erwiderte er, weil er wusste, dass das von ihm erwartet wurde.

Sie redeten noch eine Weile, dann kam der Punkt, an dem sich das Brautpaar verabschiedete.

Endlich konnte er von hier verschwinden. Er absolvierte die komplette Routine – Küsse, Umarmungen, das Versprechen an seine Mutter, baldmöglichst zum Essen zu kommen. Sein Vater war nirgendwo zu sehen. Umso besser, dachte er und steuerte auf den Ausgang zu. Außer „Hallo“ und „Auf Wiedersehen“ hatte er seinem Vater nichts zu sagen. Sollte der Alte ihn heute noch erwischen, könnte es allerdings länger dauern, denn …

„Nicolo.“

Schon halb zur Tür hinaus, stöhnte Nick leise auf und drehte sich um. „Vater.“

„Wir müssen reden.“

„Ich habe eine Verabredung. Du und ich haben nichts zu bereden.“

„Aber ja doch, bestimmt. Außerdem denke ich, dass du mir ein paar Minuten deiner Zeit erübrigen kannst. Schließlich haben deine drei Brüder ihrem Vater ebenfalls diesen Gefallen erwiesen.“

In dieser Hinsicht hatte der Alte recht. Alle drei waren vor ihm durch die Mangel gedreht worden, alle, bis auf ihn. Schon auf Dantes Hochzeit hatte Cesare Falco und ihn festgenagelt. Nick hatte vor der Tür gewartet, während Falco als Erster mit dem Vater ins Arbeitszimmer gegangen war. Nach ein paar Minuten hatte Nick sich gesagt, dass er keiner von den Handlangern war, die seinem Vater bedingungslos gehorchten, und hatte sich davongemacht.

Außerdem wusste er doch, was sein Vater ihm mitzuteilen hatte: Safe-Kombinationen, Schließfächer, Namen von Anwälten und Buchhaltern, all die Sachen, die die Söhne nach Meinung des don im Falle seines Todes wissen sollten. Dabei würde keiner von ihnen auch nur einen Penny des schmutzigen Geldes anrühren.

„Na schön. Fünf Minuten. Mehr nicht.“ Nick ging in Richtung des Arbeitszimmers. „Und was immer du für deine Rede vorbereitet hast, es sollte besser etwas richtig Gutes sein.“

Cesare lächelte um die teure Zigarre herum, die zwischen seinen Zähnen klemmte. „Lass dir von mir versichert sein, Nicolo“, sagte er, als er die Tür des Arbeitszimmers hinter ihnen schloss, „das ist es.“

Zehn Minuten später starrte Nicolo seinen Vater ungläubig an.

„Nur, damit ich das richtig verstehe … Du willst in ein Weingut investieren?“

Cesare, der hinter dem schweren Mahagonischreibtisch saß, die Hände vor sich auf der Platte gefaltet, nickte. „Genau.“

„In das Antoninni-Weingut in Florenz, Italien.“

„In der Toskana, Nicolo. Die Toskana ist eine Provinz, und Florenz ist eine Stadt in der Provinz.“

„Erspare mir die Geografiestunde. Du investierst also in ein Weingut.“

„Noch habe ich keine definitive Zusage gegeben, aber ja, ich hoffe, in das Gut des Fürsten investieren zu können.“

„Ein Fürst.“ Nicolo lachte humorlos auf. „Klingt wie der Titel eines schlechten Theaterstücks – Der Fürst und der Don, Farce in zwei Akten.“

„Freut mich, dass dich das amüsiert“, lautete Cesares kühler Kommentar.

„Hast du ihm etwa ein Angebot gemacht, das er nicht ablehnen kann?“

Die Miene des don wurde hart. „Achte darauf, welchen Ton du mir gegenüber anschlägst.“

„Sonst?“ Nick stützte die Hände auf den Schreibtisch und beugte sich vor. „Ich habe keine Angst vor dir, alter Mann, schon seit Langem nicht mehr. Seit ich herausgefunden habe, was du bist.“

„Ebenso wenig zeigst du mir den Respekt, den ein Sohn seinem Vater schuldet.“

„Ich schulde dir gar nichts. Wenn du Respekt von mir erwartest, dann …“

„Wir vergeuden nur Zeit. Ich will deinen professionellen Rat.“

Nick verschränkte die Arme vor der Brust. „Soll heißen?“

„Soll heißen, ich will den wahren Wert dieser Weinberge wissen, bevor ich ein endgültiges Angebot mache. Du sollst sozusagen ein Gutachten für mich erstellen.“

Nick schüttelte den Kopf. „Ich bewerte Banken, Vater, keine Weintrauben.“

„Du bewertest Vermögensmasse. Das ist doch deine Aufgabe in dem Unternehmen, das du und deine Brüder leiten, oder?“

„Wie schön.“ Nick schenkte seinem Vater ein spöttisches Lächeln. „Ich meine, dass du bemerkt hast, wie unterschiedlich das Unternehmen deiner Söhne zu deinen Unternehmungen ist.“

„Ich bin Geschäftsmann.“ Cesare kniff die Augen zusammen, als Nick schnaubte. „Und du bist Experte für finanzielle Expertisen. Der Fürst bietet mir einen zehnprozentigen Anteil von fünf Millionen Euro. Ich will wissen, ob ich für diese Summe mehr bekommen sollte. Oder verliere ich alles, weil der Betrieb vielleicht in Schwierigkeiten steckt?“ Cesare nahm einen Umschlag auf. „Er hat mir Zahlen und Tabellen geschickt, aber woher soll ich wissen, was die heißen? Ich will deine Meinung dazu hören.“

„Schicke einen Buchhalter hin“, erwiderte Nick kühl. „Einen von den Typen, die deine Bücher frisieren.“

Cesare ignorierte den Seitenhieb. „Ich muss wissen, warum er mein Geld will. Er behauptet, er will ausbauen. Aber stimmt das? Seit fünfhundert Jahren ist das Gut im Familienbesitz, und plötzlich sucht er ausländische Investoren? Ich brauche Antworten, Nicolo, und wer sollte die besser finden können als mein eigen Fleisch und Blut?“

„Für ein ‚Tu’s für Dad‘ ist es ein wenig zu spät, meinst du nicht auch?“

Cesare erhob sich. „Du tust es nicht für mich, sondern für deine Mutter.“

Nick brach in lautes Gelächter aus. „Das ist gut! Wirklich einmalig! Als ob Mama in ein Weingut investieren wollte!“ Abrupt hörte er auf zu lachen. „Das funktioniert nicht. Wenn du dann also zu Ende bist mit …“

„Es gibt Dinge über deine Mutter und mich, die du nicht weißt, Nicolo.“

„Verdammt richtig. Es fängt damit an, dass ich nicht weiß, wieso sie dich überhaupt geheiratet hat.“

„Aus dem gleichen Grund, aus dem ich sie geheiratet habe.“ Cesares Stimme wurde weicher. „Aus Liebe. Sie und ich … wir sind durchgebrannt. Sie war mit dem reichsten Mann in unserem Dorf verlobt.“

Nick konnte seine Überraschung nicht kaschieren, und Cesare nickte.

„Dieser Mann ist der Vater von Rafes Frau. Chiaras Vater. Dein Bruder hat es erfahren, und er hat die Information für sich behalten, so wie es sich gehört. , Sofia und ich sind davongelaufen. In die Toskana.“

Nick versuchte immer noch zu verarbeiten, dass seine Mutter mit seinem Vater durchgebrannt war. „Wieso in die Toskana? Wenn ihr beide Sizilianer seid …“

„Die Toskana ist wunderschön, sanft und golden, nicht so rau und karg wie Sizilien. Es gibt Menschen, die sagen, dass die Toskana das Herz unserer Kultur ist.“ Der don zuckte mit den Schultern. „Wichtig ist nur, dass es der Traum der Mutter war.“

Die Neugier ließ sich nicht unterdrücken. „Warum seid ihr dann nach Amerika ausgewandert?“

Ein Zucken erschien in Cesares Augenwinkel. „Ich besaß nur die Fähigkeiten, die ich als Junge in Sizilien erlernt hatte. Fähigkeiten, die nur in Sizilien von Wert sind – und in diesem Land. Ich wollte deiner Mutter mehr bieten als ein Leben in Armut.“

Nick hechtete fast über den Schreibtisch. „Wie kannst du es wagen, meine Mutter als Entschuldigung für die Dinge, die du getan hast, vorzuschieben!“

„Ich habe getan, was ich getan habe“, erwiderte Cesare tonlos. „Es war meine Entscheidung, für die ich weder Entschuldigungen noch Rechtfertigungen suche. Aber wenn ich Sofia ein Stückchen toskanischer Erde schenken könnte … Das ist das Einzige, um was sie mich je gebeten hat.“

„Eine ergreifende Story.“ Aber war sie auch wahr? Das würde er nur herausfinden, wenn er seine Mutter fragte. Und das würde Nick nie tun. Eigentlich war es simpel. Cesare benutzte ihn … na und? Zwei Tage, mehr würde für die Sache nicht nötig sein. Die konnte er erübrigen. „Also gut, zwei Tage in der Toskana. Danach komme ich wieder zurück.“

Cesare hielt ihm den Umschlag entgegen. „Alles, was du brauchst, ist hier drin, Nicolo. Mille grazie.“

„Dank nicht mir, sondern deiner Frau.“ Nick nahm den Umschlag an sich, drehte sich auf dem Absatz um und marschierte hinaus.

„Zwei Tage, Alessia“, sagte Fürst Vittorio Antoninni. „Mehr verlange ich nicht.“

Alessia Antoninni ließ den Blick über die mondbeschienenen Weinberge wandern. Im Herbst nach der Lese schienen die Rebstöcke immer wie leblos. „Ich sagte doch schon, Papa, in Rom wartet Arbeit auf mich.“

„Arbeit“, schnaubte der Fürst abfällig. „So nennst du das, wenn du mit dem Jetset herumrennst?“

Alessia wandte ihrem Vater das Gesicht zu. Sie standen auf der Veranda an der Rückseite der jahrhundertealten Familienvilla. „Ich arbeite für eine Public Relations-Firma“, erwiderte sie ruhig. „Ich renne nicht herum, ich betreue Kunden.“

„Es wäre also überhaupt keine Anstrengung für dich, die Öffentlichkeitsarbeit für den eigenen Vater zu übernehmen.“

„Es ist keine Frage der Anstrengung, sondern der Zeit, und die habe ich nicht.“

„Vielleicht willst du ja nur einfach keine gute Tochter sein.“

Dazu fielen ihr mindestens hundert Erwiderungen ein, doch es war schon spät. Alessia beschloss, den Fehdehandschuh, den ihr Vater ihr hingeworfen hatte, nicht aufzuheben. „Du hättest dem Besuch dieses Amerikaners nicht zustimmen sollen, wenn du wusstest, dass du nicht hier sein wirst.“

„Wie oft muss ich dir das noch erklären? Es ist kurzfristig etwas dazwischengekommen, und es wäre sehr unhöflich, Signor Orsinis Besuch abzusagen.“

„Du meinst, es wäre gefährlich, einen Gangster zu enttäuschen.“

„Cesare Orsini ist Geschäftsmann. Glaubst du alles, was die Klatschpresse druckt?“

„Dein Personal kann sich um alles kümmern. Buchhalter, deine Sekretärin …“

„Und die Dinnerparty?“ Der Fürst hob eine Augenbraue. „Soll etwa die Haushälterin die Gastgeberin mimen?“

„Ich habe schon seit Jahren nicht mehr als deine Gastgeberin fungiert. Soll deine Mätresse das übernehmen. Hat sie doch schon öfter gemacht.“

„Signor Orsini stammt aus diesem Land.“

„Er stammt aus Sizilien“, korrigierte Alessia mit dem ganzen Hochmut einer toskanischen Aristokratin.

„Und Sizilianer legen Wert auf alte Traditionen. Von meiner Geliebten unterhalten zu werden könnte ihn beleidigen.“ Die Augen des Fürsten wurden kalt. „Hattest du erwartet, ich würde die Existenz meiner Geliebten verneinen? Du weißt um den Zustand deiner Mutter.“

Fassungslos starrte Alessia ihn an. „Meine Mutter ist in einem Sanatorium untergebracht!“

„In der Tat. In einem sehr teuren Sanatorium.“

Der Ton ihres Vaters jagte einen unguten Schauer über ihren Rücken. „Was willst du damit sagen?“

Der Fürst seufzte. „Ohne eine Kapitalspritze, so fürchte ich, werde ich eine schwere Wahl zu treffen haben. Hinsichtlich deiner Mutter und des Sanatoriums.“

Ihr Herz begann heftig zu pochen. „Es gibt keine Wahl. Es gibt nur das Sanatorium oder das allgemeine Krankenhaus.“

„Wie du sagst, meine Liebe. Da ist das eine oder das andere.“

Sie wusste, er meinte es ernst. Ihr Vater hatte kein Herz.

„Ich sehe die Verurteilung in deinen Augen, Tochter. Doch ich werde nicht so einfach aufgeben, was seit fünf Jahrhunderten unserer Familie gehört.“

„Das hättest du dir überlegen sollen, bevor du den Betrieb an den Rand des Ruins getrieben hast.“

Der Fürst wischte den Einwand mit einer ungeduldigen Geste der Hand fort. „Wirst du tun, um was ich dich gebeten habe?“

Hatte sie eine andere Wahl? „Zwei Tage. Mehr kann ich dir nicht geben.“

Grazie, bella mia.“

„Ein Erpresser bedankt sich nicht, Papa.“ Damit ging Alessia ins Haus zurück und in das Zimmer, das einst das ihre gewesen war.

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