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Sag mir leise, was du willst …

1. KAPITEL

„Vielen Dank für das Abendessen“, sagte Maya Blackstone, während sie den Schlüssel in das Schloss der Eingangstür zu ihrem Stadthaus im Zentrum von Sioux Falls steckte. Bevor sie sich zu Brad McKenzie umdrehte, öffnete sie die Tür einen Spalt.

Es war bereits dunkel, aber im gelblichen Schein der Verandaleuchte waren sein dunkelbraunes Haar, der Umriss seines muskulösen Körpers und sein gut geschnittenes Gesicht zu erkennen.

„Es war mir ein Vergnügen“, erwiderte er, schenkte ihr ein strahlendes Lächeln und strich ihr sanft über den bloßen Oberarm. „Willst du mich nicht hineinbitten?“

Die Berührung verursachte ihr eine Gänsehaut, doch seine Bitte kam keineswegs überraschend. Sie gingen nun seit fast einem Jahr miteinander aus. Brad war einer der nettesten Männer, mit denen sie sich je verabredet hatte. Es wäre nur natürlich, würde ihre Beziehung sich allmählich in eine intimere Richtung bewegen. Schon seit Monaten machte er entsprechende Andeutungen und drängte darauf.

Er war dabei weder aggressiv noch gab er ihr das Gefühl, unter Druck zu stehen, aber sie war schließlich nicht dumm und konnte die Zeichen deuten. Sie wusste, was all die Berührungen und scheinbar beiläufigen Zärtlichkeiten zu bedeuten hatten. Sie wusste auch, dass die meisten Paare nach so langer Zeit längst miteinander schliefen.

Es gab eigentlich keinen Grund, weshalb sie nicht mit Brad ins Bett gehen sollte. Er war sympathisch, freundlich, attraktiv und erfolgreich. Außerdem behandelte er sie wie eine Prinzessin und sie fühlte sich zu im hingezogen.

Wo also lag das Problem? Worauf wartete sie noch?

Maya holte tief Luft, ignorierte ihre vibrierenden Nerven und traf eine Entscheidung.

„Doch, gern.“ Sie öffnete die Tür, betrat den kleinen Flur und schaltete das Licht an. Nachdem sie ihre Handtasche auf der Bank an der Wand abgestellt hatte, ging sie in die Küche und überließ es Brad, die Tür zu schließen und ihr zu folgen. Er war schließlich schon oft genug in ihrem Haus gewesen, um sich auszukennen und sich daheim zu fühlen.

„Möchtest du etwas trinken?“, fragte sie, während sie den Kühlschrank aufmachte und das Angebot inspizierte. „Eistee oder Weißwein? Ich kann aber auch Kaffee kochen.“

Er stellte sich so dicht hinter sie, dass sie die Wärme seines Körpers spürte.

„Wein wäre toll“, murmelte er und nutzte die Gelegenheit, um ihr sanft über die Schultern zu streichen.

Maya unterdrückte den Impuls, seine Hände abzuschütteln, und holte eine bereits angebrochene Flasche Chardonnay aus dem obersten Kühlschrankfach. Sie beendete den Körperkontakt, indem sie einen Wandschrank öffnete und zwei Weingläser herausnahm, dann ging sie ins Wohnzimmer. Brad folgte ihr dicht auf den Fersen.

Sie setzten sich auf das einladende Sofa, Maya stellte die Gläser auf den Beistelltisch, zog den Korken aus der Flasche und schenkte ihnen ein. Sie reichte Brad ein Glas und kämpfte gegen das Bedürfnis an, von ihm abzurücken. Er hatte sich direkt neben sie gesetzt und drückte einen seiner Oberschenkel an ihren. Als er das Glas nahm, streifte seine Schulter wie unabsichtlich ihre.

Das ist lächerlich, schalt sie sich und fragte sich, wovor sie eigentlich so schreckliche Angst hatte. Warum war ihr seine Nähe so unangenehm?

Er nippte an seinem Wein, während sie ihren in einem Zug hinunterstürzte. Sie stellte das leere Glas auf den Tisch und wandte sich Brad lächelnd zu, dabei lehnte sie sich an ihn.

Er hob die Augenbrauen, zögerte einen Moment und legte ihr schließlich einen Arm um die Schultern. Sie konnte ihm seine Überraschung nicht verübeln, denn sie war für gewöhnlich nicht diejenige, die den ersten Schritt unternahm.

Für gewöhnlich? Das war eine extreme Untertreibung. Sie hatte noch nie den ersten Schritt gemacht und konnte kaum glauben, dass sie es jetzt tat.

Andererseits war ein Jahr schließlich lange genug. Sie wollte mit Brad zusammen sein. Sie wollte normal sein und eine normale Beziehung führen. Und wenn die Geschichte sich richtig entwickeln und das Verhältnis zwischen ihnen ernsthafter werden sollte, musste sie diese merkwürdigen Vorbehalte gegen Intimität und Nähe endlich ablegen.

Entschlossen legte sie den Kopf zurück und lud ihn damit wortlos ein, sie zu küssen. Er verschwendete keine Zeit und nahm die Einladung an.

Trotz ihrer Zweifel musste sie zugeben, dass er gut küsste. Seine Lippen waren warm und fest. Zärtlich streichelte er ihre Arme und ihren Rücken. Es fühlte sich gut an und sie gab sich der Hoffnung hin, dass es diesmal klappen würde.

Brad stöhnte auf und zog sie an sich. Sein Kuss wurde fordernder und sie konnte seine Erregung spüren.

Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen, doch leider hatte das nichts mit erotischen Anwandlungen zu tun, sondern die leichte Übelkeit war der Vorbote einer Panikattacke. Sämtliche Muskeln in ihrem Körper verspannten sich, sie bekam keine Luft mehr.

Verdammt! Sie schob Brad von sich und richtete sich auf.

Er blinzelte und schaute sie verwirrt an. Seine Brust hob und senkte sich unter heftigen Atemzügen.

„Es tut mir leid“, brachte sie mühsam heraus und rutschte ans andere Ende des Sofas.

Was war nur mit ihr los? Warum konnte sie sich nicht wie eine normale fünfundzwanzigjährige Frau verhalten und mit ihrem Freund schlafen? Woher kamen diese Zweifel und Vorbehalte, dieses Zögern?

Brad stieß frustriert den Atem aus und strich sich durchs Haar. „Ich weiß. Es tut dir leid, aber du kannst einfach nicht.“

In seiner Stimme lagen weder Zorn noch Vorwurf, was nur dazu beitrug, dass sie sich erbärmlich fühlte. Als er aufstand, erhob sie sich ebenfalls und folgte ihm an die Eingangstür.

„Es tut mir wirklich leid“, versicherte sie ihm schuldbewusst. Sie hatte keine Ahnung, was sie sonst sagen sollte, sie fand ja nicht einmal für sich selbst eine Erklärung für ihr absonderliches Verhalten.

Den Türgriff schon in der Hand verharrte er und suchte ihren Blick. Maya war sich ziemlich sicher, dass ihm eine boshafte Bemerkung auf der Zunge lag, doch seine braunen Augen wirkten so sanft und freundlich wie immer.

„Ich weiß, dass es dir leidtut. Mir geht es ebenso.“ Er strich ihr eine Haarsträhne hinters Ohr. „Ich habe dir gesagt, ich würde dich zu nichts drängen, Maya, und daran halte ich mich, auch wenn ich allmählich ein Experte für kalte Duschen werde.“ Er küsste sie auf die Wange, verließ ihr Haus und ging langsam zu seinem Wagen.

Sie beobachtete, wie er einstieg und davonfuhr, schloss die Tür und rammte den Kopf ein paar Mal an das Türblatt. Sie hatte sich selbst und diese ganze Angelegenheit so satt, wie mochte der arme Brad sich da erst fühlen, und sie wünschte, es gäbe irgendetwas, das sie gegen ihre Ängste unternehmen könnte. Gegen ihre Ängste und die Erinnerungen, die sie in Brads Nähe ständig in diesen Abwehrzustand versetzten.

Es war alles seine Schuld. Sie hatte ihren Stiefbruder seit Wochen nicht gesehen, dennoch schaffte Creed Fortune es wie eine Landplage, sie immer wieder heimzusuchen.

Schon damals, als sie auf den Familiensitz der Fortunes umgesiedelt waren, hatte Creed sich ihr gegenüber abweisend und kalt verhalten. Sie war noch ein kleines Mädchen gewesen, und ihre Mutter hatte die Stelle der Erzieherin für Nash Fortunes vier Kinder übernommen. Selbst nachdem Patricia und Nash sich ineinander verliebt und geheiratet hatten, wurde ihr Verhältnis zu Creed nicht besser, wohingegen sie mit den anderen Stiefgeschwistern ganz gut zurechtkam.

Mit Skylar, die nur ein Jahr älter war als sie, hatte sie sich schnell angefreundet. Sie beide hatten viel gemeinsam. Von Anfang an hatten sie einvernehmlich und friedlich miteinander gespielt.

Eliza war sechs Jahre älter als sie und hatte sich damals nicht besonders für ihre kleinen Geschwister interessiert, aber sie war immer nett und liebevoll zu ihr gewesen.

Und Blake, Skylars Bruder und Nash Fortunes Sohn aus seiner zweiten Ehe mit Trina Watters, hatte sich ihr gegenüber ebenfalls freundlich und offen verhalten.

Nur Case und Creed, die Söhne aus erster Ehe, hatten sie von Anfang an behandelt, als würde sie nicht zur Familie gehören. Sie waren beide einige Jahre älter als sie und entstammten wie Eliza der Verbindung zwischen Nash und seiner früh verstorbenen Jugendliebe Elizabeth. Die Jungen hatten sie geflissentlich ignoriert und dafür gesorgt, dass sie sich auf dem Anwesen der Fortunes niemals wirklich heimisch fühlte.

In dem großen Haus war sie sich immer verloren und fremd vorgekommen, obwohl so viele Menschen dort lebten, mit denen sie doch eigentlich verwandtschaftliche Beziehungen verbanden.

Ihr war unversehens die Rolle der ungeliebten Stiefschwester zugefallen. In ihrer stillen und zurückhaltenden Art hatte sie dem nichts entgegenzusetzen gehabt. Sie war einfach keine richtige Fortune, nur ein scheues, nicht weiter bemerkenswertes Mädchen, das eines Tages im Schlepptau der neuen Kinderfrau auftauchte. Obwohl sie nach der Heirat von Nash und Patricia zur Familie gehörte, bedeutete das noch lange nicht, dass eines der echten Fortune-Kinder sie leiden konnte.

Sie löste sich von der Tür und schleppte sich ins Wohnzimmer, um die Weingläser und die nahezu leere Flasche wegzuräumen. In der Küche stellte sie Brads Glas in die Spülmaschine und goss sich den Rest des Weins ein. Während sie beobachtete, wie die letzten Tropfen aus der Flasche liefen, überfiel sie die Erinnerung an ihre einsame Kindheit, und ihr Herz begann zu hämmern.

Trotz Creeds abweisender Haltung war sie verrückt genug gewesen, vom ersten Moment an eine kindliche Schwärmerei für ihn zu entwickeln. Er sah so unverschämt gut aus, war etliche Jahre älter als sie und wirkte überlegen und weltgewandt.

Daran hatte sich nichts geändert, doch sie hatte ihre Versuche längst aufgegeben, seine Zuneigung zu gewinnen, denn es wäre aussichtsreicher gewesen, die Aufmerksamkeit eines Zaunpfahls zu erregen.

Gleichgültig, wie oft sie hinter ihm hergeschlichen war oder ihm sehnsuchtsvolle Blicke zugeworfen hatte, Creed hatte sich niemals dazu herabgelassen, ihr auch nur die Uhrzeit zu nennen. Im Gegenteil, er wurde abweisend und distanziert.

Das war sehr demütigend. Und dass sie offenbar noch immer nicht über ihn hinweggekommen war, machte die Sache nur schlimmer.

War sie am Ende in Creed verliebt?

Das glaubte sie eigentlich nicht. Jedenfalls wollte sie es nicht sein.

Sie konnte ihn sich aber auch nicht aus dem Kopf schlagen. Creed schwirrte ständig irgendwo in ihren Gedanken herum, das trieb sie allmählich in den Wahnsinn. Sie war doch jetzt wirklich erwachsen genug, um zu erkennen, dass ihre lächerliche Schwärmerei von damals nur ein Fall von Heldenanbetung gewesen war. Leider hatte diese Heldenverehrung sich zu einer sehr ungesunden Art von Besessenheit entwickelt.

Das war ebenso hoffnungslos wie unnütz. Creed hatte noch nie Notiz von ihr genommen, betrachtete sie nicht als Mensch, geschweige denn als Frau, dennoch beeinflusste er ihr Verhalten, beeinträchtigte ihr Selbstbewusstsein und ihre Beziehung zu Brad.

Maya seufzte resigniert, schüttete den Wein in den Ausguss und stellte ihr Glas ebenfalls in die Spülmaschine. Wenn Creed jetzt vor mir stünde, würde ich ihm mit Vergnügen eine saftige Ohrfeige verpassen, dachte sie.

Da sie dringend eine heiße Dusche brauchte und mindestens acht Stunden Schlaf, ging sie zur Treppe, die ins Obergeschoss führte, dort hielt sie gedankenverloren inne.

Was sie nicht brauchte, waren diese ständigen Zweifel und die bohrende Frustration. Ihr Leben war ohnehin schon kompliziert genug. Anstatt über ihr Liebesleben nachzugrübeln, sollte sie sich lieber Sorgen um ihre Mutter machen.

Patricia war nun seit sechs Wochen spurlos verschwunden. Niemand hatte auch nur die geringste Ahnung, wo sie sein mochte oder was sie veranlasst hatte wegzulaufen. Sie wussten nur, dass sie eines Tages einfach nicht mehr da war.

Der arme Nash stand völlig neben sich. Er war unglücklich und verstört und konnte an nichts anderes denken als an seine Frau. Seine verzweifelten Versuche, sie zu finden, waren bisher ergebnislos geblieben.

Ihr erging es ähnlich. Sie konnte sich nicht vorstellen, was ihre Mutter vertrieben hatte. Zwar wirkte Patricia in den vergangenen Monaten abwesend und verwirrt, aber niemand hatte damit gerechnet, dass so etwas passieren könnte.

Das Verschwinden ihrer Mutter war der eigentliche Grund für die Verabredung mit Brad gewesen. Nash hatte private Ermittler engagiert, die Patricia aufspüren sollten, daher gab es für sie nichts zu tun, als zu warten und sich Sorgen zu machen. Der Gedanke an ihre Mutter hatte sie völlig beherrscht und es war ihr schwergefallen, ihrer Arbeit als Grundschullehrerin in angemessener Weise nachzukommen.

Da Brad verständnisvoll und einfühlsam war, begriff er, was sie gerade durchmachte. Er versuchte ihr zu helfen, indem er für Ablenkung sorgte, führte sie wiederholt zum Abendessen aus und begleitete sie zu kulturellen Veranstaltungen.

Das war ein Grund mehr, weshalb er ihr so viel bedeutete. Und ein Grund mehr, wütend darüber zu sein, dass sie nicht in der Lage war, den nächsten Schritt in ihrer Beziehung zu wagen.

Sie war fast auf halbem Weg die Treppe hinauf, als das Telefon klingelte. Maya machte auf dem Absatz kehrt und eilte in die Küche, da das Mobilteil dort lag.

„Hallo?“, meldete sie sich.

„Maya?“, erklang eine tiefe männliche Stimme am anderen Ende der Leitung. „Hier ist Creed.“

Das hatte sie bereits gewusst, als er ihren Namen aussprach. Sie hätte ihn immer und überall wiedererkannt. „Was willst du?“, fragte sie nicht gerade höflich, obwohl sie auch das schon wusste. Seit ihre Mutter verschwunden war, rief er in regelmäßigen Abständen an, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wieso er das tat. Es passt so gar nicht zu seinem ignoranten Verhalten in den vergangenen dreizehn Jahren.

„Ich wollte nur hören, wie es dir geht. Die Privatdetektive haben bis jetzt nichts über deine Mutter in Erfahrung gebracht, aber ich bin sicher, das ist nur eine Frage der Zeit.“

„Wie es mir geht?“, wiederholte sie ärgerlich. „Oh, super, Creed. Ganz hervorragend.“ Nervös begann sie, in der Küche auf und ab zu laufen. „Verdammt, es ist alles deine Schuld. Du hast mir jede Chance kaputtgemacht, eine normale Beziehung mit einem Mann zu führen. Geschweige denn, mit einem Mann zu schlafen. Du hast ein siebzehnjähriges Mädchen dafür verantwortlich gemacht, dass sie von ihrem Freund attackiert wurde. Und du hast mich als Flittchen bezeichnet. Deinetwegen kann ich nicht normal mit einem Mann umgehen. Du hast alles ruiniert. Und deshalb hasse ich dich!“

Sie gab ihm keine Gelegenheit zu einer Erwiderung und beendete ihre Tirade damit, dass sie einfach auflegte. Laut fluchend marschierte sie ins Schlafzimmer.

Es ging auf Mitternacht zu, und alle Fenster waren dunkel, aber das kümmerte Creed Fortune nicht. Mit entschlossenen Schritten stürmte er die Treppe zu Mayas Stadthaus hinauf und hämmerte mit der Faust an die Tür.

Zum Teufel mit der Klingel. Zum Teufel damit, dass sie sehr wahrscheinlich bereits tief und fest schlief. Er wollte mit ihr reden, und zwar jetzt sofort.

Wie kam sie dazu, ihm vorzuwerfen, er wäre schuld daran, dass sie nicht mit einem Mann ins Bett gehen konnte?

Auf der Highschool hatte sie keine Probleme damit gehabt, das andere Geschlecht wie magisch anzuziehen. Vor allem dann nicht, als ihre weichen weiblichen Formen sich entwickelt und ihre aparten halbindianischen Gesichtszüge sich ausgeprägt hatten. Das lange schwarze Haar und die großen schokoladenbraunen Augen taten ein Übriges, um die Jungen in Motten zu verwandeln, die sie wie eine verlockend strahlende Lichtquelle umschwärmten.

Er klopfte erneut, diesmal länger und lauter. Auf der anderen Straßenseite bellte ein Hund. Einen Augenblick danach ging im Haus das Licht an. Halb hoffte er, Maya würde nach einem Blick durch den Spion nicht öffnen, aber nur eine Sekunde später stand sie vor ihm, mit zerzaustem Haar, blinzelnd und in einem sehr kurzen Nachthemd.

Sie seufzte und lehnte sich an den Türrahmen. „Was willst du, Creed? Falls du es nicht bemerkt haben solltest, es ist mitten in der Nacht. Es gibt Menschen, die zu dieser Zeit schlafen möchten.“

„Wenigstens wissen wir, dass du allein schläfst“, erwiderte er ärgerlich.

„Fahr zur Hölle“, fauchte sie und machte Anstalten, ihm die Tür vor der Nase zuzuknallen.

Rasch stellte er einen Fuß dazwischen und verhinderte ihr Vorhaben.

„Nimm den Fuß aus der Tür, Creed. Geh jemand anderem auf die Nerven und lass mich zurück in mein Bett.“

Erneut versuchte sie, die Tür zu schließen, doch gegen seine Kräfte konnte sie wenig ausrichten. Er drückte das Türblatt auf, schob Maya einfach beiseite, drängte sich an ihr vorbei ins Haus, stieß mit einem Fuß die Tür zu und lehnte sich dagegen, wobei er die Arme verschränkte.

Maya verschränkte gleichfalls die Arme vor der Brust und trat ein paar Schritte zurück. „Gehört Hausfriedensbruch neuerdings zu deinen Hobbys?“

Er zuckte mit den Schultern und bemühte sich um einen möglichst unbewegten Gesichtsausdruck. Innerlich befand er sich jedoch in Aufruhr. Sein Herz hämmerte und eine heiße Welle des Verlangens durchflutete ihn. Verdammt, warum musste Maya so hinreißend schön sein? Sie war seine Stiefschwester, um Himmels willen, zwar nicht blutsverwandt, aber durch die Heirat seines Vaters und ihrer Mutter immerhin familiär verbunden.

Wie man es auch betrachtete, sie war eine verbotene Frucht und es war sinnlos, sich nach ihr zu verzehren.

Trotzdem tat er das, seit sie die Pubertät hinter sich hatte. Er war zehn Jahre älter als sie und sollte eigentlich die Rolle des großen Bruders übernehmen, gegen sein Begehren schien jedoch kein Kraut gewachsen.

Wieder einmal ertappte er sich bei dem Wunsch, Maya wäre noch das tollpatschige kleine Mädchen, das ihm hinterherlief und die Augen voller Bewunderung aufriss. Aber nein, das hässliche Entlein hatte sich in einen atemberaubend schönen Schwan verwandelt.

Er schob diese müßigen Gedanken beiseite und stieß sich von der Tür ab. „Wenn es sich nicht vermeiden lässt“, beantwortete er ihre Frage und trat näher.

„Was tust du, Creed?“, fragte sie und wich vor ihm zurück, bis sie mit dem Rücken an der Wand lehnte. „Warum bist du gekommen?“

Er blickte ihr unverwandt in die Augen. „Ist dafür ein Grund nötig?“

„Ja, allerdings. Falls du etwas über meine Mutter erfahren hast, dann sag es mir und verschwinde. Falls nicht, verschwinde sofort.“

Sie standen sich reglos gegenüber. Creed verzog die Mundwinkel zu einem freudlosen Lächeln. Maya war neuerdings recht gut darin, ihn zu beschimpfen und hinauszuwerfen. Auch in dieser Hinsicht hatte sie sich sehr verändert. Das unscheinbare scheue Mädchen gehörte wohl endgültig der Vergangenheit an.

„Nein, ich weiß nichts Neues über deine Mutter. Die Privatdetektive arbeiten aber pausenlos an diesem Fall. Ich bin wegen deiner Bemerkung am Telefon hier.“

Maya senkte den Blick. Ihre hohen Wangenknochen waren plötzlich von einer feinen Röte überzogen.

„Ich soll deine Beziehung zu Männern ruiniert haben?“, fragte er. „Was willst du damit sagen?“

Unbehaglich trat sie von einem Fuß auf den anderen. „Nichts“, antwortete sie leise. „Ich will gar nichts damit sagen. Es hat nichts zu bedeuten. Ich war nur müde und habe mir Sorgen um meine Mutter gemacht. Ich habe einfach drauflosgeredet, ohne darüber nachzudenken.“

Netter Versuch, dachte er, aber er kaufte ihr das nicht ab und machte einen weiteren Schritt auf sie zu. „Ich denke, es soll heißen, dass McKenzie nicht auf seine Kosten gekommen ist, oder? Seit einem Jahr hängt er nun schon an deinem Rockzipfel und bekommt keine Belohnung für seine Mühe. Er kann einem fast leidtun.“

Sie hob das Kinn und straffte die Schultern. „Vielleicht schlafe ich nicht mit Brad. Vielleicht kommt er nicht auf seine Kosten, wie du es ausdrückst, aber er ist wenigstens ein Gentleman. Er würde niemals zu nachtschlafender Zeit in mein Haus eindringen und mich so bedrängen, wie du es tust. Und er würde mich niemals ein Flittchen nennen oder dafür sorgen, dass ich mir so vorkomme, nur weil mich ein Junge dazu überredet hat, in sein Auto zu steigen, um dann über mich herzufallen. Ich war damals siebzehn Jahre alt, Creed. Wie konntest du mir das antun?“

Jetzt war es an ihm, sich unbehaglich zu fühlen, aber er ließ es sich nicht anmerken. Er erinnerte sich an jene Nacht, als wäre es gestern gewesen. Er war sozusagen über Maya und ihren damaligen Freund gestolpert. Allerdings hatte er niemals herausgefunden, ob er wirklich ihr Freund war. Es handelte sich jedenfalls um einen der Jungen, mit denen Maya in jenem Sommer herumzuhängen pflegte. Er war zufällig an diesem auf Hochglanz polierten Sportwagen vorbeigekommen und hatte die verräterischen Schwankungen der Karosserie bemerkt. Es hatte eine Weile gedauert, bis er begriff, dass Mayas Schreie, die aus dem Inneren des Wagens zu ihm drangen, keinesfalls auf sexuelle Ekstase zurückzuführen waren. Maya schrie, weil sie Angst hatte und in höchster Not war.

Er erinnerte sich auch noch gut an seinen weißglühenden Zorn, als er die Fahrertür aufriss und den Kerl beim Kragen packte. Es handelte sich um einen der Stars der Footballmannschaft der Highschool. Der Bursche konnte froh sein, dass er mit ein paar Schrammen und Schürfwunden davongekommen war, denn er hatte damals ernstlich erwogen, den kleinen Bastard umzubringen.

Natürlich hatte er es nicht getan, sondern dem Jungen nur eine Abreibung verpasst, die der nicht so schnell vergessen haben dürfte. Danach hatte er Maya nach Hause gefahren und ihr auf dem langen Heimweg ernsthafte Vorhaltungen gemacht.

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