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Sag mir die Wahrheit, Debbie

1. KAPITEL

„He, Mom, Rick Howard hat schon wieder einen Home Run gelandet. Ich wette, er bricht heute seinen eigenen Rekord.“

Debbie Brenner betrat das Wohnzimmer, wo ihr zehnjähriger Sohn Nick auf dem Sofa lag und gespannt das Baseballspiel der New York Yankees verfolgte.

„Und ich wette, Nicholas Brenner wird sämtliche Rekorde in der Little League brechen.“

Er grinste breit. „Das glaube ich auch.“

Seine Miene verfinsterte sich, als sie sich mit dem Fieberthermometer über ihn beugte. „Mund auf, mein Junge.“

Als sein Baseballheld zu neuer Höchstleistung auflief, nuschelte er: „Wenn wir in New York wohnen würden, könnten wir Rick Howard spielen sehen.“

„Falls es dir noch nicht aufgefallen ist – du siehst ihn gerade spielen, hier in unserem Wohnzimmer, dank moderner Technik.“ Nick murmelte etwas Unverständliches. „Mund zu, sonst müssen wir noch mal von vorn anfangen.“

Er verdrehte die Augen und sah zum Fernseher. Das Thermometer piepte, und Debbie las den Wert ab. „Normal. Das ist jetzt schon der zweite Tag.“

„Cool. Meinst du, Dr. Sanders lässt mich wieder trainieren? Es ist eine Ewigkeit her, dass ich gespielt habe.“

„Genau einen Monat“, korrigierte sie. „Ich bin sicher, dass er sein Okay gibt, sobald die Ergebnisse der Tests da sind.“

In der letzten Aprilwoche hatte Nick sich eine Grippe eingefangen und war die Krankheit nicht so schnell losgeworden wie sonst. Der Hausarzt konnte sich das anhaltende Fieber und die Mattigkeit seines kleinen Patienten nicht erklären und hatte schließlich eine umfangreiche Blutuntersuchung angeordnet.

„Wann denn?“, jammerte er. „Ich hab keine Lust, hier rumzuliegen.“

„Heute, spätestens morgen.“ Als sie sah, wie sich seine Mundwinkel noch weiter nach unten bogen, fügte sie rasch hinzu: „Möchtest du ein Eis? Ich habe dir extra Baseball Nut gekauft.“

Nick warf eins der Kissen zu Boden. „Nein.“

„Komm, Nick, deine Lieblingssorte. Und du hast kaum zu Mittag gegessen.“

„Ich hab keinen Hunger.“

„Wollen wir eine Partie Schach spielen, bevor ich zur Arbeit muss?“

„Du hast doch heute frei.“

„Lauris Kinder sind nachher beim Schwimmturnier, und ich habe versprochen, sie um vier abzulösen.“ Seit Nick krank geworden war, hatte ihre Geschäftspartnerin Lauri Gold oft für sie einspringen müssen und den gemeinsamen Blumenladen Buds and Blossoms meistens allein geführt. Nun war Debbie froh, ihr mal einen Gefallen tun zu können. Für die zwei Stunden, die sie weg sein würde, wollte sie Nick zu ihren Eltern bringen. „Also, was ist?“

„Du bist nicht so gut“, maulte Nick. „Die letzten vier Male habe ich dich haushoch geschlagen.“

Geduld, ermahnte sie sich. „He, niemand schlägt Debbie Brenner fünf Mal hintereinander!“

Sie beschloss, seine Grimasse für ein Lächeln zu halten, und holte das Schachspiel. Als sie die Figuren aufstellten, klingelte das Telefon.

„Bin gleich wieder da.“ Sie ging in die Küche und nahm den Hörer ab.

„Praxis Dr. Sanders, Kelly am Apparat“, meldete sich eine helle Frauenstimme. „Mrs. Brenner, der Doktor bittet Sie vorbeizukommen, um mit Ihnen die Ergebnisse von Nicks Blutuntersuchungen zu besprechen.“

Vorbeikommen? Wegen eines Routinetests? Bei Debbie läuteten die Alarmglocken Sturm. „Ich muss gleich zur Arbeit. Geht es nicht telefonisch?“

„Ich, also … ich weiß nicht. Er hat gesagt, ich solle Sie herbitten. Wenn Sie in einer halben Stunde hier sind, kann er Sie dazwischenschieben.“

„Gut, ich komme.“ Ihre Hand bebte, als sie den Hörer auflegte. Es musste etwas Ernstes sein, wenn Dr. Sanders sie persönlich sehen wollte.

Oder auch nicht, versuchte sie sich zu beruhigen. Vielleicht litt Nick unter Vitaminmangel, oder er hatte nicht genug Eisen. Dr. Sanders legte eben großen Wert auf persönlichen Kontakt zu seinen Patienten. Vor allem um die Kinder kümmerte er sich immer sehr aufmerksam. Als Nick nach Deans Tod vor drei Jahren ständig Albträume gehabt hatte, hatte der Arzt sich häufig die Zeit genommen, mit dem Jungen über seine Ängste und seinen Kummer nach dem Verlust des Vaters zu reden.

Kein Grund zur Sorge, sagte sie sich, ehe sie ins Wohnzimmer zurückkehrte. Trotzdem blieb ein mulmiges Gefühl in der Magengrube.

Nick spielte mit den Schachfiguren, setzte sie in verschiedene Positionen zueinander. Debbie wollte ihn mit ihrer Unruhe nicht anstecken und setzte ein strahlendes Lächeln auf. „Ich muss leider jetzt schon weg. Nimm das Spiel mit, du kannst mit Grandpa spielen. Der freut sich bestimmt.“

„Ich will nicht zu Grandma und Grandpa. Warum darf ich denn nicht zu Hause bleiben?“

„Ich könnte Angela anrufen und fragen, ob sie herkommt.“

Nick sah sie trotzig an. „Ich brauche keinen Babysitter! Ich kann allein auf mich aufpassen.“

„Nicht drei Stunden lang.“

„Dad hätte mich gelassen.“

Das tat weh. Debbie schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter und zählte bis zehn. Seit Nick krank war, hatte er ständig seine Grenzen ausgetestet und ihre Geduld auf eine harte Probe gestellt. „Treib es nicht zu weit, junger Mann. Dad ist nicht mehr da, und du brauchst dir nicht auszudenken, was er gesagt haben könnte. Nimm das Schachspiel, und dann komm.“

Widerstrebend schlurfte Nick hinter ihr her zur Tür. Sie setzte ihn bei ihren Eltern ab und fuhr weiter zur Praxis.

Das Wartezimmer war gut gefüllt, aber die Sprechstundenhilfe brachte Debbie ohne längere Wartezeit zu Dr. Sanders.

Debbie hätte den Weg auch allein gefunden. Sie kannte den Arzt seit ihrer Kindheit. Als sie sein Zimmer betrat, stand der Arzt auf und schüttelte ihr die Hand. Sonst begann er ihre Unterhaltung stets mit einem flotten Spruch, aber heute blieb er ernst. Der Druck in ihrem Magen wuchs.

„Das Labor hat uns Nicks Blutwerte geschickt“, sagte er, nachdem er sich wieder gesetzt hatte.

Debbie schluckte. „Stimmt etwas nicht?“

Nun beugte er sich vor. „In Nicks Blut wurde eine stark erhöhte Konzentration weißer Blutkörperchen gefunden“, sagte er behutsam.

„Heißt das … er hat eine Infektion? Oder …?“

„Debbie, ich möchte es Ihnen schonend beibringen, aber ich weiß nicht, wie. Nicholas hat Leukämie.“

„Leukämie“, brachte sie gepresst hervor. Flüsternd fuhr sie fort: „Nick wird … Muss er … muss er sterben?“

Dr. Sanders schüttelte den Kopf. „Nein, heutzutage bedeutet Leukämie nicht mehr zwangsläufig ein Todesurteil. Die meisten Kinder überleben. Doch er muss behandelt werden.“

Sie klammerte sich an den Gedanken, dass eine Therapie möglich war. „Wann können wir damit anfangen?“

„Ich muss ihn an ein Krebszentrum überweisen. Das Gaines Memorial Hospital in Houston liegt am nächsten, und glücklicherweise zählt es zu den drei besten im ganzen Land. Ich habe bereits angerufen, um die Aufnahmeformalitäten zu klären.“

Houston. Weit weg von ihrer Familie, ihren Freunden. Doch das war nebensächlich, wenn sie Nick dort helfen konnten. „Haben sie schon einen Termin für uns?“

„Ja, man erwartet Sie beide in drei Tagen.“

So schnell schon. „Ist Nick …“ Ihr versagte die Stimme, und sie konnte nur noch flüstern: „Wie schlimm ist sein Zustand?“

„Er befindet sich nicht in akuter Lebensgefahr, aber wir sollten lieber heute als morgen mit der Behandlung beginnen.“

Seine ruhige Stimme half ihr, nicht in Panik zu geraten. „Zu welchem Arzt gehen wir?“

„Das Krankenhaus hat mir einige seiner Spezialisten genannt. Wenn Sie möchten, kümmere ich mich darum und empfehle Ihnen einen.“

„Sie werden sicher den Besten heraussuchen.“

„Möchten Sie, dass ich es Nicholas sage?“, fragte er sanft.

Darüber hatte sie noch gar nicht nachgedacht. „Nein, das mache ich schon“, antwortete sie nach kurzem Schweigen. „Aber könnten Sie danach … morgen vielleicht … mit ihm sprechen und ihm die … Krankheit erklären?“

„Selbstverständlich.“ Er sah sie an. „Sie sind eine starke Frau, Debbie. Aber Ihr Sohn besitzt diese Stärke auch, er ist ein tapferer kleiner Kerl. Was jetzt auf Sie beide zukommt, wird Sie viel Kraft kosten, aber ich bin sicher, dass Sie beide damit fertig werden.“

„Danke.“ Debbie stand auf, ging mit zittrigen Beinen zur Tür und verließ die Praxis.

Eine halbe Stunde später saß Debbie im Wohnzimmer ihrer Eltern neben Nick und hielt seine Hand. „Dr. Sanders hat herausgefunden, warum du immer so müde bist“, sagte sie mit bemüht ruhiger Stimme. „Du hast eine Krankheit namens Leukämie.“

Mit ihren Eltern hatte sie bereits gesprochen. Sie waren entsetzt gewesen, hatten sich aber sehr zusammengenommen. Nick sah sie mit großen Augen an, und sie spürte am Druck seiner Finger, dass er Angst hatte. Doch er überraschte sie, als er sagte: „Ich bin froh, dass ich jetzt weiß, was mit mir nicht stimmt.“

Debbie drängte die Tränen zurück. „Die Ärzte, die dir helfen können, sind in Houston.“ Sie mochte gar nicht daran denken, dass er seine Freunde und alles Vertraute verlassen musste.

Nick straffte die Schultern. „Okay, wenn sie mich gesund machen, muss ich da wohl hin.“ Er grinste. „Können wir zu den Astros gehen?“ Die Houston Astros waren seine zweite Lieblingsmannschaft, gleich nach den Yankees.

„Natürlich. In Houston kann man viel unternehmen. Wir machen ein Abenteuer draus.“

„Ich komme mit euch nach Houston“, bot Lydia Roseman an, aber Debbie schüttelte den Kopf und umarmte ihre Mutter.

„Danke, das ist lieb von dir, aber du solltest hier bei Dad bleiben.“ Ihr Vater protestierte sofort, er käme auch gut allein zurecht, doch Debbie ließ sich nicht umstimmen.

„Wenn Nick … wenn ich dich brauche, dann kommst du, ja?“ Damit waren sie einverstanden.

„Ich muss jetzt Lauri anrufen und mit ihr eine Lösung finden für die Zeit, in der ich nicht da bin.“ Das Telefongespräch dauerte nicht lange. Lauri zeigte tiefes Mitgefühl und war sofort bereit, vorübergehend eine Aushilfskraft einzustellen, bis Debbie wieder zurück wäre.

Beim Abendessen sprach ihr Vater das Tischgebet und schloss die Bitte um Nicks Gesundheit mit ein. Er war Rabbiner in der einzigen Synagoge hier in Valerosa, und die vertrauten hebräischen Worte und die tiefe, sonore Stimme ihres Vaters beruhigten Debbie ein wenig. Zum ersten Mal wich die Kälte von ihr, die sie seit ihrem Gespräch mit Dr. Sanders im ganzen Körper gespürt hatte.

Trotzdem konnte sie in dieser Nacht nicht schlafen. Sie wünschte, Dean wäre bei ihr. In den acht Jahren ihrer Ehe war er immer wie ein Fels in der Brandung für sie gewesen, ein wundervoller Ehemann und Vater. Vor drei Jahren hatte ein betrunkener Autofahrer seinen Wagen frontal gerammt, und kurz darauf war Dean im Krankenhaus gestorben.

„Bitte, nimm mir nicht auch noch Nick“, flüsterte sie in die Dunkelheit.

Am nächsten Morgen hatte Nick erneut Fieber bekommen, und Debbie ließ sich einen schnellen Termin bei Dr. Sanders geben. Nachdem dieser den Jungen ausgiebig untersucht hatte, wandte er sich an Debbie.

„Ich habe noch einmal mit der Klinik telefoniert. Wegen des Spezialisten.“

„Haben Sie einen Arzt für uns gefunden?“

„Ja. Er ist im Vergleich zu mir noch jung, aber er besitzt einen ausgezeichneten Ruf.“

„Das ist gut. Wie heißt er?“

„Berger. Dr. Kent Berger.“

„Berg…“ Unwillkürlich verschluckte sie sich und musste husten. „W…Wer?“

„Kent Berger. Ausnahmslos jeder, mit dem ich gesprochen habe, hat mir versichert, dass er der Beste ist. Ich gebe Nick in fähige Hände.“

Debbie unterdrückte ein hysterisches Lachen. Kent Berger. Diesen Namen hatte sie tief in ihrem Herzen vergraben und sich in elf Jahren nicht ein einziges Mal gestattet, von ihm zu sprechen oder an ihn zu denken.

Der Arzt musterte sie eindringlich. „Stimmt etwas nicht?“

Rasch schüttelte sie den Kopf. „Ich … also, ich dachte, Sie hätten mehrere Fachärzte zur Auswahl.“

„Sie haben nach dem Besten gefragt.“ Er sah ihr ins Gesicht und dann auf ihre bebenden Hände. „Debbie, wenn Sie irgendwelche Vorbehalte haben, sagen Sie es ruhig, und wir suchen jemand anders.“

„N…nein“, brachte sie heraus. „Der Name kam mir vertraut vor, aber ich … ich glaube, ich habe mich geirrt.“ Sie presste die Handflächen aneinander und bemühte sich, ruhig zu atmen.

Natürlich war ihr der Name vertraut. Kent Berger. Schließlich kannte sie den Mann sehr gut … er war Nicks leiblicher Vater.

Viele Jahre waren vergangen, seit sie ihn das letzte Mal getroffen hatte. Und ausgerechnet jetzt sollte sie ihn wiedersehen. Das Timing war denkbar schlecht.

Dr. Sanders griff nach einem Blatt Papier und gab es ihr. „Catherine Garland ist Krankenschwester und die Assistentin von Dr. Berger. Sie bittet Sie, bei ihr anzurufen.“

Debbie starrte ins Leere und machte keine Anstalten, sich zu bewegen.

Der Hausarzt blickte sie besorgt an. „Debbie, ist alles in Ordnung? Möchten Sie ein Glas Wasser?“

„Nein, ich … ich bin okay. Nur ein bisschen gestresst.“ Sie nahm das Blatt mit der Telefonnummer und steckte es in ihre Handtasche. Mühsam riss sie sich zusammen und reichte dem Arzt die Hand. „Vielen Dank für alles.“

Er legte den Arm um sie und brachte sie zur Tür. „Dr. Berger wird mich auf dem Laufenden halten, aber wenn Sie Fragen haben oder einfach reden wollen, melden Sie sich.“

„Danke.“

Auf dem Heimweg wunderte sie sich, dass sie überhaupt den Wagen lenken konnte. Ihre Hände bebten noch immer. Kent Berger … Kent Berger …

Sie erinnerte sich, wie sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Es war Sommer, und sie jobbte in einer Ferienanlage außerhalb von Valerosa als Rettungsschwimmerin. An einem strahlenden Junimorgen sah sie einen Mann die Leiter zum Sprungturm hinaufklettern. Die Morgensonne zauberte rötliche Glanzlichter in sein dunkelbraunes Haar, und sie blickte gebannt auf seinen durchtrainierten Körper.

Anscheinend hatte er gemerkt, dass sie ihn anstarrte, denn er drehte den Kopf. Ihre Blicke trafen sich, und plötzlich verblasste alles um sie herum. Debbie nahm nur noch diese dunklen Augen und das heftige Pochen ihres Herzens wahr.

Dann lächelte er, und ihre Lippen prickelten plötzlich, als hätte sein Mund den ihren berührt. Ohne zu merken, was sie tat, hob sie die Hand und strich mit dem Zeigefinger darüber. Der Fremde sah ihr noch einmal tief in die Augen und setzte dann seinen Weg die Leiter hinauf fort.

Debbie sah, wie er das Brett entlangging, und vergaß zu atmen, als er sich abstieß und mit einem perfekten Kopfsprung ins Wasser tauchte. Gleich darauf kam er wieder an die Oberfläche, schwamm zum Beckenrand und stemmte sich aus dem Pool. Mit einer lässigen Kopfbewegung schleuderte er die Wassertropfen aus dem Haar, sah zu ihr herüber und lächelte ihr zu! Debbie durchströmte eine Wärme, die mit der Junisonne nichts zu tun hatte.

In diesem Moment sah sie einen kleinen Jungen auf den tiefen Bereich des Schwimmbeckens zulaufen.

Noch bevor Debbie aufgesprungen war, war der Mann schon bei dem Kind und hielt es fest. Zunächst schaute der Junge den fremden Mann verängstigt an, doch dann sagte dieser etwas zu dem Kind, und es fing an zu grinsen. Er nahm es an die Hand, um es zu seiner Mutter zu bringen. Es war ein so natürliches Bild gewesen. Später erfuhr Debbie, dass er Kinderarzt war …

Debbie bremste plötzlich scharf vor einer roten Ampel ab. Der Kent Berger, den sie gekannt hatte, war nicht Krebsspezialist in Houston, sondern Kinderarzt in Chicago gewesen. Es musste jemand anders sein. Die Ampel sprang auf Grün, und Debbie fuhr erleichtert an.

Zu Hause rief sie sofort Catherine Garland an.

Schon als sie ihre Stimme hörte, fühlte sie sich gut aufgehoben. Freundlich erklärte Catherine ihr, dass sie möglicherweise einige Monate in Houston bleiben müssten. „Um eine Unterbringung brauchen Sie sich nicht zu sorgen, Mrs. Brenner. Die Klinik unterhält ganz in der Nähe ein Apartmentgebäude für die Familien.“

„Dann muss mein Sohn nicht im Krankenhaus bleiben?“

„Ein paar Tage vielleicht. Kommen Sie erst einmal zu uns, damit wir Nick gründlich untersuchen können. Wir wollen möglichst ambulant behandeln, weil wir größere Heilungschancen sehen, wenn die Patienten ihr Leben so normal wie möglich weiterführen.“

„Das ist gut.“ Nick würde begeistert sein, wenn er tatsächlich zu einem Baseballspiel der Astros gehen könnte. „Was ist mit Dr. Berger? Wann wird er sich Nick ansehen?“

„Sobald die Tests abgeschlossen sind.“

Obwohl sie überzeugt war, dass es ein anderer Kent Berger war, musste sie nachfragen. „Erzählen Sie mir ein bisschen von ihm“, bat sie.

„Er ist einfach großartig, und das sage ich nicht nur, weil ich für ihn arbeite. Das würde Ihnen jeder andere auch bestätigen. Er ist wirklich der Beste.“

„Aber wie geht er mit Kindern um? Mein Sohn hat sein Leben lang nur einen Arzt gehabt.“

„Dr. Berger wird sich bestimmt schnell mit ihm anfreunden. Er war Kinderarzt, ehe er sich auf Krebserkrankungen bei jungen Patienten spezialisiert hat.“

„Wo denn?“ Debbie hielt gespannt den Atem an.

„In Chicago.“

Ihr Herz setzte einen Schlag aus.

Sie bedankte sich bei Catherine und unterbrach die Verbindung gerade noch rechtzeitig, bevor ihr das Telefon aus den zitternden Händen rutschte und auf den Boden fiel.

„Was war das?“, rief Nick aus dem Wohnzimmer.

„Nichts.“ Sie bückte sich und hob das Gerät auf. „Ist doch egal, ob er es ist“, murmelte sie vor sich hin. Hauptsache, er konnte Nick helfen.

Debbie ging in ihr Arbeitszimmer, setzte sich an den PC und gab Kents Namen in die Suchmaschine ein. Nie hätte sie geglaubt, dass sie so etwas jemals tun würde. Schon vor Jahren hatte sie ihn aus ihrem Gedächtnis verbannt. Sie hatte nicht wissen wollen, wo er war und was er tat. Auf einmal war es wichtig geworden.

Etliche Fachartikel unter seinem Namen erschienen auf dem Bildschirm. Die Suchergebnisse verrieten außerdem, dass er Seminare veranstaltet und zahlreiche Interviews gegeben hatte. Wie es aussah, gehörte er landesweit zu den Topspezialisten auf dem Gebiet der Leukämie bei Kindern.

Also spielte es keine Rolle mehr, dass sie ihn einmal gekannt hatte. Dass sie geglaubt hatte, den Rest ihres Lebens mit ihm zu verbringen. Es war sogar nebensächlich geworden, dass er sie wegen ihrer gemeinsamen Zukunft belogen hatte. Sie musste die Kraft aufbringen, ihn wiederzusehen. Denn jetzt zählte nur noch, dass er Nick gesund machen würde.

Wahrscheinlich würde er sich nicht einmal an sie erinnern. Für ihn war sie nur ein kurzer Zeitvertreib gewesen, mehr nicht. Die Liebesaffäre, die ihr Leben veränderte, hatte ihm nicht das Geringste bedeutet. Er wusste ja nicht mal um die Folge jenes Sommers – Nick.

Sollte sie es ihm sagen?

Nein! Wenn er herausfand, dass Nick sein Sohn war, würde er die Behandlung bestimmt einem Kollegen überlassen. Jemandem, der vielleicht nicht so fähig war wie er. Hier ging es nicht um Kent, hier ging es um Nick. Und da Nicks Leben auf dem Spiel stand, würde sie kein Risiko eingehen.

Kent Berger mochte Nick gezeugt haben, aber er war ihm nie ein Vater gewesen. Das konnte er jetzt wiedergutmachen. Er würde dem Sohn, von dem er nie erfahren hatte, das Leben retten.

Zwei Tage später saß Debbie in einem Zimmer des Gaines Memorial Hospitals und betrachtete ihren schlafenden Sohn. Die Flugreise nach Houston und die ersten Untersuchungen am Morgen hatten ihn stark mitgenommen, und er war eingeschlafen, kaum dass er im Bett lag.

Debbie hasste Krankenhäuser. Aber sie hatte sich vorgenommen, das Gaines Memorial als eine Art Gefechtsstation im Kampf gegen Nicks Krankheit zu betrachten. Sie würde sich nicht deprimieren lassen und dafür sorgen, dass Nick auch den Mut nicht verlor. Allerdings musste sie zugeben, dass die Atmosphäre, obwohl hier todkranke Kinder behandelt wurden, erstaunlich hell und freundlich war.

Sie sah auf die Uhr. Es würde noch eine Weile dauern, bis der Arzt kam. In Gedanken war er für sie nur der Arzt oder einfach Dr. Berger, ohne einen Vornamen. Nichts Persönliches. Nicht an die Sommernächte in seinen Armen denken, nicht daran, wie seine Lippen schmeckten, nicht an seine warme, glatte Haut …

Abrupt erhob sie sich und ging auf und ab. Natürlich war sie unruhig. Heute oder spätestens morgen würde sich entscheiden, wie Nicks Zukunft aussah.

Ihr blieb genug Zeit, um zu Hause anzurufen. Nach einem Blick auf ihren Sohn verließ sie leise das Zimmer, fand am Ende des Flurs ein Telefon und unterrichtete ihre Eltern darüber, dass sie gut angekommen waren.

Als sie nach einer Viertelstunde zu Nicks Zimmer zurückkehrte, ging dort schwungvoll die Tür auf, und eine Krankenschwester kam herausgelaufen. Debbie bekam es mit der Angst zu tun. War etwas passiert? Sie eilte hinein, hielt aber an der Schwelle inne, als sie eine schmerzlich vertraute Stimme hörte.

Er saß am Bett und unterhielt sich mit Nick. Sie sprachen über Baseball, und der Junge hing förmlich an seinen Lippen.

Das weiße Hemd betonte die sonnengebräunte Haut des Arztes. Seine Schultern wirkten breiter, als sie sie in Erinnerung hatte, und seine Brust kräftiger. Seine Hand lag auf der Bettkante, braungebrannt mit schlanken Fingern. Debbie verdrängte den Gedanken, wie sie sich auf ihrer nackten Haut angefühlt hatte …

Er hatte sich nicht verändert. Und, großer Gott, ihr war nie aufgefallen, wie ähnlich Nick ihm sah. Die Gesichtsform, die Art, wie er den Kopf beim Zuhören neigte, selbst das leichte Lächeln. Sie hatte es nicht sehen wollen. Würde er es bemerken?

Oh, bitte nicht, bat sie stumm.

Sie musste einen Laut ausgestoßen haben, denn plötzlich sah er auf.

Zum ersten Mal seit elf Jahren blickte sie wieder in seine dunklen Augen.

2. KAPITEL

Er hat mich nicht erkannt, schoss es ihr durch den Kopf.

Freundlich sah er ihr entgegen, aber das war auch alles.

Warum hatte sie gedacht, er würde sich an sie erinnern? Wieso glaubte sie, sie hätte ihm so viel bedeutet, dass sie ihm im Gedächtnis bleiben würde? Stolz straffte Debbie die Schultern und betrat das Zimmer. Mit ihrem Zorn, ihrer Enttäuschung musste sie später fertig werden.

Als sie näher kam, stand Kent auf und streckte ihr lächelnd die Hand entgegen. „Mrs. Bren…“

Er erstarrte, warf einen Blick auf die Patientenkarte und sah wieder auf. „Debbie Brenner … Debbie Roseman?“

Ihr Herz klopfte wie wild. Er erinnerte sich doch. Debbie nickte stumm.

„Du … du trägst die Haare kürzer“, brachte er stockend hervor. Leichte Röte stieg ihm ins Gesicht. Schließlich hielt er ihr zögernd seine Hand hin, die sie widerstrebend ergriff.

Nick … ihr gemeinsamer Sohn … schaute fragend zu ihnen auf. „Kennt ihr euch etwa?“

„Es ist ein paar Jahre her“, sagte Debbie gelassen, obwohl ihr ganz anders zumute war. Dann erst fiel ihr auf, dass sie noch immer Kents Hand hielt, und ließ sofort los. „Wegen Nick …“, begann sie, während sie einen Schritt zurücktrat.

„Ja, natürlich. Setz dich doch, dann erkläre ich dir, was wir als Nächstes vorhaben.“

Kent wandte sich an Nick, und seine tiefe Stimme hatte etwas Beruhigendes. „Du warst heute sehr tapfer, habe ich gehört, obwohl sie dich oft gepiekt haben.“

„Ist das mit dem Pieken jetzt vorbei?“

„Leider noch nicht ganz. Morgen werden wir eine Knochenmarkpunktion vornehmen, Nick.“ Behutsam erklärte er die Prozedur.

Nick suchte nach Debbies Hand und klammerte sich daran, die Augen immer noch fest auf den Arzt geheftet. Als dieser fragte, ob er alles verstanden hätte, nickte er. „Ich werde nicht weinen“, sagte er. „Wenigstens versuche ich es.“

„Gut.“ Kent lächelte ihm aufmunternd zu. „Und ich verspreche dir, dass wir über alles, was wir mit dir machen müssen, vorher miteinander reden. Also keine Überraschungen.“

„Einverstanden.“ Erleichtert sah Debbie, dass Kent Nicks Vertrauen gewonnen hatte.

Jetzt wandte er sich ihr zu. „Das übliche ...

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