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Sag mir, dass es Liebe ist

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Judy Duarte

Sag mir, dass es Liebe ist

Ein interessanter Job als Privatdetektiv in Manhattan, ab und zu eine Freundin und vor allem keine Komplikationen – Trenton Whittaker ist mit seinem Leben sehr zufrieden. Bis eine zierliche junge Frau in seinem Büro erscheint: Priscilla Richards bittet ihn, mit ihr gemeinsam ihre Mutter zu finden. Trenton ist wie verzaubert von Priscillas zarter femininer Ausstrahlung. Natürlich sagt er Ja – und macht das, was er immer vermeiden wollte: Hals über Kopf verliebt er sich in seine hübsche Klientin ...

PROLOG

Die Treppe knarrte, und Priscilla öffnete die Augen. Es war dunkel. Ein großer Mann trug sie die Stufen hinunter.

„Daddy?“

„Pst, meine Kleine. Es ist alles gut. Ich habe dich auf dem Arm.“

Nur das Snoopy-Nachtlicht wies ihnen den Weg.

„Wohin gehen wir?“

Er strich ihr übers Haar. „Schlaf weiter, Honey. Du brauchst keine Angst zu haben. Ich passe auf dich auf.“

Priscilla legte den Kopf an die Brust ihres Vaters und rieb die Wange am weichen Flanell seines Hemds. Sie spürte seinen kräftigen Herzschlag. Und sie merkte auch, wie er humpelte, als sie die Treppe hinter sich ließen und die Haustür ansteuerten.

Sie gähnte. „Ich bin so müde, Daddy.“

„Ich weiß, mein Schatz.“

Priscilla mochte nicht aufstehen. Sie wollte zurück in ihr Bett und unter die warme Decke mit den lustigen Hunden darauf.

Als sie nach draußen kamen und ihr Vater leise die Haustür schloss, strich die Nachtluft ihr kühl über das Gesicht und die nackten Zehen.

Irgendwo schrie eine Eule, und in einem der Nachbargärten bellte ein Hund.

„Mir ist kalt, Daddy. Und es ist so dunkel.“

„Es wird alles gut, Honey. Nur Geduld.“ Er trug sie die Einfahrt hinunter bis zum Straßenrand, wo er seinen Wagen geparkt hatte.

Der Motor lief, und dank der Heizung war es im Innern warm und gemütlich.

„Ich habe eine Wolldecke und ein Kissen für dich mitgebracht“, sagte er. „Versuch doch einfach, wieder zu schlafen. Wir haben eine lange Fahrt vor uns.“

„Wohin fahren wir denn?“, fragte sie und krabbelte auf den Beifahrersitz.

„An einen Ort, wo wir glücklich sind“, sagte er nur. Dann stieg er ein und zog die Tür zu.

Priscilla sah über die Schulter durch die Rückscheibe. Das Haus war kaum zu erkennen, aber dann ging in einem der Fenster oben ein Licht an.

„Wo ist Mom?“, fragte sie. „Warum kommt sie nicht mit?“

„Schlaf jetzt, Honey. Wir rufen sie morgen früh an, damit du mit ihr sprechen kannst.“

Sie fuhren die ganze Nacht und den nächsten Tag hindurch, aber sie hielten nicht an, um ihre Mutter anzurufen.

Und sie sprachen auch nie wieder über sie.

1. KAPITEL

Zweiundzwanzig Jahre später

Priscilla Richards war nicht in Partylaune, aber sie hielt ein volles Glas Champagner in der Hand und tat, was man von ihr erwartete – sie lächelte freundlich und unterhielt sich angeregt.

Byron Van Zandt, der Investmentbanker, hatte keine Kosten gescheut, um die Beförderung seiner Tochter Sylvia gebührend zu feiern. Er hatte sogar einen Geiger von den Philharmonikern engagiert. Kein Wunder, dass alle Anwesenden sich bestens amüsierten.

Fast alle.

Priscilla war kurz davor, sich beim Gastgeber für die Einladung zu bedanken und zu gehen.

Sylvia und sie hatten sich an der Brown University kennengelernt, wo sie beide Literaturwissenschaft studierten. Nach dem Abschluss hatten sie ihre Traumjobs bei Sunshine Valley Books gefunden, einem kleinen, aber erfolgreichen Verlag, der auf Kinderbücher spezialisiert war.

Sie waren nicht nur Kolleginnen, sondern auch gute Freundinnen, daher war Priscilla hier, obwohl sie viel lieber zu Hause geblieben wäre.

„Hey.“ Mit einem halb vollen Glas kam Sylvia auf sie zu. „Endlich bist du gekommen!“

„Das konnte ich mir doch nicht entgehen lassen.“ Priscilla lächelte matt. „Glückwunsch zur Beförderung.“

„Ich hoffe, das ist nicht dein erstes Glas.“

Doch. Sie nickte.

„Trink, so viel du willst, Priscilla. Du kannst ja hier schlafen.“

„Danke, aber ich muss nach Brooklyn zurück.“

Sylvia musterte sie aufmerksam. „Langsam mache ich mir Sorgen um dich.“

„Ich schaffe das schon. Wirklich.“

Sylvia schien nicht überzeugt zu sein, denn sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich weiß, du hast deinen Vater vergöttert, Priscilla. Dass du um ihn trauerst, ist ganz normal. Aber ich finde es schrecklich, wie deprimiert du bist. Vielleicht solltest du mit einem Arzt reden und dir etwas verschreiben lassen. Oder noch besser, du besorgst dir einen Termin bei einem Fachmann, bei einem Geistlichen oder Therapeuten.“

Es war nicht die Trauer, die Priscilla so aus der Fassung gebracht hatte. Sie legte einen Arm um Sylvia und drückte sie an sich. „Danke für den Tipp. Aber vor allem muss ich mich aufraffen und die Sachen meines Vaters sichten. Danach wird es mir besser gehen.“

„Heißt das, du kommst bald wieder zur Arbeit? Seit du im Urlaub bist, habe ich niemanden mehr zum Tratschen. Und dabei bin ich sicher, dass die neue Empfangssekretärin mit Larry aus der Marketingabteilung schläft.“

„Sylvia, du hast noch nie getratscht.“

„Nur mit dir.“ Sylvia trank einen Schluck Champagner. „Wann kommst du endlich wieder?“

Bis gestern Abend hatte Priscilla vorgehabt, am Montagmorgen zurück im Büro zu sein. Jetzt war sie nicht mehr sicher. „Vielleicht warte ich noch eine Woche.“

Ihre Freundin schnalzte mit der Zunge. „Ach, Priscilla. Bleib eine Weile bei mir. Du verkriechst dich schon viel zu lange zu Hause. Wir können Fondant machen und Eis essen. Danach fühle ich mich immer besser. Außerdem können wir uns meine komplette Sammlung von Hugh-Grant-DVDs ansehen.“

„Danke, Sylvia. Ich muss noch ein paar Dinge erledigen, dann bin ich gern dabei. Aber keine Hugh-Grant-Filme mehr.“

„Wie wäre es mit Mel Gibson?“

„Nur wenn er einen weißen Cowboyhut trägt. Ich stehe auf den John-Wayne-Typ.“ Auf jemanden, der sie nicht an ihren Vater erinnerte.

„Mmh. Mel mit Cowboyhut. Mal sehen, was sich machen lässt.“ Sylvia lachte leise, wurde jedoch sofort wieder ernst. „Musst du denn die Sachen deines Vaters sofort durchgehen? Hat das nicht noch ein paar Wochen Zeit?“

„Nein, leider nicht.“ Priscilla brauchte endlich Antworten auf die Fragen, die sie noch nicht auszusprechen gewagt hatte.

„Es muss ein Trost für dich sein, dass dein Vater nicht mehr leidet“, meinte Sylvia.

Vor ein paar Monaten hatte Priscilla sich freigenommen, um ihn zu pflegen. „Ja, wenigstens das“, seufzte sie. „Er ist jetzt an einem besseren Ort.“

„Und bei deiner Mutter.“

Priscilla nickte. Clinton Richards war nach dem Tod seiner Frau vor zwanzig Jahren zutiefst erschüttert gewesen. Er hatte nie wieder geheiratet, sondern sich ganz seiner Tochter gewidmet. Als Priscilla an der Brown University angenommen wurde, zog er sogar nach Providence, Rhode Island, um in ihrer Nähe zu sein. Und als sie den Job bei Sunshine Valley Books bekam, zog er erneut um – nach New York. Als selbstständiger Webdesigner hatte er zu Hause gearbeitet und war daher flexibler als andere Väter gewesen.

Priscilla hakte sich bei Sylvia ein und ging mit ihr zur Haustür. „Es ist eine tolle Party, Sylvia, aber ich muss nach Hause“, sagte sie.

„Nein, das musst du nicht.“ Ihre Freundin hob das fast leere Glas. „Trink noch einen Schluck.“

„Lieber nicht. Seit ein paar Tagen habe ich Magenschmerzen.“ Zumindest seit gestern Nacht. Seit sie nach dem beunruhigenden Albtraum um zwei Uhr morgens schweißgebadet aufgewacht war. Und es war noch schlimmer geworden, nachdem sie ins Schlafzimmer ihres Vaters gegangen und in seiner Truhe gewühlt hatte.

„Wahrscheinlich liegt es am Stress“, sagte Sylvia.

„Das glaube ich auch.“ Aber es war mehr als das.

Priscilla ahnte, was es war. Der sanftmütige Witwer hatte sein Geheimnis mit ins Grab genommen. Ein Geheimnis, das Priscilla unbedingt lüften wollte. Würde es ihr besser gehen, wenn sie sich Sylvia anvertraute? Vielleicht, obwohl jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war. Sie wollte ihrer Freundin nicht die Stimmung verderben. Doch dann atmete sie tief durch. „Ich hatte in der letzten Nacht einen schrecklichen Traum.“

„Einen Albtraum? Die können ziemlich beunruhigend sein.“

„Oh ja. Genau wie verdrängte Erinnerungen. Und ich glaube, darum ging es.“

Sylvia stellte ihr Glas auf das Tablett eines aufmerksamen Kellners und konzentrierte sich ganz auf Priscilla. „Wie meinst du das?“

Sie war nicht sicher. Zuerst war da nur eine Rastlosigkeit gewesen. Dann ein vager Eindruck aus verschiedenen Bildern und Wahrnehmungen. Was war alles im Traum vorgekommen? Ein zweistöckiges Haus. Der Duft von Vanille und Gewürzen. Gutenachtgeschichten. Laute Stimmen und Tränen. Ein Marmortisch, der zu Boden krachte.

Der Rest des Traums schwebte wie eine dunkle Wolke über ihr, und Priscilla versuchte, ihn abzuschütteln. „Als ich aufwachte, war ich so unruhig, dass ich in das Zimmer meines Vaters gegangen bin und in die alte Truhe meines Vaters geguckt habe.“

„Was hast du gefunden?“

„Hinweise darauf, dass mein Name vielleicht gar nicht Priscilla Richards ist.“

„Wow.“ Sylvia legte die Stirn in Falten und sah ihre Freundin ungläubig an. „Bist du sicher?“

„Nein, aber bevor ich dieser Sache nicht auf den Grund gegangen bin, kann ich mich auf nichts anderes mehr konzentrieren. Wenn ich bloß wüsste, wo ich mit meinen Nachforschungen anfangen soll.“

Sylvia schwieg einen Moment, dann erhellte sich ihr Gesicht. „Warte hier.“

„Wohin willst du?“

Wortlos eilte Sylvia davon, wich nur knapp einer Kellnerin mit einem Tablett voller Häppchen aus und verschwand im Arbeitszimmer ihres Vaters.

Sylvia kann ja so dramatisch sein, dachte Priscilla, blieb jedoch wie ein gehorsames Kind an der Haustür stehen.

Sekunden später kam Sylvia zurück und drückte ihr eine Visitenkarte in die Hand. „Das ist die Firma, von der mein Vater seine Mitarbeiter überprüfen lässt, bevor er sie einstellt.“

Priscilla überflog die Karte.

Garcia und Partner

Diskrete Ermittlungen

Niederlassungen in Chicago, Los Angeles und Manhattan

Trenton J. Whittaker

„Es ist eine überaus angesehene Detektei“, sagte Sylvia.

„Natürlich ist sie nicht billig. Aber ich leihe dir gern, was du brauchst.“

„Danke. Aber mein Vater hatte einige Ersparnisse und war gut versichert. Ich komme schon zurecht.“

„Übrigens bin ich diesem Trenton Whittaker schon begegnet.“ Sylvia lächelte. „Vorgestern, im Büro meines Vaters. Ein toller Typ. Aus den Südstaaten, mit sanfter Stimme und so sexy, dass man dahinschmelzen könnte.“

Priscilla schüttelte den Kopf. „Wenn ich einen Privatdetektiv engagiere, dann ganz sicher nicht wegen seines Aussehens oder seiner Stimme.“

„Mit Garcia und Partnern machst du nichts falsch. Die sind eine Spitzenfirma. Und wenn der Detektiv dann auch noch ein attraktiver Single ist, wo liegt das Problem? Dein Liebesleben könnte eine Vitaminspritze gebrauchen. Und glaub mir, Priscilla, der Typ ist wirklich aufregend. Wenn ich nicht mit Warren zusammen wäre, hätte ich ihn mir selbst geschnappt.“

Priscilla hatte kein Interesse, einen Mann zu finden. Für eine glückliche Zukunft gab es in ihrer Vergangenheit zu viele ungelöste Rätsel. Sie steckte die Karte ein und reichte Sylvia ihr fast volles Champagnerglas.

„Nochmals herzliche Glückwünsche zur Beförderung. Und danke für die Einladung.“

„Dafür brauchst du dich nicht zu bedanken.“ Sylvia stellte das Glas ab. „Du bist wirklich meine beste Freundin.“

„Und du meine.“ Priscilla umarmte sie.

„Hey, mir ist gerade etwas eingefallen.“

Priscilla drehte sich zu ihr um. „Was denn?“

„Erinnerst du dich an das Buch für junge Erwachsene, das du vor einer Weile betreut hast? Das über den Cowboy beim Rodeo?“

Es war gut geschrieben, mit lebendigen Schilderungen und einer sympathischen Hauptfigur.

Priscilla nickte. „Was ist damit?“

„Du hast mir gesagt, dass du dir vorstellen könntest, mit so einem Cowboy in den Sonnenuntergang zu reiten.“

„Ach ja? Das hatte nichts zu bedeuten.“ Es war nur eine träumerische Bemerkung gewesen. Schließlich liebte Priscilla New York und war dort aufgeblüht. Sogar die Hektik und der Trubel gefielen ihr. Allein schon deshalb kam ein Cowboy als Lover nicht in Frage.

„Ich habe doch gesehen, wie deine Augen leuchteten, als du die Hand auf den Buchumschlag gelegt hast. Du hast den Cowboy auf dem Foto praktisch gestreichelt. Dein Herz hat gesprochen, Priscilla. Und ich habe den idealen Mann für dich gefunden.“

„Was redest du da? Ein Mann ist wirklich das Letzte, was ich zurzeit brauche.“

„Wie wäre es mit einem Privatdetektiv, der in Manhattan lebt, aber wie ein Südstaatler spricht? Ein Mann, den sie den Cowboy nennen.“

„Cowboy“ Whittaker saß an seinem Schreibtisch im New Yorker Büro von Garcia und Partnern, mit dem Rücken zu dem beeindruckenden Ausblick auf das Empire State Building.

Er hatte gerade mit einer Klientin telefoniert, einer allein erziehenden Mutter, die sich bei ihm bedanken wollte, weil ihr gerade zum ersten Mal die Unterhaltszahlungen überwiesen worden waren. Der Cowboy hatte ihren Exmann gefunden, nachdem dieser mit einem Off-Broadway-Showgirl durchgebrannt war. Jetzt wurde sein Gehalt gepfändet, und der Mann musste endlich für seine Kinder aufkommen.

Zahlungsunwillige Väter waren am schlimmsten.

Nicht, dass der Cowboy auf dem Gebiet Experte war. Er hatte zu viel gearbeitet, um eine eigene Familie zu gründen. Aber wenigstens hatte er immer genug Geld gehabt.

Dann seufzte er laut. Er konnte es kaum abwarten, wieder einen Auftrag zu übernehmen und das zu tun, was er am besten konnte – ahnungslosen Mitmenschen mit seiner ungezwungenen Art Geheimnisse zu entlocken.

Sein texanischer Akzent ließ die Leute oft glauben, dass er ein Hinterwäldler war, und so kam es, dass sie ihm Dinge erzählten, die kein anderer Privatdetektiv ihnen jemals entlocken würde. Also nutzte er es aus und trug manchmal besonders dick auf.

Ja, er liebte seinen Beruf.

Was er nicht liebte, war die Büroarbeit.

Aber bis Rico Garcia, sein Chef und Freund, aus den Flitterwochen auf Tahiti zurückkehrte, war Trent an den Schreibtisch gefesselt.

Zum Glück würde Rico morgen Abend wieder in der Stadt sein.

Er überflog gerade den Bericht eines Mitarbeiters, als die Sprechanlage summte.

Margie, die Sekretärin, wollte ihm wahrscheinlich mitteilen, dass sein Fünfzehn-Uhr-Termin eingetroffen war – jemand, dem er von Byron Van Zandt empfohlen worden war.

Er drückte auf den blinkenden Knopf. „Ja, Margie?“

„Priscilla Richards ist hier.“

„Danke, schick sie herein.“ Er klappte die Akte zu und schob sie zur Seite.

Als die Tür aufging, stand er auf – was zu den tadellosen Umgangsformen gehörte, die seine Mutter ihm eingeimpft hatte.

Margie ging zur Seite. Eine attraktive, etwa einssechzig große Rothaarige in einem konservativen cremefarbenen Kostüm betrat den Raum. Das lockige Haar hatte sie zu einem strengen Zopf geflochten. Sie trug nur einen Hauch von Lippenstift und Mascara. Mehr Make-up brauchte sie nicht.

Manche Frauen sahen toll aus, wenn sie abends loszogen, glichen beim Aufwachen jedoch eher einer Vogelscheuche. Trent war sicher, dass seine Besucherin auch morgens vor dem Aufstehen gut aussah. Am liebsten hätte er es selbst herausgefunden, aber leider stand er nicht auf elegante Frauen aus gutem Haus. Nicht mehr, seit seine Mutter versuchte, ihn mit einer Debütantin nach der anderen zu verkuppeln. Er hatte sich in der feinen Gesellschaft von Dallas nie wohl gefühlt und zog auch jetzt noch lebenslustige Mädchen vor, die jeden Spaß mitmachten.

Aber nur, wenn er nicht im Dienst war. Mit Klientinnen fing er nichts an, aber manchmal flirtete er mit ihnen – weil es das Leben interessant machte.

Trotzdem weckte diese junge Dame seine Neugier. Vielleicht lag es an den roten Locken oder an den großen blauen Augen, die einen Mann um den Verstand bringen konnten. Doch die Art, wie sie den Riemen ihrer Umhängetasche umklammerte, verriet ihm, dass sie wahrscheinlich sofort die Flucht ergreifen würde, sobald er unsachlich wurde.

Schade. Trent fand es immer gut, wenn Frauen sich in seiner Gegenwart entspannten und lockerer wurden. Er ging um den Schreibtisch herum und legte eine Hand auf den Ledersessel, der für Besucher reserviert war und ihnen einen spektakulären Blick auf die City bot. „Nehmen Sie Platz, Ma’am.“

„Danke, Mr. Whittaker.“

Er lächelte charmant. „Lassen Sie doch die Förmlichkeiten. Zu Hause in Dallas heiße ich Trent und hier in Manhattan Cowboy. Sie haben die Wahl.“

Sie räusperte sich. Offenbar war sie nervös, was ihn noch neugieriger machte.

Er setzte sich. Der Sessel knarrte unter seinem Gewicht. „Was kann ich für Sie tun?“

„Ich bin nicht sicher, womit ich anfangen soll. Das ist alles so neu für mich.“

Was für eine Stimme, dachte Trent. Ein sanftes, sexy Schnurren. Doch sofort zügelte er seine Fantasie und konzentrierte sich auf den Job. „Warum fangen Sie nicht einfach ganz von vorn an?“

Sie lehnte sich zurück, wirkte aber noch immer verkrampft. „Vor ein paar Tagen hatte ich einen beunruhigenden Traum.“ Sie holte tief Luft und stieß sie langsam aus. „Aber er war so echt, dass es vermutlich um eine verdrängte Erinnerung ging. Ich bin um zwei Uhr morgens aus dem Schlaf geschreckt. Mein Herz raste, und ich hatte Angst.“

„Wovon haben Sie geträumt?“

„Als ich ungefähr drei war, hat mein Vater mich mitten in der Nacht zu seinem Pick-up getragen und ist mit mir durch die Kleinstadt in Iowa gefahren, in der ich aufgewachsen bin.“

„Viele Leute fahren vor Sonnenaufgang los“, sagte er. „Dann sind die Straßen noch frei.“

„Ja, aber mein Vater hat mir auf dem Weg aus dem Haus dauernd gesagt, dass ich ruhig sein soll. Und dass alles gut werden würde.“

„Erinnern Sie sich konkret daran? Oder haben Sie es nur geträumt?“

„Ich weiß es nicht. Vielleicht beides. Jedenfalls bin ich noch gestern Nacht ins Schlafzimmer meines Vaters gegangen und habe seine Sachen durchgesehen. Das hatte ich bis dahin immer wieder hinausgeschoben.“

Trent vermutete, dass sie dabei etwas entdeckt hatte, was ihren Verdacht bestätigte. Er konnte es nur hoffen, denn er brauchte mehr Informationen, bevor er für sie aktiv werden konnte.

„Mein Vater hatte eine alte Truhe aus Zedernholz, die er im Werkunterricht in der Highschool gebaut hatte. Darin verstaute er seine Sachen. Zum Beispiel eine Armee-Uniform oder ein Pfadfinderhemd mit all seinen Abzeichen. Und seine Entlassungspapiere vom Militär.“

„Und?“

„Sein richtiger Name lautete nicht Clinton Richards, sondern Clifford Richard Epperson. Und ich brauche jemanden, der für mich herausfindet, warum er seinen Namen geändert hat.“

„Ist das alles?“

Ja. Nein. Priscilla war nicht sicher.

„Nun ja, da ist noch etwas. Auch wenn es vielleicht nichts zu bedeuten hat“, sagte sie und musterte ihn unauffällig. Mr. Whittaker – Cowboy – war groß, mindestens einsachtzig. Sein hellbraunes Haar war modisch zerzaust, aber das kam vermutlich von dem weißen Cowboyhut, der auf der anderen Seite des riesigen Mahagoni-Schreibtisches lag. Seine Augen glänzten wie Bernstein im Sonnenschein. Und seine Stimme hatte etwas ungemein Verführerisches. Kein Zweifel, Sylvia hatte recht. So sexy, dass man dahinschmelzen könnte.

„Und was ist es?“

Hastig wandte sie den Blick ab. „Wie bitte?“

„Sie sagten, da sei noch etwas, was ich wissen sollte.“

„Oh. Ja. Ich war so … in meine Erinnerungen vertieft.“ Wieder räusperte sie sich.

„Lassen Sie sich ruhig Zeit.“

„Mein Vater ist an Krebs gestorben. Es war ziemlich hart, auch wenn das Hospiz uns geholfen hat. Kurz bevor er ins Koma fiel, habe ich an seinem Bett gesessen und ihm gesagt, wie sehr ich ihn liebe. Was für ein Glück ich hatte, ihn als Vater zu haben. Und dass ich ihn gehen lasse, damit er meine Mutter wiedersehen kann.“

Trent schwieg, also fuhr sie fort.

„Mein Vater nahm meine Hand und sagte etwas über meine Mutter. Aber er war kaum zu verstehen. Nur ‚Es tut mir leid‘ und ‚Gott möge mir verzeihen‘ habe ich genau gehört. Ich nahm an, dass er damit sagen wollte, wie leid es ihm tat, dass er mich allein ließ. Dass er seinen Frieden mit Gott schließen wollte, um in den Himmel zu kommen.“

„Aber jetzt sind Sie nicht mehr so sicher?“

Nein. „Ich habe keine Ahnung, was ich davon halten soll“, gestand Priscilla. „Zunächst will ich wissen, warum er seinen Namen geändert hat. Das scheint mir der Schlüssel zu sein.“ Sie nahm einen vergilbten Umschlag aus der Tasche. Er enthielt die Entlassungspapiere ihres Vaters und ihre Geburtsurkunde, auf der als Eltern Clinton und Jezzie Richards eingetragen waren. „Sehen Sie? Die Namen passen nicht.“

„Wann ist Ihr Vater gestorben?“

„Am 4. Juli.“

Trent warf einen Blick auf die Unterlagen. „Es dürfte nicht allzu schwierig sein, das herauszufinden.“

„Gut. Es ist höchste Zeit, dass ich wieder arbeite und mein Leben in die Hand nehme. Aber wenn ich nicht mehr über die Vergangenheit weiß, kann ich nicht in die Zukunft blicken.“ Und ohne Antworten auf die quälenden Fragen würde sie sich nicht auf die Bücher konzentrieren können. Auf die Geschichten, die Kindern das Herz wärmen sollten. Nicht, solange ihre eigene Kindheit so verwirrend war.

Auf dem College hatte sie versucht, ihre Erinnerungen zu ordnen.

Die Jahre, die sie mit ihrem Vater in Iowa gelebt hatte, waren glücklich gewesen.

Doch die Zeit danach war verschwommen. Hin und wieder sah sie ein Bild vor sich. Oder ein Geräusch. Ein großes weißes Haus mit einer knarrenden Treppe. Das Nachtlicht, Snoopy mit einem abgebrochenen Ohr. Eine Schaukel unter einer alten Eiche. Eine gesichtslose dunkelhaarige Frau, die Kekse mit bunten Streuseln backte.

„Wo kann ich Sie erreichen?“, fragte Trent.

Priscilla holte eine Visitenkarte und einen Füllfederhalter heraus und schrieb ihre private Telefonnummer auf die Rückseite, bevor sie sie ihm reichte.

Er betrachtete die Karte. Links oben befand sich die Kinderzeichnung einer Sonne, rechts unten die eines Baums.

„Sunshine Valley Books“, las er. „Priscilla Richards, Lektorin.“

„Wir verlegen Kinderbücher.“

Er lächelte. „Knapp daneben.“

„Knapp daneben? Wie meinen Sie das?“

„Ich hätte auf Bibliothekarin getippt.“

Sie lächelte. Auch Sylvia hatte richtig getippt. Cowboy Whittaker war ein Charmeur. Und wahrscheinlich ein ungebundener Junggeselle, der jede Frau, der er begegnete, am liebsten gleich zum Essen ausführen wollte. Und anschließend ins Bett.

Priscilla hatte absolut kein Interesse, sich in die lange Liste seiner Eroberungen einzureihen. Aber das hieß nicht, dass sie seine Nähe nicht genießen durfte. „Wissen Sie“, begann sie und stand auf. „Ich mag Ihren Akzent. Er ist …“ Sie verstummte. Sie konnte ihm schlecht sagen, dass sie ihn sexy fand. „Ihre Stimme klingt sehr angenehm.“

„Was Sie nicht sagen. Ich finde Ihre Stimme auch sehr reizvoll.“ Er lächelte jungenhaft. „Sie ist unglaublich erotisch.“

Priscilla schluckte.

Flirtete er etwa mit ihr? Oder machte er sich über sie lustig?

Er folgte ihr zur Tür und tastete nach der Klinke. „Margie hat mit Ihnen wohl über das Honorar gesprochen.“

Sie nickte. „Ja. Ich habe auch schon eine Anzahlung geleistet.“

„Es dürfte nicht mehr als ein paar Tage dauern, bis ich Ihnen eine Antwort liefern kann. Danach sehen wir weiter.“

„Danke.“

Er hielt ihr die Tür auf.

Beim Durchgehen warf sie einen Blick über die Schulter. Der Anblick war wirklich spektakulär.

Und damit meinte sie nicht den aus seinem Fenster.

Er lächelte. „Ich rufe Sie an.“

Priscilla wusste, dass er von seinem Auftrag sprach. Unwillkürlich fragte sie sich, wie es wohl wäre, auf einen privaten Anruf von ihm zu warten.

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