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Sag Ja, Darling

1. KAPITEL

Jarek Stepanov wappnete sich gegen die einsetzende Flut. Das kühle Wasser reichte ihm bis zu den Schenkeln, und der Seetang bewegte sich fast liebkosend um seine Beine. Der nach Salz duftende Frühnebel umhüllte ihn. Wie eine Geliebte, die um deine Aufmerksamkeit bettelt, meldete sich leise sein Schuldbewusstsein.

Aber er hatte keine Geliebte, nicht wahr? Und auch keine junge Frau mehr. Doch er liebte Annabelle immer noch und trauerte immer noch um sie.

Eine Meile nördlich von der Küste des Staates Washington ragte drohend Deadman’s Rock auf. Vom Nebel halb verborgen, erhob sich der Felsen scharf aus der Flut, wie um Jarek zu verspotten. Hatte Deadman’s Rock Annabelle getötet? Hatte das Meer ihr kleines Boot mit solcher Macht gegen den schwarzen Felsen geschmettert, dass sie in die Wellen gestürzt war?

Jarek packte eine Faust voller Seetang und schleuderte ihn in die Wellen. Wieviel von diesem schwarzen Zeug hatte sich um seine junge Frau geschlungen und ihr Ringen, wieder an die Oberfläche zu kommen, vereitelt? Sie hatte so blass und winzig ausgesehen, als sie auf einem Bett von Seetang langsam an die Küste getrieben worden war.

Es hatte gerade Flut geherrscht, und die fingerförmige Halbinsel war vom Festland getrennt gewesen. Nur über einen Umweg gelangte man dann von der kleinen Stadt Amoteh zu der schönen üppigen Insel namens Strawberry Hill. Der schnellste Weg führte durch die Meerespassage zwischen Deadman’s Rock und der Küste. Doch der freundlich klingende Name der Insel, Strawberry Hill, stand ganz im Widerspruch zu dem finsteren Fluch, der schon so viele Leben gefordert hatte.

Jarek fuhr sich mit seinen rauen Händen über das Gesicht. Sie zitterten und wurden feucht von Tränen, die er niemanden hatte sehen lassen.

Er hätte seine Frau nach Strawberry Hill hinfahren sollen. Er hätte …

Aber Annabelle hatte nicht warten wollen, bis er mit der Arbeit an einem Schaukelstuhl fertig gewesen war, so wie sie auch keinen Moment mit einem weiteren Versuch hatte warten wollen, schwanger zu werden. Sie hatte sich so sehr ein Baby gewünscht - sie beide hatten sich das so sehr gewünscht.

‘Es ist mir egal, dass der Arzt meint, wir sollen noch warten. Zwei Fehlgeburten sind genug. Ich will jetzt endlich ein Baby. Die Zeit ist genau richtig, Jarek. Ich fühle es. Lass uns nach Strawberry Hill fahren …’

Dieser letzte heftige Streit grollte in ihm, wie das Krachen der Wellen, und bei der Erinnerung an den schaurigen Anblick von Annabelles leerem Boot zog sich schmerzlich sein Herz zusammen. Der Außenbordmotor hatte fast vollständig aus dem Wasser geragt.

Keiner wusste, wie es hatte geschehen können, denn es war ein sonniger, ruhiger Tag gewesen. Man hatte ihn geholt, als man Annabelles leblosen Körper inmitten des Seetangs gefunden hatte. Ein paar tiefrote wilde Erdbeeren hatten sich mit den grünschwarzen Blättern vermischt gehabt.

Die Lichter der kleinen Küstenstadt Amoteh, wo Jarek aufgewachsen war, waren in der Ferne zu sehen. Bojen schaukelten im sich auflösenden Morgendunst. Ein paar Seemöwen schwebten über dem Wasser. Jarek war gerade von einer langen Reise in den Mittleren Westen zurückgekehrt.

Jetzt war er wieder daheim.

Er blickte zu den Kiefern hinüber, die sich in der Ferne erhoben - hinter der schmalen tödlichen Bucht, die jetzt vom schwachen Sonnenlicht in silbernen Glanz getaucht wurde. Der schwarze Felsen markierte die Stelle, wo die Fahrt vieler Seefahrer seit undenklichen Zeiten ein tödliches Ende gefunden hatte.

Vielleicht hatte Deadman’s Rock auch Annabelles Leben genommen. Vielleicht stimmte es ja, dass der Fluch, den Kamakani, der hawaiische Häuptling, über Strawberry Hill ausgesprochen hatte, immer noch Macht besaß.

Er, Jarek, hätte Ann an jenem schicksalhaften Tag hinfahren sollen.

Er hätte sich mehr Zeit nehmen sollen für Annabelle und seine Ehe. Aber er hatte es nicht getan, und jetzt war es zehn Jahre zu spät. Jetzt konnte er Annabelle nicht mehr halten und lieben, nur seine Erinnerungen und das quälende Schuldgefühl waren ihm geblieben.

Annabelle …

Der Name schien ihm in den Ohren zu gellen, er schien überall um ihn zu sein - im Krachen der Wellen und im Kreischen der Möwen.

Nach einer wohltuenden Dusche zog Jarek saubere Jeans an, setzte sich auf seiner Veranda auf einen Stuhl, stellte die nackten Füße auf das Geländer und blickte auf den Pazifischen Ozean. Sein verwittertes Einzimmerheim war ganz anders als das moderne Haus, das er für seine Frau gebaut hatte. Er hatte alles, was ihm noch etwas bedeutete, im Möbelgeschäft seines Vaters untergebracht. Aber die quälenden Erinnerungen an Annabelle konnte er nicht wegpacken. Jetzt lebte eine Familie in ihrem früheren Haus, im Garten stand eine Schaukel, und Babysachen hingen auf der Wäscheleine.

Jarek drängte den vertrauten Schmerz zurück, der ihn immer überkam, wenn er an die Träume dachte, die Annabelle und er geteilt hatten.

Die Flut war noch im Steigen. Auf der Mole machten ein paar Angler es sich für den Rest des Morgens bequem, neben sich einen Eimer mit Ködern. Kleine Fischerboote fuhren ganz in der Nähe vorbei, und die Männer riefen sich freundliche Spottworte zu. In größerer Entfernung am Landungssteg schaukelten die vertäuten Boote auf und ab, während ein größerer Landungssteg gleich dahinter von Touristenläden gesäumt war.

Der Wind, das Wasser und der Strand von Amoteh waren Jareks Zuhause, und es hatte ihm während seiner zweiwöchigen Geschäftsreise in Missouri und Arkansas sehr gefehlt. Einen zusammengerollten Pfannkuchen in einer Hand und einen Becher Kaffee in der anderen sah er die Wellen unter der aufsteigenden Sonne aufblitzen, die Möwen sich in das unendliche Blau des Himmels emporschwingen und spürte, dass Ruhe sich in ihm ausbreitete - so viel Ruhe ein Mann finden konnte, der nicht vergessen konnte.

Seine Lieblingspfannkuchen, die mit Blaubeermarmelade, hatten ihn schon erwartet, als er zum Frühstück bei seinen Eltern vorbeigefahren war. Mary Jo Stepanov, eine schöne blonde Texanerin, hatte vor Freude gestrahlt, als sie ihren Sohn sah. Fadey, sein russischer Vater, hatte ihn umarmt und ihn nach der Sitte seiner alten Heimat auf beide Wangen geküsst. Dann war er nach draußen geeilt und hatte die schweren abgelagerten Walnuss- und Eichenholzbretter, die Jarek aus Missouri und Arkansas mitgebracht hatte, überschwänglich gelobt.

Das Haus seiner Eltern war reich an schönen Möbeln, die Fadey selbst hergestellt hatte, und lag gleich am Meer, wo Jarek und sein älterer Bruder Mikhail als Kinder gespielt, geangelt und Muscheln ausgegraben hatten. Die Krabben, die sie gefangen hatten, hatten sie an die Restaurants am Pier verkauft. Und sie hatten ihrem Vater im Möbelgeschäft geholfen.

An faulen Sommertagen hatten sie im saftigen Gras von Strawberry Hill gelegen und sich vorgenommen, den Fluch von Häuptling Kamakani irgendwie zu entkräften. Es hieß, eine Frau, die ihr Herz kenne, müsse anmutig vor seinem Grab tanzen, dann würde der Fluch seine Macht verlieren. Sie hatten sich vorgestellt, wie wütend der Häuptling gewesen sein musste, als Walfänger ihn aus seiner Heimat entführt und versklavt hatten, und wie er das Land verflucht hatte, in dem er schließlich hatte sterben müssen.

Vielleicht lag es an Jareks russischer Seele, aber der Fluch, der ihm schon als Kind bedrohlich erschienen war, tat es seit Annabelles unerklärlichem Tod noch viel mehr.

Das Heim der Stepanovs, ein beeindruckendes Gebäude aus Holz und Stein mit breiter Veranda, bezeugte, dass Fadey Stepanov, ein armer russischer Einwanderer, sich aus eigener Kraft eine Zukunft hatte aufbauen können. Im Innern hatte Mary Jos texanischer Einfluss die Wuchtigkeit der schweren Holzmöbel ihres Mannes mit bunten weichen Baumwollstoffen und Landschaftsbildern gemildert. Ein reich verzierter russischer Samowar stand auf einem Silbertablett.

Mary Jo und Fadey ergänzten sich auf vollkommene Weise. Mit seiner Willenskraft, seinem Stolz und seinem zärtlichen Herzen hatte er Mary Jo schon nach kurzer Zeit erobert, und sie hatte Fadey ihrerseits ihre Liebe geschenkt und zwei Söhne, die ihre grünen Augen und sein dunkelbraunes Haar geerbt hatten.

Die Leute in Amoteh behaupteten, Jarek habe sein leidenschaftliches Temperament von Fadey geerbt, während Mikhail eher der ruhigeren, eleganten Mary Jo nachschlug. Oder war es eher so, dass Mikhail seine Gefühle besser zu kontrollieren verstand?

Als Topmanager für die Hotelkette Mignon International hatte er alles getan, um Amoteh, einer verschlafenen kleinen Küstenstadt, neue Einkommensquellen zu verschaffen. Das Ergebnis seines geschäftlichen Erfolgs war, dass er seine Frau verloren hatte.

Das Hotel Amoteh lag an einem Hügel über der Stadt. Dort konnten die Touristen in den großen Swimmingpools schwimmen, Tennis oder Golf spielen, auf den von Kiefern gesäumten Wegen spazieren gehen oder zur Küste hinuntergehen. Sie konnten sich eine Massage geben lassen und Entspannungsübungen machen, und die Bewohner von Amoteh hatten Arbeit.

Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder war Jarek ein Mann, der sich am wohlsten in der Natur fühlte und nicht viel zum Leben brauchte. In ein paar Minuten würde er zum Geschäft gehen und beim Entladen der Bretter helfen, die er auf seiner Geschäftsreise eingekauft hatte.

Jetzt, während Jarek noch auf der Veranda saß, hörte er seinen Anrufbeantworter ab. Die erste Nachricht kam von Marcella, die er letztes Jahr bei einem Tanzabend kennengelernt hatte. Mit ihr zu tanzen und zu plaudern, hatte ihm gefallen, aber als er Marcella dann später in seinem Bett vorgefunden hatte, war der Spaß für ihn zu Ende gewesen. Es gab nur eine Frau, die in sein Bett gehörte, nur eine Frau, die sein Herz besaß - und diese Frau existierte nicht mehr.

Als Nächstes hörte er Linda Bakers Stimme. Sie lud ihn zum Abendessen ein und erwähnte dann, wie nebenbei, dass ihre Tochter sich gerade habe scheiden lassen. Er und Deirdre hatten als Kinder zusammen gespielt, und sie hatte ihm von ihrem Traumprinzen erzählt, von dem sie sich jetzt nach drei Kindern offenbar getrennt hatte.

Jarek schleuderte den Rest seines Pfannkuchens in Richtung Strand. Die Möwen stürzten sich darauf. Makellos weiß hoben sie sich von dem braunen Sand und dem hellgrünen Strandgras ab, das sanft hin und her wogte. Kleine Strandläufer beeilten sich, ihren Anteil zu erkämpfen.

In nur zwei Wochen würden die ersten Touristen anfangen, hier zu segeln und zu angeln, und in den Geschäften am Pier zu stöbern. Sie würden Motorboote chartern, und Segelboote würden ihre Segel dem Wind öffnen.

Das jetzt so stille Städtchen Amoteh - der Name stammte aus der Sprache der Chinook-Indianer und bedeutete “Erdbeeren” - würde zum Leben erwachen und die Wünsche der Touristen erfüllen. Die Besucher von Mikhails Hotel würden in luxuriösen Zimmern wohnen, die mit Möbeln von den Stepanovs eingerichtet waren. Nicht selten waren die Gäste so begeistert davon, dass sie Bestellungen nach Maß aufgaben.

Jarek nippte an seinem Kaffee, während die Brise durch sein Haar strich und seine nackte Brust kühlte. Heute Abend wollte er den neuen Bücherschrank, den er getischlert hatte, zum Hotel hinauffahren, ihn abstauben und im Ausstellungsraum unterbringen. Und dann wollte er die schöne Nacht, den Ozean und seine Heimkehr genießen. Er atmete tief ein und sah den Strandläufern dabei zu, wie sie flink auf und ab rasten.

Es war schön, wieder daheim zu sein.

Leigh Van Dolph versuchte mit aller Willenskraft, der Versuchung zu widerstehen und sich nicht in das große Bett im Ausstellungsraum von Stepanov Furniture zu legen, das dieses Möbelgeschäft in der Hotelanlage hatte, die Mikhail Stepanov betrieb. Aber sie schaffte es nicht. Sie musste sich ausruhen, selbst wenn es nur für einen Moment sein konnte. Sie setzte sich auf den Bettrand, schlüpfte aus ihren Schuhen, warf ihre schwere Aktentasche auf das Bett und knöpfte ihre Kostümjacke auf.

Bedrückt betrachtete sie die Laufmasche in ihrer Seidenstrumpfhose. Sie war wie das Symbol für einen erfolglosen Tag, an dem sie versucht hatte, den Manager der Hotelanlage ausfindig zu machen.

Ein Blick auf ihre Armbanduhr zeigte ihr, dass Stepanov jetzt wahrscheinlich zu Abend aß. Kunden waren meistens zugänglicher nach dem Essen, also würde sie noch ein wenig warten. Sie sah sich um. Das Bett war sehr bequem. Es war schlicht, ohne Verzierungen, offensichtlich die Arbeit eines Meisters. Ein Werbeprospekt auf dem Nachttisch sagte, dass Stepanov-Möbel für die Ewigkeit gemacht seien.

Leigh hatte noch genau im Ohr, was Morris Reed, ihr Chef und Freund, zu ihr gesagt hatte.

“Bring Mikhail Stepanov dazu, einem Bella Shop in seiner Hotelanlage zuzustimmen, und wir können alle Manager der Hotelkette dazu bringen, es auch zu tun. Amoteh ist zwar ein entlegenes Plätzchen und hat im Augenblick nicht sehr viel zu bieten, aber Stepanov regt die Geschäfte dort an, also wird sich das schnell ändern. Er ist ein zäher Bursche, Leigh, aber sehr angesehen - ein Trendsetter. Bring ihn also dazu, einen Vertrag mit uns zu unterschreiben, und du bekommst einen Bonus dafür und für alle weiteren Hotels von Mignon International, die uns teilhaben lassen.”

Doch dank der letzten Eskapade ihrer Eltern war die hart erkämpfte Verabredung mit Stepanov geplatzt. Völlig in Anspruch genommen von den gerichtlichen und gesundheitlichen Katastrophen ihrer Eltern, hatte sie es nur zweimal geschafft, im Hotel anzurufen, um sich einen neuen Termin geben zu lassen. Aber es war immer besetzt gewesen, und in der Aufregung der letzten Ereignisse hatte sie die Verabredung dann einfach verpasst.

Leigh liebte ihre Familie von ganzem Herzen und gab ihr immer vor allem anderen den Vorrang. Ed und Bliss, die immer noch im Stil der Flower-Power-Bewegung der sechziger Jahre lebten, waren in gewisser Weise allerdings mehr ihre Kinder als ihre Eltern. Ihr letztes Sit-in, bei dem sie gegen die Zerstörung eines historischen, aber unrettbaren Hotels protestiert hatten, hatte sie um eine saftige Summe für Prozesskosten erleichtert. Und dann hatte Ed eine Blinddarmentzündung bekommen. Da er sich nie um so banale Dinge wie die Bezahlung der Krankenversicherung kümmerte, hatte sie sich Geld für einen Anwalt und für die Krankenhausrechnungen leihen müssen.

Also brauchte sie den Bonus, den Morris ihr so großzügig in Aussicht gestellt hatte, um für ihre Familie sorgen zu können. Sie war sogar bereit, vor Stepanov zu Kreuze zu kriechen, um den Vertrag zu bekommen.

Leise seufzend fuhr Leigh mit der Hand über die weiche, schwarz-weißgestreifte Tagesdecke auf dem Bett. Sie wünschte, sie könnte darunter schlüpfen und schlafen.

Aber das ging nicht. Sie musste den schwer fassbaren Manager abfangen und ihm den Gedanken schmackhaft machen, einen Bella Shop in seiner Hotelanlage zu etablieren. Ursprünglich war sie vor zwei Wochen mit ihm verabredet gewesen. Doch leider war nichts daraus geworden, weil sie sich um die rechtlichen Folgen des Sit-ins und um ihren kranken Vater hatte kümmern müssen.

Aber solche Erklärungen hatten einen Mann wie Stepanov nicht rühren können. Seine Sekretärin hatte ihr mit einer einzigen Zeile geantwortet.

Mr Stepanov hat keine Geduld mit Leuten, die ihre Verabredungen nicht einhalten.

Leigh gähnte und reckte sich. Die vielen Meilen im Mietauto und der ermüdende Verkehr in Seattle machten sich in ihren Muskeln bemerkbar. Sie war mit einem Spätflug aus San Francisco gekommen, sodass sie sich danach mit dem dichten Verkehr der Stoßzeit hatte abkämpfen müssen. Erst nach drei Stunden hatte sie Amoteh erreicht und den Rest des Tages damit zugebracht, in der riesigen Hotelanlage herumzulungern, um Stepanov zu fassen zu bekommen.

Schließlich hatte sie ihn durch die Lobby gehen sehen. Die Laufmasche in ihrer Strumpfhose stammte von einer Konfrontation mit einer Topfpflanze, die ihren Versuch, den hochgewachsenen, kühl wirkenden Mann einzuholen, vereitelt hatte.

Müde holte Leigh ihr Handy aus der Aktentasche und wählte die Nummer ihrer Eltern.

“Ed geht es prima, Precious”, beruhigte Bliss sie fröhlich.

Leigh schloss resigniert die Augen. Ihre Eltern hatten sie Precious Blossom getauft, aber mit einundzwanzig hatte sie ihren Namen sofort ändern lassen. Jetzt war sie vierunddreißig, erfolgreiche Handelsvertreterin für Freizeitkleidung, und regelte nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihrer Eltern und eines zwar längst erwachsenen, aber sehr unreifen Bruders.

“Du rührst dich nicht vom Fleck, Bliss, okay? Ich meine, Ed braucht Ruhe.”

“Wir sind aus dem Hotel ausgezogen, das dir so gefallen hat, Precious. Ed wollte nach Hause in unseren Wohnwagen, und die Hotelleute wollten mir nicht erlauben, T-Shirts in der Badewanne zu batiken. Sie waren so unhöflich und mäkelig. Weißt du, diese ganze Wut, die der Manager da losgelassen hat, die ist nicht gut für Eds spirituelles Gleichgewicht.”

Leigh holte tief Luft und überlegte, ob sie nachher den Leiter des Campingplatzes anrufen sollte, wo ihre Eltern jetzt ihren Wohnwagen abgestellt hatten - nachdem man sie von einem Parkplatz fortgeschickt hatte. Der psychedelisch mit Blumen bemalte und ziemlich verrostete Wohnwagen war in der Nähe noblerer Geschäfte nicht gern gesehen.

“Bitte, Bliss. Ich weiß, dass es wichtig ist für Eds Karma, mit dem Universum zu harmonieren, aber der Campingplatz klingt doch nicht schlecht. Und bitte passt auf, dass ihr nicht das Handy verliert, das ich euch gegeben habe, okay? Ich versuche hier, ein Geschäft abzuschließen, das mir einen saftigen Bonus einbringen wird, und ich brauche eure Unterstützung.”

“Aber natürlich, Precious. Du hast immer unsere Unterstützung und unsere Liebe. Aber du musst dich entspannen. Du bist viel zu sehr auf materialistische Dinge wie zum Beispiel Geld ausgerichtet. Du musst dein Inneres erforschen und deine innere Stimme hören. Du hast eine wundervolle Seele. Deine Fähigkeit zu lieben ist grenzenlos. Mach dir keine Sorgen mehr um deine Finanzen, Liebling. Lass dich einfach treiben.”

Nachdem sie noch ein paar Worte mit Ed gewechselt hatte und ihm das Versprechen abgenommen hatte, dass er nicht dem Ruf der Winde des Universums folgen und den Campingplatz verlassen würde, sank Leigh auf das Bett im Ausstellungsraum zurück. Bei ihrem hektischen Lebensstil hatte sie sich angewöhnt, sich immer dann auszuruhen, wenn sich ihr gerade eine Gelegenheit dazu bot.

Sie legte den Kopf auf das weiche Kissen und sah auf die Uhr. Sie war um zwei angekommen, und das Hotelpersonal hatte angestrengt gearbeitet, um alles für die bevorstehende Sommersaison vorzubereiten. Jetzt war es fast sechs, und sie hatte Stepanov immer noch nicht gesprochen. Außerdem hatte sie seit der Eskapade ihrer Eltern vor zwei Wochen nicht mehr genug Schlaf bekommen.

Was sie jetzt brauchte, war ein Vertrag für einen Bella Shop im Amoteh. Und um das zu erreichen, musste sie Stepanov irgendwie überzeugen, einen Mann, der allen Berichten zufolge ein harter Verhandlungspartner sein sollte.

Aber Mikhail Stepanov stand für niemanden zur Verfügung, der einen Termin mit ihm verpasst hatte. Stepanov gab selten jemandem eine zweite Chance. Seine strenge grauhaarige Sekretärin hatte ihr das vorhin sehr deutlich gemacht.

“Mr Stepanov sagte, Sie könnten Ihre Karte dalassen. Er befindet sich im Augenblick in einer Sitzung und darf nicht gestört werden. Ihnen ist doch sicher klar, dass das Amoteh zu Mignon International gehört und jeder Vorschlag für eine Zusammenarbeit vorher sowieso mit der Zentrale in Seattle abgesprochen werden müsste. Warum versuchen Sie es nicht dort? Hier ist die Adresse. Ich bin sicher, dass sie mit Ihnen sprechen werden, wenn Ihre Firma einen guten Ruf genießt.”

Leigh kuschelte sich schläfrig in das einladend weiche Bett. Sie bezweifelte nicht, dass ihre Geschäftskarte schon längst in einem Abfallkorb gelandet war.

Vor dem Ausstellungsraum war ein Geräusch zu hören, aber Leigh war zu müde, um sich zu rühren. Sie würde sich ein wenig ausruhen, und wenn es draußen ruhiger zuging, würde sie Stepanov bestimmt noch irgendwo erwischen.

Leigh wachte Stunden später auf. Um sie herum war es völlig still. An der Decke des Ausstellungsraums schimmerte das Mondlicht, das vom Wasser des Swimmingpools reflektiert wurde.

Leigh gähnte herzhaft, stand auf und ging zur Tür. Abgeschlossen. Sie gähnte erneut, sie war nicht beunruhigt. Es war warm in diesem gemütlichen Raum, und es stand ihr ein luxuriöses Bett zur Verfügung. Das war so viel mehr, als sie in den vergangenen Tagen gehabt hatte.

Stepanov würde am frühen Morgen zurückkommen, und dann würde sie auf ihn warten. Darin war sie sehr gut.

Sie zog ihre Kostümjacke und die zerrissene Strumpfhose aus. Es war das einzig Logische, das Bett und die Ruhe auszunutzen. Leigh zog auch Bluse und Hose aus und hängte sie in einen wunderschönen Schrank aus Walnussbaumholz. Dann schlüpfte sie seufzend zwischen die schwarzen Laken und lauschte dem monotonen Rauschen der Brandung. Sie würde früh aufstehen, und wenn man die Tür aufgeschlossen hatte, würde sie warten, bis sie sich ungesehen hinausschleichen konnte.

Nur mit ihrem praktischen weißen BH und einem Slip bekleidet, räkelte sie sich zwischen den herrlich glatten Satinlaken, die so viel angenehmer und sinnlicher waren als ihre schlichte Baumwollbettwäsche - wenn sie überhaupt dazu kam, in ihrem Bett zu schlafen.

Morgen würde sie Stepanov davon überzeugen, dass Bellas Freizeitkleidung eine erstklassige Wahl war. Ed, Bliss und Winterchild - so war ihr Bruder getauft worden, aber jetzt hieß er Ryan -, alle hingen von ihr ab. Sie musste für sie sorgen. Sie musste Stepanov überreden … sie musste … sie musste …

Leigh rührte sich widerstrebend, um ihren Arm zu heben und auf die Uhr zu blinzeln. Drei Uhr morgens, also noch gute drei Stunden, bevor das Personal der Hotelanlage sich einfinden würde. Sie hörte das Rauschen des Meeres und die ruhigen, tiefen Atemzüge eines Menschen.

Die Tür war doch abgeschlossen gewesen, oder? Langsam wandte sie den Kopf auf dem Kissen und sah einen Mann neben sich liegen. Sein Haar war länger als ihre kurzen Locken. Er hatte Schatten unter den Augen, und Bartstoppeln bedeckten Kinn und Wangen. Er war ein kräftiger Mann und sehr viel größer als sie. Sein Flanellhemd stand offen, und eine Hand lag entspannt auf seiner breiten Brust, während die andere …

Leigh blickte nach unten zu ihrem Schenkel, wo sie einen leichten Druck spürte. Ihr blieb fast das Herz stehen, als er die Finger bewegte und wie selbstverständlich über ihre nackte Haut strich. Soweit sie sehen konnte, trug er Hemd, Jeans und Socken. Er roch nach Seife, Zitrone, Holz und Meeresluft.

“Was tun Sie in meinem Bett?” Seine Stimme war tief, etwas grollend und schläfrig. Außerdem sprach er mit einem leichten Akzent. Er drehte sich so, dass er ihr ins Gesicht sehen konnte.

Sie schluckte nervös. “Ihr Bett? Sie meinen, Sie schlafen hier?”

“Manchmal.”

Leigh zog das Laken bis zu ihren Brüsten hoch und versuchte, sich zu beruhigen. Mit dem dunklen Holz und dem schwarzen Satin im Hintergrund sah der Mann unglaublich sexy und gleichzeitig gefährlich aus. Sein Lächeln half ihr nicht über ihre Unsicherheit hinweg, da sein Blick im selben Moment interessiert zu ihren Brüsten glitt. Rasch riss sie das Laken bis zum Kinn hoch.

“Sie hätten sich ganz ausziehen sollen”, flüsterte er.

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