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Sag einfach: Ja, ich will

1. KAPITEL

„Adam, du bist ja besessen.“ Travis King sah seinen älteren Bruder skeptisch an. „Irgendwas stimmt mit dir nicht.“

„Ich muss Travis recht geben“, sagte Jackson kopfschüttelnd. „Warum ist dir das überhaupt so wichtig?“

Adam King musterte seine Brüder und hielt einen Moment inne, bevor er antwortete. Und er tat es in einem Ton, in dem er sonst nur mit seinen Angestellten sprach – und der keinen Widerspruch duldete. „Als wir drei von Dad die Familienunternehmen übernommen haben, waren wir uns einig, dass jeder seinen eigenen Bereich führt, unabhängig.“

Mehr sagte Adam noch nicht. Denn er wusste, seine Brüder waren noch lange nicht fertig. Einmal im Monat trafen sich die drei King-Brüder, entweder hier auf der Familienranch, auf Travis’ Weingut oder an Bord eines Jets, der Jackson gehörte. Er vermietete die Maschinen für gewöhnlich an die Megareichen dieser Welt.

Die Kings waren an so vielen Firmen beteiligt, dass diese Treffen regelmäßig stattfinden mussten. So hielten sich die Brüder auf dem Laufenden darüber, was in den anderen Geschäftszweigen passierte. Und sie tauschten sich natürlich darüber aus, was sich im Privatleben der anderen ereignete. Was allerdings auch Einmischungen nach sich zieht, dachte Adam, die zwar gut gemeint, oft aber auch lästig sind.

Er nahm das Kristallglas, schwenkte es und betrachtete die bernsteinfarbene Flüssigkeit. Er wusste, dass einer seiner Brüder gleich einen Kommentar abgeben würde. Und im Stillen wettete Adam, dass Travis den Anfang machen würde.

„Stimmt schon, Adam, jeder führt einen eigenen Bereich“, sagte Travis und trank einen kräftigen Schluck Rotwein, der aus dem King-Weingut stammte. Travis mochte seinen selbst produzierten Wein lieber als den Brandy, den Adam bevorzugte. „Das heißt aber nicht …“ Er sah Jackson an, der zustimmend nickte. „… dass wir keine Fragen hätten.“

„Fragt, soviel ihr wollt“, erwiderte Adam gelassen. Er stand auf, ging zum steinernen Kamin und blickte in das knisternde Feuer. „Nur Antworten dürft ihr nicht unbedingt erwarten.“

Jackson mischte sich nun wieder in das Gespräch. Das Whiskyglas in der Hand, warf er versöhnlich ein: „Wir sagen ja nicht, dass du mit der Ranch nicht machen kannst, was du willst, Adam. Wir verstehen nur nicht, warum du auf Teufel komm raus jeden Quadratzentimeter Land zurückhaben willst, den wir einst besessen haben.“

Adam drehte sich um und musterte seine Brüder. Er spürte das starke Band, das sie seit jeher verbunden hatte. Sie waren im Abstand von jeweils einem Jahr geboren worden. Und die Freundschaft, die sie in jungen Jahren zusammengeschweißt hatte, war auch heute so stark wie eh und je. Aber das hieß nicht, dass er sich vor seinen Brüdern für jeden seiner Schritte rechtfertigen würde. Schließlich war er der älteste. Und Adam King war niemandem Rechenschaft schuldig.

„Die Ranch gehört mir“, sagte er nur. „Wenn ich sie zu ihrer einstigen Größe zurückführen will – was stört euch daran?“

„Nichts“, erklärte Travis fest, bevor Jackson antworten konnte. Travis lehnte sich auf dem Ledersessel zurück, streckte die Beine aus, balancierte das Weinglas auf seinem flachen Bauch und sah Adam aus zusammengekniffenen Augen an. „Ich will nur wissen, warum dir das so wichtig ist.

Verdammt, Adam, unser Urgroßvater hat vor fast sechzig Jahren gerade mal zwanzig Morgen an die Torinos verkauft. Uns gehört immer noch fast das halbe Land. Warum sind da diese paar Morgen so wichtig?“

Weil er sie eben haben wollte. Adam hatte noch nie klein beigegeben. Wenn er sich zu etwas entschlossen hatte, dann blieb er dabei, mochte kommen, was wolle. Er sah aus dem großen Frontfenster, blickte auf den gepflegten Rasen und den Garten, der sich fast eine Viertelmeile bis zur Straße hin erstreckte.

Die Ranch war ihm immer wichtig gewesen. Jetzt – in den vergangenen fünf Jahren hatte sich das entwickelt – bedeutete sie ihm alles. Und er würde sie wieder ganz besitzen, das hatte er sich geschworen.

Die Nacht war pechschwarz, nur ein paar Lichter am Zufahrtsweg durchbrachen das Schwarz. Dies war sein Zuhause. Ihrer aller Zuhause. Und Adam würde dafür sorgen, dass alles, was dazugehörte, wieder in den Besitz der Kings kam.

„Es ist nun mal das letzte Stück, das noch fehlt“, sagte er. Er dachte an die vergangenen fünf Jahre zurück. Jahre, in denen er jedes Stück Land zurückgekauft hatte, das einst, vor über hundertfünfzig Jahren, zum ursprünglichen King-Besitz gezählt hatte.

Ihre Vorfahren waren schon vor dem Goldrausch in Kalifornien sesshaft geworden. Sie waren Bergleute gewesen, Rancher, Farmer, Schiffsbauer. Mit den Jahren hatte die Familie andere Geschäftszweige erschlossen, sie waren nie hinter ihrer Zeit zurückgeblieben. Generationen hatten daran gearbeitet, den Reichtum der Familie zu vergrößern. Immer aufbauend auf dem, was die vorherigen Generationen geschaffen hatten. Mit einer Ausnahme.

Urgroßvater Simon King war in gewissem Sinne aus der Art geschlagen – er war ein Spieler gewesen. Um Schulden zu begleichen, hatte er immer wieder Teile seines Erbes verkauft. Seine Nachkommen hingegen hatten sich auf die Familientradition zurückbesonnen.

Adam wusste nicht, ob er seinen Brüdern das begreiflich machen konnte – ob er es überhaupt ernsthaft versuchen sollte. Eines stand fest: In den vergangenen Jahren hatte er Grundstücke wie Puzzleteile gekauft, um die Ranch wieder zu dem zu machen, was sie einmal gewesen war. Und er würde nicht aufhören, bis er seine Aufgabe beendet hatte.

„Na gut“, sagte Jackson. „Wenn es dir so wichtig ist, dann mach eben weiter.“ „Ich brauche deine Erlaubnis nicht“, entgegnete Adam. „Aber trotzdem danke.“

Jackson lächelte. Der jüngste der King-Brüder ließ sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. „Dann viel Glück bei den Torinos“, meinte er und trank einen Schluck Whisky. „Was der alte Torino in den Klauen hat, gibt er so schnell nicht her.“ Amüsiert musterte er Adam. „Da ist er wie du, großer Bruder. Sal wird dir das Land nicht einfach so verkaufen.“

Adam erwiderte das Lächeln seines Bruders und hob das Brandyglas, wie um den anderen zuzuprosten. „Wie sagte Dad doch immer so schön?“

Jeder hat seinen Preis“, verkündete Travis und hielt sein Glas vor sich. Dann vollendete er das Zitat: „Du musst den Preis nur herausfinden.“

Jackson schüttelte zwar den Kopf, weigerte sich aber nicht und trank einen Schluck. „Salvatore Torino könnte die Ausnahme von der Regel sein. Ich glaube nicht, dass er käuflich ist.“

„Du irrst dich“, widersprach Adam. Bald würde er den Sieg feiern, auf den er all die Jahre hingearbeitet hatte. Von einem einzigen starrköpfigen Nachbarn ließ Adam sich mit Sicherheit nichts verderben. „Auch Sal wird verkaufen. Fragt sich nur noch, was er als Gegenleistung erwartet.“

Gina Torino lehnte sich an den verwitterten Holzzaun und blickte auf die Pferdeweide. Die Sonne schien angenehm warm vom Himmel, das Gras war saftig und grün. Das junge Fohlen bemühte sich unsicher staksend, mit seiner Mutter Schritt zu halten.

„Siehst du, Shadow?“, sagte Gina und klopfte der Stute auf den Hals. „Ich habe dir ja gesagt, dass mit ihm alles gut gehen wird.“

In der vergangenen Nacht war sie sich allerdings nicht so sicher gewesen. Nachdem sie die Stute selbst großgezogen hatte, war Gina auch bei der Geburt des Fohlens dabei gewesen – und hatte mächtig Angst gehabt. Aber es war nichts schiefgelaufen, und jetzt fühlte Gina sich entspannt und glücklich.

Lächelnd beobachtete sie die Tinker-Stute. Für Gina waren die Tinker die schönsten Pferde der Welt. Mit den breiten Schultern, dem stolzen Hals und den langen Haaren am Fesselgelenk, dem sogenannten Kötenbehang, sahen sie sehr prachtvoll aus. Wer sich nur ein bisschen mit Pferderassen auskannte, verwechselte sie oft und hielt sie für klein gewachsene Clydesdale-Pferde. Aber in Wahrheit waren die Tinker etwas ganz anderes.

Tinker, klein, aber kräftig, waren zunächst vom fahrenden Volk gezüchtet worden; sie waren kräftig genug, um Karren und Wagen zu ziehen, und dabei doch so sanftmütig, dass sie zumeist als Familienmitglieder betrachtet wurden. Diese Pferde verstanden sich gut mit Kindern und waren den Menschen, die sie liebten, stets treu.

Und Gina bedeuteten sie mehr als Tiere, die man bloß züchtete und dann verkaufte. Für Gina gehörten sie zur Familie.

„Du verhätschelst sie wie Babys.“ Ginas Mutter trat hinter sie.

Jetzt kam wieder die alte Geschichte – die Vorwürfe, dass Gina zu viel Zeit mit den Pferden verbrachte, statt sich nach einem passenden Ehemann umzusehen. „Na und? Das schadet doch keinem.“

„Du brauchst ein eigenes Baby.“

Gina verdrehte die Augen und war froh, dass ihre Mutter es nicht sah. Teresa Torino scherte sich nicht darum, ob ihre Kinder längst erwachsen waren. Eine freche Antwort quittierte sie immer noch mit einer Zurechtweisung. Eigentlich wäre ich gut beraten gewesen, auch auszuziehen, dachte Gina. Zwei ihrer drei älteren Brüder lebten längst nicht mehr hier.

„Ich weiß ganz genau, dass du die Augen verdrehst!“

Wider Willen lächelte Gina und sah über die Schulter. Teresa Torino war klein, wohlgerundet und eigensinnig. Ihr schwarzes Haar wurde langsam grau, allerdings dachte sie nicht daran, es zu färben. Stattdessen betonte Teresa bei jeder Gelegenheit, dass sie sich die grauen Haare erarbeitet hatte. Und ihren braunen Augen entging nicht viel.

„Würde ich je über eine Bemerkung von dir die Augen verdrehen, Mom?“

„Wenn du glaubst, ich merke es nicht – dann schon.“

Gina wechselte lieber das Thema, das war sicherer. „Ich habe mitgekriegt, dass du heute Morgen mit Nick telefoniert hast. Ist bei ihm alles in Ordnung?“

„Ja“, sagte Teresa und stellte sich zu ihrer Tochter an den Zaun. „Nickies Frau ist übrigens wieder schwanger.“

Daher wehte also der Wind! Deshalb das Baby-Thema! „Das ist ja toll, Mom.“

„O ja. Dann hat Nick drei Kinder, Tony zwei und Peter vier.“

Meine Brüder setzen wirklich alles daran, die Welt mit kleinen Torinos zu bevölkern, dachte Gina lächelnd. Sie war gerne Tante. Sie wünschte nur, dass sie alle etwas dichter beieinanderleben würden, damit sie nicht immer alles abbekam. Aber leider lebte von den drei Torino-Söhnen nur noch Tony auf der Ranch. Nick arbeitete als Footballtrainer an einer Highschool in Colorado. Und Peter lebte in Südkalifornien, wo er Computersoftware für Sicherheitsfirmen installierte.

„Du hast Glück als Oma“, sagte Gina und warf ihrer Mutter einen Seitenblick zu. „So viele Enkelkinder, die du verziehen kannst.“

„Könnte noch besser sein“, konterte Teresa.

„Ach, Mom …“, sagte Teresa seufzend. „Du hast achteinhalb Enkelkinder. Warum willst du unbedingt noch eins von mir?“

Ihre Mutter hatte immer davon geträumt, wie Gina heiratete, und es sich in allen Einzelheiten ausgemalt. Dass ihre Tochter nicht mitspielte, ärgerte Teresa sehr.

„Es ist nicht gut, dass du alleine bist, Gina“, erklärte sie und schlug gegen eine Holzlatte, sodass der ganze Zaun vibrierte.

„Ich bin doch nicht alleine“, widersprach Gina. „Ich habe dich und Papà, meine Brüder, ihre Frauen, ihre Kinder … In dieser Familie kann man doch gar nicht alleine sein!“

Teresa war jedoch nicht mehr zu bremsen. Und je mehr sie sich ereiferte, desto stärker brach ihr italienischer Akzent hervor. „Eine Frau braucht einfach einen Mann, Gina. Einen Mann, den sie liebt und der sie liebt …“

Dem hatte Gina nicht viel entgegenzusetzen. Es war ja nicht so, dass sie fest entschlossen war, nie zu heiraten. Niemals Kinder zu haben. Es war einfach so gekommen. Deswegen wollte sie allerdings auf keinen Fall für den Rest ihres Lebens Trübsal blasen.

„Ich bin zwar nicht verheiratet, Mom“, unterbrach Gina den Redeschwall ihrer Mutter, „aber das heißt ja nicht, dass es keine Männer in meinem Leben gibt.“

Mamma mia!“ Teresas Unmutsäußerung war so laut, dass sogar das Pferd auf der Weide erschrocken zusammenzuckte. „Hör auf! Davon will ich nichts hören!“

Das war Gina nur recht. Sie hatte keine Lust, ihr Liebesleben – oder ihr nicht vorhandenes Liebesleben – ausgerechnet mit ihrer Mutter zu besprechen. Auch wenn sie ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern hatte. Teresa stammte aus einer großen sizilianischen Familie und war vor über vierzig Jahren nach Amerika gekommen, um Sal Torino zu heiraten.

Und obwohl Sal schon in Amerika geboren und aufgewachsen war, hielt er wie seine Frau an den traditionellen Werten fest. Das bedeutete in diesem Fall: Eine Tochter, die mit dreißig noch nicht verheiratet ist, endet garantiert als alte Jungfer.

Das Dumme war, dass Ginas dreißigster Geburtstag nun schon zwei Monate zurücklag.

„Mom …“ Gina holte tief Luft. Jetzt nur nicht die Geduld verlieren. Sie hatte ja gehofft, dass alles besser würde, wenn sie ein eigenes kleines Haus auf dem Gelände der Ranch besaß. Dass sie dann mehr Privatleben hätte und ihre Eltern ihre Eigenständigkeit dann endlich akzeptierten. Falsch gedacht, natürlich. Einmal Torino-Kind, immer Torino-Kind.

Ja, wahrscheinlich hätte sie ganz fortziehen sollen. Aber dann wäre sie ja trotzdem den ganzen Tag hier gewesen. Die Pferde waren nun mal ihr Leben. Gina musste einfach damit zurechtkommen, ihre Mutter zu enttäuschen.

„Ich weiß, ich weiß“, sagte Teresa. „Das habe ich schon tausendmal gehört. Du bist eine erwachsene, selbstständige Frau und kommst im Leben auch ohne Mann klar.“ Verärgert seufzte sie. „Ich hätte nie zulassen dürfen, dass du dir als Teenager diese Talkshows im Fernsehen ansiehst. Die machen einen nur …“

„… vernünftig?“, fragte Gina lächelnd. Sie liebte ihre Mutter wirklich. Wenn nur nicht immer diese ständigen Diskussionen übers Heiraten und Kinderkriegen wären!

„Hör mir auf mit vernünftig. Ist es vernünftig, alleine zu leben? Ohne Liebe?“ Teresa wartete gar nicht erst auf eine Antwort. „Nein. Ist es nicht.“

Gina hätte nun stundenlang dagegen argumentieren können. Insgeheim gab sie ihrer Mutter jedoch ein bisschen recht. Ein ganz kleines bisschen. Eine innere Stimme flüsterte Gina zu, dass sie ja auch nicht jünger wurde. Dass sie nicht mehr ihren Wunschträumen aus Jugendtagen nachhängen sollte.

„Es geht mir wirklich gut, Mom“, erwiderte Gina und versuchte, Teresa und sich davon zu überzeugen.

Ihre Mutter strich ihr über den Arm. „Weiß ich doch, mein Kind.“

Das stimmte zwar nicht so ganz, aber immerhin war damit die Diskussion fürs Erste beendet. Gina wechselte das Thema. „Wo ist Papà?“, fragte sie. „Er wollte sich doch heute Morgen das Fohlen ansehen.“

„Der hat ein Meeting. Sehr wichtig.“

„Ja? Mit wem denn?“

„Meinst du, das hätte er mir gesagt?“, ereiferte sich Teresa. Gina lächelte. Nichts hasste ihre Mutter mehr, als nicht Bescheid zu wissen.

„Na ja, solange Papà in dem Meeting ist, kannst du dir das neue Fohlen ansehen.“

„Du und deine Pferde“, murmelte Teresa.

Gina lachte und nahm ihre Mutter bei der Hand. „Komm.“

Sie gingen zum Tor, als sie plötzlich ein Geräusch hörten. Ein schwarzer luxuriöser Geländewagen fuhr den Zufahrtsweg entlang. Sobald Gina das Auto erkannte, verspürte sie Unruhe. Ihr Puls raste, ihr Mund wurde trocken.

Sie brauchte nicht erst das Nummernschild mit der Aufschrift „KING 1“ zu lesen. Gina wusste auch so, dass Adam King in dem Wagen saß. Wieso war sie sich eigentlich so sicher? War es eine Art inneres Frühwarnsystem, das Alarm schlug, wenn Adam sich in der Nähe aufhielt?

„Adam King ist also der Mann vom Meeting“, sagte ihre Mutter nachdenklich. „Worum es wohl geht?“

Das fragte sich Gina auch. Sie wusste, sie sollte sich um ihre Dinge kümmern, die Pferde … Doch Gina konnte sich nicht vom Fleck rühren. Sie stand nur da und beobachtete, wie Adam parkte und aus dem Wagen ausstieg. Dann ließ er den Blick über das Ranchgelände schweifen, und irgendetwas in ihr machte einen Luftsprung. Wie dumm, dachte sie sich. Wie dumm, etwas für einen Mann zu empfinden, der kaum weiß, dass es dich überhaupt gibt.

Adam sah sich so aufmerksam um, als ob er sich jede Einzelheit einprägen müsste. Dann entdeckte er Gina. Sie verspannte sich augenblicklich. Er war ja weit weg, aber sein Blick war so intensiv. Es fühlte sich an, als hätte Adam sie berührt.

Er nickte Gina und ihrer Mutter kurz zu. Gina zwang sich, ihm zum Gruß zuzuwinken. Mitten in der Bewegung hielt sie jedoch inne. Adam hatte sich schon dem Ranchhaus zugewandt.

„Ein eiskalter Mann ist das“, sagte Teresa leise und bekreuzigte sich. „Er hat so etwas … Finsteres an sich.“

Auch Gina spürte diese Finsternis, wie ihre Mutter es nannte. Daher widersprach Gina nicht. Aber sie kannte Adam und seine Brüder schon ihr ganzes Leben. Und sie hatte immer einen Wunsch gehabt: Sie wollte diejenige sein, die diese Finsternis aus seinem Leben vertrieb.

Dumm eigentlich, dachte sie. Warum wollen wir Frauen einen Typen immer retten?

Gina stand immer noch da und sah Adam nach, der schon längst das Ranchhaus betreten hatte. Sie spürte, wie ihre Mutter sie betrachtete. „Was ist denn?“

„Ich sehe da etwas in deinen Augen, Gina“, flüsterte Teresa besorgt.

Brüsk wandte Gina sich ab und ging zu den Pferden. Um zu verbergen, wie zittrig sie sich fühlte, machte sie lange, energische Schritte. „Ich weiß überhaupt nicht, was du meinst, Mom“, rief sie ihrer Mutter zu.

Teresa folgte ihrer Tochter und umfasste ihren Arm. Dann sah sie Gina in die Augen und erwiderte: „Mich kannst du nicht täuschen. Du empfindest etwas für Adam King. Aber … diesem Gefühl darfst du auf keinen Fall nachgeben.“

Gina lachte überrascht auf. „Wie bitte? Und das aus dem Munde einer Frau, die mir noch vor fünf Minuten erzählt hat, ich muss unbedingt heiraten und Kinder kriegen?“

„Nicht Adam King“, erklärte Teresa hart. „Diesen Mann will ich nicht für dich. Auf gar keinen Fall.“

Wie schade.

Denn Adam King war der einzige Mann, den Gina wollte.

2. KAPITEL

„Adam“, sagte Sal Torino lächelnd und bat seinen Besucher herein. „Pünktlich auf die Minute, wie immer.“

„Danke, dass du Zeit für mich hast, Sal.“ Adam trat ein und sah sich um. Er war schon lange nicht mehr hier gewesen, aber es hatte sich kaum etwas verändert.

Der Eingangsbereich war geräumig. Durch ein Oberlicht schien die Sonne herein, sodass der Pinienholzboden golden glänzte. Im Flur hingen zahlreiche gerahmte Familienfotos an den Wänden. Sie zeigten lächelnde Kinder und stolze Eltern. Auch das Wohnzimmer sah noch genauso aus wie früher. Die Wände waren in einem warmen Gelbton gehalten, die Möbel groß und gemütlich, auf dem Kaminsims stand eine Vase mit frischen Blumen. Sal setzte sich auf das Sofa und nahm die Kaffeekanne von dem großen, schon leicht zerkratzten Pinientisch.

Während Sal Kaffee einschenkte, den sein Gast gar nicht wollte, ließ Adam den Blick durch den Raum wandern, bis zum Fenster. Man hatte einen wunderbaren Ausblick auf den gepflegten Rasen und die ihn umgebenden uralten Eichen. Doch das nahm Adam kaum wahr. Er war voll auf seinen Plan konzentriert und dachte nur daran, wie er Sal dazu bringen würde, ihm Land zu verkaufen.

„Also. Was führt Adam King so früh am Morgen zu mir?“

Adam musterte seinen Nachbarn. Sal war nicht besonders groß, sein dichtes schwarzes Haar begann an einigen Stellen langsam grau zu werden. Sein Gesicht wirkte wettergegerbt, seine braunen Augen schimmerten hellwach.

Adam trat näher, nahm die angebotene Kaffeetasse und trank aus reiner Höflichkeit einen Schluck. Dann setzte er sich. „Ich möchte mit dir über die zwanzig Morgen Weideland in deinem Nordgebiet mit dir reden, Sal.“

Der ältere Mann lächelte und lehnte sich gegen die Sofakissen. „Ah ja.“

Natürlich war es geschäftlich unklug, dem anderen sofort zu zeigen, wie sehr man etwas wollte. Aber Sal Torino war ja nicht dumm. Außerdem hatte die Familie King in den letzten Jahrzehnten schon öfter Kaufangebote für das Land ausgesprochen, das ursprünglich mal ihnen gehört hatte. Und Sal hatte jedes Mal strikt abgelehnt. Er wusste sowieso, wie wichtig es Adam war. Da half kein Drumherumreden.

„Ich will das Land unbedingt, Sal. Und ich biete dir einen traumhaften Preis dafür. Du machst einen Riesenprofit.“

Sal schüttelte den Kopf, trank einen Schluck Kaffee und seufzte. „Adam …“

„Lass mich ausreden.“ Er beugte sich vor, stellte die Kaffeetasse auf den Tisch und lehnte sich wieder zurück. „Du nutzt das Land ja nicht mal, nicht als Weidefläche, für gar nichts. Es liegt einfach nur da.“

Sal lächelte, bevor er wieder den Kopf schüttelte.

Er war wirklich starrköpfig, und irgendwie imponierte das Adam sogar. Er zwang sich, seine Ungeduld zu unterdrücken, und bemühte sich, freundlich zu klingen. „Denk doch noch mal drüber nach, Sal. Mein Angebot wäre sehr, sehr großzügig.“

„Warum ist dir das Land so wichtig?“

Es war wie ein Spiel, und Adam wünschte, es wäre nicht so mühselig. Sal wusste doch ganz genau, dass Adam die King-Ranch zu ihrer ursprünglichen Größe zurückführen wollte. Aber offenbar sollte Adam die ganze Litanei noch einmal herunterbeten.

„Es ist das letzte noch fehlende Stück des ursprünglichen King-Besitzes“, sagte Adam angespannt. „Was dir übrigens durchaus bekannt ist.“

Sal lächelte milde.

Irgendwie, fand Adam, sieht er wie ein freundlicher, gütiger Troll aus. Leider wie kein verkaufsbereiter. „Reden wir Klartext. Du brauchst das Land nicht. Ich will es. So einfach ist das. Also, was sagst du?“

„Adam“, setzte Sal zu einer Antwort an, hielt dann jedoch inne und trank noch einen Schluck Kaffee. „Weißt du, ich verkaufe Grundstücke nur sehr ungern. Was ich hab’, das hab’ ich. Das weißt du doch. Du denkst doch nicht anders.“

„Ja, und das Land gehört mir, Sal. Oder sagen wir, es sollte mir gehören. Es war früher mal King-Gebiet, und das sollte es wieder sein.“

„Ist es aber nicht.“

Innerlich kochte Adam regelrecht vor Wut.

„Ich brauche dein Geld nicht, Adam.“ Er stellte seine Kaffeetasse ebenfalls auf den Tisch. Nachdem Sal aufgestanden war, ging er im Zimmer auf und ab. „Das weißt du ganz genau. Und trotzdem kommst du hierher und versuchst, mich mit deinem Profitgeschwätz zu überreden.“

„Es ist doch keine Sünde, Gewinne zu erzielen“, konterte Adam.

„Es geht aber im Leben auch nicht immer nur um Geld. Manchmal auch um andere Dinge.“ Sal lehnte sich an den Kamin und sah zu Adam herüber.

Adam war nicht gewohnt, bei einer Verhandlung die schwächere Position einzunehmen. Und weil er in dem weichen Sessel saß, musste er obendrein zu Sal hochblicken; dadurch fühlte Adam sich erst recht unterlegen. Darum stand er auf. Während er die Hände in die Hosentaschen schob, beobachtete er Sal und fragte sich, was sein Nachbar wohl vorhatte.

„Schön, es geht im Leben nicht immer nur um Geld“, wiederholte Adam. „Was willst du mir damit sagen? Raus damit, dann sehen wir, ob wir uns einigen können.“

„Adam, Adam“, murmelte Sal. „Sei doch nicht immer so ungeduldig. Du solltest das Leben viel mehr genießen. Es ist nicht gut, ein Leben nur auf Geschäften aufzubauen.“

„Für mich läuft’s ganz gut so.“ Adam hatte kein Interesse an den Lebensweisheiten eines alten Mannes. Er wollte nichts darüber hören, wie man angeblich „das Leben genießen“ sollte. Er wollte nur das Land.

„Du warst früher mal anders“, sagte Sal in die entstandene Stille hinein. Sein Lächeln verschwand, der Ausdruck seiner dunklen Augen wirkte beinah mitleidig.

Adam fühlte sich unwohl. Das war ja das Blöde, wenn man in einer Kleinstadt lebte: Alle wussten alles über dich. Die Leute glaubten jedenfalls, sie würden Adam kennen. Sie glaubten zu wissen, was er empfand, was er dachte. Aber sie täuschten sich.

Er wollte keine guten Ratschläge und erst recht kein Mitleid. Sein Leben war genau so, wie er es sich wünschte. Von ...

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