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Sag doch einfach noch mal JA!

PROLOG

Zehn Jahre zuvor

Hillbrook Universitätscampus, Upstate New York

„Ich kann es kaum glauben. Das ist unsere letzte gemeinsame Nacht.“ Auf der Veranda hinter dem Haus setzte Reese Michaels sich in ihren Stuhl.

Ihre drei Mitbewohnerinnen saßen mit ihr draußen. Reese blickte auf den Sportplatz des Hillbrook College und die abfallende hügelige Landschaft dahinter. Hyazinthen in Pink, Weiß und Blau wuchsen im Gras, es roch nach Frühling in Upstate New York. Alles erwachte zu neuem Leben, alles veränderte sich. Genau wie ihr Leben. Und nicht nur, weil die „Fantastischen Vier“, wie jeder die Freundinnen nannte, schon bald getrennte Wege gehen würden.

Dieser traurige Umstand wurde von erwartungsvoller Aufregung verdrängt. Reese wollte ihren Freundinnen unbedingt die Neuigkeit berichten. Mason und sie hatten nämlich an diesem Morgen die Heiratslizenz beantragt …

„Zumindest können wir noch den heutigen Abend genießen.“ In Marnies Stimme schwang der träge Singsang des Südens mit. „Wir hätten es dir niemals verziehen, wenn du nicht zu unserem letzten großen Treffen wieder hier gewesen wärst, Reese.“

„Obwohl wir natürlich vollstes Verständnis dafür haben, wenn du mit deinem anbetungswürdigen Marine mehr als beschäftigt bist.“ Gina grinste verschwörerisch.

Das vertraute Gefühl machte sich in Reeses Magen breit, eine Mischung aus Hitze und freudiger Erwartung. Es trieb ihren Puls prompt in schwindelerregende Höhen. Das passierte ihr immer, wenn sie an Mason dachte – also durchschnittlich alle zweieinhalb Sekunden. Dann fühlte sie sich glücklich und voller Hoffnung und kam vor Sehnsucht nach ihm halb um.

„Seht sie euch nur an.“ Ginas britischer Akzent wurde deutlich. „Wie sie strahlt.“

„Also wenn du mich fragst“, lautete Marnies Meinung, „geht das alles viel zu schnell.“

Gina bedachte Marnie mit einem mitfühlenden Blick. „Die wenigsten Frauen sparen sich für die Ehe auf …“

Marnie schob sich eine blonde Strähne hinters Ohr. „Daran ist nichts verkehrt.“

„Ich sage ja nicht, dass es verkehrt ist.“ Gina hob eine Augenbraue. „Aber richtig ist es auch nicht.“

Mit einem Seufzer lehnte Reese sich zurück. So ging das jetzt schon seit Jahren. Die liebliche blonde Südstaatenschönheit gegen die zynische dunkelhaarige Gina. Und dann war da noch Cassie, die nüchterne australische Astrophysik-Studentin, die viel zu intelligent war und ihre Zeit lieber nutzte, um die Geheimnisse des Universums zu enträtseln, statt auch nur eine Minute an einen Mann zu vergeuden.

Sag’s ihnen, Reese. Sag ihnen, dass du in ein paar Tagen heiratest.

Vielleicht sollte sie die anderen besser erst einmal behutsam auf die Neuigkeit vorbereiten. „Mason ist … er ist der Eine.“ Dessen war sie ziemlich sicher.

Erst setzte schlagartig Stille ein, dann folgte ein kollektives Stöhnen.

„Oh Himmel, man reiche mir einen Eimer!“ Gina verdrehte die Augen. „Du bist eine hoffnungslose Romantikerin, Reese. Du glaubst doch wohl hoffentlich nicht all diesen Unsinn in den Liebesfilmen, die du dir ständig ansiehst, oder?“

Reese hatte Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. Von den dreien hatte sie sich von Gina die größte Unterstützung erhofft.

„Es ist unmöglich, dass du dich auf den ersten Blick in ihn verliebt hast“, verkündete Gina. „Lust, definitiv, aber Liebe? Wohl eher nicht.“

Selbst die nüchterne Cassie starrte sie entsetzt an. „Wie viel kannst du schon von ihm wissen, wenn du ihn erst eine Woche kennst?“

Reese wusste doch selbst, dass es verrückt war. Aber als sie sich vor acht Tagen in dem Diner in Brooklyn neben Mason gesetzt hatte, war sie sofort völlig bezaubert gewesen. Nicht einmal wegen der fantastischen Figur, auch nicht wegen des hinreißend wirren braunen Haars mit dem vorwitzigen Wirbel oder des attraktiven Gesichts, sondern wegen seiner wunderschönen grünbraunen Augen, in denen Schalk und verschmitzte Arroganz blitzten. Und Selbstbewusstsein. Ein Blick hatte gereicht, und sie … sie hatte es einfach gewusst.

Ihr Herz hatte sich verabschiedet, und es bestand wenig Aussicht, dass sie es je zurückbekommen würde. Da war es völlig unwichtig, wer er war oder was er tat. Es war unwichtig, dass ihre Eltern entsetzt sein würden über … nun über alles. Darüber, dass er aus einer heruntergekommenen Gegend in New Jersey stammte. Dass er ein rangniedriger Marine war. Und vor allem darüber, dass er es wagte, das Herz ihrer Tochter zu stehlen, die sie seit der Kindheit wie eine Märchenprinzessin für den perfekten Ehemann getrimmt hatten.

„Bei Milliarden von Menschen auf diesem Planeten ist es statistisch gesehen so gut wie unmöglich, den Einen zu finden.“ Cassie hielt sich grundsätzlich an Logik.

„Da kann ich unserem Superhirn nur recht geben.“ Gina deutete mit dem Kopf zu Cassie. „Du hast einen von vielen getroffen, Reese. Mason ist ein wahres Leckerli, und du bist schlicht deiner Libido auf den Leim gegangen.“ Gina bemerkte Reeses sinkende Laune nicht und grinste. „Aber … ich sage nur, genieße, solange es geht.“

Reese brauchte einen Moment, um sich den nächsten Schritt zu überlegen. Sie stand auf und nahm die leere Champagnerflasche, um sie in die Küche zu bringen. „Du denkst immer nur an das eine.“

„Genau!“, rief Gina ihr nach. „Und darum wollen wir auch Details hören.“

Reeses Wangen brannten, als die Verandatür hinter ihr ins Schloss schlug, denn die „Details“ waren äußerst pikant. Auf jeden Fall genoss sie jeden einzelnen Moment, den sie in Masons Bett verbrachte. Aber ihre Beziehung war so viel mehr als nur das Körperliche. Mason hatte sie verändert.

Ihr Geschichtsprofessor schüchterte sie nicht mehr ein, die nervigen Anrufe ihrer Mutter waren leichter zu ertragen, und die Zukunft lag jetzt hell und strahlend und nicht länger düster und ungewiss vor ihr.

Sie holte eine weitere Flasche aus dem Kühlschrank und warf eine Tüte Popcorn in die Mikrowelle. Während sie darauf wartete, dass die Maiskörner aufplatzten, dachte sie darüber nach, wie abwertend die Reaktionen ihrer Freundinnen auf ihr Geständnis ausgefallen waren.

Sie alle dachten, dass der Sex sie blind machte.

Zugegeben, es war schwer gewesen, Masons Bett heute Morgen zu verlassen, um sich auf den langen Rückweg nach Hillbrook zu machen, vor allem, als er die muskulösen Arme von hinten um sie geschlungen und sie an sich gezogen hatte. In der winzigen Küche in seiner Wohnhöhle in New Jersey war eine Hand gen Norden gewandert, die andere Richtung Süden – und Reese war verloren gewesen. Willig hatte sie sich seinen Verführungskünsten überlassen und überhaupt nicht mehr an ihr Geschichtsexamen gedacht. Jedes Mal, wenn Mason sie in Besitz nahm, fühlte sie sich wie in tausend Teile zersplittert und neugeboren zugleich. Sie barst dann regelrecht vor Leben und Liebe, genug, um die ganze Welt damit zu versorgen. Und als Mason sie gefragt hatte, ob sie ihn heiraten wollte, hatte sie, ohne zu überlegen, Ja gesagt.

Mason zu heiraten wäre leicht.

Es ihrer Familie und ihren Freundinnen zu sagen, das war der unangenehme Teil.

Der Geruch von leicht verbranntem Popcorn stieg ihr in die Nase. Hastig rettete sie die Tüte und schüttelte den Inhalt in eine Schüssel. Mit der Schüssel und der neuen Champagnerflasche ging sie zurück auf die Veranda.

„… garantiert eine grandiose Hochzeit“, hörte sie Marnie sagen, als sie nach draußen trat.

Ihr Herz setzte aus. „Wessen Hochzeit?“

„Die von Marnies großem Bruder.“ Ginas britischer Akzent trat wie immer überdeutlich hervor, wenn sie sarkastisch wurde. „Wenn Carter sein niedliches kleines Südstaatenpüppchen zum Altar führt.“ Sie rettete die Champagnerflasche, bevor sie Reese aus der Hand fallen konnte. „Warum hat das so lange gedauert?“, fragte sie mit gerunzelter Stirn. „Und warum sind die Leute dumm genug, schon in unserem Alter zu heiraten?“

Stumm sah Reese sie an.

Cassie rümpfte die Nase. „Du hast das Popcorn anbrennen lassen.“

Vielleicht stammt der Geruch auch von meinem Hirn, dachte Reese. Es lief zumindest gerade auf Hochtouren. Wie soll ich meinen Freundinnen die Neuigkeit mitteilen, wenn Gina es gerade als Schwachsinn bezeichnet hatte, in unserem Alter zu heiraten?

Gina ließ den Korken knallen und schenkte die Gläser nach. Ihre Augen ruhten auf den Langstreckenläufern, die auf dem Sportplatz trainierten … muskulöse Beine, sonnengebräunt, und der Rest war auch nicht zu verachten. „So viele umwerfende Männer“, murmelte sie und hob ihr Glas. „Und so viele Gründe, die Jungs zu vernaschen und schnellstens zu vergessen.“

Das war selbst für ihre Verhältnisse heftig. Reese kniff die Augen zusammen. „Was ist denn heute mit dir los?“

„Nichts.“ Die Engländerin rutschte tiefer in den Stuhl.

„Gib’s zu, Gina. Du bist nur zu uns gezogen, weil Reeses Haus den direkten Blick auf den Sportplatz bietet“, mutmaßte Marnie.

„Richtig geraten. Außerdem liebe ich unsere abendliche Klatschrunde.“ Sie stopfte sich eine Handvoll Popcorn in den Mund und verzog das Gesicht. „Verbranntes Popcorn und Dom Pérignon. Ich bin wirklich neugierig, wie deine Hochzeit eines Tages aussehen wird, Reese.“

Reeses Herz zog sich zusammen. Ob eine kurze Trauungszeremonie vor dem Friedensrichter als Hochzeit galt? Wohl kaum.

Und Gina, die Zynikerin, machte alles noch schlimmer. „Und da du die einzige Park Avenue-Prinzessin von uns bist und ich mich niemals an einen Mann binden werde, muss ich meine Neugier, was Hochzeiten angeht, wohl von dir befriedigen lassen. Also sieh zu, dass es ein rauschendes Fest wird.“

„Die Zeremonie ist doch eigentlich nebensächlich, wichtig ist nur der Bräutigam. Mir reicht eine einfache Trauung.“

Das allgemeine Gelächter war nicht unbedingt ermutigend. Hielten ihre Freundinnen sie wirklich für so oberflächlich?

„Also, jetzt mal ehrlich“, meinte Gina. „Der Großteil der Studenten zwängt sich im Wohnheim in Wohnklos mit Dusche. Aber deine Eltern haben dir ein nettes großes Haus mitten auf dem Campus gekauft.“

„Einschließlich Hausmeisterservice“, fügte Cassie hinzu.

„Genau. Du darfst also schon jetzt davon ausgehen, dass sie eine Hochzeit für dich schmeißen werden, die die unserer Royals in den Schatten stellt“, fuhr Gina fort.

„Im Moment magst du ja von Mason besessen sein“, schlug Marnie zu allem Überfluss noch in die gleiche Kerbe, „aber irgendwann wirst du einem der ganz großen Bosse von der Wall Street begegnen, der Moms und Dads Segen hat und um deine Hand …“

„Nein.“ Mit ihrem entschiedenen Tonfall überraschte Reese alle drei. Sie machte eine bedeutungsvolle Pause. Es war ihr wichtig, dass sie ihren Punkt klarmachte: nämlich das ihre Herkunft – entgegen der Meinung ihrer Freundinnen – keine Rolle spielte. „Wenn ich mein Jawort gebe, dann aus Liebe. Und es wird für immer sein.“ Sie befingerte die Armeemarke unter ihrer Bluse.

Mason hatte sie ihr heute Morgen um den Hals gehängt – damit sie an ihn dachte, bis sie sich im Rathaus wiedersahen. Diese simple Kette mit den Metallplättchen, auf denen sein Name stand, besaß mehr Wert für sie als ein Fünfkaräter und sogar mehr als das Smaragdcollier, das ihre Eltern ihr zum letzten Geburtstag geschenkt hatten.

Ihre Eltern.

Unwillkürlich schlossen sich ihre Finger fester um die Hundemarke. „Wenn ich heirate, werden Geld und Status keine Bedeutung haben.“

Gina hob skeptisch eine Augenbraue. „Und wissen deine Mom und dein Dad das schon?“

„Ich bin neunzehn.“ Reese beschloss, mit der Neuigkeit erst einmal noch zu warten. „Ich brauche keine Erlaubnis, wenn ich heiraten will.“ Sie hob ihr Glas und wechselte das Thema. „Auf unsere letzte gemeinsame Nacht.“

Die Mienen der Mädchen wurden ernst, als sie alle ihr Glas zum Toast hoben.

„Ihr wisst, dass ich euch liebe, oder?“ Reese sah in die Runde. Ihre Freundinnen würden ihr vergeben, dass sie ihr Geheimnis vorerst für sich behielt, bis sie Mrs Mason Hicks war. „Und das ist auch nicht das Ende unseres Kleeblatts“, sie lächelte, „sondern gerade erst der Anfang.“

1. KAPITEL

Reese stand auf einem niedrigen Podest in dem eleganten Salon inmitten der Antiquitäten aus dem achtzehnten Jahrhundert und strich sich mit den Händen über die weiße Satinkorsage. Das Hochzeitskleid schmiegte sich eng um ihre Taille, um sich dann in unzähligen Metern von Tüll über den Boden zu ergießen. Sie hatte nur ein einziges kleines Problem mit dem Kleid – wörtlich gemeint. Mit beiden Händen richtete sie ihren Busen.

Es war einfach nicht fair, dass die Brüste immer zuerst an Fülle verloren, wenn man abnahm.

„Lass es gut sein.“ Ambers Worte klangen leicht erstickt, da sie den Mund voller Stecknadeln hatte. „Wir brauchen Windbeutel.“

Seufzend ließ Reese die Hände sinken. „Mehr hat meine Schneiderin, Brautjungfer und zukünftige Schwägerin dazu nicht zu sagen?“ Vorwurfsvoll sah sie Amber an. „Die Brüste schrumpfen, also stopft man sich mit Windbeuteln voll?“

Der Rotschopf lief rot an. „Dein Bruder und ich sind nicht verlobt.“

„Noch nicht.“

Amber nahm die Nadeln aus dem Mund. „Im Moment geht es hier um deine Hochzeit. Und wenn du so weitermachst, wirst du nichts mehr haben, womit du dieses Brautkleid ausfüllen könntest. Soll die Korsage auf dem Weg zum Altar wie ein leerer Eimer scheppern?“ Konzentriert steckte die Freundin eine Nadel durch den Stoff unter Reeses Achsel, bevor sie fortfuhr: „Ich hab dir gesagt, dass du dir keinen Stress machen sollst. Du hast doch eine Hochzeitsplanerin, die sich um alles kümmert.“

„Die Frau treibt mich in den Wahnsinn. Sie weigert sich anzuerkennen, dass es meine Hochzeit ist.“ Reese blies sich den Pony aus der Stirn. „Ich verschwende mehr Zeit damit, meine Wünsche zu verteidigen, als mit allem anderen.“

Besorgt sah Amber sie an. „Wenn du diese Panik nicht ablegst, werde ich das Kleid an deinem Hochzeitstag noch einmal abnähen müssen. Der übrigens …“, sie steckte die letzte Nadel ein, „… schon in sechs Tagen ist.“

Sechs Tage! Nur noch sechs Tage, um dafür zu sorgen, dass alles perfekt ablief. Schon wollte sich Reeses Magen zusammenziehen, doch dann sah sie aus dem Fenster im ersten Stock des Bellington-Anwesens auf den makellos gepflegten Park hinaus, und ein stiller Frieden überkam sie. Die Hamptons im Juni waren immer ein Naturereignis. Der Frühlingsregen hatte magische Dinge mit den hundert Hektar angestellt, die die historische Fünfundzwanzig-Schlafzimmer-Villa umgaben. Das Anwesen erinnerte Reese an ein Schloss.

Ja, sie hatte den perfekten Ort für ihre Märchenhochzeit gefunden.

Dabei waren es nicht unbedingt die mit eleganten Antiquitäten eingerichteten Räumlichkeiten, auch nicht die wertvollen Kunstwerke an den Wänden oder die Türmchen auf dem Dach, die Reeses Entscheidung beeinflusst hatten. Sicher, der Park war perfekt für einen Hochzeitsempfang im Freien und der Kühlraum groß genug, um die Eisskulpturen unterzubringen, das hatte auch der Bildhauer gesagt. Nein, was sie von Anfang an überzeugt hatte, war die Atmosphäre heiterer Gelassenheit, die über dem Bellington-Anwesen lag. Nach den zwei Jahren, die sie und Dylan jetzt verlobt waren, war es der richtige Ort für die richtige Hochzeit mit dem richtigen Mann.

Reese stieß einen zufriedenen Seufzer aus. Das hier schlug eine impulsive Trauung in einem kleinen Rathaus um Längen. Die Achterbahnfahrt, die schwindelerregende Aufregung, ein grinsender Mason in Uniform, Reese in einem schlichten Sommerkleid …

Als mit den Erinnerungen auch die altbekannte Wut und der Kummer aufstiegen, presste sie die Lippen zusammen. Das war damals gewesen, hier ging es ums Jetzt. Sie war glücklich mit Dylan. Er brachte sie zum Lachen. Sie waren ein großartiges Team, nicht nur in beruflicher Hinsicht – sie mit ihrer Position als Vorsitzende der Brookes-Stiftung, der Wohltätigkeitsorganisation seiner Familie –, sondern auch privat. Auf einer „Sich-gegenseitig-ergänzen-Skala“ errangen sie Höchstwerte.

Dylan hatte eine perfekte Hochzeit verdient. Und sie endlich auch.

Wieder sah Reese auf ihr Dekolleté hinunter und versuchte, ihre linke Brust höher in das Korsagenkörbchen zu heben.

„Das hilft auch nicht. Die beiden Mädels wirken ein wenig unterernährt.“

Die männliche Stimme drang in ihr Bewusstsein, rührte an lang verdrängte Emotionen, die sich jetzt befreiten und aufstiegen wie Luftblasen in einem Moortümpel. Das Herz saß ihr plötzlich in der Kehle und machte ihr das Sprechen unmöglich. Wie in Zeitlupe nahm Reese die Hand aus der Korsage und lenkte den Blick auf die muskulöse Gestalt, die sie im Spiegel an den Türrahmen gelehnt stehen sah. Das Spiegelbild tat der vertrauten Aura aus Stärke und Arroganz keinen Abbruch, als Mason Hicks ihren Blick erwiderte.

Reese blinzelte. Sie hoffte ehrlich, dass ihre Fantasie ihr einen Streich spielte. Halluzinationen sollten bei nervösen Bräuten schon vorgekommen sein. So etwas konnte behandelt werden, aber … alle Medikamente der Welt würden ihr nicht helfen, einen unerwarteten Besuch von Mason durchzustehen. Doch Ambers verblüfft-neugierige Miene bestätigte ihr, dass ihr Exmann tatsächlich anwesend war.

„Mädels?“, echote sie und kam sich komplett albern vor.

„Die Zwillinge.“ Seine grünbraunen Augen mit den verboten langen Wimpern glitzerten schalkhaft, als er in den Raum und in ihre Richtung kam. „Das Holz vor der Hütte.“

Jetzt stand er neben ihr in seinem olivgrünen T-Shirt, so nah, dass sie seinen Duft wahrnahm, nah genug, um ihn zu berühren.

Ihre Miene musste so leer wirken, wie ihr Hirn es war.

„Brüste“, verdeutlichte er.

Das Wort brach den Bann und zerriss das Netz aus Sinnlichkeit, in dem dieser Mann sie schon vor so vielen Jahren gefangen hatte. Aber heute war sie älter. Und klüger.

Mit zusammengekniffenen Augen forderte sie ihn heraus, es nicht zu wagen, mit seiner Höhlenmensch-Auflistung der weiblichen Anatomie fortzufahren.

Er jedoch nahm Zuflucht in Direktheit. „Das letzte Mal, als ich dich gesehen habe, war dein Busen voller. Hier sind wohl ein paar Windbeutel angebracht.“

„Siehst du, der Mann ist meiner Meinung.“ Amber musterte Mason interessiert. „Oder wenigstens Eiscreme.“

Mason zog einen Mundwinkel in die Höhe. „Sie liebt Crème brûlée.“

Amber erwiderte das Lächeln. „Mit Karamellsauce.“

Dann richtete ihr Exmann seine Aufmerksamkeit wieder auf Reese. „Überrascht, mich zu sehen, Park Avenue?“ Das vertraute sexy Knurren und der alte Spitzname ließen die ganze Situation surreal erscheinen.

Reese war alles andere als begeistert. Sie hatte Mühe, ihr Temperament zu zügeln. Warum war er hier? Was wollte er nach zehn Jahren von ihr? Und warum ausgerechnet jetzt?

Sie zwang sich, ihre Stimme kühl zu halten. „Das letzte Mal, als ich dich gesehen habe, hast du dich unter der Hundemarke hinweggeduckt, die ich in deine Richtung geschleudert habe.“

„Zielen konntest du schon immer gut.“

Sie verzog die Lippen. „Ich hätte den Baseballschläger nehmen sollen.“

„Auf jeden Fall hast du damit die Scheidungsforderung sehr wirkungsvoll unterstrichen.“ Fältchen bildeten sich in seinen Augenwinkeln, als er lächelte. „Wie hieß das noch? Unvereinbare Differenzen?“

„Kurzfristige geistige Umnachtung hätte eher gepasst“, erwiderte Reese mit erhobenem Kinn.

„Oder Unzurechnungsfähigkeit aufgrund von Lust.“ Er hielt ihren Blick gefangen, seine Miene war nun eher nachdenklich. „Eine Droge“, murmelte er.

Ein enormer Druck legte sich auf ihre Brust und machte ihr das Atmen schwer. Nicht genug, dass er noch immer verboten gut aussehen musste, jetzt drängten sich auch noch die Erinnerungen in ihr Bewusstsein … Erinnerungen daran, wie sie sich geliebt hatten. An den Glückszustand, den sie erreicht hatten, bevor alles den Bach runtergegangen war.

Falsch: Bevor Mason alles den Bach runtergeschickt hatte.

Denk immer daran, Reese: Nie wieder.

„Sex ist keine Droge“, widersprach sie, obwohl sie damals ähnlich gedacht hatte wie er. Aber sie hatte ihre Lektion gelernt, und zwar auf die harte Tour. Heute ließ sie sich nicht mehr von ihren Hormonen gängeln. „Es war eher wie Treibsand.“ Tödlich für ihren Seelenfrieden und ihren gesunden Menschenverstand.

Mason musterte sie für einen Moment, die Mundwinkel nun wieder in die Höhe gezogen. „Vielleicht. Eine gute Art zu sterben.“

Die Standuhr in der Ecke schlug laut zur halben Stunde, aber lange nicht so laut wie Reeses Herz. Sie drehte den Kopf zu Amber, die das Schauspiel fasziniert mitverfolgte. „Könntest du uns für einen Augenblick allein lassen?“

„Ja … sicher.“ Amber rappelte sich auf. „Ich bin hier sowieso fertig. Außerdem bin ich in der Stadt mit Parker zum Lunch verabredet.“

„Geh nur. Ich werde Ethel bitten, mir aus dem Kleid zu helfen.“ Denn ganz bestimmt würde sie nicht ihren Ex fragen, die Knöpfe an ihrem Rücken zu öffnen.

Mit einem letzten anerkennenden Blick auf Mason verließ Amber das Zimmer. Reese konnte es ihr nicht verübeln. Mason umgab eine Aura gezügelter Kraft und Selbstsicherheit. Er war der Mann, den man in Notsituationen rief, damit er die Dinge wieder ins Lot brachte. Dafür war er ausgebildet worden. Doch als Ehemann war er eine Niete gewesen.

Sie nahm sich zusammen. „Ich glaube nicht, dass du hier bist, um meine Körbchengröße zu diskutieren, oder?“

„Nein. Obwohl ich das Thema faszinierend finde. Welche Größe trägst du dieser Tage?“ Er steckte einen Finger in ihre Korsage und zog ein wenig. „B?“

Seine Berührung jagte einen elektrischen Stromstoß durch ihren Körper – was Mason auf keinen Fall sehen durfte. „Das geht dich nichts an.“

„Da hast du recht.“ Lässig zog er die Hand wieder zurück.

Ihre Blicke verhakten sich ineinander, die Sekunden tickten. Reese hatte das Gefühl, in Masons Gegenwart zu ertrinken. Genau wie damals, als sie noch eine unerfahrene Studentin gewesen war. Und das nur, weil er sie ansah und flüchtig ihre Haut berührt hatte.

Er ist der Treibsand, Reese.

Aus einem unerfindlichen Grund fühlte sie sich zu einer Erklärung veranlasst – was sie nur noch wütender machte. „Als wir uns kennenlernten, war ich ein junges dummes Ding voll romantischer Ideale.“ Die sie in der kurzen Ehe mit ihm komplett verloren hatte.

Jetzt legte Mason die Hand an ihre Taille. „Die paar Extra-Kilos standen dir besser. Du hattest die perfekte Sanduhr-Figur. Jetzt bist du nur noch eine halbe Sanduhr.“

Reese ballte die Hände zu Fäusten. Er köderte sie, wollte ihr eine Reaktion entlocken. Doch den Gefallen würde sie ihm nicht tun.

Ihr Exmann befühlte den Tüll. „Ist das Kleid nicht ein bisschen übertrieben?“

Die perlenbestickte Korsage war ein Traum, auch wenn der Rock etwas fülliger ausgefallen war als geplant. Aber in dem Kleid fühlte Reese sich wie etwas wirklich Besonderes. Sie fühlte sich schön. Und Dylan ließ sie sich auch so fühlen.

Bei Mason war sie sich zum Schluss wie wertloser Tand vorgekommen.

„Wenn man bedenkt, was du bei unserer Hochzeit getragen hast …“ Er rieb den Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger. „Da frage ich mich doch, ob du vielleicht etwas zu kompensieren hast.“

Ihre Wut kochte über. Sie schlug seine Hand weg und ignorierte das Prickeln, das ihren Arm hinaufkroch. Ihr Körper reagierte auf die Erinnerungen, nicht auf den Mann. „Glaub mir, Mason, als ich mich für das Kleid entschied, habe ich kein einziges Mal an unsere katastrophale Ehe gedacht.“ Reichte es nicht, wenn sie der Hochzeitsplanerin alles erklären musste? „Ich möchte dich bitten zu gehen.“

„Ich bin doch gerade erst gekommen.“

„Und ich habe eine Hochzeit zu organisieren, was heißt, dass ich keine Zeit für deine Psychosen habe.“

Schockiert kniff er die Augen zusammen. „Psychosen?“

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