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Sag Ja zur Liebe, Vienna

1. KAPITEL

Bremsen kreischten, Reifen quietschten, und Georges Armand machte sich auf das Unvermeidliche gefasst.

Warum unvorhersehbare Ereignisse ihn immer wieder aufs Neue erschütterten, vermochte er selbst nicht zu sagen. Eigentlich müsste er doch genau daran gewöhnt sein, denn sein ganzes bisheriges Leben war unberechenbar verlaufen.

Georges war der zweite Sohn von Lily Moreau, einer Künstlerin mit legendärem Ruf – und das nicht nur wegen ihrer Kunst, sondern vor allem wegen ihres Hangs zu einem unangepassten Verhalten. Bei einigem guten Willen konnte man es als bohemehaft bezeichnen. Ihr Leben „unkonventionell“ zu nennen, wäre in etwa dasselbe, als würde man eine kriegerische Auseinandersetzung zu einem „leichten Missverständnis“ erklären.

Lily tanzte unstet wie ein Schmetterling durch das Leben ihrer Kinder. Für Georges war Verlässlichkeit immer ein Fremdwort gewesen. Der Einzige, auf den er als Kind hatte zählen können, war sein älterer Bruder Philippe. Der Rest seiner Kinderwelt schien ständig in Bewegung und nicht greifbar gewesen zu sein.

Seit vier Jahren arbeitete er als Chirurg in Ausbildung im Blair-Memorial-Krankenhaus, aber sein Leben verlief trotzdem weiterhin in ähnlich chaotischen Bahnen. Vor allem seine Dienste in der Notaufnahme waren alles andere als gleichförmig. Manchmal plätscherten die Stunden ereignislos dahin, dann, von einer Sekunde auf die andere, brach plötzlich ohne Vorwarnung die Hölle los.

So wie auch heute Nacht.

Nach einer Doppelschicht im Krankenhaus hätte er sich eigentlich ein paar Stunden Schlaf gönnen sollen, um sich von seiner anstrengenden Arbeit zu erholen. Stattdessen hatte er beschlossen, noch auszugehen. Ganz der Sohn seines Vaters, liebte er Trubel um sich herum.

Mit seinem blendenden Aussehen, den unwiderstehlich blauen Augen und einem betörenden Lächeln zog er Frauen geradezu magnetisch an. Seit seinem zehnten Geburtstag konnte er sich über einen Mangel an weiblicher Gesellschaft nicht beklagen. Von Kind auf hatte er eine Schwäche für Frauen – für große und kleine, für mollige und dünne, für alte und junge. Für ihn spielte das Aussehen keine Rolle, er hielt jede Frau auf ihre Weise für schön und seiner Zuwendung und Aufmerksamkeit wert.

Für eine begrenzte Zeit.

Sie waren drei Brüder: Philippe, drei Jahre älter als er, Alain Dulac, drei Jahre nach ihm geboren, und er selbst, der seiner Mutter am meisten ähnelte. Jeder von ihnen hatte einen anderen Vater. Offenherzig, wie sie nun einmal war, hatte Lily mehr als einmal kundgetan, noch nie einen Mann kennengelernt zu haben, der ihr nicht gefallen hätte – wenn auch jeweils nur für einen begrenzten Zeitraum.

Heute Abend war Georges zu Diana unterwegs. Vor vier Wochen war er ihr zum ersten Mal begegnet. Weil sie verdorbenes Sushi gegessen hatte, war sie mit Magenschmerzen in der Notaufnahme erschienen. Er hatte ihr ein Medikament verschrieben und sie wieder heimgeschickt.

Seitdem hatte er sich ein paar Mal mit ihr verabredet. Diana war brünett, hatte braune Augen und sprühte vor Lebendigkeit. Aber ihr größter Vorzug war, dass sie nicht an einer festen Beziehung interessiert war. Das kam ihm entgegen. Mit Frauen wie ihr konnte man unbeschwert zusammen sein, ohne gleich befürchten zu müssen, dass sie Zeichen missdeuteten und insgeheim schon die Hochzeitsglocken läuten hörten. Mit anderen Worten: Diana war vollkommen.

Als Georges in seinen knallroten Sportwagen – ein Geschenk von Lily zum erfolgreichen Studienabschluss – eingestiegen war, hatte er sich schon einmal den vor ihm liegenden Abend ausgemalt: ein kleines Essen, ein, zwei langsame, gefühlvolle Tänze und sehr viel Romantik.

Aber damit war es von einer auf die andere Sekunde vorbei.

Das Kreischen der Bremsen ließ ihn ruckartig das Lenkrad herumreißen, sodass der Wagen halb die Böschung hinaufschleuderte und zum Halten kam – gerade noch rechtzeitig, bevor der alte, blaue Sedan in sein Heck krachen konnte. Dessen Fahrer hatte weniger Glück, denn der schwarze Mercedes dahinter erfasste sein Auto mit voller Wucht.

Im Rückspiegel beobachtete Georges, dass der Sedan unkontrolliert, wie von einem Wirbelsturm erfasst, über die Straße schleuderte. Er sprang aus dem Wagen.

Aber es war nicht nur der Arzt in ihm, der ihn keinen Augenblick nachdenken ließ. Es war der Instinkt, anderen zu helfen, den Philippe in die richtigen Kanäle gelenkt hatte. Sein großer Bruder hatte ihm beigebracht, in jeder Situation, selbst im größten Chaos, die Ruhe und den Überblick zu bewahren. Philippe glaubte an die Verantwortung anderen Menschen gegenüber, und Georges glaubte an Philippe.

Seiner Überzeugung nach verdankte er alle seine guten Eigenschaften seinem älteren Bruder. So wie er das Aussehen von seiner Mutter und sein nicht unbeträchtliches Vermögen von seinem verstorbenen Vater, Lilys zweitem Ehemann, geerbt hatte. André Armand hatte es mit der Herstellung eines verführerischen und zugleich erschwinglichen Parfüms zum Millionär gebracht. Lily war aus sentimentalen Gründen und trotz ihres vielen Geldes diesem Duft treu geblieben.

Der schwarze Mercedes, der den Unfall verursacht hatte, raste so knapp an ihm vorbei, dass Georges zurückspringen musste, wollte er nicht von dessen Kühlerhaube erfasst werden. Flüchtig konnte er einen dunkelhaarigen Mann mittleren Alters hinter dem Lenkrad erkennen, und geistesgegenwärtig versuchte er, das Nummernschild zu entziffern. Dann war der Wagen hinter einer der vielen, für die südkalifornische Küstenstraße so typischen Kurven verschwunden.

Das alles geschah, so kam es ihm vor, im Bruchteil einer Sekunde.

Georges rannte zu dem blauen Sedan, der endlich, entgegen der Fahrtrichtung, zum Stehen gekommen war. Eine Frau schrie. Soviel er sah, befand sich außer ihr nur noch ein Mensch im Auto, ein grauhaariger Mann, der über dem Lenkrad zusammengesunken war. Aus der Motorhaube züngelten kleine Flammen.

Georges wollte die Beifahrertür öffnen, aber durch den Aufprall war sie so verzogen, dass es ihm nicht gelang. Hektisch versuchte er, das Fenster mit dem Ellbogen einzuschlagen. Vergeblich.

Die Frau im Wagen sah ihn mit vor Schrecken geweiteten Augen an. Sie war jung und blond und stand offensichtlich unter Schock. Verzweifelt drückte sie auf alle möglichen Knöpfe, um den Fenstermechanismus in Bewegung zu setzen. Nichts geschah. Die Scheibe rührte sich nicht.

Er brauchte irgendetwas Hartes, vielleicht einen Wagenheber, als Werkzeug. Aber ihm blieb nicht mehr genug Zeit, um zu seinem Wagen zurückzurennen. Der Sedan konnte jeden Moment explodieren. Im selben Moment entdeckte er am Straßenrand einen großen Stein.

„Ziehen Sie den Kopf ein“, brüllte er die Frau an.

Sie gehorchte und versuchte gleichzeitig, den bewusstlosen Mann neben sich mit ihrem Körper zu schützen. Georges holte aus und rammte den Stein mit aller Wucht auf das Glas. Es zersprang in tausend Splitter.

„Los“, befahl er. „Raus hier.“

Die Frau schüttelte den Kopf. „Ich kann ihn nicht allein lassen!“

Georges sah auf den Mann. Er war alt, zu alt, um ihr Ehemann oder sogar ihr Vater zu sein. Seine Stirn war blutig, und er hatte das Bewusstsein verloren. Aber er schien zu atmen.

Jetzt war keine Zeit, lange zu argumentieren. Und so beugte Georges sich in den Wagen und packte die Frau trotz ihrer verzweifelten Gegenwehr kurz entschlossen an der Taille.

„Erst Sie, dann er“, erklärte er fest, und bevor sie noch etwas erwidern konnte, zerrte er sie schon durch die Fensteröffnung nach draußen. Im Rahmen steckten noch Splitter und zerkratzten seine Haut.

„Mein Großvater!“, weinte die Frau, als sie auf zittrigen Beinen neben ihm stand.

Über die Fahrertür, die sich nur wenige Zentimeter neben der steilen Böschung befand, konnte Georges den Mann nicht befreien. Und so vertraute er auf das Glück, das ihn sein Leben lang begleitet hatte, und kroch durch die Fensteröffnung in den Wagen. Er ließ den Sicherheitsgurt aufschnappen und zog den regungslosen Verletzten zu sich heran. Danach kletterte er vorsichtig über ihn hinweg auf den Fahrersitz.

Die Frau ahnte, was er vorhatte. „Schieben Sie ihn zu mir“, drängte sie. „Ich ziehe ihn heraus.“

Dass ihr das gelang, bezweifelte Georges allerdings stark. Sie sah aus, als könnte sie keine zehn Kilo tragen, ohne zusammenzubrechen. Aber sie hatten keine Wahl und mussten es wenigstens versuchen.

Es gelang ihm, den Oberkörper des Mannes durch die Fensteröffnung zu hieven. Die Frau fasste den Ohnmächtigen unter beiden Armen und zog mit aller Kraft. Georges half nach, so gut er konnte, und im nächsten Moment hatten sie es geschafft.

Fast zeitgleich machte er einen Hechtsprung ins Freie und rollte sich auf dem Pflaster ab. Blitzschnell war er wieder auf den Beinen, packte den alten Mann um die Taille und hielt ihn mit der Schulter aufrecht.

„Nichts wie weg hier!“, schrie er.

Aber statt die Flucht zu ergreifen, stützte die junge Frau ihren Großvater auf der anderen Seite.

Georges meinte, ihn etwas murmeln zu hören, das klang wie: „Lasst mich.“

Aber vielleicht bildete er sich das auch nur ein. Es spielte auch keine Rolle, denn niemals würde er den offensichtlich Schwerverletzten einfach liegen lassen – schon gar nicht nach all der Mühe, die er sich mit ihm gegeben hatte.

Sie waren gerade bei seinem Wagen angekommen, als die Flammen fauchend aus dem Sedan schlugen. Georges warf sich über Großvater und Enkelin, und im selben Augenblick explodierte das Auto mit einem ohrenbetäubenden Knall.

Nach ein paar Sekunden erhob Georges sich auf die Knie und fühlte nach dem Puls des alten Mannes. Nichts.

„Was ist?“, wollte die Frau, der Panik nahe, wissen.

Georges legte die Hände flach auf die Brust ihres Großvaters und begann rhythmisch zu pressen, um das Herz wieder zum Schlagen zu bringen.

„Sieht so aus, als hätte er einen Herzanfall erlitten.“

„Nein!“ Sie kniete sich auf die andere Seite. „Großvater, hörst du mich?“, flehte sie ihn an. „Du kannst doch jetzt nicht aufgeben!“

Keine Reaktion.

„Ich glaube nicht, dass er Sie hört“, meinte Georges zwischen zwei Pressbewegungen.

Er bog den Kopf des Mannes nach hinten, hielt seine Nase zu und begann, Luft in seinen Mund zu blasen, einmal, zweimal, dreimal. Dann fuhr er mit dem Zusammenpressen des Brustkorbs fort.

Noch immer kein Lebenszeichen.

Aber Georges verschwendete keinen Gedanken daran, dass sein Bemühen keinen Erfolg haben könnte, sondern konzentrierte sich ganz auf seine Aufgabe. Seine Umgebung nahm er nur noch wie durch einen Filter wahr.

„In meiner linken Manteltasche ist ein Handy“, sagte er.

Was für eine absurde Situation für die erste Begegnung mit einer bemerkenswerten Frau, durchfuhr es ihn. Denn trotz seines Kampfes um ein Menschenleben war es ihm nicht entgangen, dass er die attraktivste Frau neben sich hatte, die ihm je über den Weg gelaufen war.

„Ich habe es“, stieß sie nach einigem Herumtasten atemlos hervor und fing an, die Notrufnummer einzutippen.

„Nicht die 911“, befahl er und diktierte ihr die Nummer des Blair-Memorial-Krankenhauses. „Da ist man besser auf solche Notfälle eingerichtet.“ Er warf ihr einen schnellen Blick zu. „Und Sie wollen doch das Beste für Ihren Großvater, nehme ich an?“

Sie machte sich nicht die Mühe, ihm zu antworten, sondern konzentrierte sich ganz auf den Wählvorgang.

Unmittelbar darauf meldete sich ein Mann, und sie gab ihm alle Informationen, die er haben wollte. „Bitte beeilen Sie sich“, drängte sie.

„Das darf man voraussetzen“, meinte Georges.

Sie sah ihn verständnislos an. Atme endlich, Grandpa, flehte sie innerlich, ich brauche dich doch! Du hast mir doch ganz fest versprochen, dass du mich nie allein lässt!

„Was?“, gab sie zurück.

„Dass sie sich beeilen.“

Georges setzte sich zurück, und Entsetzen packte sie. „Warum hören Sie damit auf?“, wollte sie wissen. Ihre Stimme zitterte. „Warum machen Sie nicht weiter?“

Er lächelte. Natürlich war es im Grunde genommen noch zu früh für das Triumphgefühl, das ihn erfasst hatte, denn der alte Mann war noch längst nicht außer Gefahr. Aber er wollte seine Freude trotzdem nicht unterdrücken. „Weil sein Herz wieder schlägt.“

„Von selbst?“

Georges nickte. „Ja.“

Tränen sammelten sich in ihren Augen, und im nächsten Augenblick warf sie sich an seine Brust und küsste ihn.

Genauso schnell, wie sie sich auf ihn gestürzt hatte, löste sie sich wieder von ihm.

Er schmeckte einen Salzgeschmack auf seinen Lippen, den Geschmack der Tränen, die ihr übers Gesicht liefen.

Salzig und zugleich sehr süß, dachte Georges.

„Danke“, stieß sie atemlos hervor. „Vielen, vielen Dank.“

Gleich darauf galt all ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Großvater. Sie nahm seine Hand und drückte sie an die Wange. „Streng dich an, Großvater. Hilfe ist unterwegs.“

Für den Bruchteil einer Sekunde traf sich ihr Blick mit dem ihres Retters, und er verlor sich in ihrem Lächeln.

Er musste sich zwingen, sich wieder seinem Patienten zuzuwenden und den Pulsschlag zu überprüfen. Automatisch zählte er mit. Die junge Frau sah ihn an und wartete offenbar auf ein beruhigendes Wort.

„Der Puls ist immer noch ein bisschen schwach und unregelmäßig“, informierte er sie. „Ihr Großvater muss auf jeden Fall heute im Krankenhaus bleiben. Dort wird man ihn näher untersuchen.“ Der Mann hatte bemerkenswert wenig Falten, aber er schätzte ihn doch auf Ende sechzig, Anfang siebzig. „Sind Ihnen irgendwelche Krankheiten bekannt?“, wollte er jetzt wissen.

„Er hat immer mal wieder leichte Herzbeschwerden und Diabetes. Davon abgesehen war er immer gesund.“

„Das könnte natürlich zu Komplikationen führen.“

Seine neue Bekannte schob sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie hielt die Hand ihres Großvaters ganz fest. „Sind Sie Arzt?“

Georges lächelte. „Ja. Am Blair Memorial Krankenhaus.“ Er dachte an den Belegarzt, für den er zurzeit arbeitete. Der Mann hielt Krankenhausärzte für eine niedere Daseinsform, nur unwesentlich höher einzustufen als Laborratten. „Ich bin noch in der praktischen Ausbildung zum Chirurgen, aber für manche Leute ist das schon fast so etwas wie ein Halbgott.“

Ihr Blick wurde weich, als sie ihren Retter anlächelte. Sie wusste, was sie ihm zu verdanken hatte. „Vienna Hollenbeck“, stellte sie sich vor.

Georges brauchte eine Sekunde, um sich darüber klar zu werden, dass er nicht irgendwelche Glocken läuten hörte, sondern das schrille Sirenengeheul eines Krankenwagens.

2. KAPITEL

Nathan Dooley bedachte Georges mit einem breiten Lächeln. Der Ambulanzfahrer des Blair Memorial rollte gerade gemeinsam mit einem Kollegen die Trage aus dem Krankenwagen. „Reicht Ihnen die Arbeit in der Notaufnahme nicht mehr, Doktor? Halten Sie jetzt schon auf der Straße Ausschau nach Patienten?“

„Reiner Zufall, dass ich gerade da war“, erwiderte Georges.

„Oder Schicksal“, gab Nathan zu bedenken. Obwohl er lächelte, schien es ihm ernst zu sein.

Lily glaubte an das Schicksal, daran, dass das Leben aus einer Mischung aus glücklichen Fügungen und unabwendbarem Unglück bestand. Und dieser Glaube verlieh ihr selbst in schwierigen Situationen eine erstaunliche Unerschütterlichkeit.

Ihr Sohn Georges hingegen wusste nicht, woran er glauben sollte – außer an glückliche Zufälle. So wie der alte Mann einfach Glück gehabt hatte, dass ein Arzt an Ort und Stelle gewesen war, um ihm und seiner Enkelin das Leben zu retten.

Es war ein schöner Gedanke, fand Georges, zu etwas nütze zu sein. Und Erlebnisse dieser Art waren es denn auch, die das Leben für ihn lebenswert machten.

Auch dafür musste er Philippe dankbar sein. Denn ohne seinen Bruder hätte er einfach nur Gott einen guten Mann sein lassen und sich von einer Party in die andere gestürzt, wäre auf diese Weise in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Sein Geld hätte ausgereicht, um für den Rest seines Lebens als Playboy durch die Welt zu tingeln.

Aber Philippe hatte ihn daran gehindert, auch wenn Georges ihn in seiner Jugend als humorlosen Tyrannen empfunden hatte. Inzwischen war er längst froh und dankbar dafür, dass Alain und Philippe immer für ihn da gewesen waren.

„Ich will bei ihm bleiben“, sagte Vienna, die neben ihm stand, und riss ihn damit aus seinen Gedanken.

Nathan nickte, aber der zweite Pfleger hielt sie auf. „Tut mir leid. Das ist gegen die Vorschriften.“

Mit diesen Worten wollte er die Doppeltür des Krankenwagens hinter der fahrbaren Trage schließen, aber Georges griff ein. „Lassen Sie sie.“ Das war ein Befehl, auch wenn seine Stimme ruhig klang. „Sie hat viel durchgemacht.“

Der Pfleger runzelte die Stirn, nicht bereit, so ohne Weiteres nachzugeben. „Vorschriften sind Vorschriften. Hinten dürfen nur Patienten und Personal mitfahren.“ Er presste die Kiefer zusammen.

Georges setzte sein gewinnendstes Lächeln auf. „Haben Sie ein Einsehen …“, sein Blick wanderte auf das Namensschild am Kittel des Pflegers, „… Howard. Erlauben Sie der jungen Dame, ihren Großvater zu begleiten.“

Nathan mischte sich ein. „Na, komm schon, Howie“, meinte er mit einem breiten Lächeln. „Wer weiß, vielleicht kommst du ihm eines Tages mal unters Messer. An deiner Stelle wäre ich lieber vorsichtig.“

Howard zögerte.

„Wenn jemand Ihnen Schwierigkeiten macht, schicken Sie ihn zu mir“, riet Georges. „Ich übernehme die volle Verantwortung.“

„Das ist leicht gesagt“, brummte Howard. Ganz offensichtlich war er nicht sehr glücklich über diese Entwicklung. Er sah zu Vienna hinüber, dann siegte sein Respekt vor dem Vorgesetzten. „Also gut. Kommen Sie.“

„Vielen, vielen Dank!“ Bei allem Kummer schenkte die junge Frau dem Pfleger nun doch ein Lächeln.

Georges half ihr beim Einsteigen.

Sie wollte seine Hand nicht loslassen. „Können Sie nicht auch mitfahren?“

Er zögerte.

„Bitte!“

Für ihren Großvater konnte er im Moment nichts mehr tun. Bis zum Krankenhaus war es nicht weit, und dort würden seine Kollegen den Patienten übernehmen. Außerdem hatte er eine Verabredung.

Georges versuchte, ihr die Hand zu entziehen. „Ich …“

Entschlossenheit sprach aus ihrem Blick. „Sie haben doch gesagt, dass Sie im Blair Memorial arbeiten, oder?“

Georges nickte.

„Dann haben Sie den anderen Ärzten dort einiges voraus. Sie haben den Unfall miterlebt, und Sie haben meinen Großvater behandelt. Bitte“, sagte sie noch einmal. „Ich will nicht später denken müssen, dass er noch leben könnte, wenn der Arzt damals dageblieben wäre und …“

Am Ende war es dieser leichter Tränenschleier in ihren Augen, gegen den er machtlos war. Genauso gut hätte jemand ihn in Handschellen abführen können.

„Ich streite nie mit jungen Damen in Nöten“, erklärte Georges galant und sah gleich darauf zu Howard hinüber. „Keine Angst, ich quetsche mich nicht auch noch in Ihr Reich. Ich fahre in meinem Wagen hinterher. Okay?“, fragte er in Richtung Vienna.

Sie presste die Lippen zusammen, um ein Aufschluchzen zu unterdrücken. Es fehlte nicht viel, und sie wäre zusammengebrochen. Eine Vorstellung, die sie über alle Maßen beunruhigte, hatte sie sich doch immer als starke, durch nichts aus der Bahn zu werfende Frau gesehen. Aber es schien, dass sie doch nicht so unverletzlich und unerschütterlich war, wie sie immer angenommen hatte.

„Ja“, brachte sie kaum hörbar heraus. „Das ist okay.“

Georges drückte ihr kurz die Hand und versprach: „Ihr Großvater wird wieder gesund.“

Bevor Howard nachdrücklich die Tür schloss, gab er noch undefinierbare, eher missbilligende Laute von sich.

Langsam ging Georges zu seinem Wagen zurück und ließ den Motor an. Ihm ging durch den Kopf, dass er gerade eine wichtige Regel gebrochen hatte: Kein Versprechen zu geben, von dem er nicht wusste, ob er es halten konnte. Aber wie hätte er es schaffen sollen, ohne einen Trost in diese blauen Augen zu schauen? Wenn es ihr damit besser geht, was schadet es schon?, fragte er sich.

Abgesehen davon glaubte er nicht, dass der alte Herr innere Verletzungen davongetragen hatte. Andererseits wusste er nur zu gut, dass der äußere Anschein täuschen konnte. Schließlich hatte er selbst sich nicht nur einmal beim Stellen einer ersten Diagnose geirrt.

Trotzdem … Warum sollte er Vienna unnötig belasten? Er war von Natur aus Optimist, schon von klein auf. Diese Lebenseinstellung hatte er von seiner Mutter geerbt. Es hat keinen Zweck, immer gleich vom Schlimmsten auszugehen, lautete einer ihrer Lieblingssprüche. Wenn es dann doch dazu kommt, merkt man es immer noch früh genug.

Das Blair Memorial war ein imposantes Gebäude, das mitten auf einer Anhöhe thronte. Ständig wurden neue Anbauten errichtet, die dem Haus einen provisorischen Charakter verliehen. Seit seinen Anfängen vor fast fünfzig Jahren war es auf das Dreifache seiner ursprünglichen Größe erweitert worden. Was nur aufgrund großzügiger Spenden der Familie Blair und anderer Wohltäter möglich gewesen war. Diese finanzielle Ausstattung erlaubte auch eine überdurchschnittlich gute medizinische Versorgung der Patienten, die für den fast legendären Ruf des Hauses verantwortlich war.

Kein Patient wurde je zurückgewiesen, und Arme wurden ebenso sorgfältig behandelt wie Reiche, auch wenn dieses ungeschriebene Gesetz bedeutete, dass Ärzte und Pflegepersonal immer wieder ihre Freizeit opfern mussten. Georges war stolz darauf, dass er hier arbeiten durfte.

Der Krankenwagen hielt vor dem Eingang zur Notaufnahme an, und Georges parkte sein Auto direkt dahinter.

„Danke, dass Sie mitgekommen sind“, sagte Vienna Hollenbeck schüchtern, als er ihr entgegeneilte und ihr aus dem Wagen half.

„Das ist Teil meines Jobs“, behauptete er.

„Unterwegs Patienten aufzusammeln?“ Sie zwang sich zu einem Lächeln.

Einem kleinen Lächeln, das ihn ahnen ließ, wie strahlend es unter anderen Umständen sein konnte. Und Georges nahm sich vor, das eines Tages zu überprüfen.

„Nein, zu helfen, wo ich kann.“

Er legte ihr die Hand auf den Rücken und schob sie sanft durch die Tür. Warme Luft schlug ihnen entgegen. Der diensthabende Arzt und ein Pfleger eilten ihnen entgegen.

„Was haben wir da?“, erkundigte Alex Murphy sich noch im Laufen und zog seine Gummihandschuhe über. Als er Georges erkannte, blieb er erstaunt stehen. Sie waren sich erst vor wenigen Stunden begegnet, als er den Kollegen im Dienst abgelöst hatte.

„Ein Freund von Ihnen?“, vermutete er.

Georges schüttelte den Kopf. „Unfall mit Fahrerflucht. Es ist direkt hinter mir passiert. Auf der Küstenstraße.“ Dass er selbst nur knapp einem Zusammenstoß entkommen war, erwähnte er nicht. Dramatische Schilderungen lagen im Zuständigkeitsbereich seiner Mutter, ihm lag so etwas weniger. „Der Mann hatte einen Herzstillstand, aber ich konnte ihn reanimieren.“

Mit knappen Worten berichtete er, was passiert war. Weitere Einzelheiten wie Blutdruck und Puls lieferte Howard, der immer noch einen gekränkten Eindruck machte.

Viennas Blicke ruhten auf Georges, als erwartete sie von ihm ein wie auch immer geartetes Wunder.

Murphy war ein ausgezeichneter Arzt und bedurfte keines Beistands, aber um Vienna zu beruhigen, wandte Georges sich noch einmal an ihn. „Es wäre gut, wenn Sie gleich eine Angio machen ließen. Der Patient leidet an Diabetes und hat offenbar eine leichte Herzschwäche.“

Zu Vienna gewandt erklärte er: „Über eine Angiografie können wir seine Blutgefäße sichtbar machen. Wir spritzen ihm ein Kontrastmittel.“

Murphy sah auf die junge Frau neben Georges und nickte dann verständnisvoll. „Gut. Mache ich.“ Er drehte sich zu der Krankenschwester um, die inzwischen herbeigeeilt war. „Sie haben gehört, was Dr. Armand gesagt hat. Checken Sie den Patienten bitte gründlich durch.“

Schwester und Pfleger setzten sich mit der fahrbaren Trage in Bewegung. Vienna wollte folgen, aber Georges hielt sie am Arm fest. Erschrocken sah sie zu ihm auf.

„Da dürfen Sie leider nicht mit hinein“, erklärte er und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. „Keine Angst, sie bringen ihn bald zurück.“

Dr. Murphy verschränkte die Arme vor der Brust. „Sonst noch etwas?“, erkundigte er sich milde amüsiert.

Georges nickte. Natürlich wusste er, wie eifersüchtig manche Ärzte ihren Arbeitsbereich verteidigten und keinerlei Einmischung vertrugen. „Wenn es Sie nicht stört, würde ich mich einfach gern noch ein bisschen nützlich machen.“

Sein Ruf als Frauenfreund war legendär im Blair Memorial.

„Tun Sie, was Sie nicht lassen können“, sagte der ältere Kollege mit einem kleinen, etwas wehmütigen Lächeln. Seine wilden Tage waren seit seiner Hochzeit vor fünf Jahren vorbei.

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