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Sag: Ja, ich will

1. KAPITEL

„Nein, ich kann nicht. Ich kann das nicht tun!“

Der sichere Erdboden war so furchtbar weit weg. Fern Chambers blickte in den Abgrund hinunter und spürte, wie eine Welle der Übelkeit in ihr aufstieg. Die Themse glitzerte in der strahlenden Junisonne, während die Bewohner von London rund fünfzig Meter weiter unten ihren täglichen Geschäften nachgingen. Irgendjemand hinter ihr murmelte ungeduldig: „Springt sie jetzt, oder springt sie nicht?“

Sie schluckte. Ihr Körper war völlig verkrampft. Rasch schloss sie die Augen, doch das machte alles nur noch schlimmer. Der dumpfe Verkehrslärm schwoll an, und das Bungeeseil um ihre Füße pendelte im Wind. Fern taumelte.

Nein. Sie würde das nicht tun.

Hektisch wollte sie zurückweichen, öffnete die Augen und suchte verzweifelt nach Worten, um dem Veranstalter zu sagen, dass dies ein furchtbares Missverständnis war. Doch ehe sie auch nur einen Ton herausbekam, spürte sie plötzlich zwei Hände um ihre Taille.

„Es geht dir gut. Nicht wahr, Fern?“

Im ersten Moment vergaß sie beinahe, wo sie war – hoch oben auf einem Kran am Ufer der Themse. Genauso wie sie beinahe die Menge der Schaulustigen und die Organisatoren dieser Wohltätigkeitsveranstaltung vergaß, die von unten zu ihr raufblickten. Diese Stimme kannte sie!

Josh war hier.

Er stand direkt hinter ihr und flüsterte ihr beruhigende Worte ins Ohr. Zwar schien ihr Puls nicht zu wissen, ob er sich beschleunigen oder lieber ganz zum Stillstand kommen sollte, dennoch fühlte sie sich merkwürdigerweise sicher, jetzt, wo er ihr so nah war, dass sie seinen Herzschlag spüren konnte.

„Ja“, wisperte sie. Halb glaubte sie selbst daran.

„Also … Ich werde bis drei zählen, und wenn ich ‚jetzt‘ sage, dann lässt du dich einfach fallen.“

Er besaß diese wunderbar tiefe Stimme. Sie war so verzaubert von deren Klang, dass sie seine eigentlichen Worte kaum registrierte. Urplötzlich sagte er ‚drei‘.

„Aber ich …“

Er schrie nicht – das nächste Wort sprach er ganz sanft. „Jetzt.“

Im nächsten Moment fiel sie – sie fiel und fiel, und ihr stockte der Atem, sodass sie nicht mal schreien konnte.

Drei Tage zuvor

„Nein danke.“ Fern schüttelte einmal kurz den Kopf und hoffte, dass Lisette die Botschaft verstand. Natürlich hätte sie es besser wissen müssen. Ihre Freundin hielt ihr mit der Gabel irgendein schleimig aussehendes Zeug vors Gesicht – so nah, dass sie schielen musste, um überhaupt einen Blick darauf werfen zu können.

„Na los! Probier es.“

„Wirklich nicht, Lisette. Nein. Ich mag keine Meeresfrüchte.“

„Es ist Tintenfisch. Schmeckt beinahe nach nichts.“ Auffordernd fuchtelte sie mit der Gabel vor ihrer Nase herum. „Seit über einem Jahr kommen wir einmal im Monat zu Giovanni, und du isst immer dasselbe.“

Fern schob die Gabel mit der Hand zur Seite. „Ich mag Pasta Primavera. Es ist mein Lieblingsgericht.“

Lisette warf ihre Gabel auf den Teller. „Es ist langweilig, das ist es.“

„Es ist sehr lecker. Außerdem riskiere ich nicht, eine Lebensmittelvergiftung zu bekommen, falls es nicht richtig gekocht oder aufbewahrt wurde.“

„Da spricht doch die wahre Gesundheits- und Sicherheitsexpertin aus dir.“

Fern drehte Spaghettis mit der Gabel auf und führte sie zum Mund. Dabei schaute sie ihre Freundin trotzig an. Lisette machte sich ständig über ihren Job lustig. Verärgert nahm sie noch einen Schluck Wein. Nicht jeder konnte einen so ausgefallenen Beruf haben wie Lisette. Und selbst wenn ihr Job nach langweiliger Routine klang – immerhin half sie Menschen. Sie sorgte für deren Sicherheit.

„Wo wir gerade von der Arbeit sprechen – was machst du nächste Woche?“

Genüsslich nahm Lisette einen Bissen. Ein verschmitztes Lächeln spielte um ihre Lippen. „Rate.“

Fern verdrehte die Augen. Lisettes Hauptjob bestand darin, als „professionelle“ Statistin beim Film zu arbeiten. An dem einen Tag spielte sie bei einer wöchentlichen Soap den Gast in einer Bar, am nächsten erschien sie in Glitzerstoff gekleidet in einer Science-Fiction-Serie. Fern hatte noch nie verstanden, warum Lisette einen Job machte, bei dem sie nur ganz unregelmäßig Aufträge bekam, der unheimlich lange Arbeitszeiten beinhaltete und der ein Aufstehen um vier Uhr morgens erforderte.

„Lis, ich habe nicht den Hauch einer Ahnung. Warum verrätst du es mir nicht einfach?“

„Also gut, ich habe einen Einsatz bei einer neuen Krimiserie. Nächste Woche besteht mein Kostüm aus Netzstrümpfen, High Heels und einem verführerischen Schlafzimmerblick. Ich spiele die ‚Prostituierte Nummer drei‘. Cool, oder?“

Fern nickte, vielleicht ein wenig zu heftig. Lisette warf ihr einen wissenden Blick zu. „Es tut mir leid, Lis. Ich freue mich wirklich, dass du Arbeit hast, aber …“

„Vor einer Kamera stehen und alle Aufmerksamkeit auf dich ziehen, ist einfach nicht dein Ding, ja? Ich weiß. Jeder, wie er mag. Als Versicherungssachverständige würde ich vor Langeweile sterben.“

„Risiko-Analytikerin“, korrigierte Fern sie bestimmt zum hundertsten Mal und fragte sich gleichzeitig, warum sie sich überhaupt noch die Mühe machte. Lisette konnte sich nie merken, was genau ihr Beruf war. Wenn sie nur die Worte „Versicherung“ oder „Büro“ hörte, begann sie zu gähnen.

„Ja, ja, ich weiß.“

Sie widmeten ihre Aufmerksamkeit wieder dem Essen. Lisette spießte eine Muschel auf. „Wenn schon kein Tintenfisch, wie wäre es dann hiermit?“

Fern seufzte. „Nein.“

„Weiß du was“, entgegnete Lisette, „ich glaube, dieses Wort höre ich in deinem Vokabular häufiger als jedes andere.“

„Nein, das tust du nicht.“

Lisette stieß mit der Gabel in ihre Richtung, so als wolle sie sagen: „Na bitte“. Fern blickte auf ihren Teller und entschied, dass sie keinen Hunger mehr hatte.

„Siehst du? Es langweilt dich bereits. Was du brauchst, ist ein bisschen Spaß und Abwechslung in deinem Leben.“

Oh je. Jetzt gings los.

Lisette betrachtete es als ihre persönliche Mission, Ferns Leben in Schwung zu bringen. Über die Jahre hinweg hatte sie sie zu allen möglichen Aktivitäten mitgeschleift: Kickboxen, Paragliding, merkwürdige Yoga-Kurse … Als all diese Versuche fehlschlugen, wurde es nur noch schlimmer. Lisette begann, aufregende Männer für ihre Freundin zu suchen. Nach einem Abend mit Brad, dem Formel-Eins-Fahrer, hatte Fern eine Woche lang Angst gehabt, sich in ein Auto zu setzen.

„Nein, das brauche ich nicht.“

Lisette lächelte breit. „Na, na, da war das kleine Wort ja schon wieder.“ Sie lehnte sich im Stuhl zurück und verschränkte die Arme über der Brust. „Ich glaube, wenn du eine Woche lang nicht Nein sagen dürftest, dann würdest du vertrocknen und sterben.“

„Das ist doch absolut lächerlich.“

„Tatsächlich? Okay, dann wollen wir doch mal sehen, wie lächerlich meine Theorie ist.“

An diesem Punkt hätte Fern wirklich auf ihren Instinkt hören, aufspringen und aus dem Restaurant laufen sollen, aber sie war zu neugierig darauf, was ihre Freundin jetzt wieder aushecken würde.

Lisette blickte sie aus schmalen Augen an. „Ich fordere dich heraus, eine Woche lang auf jede Frage, die dir gestellt wird, mit Ja zu antworten.“

Fern lachte so laut auf, dass sich einige Gäste umdrehten. Rasch schlug sie die Hand vor den Mund. „Und warum in aller Welt sollte ich eine solche Herausforderung annehmen?“

Ein gefährliches Funkeln trat in Lisettes Augen. Fern spürte, wie sich ihr Magen verkrampfte. Wenn Lis derart selbstzufrieden dreinschaute, dann konnte das nichts Gutes bedeuten.

„Weil ich deiner Leukämie-Stiftung fünfhundert Pfund spende, wenn du es tust.“

Das war unter der Gürtellinie. Wie sollte sie ein solches Angebot ausschlagen? Diese Leukämie-Stiftung, von der Lisette sprach, brauchte dringend mehr Spenden, um die begonnene Forschungsarbeit fortsetzen zu können – eine Herzensangelegenheit, denn hätte es damals schon entsprechende Behandlungsmethoden gegeben, hätte das Ryan vielleicht das Leben gerettet. Die Stiftung hatte ihre freiwilligen Spendensammler gebeten, einhunderttausend Pfund zusammenzutreiben. Fern hatte unzählige Wohltätigkeits-Events unterstützt, und dabei waren sie ihrem Ziel schon so nahe gekommen. Es fehlten noch fünftausend Pfund. Was Lisette da anbot, war ein Zehntel dessen. Mehr als sie jemals in einer Woche alleine sammeln konnte.

„Du bist verrückt.“

„Kann schon sein. Aber ich zahle das Geld gerne, wenn ich dafür sehe, dass du mal ein paar Wagnisse eingehst und das Leben genießt. Du steckst im ewig gleichen Trott fest, Darling.“

Das stimmte nicht! Fern öffnete bereits den Mund, um zu widersprechen, doch da fiel ihr ein, dass sie nur wieder dieses Wort benutzen und ihrer Freundin damit neue Munition liefern würde.

„Vielleicht gefällt mir mein Trott.“

Lisette lehnte sich zurück, damit der Kellner ihre Teller abräumen konnte. „Das, meine liebe Fern, ist ja der Kern des Problems. Du musst mal ausbrechen – und zwar bevor du in der Midlife-Crisis steckst und sich gar nichts mehr ändert.“

Bei Lisettes dramatischem Gesichtsausdruck hätte sie beinahe aufgelacht. „Du hast deine Herausforderung gar nicht durchdacht. Ich kann doch nicht auf jede Frage mit Ja antworten. Was, wenn jemand von mir verlangt, eine Bank auszurauben oder von der Brücke zu springen?“

„Ja klar, es wandern ja auch ständig Leute durch die Stadt, die nur darauf warten, dich zu einem Einbruch anzustiften!“

Fern verdrehte die Augen. „Dass du immer so übertreiben musst. Du weißt ganz genau, wovon ich rede. Jemand könnte mich bitten, in die andere Richtung zu schauen, während er etwas stiehlt, oder von mir verlangen, etwas Gefährliches zu tun.“

„Also gut, du hast recht.“ Lisette kramte in ihrer Tasche nach einem Stift und begann dann, auf die Serviette zu kritzeln, was keine besonders gute Idee war, denn sie befanden sich in einem Restaurant mit Stoffservietten. „Wir brauchen ein paar Grundregeln.“

Wir brauchen überhaupt keine Regeln. Ich mache da nämlich nicht mit.“

Lisette schrieb einfach weiter. „Okay, es gibt ein paar Fälle, in denen du aussteigen kannst. Nichts Illegales. Nichts wirklich Gefährliches.“

„Nichts Unmoralisches.“ Warum beteiligte sie sich plötzlich daran? Das führte doch zu nichts.

An diesem Punkt blickte Lisette auf. „Nichts Unmoralisches? Schade. Damit versagst du dir eine ganze Menge Spaß.“

„Für dich klingt es vielleicht nach Spaß, aber ich werde bestimmt nicht Ja sagen, wenn ein Typ auf mich zukommt und mit mir … Du weißt schon.“

„Wie ich bereits sagte, du versagst dir einen Heidenspaß, aber ich gebe nach. Du darfst Nein sagen, wenn es wirklich gegen dein Gewissen geht.“

„Oh, vielen Dank.“ Ein freches Lächeln spielte plötzlich um Ferns Lippen. „Wie willst du mich denn kontrollieren? Schließlich kannst du nicht ständig an meiner Seite sein. Was, wenn ich dich betrüge?“

Lisette wurde einen Moment so still, dass Fern bereits dachte, ihr müsse das Herz stehen geblieben sein, doch dann lachte sie auf einmal so laut, dass sich der Mann am Nebentisch zu ihnen umdrehte. „Nein, das glaube ich nicht, meine kleine Fern. Selbst wenn du in Versuchung wärst, würdest du spätestens, wenn ich dir den Scheck gebe, zusammenbrechen und alles gestehen, nicht wahr?“

„Nein!“ Für was für einen Schlappschwanz hielt ihre Mitbewohnerin sie eigentlich? Andererseits … Sie vergrub das Gesicht in den Händen, sodass ihr schulterlanges blondes Haar nach vorne fiel. „Oh, also gut. Du hast ja recht. Ich würde es tun.“

„Wenn es einen Menschen auf der Welt gibt, der immer versucht, das Richtige, das Vernünftige zu tun, dann bist du es.“

Fern griff nach der Dessertkarte und richtete ihren Blick darauf. „Und genau deshalb werde ich mich nicht auf diese verrückte Geschichte einlassen.“

„Ach ja? Wirklich nicht?“ Lisette drückte die Dessertkarte hinunter, sodass sie in Ferns Augen schauen konnte. „Betrachte es als zusätzliche Wohltätigkeitsveranstaltung. Ich sorge dafür, dass du mal aus deinem ewigen Trott herauskommst. Nur für eine Woche. Das schaffst du doch? Aus Wohltätigkeit?“ Sie klimperte heftig mit den Augen, eine vollkommen überzogene Geste, die dennoch jedes Mal bei Fern funktionierte.

Diese verdammte Frau! Nach drei Jahren, die sie nun zusammenwohnten, kannte sie Ferns Schwachstellen ganz genau. Geld zu sammeln, um zu verhindern, dass noch mehr Kinder die Schmerzen erleiden mussten, die ihr Bruder vor seinem Tod durchgemacht hatte, dafür würde sie alles tun.

„Ich kann die Sache jederzeit abbrechen?“

Lisette zuckte die Schultern. „Klar. Aber dann bekommst du das Geld nicht. Es liegt ganz bei dir.“

Fern griff nach ihrem Weinglas und leerte es mit einem Zug. „Okay. Ja. Ich tue es.“ Für Ryan. Das ist für dich, großer Bruder, dachte sie, während sie den Rest Chardonnay schluckte.

Lisette klatschte erst in die Hände und rieb sie dann triumphierend. „Ich werde dafür sorgen, dass das die aufregendste Woche deines Lebens wird!“

Fern griff nach der Weinflasche und schenkte sich nach. Genau das hatte sie befürchtet.

„Tut mir leid, Callum. Du musst dieses Meeting in New York ohne mich bestreiten.“ Josh steckte den Kopf durch die Wohnzimmertür und sah seinen Vater mit der Zeitung über dem Gesicht auf dem Sofa dösen. Er zog die Tür wieder zu und senkte seine Stimme. „Meinem Dad geht es allmählich besser, aber ich werde trotzdem noch mindestens zwei Wochen bleiben.“

Während sein Geschäftspartner darüber klagte, dass er ein immens wichtiges Treffen mit den Vertretern dieser exklusiven Hotelkette verpassen würde, ging Josh vom Flur hinüber in die Küche und schaute aus dem Fenster in den Garten, wo seine Mutter gerade Petunien pflanzte. Callum würde das spielend ohne ihn hinkriegen – er machte sich immer viel zu viele Sorgen. Ganz persönlich schmerzte Josh eher, dass er die Reise, die er nach dem Aufenthalt in New York geplant hatte, verpassen würde.

Vor Kurzem hatte seine Firma One Life Travel einen NonProfit-Zweig gegründet, der Wohltätigkeits-Expeditionen organisierte. Sie wollen die Chinesische Mauer entlanglaufen, um die Rettung der Wale zu unterstützen? Oder den Amazonas mit einem Kanu befahren, um Spenden für den Kampf gegen Herzkrankheiten aufzutreiben? Dann sind die neuen One Life – Expeditionen genau das Richtige für Sie.

Der Amazonas. Er seufzte. Wie sehr hatte er sich auf die Kanutour gefreut. Außerdem wollte er feststellen, ob sie den richtigen Partner vor Ort gefunden hatten – waren die Führer kompetent, das Equipment geprüft, die Mitarbeiter geschult?

Dass sie all ihre Reisen persönlich testeten, machte ihren Erfolg aus. Begonnen hatte Josh mit einer einfachen Website, die Empfehlungen für Rucksackreisende gab. Heute hatte sein Unternehmen bereits mehrere internationale Preise gewonnen. Sie boten einmalige Abenteuerurlaube an – sei es für den Backpacker, der mit nur geringem Budget unterwegs war, oder für den Luxusreisenden, der Fünf-Sterne-Niveau erwartete.

„Es wird alles wunderbar laufen. Nimm Sara mit“, sagte er zu Callum. Seine persönliche Assistentin war so effizient, dass sein Partner kaum einen Unterschied zu ihm erkennen würde. „Sie kennt den Deal in- und auswendig. Ich rufe dich in einer Woche an, um mit dir die letzten Details durchzugehen.“

Er verabschiedete sich und ließ das Telefon auf dem Küchentisch liegen. Seine Mutter würde ihn deshalb sicher gleich tadeln.

Es war schon ein wenig merkwürdig, wieder in seinem Elternhaus zu wohnen, ja, sogar in seinem alten Zimmer, und nicht in seinem eigenen Haus auf der anderen Seite der Stadt.

Natürlich war seine Mutter überglücklich, ihn hier zu haben. Sie ließ ihn kaum aus den Augen. Doch das war vielleicht verständlich. In den letzten Jahren war er nur noch zu großen Feiern nach Hause gekommen, etwa zu Dads Sechzigstem – war das wirklich schon sechs Monate her?

Es tat gut, seine Eltern wiederzusehen, doch er hätte es vorgezogen, wenn es unter anderen Umständen geschehen wäre. Vor sechs Wochen hatte er einen panischen Anruf seiner Mutter erhalten, aus dem hervorging, dass sein Vater gerade einer Notoperation am Herzen unterzogen wurde. Natürlich war Josh sofort nach Hause geflogen. Ein paar Tage lang stand das Schicksal seines Dads auf Messers Schneide, doch schließlich schaffte er es.

Josh wollte lieber nicht an den zehnstündigen Flug nach Hause denken. Zum ersten Mal seit Jahren genoss er nicht den Adrenalinstoß des Starts. Stattdessen konnte er nur daran denken, wie selten er seine Eltern in den letzten Monaten gesehen hatte und wie schrecklich es wäre, wenn …

Er schüttelte den Kopf und trat durch die offene Hintertür in den Garten. Während er zu seiner Mutter hinüberging, beschloss er, nicht länger diesen Gedanken nachzuhängen.

Seine Mum stand auf dem Rasen, die Hände in die Seiten gestemmt, und betrachtete ihre Arbeit.

„Sieht hübsch aus, Mum.“

Sie drehte sich um und schirmte die Augen gegen die Sonne ab. „Ist nicht besonders exotisch, ich weiß, aber ich mag Petunien. Sie sehen nach zu Hause aus.“ Josh lächelte sie an und ließ den Blick durch den großen Garten schweifen. Plötzlich fiel ihm etwas auf.

„Mum, was ist mit dem alten Apfelbaum passiert?“

Sie wischte sich die Hände an der alten Jeans ab, die sie immer bei der Gartenarbeit trug. „In diesem Frühjahr hatten wir einige Male heftigen Sturm. Manchmal bis zu achtzig Meilen die Stunde.“ Sie zuckte die Schultern. „Eines Morgens sind wir aufgewacht, und der Großteil des Apfelbaums lag im Garten der Nachbarn.“

Sofort ging er auf die Stelle zu, an der früher der Apfelbaum gestanden hatte. Es war nur noch ein abgesägter Stamm da. Plötzlich spürte er Zorn in sich aufsteigen. Dieser Baum repräsentierte einen Großteil seiner Kindheit. Er und Ryan, der Nachbarsjunge und zudem sein bester Freund, hatten im Sommer mehr Zeit in den Ästen verbracht als auf dem Boden. Wenn er gewusst hätte, dass er den Baum bei seinem letzten Besuch zum letzten Mal sehen würde, dann hätte er … Keine Ahnung … Vielleicht ein Gebet gesprochen oder so was in der Art.

Er mochte keine Gräber. Auch den kleinen Marmorgrabstein auf dem Friedhof von St. Mark hatte er nicht besucht – nicht mal an Ryans Beerdigung. Stattdessen war er auf den höchsten Ast dieses Apfelbaums geklettert und hatte stumm dagesessen, während seine Beine hinunterbaumelten. Wenn doch nur …

Wenn er doch nur in diesem Sommer, als er dreizehn und Ryan vierzehn gewesen war, gewusst hätte, dass es ihr letzter gemeinsamer Sommer sein würde. Dann hätte er ganz sicher dafür gesorgt, dass sie das Baumhaus, das sie geplant hatten, auch gebaut hätten, anstatt nur ein paar Nägel in den ein oder anderen strategischen Ast zu schlagen.

Ein kaltes, düsteres Gefühl machte sich in seinem Inneren breit und drohte, ihn zu überwältigen. Plötzlich setzte er sich wieder in Bewegung und marschierte zurück ins Haus.

Seine Mutter setzte gerade den Wasserkessel auf, um Tee zu kochen.

„Du vermisst ihn noch immer, nicht wahr?“

Er zuckte die Schultern und blickte zu Boden. Seine Mutter würde ihn gleich schelten, weil er die Fußmatte nicht benutzt hatte. Er ging zurück und holte es nach. Als er aufschaute, warf sie ihm einen Blick zu, der besagte: „Mir kannst du nichts vormachen.“

Was würde es denn nutzen, wenn er ihr verriet, dass ein Teil von ihm noch immer erwartete, Ryan würde zur Hintertür hereingestürmt kommen und seine Mutter mit seinem Charme einwickeln, damit sie ihm ein Stück ihres berühmten Schokoladenkuchens gab? Er schaute aus dem Fenster in den Garten der Chambers direkt nebenan.

„Ich habe Fern noch gar nicht gesehen, seit ich zurück bin.“

Seine Mutter öffnete den Küchenschrank und holte die Teekanne heraus. „Helen sagt, sie ist im Moment sehr beschäftigt.“

Josh nickte. Das passte zu Fern. Sie machte nie etwas halbherzig, und sie war überaus loyal. „Hoffentlich übernimmt sie sich nicht.“

Seine Mutter lachte. „Du bist genauso schlimm wie Jim und Helen! Das arme Mädchen wird ständig bemuttert. Kein Wunder, dass sie ausgezogen ist.“

Ah, seine Mum wusste nichts von dem Versprechen. Am Tag von Ryans Beerdigung, versteckt hoch oben auf dem Apfelbaum, da hatte er das Mädchen von nebenan quasi als kleine Schwester adoptiert und sich geschworen, auf sie aufzupassen. Oh, er hatte sie genauso wie Ryan es getan hätte furchtbar geärgert und geneckt, aber er hatte sie auch beschützt. Manchmal auf seine eigenen Kosten.

Seine Mutter griff nach der Teedose. „Von ihrer Mitbewohnerin halte ich allerdings nicht so viel. Die ist ein ganz schön wildes Ding.“

Seine Züge verhärteten sich. Eine Mitbewohnerin? „Trifft … sie sich mit jemandem?“

Seine Mutter schüttelte den Kopf. „Nicht, dass ich wüsste. Letztes Jahr gab es wohl jemanden, und es sah eine Zeit lang ernst aus. Ich dachte schon, sie würden sich verloben, doch dann ist er plötzlich verschwunden.“

„Darf ich ihn suchen und ihn verprügeln?“ Kochend heißer Dampf stieg von dem Kessel auf, was ungefähr seine Stimmung widerspiegelte. Als der Kessel dann noch zu pfeifen begann, stellte er rasch den Herd ab. In der Küche war es wieder still.

„Sie ist kein Kind mehr, weißt du“, sagte seine Mutter.

Ja, das wusste er durchaus, aber es war einfacher, sie immer noch als Kind zu betrachten.

„Wie ich bereits sagte, du bist genauso schlimm wie ihre Eltern. Am liebsten würdet ihr sie alle in Watte packen. Wegen Ryan lässt sie es sich von ihren Eltern gefallen, aber glaub mir, sie wird es dir nicht danken, wenn du auch noch so anfängst.“

Blödsinn. Fern traf sich unheimlich gern mit ihm. Er war wie eine Art Ersatz-Großer-Bruder für sie.

Seine Mum streckte den Arm aus und zerzauste ihm das Haar.

„Mu-um!“

„Nicht, dass ich dich lange genug hierbehalten könnte, um dich in Watte zu packen.“ Sie ging zur Hintertür, die er beim Reinkommen geschlossen hatte, und öffnete sie wieder, um das warme Sonnenlicht hereinzulassen. „Aber ich stehe immer furchtbare Ängste aus, wenn du diese Extremsportarten betreibst. Ich kann gut verstehen, dass man sein einziges Kind beschützen will.“

„Ich habe es dir doch schon so oft gesagt: Ich kann auf mich aufpassen.“

Zeit, das Thema zu wechseln.

„Willst du immer noch mein Angebot ausschlagen, euch den Urlaub zu finanzieren, Mum? Du und Dad, ihr wollt doch schon seit Jahren noch mal zum Loch Lomond fahren. Es wäre ein absoluter Fünf-Sterne-Trip, ich würde keine Kosten scheuen. Dad würde die Erholung bekommen, die er braucht, und du auch.“

„Klingt verlockend, aber nein. Ich bleibe bei dem, was ich letztes Jahr gesagt habe. Dein Vater und ich wollen nicht noch mehr von deinem Geld – wir wollen dich lieber häufiger sehen.“

„In letzter Zeit habt ihr mich doch nun wirklich häufig gesehen.“ „Ja, aber wenn ich an die ganzen Jahre zuvor denke, dann bist du uns noch verdammt viel schuldig.“

Nicht zum ersten Mal bedauerte Josh, dass er seinen Starrsinn von seiner Mutter geerbt hatte. Irgendwie musste er ein Schlupfloch finden.

Wieder warf sie ihm diesen ganz speziellen Blick zu, für den sie so berühmt war. „Geh und schau nach deinem Vater. Vielleicht will er ja eine Tasse Tee.“ Josh hatte sich bereits in Bewegung gesetzt, da rief sie ihn zurück. „Und tu das hier wieder da hin, wo es hingehört!“

Er grinste, nahm ihr aber gehorsam das Telefon ab, das er zurück auf die Basisstation legte. Sein Dad schnarchte noch immer. Mit jedem Ausatmen flatterte die Zeitung hoch, die Josh vorsichtig an sich nahm. Er wollte ihn lieber nicht wecken. Sein Dad brauchte Ruhe.

Doch was Josh selbst anbelangte, so machte ihm die erzwungene Untätigkeit allmählich zu schaffen. Er war an Abenteuer gewöhnt. An Action und Spaß. Oh ja, er wollte zu Hause sein und seiner Mutter helfen, während sein Dad sich wieder erholte, aber die größte Aufregung, die es in den vergangenen Wochen gegeben hatte, waren die Gerüchte um einen Einbruchversuch in das Haus Nummer dreiundvierzig. Er musste etwas tun, ehe er noch verrückt wurde. Irgendetwas musste es doch geben, womit er seine Tage in London füllen konnte.

Gerade als er die Zeitung seines Vaters zusammenfalten und in den Mülleimer werfen wollte, fiel ihm die kleine Anzeige in der rechten unteren Ecke auf. Beim Lesen schoss das Adrenalin in seine Adern.

Es war bereits Dienstag, und Fern lebte noch. Nicht nur das, wenn sie ganz ehrlich war, dann hatte sie sogar eine Menge Spaß gehabt. Also gut, es hatte ein paar Mahlzeiten gegeben, die sie am liebsten vergessen würde, und sie hatte sich mit vorgehaltener Hand einen Horrorfilm ansehen müssen, doch andererseits hatte sie ein Talent fürs Salsa-Tanzen entdeckt. Wer hätte gedacht, dass sie so die Hüften kreisen lassen konnte? Selbst nach nur einer Stunde merkte sie schon die Veränderung an ihrem Gang.

Fern lächelte Lisette über den Tisch des Cafés hinweg an und nahm einen weiteren Bissen von ihrem Sandwich. Alles in allem war sie dennoch froh, wenn Sonntag war, und ihr Leben wieder ihr gehören würde. Nur noch vier Tage. So schwer konnte es doch nicht werden, oder?

„Da kommt Simon“,

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