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Sachlicher Bericht über das Glück, ein Morphinist zu sein

Inhaltsübersicht

Sachlicher Bericht über das Glück, ein Morphinist zu sein

Drei Jahre kein Mensch

Unterprima Totleben

Der kleine Jü-Jü und der große Jü-Jü

Die Geschichte von der großen und von der kleinen Mücke

Der Kindernarr

Swenda, ein Traumtorso oder Meine Sorgen

Ich suche den Vater

Anhang

Zu den Texten

|5|Sachlicher Bericht über das Glück, ein Morphinist zu sein

1

 

Das war in jener schlimmen Berliner Zeit, als ich ganz im Morphium verkam.

Ein paar Wochen war es gut gegangen, ich hatte einen großen Posten Benzin, wie wir das Gift unter uns nannten, erwischen können und war der schlimmsten Sorge des Morphinisten, der Sorge um den Stoff, überhoben gewesen. Dann, je mehr sich der Vorrat dem Ende zu neigte, war mein Konsum stärker und stärker geworden, ich wollte noch einmal gründlich satt werden, und dann – nichts mehr von dieser Sorte. Einmal mußte doch ein anderes Leben begonnen werden, mit Energie war die plötzliche Entwöhnung durchzuführen, es gab solche Heilungen.

Aber als ich an jenem Morgen erwachte, da ich dem Nichts gegenüberstand, wußte ich, ich mußte Morphium bekommen, um jeden Preis. Mein ganzer Körper war von einer peinigenden Unruhe erfüllt, meine Hände zitterten, ein toller Durst quälte mich, ein Durst, der nicht nur in der Mundhöhle, sondern in jeder einzelnen Zelle meines Körpers lokalisiert schien.

Ich nahm den Hörer ab und rief Wolf an. Ich ließ ihm keine Zeit, mit ersterbender Stimme hauchte ich: »Hast du Benzin? Komme sofort! Ich vergehe!«

Und legte mich aufatmend in die Kissen zurück. Eine tiefe feierliche Erlösung, Vorgefühl des kommenden Genusses, machte den gequälten Körper sanft: Wolf würde mit dem Auto kommen, ich würde die Spritze einstechen – ich fühle das Eindringen der Kanüle, und nun ist das ganze Leben schön.

|6|Das Telefon schrillte, Wolf meldete sich und: »Warum hängst du gleich ab? Ich kann dir kein Benzin bringen, habe selbst nichts mehr. Muß heute auf die Jagd gehen.«

»Eine Spritze, eine einzige Spritze, ich sterbe sonst, Wolf.«

»Wenn ich doch nichts habe.«

»Du hast. Ich weiß bestimmt, du hast.«

»Aber mein Ehrenwort.«

»Ich höre ja an deiner Stimme, daß du eben noch gespritzt hast. Du bist ganz satt.«

»Heute nacht um eins das letzte Mal.«

»Und ich schon seit elf nicht mehr. Wolf, komme rasch.«

»Aber es hat doch keinen Zweck. Komme du lieber mit. Ich weiß eine sichere Apotheke. Nimm ein Auto, wir treffen uns um neun am Alex.«

»Du versetzt mich nicht? Schwöre!«

»Keinen Quatsch, Hans. Um neun am Alex.«

Ich stehe langsam auf, das Anziehen wird mir sehr schwer, meine Glieder sind schwach und zittern ständig, die stille Beruhigung ist verflogen, mein Körper glaubt mir nicht, daß ich ihm Morphium verschaffen werde.

Ich entdecke zufällig aus dem Kalender, daß heute ein Unglückstag ist. Da setze ich mich hin in meinen Sessel und weine erst einmal. Ich leide so sehr, und ich fühle, ich werde heute noch schlimmer leiden müssen, und ich bin so schwach. Wenn ich doch sterben könnte! Aber auch das weiß ich längst, daß ich zu feige bin zum Sterben, ich werde aushalten müssen, mir bleibt nichts, als so flach und weinend vor dem Schicksal zu liegen und zu beten, es werde mir nichts tun.

Dann kommt meine Wirtin zu mir und sagt etwas, wohl etwas Tröstliches, aber ich unterbreche mein Weinen nicht, ich winke ihr nur mit der Hand zum Gehen. Aber sie spricht weiter, ich höre langsam heraus, daß ich heute nacht schon wieder mit der Zigarette Löcher in mein Bett gebrannt habe. |7|Ich schiebe ihr irgendwelches Geld hin, und da sie still hinausgeht, muß es genug gewesen sein.

Ich aber gehe noch immer nicht, trotzdem die Uhr gleich neun weist, ich betrachte den Kaffee, den ich in die Tasse schenkte, ich denke nach: Koffein ist ein Gift, denke ich, es regt das Herz auf. Es gibt viele Fälle, daß Leute daran gestorben sind, hunderte, tausende von Fällen. Koffein ist ein schweres Gift, sicher beinahe so schwer wie Morphium. Daß ich nie daran gedacht habe! Koffein wird mir helfen.

Und ich stürze ein, zwei Tassen hinunter. Ich sitze einen Augenblick da, starre vor mich hin und warte. Ich will es mir noch leugnen und weiß doch schon, daß ich mich belog, wieder einmal wissentlich belog, daß mein Magen sich weigert, diesen milden Kaffee bei sich zu behalten, und daß ich im vorhinein davon gewußt habe. Ich fühle, wie mein ganzer Körper zittert und sich mit kaltem Schweiß bedeckt, ich muß hoch, ich werde wie von Krämpfen geschüttelt, und dann kommt stoßweise die Galle. »Das ist der Tod«, flüstere ich und starre dumpf vor mich hin.

Nach einer Weile habe ich mich soweit erholt, daß ich stehen und gehen kann, ich bringe meine Toilette zu Ende, gehe auf die Straße und finde ein Auto. Auch Wolf ist nie pünktlich.

 

2

 

Wirklich wartet er noch. Ich sehe ihm sofort an, daß auch er Hunger hat, seine Pupillen sind stark erweitert, die Backen eingefallen, und die Nase steht spitz hervor.

Es stellt sich heraus, daß er die Rezepte, die er in den Apotheken braucht, noch nicht gefälscht hat, er fand zu Haus, trotzdem er ebenso trödelte wie ich, keine Ruhe dafür. Aber er hat seinen Handkoffer bei sich und kann nun in der Apotheke als durchreisender Morphiumkranker, der in ein Sanatorium geht, auftreten. Er ist kein heuriger |8|Hase mehr, Berliner Rezepte, bei denen immer telefonische Rückfrage möglich ist, fälscht er nicht.

Wir gehen auf ein Postamt und schreiben ein Dutzend Rezepte aus. Wir begutachten unsere Schrift, und drei Rezepte, die nicht ärztlich-kraklig genug aussehen, werden vernichtet.

Dann einigen wir uns auf das Viertel, in dem wir jagen wollen. Da Wolfs sichere Apotheke im Osten liegt, wollen wir heute im Osten jagen, trotzdem der Westen natürlich vorteilhafter ist. Denn die reichere Bevölkerung dort kann sich natürlich eher ein so kostspieliges Laster wie den Morphinismus leisten als die Arbeiterbevölkerung im Osten, und so sind die Westapotheker an diese Kundschaft schon gewöhnt.

Wir nehmen ein Auto. Ein paar Schritt vor der nächsten Apotheke läßt Wolf den Wagen halten und hinkt krank und elend los. Ich lehne mich zurück. Wolf hat Lösung aufgeschrieben, er wird eine Viertelstunde warten müssen.

In einer Viertelstunde habe ich Benzin! Es ist auch die höchste Zeit, mein Körper wird immer schwächer, mein Magen schmerzt unsinnig, er will und will Morphium haben. Ich lehne mich fest in die Kissen, ich schließe die Augen und male mir aus, wie schön es sein wird, wenn ich die Nadel einsteche. Nur ein paar Minuten, ein paar ganz, ganz kleine Augenblicke, ein reines Nichts an Zeit und tiefe, feierliche Ruhe wird in meine Glieder strömen, plötzlich wird das Leben schön sein, und ich werde träumen können von meinem Schloß und den Frauen. Die schönsten werden mir gehören, ich werde nur zu lächeln brauchen … Denn jeden Wunsch erfüllt mir Morphium, ich brauche nur die Augen zu schließen, und die ganze Welt gehört mir.

Kommt Wolf noch nicht? Wie lange sie brauchen, dies bißchen Stoff anzufertigen! Aber ich will nicht klagen, es ist ein gutes Zeichen, daß er nicht kommt, so fertigen sie doch die Medizin an. Kommt er rasch, so haben sie stets |9|das Rezept zurückgewiesen. Gleich werde ich Morphium haben. Und ich lege die Spritze schon neben mich auf das Wagenpolster, um sofort bereit zu sein.

Nun kommt Wolf. Ich sehe sofort: Er hat nichts bekommen. Er sagt dem Chauffeur die nächste Adresse, setzt sich neben mich und schließt die Augen, ich merke, wie er hastig atmet, er wischt sich mit der Hand den Schweiß aus der Stirn.

»Das sind keine Menschen, Tiere sind das, Äster, die! Einen so leiden zu lassen. Ich habe betteln müssen, daß sie nicht die Polizei riefen.«

»Ich glaubte, diese Apotheke sei sicher?«

»Der alte Provisor war nicht da. So ein junger Kerl, die jungen sind alle scharf wie Rasiermesser.«

»Ich halte es nicht mehr lange aus. Ob man nicht Schluß macht, Wolf, einfach in eine Anstalt geht?«

»Glaubst du, da geben sie dir was? Du kommst einfach in eine Tobzelle und kannst bitten und schreien, soviel du willst. Bobbi hat sich in einer Nacht achtmal am Bettbein aufgehängt, schließlich ließen ihn die Wärter bis ganz dicht vorm letzten Atemzug hängen, damit es ein bißchen länger dauerte, bis er Kraft zum nächsten Aufhängen fände. Aber gegeben haben sie ihm nichts.«

Das Auto hält. Wolf macht wieder einen Versuch. Unterdes beschließe ich, mir das Morphium selbst abzugewöhnen, jetzt, wo ich auf Wolf und die Apotheke angewiesen bin, bekomme ich doch nie meine Tagesdosis von achtzig Spritzen zusammen. Ich werde eben einfach jeden Tag weniger nehmen, das geht schon. Nur jetzt noch nehme ich gleich zwei, drei Spritzen hintereinander, damit ich erst einmal ordentlich satt werde.

Wolf kommt schon wieder, sagt eine neue Adresse, und wir fahren los.

»Nichts?«

»Nichts!«

|10|Es ist zum Verzweifeln. Und da laufen die Menschen umher und haben tausend Pläne und freuen sich auf was, und Blumen gibt es und Mädels und Bücher und Theater. All das ist tot für mich. Ich denke daran, daß Berlin Hunderte von Apotheken hat, und in jeder liegt in einem Schrank viel, viel Morphium, und man gibt es mir nicht. Ich muß leiden, und doch ist es so einfach, der Apotheker brauchte nur einen Schlüssel zu drehen … Er soll ja Geld haben, soviel er will, ich will ihm gerne all mein Geld geben.

Wolf geht wieder.

Plötzlich bekomme ich die Idee, daß dies ständige Halten in der Nähe von Apotheken dem Chauffeur verdächtig werden wird. Vielleicht benachrichtigt er die Polizei? Ich knüpfe ein Gespräch mit ihm an, ich erzähle ihm eine lange wirre Geschichte, daß wir beide Zahntechniker sind, mein Freund und ich, keine Zahnärzte. Und die Zahntechniker bekommen ja die Betäubungsmittel für schmerzloses Zahnziehen nicht ohne weiteres, sondern sie müssen sich dafür Rezepte vom Zahnarzt holen, und die Rezepte sind teuer. Und deswegen fahren wir in jede Apotheke, um …

Der Chauffeur sagt zu allem ja und nickt mit dem Kopf. Aber er lächelt so verhalten, ich beargwöhne ihn weiter und werde ihn möglichst bald ablohnen, nur nicht gleich, sonst zeigt er uns beim nächsten Polizisten an.

 

3

 

Wolf kehrt zurück. »Schicke das Auto fort.«

Mein Herz schlägt schneller. »Hast du was?«

»Schick das Auto fort.«

Ich bezahle den Chauffeur und gebe ihm ein unsinnig hohes Trinkgeld. Dann: »Hast du Stoff?«

»Unsinn! Heute ist solch verfluchter Tag, daß kein Aas |11|meine Rezepte nehmen will. Wir müssen es anders machen. Ich versuche es weiter in den Apotheken, und du gehst zu einem Arzt und versuchst, Rezeptformulare zu stehlen.«

»Das kann ich nicht. Jeder Arzt sieht mir sofort an, daß ich Morphinist bin, bei meinem Zustand heute.«

»Laß ihn doch. Die Hauptsache ist, du klaust Rezepte.«

»Und was machen wir mit den Rezepten? Bei Morphium klingeln sie doch immer den Arzt an.«

»Wir fahren dann mit dem Mittagszug nach Leipzig. Nimm nur ordentlich viel, daß wir für ein paar Wochen genug haben.«

»Schön, ich will es versuchen. Und wo treffen wir uns?«

»Um ein Uhr im Pschorr.«

»Und wenn du unterdes Stoff bekommst?«

»Sehe ich, daß ich dich vorher erwische.«

»Also, dann!«

»Mach’s gut.«

Ich gehe los. Ich mache mich nicht zum ersten Mal auf solche Tour. Für solche Sachen bin ich besser zu brauchen als Wolf, weil ich vertrauenswürdiger aussehe und besser angezogen bin als er. Aber ich bin heute in einer gar zu jämmerlichen Verfassung. Ich kann nicht ordentlich gehen; trotzdem ich meine Hände immerzu mit dem Taschentuch abwische, sind sie im nächsten Augenblick wieder triefend naß, und ich muß ununterbrochen gähnen. Ich werde nichts erreichen, ich weiß es schon jetzt.

Als ich an einer Destille vorübergehe, komme ich auf die Idee, mir durch Schnaps zu helfen. Aber schon beim zweiten Glas muß ich verschwinden, der Magen weigert sich wie beim Kaffee, etwas in sich zu behalten. Ich sitze auf der häßlichen Toilette und weine wieder. Als ich mich ein wenig erholt habe, gehe ich los.

Beim ersten Arzt sitzt das ganze Wartezimmer voll. Kassenarzt, schon faul. Die brauchen die Rezeptformulare für Privatpatienten so selten, daß sie sie meistens im Schreibtisch |12|aufbewahren. Ich entschließe mich fortzugehen und drücke mich heimlich hinaus.

Auf der Treppe wird mir so schlecht, daß ich mich auf eine Stufe setzen muß. Ich kann nicht weiter. Ich beschließe, hier liegenzubleiben, bis mich Leute finden, die mich dann sicher zum Arzt bringen. Und der gibt mir aus Mitleid eine Spritze. Dann komme ich immer noch schneller dran, als wenn ich lange im Wartezimmer sitzen müßte.

Jemand kommt die Treppe herauf, ich stehe schnell auf, gehe an ihm vorüber und komme auf die Straße. Ein paar Häuser weiter ist wieder ein Arztschild. Ich gehe hinauf. Die Sprechstunde fängt erst in einer Viertelstunde an, gut, so werde ich warten. Ich sitze allein, ich blättere in den Zeitschriften.

Plötzlich fällt mir etwas ein, ich stehe auf und lausche an der Tür zum Sprechzimmer. Nichts rührt sich. Ich drücke ganz langsam die Klinke herunter, die Tür öffnet sich zu einem Spalt, ich spähe hindurch, ich sehe niemanden. Zoll für Zoll mache ich die Tür weiter auf, ich schleiche Schritt für Schritt in das Sprechzimmer hinein. Dort ist der Schreibtisch und dort in jenem Holzständer … Ich strecke schon die Hand aus, da meine ich ein Geräusch zu hören, ich springe in das Wartezimmer zurück und setze mich in einen Sessel.

Es rührt sich nichts weiter, niemand ist gekommen, ich habe mich getäuscht. Aber nun bin ich zu entmutigt, um dasselbe Wagnis noch einmal auf mich zu nehmen, ich bleibe tatenlos sitzen und kann mich nicht wieder aufraffen. Minuten und Minuten vergehen, ich hätte den ganzen Schreibtisch, ich hätte auch den Medizinschrank ausräumen können, aber ich wage nichts mehr: Heute ist ein Unglückstag.

Nur stillehalten, Hans, und leiden.

 

4

 

|13|Der Arzt macht die Tür halb auf und fordert mich auf, zu ihm zu kommen. Ich erhebe mich, trete in das Sprechzimmer ein, mache eine Verbeugung und stelle mich vor. Plötzlich sind Unsicherheit und Krankheit von mir abgefallen, ich bin kein verkommenes schmieriges Etwas dicht vorm Ende mehr, ich bin ein ruhiger Weltmann von knappen, doch verbindlichen Worten.

Ich weiß, daß ich einen vorzüglichen Eindruck mache. Ich lächele, ich brauche einen drastischen Ausdruck mit der Sicherheit eines, der mit Begriffen geistreich zu spielen weiß, ich mache eine kleine Geste und schlage die Beine über, so daß die seidenen Strümpfe sichtbar werden.

Der Arzt sitzt mir gegenüber und läßt mich nicht aus dem Auge.

Dann komme ich zum Thema. Ich bin auf der Durchreise, habe einen Abszeß am Arm, der mich böse quält, würde der Herr Sanitätsrat so freundlich sein, ihn zu untersuchen und festzustellen, ob er schon geschnitten werden kann?

Der Arzt bittet mich, den Arm frei zu machen. Ich zeige ihm die geschwollene blaurote Stelle des Unterarms, unter deren Haut Eiter siedet, sie ist dicht umgeben von den Dutzenden frisch-roter oder abheilender brauner Einstichstellen.

Er fragt mich: »Sie sind Morphinist?«

»War es! War es, Herr Sanitätsrat. Ich bin in der Entwöhnung. Das Schlimmste ist überstanden, Herr Sanitätsrat. Neun Zehntel geheilt.«

»So. Nun, ich werde schneiden.«

Weiter nichts, kein Wort. Meine Sicherheit hat mich verlassen, blaß und zitternd stehe ich da und fürchte mich vor dem Messer, das mir weh tun wird. Der Arzt dreht mir den Rücken zu, sucht aus einem Glasschrank Messer, Pinzette, |14|Tampons –: Ich mache einen lautlosen Schritt auf dem Teppich, meine Finger streifen Papier und –

»Lassen Sie die Rezepte nur liegen, mein Lieber«, sagt der Arzt kalt und kurz.

Ich wanke. Im selben Augenblick steht die Stadt mir vor Augen, die dort unten braust, in der ich allein bin und preisgegeben einer Verzweiflung ohnegleichen. Ich sehe die Straßen vor mir, voll von Menschen, die zu Zielen eilen, zu anderen Menschen, ich allein verlassen und völlig am Ende. Ein Schluchzen würgt in meiner Kehle, bricht meinen Mund auf.

Plötzlich ist mein Gesicht von Tränen überströmt. Ich jammere: »Was soll ich tun? Oh, was soll ich tun? Helfen Sie mir, Herr Sanitätsrat, nur eine Spritze.«

Er ist neben mir, sein Arm ist um meiner Schulter, er führt mich in einen Sessel, er hält mir die Hand auf die Stirn. »Beruhigen Sie sich, oh, beruhigen Sie sich, wir werden alles besprechen. Es gibt immer noch Hilfe.«

Mein Herz wallt auf vor Dankbarkeit, in wenigen Sekunden werde ich erlöst sein von dieser namenlosen Qual, ich werde meine Spritze bekommen. Meine Rede überstürzt sich, nun ist das Leben schon leicht, ich werde mich entwöhnen, dies wird die letzte, die allerletzte Spritze sein, dann nichts mehr. Ich schwöre es. »Kann ich sie gleich haben, jetzt sofort? Aber dreiprozentig, Herr Sanitätsrat, und fünf Kubikzentimeter, sonst schlägt es nicht an bei mir.«

»Ich gebe Ihnen keine Spritze. Sie müssen soweit kommen, daß dies Leben für Sie ganz unerträglich wird, daß Sie sich freiwillig entschließen, in eine Anstalt zu gehen.«

»Aber ich werde mich töten, Herr Sanitätsrat.«

»Sie werden sich nicht töten. Kein Morphinist tötet sich direkt, höchstens aus Versehen durch Überdosierung. Sie werden lieber die unsinnigsten Leiden ertragen, als das Tausendstel Wahrscheinlichkeit aufzugeben, vielleicht doch noch eine Spritze zu bekommen. Nein, Sie töten sich nicht. |15|Aber es wird die höchste Zeit für Sie, in eine Anstalt zu gehen, vielleicht ist es schon zu spät. Sind Sie bemittelt?«

»Ein wenig.«

»Könnten Sie die Behandlung in einer Privatanstalt bezahlen?«

»Ja! Aber man wird mir auch dort kein Morphium geben!«

»Anfänglich genug. Man wird Sie langsam entwöhnen, man wird Ihnen andere Mittel geben, Schlafmittel, Sie werden eines Tages aufatmen und sind frei.«

Das Bettbein, an dem sich der Verzweifelte viele Male aufhängte, steht mir vor Augen. Der Arzt ist ein Fuchs, er will mich überreden, bin ich einmal in einer Anstalt, gilt nichts vom Versprochenen.

»Nun«, beginnt der Arzt wieder, »wie ist es, entschließen Sie sich! Sollten Sie sich entschließen, jetzt gleich mit mir persönlich in eine Anstalt zu gehen, so würde ich Ihnen vorher noch eine Spritze geben. Nun?«

Ich senke die Lider. Ich bin besiegt. Ja, ich will das Leiden auf mich nehmen, ich will entwöhnt werden. Ich bejahe nickend.

Der Arzt fährt fort: »Verstehen Sie, ich lasse mich nicht täuschen. Ich werde Sie nach der Spritze, während ich mich zurechtmache, im Wartezimmer einschließen. Ich lasse Sie nicht aus den Augen. Sie sind einverstanden?«

Ich nicke wieder. Ich denke nur an die Spritze, die ich gleich, gleich haben werde. Und nun beginnen wir eine Debatte über die Stärke der Dosis, eine Debatte, die eine Viertelstunde währt und in der wir uns beide erhitzen. Schließlich bleibt der Arzt Sieger, ich bekomme zwei Kubikzentimeter einer dreiprozentigen Lösung.

Er geht an einen Schrank, schließt auf, macht die Spritze zurecht. Ich folge ihm, sehe die Etiketten auf den Ampullen nach, um sicher zu sein, nicht getäuscht zu werden. Dann setze ich mich in einen Stuhl und warte. Er sticht ein.

|16|Und nun … Ich stehe rasch auf und gehe in das Wartezimmer hinüber, wo ich mich auf eine Chaiselongue lege. Ich höre ihn die Türen abschließen.

 

5

 

Ja …

So…

So ist das wieder. Das Leben ist schön. Es ist so sanft, ein glücklicher Strom wallt durch meine Glieder dahin, in seinem Strömen bewegen sich alle kleinen Nerven zart und sacht wie Wasserpflanzen in einem klaren See. Ich habe Rosenblätter gesehen. – Und wieder weiß ich, wie schön ein einziger kleiner Baum in einem Hinterhof ist. Diese Blätter. Läuten die Glocken einer Kirche? Ja, Leben ist fromm und sanft. Diese unendlich besonnten endlosen Sonntagvormittage, da ich noch arbeitete, noch nicht verkam. Ganz früh aufgestanden und die Sonne in den Gardinen und die Sonne in den Blättern und Glockenläuten und die ersten Stimmen der Vögel. Und dann tönt ein Pfiff, und über den kleinen Platz, um den die Fiederblätter der Akazien wehen, kommt weißgekleidet mein Mädel. Auch an dich denke ich, mein süßes Mädchen, das mir längst verlorenging, meine einzige Geliebte ist jetzt das Morphium. Sie ist böse, sie quält mich unermeßlich, aber sie belohnt mich auch über jedes Begreifen hinaus.

Wie begrenzt warst du, Frau. Man reichte stets über dich hinaus, immer, glaubte man dich erreicht, war man ganz woanders –: Diese Geliebte ist wahrhaft in mir. Sie füllt mein Hirn mit einem hellen, klaren Lichte, in seinem Schein erkenne ich, daß alles eitel ist und daß ich nur lebe, diese Verzückung zu genießen. Sie wohnt in meinem Körper, und kein klägliches Geschlechtstier mehr bin ich, das sich noch in der Ermattung unbefriedigt und wild nach dem andern sehnt, nun bin ich Mann und Frau zugleich, die |17|mystische Hochzeit wird gefeiert mit dem Einstich der Nadel, die fehlerlose Geliebte, der untadelhafte Liebende, sie feiern ihre Feste unter der Laube meiner Haare.

Ich will lesen nun, ich will das dümmste Zeug vom Wartezimmertisch eines Arztes lesen, und ein neuer blendender Sinn soll sich aus den Albernheiten der Blaustrümpfe gebären, eine Annonce soll den Geruch von Blumen haben, und in einer andern will ich den vollen Geschmack frischen Brotes schmecken, das mein Magen nicht mehr verträgt. Ich will lesen.

Ich öffne ein Buch. Da ist ein Vorsatzblatt, ein weißes, glattes Vorsatzblatt, ich stutze: Auf dieses weiße Blatt hat ein vorsichtiger Arzt mit einem Gummistempel seinen Namen gesetzt, seine Adresse, seine Telefonnummer. Nein, Herr Sanitätsrat, ich stehle Ihnen Ihr Buch nicht, nur dieses Vorsatzblatt reiß ich heraus, ich stecke es in die Tasche. Nun, ist es erst von der Schere beschnitten, ist es jenes lange ersehnte Rezeptblatt, das fünfzig, vielleicht hundert solcher Verzückungen bringen wird. Für heute bin ich in Sicherheit.

Ich bin ganz froh. Ein wenig bewege ich die Hand, lasse sie gleich wieder in die Ruhelage sinken, und das Aufströmen des Giftes in der Hand, das einen Augenblick durch die Bewegung unfühlbar gewesen, verrät mir das besitzende Dasein der Geliebten. Noch verging die Wirkung der Spritze nicht, noch kann ich mich meines Lebens freuen. Und später, später habe ich das Rezept.

Da höre ich das Schreiten des Arztes, gehe ich denn nicht in eine Anstalt? Meine Geliebte lächelt, ich habe nicht daran gedacht, aber schon darum allein, weil sie kam, weiß ich, daß nichts mich halten, niemand mich zwingen kann. Ich bin allein auf der Welt, ich habe keine Verpflichtungen, alles ist eitel, nur der Genuß, der gilt, nur die Geliebte kann ich nicht verraten.

Und ich denke daran, daß ich reich und glücklich bin. |18|Habe ich nicht Geld genug, mir mein Morphium zu kaufen? Brauche ich eine Frau? Habe ich einen Wunsch? Mir fällt ein Buch ein, das ich zu Haus stehen habe, das Buch eines Wiener Dichters, der an einem ähnlichen Gift zugrunde ging wie ich, ich werde darin lesen von seinen Verzweiflungen, und von seinem fanatischen Glauben an sein Gift werde ich lesen und werde lächeln und wissen, daß ich selbst ebenso verzweifelt und ebenso fanatisch gläubig bin.

Der Arzt kommt, schließt die Tür auf. Ich nehme die Beine von der Chaiselongue und setze mich langsam und vorsichtig auf, um das Gift nicht durch eine plötzliche Bewegung in mir zu erschrecken. »Ist es soweit, Herr Sanitätsrat?« frage ich und lächele.

»Ja, wir können nun fahren.«

»Aber erst noch eine Spritze, Herr Sanitätsrat, wir fahren sicher eine Stunde, und so lange halte ich es nicht aus.«

»Sie sind ganz satt, mein Lieber.«

»Aber die Wirkung verfliegt schon. Und ich mache Ihnen sicher Krach, wenn ich allein bin. Mit einer Spritze im Leibe werde ich Ihnen folgen wie ein Lamm.«

»Wenn es wirklich nötig ist …«

Er geht voran in sein Zimmer. Ich folge ihm triumphierend. Oh, er kennt mich nicht. Er weiß nicht, daß er mich mit der Aussicht auf eine Spritze hinlocken könnte, wohin er wollte, daß ich aber mit meiner Geliebten im Leibe stark und zu allem entschlossen bin.

Ich bekomme noch eine Spritze, und dann gehen wir wirklich. Ich steige ganz vorsichtig die Treppe hinunter. Ich fühle das Sickern in meinem Leibe und die holde, verstohlen huschende Wärme. Tausend gute Gedanken sind in mir, denn mein Hirn ist stark und frei, es ist das entschlossenste Hirn dieser Welt.

Siehe, der Arzt öffnet mir den Schlag des Autos. Ich steige vor ihm ein, und indes der Wagen anspringt und er sich setzt und mit Decken hantiert, öffne ich die andere Tür und |19|springe sicher hinaus, denn mein Körper ist jung und geschickt, und tauche in der Menge unter und verschwinde in ihr. Und sehe diesen Arzt niemals wieder.

 

6

 

Ich wußte, daß ich nur wenige Schritte gehen durfte, um nicht durch die heftigen Bewegungen meines Körpers den Einfluß des Morphiums aufzuheben. Ich sah nach der Uhr, es war kurz vor zwölf. Am besten war es sicher, schon jetzt ins Pschorr zu fahren, wo ich Wolf treffen wollte. Aber sofort war mir klar, daß dies nicht geschehen durfte. Vielleicht kam auch er früher, merkte mir an, daß ich Stoff bekommen, und dann ade jede Aussicht, von ihm, der so knapp daran war, unterstützt zu werden!

Mußte ich ihn überhaupt treffen? Hatte ich nicht ein Rezeptformular in der Tasche, das mir eine Unzahl herrlicher Spritzen versprach? Gab ich es Wolf zur Erledigung, ließ ich ihn nur von der Existenz dieses Zettels erfahren, so war die Hälfte dieser Genüsse mir verloren. Und auch ich war so knapp daran.

Ich sitze in dem behaglichen Sofa eines Weinlokals, vor mir steht ein Kühler mit Rheinwein, ich habe mir das erste Glas vollgeschenkt, führe es zum Munde und atme in tiefen Zügen den Duft des Weines ein. Dann sehe ich rasch zum Kellner, merke, daß ich unbeobachtet bin, und leere das Glas in den Kühler. Der Alkohol würde mit dem Morphium im Magen kämpfen, es in seiner Wirkung beeinträchtigen, mein einziger Gedanke ist, diese Wirkung bis zum letzten auszukosten. Und immerhin mußte ich etwas bestellen, um hier so genießerisch sitzen zu können.

Habe ich mich denn nicht an dem Duft des Weines erfreut, wie ich mich auch an den weißgekleideten Mädeln erfreue, die ich nicht mehr begehre? Duft und Mädel, ich |20|nehme sie in meine Träume hinein, sie enttäuschen mich nicht, wie sie es im Leben mit Rausch und Ernüchterung tun würden.

Ich gieße mir ein neues Glas ein und bestelle mir Tinte und Feder. Ich ziehe den Zettel aus der Tasche und schneide ihn mit dem Federmesser zum Rezeptformat zurecht.

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