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SPACE INVESTIGATOR - Agentin vom Jupiter

SPACE INVESTIGATOR - Agentin vom Jupiter

 

von Antje Ippensen

 

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author (A.Ippensen)

© 2012 der Digitalausgabe 2012 by AlfredBekker/CassiopeiaPress

www.AlfredBekker.de

 

 

 

Kapitel 1

In letzter Minute

 

Zeit: Jahr 2197, Monat Juli

 

Ort: Das erforschte Sonnensystem, d. h. vor allem die äußeren Planeten ab Jupiter; hin und wieder auch der sog. INNER CIRCLE: die Planeten Mars, Erde, Venus, Merkur. Bis hin zum Rand des Sonnensystems jedoch erstreckt sich Yana Tseds bevorzugtes Jagdrevier.

 

 

Ach, Sie lesen meine Aufzeichnungen? Wie nett.

Weshalb ich grinse?

Das erfahren Sie noch.

Gestatten Sie, dass ich mich – zunächst einmal auf knappste Weise – vorstelle:

Yana Tsed, Privatdetektivin.

Geschlecht weiblich, geboren am 17.02.2166 auf der Erde, indo-germanisches Territorium, Molochstadt Berlin-Hamburg. Terranerin mit Alien-Vater (Papa stammt vom Jupitermond Jeanne d’Arc), was aber fast niemand weiß, keine Geschwister (soviel ich weiß). Offiziell besitze ich „einige Tropfen“ außerirdischen Blutes.

Größe: 1,78 m. Haarfarbe zwischen schwarz und rot wechselnd, Augenfarbe eisgrün. IQ 130, EQ 1029. Besondere Kennzeichen: keine. Aktueller Beruf: Privatdetektivin, freiberuflich.

Trainierter, geschmeidiger Körper.

Bevorzugte Kleidung: teures handgearbeitetes und vor allem ECHTES Leder von Kopf bis Fuß.

Mein ID-Armband trägt die Farbe Blau zu Dreivierteln, das letzte Viertel ist violett eingefärbt, meine sexuelle Orientierung ist also zu einem Großteil hetera, zu einem nicht unbeträchtlichen Teil lesbisch.

Gamma Schrägstrich Sieben X, die kleine Raumstation zwischen den Ringen des Saturn, war ein trister Ort, an dem man niemals einen ordentlichen Drink bekam. Langeweile sammelte sich wie Staub in den altmodisch eingerichteten Räumen, aber genau das hatte auch seine Vorteile. Eben weil auf Gamma nie etwas passierte, verabredeten sich meine – meist zwielichtigen – Klienten hier gern mit mir. So kam es, dass ich Stammgast war in Jonnys Cronos-Bar, der miesesten Bar im ganzen Sonnensystem. Er ließ jeden Gast einen tiefen Blick in die schmutzigen Abgründe des 20. Jahrhunderts werfen, denn im Stil dieser Zeit war das Etablissement gestaltet.

Auch jetzt wartete ich auf einen meiner Klienten.

Mir ging es gerade ausgezeichnet. Endlich hatte ich wieder ein eigenes kleines Shuttle, die CELESTE – ein schmuckes kleines, zigarrenförmiges Ding mit Transpluto-Reichweite (war nicht mehr auf Mitfluggelegenheiten oder Leihshuttles angewiesen). Und eigentlich wusste ich gar nicht so genau, weshalb ich gleich darauf einen weiteren Auftrag angenommen hatte. Die Macht der Gewohnheit, vermutlich.

Murray hieß der Knabe, und er hatte mir bislang nur in sehr groben Zügen mitgeteilt, worum es ging … Erstaunlicherweise jedoch hatte ich ohne Mühe einen fetten Vorschuss kassieren können: genug für eine neue Lederkluft (teure Handarbeit vom Mars).

Die Bar war fast leer. Ich sah zunächst nur ein paar bläulich-grüne Gestalten vom künstlichen Planeten Türkis, die sich in ihrer Nische zusammendrängten. Auf meinem Barhocker schwang ich mich locker herum und musterte jene schummrige Ecke, die sich in meinem toten Winkel befunden hatte. „Alkoven“ hießen die plastikmöblierten Nischen hier hochtrabend.

Völlig isoliert saß dort eine junge Albinoerin. Diffuse Mutanten-Subspezies, dachte ich, als ich die vier langen Finger sah, mit denen sie ihr Glas umfasste. Sie musste mich schon eine Weile beobachtet haben, denn nun prostete sie mir spöttisch zu. Den schützenden grünen Augenschirm hatte sie sich tief in die Stirn gezogen, so dass ich ihre Augen nicht erkennen konnte – doch ich spürte ihren Spott trotzdem ganz deutlich. Außerdem ging etwas Stechendes von ihr aus.

Ich verzog keine Miene und hob mein Glas ebenfalls.

Keine halbe Stunde später wurde mir die vergebliche Warterei zu bunt, und ich machte mich auf den Weg zu den Andockrampen, um nachzuschauen, ob sich der gute Murray womöglich verlaufen hatte. Vielleicht hatte er auch Probleme mit der hiesigen Bürokratie. So unbedeutend die Gamma-Station auch sein mochte, ihre Beamten waren schärfer als Plutohunde und konnten sehr unangenehm werden, wenn etwas nicht ihren zum Teil aberwitzigen Vorschriften und Regeln entsprach.

„RAUMFRACHTER ELLIPSE, EIGNER J. M. MURRAY, ABGEFERTIGT 8 PM RAMPE 13“. Absolut normal war auf der Digitaltafel im Flur die Ankunft meines Klienten angekündigt. Der Ringkorridor, der zu den Rampen führte, lag leer und verlassen da. Ich runzelte die Stirn, als ich vor der Luftschleuse 13 stehenblieb – das grüne Licht zeigte an, dass alles in Ordnung war … doch warum war die Tür verschlossen, ohne dass ein Sicherheitskommando dabeistand?

Ich beging also meinen ersten Fehler und drückte auf ÖFFNEN, ohne vorher die Cops herbeizurufen.

„Verdammt!“ – Ein MORD?

Ein Mord auf der ödesten Raumstation des Sonnensystems?

Das war neu. Nun, genau genommen war es noch kein vollendeter Mord, denn der bedauernswerte Murray zuckte im Todeskampf. Er lag auf dem Boden der Schleuse, röchelte schauderhaft und bäumte sich immer wieder auf.

Mein Rettungsreflex ließ sich nicht unterdrücken; ich eilte zu ihm und drehte ihn um. In meinem Beruf war es nicht verkehrt, etwas von Erster Hilfe zu verstehen; ich sah jedoch sofort, dass hier alles zu spät kam.

Murray, den ich bislang nur von einer Computerbildübertragung her kannte, sah aus wie ein ganz normaler Geschäftsmann Ende Dreißig: gut rasiert, modisches Haarzöpfchen, schwarze Kleidung, rotes ID-Armband. Seine Augen, halb verdreht, so dass das bläuliche Weiße sichtbar war, starrten mich verzweifelt an. In blanker, entsetzter Panik. Er musste ohne Zweifel ziemlich leiden, und das einzige, was man für ihn hätte tun können, wäre gewesen, ihm die Kehle durchzuschneiden, um ihn zu erlösen.

Blut sah ich keines an ihm, dafür aber ein schreckliches Glühen unter seiner Kleidung, seiner Haut – dieser Glanz fraß sich durch sein Fleisch. Es musste dieses harmlos aussehende Spray gewesen sein, das Neueste vom Neuen auf dem Markt der Gemeinheiten. Es hinterließ keine äußerlichen Verletzungen.

Was für eine kosmische Schweinerei! Ich zischte durch die Zähne und packte Murrays im Todeskampf wild flatternde Hände. Ohne nachzudenken streifte ich ihm sein ID-Armband ab und versenkte es in meinem geheimsten Geheimversteck.

Im nächsten Moment packte mich Murrays Hand zielbewusst, als sei er bei klarem Verstand.

„Drei Augen!“, stieß er hervor. „Tarn-tarnkappe! D…der … der Zwerg …!“

Er gurgelte, blubberte … Schaum trat ihm auf die Lippen. Das Spray vollendete sein Vernichtungswerk, indem es offenbar seine Lungen angriff und sie pulverisierte … und dann endeten seine Leiden, glücklicherweise. Er wurde starr und starb.

Das Glühen der Verderben bringenden Strahlung, die als Sprühnebel in ihn eingedrungen war, erlosch.

Ich hatte kaum Zeit, Luft zu holen und meine Hände aus dem Klammergriff des Toten zu lösen.

Denn hinter mir erklang die Stimme von Arthur Minkerton, seines Zeichens Stationssheriff auf Gamma Schrägstrich Sieben X.

„Hände hoch, oder du bist tot.“

„Schon gut“, knurrte ich und drehte mich langsam um.

„Immer wo’s zum Himmel stinkt, findet man die Privatschnüfflerin!“, frohlockte Sheriff Minkerton. Traditionsgemäß gab es zwischen uns beiden keine Sympathie, obwohl wir dieses ungeschriebene Gesetz schon mehrere Male ad absurdum geführt hatten.

Er wurde flankiert von zwei Cop. Einen kannte ich, der andere war mir fremd: ein riesenhafter Sergeant mit unglaublich hoher Stirn. Fast sah er aus wie ein MuTsedt.

Ich hasste es, gefilzt zu werden, da ich jedesmal fürchtete, mein Geheimversteck könnte entdeckt werden … es gab kaum etwas Illegaleres, sah man einmal von seinem Inhalt ab.

Doch auch diesmal kam ich wieder ungeschoren davon.

„Deine Unrechte kennst du ja zur Genüge, man braucht sie dir also nicht vorzulesen“, meinte Minkerton noch und ließ mich abführen.

Kleiner Gernegroß, dachte ich.

 

*

 

Wie Jonnys Bar schien auch die Wachstube direkt aus dem 20. Jahrhundert zu stammen: antiker Schreibtisch, scharfe kleine Lampen, unbequeme Holzstühle, und als Krönung der Einrichtung zwei Arrestzellen im hinteren Teil der Stube, nur durch Eisengitter abgetrennt. Der Raum war fensterlos, was die 20.-Jahrhundert-Illusion noch verstärkte.

Ich wusste, dass Minkerton noch zwei weitere geheime Verhörräume unterhielt, und ich schätzte mich für den Moment glücklich, nicht in einem der beiden gelandet zu sein.

Überflüssigerweise überprüfte der Sheriff mein ID-Armband, musterte stirnrunzelnd die blaue und violette Farbe des Metalls, als habe er dies noch nie zuvor bemerkt. Er nahm dann sogar einen tragbaren Terminal zur Hand und gab diesem die Anweisung, meine Daten nochmals auf das Genaueste einzuscannen.

Ich seufzte und zog einen meiner schwarzen Synthirillos hervor.

„Die Videobänder von Schleuse und Rampe werden noch entschlüsselt. Aber ich hätte dir schon längst die Station verbieten sollen, Tsed, du ziehst das Unheil geradezu magisch an. – Übrigens ist hier Rauchen verboten.“

Grinsend steckte ich meine Rauchware wieder weg. Richtete das vielseitige Geschütz meiner kristallgrünen Augen direkt auf Minkerton. Vermutlich wirkte das so auf ihn, als wolle ich jeden Moment eine anzügliche, anspielungsreiche Bemerkung machen, denn er verfärbte sich dunkelrot. Ich fragte mich, ob auch das Video von ihm und mir noch existierte, oder ob er es hatte vernichten lassen. Eine peinliche Sache, diese Überwachungsmanie auf den meisten Raumstationen. Man traute sich kaum, aufs Klo zu gehen und da die Hosen runterzulassen und mal so richtig …

Nur tödlichste Langeweile konnte einen dazu bringen, die allüberall versteckten Kameras mal zu vergessen. Damals, vor zwei Jahren, war Minkerton und mir genau das passiert. Ich stellte fest, dass ich die kleine knubblige Nase des Sheriffs noch immer attraktiv fand. Ich hatte eine Schwäche für skurrile Nasen.

„Hast du nichts zu sagen?“, zischte er mich nun an.

„Du hast mich noch nichts gefragt.“

„Auch noch frech werden? Das haben wir gern!“

Er verpasste mir eine altmodische Ohrfeige, die mich aber nicht weiter aus der Ruhe brachte. „Es heißt ‚Sheriff’ und ‚Sie’, wenn du mit mir sprichst!“, spuckte er.

Der mutantenhafte Sergeant betrat die Revierstube, schnitt ein feierliches Gesicht und flüsterte seinem Chef etwas ins Ohr.

Minkerton fragte mich mit Pokerface: „Also, in welchen Beziehungen standest du zu dem Ermordeten, Tsed?“

„Er war mein Klient“, sagte ich gelangweilt. „Wir waren in der Cronos-Bar verabredet, und als er nicht kam, beschloss ich, ihn zu suchen. Übrigens dürfen Sie mich gern Yana nennen, Sheriff.“

Er wurde sofort wieder rot, fasste sich aber schnell, wechselte einen Blick mit seinem Sergeant (einen merkwürdigen undeutbaren Blick, wie ich fand) und meinte dann höhnisch: „Du hast ihn gesucht und gefunden. Ich warne dich, Tsed, du steckst bis zum Hals in der Geschichte. Hast du nur sein ID-Armband verschwinden lassen oder ihm auch den Rest gegeben?“

Ich zuckte leicht zusammen. Das war doch wohl nicht sein Ernst …?!

„Was, bitte schön, hätte ich für ein Motiv haben sollen? Meinen Sie, Sheriff, dass ich mehr Klienten bekomme, wenn sich herumspricht, dass ich sie umbringe?“

(Was, verflucht nochmal, war mit den Bändern?)

Seine übereifrigen, leicht hervorquellenden Augen guckten fies, und er begann um mich herumzugehen, was ich gar nicht mochte. Mein übergeschlagenes, lederumhülltes Bein wippte unruhig. Cool bleiben, Yana, ermahnte ich mich.

In lauerndem Ton begann Minkerton: „Du bist zur Zeit gut im Geschäft, was? Ungewöhnlich für ein Private Eye mit nebelhafter Vergangenheit wie dich, meistens abgebrannt oder knapp bei Kasse; ich kenn dich ja schon seit einer Weile. Und jetzt das hier: Nagelneues Raumschiff, Klamotten nur vom Feinsten. – Was für einen Auftrag gab dir denn der Verstorbene?“

Das war der Augenblick, wo ich die Fangeisen einer Falle förmlich zusammenschnappen hörte – mein Gefahreninstinkt war von jeher sehr ausgeprägt. Auf einmal setzte ich keinerlei Hoffnungen mehr in die Videobänder, glaubte nicht, dass die Aufnahmen meine Unschuld beweisen würden – vielmehr begriff ich, dass es außerordentlich schwierig sein würde, überhaupt mit heiler Haut davonzukommen. Blitzartig ging ich in Gedanken alle Möglichkeiten durch, fragte mich, wer mir hier eins auswischen wollte … oder war ich am Ende nur eine Figur in einem Spiel? Dieser Gedanke gefiel mir am allerwenigsten. Ich fing an mich zu ärgern.

Der Sheriff stand nun hinter mir und blies mir seinen Atem in den Nacken.

„Es könnte doch sein, dass du still und heimlich die Seiten gewechselt hast und zur Berufskillerin geworden bist, oder?“

Ein reichlich plumper Versuch, zumal ich erst vor kurzem am eigenen Leib hatte erfahren dürfen, dass es ihm mehr als recht gewesen wäre, wenn ich diese Laufbahn eingeschlagen hätte.

Ich antwortete: „Und wo habe ich dann das Dead-like-me-Spray versteckt, mit dem der bedauernswerte Murray ausgelöscht wurde? Nicht leicht, so etwas zu verstecken. Das weißt du ebenso gut wie ich, mein kleiner süßer Sheriff.“

Ich fühlte, wie es ihm in der Hand zuckte, doch diesmal beherrschte er sich und schlug eine dünne Lache an.

„Da gibt es schon Mittel und Wege. Wir wissen, dass in dir zum Teil außerirdisches Blut fließt. Auch wenn du dich ‚Terranerin’ nennen darfst, du bist ein Mischling.“

Diese Bezeichnung hasste ich.

„Und die haben gewisse Fähigkeiten.“

Verdammt. Früher hatte sich der Sheriff mehr für meine körperlichen Attribute interessiert.

„Bloß einen Instinkt, der stärker ausgeprägt ist als bei reinblütigen Terranern“, sagte ich mürrisch und blickte auf.

Die Augen des hünenhaften Sergeants bohrten sich stumpf in mein Gesicht. Diese – Stirn. Mann.

Drei Augen. Tarnkappe. Zwerg.

„Wieso wollte Murray dich anheuern, Tsed? Wie lautete der Auftrag?“

„Er hatte sich da noch nicht so deutlich ausgedrückt, fürchtete, abgehört zu werden. War ausgesprochen paranoid, hatte Angst, verfolgt zu werden von einem seiner Geschäftspartner … ich nehme an, es ging ihm genau darum“, erwiderte ich, mehr und mehr angeödet.

„Vielleicht kann uns deine Komplizin genauere Auskünfte geben.“

„Meine WAS?“ Jetzt schnellte ich hoch. Die Langeweile fiel von mir ab wie eine alte Schlangenhaut, doch die Hand des Sheriffs zwang mich gleich wieder auf den unbequemen Stuhl zurück.

„Sie wird gerade hergebracht“, sagte Arthur; sein Übereifer wich einer ekelhaften, überlegenen Ruhe.

Ich schnaufte wütend.

Minkerton gab dem Sergeant einen Wink, und dieser rollte ein altertümliches Videogerät herein und spielte die Kassette vor meinen Augen ab. Ton gab es keinen – Sparmaßnahme Halb-Alpha Minus D.

Es war zu sehen, wie Murray von der Rampe B aus die Luftschleuse betrat … und dann war da nur noch grauer Schnee, bis der Film wieder da einsetzte, wo ich bei ihm kniete und mich über seinen zuckenden Körper beugte.

Na großartig! Der entscheidende Teil war herausgeschnitten worden.

„Sieht schlecht für dich aus, Tsed.“

So cool wie möglich erwiderte ich: „Wenn du mal anfangen würdest nachzudenken, Sheriff, dann würdest du merken, dass so etwas nur ein abgekartetes Spiel sein kann. Ich soll hier den Sündenbock für irgendwen machen.“ Leider klang meine Stimme nicht sehr überzeugend, sondern eher so, als schwemmen mir sämtliche Felle davon. Verdammt. Ich konzentrierte mich also auf meine derart gerühmten außerirdischen Fähigkeiten und kombinierte sie mit kühler und klarer Analyse. Ziemlich schwierige Sache, die Videobänder zu manipulieren. Es war jemand, der sich a) ausgezeichnet damit auskannte und b) auf den schwerlich ein Verdacht fallen würde …

Es klopfte an der Tür zur Revierstube, und dann schleppten zwei Cops die Albinoerin herein. Sie musste einen Fluchtversuch gemacht haben, denn sie war gefesselt und halb bewusstlos. Man schüttelte sie grob, bis sie ihre rötlichen Augen aufschlug; diese tränten, denn sie hatte ihren Augenschirm nicht mehr.

Der Sergeant baute sich vor ihr auf und schnarrte: „Sie haben nicht das Recht zu schweigen. Sie haben nicht das Recht, einen Advokaten vor dem ersten Verhör zu bekommen. Alles, was Sie sagen und auch was Sie nicht sagen, kann sofort gegen Sie verwendet werden. Sollten Sie versuchen zu schweigen, darf mit adäquaten Mitteln gegen Sie vorgegangen werden, um eine Aussage herbeizuführen. Die aktuelle Anklage gegen Sie lautet auf Mord an J.M. Murray. Was also haben Sie dazu zu sagen?“

Es kam keine Antwort. Aus Erfahrung wusste ich, dass die Cops hier auf Gamma nicht lange fackelten. Auch mir war das schon mal passiert, weil ich zu lange gezögert hatte. Als sie ihre Verhörstäbe zogen und auf die Albinoerin einschlugen, sprang ich auf – wieder mein verflixter Rettungsreflex! – doch Minkerton hatte aufgepasst und nahm mich blitzschnell in den Polizeigriff, so dass meine Knochen knackten.

Die Cops handelten streng nach der Unrechte-Vorschrift, erreichten aber in diesem Fall rein gar nichts damit. Uns allen im Raum wurde klar, dass Ira Zoir – so redete der Sheriff sie an, nachdem er ihr buntes ID-Armband überprüft hatte – weder die Absicht hatte eine Aussage zu machen, noch überhaupt einen Laut von sich zu geben. Erstaunlich und bewundernswert. Stand sie etwa unter Drogen? Doch ich konnte nichts erkennen, was darauf hindeutete. Machtlos wie ich war, ließ ich mich zu einem Fluch hinreißen, wodurch ich aber nur erreichte, dass mein süßer kleiner Sheriff noch härter zupackte.

Endlich knurrte Minkerton: „Sperrt das Albinoding ein“, und ließ mich los. Die erbärmlich aussehende Ira Zoir wurde in eine dieser malerischen Zellen geworfen – die mit Plastikdornen versehenen Stäbe hatten ihr mehrere blutende Wunden gerissen; trotzdem biss sie immer noch die Zähne zusammen. Ich konnte sehen, wie ihr Kiefer sich verkrampfte.

„Nehmt ihr doch wenigstens jetzt die Fesseln ab!“, entfuhr es mir empört und impulsiv. Ich rieb mir den schmerzenden Arm.

„Kommt nicht in Frage. Laut ID-Armband ist sie eine Insektenbeschwörerin, also gemeingefährlich. – Ist sie durchsucht worden?“, wandte Arthur sich an den Mutanten-Cop.

„Natürlich, Sir. Keine Spur von irgendwas. Sie hat die kleinen Tierchen wohl rechtzeitig verschwinden lassen.“

Die beiden anderen Cops verließen die Wachstube, und nur wir drei starrten durch die Gitterstäbe hindurch auf Ira Zoir, der es unter großen Mühen und Schmerzen gelang, aufzustehen. Zweimal krachte sie dabei zu Boden und konnte sich wegen der auf den Rücken gefesselten Hände nicht abfangen, doch sie schwieg weiterhin.

Sie war eine höchst auffallende Erscheinung. Weißes schulterlanges Haar, bleiche Haut, silberweiße weite Kleidung von billiger Machart, wie ich abschätzig registrierte, und selbst in ihren rötlichen Augen lag ein heller Schimmer. Mit fest geschlossenen Lippen lächelte sie mir zu.

Da kam mir ein ganz bestimmter, bizarrer Verdacht, und es kostete mich einige Mühe, mein Pokerface beizubehalten.

„Die hast du dir ganz gut erzogen“, bemerkte Minkerton zu mir, „oder exzellent ausgesucht. Prima Selbstdisziplin hat diese Zoir. Pech nur, dass wir euch beide gleichzeitig geschnappt haben, wie? Du bist weniger zäh als sie. Aus dir krieg ich schon was raus. Also, was hattet ihr vor, du und deine Komplizin?“

„Ich kenne sie gar nicht.“

„Sicher. Darum bist du auch so für sie eingetreten, gerade eben.“

Ich stöhnte und griff mir an den Kopf. „Was für ein Blödsinn ist das nun wieder …? Hör mal, Arthur, hältst du mich für so dumm? Meinst du nicht auch, wir hätten uns etwas geschickter getarnt, wenn wir wirklich das wären, was du glaubst?“

Er starrte mich nur wütend an, als wollte er mich abermals …

Schon wieder erschien der verdammte Sergeant und flüsterte auf meinen Sheriff ein. Früher war der gute Minkerton zwar auch nicht gerade eine Leuchte, aber doch wenigstens selbst denkend gewesen. Jetzt hatte ihn Mister Riesenstirn offenbar voll im Griff.

„Barkeeper Jonny hat gesehen, wie ihr euch Zeichen machtet in der Bar“, verkündete Arthur mir jetzt triumphierend. „Kurz bevor der Mord geschah. Gib’s auf, Tsed. Ihr seid erledigt. Alle beide.“

Es war hoffnungslos. Und es war typisch für das bis ins Mark verdorbene, intrigante Sonnensystem, in dem wir lebten. Im Übrigen hatte der Sheriff ganz recht: Ich verspürte wenig Lust, ein „Geständnis“ aus mir herausprügeln zu lassen. Negativ formuliert: Ich war weniger zäh als die Albinoerin.

„Na gut“, sagte ich, „geben Sie mir einen Kaffee, Sheriff, und ich sage Ihnen alles, was Sie wissen wollen.“

Es war der Sergeant, der neben mir stehenblieb, während Minkerton höchst selbstzufrieden grinsend mir einen Becher mit der heißen, dampfenden Flüssigkeit brachte – der polizeiliche Stationskaffee war das exakte nicht-alkoholische Äquivalent zu dem grauenvollen saturnalischen Bier, das Jonny in seiner Bar ausschenkte, und ich war recht froh, ihn nicht trinken zu müssen, denn ich umschloss vielmehr den Becher mit beiden Händen und goss den Inhalt dem Sergeant beinahe ruhig mitten ins Gesicht.

Gepresst schrie er auf, fuhr zurück, und mitten auf der Stirn wurde ein von einer transparenten Schicht überzogenes, großes rundes Auge sichtbar – nur einen Wimpernschlag lang.

Ja!, dachte ich frohlockend, doch im nächsten Moment hatte der riesige Kerl sich schon wieder erholt, und seine Faust knallte mir voll aufs Auge. Der Hieb schleuderte mich gegen den entgeisterten Sheriff. Er wurde von den Füßen gerissen, noch ehe er seine Laserpistole ziehen konnte.

Mein Auge schwoll an und sehnte sich nach einem rohen Steak, als ich wieder hochkam und hervorstieß: „Wer würde es schon wagen, einen Cop wie dich zu verdächtigen, nicht wahr, Dreiauge? Saugute Tarnung …!“

Ich wusste nicht, ob der benommene Sheriff etwas davon mitbekam, und für eine unangenehme Sekunde befürchtete ich, das Spiel zu verlieren.

Aber Ira Zoirs Timing war einfach hervorragend. Einäugig sah ich, wie die Gefangene ihren Mund öffnete und eine große, bernsteinfarbene Fliege ausspie. Das Insekt raste auf den Sergeanten zu, und dieser musste wieder sein drittes Auge öffnen. Diesmal jedoch schloss es sich nicht wieder. Statt dessen sauste die Bernsteinfliege mitten hinein, dass Blut und Gallert nach allen Seiten spritzten.

Er kreischte, ein hässliches Geräusch, versuchte sich noch irgendwie zu wehren, doch umsonst. Das Insekt, einmal in sein Gehirn eingedrungen, verrichtete dort sein im ganzen Sonnensystem berüchtigtes Zerstörungswerk, und vor unseren Augen schrumpfte der Riese zu einem grotesken Gnom zusammen, schlug wild mit den Armen und brüllte noch mehr, als die Fliege – nur unwesentlich dicker geworden – aus seinem Hinterkopf wieder austrat.

Das Häufchen Mutant lag am Boden; unter ihm bildete sich eine Lache dampfender Flüssigkeit, die alsbald stinkend verdunstete. Der Sergeant selbst war zwar nicht tot, doch ich nahm an, insgeheim wünschte er sich, es zu sein. Oder hätte es sich gewünscht, wenn sein Hirn nicht in das Schwarze Loch ewigen Wahnsinns gestürzt wäre.

„Befreie mich, Yana!“, rief Ira Zoir und zerrte an ihren Fesseln. Ich schickte den Sheriff, der sich gerade aufzurichten versuchte, mit einem gezielten Karatehieb ins Reich der Träume, nahm die Schlüssel und tat, was die Albinoerin von mir verlangte.

Na ja. Ich hätte mir das vielleicht noch einmal überlegen sollen.

Sowie Ira Zoir frei war, lachte sie mir spöttisch ins Gesicht, würgte dann etwas aus den Tiefen ihrer Kehle hervor und spie ein weiteres Bernsteininsekt hervor – diesmal gegen mich.

 

*

 

Ich erwachte in der verlassenen Luftschleuse zur Rampe B., genau an derselben Stelle, wo der arme Murray krepiert war. Jedoch hatte ich mehr Glück als er und auch mehr Glück als der korrupte mordende Sergeant: Bis auf einen Brummschädel war ich okay.

Aber ich besaß nichts mehr, abgesehen von silberweißer Kleidung (die mir gar nicht stand, verdammt!) und jenem ID-Armband in meinem Body-Geheimversteck.

Ich fand eine Sicherheitsnadel und öffnete damit die künstliche Haut meines linken Unterarms, entfernte das hohle Knochentransplantat, das sich dicht neben der Elle befand und aufgrund meiner außerirdischen Herkunft problemlos zugänglich war, und nahm das Andenken an Murray heraus. All das ging blitzschnell vor sich; darin hatte ich Übung. Ich achtete auch wiederum darauf, dass die Kameras nicht genau aufzeichnen konnten, was ich da tat.

Aus dem benachbarten Korridor erklang ein entsetzliches vielfaches SUMMEN. Es wurde Zeit zu verschwinden.

Selbst wenn das Chaos, das durch die Insektenbeschwörerin auf Gamma Schrägstrich Sieben X hervorgerufen worden war, wieder abgeklungen sein würde, wäre es wenig ratsam, hier zu verweilen. Zum Glück hatte ich am Tatort für mich vorgesorgt. Andererseits hätte ich hier wohl für alles den Kopf hinhalten müssen.

„Jörg-Marten-Murray-Willkommen-an-Bord-Sir“, sagte eine klinisch-sterile Computerstimme; ich nahm Platz im Kapitänssitz des kleinen Ein-Mann-Transporters und beeilte mich, die Andockklammern zu lösen.

Ging alles problemlos. Niemand auf der Station hatte den allgemeinen Sicherheitsblocka­den­alarm ausgelöst, alle waren viel zu konfus, Glück, Glück!

Ich war mit einem blauen Auge davongekommen. Übrigens im wahrsten Sinne des Wortes.

E

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