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Sokrates

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Vater des Abendlandes

Sokrates und Jesus von Nazareth in vergleichender Sicht

Quellensituation. Zeitlosigkeit des Sokratischen Philosophierens

1. Kapitel

Der frühe Sokrates

Geburtsort Athen: Zentrum griechischer Geistigkeit. Herkunft.

Charakter. Schulbildung. Neigung zur Philosophie

2. Kapitel

Der Andersartige

Jugend ohne Jugendlichkeit. Physiognomie

Alkibiades’ Sokratesbild.

Alkibiades - Enfant terrible. Sokratesschwärmerei. Sophistik.

Sokrates - das unbekannte Wesen

Mann des Geistes und der Selbstzucht.

3. Kapitel

Ohne Athen kein Sokrates?

Sokrates’ Geisteswelt. Anaxágoras’ neue Philosophie

Wirkung auf Sokrates. Anaxagoras - Philosoph der Philosophen

Périkles und Anaxagoras. Athen und Anaxagoras

4. Kapitel

Aspásia, femme fatale

Emanzipatorisches Durchsetzungsvermögen

Mittel- und Glanzpunkt der hauptstädtischen Hautevolee

Verunglimpfung durch die Komödie

Aspásia und Sokrates. Aspásia und Perikles

5. Kapitel

Athen und Sokrates

Der Bürger Sokrates. Athen, die Überdemokratie

Ambivalentes Demokratiebewusstsein

Perversion der demokratischen Idee. Beispiel: Komödie

Volksherrschaft - ein Auslaufmodell?

Loyale Staatsgesinnung. Athens Zukunft in der Sicht des Sokrates und Perikles

Sokrates’ Menschenbild.

Perikles’ politische und familiäre Probleme

6. Kapitel

Neuanfang der griechischen Philosophie

„Menschliche“ Philosophie

Der diesseitig-weltkluge Philosoph

Sokratische Mäeutik. Meister und „Jünger“

Unprätentiöses Auftreten. Sokrates - das Gewissen Athens

Aristóphanes’ Sokratesbild.

Rededuell: Bequemlichkeit und Genusssucht

gegen Weisheitsstreben und Enthaltsamkeit.

Kynismus

7. Kapitel

Ehemann, Erzieher, Ratgeber

Sokrates’ Ehe - ein Ehedrama?

Xanthippe und Sokrates - Opfer einer historischen

Desinformation?

Pädagogik à la Sokrates

Weltferner Spintisierer?

Der Aristophanische Erzsophist.

8. Kapitel

Philosophie in praktischer Bewährung

Belehrungsresistenz des Sohnes

Das Gute im Spannungsfeld zwischen Pädagogik

und Philosophie. Sokratische „Nützlichkeitsmoral“

Problematik des Tugendbegriffs

Aristóteles’ ethischer Positivismus

Sokrates idealistische Tugendlehre und Euripides’

Frauengestalten

Unverwüstlicher „Gutmensch“?

9. Kapitel

Abnormale Normalität

Gesellschaftlich-bürgerliche Existenz

Sexualität. Verehrer des Schönen

Lobpreis des philosophisch sublimierten Eros

Enthüllendes Zeugnis des Alkibiades

Trinkfestigkeit.

„Ratgeber“ des Liebesgewerbes

10. Kapitel

Der idealtypische Staatsbürger und Soldat

Leidensfähigkeit. Uneigennütziges Engagement.

Der Philosoph im Soldat.

Tapferkeit und Einsatzfreude in Extremsituationen

11. Kapitel

Diener der Weisheit

„Gottesdienst“: Belehrung der Menschen

Diskursiv-interrogative Wahrheitssuche

Das Wahrscheinliche als Zielvorgabe

Fragen ohne letzte Antworten

Verärgerung der Examinierten

Hebammenkunst (Mäeutik)

Definition nach Gattung und Art.

Platon und Sokrates in vergleichender Zusammenschau

12. Kapitel

Die Sizilische Expedition

Alkibiades - Exponent des athenischen Imperialismus

Oppositionelle Politik.

Sokrates’ Grundhaltung

Der Hermenfrevel. Folgen

Alkibiades - Sokrates: Vergleichende Charakterzeichnung

Alkibiades - Retter Athens

13. Kapitel

Einer gegen alle

Athens Masochismus

Krítias - Sokrates’ Schüler und Feind.

Verbale Auseinandersetzung

Sokrates’faktischer Widerstand.

Demokratischer Neuanfang Athens

14. Kapitel

Die neue Zeit

Restaurative Kräfte. „Rufer in der Wüste“

15. Kapitel

Der Prozess

Analytisch-Spekulatives. Eine Stadt in Existenznöten

Recht und Justiz - Handlanger geistiger Unreife und ideologischer Rückständigkeit

Beispiel: Ánytos. Bühnenlob

16. Kapitel

Die Anklage.

Der Ankläger Méletos

Schwerpunkt der Anklage

Gespräch über die Frömmigkeit.

17. Kapitel

Vernehmung

Angriff als Verteidigung

Der Jugendverderber und Atheist.

Überlegene Dialektik. Hass der Athener

Sokrates und die Richter

Platons und Lýsias’ Engagement für Sokrates

18. Kapitel

Das Urteil

Schuldspruch. Geldbuße statt Tod?

Sokrates’ Schlussplädoyer: Höchste Ehre statt höchster Strafe

Humorvolle Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Todes:

Totsein - was heißt das?

19. Kapitel

Im Gefängnis

Flucht - keine Alternative

Alltägliches im Nichtalltäglichen

Literarisch-schöpferischer Gewinn im Zeitvertreib

20. Kapitel

Die letzten Stunden

Xanthippes Anteilnahme

Heiter-geistvolle Unterhaltung

Tod und philosophisches Dasein

Sokratischer Humor

Horror vor Klage und Trauer

Trankopfer aus dem Schierlingsbecher?

Einnahme des Gifttrankes. Wirkung.

Nachwort

Pionier eines neujustierten Menschentums

Sokrates’ Bild in der Nachwelt.

Sokrates

BIBLIOGRAPHIE

I. Quellen

II. Literatur

Sokrates

Europäer der ersten Stunde

Ein Lebensbild

Einleitung

Vater des Abendlandes.

Sokrates und Jesus von Nazareth in vergleichender Sicht.

Quellensituation. Zeitlosigkeit des Sokratischen Philosophierens.

Sókrates, Athener, Begründer der attisch-griechischen Philosophie1 - wie wohl keiner darf er für sich in Anspruch nehmen, Symbolgestalt dessen zu sein, was Abendland heißt. Was wäre Europa, in seinen geistigen Dimensionen begriffen, was wäre unsere europäische Gedankenwelt ohne diesen Griechen des 5. Jh.s v. Chr., ohne seine Philosophie, seinen unbedingten Erkenntnisdrang? Europa minus Sokrates gleich null. Europäisch denken heißt, sokratisch denken: eine Charakteristik gewiss formelhaft zugespitzt, gewagt plakativ. Und doch mag man ungern darauf verzichten: Sie hebt den Mann in eine einsame, unvergleichliche Höhe, wie es seinem Verdienst und geistigen Rang entspricht.

Manche gehen sogar noch darüber hinaus und wollen in Sokrates’ Leben eine Parallele zu Auftreten und Wirken des Jesus von Nazareth sehen. Fragen wir unbefangen, was es mit dem Vergleich auf sich hat, wenn er denn mehr ist als Ausfluss einer fast religiösen Verehrung und Huldigung. Nehmen wir seine Lehre: Wir kennen sie nur indirekt, aus zweiter Hand, durch Äußerungen und Darstellungen seiner Schüler und Freunde, vor allem Platons und Xenophons. Von ihm selbst gibt es keine einzige Zeile, nichts schriftlich Fixiertes.

Ebenso gilt: Er ist zum großen Anreger geworden. Überkommenes und Gewohntes, Alltägliches und Selbstverständliches in Denken, Wollen und Handeln hat er radikal infrage gestellt. Dass ihm viele darin nicht folgen wollten und konnten, dass sie mit Feindseligkeit und Hass antworteten, wo sie aufgefordert waren, die eigene Position kritisch und vorurteilsfrei zu überdenken - auch dies ist konstitutiver Teil seiner Vita.

Nicht zuletzt ist er sich, seinem geistig-ethischen Ich stets treu geblieben, ob genehm oder nicht, bis zum Tod. Ja, bis zum Tod. Auch dies mag als Vergleichsmoment seinen guten Sinn haben. Der Tod, willkürlich verhängt und gewaltsam herbeigeführt und doch bewusst und aus freien Stücken angenommen, besiegelt ein Leben, das in seiner Kompromisslosigkeit zum großen Ärgernis geworden ist. Man darf wohl, ohne ungebührlich hoch zu greifen, ein Wort der Bibel zitieren: Die Bauleute haben den Eckstein verworfen.

Die vorliegende Studie hat sich vorgenommen, diesen Mann, schon immer Gegenstand großen Staunens und ungläubiger Bewunderung oder fundamentalen Widerspruchs und rigoroser Ablehnung, biographisch zu erfassen und im Nahbereich menschlicher Erfahrung zu sehen, was wirklich an ihm ist. Nichts schwieriger als dies. Vergleichbares existiert in der Antike nicht, wenn man nicht das Allerlei von Fakten und Aussprüchen, von Diógenes Laértios2 kunterbunt und oft kritiklos zusammengetragen, dafür nehmen will.

Biographisch Gesichertes lässt sich nur sehr sporadisch eruieren. Die vorhandenen zeitgenössischen Zeugnisse, nicht eben wenige, verwirren mehr, als dass sie klären. Sie sind in sich wenig vertrauenswürdig, zum Teil gegenteiliger Natur, zeugen vor allem von einer Rezeptionsgeschichte, die nicht uneinheitlicher sein könnte. Dass, davon abgesehen, die Legende vielfach das Feld behauptet, wie bei allem, wo der Mensch scheinbar Übermenschlichem, Rätselhaftem begegnet und damit klarzukommen versucht - fast schon erwartet und nur konsequent. Beklagenswert spärlich gesät die Stellen, wo nicht Lessings „garstiger Graben“ zwischen Glauben und Geschichte dräut.

Wenigstens eines mag erreicht werden. Die Grundlinien des Lebens und Denkens dieser Jahrhunderterscheinung sollen sich klar abzeichnen. Nicht verdrießen soll es dabei, wenn Historisches und Geschichtsfremdes immer wieder miteinander im Wettstreit liegen. Die Ranken des Legendenhaften, nicht Verifizierbaren, Mythischen können bisweilen den klaren Blick verstellen. Dem Stamm selbst vermögen sie, noch so üppig wuchernd, nichts anzuhaben. Vielmehr mag es angehen, in all dem, wo nicht der Weltgeist unmittelbar zu uns zu sprechen scheint, ein notwendiges Beiwerk zu sehen, ja, es als untrüglichen Fingerzeig zu nehmen für die historische Größe und Zeitlosigkeit des so Umrankten, Verdunkelten und Verklärten.

In ihrer zeitlosen Gegenwärtigkeit also mag sich, so die Intention der Arbeit, die Gestalt des Sokrates lebendig darstellen und zur bestmöglichen Wirkung gelangen. Das ist doch wohl auch die einzige Möglichkeit, seinem philosophischen Anliegen einigermaßen gerecht zu werden, bei aller Zeitgebundenheit des äußeren Werdegangs, des physischen und geselligen Lebens und Wirkens. Wer befürchtet, es sei die Idealisierung eines menschlich-irdischen Wesens unter Aufbietung hagiographischer Eitelkeiten beabsichtigt, also der Versuch, es auf die eine oder andere Art von seinen Unvollkommenheiten zu befreien, dem sei in Erinnerung gerufen, dass sich ein solches Verfahren bekanntlich dort von selbst erledigt, wo die in Rede stehende Person noch allen Zeiten als Mensch von einmaliger Idealität vor Augen stand und steht, nicht zuletzt als Musterbild bewährt ist, als „Inbegriff der Sehnsucht nach Vollkommenheit“3.

Nicht Sokrates also, dem Mann der Geschichte, der objektiven Wirklichkeit, wollen wir in erster Linie begegnen, sondern, mit Goethe zu reden, um „den inneren Menschen“ in seiner Unvergänglichkeit und Vorbildlichkeit, wenn es denn sein soll, seiner idealen Seinsweise, wollen wir uns bemühen, um uns von ihm ergreifen und vereinnahmen zu lassen. Ihm mögen zuvörderst unsere Aufmerksamkeit und unser hauptsächliches Interesse gehören. Das Gesagte vorausgesetzt, mag auch der durchgehende Gebrauch des Präsens als Darstellungsprinzip für Vergangenes durchaus sinnvoll und angemessen erscheinen.

1 Es ist üblich, alle griechischen Denker, die Sokrates vorausgehen, in ihrer Bedeutung eben durch das zeitliche Moment hinreichend definiert und eingestuft zu sehen. Man bezeichnet sie als Vorsokratiker.

2 Diogenes Laertios, griech. Schriftsteller, schrieb um 220 n. Chr. eine Art Geschichte der Philosophie in zehn Büchern. Sein Werk mit dem nicht authentischen Titel „Leben und Meinungen der bedeutenden Denker und Sammlung der Lehren der philosophischen Richtungen“ ist eine wichtige, allerdings oft unkritische Quelle für die Geschichte der alten Philosophie.

3 Philosophisches Wörterbuch, herausgegeben von Georgi Schischkoff, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1982

1. Kapitel

Der frühe Sokrates

Geburtsort Athen: Zentrum griechischer Geistigkeit. Herkunft.

Charakter. Schulbildung. Neigung zur Philosophie.

Wir schreiben das Jahr 470 v. Chr. Athen, die Hauptstadt Áttikas4, erwacht. Mit Sparta, der militärisch besonders ambitionierten Hauptstadt der Peloponnés5, um die politische und militärische Vorherrschaft in Mittelgriechenland rivalisierend, ist die Stadt der Athener seit langem als geistig-kulturelle Metropole ganz Griechenlands weithin berühmt und anerkannt. Wer immer als Geistschaffender, als Schriftsteller, Künstler, Philosoph etwas werden oder gelten will, tut gut daran, hier, wo Geist und Kunstverstand eine ursprüngliche Heimstatt haben6, inmitten der Buntscheckigkeit des überschäumenden geistigen Lebens sich den letzten Schliff und womöglich die gebührende Anerkennung zu holen.

Es ist ein Tag wie jeder andere. Auf der Agorá, dem Marktplatz, ist nach der nächtlichen Ruhe das Leben zurückgekehrt, pulsierendes, vibrierendes Leben. Handel und Wandel sind in vollem Gang. Nicht ganz reibungslos. Athen hat sich entschlossen, seinen Kommunikations- und Handelsmittelpunkt vollständig umzukrempeln. Schon seit 507 macht sich rege Bautätigkeit breit. Wo bisher bauliche Ärmlichkeit und Unscheinbarkeit der Stadt wenig Ehre einbrachten, soll eine großzügige Ausgestaltung in dem äußeren Bild Athens neue Glanzpunkte setzen. Nichts städtebaulich Unrühmliches, Unansehnliches darf mehr dem Ruhm seiner intellektuellen Wortführerschaft entgegenstehen.

An so einem Tag des beginnenden Jahrzehnts ist es, dass Phainarete7, von Beruf Hebamme, einem Knaben das Leben und Athen einen neuen Bürger schenkt. Einer seiner größten sollte es werden. Sein Name: Sokrates. Er wird ihn auf seinem bürgerlichen Lebensgang begleiten, bald aber zum Inbegriff einer bestimmten Lebens- und Geisteshaltung werden, von einem Edelsinn und einer Erhabenheit, wie sie die Welt bis dahin noch nicht gesehen hat.

Sein Vater, Mann der Phainarete in zweiter Ehe, ein gewisser Sophroniskos. Auch er bleibt, wie die Mutter, mehr oder minder Schattengestalt. Kaum dass die Überlieferung es für nötig findet, uns mit seinem Namen und Beruf bekannt zu machen. Steinmetz oder Bildhauer8 soll er gewesen sein.

Das einzige, was sich über seine Persönlichkeit und das Verhältnis des Sohnes zu seinem Vater sagen lässt, findet sich in Platons Dialog „Laches“. Beiden, Vater und Sohn, wird hohes Lob gezollt. Lysímachos, Dialogperson, spricht es aus. Sophroniskos ist ihm der „beste der Männer“9, also, wenn wir vom Superlativ absehen, für Römer wie Griechen gern Mittel der Personencharakterisierung: „ein edel denkender, vortrefflicher Mann“. Die edle Gesinnung scheint auch der Anteil zu sein, den der Vater zur inneren Formung des Sohnes beisteuert. „Du hältst den Vater in Ehren“, bescheinigt ihm Lysímachos.

Seine Knaben- und ersten Jugendjahre liegen vollständig im Dunkeln. Nichts ist darüber verlautet. Soll heißen: Der Bildungsgang hält sich im Herkömmlich-Allgemeinen, im Abseits der öffentlichen Wahrnehmung.

Morgen für Morgen wird sich also der kleine Sokrates auf den Weg in die Schule machen, begleitet von einem Sklaven, dem paidagogós10, bewehrt mit Wachstafel und Griffel. Unter Schule dürfen wir uns nichts Offizielles wie heute vorstellen. Es sind die privaten Räumlichkeiten des grammatistés11, des Elementar- oder Grundschullehrers, die ihn erwarten. Sie verheißen und verbürgen dem Kleinen12 Unterricht im Lesen und Schreiben. Der Rohrstock, zu allen Zeiten untrennbar mit dem Betriff Schule verbunden und ihren Schrecken repräsentierend, ist auch damals ständig drohend zugegen. Ja, in der damaligen Pädagogik - eine Pädagogik ohne körperliche Züchtigung war noch nicht angedacht und gefunden - ist er ein gern und fleißig gehandhabtes Utensil13. Sollen wir annehmen, dass auch der Schüler Sokrates dessen Bedeutung und Wirkung aus eigener Erfahrung kennt, oder kommen in seinem Fall Lernverhalten und Betragen auch ohne physisch schmerzhaftes Korrektiv aus? Keine Frage von Belang.

Keine schriftlichen Zeugnisse gibt es auch darüber, dass ihm ein vermögensabhängiges Privileg schulmäßig eine umfassende Bildung in Geometrie, Arithmetik, Musik, Literatur, Astronomie, Rhetorik und Philosophie gesichert hätte. Seine Eltern sind nicht ohne Vermögen. Ob es ausreicht, ihm den üblichen Weg in die höheren Geistessphären zu bahnen, oder ob er autodidaktisch das Nötige tut, um seinem Talent zu bieten, was es zur Vollreife braucht und begehrt - die Überlieferung hält sich auch hier bedeckt. Sein Wissensdurst jedenfalls scheint fast unstillbar. Neben der Arbeit in der Werkstatt des Vaters findet er noch, das wenigstens ist bekannt, Zeit und Gelegenheit, sich in die Lehren der alten Weisen zu versenken. Er tut es offenbar mit Genuss. Die empfänglichen Sinne des gefräßigen Lesers können nicht genug davon bekommen. Die körperlich-handwerkliche Arbeit ist anscheinend ja nicht das, was ihn innerlich zu packen und auszufüllen vermöchte.

Es ist verbürgt, Sokrates’ frühreifer Geist ist schon bald in der Welt der Philosophie zu Hause14. Wir wissen im Einzelnen nicht, welche Gedanken, welche Gefühle ihn bewegen, als er den verschiedenen Versuchen der Welterklärung begegnet, den leidenschaftlichen Bemühungen, die Vielgestaltigkeit des Seins auf das All-Eine, Ewige, Göttliche zurückzuführen, aus dem alles geworden scheint. Thales15, Anaximander16, Anaxímes17: drei Größen der so genannten Naturphilosophie seien hier namentlich genannt. Ihre je verschiedenen Gedanken, Auffassungen, Vorstellungen, Thesen und Theorien - mit gutem Grund dürfen wir annehmen, dass sie ihn ebenso verwirrt, ratlos und zweifelnd zurücklassen wie uns Heutige.

Fern sei es, geschichtsklitternd biographische Blößen zu kaschieren. Gleichwohl sollte es nach Sachlage nicht unangemessen sein zu unterstellen, Sokrates hat, so jung er ist, ansatzweise eine Vorstellung davon, dass das Suchen und Fragen nach den letzten Seinsgründen von Welt und Natur mehr ist, als es die zum Teil recht wunderlichen, kaum fassbaren Ergebnisse philosophischen Spekulierens besagen. Kündet doch alles, was in dieser Richtung unternommen wird, laut und vernehmlich davon, dass der Mensch dabei ist, aus Dunkel und Unmündigkeit des Mythos auszubrechen und in der Freiheit und Helligkeit des Logos, der Vernunft, des geistigen Daseins, seinem Leben in ungeahnten Dimensionen neuen Sinn und neue Würde zu geben. Jedenfalls scheint ihn alle Problematik, alle begrifflich-intellektuelle Anstößigkeit und Unbeholfenheit dessen, was philosophisches Forschen als Lösung kosmogonischer Problemstellungen anbietet, nicht grundsätzlich dagegen einzunehmen, nicht daran zu hindern, voll Ehrfurcht und Bewunderung zu den Männern aufzublicken, die in dieser Weise um Wahrheit und Weisheit ringen.

Mit Werk und Lehre Heraklits18, des neben Thales und Demokrít19 wohl bedeutendsten und bis in die heutige Zeit wirkmächtigsten der Naturphilosophen, hat er sich offenbar besonders auseinandergesetzt. Von Eurípides20 wird er um seine Meinung zu Heraklits Philosophie befragt. Seine Antwort: „Was ich verstanden habe, ist großartig, und ich glaube auch das, was ich nicht verstanden habe; denn ein delischer Taucher ist nötig, um auf den Grund zu kommen.“ Ein echt Sokratisches Wort voll Witz und Hintersinn: Man beachte die feinsinnige Ironie mit dem leichten Anflug von kritischabfälliger Reserviertheit bei dem Verweis auf den „delischen Taucher“. Doch mit dieser Stellungnahme befinden wir uns bereits in einer Zeit, als Sokrates willens ist, in philosophischen Dingen eigene, ganz neue Wege zu gehen, sich von allem Tradierten zu verabschieden, es bedenkenlos über Bord zu werfen.

4 Attika, zentrale Landschaft Griechenlands

5 Peloponnés, Südhalbinsel Griechenlands, jetzt Morea

6 Vgl. die griechisch-lateinische Redensart „Eulen nach Athen tragen“. In einer Komödie des Aristóphanes wird gefragt: „Wer hat die Eule nach Athen getragen?“ Danach nimmt die stolze Redensart sprachlich, insbesondere geistig Überflüssiges, was sich von selbst versteht, aufs Korn, um den, der in dieser Weise etwas verlautbart, als vergleichsweise zurückgeblieben, nicht auf der Höhe der Zeit und der Wissenschaft stehend abzutun. Die Eule war Sinnbild der Weisheit und konkret Attribut der ernsten jungfräulichen Stadtgöttin Athene (lat. Minerva). Tochter und Lieblingskind des Zeus, nach späterer Sage aus dessen Haupte entsprossen, war sie die Personifikation der menschlichen Intelligenz. Sie wurde als Göttin der Weisheit, als Schützerin der Künste und Wissenschaften, aber auch als Kriegsgöttin verehrt.

7 Die Griechen begnügten sich jeweils mit einem Namen. Verdeutlichend konnte der Name des Vaters (im Genitiv, also Sokrátes Sophronískou, zu erg. „Sohn des“, vgl. ahd. Hadubrant Hiltibrantes) oder die lokale Herkunft hinzutreten. Beliebt waren Namenskomposita mit einem positiv besetzten Appellativum, also Wunschnamen, z. B. Phainarete = die, die Tüchtigkeit (areté Tugend, Tüchtigkeit) zeigt (phaínein erscheinen lassen, verkünden).

8 Manche machen ihn zu einem Bildhauer, obwohl die griechische Berufsbezeichnung lithourgós zunächst nur den „Steinhauer“ meint.

9 Griech. áriston andrón (Plat., Lach. 181 a)

10 Wörtl. der Knabenführer

11 Von grámmata die Buchstaben, dann umfassend für Elementarkenntnisse, Schreiben und Lesen, das Abc, im weiteren Sinn auch für Schriften, Literatur, Wissenschaften, vergleichbar lat. litterae.

12 Der Elementarunterricht war in der Regel privat organisiert.

13 Für Platon „ist ein nicht geschundener Mensch nicht erzogen“.

14 Vgl. Platon, Phaidon 96 a-c

15 Thales von Milet, erster griech. Philosoph und Mathematiker, um 600 v. Chr.; nach Aristoteles „Ahnherr der Philosophie“, halb sagenhaft (einer der Sieben Weisen); lehrt, dass das Wasser der Urstoff ist, aus dem sich alle Materie zusammensetzt. Gerühmt werden von den Alten seine Kenntnisse in Geometrie, Astronomie und Naturwissenschaft. Für den 28. Mai 585 hat er eine Sonnenfinsternis richtig vorausgesagt, vielleicht auf der Grundlage ägyptischer Aufzeichnungen und babylonischer Berechnungen.

16 Ápeiron, Kernbegriff der Weltentstehungslehre des Anaximander, zu übersetzen mit „Grenzenloses, Unendliches, Unbestimmtes“. Anaximander (gr. Anaximandros), 610-547 v. Chr., hatte ebenso wie Thales einen Namen als Mathematiker, Astronom und auch als Geograph. Ihm verdanken sich die erste Erdkarte und der erste Himmelsglobus. Vor allem ist er der erste, der als Denker den Schritt vom sinnlich Anschaulichen, Begreifbaren zum metaphysisch Unanschaulichen tut. Das ápeiron ist ihm das allein Ungewordene, Unvergängliche, Göttliche. Seine Schrift Perì phýseos „Über die Natur“ - er war der erste Grieche, der Prosa schrieb - war die erste philosophische griechische Schrift überhaupt. Nach ihm wurde allen Schriften der ersten Naturphilosophen dieser Titel beigelegt.

17 Auch er, zw. 585 und 525 v. Chr., zählt wie Thales und Anaximander zu den sog. Naturphilosophen. Alle drei sind sie aus der ältesten, mächtigsten und reichsten Handelsstadt im ionischen Kleinasien, Milet, hervorgegangen. Anaxímenes bezeichnet als den Urstoff die Luft, aus der durch Verdünnung Feuer, durch Verdichtung Wind, Wolken, Wasser, Erde und Steine entstehen. „Wie unsere Seele [gr. psyché, nicht = Inbegriff aller menschlichen Geistes- und Gefühlskräfte, sondern verstanden in der Grundbedeutung = Hauch, Atem = Lebensodem, Lebenskraft als Prinzip des physischen Lebens oder der animalischen Existenz, überhaupt = Leben, insofern es durch das Vorhandensein der Seele im Körper bedingt ist] Luft ist und uns dadurch zusammenhält, so umfasst auch den ganzen Kosmos wehender Hauch und Luft.“

18 Heraklít von Ephesus (urspr. karische Siedlung an der westkleinasiatischen Küste, dann von Griechen aus Athen besiedelt), griechischer Naturphilosoph, um 544-483 v. Chr., wegen seines tragischen Ernstes auch der „weinende Philosoph“ genannt. Sein Buch über die Natur, von ihm im Tempel der Artemis deponiert und dieser geweiht, ist als Ganzes nicht erhalten. Die Lehre ist nicht in einem systematischen Gedankenbau niedergelegt, sondern besteht aus einzelnen Sprüchen (Gnomen) von hoher Prägnanz und streng formaler Konzeption. Die außergewöhnliche Konzentration und Vieldeutigkeit der Gedanken brachten es mit sich, dass ihm bald der Beiname „der Dunkle“ anhaftete. Die gesammelten 130 Fragmente (ungefähr die Hälfte des Werkes dürfte so auf uns gekommen sein) zeigen einen umfassenden, vielseitig interessierten Geist. Kosmologie, Politik, Ethik und Theologie - das sind die thematischen Blöcke, denen sich die Fragmente zuordnen lassen. Was ihn als Philosoph besonders auszeichnet, ist seine Logoslehre: Nach seiner Anschauung formt sich aus dem Weltfeuer (Urgrund aller Materie) und dem in ihm wirkenden Weltgeist (Logos) die vielfältige und spannungs- und gegensatzgeladene Welt der Erscheinungen (Kosmos) und sinkt nach dem ewigen Gesetz von Entstehen und Vergehen dahin zurück zu neuem Werden. Seine Lehre hat eine vielfache Renaissance erfahren: Die Stoa hat sie ebenso aufgenommen wie die christliche und die ganze abendländische Philosophie. Auch in der Neuzeit hat sie die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Hegel, Schleiermacher, Lassalle und Nietzsche sind ihr besonders zugetan. Die Theoretiker des Bolschewismus, so auch Lenin, haben Heraklit für sich vereinnahmt.

19 Leukípp, gr. Leukippos, geb. zwischen 480 und 470 v. Chr. vermutlich in Milét, gest. in Abdera (blühende Handelsstadt an der Küste Thrakiens, stand im Ruf der griechischen Schildbürgerstadt [vgl. Wielands „Abderiten“], nach Aristoteles Begründer der Atomtheorie (Atomistik). Was er lehrte und schrieb, darunter eine Schrift über die „Große Weltordnung“ und ein Buch „Vom Geist“, scheint schon früh im Corpus der sechzig Schriften seines Schülers Demokrít aus Abdera aufgegangen zu sein. Demokrit war wohl der größere, umfassendere Geist. Über Mathematik, Naturwissenschaft, Ethik, Ästethetik, Grammatik, Technik, Politik, und Kriegskunst scheint er sich gleichermaßen kundig geäußert zu haben. Er war jedoch eindeutig naturwissenschaftlich orientiert. Bezeichnend sein Wort, er wolle lieber einen einzigen Naturvorgang erklären als Perserkönig (Symbolgestalt für das dem Menschen erreichbare Höchstmaß an Macht, Reichtum und irdischem Glück) werden. Mit seinem Namen verbindet sich heute in erster Linie die Atomlehre. Offenbar hat er sie von Leukipp übernommen, modifiziert und voll ausgebildet.

20 Eurípides, der dritte der großen Tragödiendichter Athens, 480-406 v. Chr. Schüler der Sophisten, grüblerisch und skeptisch, ist ihm die Frömmigkeit des ´Äschylos und das Vertrauen des Sóphokles in die göttliche Allmacht, Weisheit und Güte fremd. Das seelisch-geistige Profil seiner Bühnenfiguren hat, psychologisch scharf umrissen, etwas Existentialistisches, ist Spiegelbild einer wildbewegten Zeit mit all ihren erregenden Fragestellungen in Politik, Religion, Gesellschaft. Themen wie Wesen der Gottheit, die beste Staatsform, Sklaverei, Armut und Reichtum, Adel und Bürgertum, Nationalität und Kosmopolitismus, Frauenbildung, Jugenderziehung gehören zu ihrem Gedankenkosmos. Charakteristisch auch ihr Seelenbild: In sich zerrissen, klagen sie gern und rechten mit dem blindwaltenden Schicksal (vgl. Ibsen).

2. Kapitel

Der Andersartige

Jugend ohne Jugendlichkeit. Physiognomie.

Alkibiades’ Sokratesbild.

Alkibiades - Enfant terrible. Sokratesschwärmerei. Sophistik.

Sokrates - das unbekannte Wesen.

Mann des Geistes und der Selbstzucht.

Wenn wir eines ohne weiteres sagen können, dann dies: Schon der junge Sokrates ist vorwiegend an seinem geistigen Fortkommen interessiert, scheint bereits darauf versessen, sich einen festen Platz im Reich des Geistes zu sichern. So kommt es, dass er wohl so gar nichts an und in sich hat, was andere in den ersten Jahren der Jugendblüte, des sinnlichen Überschwangs umtreibt, bewegt und beschäftigt: pralle Weltlichkeit, Körperlichkeit, Nützlichkeit. Ja, es scheint ein Privileg jugendlichen Denkens, Wollens und Tuns, sich in den stürmischen Tagen des äußeren Reifens und inneren Drängens eine Welt aus Versatzstücken des Äußerlichen, Vordergründigen zusammenzuzimmern, das eigene Ego fest im Blick, immer auf der Suche nach sich selbst und der ultimativen Erfüllung des Daseins.

Dem heftigen Blut der Jugend, der angemaßten Lizenz zum Ausleben von Komplexen und Aggressionen, einem Leben im Vorläufigen, an der Oberfläche der Dinge, vermag der Sohn des Sophroniskos offenbar nichts, aber auch gar nichts abzugewinnen. Früh und entschieden erwacht das philosophische Interesse in ihm, meldet sich unbefangen, vorwitzig und vehement zu Wort. Gern folgt er dem Ruf seines Inneren gegen alle Widerstände der Außenwelt. Sehr sauer lässt er sich’s in seiner Wahrheitssuche werden, um der Wahrheit willen. Er ist anders. Die Leute merken es wohl, beginnen zu reden. Sein Anderssein, das Rätselhafte, das Atypische, Abgesonderte, um nicht zu sagen: Absonderliche - die Alten haben dafür den Begriff atopia21 - wird zum Markenzeichen seiner Persönlichkeit, seines Naturells, seines Lebens, offenbar schon im Stadium des Heranwachsens.

Fest steht, dass mit herkömmlichen Begriffen über sein Geistesprofil nichts gesagt ist. Dasselbe gilt von seiner physischen Erscheinung. Man könnte meinen, die Natur hätte ihr Bestes geben wollen, Inneres und Äußeres in seiner jeweiligen Nonkonformität konform gehen zu lassen. Da ist seine Physiognomie. Typisch griechisch ist daran im Grunde nichts, außer vielleicht der lockig gewellte schwere Bart. Die ganze untere Gesichtshälfte samt Mundpartie bis zu den Nasenöffnungen beansprucht die haarige Pracht für sich. Nicht genug. Langgezogen, über Wangen und Hals hinweg spitz zulaufend, setzt sie wesentliche Akzente in dem Gesamteindruck des Grotesk-Komischen: Der Hals scheint nicht vorhanden, der Kopf unmittelbar im Schulterbereich aufgesetzt. Das übrige - fast noch auffallender, geeignet, das Unverwechselbare, Einmalige der Erscheinung zu verfestigen: Die Kopfhaare - ein schmaler seitlicher Haarkranz nur. Das ist alles, was ihm die Jahre gelassen haben. Ein Makel braucht das nicht unbedingt zu sein. Nichts steht so der gebührenden Ausdehnung und Aufwertung der wuchtigen Denkerstirne im Wege. Ja, wenn da nicht ihre schwierige Lage über der plattgedrückten, breitflächigen Nase wäre. Sie selbst ist nicht weniger übel dran. Gewiss angemessen mit der weitausladenden Gesichtsformation korrespondierend, hat sie wohl kaum jemals das Glück, unbefangen im Gesicht eines Philosophen und nicht eines Faustkämpfers verortet zu werden. Bleiben noch die wulstigen Lippen und die schmalen Augenschlitze unter den schweren Lidern - keine Überraschung, notwendiger integrativer Bestandteil, sagt uns die Natur. Dankt es nicht die Harmonie des Gesamtbildes?

Das also ist das Konterfei des Sokrates - dürftige Hülle, matter Abglanz eines großen Geistes. Wer sich daran stört, sollte lieber dem Schöpfer der Sokratesbüste, entstanden um 335 v. Chr. und aufbewahrt im Thermenmuseum in Rom, dankbar sein und anerkennend belobigen, was er uns hinterlassen hat. Wohl keiner, den es ungerührt lässt. Offenbar ist der Künstler der Versuchung widerstanden, dort dem äußeren Schein zuliebe mit dem Meißel kaschierend nachzuhelfen, wo die Natur in den äußeren physiognomischen Verhältnissen einen unverfälschten Charakterkopf gewollt hat, keinesfalls ein Dutzendgesicht. Gottlob, wenigstens hier bleiben uns Fiktion und Legende erspart.

So dürfen wir in ein Angesicht blicken, das lebensechter, überzeugender, in sich stimmiger und ausgewogener nicht sein könnte. Schwer vorstellbar eine andere Konfiguration. Ein widerspenstiger Geist, man kann sagen, was man will, hat eine kongeniale Übersetzung und Überformung ins Materiell-Körperliche gefunden. Wer sagt da, dass das Ergebnis nicht auch schön ist? Niemand soll belehrt werden. Es ist hier auch nicht der Ort, mit Sokrates der Frage „Was ist schön?“ im Sinne „Was ist das Schöne?22“ diskursiv nachzugehen. So viel nur: Platte, nichtssagende Adonisschönheit ist nicht alles. Fraglos findet daneben unser Wohlgefallen auch eine andere wesenhafte Schönheit. Wenn wir denn darunter eine Schönheit begreifen wollen, fähig, zugleich Geist und Sinne anzusprechen. Allein deshalb, weil sie zeichenhaft eine verborgene Wahrheit und Harmonie reflektiert. Wir dürfen es Augustinus glauben: Schönheit ist Wahrheit.

Wem das zu philosophisch ist, der möge sich an Alkibíades23 halten, den vertrauten Freund und Schüler des Sokrates. Alkibiades, der junge, vielversprechende, selbstbewusste Beau aus bestem Hause, will in seinem Lehrer einen typischen Silen24 erkennen. Mit Pfeife oder Flöte seien solche Wesen üblicherweise vom Bildhauer dargestellt, im Grunde aber dazu da, im aufklappbaren Inneren Sitz und Wohnstatt eines Götterbildes vorzustellen. Das Äußere eines Silens zugeschrieben zu bekommen und mit solcher Identität durchs Leben zu gehen - keine besondere Auszeichnung, gewiss.

Doch nein. Alkibiades ist nicht nach Spotten zumute. Er sichert es Sokrates ausdrücklich zu, der schon dergleichen befürchtete. Loben will er ihn. Und niemand soll daran zweifeln, wenn auch die fortgeschrittene Stunde und der genossene Wein möglicherweise gegen ihn zeugten25. Tatsächlich outet er sich als ausgesprochener Sokrates-Fan. Das Äußere spielt da keine Rolle. Nicht um das Silengesicht ist es ihm zu tun. Die entscheidenden Momente bei dem Vergleich sind Flöte und Götterbild. Daran knüpft sich ein ins Hymnische gesteigertes Lob: Die Töne, die der Silen seiner Flöte entlockt, vermögen zu bezaubern, über unser Innerstes nach Belieben zu verfügen. Ähnlich die Worte und Reden des Sokrates. Wer sie hört, aus seinem Munde oder auch nur vorgetragen, und sei es auch nur von einem „Unbedeutenden“ - „Weib oder Mann oder Knabe: alle sind wir wie außer uns und ganz davon hingerissen“26. In seinem Inneren - wieviel „Weisheit und Besonnenheit“27 verbirgt sich da! Schön, reich oder was sonst den Menschen so rühmenswert erscheint, ihm ist es nichts wert. „Die Götterbilder, die er in sich trägt … Ich habe sie einmal gesehen. Und so göttlich, golden, überaus schön und bewunderungswürdig schienen sie mir zu sein, dass ich glaubte, auf der Stelle alles tun zu müssen, was Sokrates wünschte.“

Wer sich hier so begeistert in Lauten enthusiastischer Bewunderung äußert, ist mit seinen zwanzig Jahren gewiss kein Mann fürs Gefühlige, fürs Schwärmen und Schmeicheln. Jugendlicher Tunichtgut, das ist er. Höchster Genuss ist es ihm, aus der Reihe zu tanzen, von sich reden zu machen, gleich wie. Witze, Streiche, extravaganter Luxus - alles passgenau. Der Lebensstil des jungen Mannes lässt nichts aus, wenn es nur für Überraschung und Gesprächsstoff taugt. Die Stadt scheint bemüht zu goutieren, was da so unkonventionell Nerven und Köpfe in Wallung bringt. Nein, an Bekundungen des Abscheus, der Entrüstung ist kein Mangel.

Auch ein Alkibiades müsste verzagen und in sich gehen, wäre da nicht auch ganz anderes, Positives, Ermunterndes. Stimmen der Bewunderung, ja, des förmlichen Einvernehmens scheinen sich darin verschworen zu haben, seine trunkene Selbstbeweihräucherung täglich aufs Neue huldigend zu begleiten. Er selbst weiß, was er sich und seinen Verehrern schuldig ist. Wer hat sich je in Athen mit kostbareren Möbeln umgeben, je die Wände seines Heims von Künstlern bemalen lassen? Alkibiades tut es. Wer leistet sich einen Stall voller Rennpferde, wer gewinnt in Olympia den ersten, zweiten und vierten Preis auf einmal, wer bewirtet die ganze Volksversammlung und lässt Athen an seiner Freude und seinem Triumph teilnehmen? Alkibiades tut es - wie selbstverständlich.

Alkibiades da, Alkibiades dort. Alkibiades ist der Superstar, wird Kultfigur. Unbotmäßigkeit, Vorwitz und Exzentrik macht er zum Gesetz seines Daseins. Nur ihm ist er bereit, sich unterzuordnen. Gesetzesübertretungen und Beleidigungen - wer zählt sie, wer ahndet sie? Er stößt ein wenig mit der Zunge an. Wem fiele es ein, darüber zu spotten? Sein Charme macht daraus eine Tugend: Die modischen jungen Leute beginnen zu lispeln. Seine Schuhe - so ungebärdig wie er selbst. Unerhört neu, extravagant, weniger Schuh als vorlaute Attrappe und Effekthascherei: Der Jeunesse dorée ist es ein absolutes Muss, in „Alkibiades-Schuhen“ vor die Welt zu treten und in einer neuen Variante ihre Ausnahmestellung und Extraklasse zum Besten zu geben.

Er liebt die Damenwelt, die Damenwelt liebt ihn. Die Geduld seiner Frau Hipparete hält nicht lange vor. Sie zieht zum Vater, dem reichen und mächtigen Hippónikos, entschlossen, sich scheiden zu lassen. Der Spruch des Scheidungsrichters bleibt ungesprochen. Der treulos Liebende kommt ihm zuvor. Er nimmt seine Frau und trägt sie heim. Der Marktplatz ist um ein zündendes Schauspiel reicher. Seine Frau scheint zufrieden mit den spärlichen Resten an Zuwendung und Aufmerksamkeit, die seine Liebeseskapaden nicht beanspruchen. Ihr Herz aber, schon lange gebrochen, begehrt auf. Es zieht den frühen Tod einem elenden Leben an der Seite eines unverbesserlichen Schürzenjägers und Playboys vor.

Das ist Alkibiades, wohl sich selbst das größte Rätsel. Dieser Mann, der, allein sich selbst Freund, für Gott und die Welt nur Verachtung übrig hat, der verwöhnte, aufgeblasene Jüngling, sonst „cool“ bis in die Zehenspitzen, trägt sein Herz auf der Zunge, wenn es um Sokrates geht, fühlt sich hingezogen zu dem Mann in reiferen Jahren. Ja, unsere Verwunderung kann sich kaum erholen: Ist der Philosoph nicht in allem das Gegenteil von dem, was er selbst ist und sein will? Könnten zwei Charaktere gegensätzlicher sein, vor allem auch in allen Belangen der geistigen Orientierung? Die Sophistik, von Sokrates zum puren Feindbild erkoren, findet in Alkibiades geradezu den idealen Parteigänger.

Wie auch nicht? Fährt nicht jugendliche Hitzköpfigkeit auf alles ab, was neu, modern ist oder scheint, gut genug, einen dicken Trennungsstrich zu ziehen zwischen sich und dem, was vorher war und allein schon deshalb verbraucht und obsolet erscheint und zu sein hat? Wahrlich, was da seit einigen Jahren durch die Lande, von Stadt zu Stadt zieht, allenthalben zu öffentlichen Ansprachen oder zu kleineren, seminarartigen Veranstaltungen einlädt, die Zunft „kundiger Männer“ - Sophisten28 und Menschenlehrer wollen sie sein und heißen - hat für Geister seines Schlages in der Tat viel, sehr viel im Angebot.

Die schieren Neuerer sind sie. Beispiellos, wie sie auftreten, beispiellos, wie sie lehren - sie lassen sich ihr „Know-how“ bezahlen, bezahlen auf Heller und Pfennig. Beispiellos, unerhört schließlich auch, was sie lehren und verheißen. Das Wort wollen sie lehren, lehren, es richtig, bezwingend, überlistend zu gebrauchen, aus Gut Schlecht, aus Schlecht Gut zu machen, allein mit Mitteln und Tricks vollendeter, kunstvoller Gesprächsführung und überlegen-verfeinerter Redetechnik. Wer kann da widerstehen, wenn er vor Gericht oder in der Volksversammlung brillieren, Dinge und Stimmungen in seinem Sinne zu lenken vermag, ob gehörig oder ungehörig?

Vorbei das Theoretisieren und Spintisieren über Kosmologisches. Der Mensch, was ihn unmittelbar angeht, sein Wahrnehmen, Empfinden und Denken, sein Wollen und Begehren, in privaten und öffentlichen Belangen ist, man muss es nicht besonders betonen, ein Terrain, das geistige Herausforderung genug bietet. Nein, Tabus kennen sie keine, die Sophisten. Ihre Wahrheit, vielbeworben und heftig angefeindet, ist es, dass es keine Wahrheit gibt, eine Wahrheit, die immer und überall unangefochten gilt und in ihrer Gültigkeit den Status einer Welt- und Lebensmacht behauptet.

„Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der seienden, wie sie sind, der nicht seienden, wie sie nicht sind“29 - fürwahr ein Credo ganz neuer Art wird hier von Protágoras den Gläubigen abverlangt, kühn, gewagt, sehr irdischsäkular. Der einzelne Mensch, das Individuum - welche Ehre ist ihm da widerfahren! - sieht sich hoch auf den Thron erhoben. Die letzte Entscheidung in allem und jedem steht bei ihm. Wahr oder falsch, gut oder schlecht, seine wechselnden Wahrnehmungen, seine Vorstellungen und Empfindungen, die momentane körperliche und seelische Verfassung: ganz Subjektives darf Richter spielen, darf sich Wahrheit nennen.

Wollen wir Alkibiades Gerechtigkeit widerfahren lassen. Natürlich ist er kein Sokrates, sein Verhältnis zu allem Irdisch-Materiellen ist in sich anders gefügt, ist professionell zu nennen, scheint jedenfalls über die Maßen entwickelt und beherrschend. Wir verstehen es, wenn ihm daran liegt, sich dorthin zu wenden, wo geballte Lebensklugheit und Cleverness walten, um sich seines innersten Wesens als Ratgeber und Karrierehelfer anzunehmen, wo Männer der Praxis sich und ihre Sache werbend anbieten mit dem Versprechen, „zum Handeln und Reden, zur Leitung des Haus- und Gemeinwesens geschickt“ zu machen. Wer übte da vornehme Zurückhaltung und stünde skeptisch abseits - an seiner Stelle?

Wie auch immer. Alkibiades, der Shooting Star, die schrille Type, salopp gesprochen, im Grunde ganz praktische Vernunft und Weltkind vom Scheitel bis zur Sohle, nimmt mit Bezug auf Sokrates Züge an, die alle überraschen, am meisten wohl ihn selber. Er wirkt wie ausgewechselt, zeigt sich zahm und weich bis in die Knochen, selbst für Schwärmerei nicht untalentiert. Für uns das Wichtigste: Er gibt für einen Moment den Blick in sein Inneres frei. Unverhohlen und ohne die geringste Scheu, umstandslos und ohne Vorbehalt scheint er Sokrates zu seinem Idol zu machen, stellt ihn auf einen sehr hohen Sockel, wie es nur reine Liebe und Verehrung vermögen.

Was für ein Glück für uns! Nicht vergebens mag man sich schmeicheln, Alkibiades unseren Zwecken dienstbar, zu unserem Kronzeugen machen zu dürfen. Der Vorteil: Gerade weil es aus seinem Munde kommt, können wir, was er zu Sokrates’ Lob und Ruhme sagt, zum Nennwert nehmen. Das Dunkel um die Person des Sokrates lichtet sich an einem entscheidenden Punkt. Wollen wir also unumwunden konstatieren: Dieser Mann mit dem spaßigen Silengesicht muss etwas an sich haben, was andere für ihn einnimmt, um nicht zu sagen: gefangen nimmt. Ja, die Wirkkraft seiner Persönlichkeit scheint grenzenlos und unwiderstehlich, auch wenn sie auf ein grundsätzlich anderes Lebens- und Geistesformat trifft.

Was es letztlich ist, ob es an seiner Person liegt, seinem Charakter oder an seiner besonderen Weise zu leben, zu denken, zu reden - wer will das gültig entscheiden? Möglicherweise haben sich ja Physis und Eigenprägung zu einer äußerst segensreichen Verbindung zusammengetan. Das Resultat, Alkibiades’ rühmende Worte zugrunde gelegt, in jedem Fall etwas Großes und Beispielloses. Es ist jenes Faszinosum, wie es nur auf dem Boden wahrer innerer Größe gedeiht und reift, an der nichts Selbstzweck, Selbsterhöhung, nichts hohler Schein, nichts gekünstelt ist.

Sagen wir es nochmals frei heraus: Eine wahre Apotheose ist es, was sich da der Seele des Alkibiades entringt. Erst nach langem Zögern ist er ja bereit, sich so freimütig zu äußern. Aber existiert da nicht auch das böse Wort des Aristóxenos?30 Nach ihm hat der Philosoph nichts Überirdisches, nichts von einem Heiligen an sich, schon gar nichts Göttliches. Ein „unwissender und ausschweifender“31 Mensch ist er gar, wenn sein Zeugnis denn glaubhaft ist. Das scheint es eben nicht. Wissen wir doch andererseits, wes Geistes Kind der Mann ist, der über Sokrates derart zu Gericht sitzt. Seine Biographien32 weisen ihn, sofern nicht als Menschenfeind, so doch als Freund und Anhänger hämischer Kritik aus. Antike Texte nennen ihn finster und schmähsüchtig. Es mag ja so sein, dass Sokrates die Menschen anzieht wie die Motten das Licht. Der umgekehrte Fall ist aber sicher noch häufiger: Kein Wunder, wenn er sich mit dem Stigma des Aussatzes behaftet wähnte. Feststeht, niemand hat zu seiner Zeit mehr Liebe und Hass auf sich gezogen als er.

Für uns kein Grund, Polemik und Schmähsucht mehr Glauben zu schenken als aufrichtiger Bewunderung und demütiger Ehrerbietung. Umso weniger, als Sokrates offenbar sich selbst der strengste Richter ist. Ein gewisser Zópyros soll ihm einmal, wohl mit Blick auf sein Silengesicht und unter dem Eindruck der mythischen Beschreibung dieser Wesen33, gesagt haben, sein Erscheinungsbild sei Zeichen einer niedrigen Gesinnung und gemeiner Leidenschaften. Die Reaktion des Sokrates ganz anders, als die üble Verunglimpfung beabsichtigte. Kein Protest, kein Aufschrei gekränkter Ehre oder Eitelkeit. Die Antwort, entwaffnend und beschämend zugleich: Er habe solche Anlagen, meint er, habe sie aber durch Selbstzucht überwunden.34

Eine andere Frage ist, ob und inwieweit das, was Alkibiades an Sokrates so begeistert und einen Affektzustand selbstvergessener Anhimmelung auslöst, schon dem jugendlichen oder kaum den Jugendjahren entwachsenen Sokrates eigen ist. Was sich zum Mindesten sagen lässt, ist dies: Geistiges in allen Formen hat in seiner Seele Hausrecht. Es hebt ihn über andere, Gleichaltrige oder Erwachsene, weit hinaus und begnadet ihn mit dem Nimbus des Einmaligen, Vorzüglichen. Nichts gibt es daneben, keinen Lebensraum, wo Sokrates sich zwangloser und lieber bewegt und aufhält.

Halten wir fest: Was ihn mehr charakterisiert als alles andere, was ihn später auszeichnen sollte, die Vorliebe, ja, der Drang zum untersuchenden, forschenden, klärenden Wort35, ist schon im jungen Sokrates keimhaft angelegt. Für typisches Gehabe jugendlicher Unreife und blankes, blindes Vergnügungsstreben, für weltlichen Tand in allen Spielarten ist er nicht zu haben. Damit ist schon viel gesagt. Mehr erlauben die biographisch dunklen Jahre der äußeren und inneren Entwicklung bis zum Eintritt in das Mannesalter nicht.

Eingesponnen in einen Kokon, scheint er der lichten Gestalt seiner Bestimmung entgegenzureifen. Dazu passt auch der Eindruck, den Platons Dialog „Parménides“36 uns vermittelt. Im Bild jugendlich tastender Unsicherheit und Schüchternheit steht der junge Philosoph vor uns. Und doch: Angespornt und erfüllt von machtvollem Erkenntnisstreben, umgeben von und konkurrierend mit anerkannten Forschergrößen wie Zenon37 und Parménides, macht er sich in die entferntesten, kältesten Regionen des Geistes auf und bringt es fertig, mit seinen zwanzig Jahren38 in der eisigen Unwirtlichkeit extremer Dialektik und Logik tapfer und bravourös seinen Mann zu stehen.

21 Atopía von átopos = wörtl.: nicht an seiner Stelle, daher: ungewöhnlich, sonderbar

22 Später sollte es eines seiner herausragenden Dialogthemen werden.

23 Alkibiades, athenischer Staatsmann und Feldherr, um 450-404 v. Chr.; Neffe des Perikles, Vertreter eines athenischen rigorosen Imperialismus, in seiner geistigen Grundhaltung Anhänger der Sophisten

24 Ein Silén (gr. Seilenos, lat. Silenus), meist im Plural gebraucht. Silenen sind eine Art Satyrn. Die Satyrn (Waldgeister in Menschengestalt mit einigen Tierattributen) und Silenen gehören zusammen mit den Mänaden zum offiziellen Zug des Dionysos. Was die Silenen von den Satyrn unterscheidet, ist wenig: Älter, weiser und noch trinkfreudiger sollen sie gewesen sein als die Satyrn. Ihr Äußeres ein Abbild ihrer wild-verwegenen, kauzigen Lebensweise. Dargestellt finden sie sich mit Gesichtszügen, wie sie ähnlich die Büste des Sokrates aufweist.

25 Die Szene spielt bei einem Gastmahl (gr. sympósion, dt. wörtl. Zusammentrinken = Trinkgelage, Gelage, Gastmahl) in Anwesenheit des Sokrates. Vgl. Platon, sym. 215-220.

26 Sym. 215 d, Übersetzung Friedrich Schleiermacher

27 Der griechische Text spricht nur von sophrosýne. Es bedeutet zunächst gesunder Verstand, Klugheit, Weisheit. Dann steht es aber auch für Besonnenheit, Enthaltsamkeit, Mäßigung. Da im Griechischen jeweils beide Konnotationen anklingen, ist es angebracht, dem im Deutschen mit zwei Wörtern zu entsprechen.

28 „Sophist“ ist ursprünglich jeder, der auf irgendeinem Gebiet geistig Herausragendes leistet, außergewöhnlich Bescheid weiß, es meisterhaft beherrscht, also eine Art „Gelehrter“ im heutigen Sprachgebrauch. Auch Sokrates und Platon werden, der eine bei Xénophon, der andere bei Isókrates, als Sophisten bezeichnet. Die Sophistik, die Wissenschaft, wie sie im Athen des fünften Jahrhundert v. Chr. herrschend wurde, ist etwas völlig Neues: Neu ist die Abwendung der Sophisten in ihren forschenden Fragestellungen vom Makrokosmos der Natur hin zum Mikrokosmos Mensch, neu ist eine umfassende öffentliche Lehrtätigkeit und die volksbildende und aufklärerische Tendenz der Wissensvermittlung, neu vor allem die unbedingte Hinterfragung und Infragestellung alles Überkommenen einschließlich der religiösen und moralischen Werte. Die Radikalität ihres Auftretens provozierte schon damals eine ebenso radikale Gegenposition, ausgelöst und repräsentiert vor allem durch Platons und Sokrates’ Philosophie. Unter ihrer geistigen Führerschaft stand das Urteil bald fest. Als spitzfindige Wortverdreher, Schaumschläger, Scharlatane werden sie abgetan. Solche Negativa haben über die Jahrhundert hin ihre Wirkung getan und beschreiben, von Romantik, G. W. F. Hegel und F. Schleiermacher eifrig gepflegt und weitergereicht, auch heute noch die begriffliche und geschichtliche Präsenz dieser Geistesbewegung.

29 Das ist der Kernsatz des Protagoras (480-410 v. Chr.), des bedeutendsten Sophisten. Mit ihm beginnt in Griechenland das Zeitalter der Aufklärung. Er bezeichnet sich zuerst als einen „Sophisten und Menschenlehrer“. In seiner Schrift „Über die Götter“ lehrte er: „Von den Göttern weiß ich nichts, weder ob es welche gibt, noch auch ob es keine gibt.“ 411 wurde er wegen Gottlosigkeit zum Tode verurteilt. Auf der Flucht nach Sizilien ist er, wie es heißt, ertrunken. Seine Schriften wurden auf dem Marktplatz in Athen auf Staatsbeschluss verbrannt. Seiner Lehre verdankt es sich vor allem, dass man die Sophistik zuvörderst im Destruktiven beheimatet sieht, dass der Begriff von verschiedenen negativen ismus-Pauschalierungen besetzt ist. Schrankenloser Individualismus, Subjektivismus, Relativismus, Sensualismus - unter solchen Rubrizierungen hat man abgelegt und abgehakt, was einmal höchst vital und aggressiv ein Jahrhundert in die Schranken forderte. Bei allem umstürzlerischen Impetus aber werden Sitte und Recht nicht entmachtet. Sie behalten auch bei Protagoras ihre verpflichtende Kraft als unentbehrlich für Existenz und Wohl des Staates. Er selbst hat im Auftrag des Perikles 443 für die neugegründete athenische Kolonie Thúrioi (Thúrii am Golf von Tarent) in Unteritalien die Gesetze entworfen. Absolute Gültigkeit jedoch sollten sie nur für diesen bestimmten Staat und diese bestimmte Gemeinschaft haben.

30 Aristóxenos aus Tarent, 4. Jh. v. Chr. gilt als Begründer der antiken peripatetischen („Peripatétiker“ Bezeichnung für die Schüler des Aristoteles; Aristoteles soll im Auf- und Abgehen [gr. peripatéo umhergehen] gelehrt haben) Biographie. Leitlinie wurde die differenzierte Darstellung der Persönlichkeit auf der Grundlage der aristotelischen Ethik, der Lehre von den Lebensformen und Charaktertypen.

31 Aristoxenos beruft sich hierbei auf ein Urteil seines Vaters und dessen Versicherung, Sokrates noch persönlich gekannt zu haben.

32 Nur Bruchstücke sind erhalten, darunter aus den Biographien des Archytas, Sokrates und Platon.

33 Silene sind im Mythos wie die Satyrn Begleiter des Dionysos, nur älter. Wie diese sind sie als Männer dargestellt mit Pferdeschwänzen, kleinen Hörnern, gelegentlich Bocksfüßen und vor allem mit übertrieben großen und steilaufgerichteten Genitalien. Dazu passend die Vorstellung, dass sie in den Wäldern gern Nymphen nachstellen, wenn es nicht gerade Zeit ist, mit Dionysos auszuschwärmen.

34 Man vergleiche dazu Goethes Wort, der diesbezüglich, aber in anderem Zusammenhang, Sokrates folgendes Kompliment machte: „Denn es fand sich nicht leicht jemand so großdenkend wie Sokrates, der gerade seine faunische Hülle zugunsten einer erworbenen Sittlichkeit gedeutet hätte.“ (Dichtung und Wahrheit, 3. Teil, 14. Buch)

35 Vgl. das Bemühen um die begriffliche Analyse des Ähnlichen und Unähnlichen, des Einen und Vielen im „Parménides“ Platons.

36 Einer der Dialoge Platons ist „Parmenides“ benannt. Parmenides, griechischer Philosoph aus Elea (südlich von Paestum im griechischen Unteritalien), geb. um 540, gest. nach 480. Er unterscheidet zuerst zwischen dem wahren, ungewordenen, gestalt-, ort- und zeitlosen Ganzen des Seienden, das sich rein in der Vernunft, dem Denken verwirklicht, mit ihm identisch ist („Dasselbe ist Denken und Sein.“), und dem Schein und Trug der äußeren Sinneswahrnehmungen, der Welt. Platon hat Parmenides von allen Vorsokratikern am höchsten geschätzt: „Parmenides erscheint mir, mit Homer zu reden, zugleich ehrwürdig und furchtgebietend. Es trat mir an ihm eine mit hohem Seelenadel verbundene Tiefe des Geistes entgegen. Ich fürchte, dass wir seine Worte nicht verstehen und noch weit mehr unfähig sind, ihren wahren Sinn zu ergründen.“ Die spekulative Logik und Seinskonzeption des Parmenides mag man als Vorstufe zur Seins- und Ideenlehre Platons verstehen. Nietzsche erscheint die Philosophie des Parmenides zu abstrakt, „völlig blutlos“: „Nur in den verblasstesten, abgezogensten Allgemeinheiten, in den leeren Hülsen der unbestimmtesten Worte soll jetzt die Wahrheit, wie in einem Gehäuse aus Spinnfäden, wohnen.“ Parmenides hat seine Gedanken in einem Lehrgedicht „Über die Natur“ niedergelegt. 155 meist zusammenhängende Verse (Hexameter) haben sich davon erhalten.

37 Zenon, Schüler des Parmenides, etwa 490-430 v. Chr., von Aristoteles „Erfinder der Dialektik“ genannt, nicht zu verwechseln mit Zenon, dem Begründer der Stoa, etwa 336-264 v. Chr. Zenon, Dialogpartner im „Parmenides“ lehrte das Sein als Einheit und als Ruhe, Vielheit und Bewegung sind ihm das Nichtsein, das scheinbare Sein. Berühmt sind seine Paradoxien. Z. B. könne der schnelle Achill eine Schildkröte nie einholen, wenn diese auch nur einen geringen Vorsprung habe; denn er müsse in jedem einzelnen Augenblick erst noch den Punkt erreichen, von dem im gleichen Augenblick die Schildkröte bereits aufbricht. Der Vorsprung, den die Schildkröte hat, werde zwar immer kleiner, könne aber niemals gleich Null werden.

38 Wenn das Gespräch, wie von Platon angegeben, an den großen Panathenäen des Jahres 449, dem Stadtfest Athens, stattfand, wäre Sokrates, geb. 469, zwanzig Jahre alt gewesen. Verschiedenes scheint jedoch gegen eine solche Terminierung zu sprechen. Schleiermacher hält deshalb das berichtete Gespräch für eine Erfindung Platons.

3. Kapitel

Ohne Athen kein Sokrates?

Sokrates’ Geisteswelt. Anaxágoras’ neue Philosophie.

Wirkung auf Sokrates. Anaxagoras - Philosoph der Philosophen.

Périkles und Anaxagoras. Athen und Anaxagoras.

Eben diese Jahre, im persönlich-menschlich Konkreten so knausrig mit biographischen Fixpunkten, bieten andererseits den ganz spezifischen geistigen Bedürfnissen des jungen Mannes ein Kaleidoskop von Möglichkeiten. Man denke nur, was aus seinen Talenten geworden wäre, hätte nicht gerade die Hauptstadt der schönen Künste ihn von Anfang an unter ihre geistigen Fittiche genommen. So aber darf sich seine intellektuelle Exzellenz in einem Eldorado philosophischer und wissenschaftlich-künstlerischer Geschäftigkeit und Entwicklungen fühlen und darin nach Lust und Laune umtun. Nichts gibt es, was hier nicht aufgeregt gelehrt und mit dem Eifer des Zeloten verfochten wird. Riesig das Angebot. Für den wendigen Sinn und Verstand des Sokrates, die jugendliche Unbekümmertheit und Leidenschaft, den Dingen nachzuspüren, ihnen ihr Geheimnis zu entlocken, gerade das Rechte.

Um die Mitte des fünften Jahrhunderts darf Athens Rang und Ruf fortschrittlicher Geistigkeit wieder einmal von sich reden machen. Dem athenischen Literaturmarkt ist besonderes Glück widerfahren. Besondere Werbungskosten möchten sich wohl erübrigen. Ein philosophisches Werk - und was für eins! - macht sich auf den Weg durch die Buchhandlungen, um die Köpfe der geistigen Avantgarde in seiner Größe und Einzigartigkeit zu erhitzen und in Besitz zu nehmen. Wahrlich wie der Blitz schlägt es ein. Perì phýseos39 sein Titel. Der Verfasser ein gewisser Anaxágoras40. Erst 456 soll er zugezogen sein. Die Schrift - ein schlichtes Muss wohl für Athens Intelligenz und Intelligenzler. Für eine Drachme41 ist es dem Buchhändler feil.

Über das Verhältnis des Sokrates zu Anaxágoras wissen wir nichts geschichtlich Feststehendes, außer dass der neue Stern am Philosophenhimmel eben in jener Zeit über Athen aufgeht und alles überstrahlt, in der auch Sokrates als philosophisches Sternchen von sich reden macht, bedeutsam zu wirken beginnt und sein Auftreten tatsächlich eine Sternstunde zu werden verheißt, wenn sich denn der nassforsche Geist der Großstadt irgendwie bereitfindet, sich damit anzufreunden.

Über ein direktes Zusammentreffen der beiden Philosophen ist nichts bekannt. Mittelbar lässt sich nachweislich eine gewisse geistige Verbindung und Wahlverwandtschaft herstellen. Anlässlich eines längeren Aufenthalts auf Samos42 sucht und findet Sokrates offenbar den Kontakt zu Archélaos, einem Schüler des Anaxágoras.

Auch ohne die Fülle der geschichtlichen Solidität und Wahrheit im Rücken, darf man wohl das Eine sagen: Den alten Denksystemen, ihren Zielen und Inhalten einigermaßen entfremdet, musste Sokrates Auftreten und Lehre des Anaxágoras nachgerade als Ankunft einer philosophischen Zeitenwende empfinden. Dies mag eine kurze Zusammenfassung dessen verdeutlichen, was mit Anaxágoras Neues, ja, in der Sicht der meisten Athener Revolutionäres in das altehrwürdige, festgefügte Gebäude philosophischen Denkens und Forschens eindringt und offenbar den Ehrgeiz hat, darin herrschend zu werden.

Das Erste, was auffällt, ist die ungenierte geistige Landnahme auch jenseits aller Schranken des Herkommens, des Mythos, der Religion. Für herkömmlich Gedachtes und gesinnungsmäßig Verinnerlichtes hat der neueWelt- und Naturentwurf keinen Raum, noch viel weniger am Hut: Die Natur erscheint verdinglicht, völlig entzaubert, religiös-emotional entkernt, reduziert auf die Größenordnung von intellektuell-rational fass- und definierbaren Verhältnissen. Das wohlvertraute, heimelige Flimmern und Glänzen des gestirnten Himmels, auch das Ehrfurchtgebietende, das WeihevollGöttliche, von Aberjahrhunderten um das Zentralgestirn der Sonne gewoben, findet sich verwandelt in die unheimliche Wirklichkeit „glühender Gesteinsmassen“. Die Milchstraße - „nur“ noch eine simple Ansammlung von Sternen. „Eine Mondfinsternis entsteht durch das Dazwischentreten der Erde, eine Sonnenfinsternis durch das Dazwischentreten des Mondes.“ „Donner entsteht durch den Zusammenprall von Wolken, der Blitz durch ihre Reibung.“ Das Leben selbst ist das Ergebnis einer - modern gesprochen - Selbstorganisation aus dem Schlammzustand des Uranfangs, gelenkt und gefördert durch das Auftreten von befruchtenden Keimen aus Luft und Äther. Bleibt noch der Mensch. Zwar genetisch im Tierreich angesiedelt, darf er sich dank seines aufrechten Ganges und der Samen des Vernünftigen in ihm dennoch als Krone alles Lebendigen fühlen.

Die Welt als Ganzes, alles, was ist, verdankt seinen Ursprung dem Zusammenwirken von Materie und Geist. Die Materie, das Uranfängliche, der Urstoff in seinen unendlich vielfältigen konkreten Ausformungen und Erscheinungen besteht aus den Spermata, unendlich kleinen und vielen Ursamen oder Urpartikeln.

Neueingeführt wird daneben ein geistiges Prinzip, eine Art Weltvernunft, die in der Materie selbst ihren Sitz hat und dem Kosmos Ordnung, Gesetz und Harmonie zu geben vermag. Die griechische Bezeichnung dafür ist nóos oder in kontrahierter Form: nous (Nus), zu übersetzen mit Denkkraft, Verstand, Vernunft. Als rationale Kraft des Geistes existiert er, der große Nus, selbstmächtig für sich allein, wird aber zugleich als „das dünnste und feinste aller Dinge“ begriffen, so „überfein, dass man darüber schwindlig werden möchte“. Das Urteil Kants mag in seiner ironisch-humorigen Pointierung überzogen, aber durch das kaum Fassliche, dass da so prinzipiell Unvereinbares zu einer so glücklichen Einheit zusammengefunden haben soll, herausgefordert und nicht unverdient sein.

Für unseren Zusammenhang besonders wichtig: Die Welt des Anaxágoras nimmt sich im Verhältnis zum bisherigen Verständnis total entgöttlicht, entmythologisiert, entmystifiziert aus. Das merkwürdige Nus-Gebilde, seinem Wesen nach unbestimmt oszillierend zwischen Geist und Materie, kann beileibe nicht ersetzen, was schlicht wegrationalisiert wurde - ein kaum zu ertragender Mangel für das vorwiegend konservativ bestimmte, vom Mythos vereinnahmte, in Kategorien des Übernatürlichen verfasste Gemüt des Atheners. Man darf noch weitergehen: Die fehlende konzeptionell-metaphysische Ausrichtung seiner Lehre ist für das weithin traditionalistische Denken schwer zu verstehen, noch schwerer zu verkraften.

Dies gilt nicht in gleicher Weise für Sokrates. Die sokratischen Verstandesgaben und Denkgewohnheiten weisen in ihrer Tiefenstruktur grundlegend andere Züge auf. Nicht für das große, umfassende philosophische Gedankenkonstrukt brennt er. Eine Naturphilosophie aus einem Guss mag ihm beeindruckend, aber eo ipso nicht unbedingt erstrebenswert erscheinen, gleich, ob mit oder ohne Rückbindung an Metaphysisch-Transzendentes. Hinzu kommt, dass der streng materialistische Ansatz der Lehre des Anaxágoras unter Ausschluss alles Übersinnlich-Göttlichen auch für Sokrates’ Weltsicht ein Makel ist, der eine bedingungslose Gefolgschaft ausschließt.

Wie später noch zu zeigen sein wird: Sokrates ist eine eminent religiöse Natur. Wir dürfen demnach mit gutem Grund vermuten, dass es insbesondere der atheistische, aufklärerische Effekt und Fanatismus des Neuerers ist, der ihm zu schaffen, ein intellektuelles Einvernehmen unmöglich macht: Einem Widder, von Geburt an nur mit einem einzigen Horn auf der Stirn geziert, vom Wahrsager bereits zu einem göttlichen Omen erklärt, lässt Anaxágoras den Schädel spalten, um nachzuweisen, dass sich Mutter Natur lediglich wieder einmal eine ihrer nicht seltenen Eskapaden erlaubt hat, völlig unbekümmert um alles rätselhaft unheimlich-geheimnisvoll Scheinende und eben dadurch mit Ehrfurcht zu Behandelnde.

Für solcherart Belehrung mit Showeffekten fehlt Sokrates, dem Natur und Naturerkenntnis herzlich gleichgültig sind, jegliches Verständnis. Anaxágoras ist von ganz anderer Art. Er scheint es zu genießen, voll im Rampenlicht zu stehen. Für das liberale Sinnen und Fühlen ist er der Star, der Philosoph der Philosophen, Aushängeschild einer freigeistig-vorurteilslosen Lebenswelt.

Der Modephilosoph hat allen Grund, guter Dinge zu sein, jedenfalls für den Augenblick. Philosophie, in seinem freidenkerischen Stil betrieben, steht hoch im Kurs, wenigstens in gewissen Kreisen der Oberschicht. Perikles43, der allgewaltige Führer Athens, hochinteressiert, wie es scheint, an philosophischen Fragestellungen, macht Anaxágoras zu seinem Lieblingsphilosophen. Es ist überliefert, dass „er ihm größte Hochachtung entgegenbringt“, gewiss in der Überzeugung, dass die neue Denkerpersönlichkeit die Philosophie aus ihrem Nischendasein erlöst und zu neuen Graden gesellschaftlicher Anerkennung führen wird. Stadtbekannt ist es: Die beiden sind ein Herz und eine Seele. Er, der große Staatsmann und Erneuerer Athens, hält es nicht für unter seiner Würde, in geistigen Dingen die Führerschaft seines Philosophen-Freundes anzuerkennen.

Eine engere Verbindung zwischen Politik und Philosophie, ein interaktives Zusammenleben zwischen Macht und Geist - wann hat es dergleichen je gegeben? Eine nicht unberechtigte Frage. Die Koexistenz des Herrschers und des Philosophen mag man sich als ein ständiges Geben und Nehmen vorstellen. Hier die geistige Vorreiterrolle des Himmelsstürmers und beflissenen Ratgebers, dort die Gönnerschaft des Politvirtuosen und Philosophenjüngers - die beiden könnten nicht besser aufeinander eingestellt und eingespielt sein! Auf wessen Seite die größeren Vorteile liegen, schwer zu sagen. Der Umgang mit dem Philosophen - eine wahre Wohltat offenbar: sehr, sehr heilsam und ersprießlich. Eine unentwegte Quelle geistig-moralischer Sublimierung und physisch-seelischen Wohlbefindens soll darin ihren Ursprung haben. Ja, so will es die Sprachregelung der Perikles-Lobhudelei: Die ernste Gesinnung, die erhabene Rede ohne niedrige, gemeine Schmeicheleien, das beherrschte Antlitz, das kaum zum Lachen neigt, der gelassene Gang und kaum zu glauben: Auch der anständige Faltenwurf des Umhangs und der ruhige Klang seiner Stimme gehen auf das Konto des Denk- und Seelenmeisters44, offenbar eines wahren Tausendsassas in Dingen der Welt- und Menschenkunde.

Anaxágoras seinerseits weiß gar wohl um seinen Wert. Eine Zeitlang vernachlässigt und notleidend, konfrontiert er den schuldbewusst sich entschuldigenden Perikles mit dem Vorwurf: „Perikles, wer eine Lampe braucht, der schüttet Öl hinein.“45 Die Athener selber scheinen nicht unbedingt Feinde eines Materialismus, der so philosophisch versiert wie axiomatisch unbequem daherkommt. Ihre Ressentiments halten sie unter Verschluss. Nur der Spitzname Nus, den sie dem Philosophen verpassen, lässt gewisse Rückschlüsse zu.

Der Spottname scheint ein Notbehelf, um das phänomenale Naturereignis Anaxágoras irgendwie in den Griff zu bekommen. Es zu vermenschlichen, in seiner Strahlkraft herunterzudimmen, ihren kleineren Geistesverhältnissen anzubequemen - sollte das der Zweck sein? Nus gleichbedeutend mit Anaxagoras: Ja, viel verrät die Metonymie, womit sie Annäherung und Niveauausgleich versuchen, sehr viel - für Anaxagoras gewiss nichts Schmeichelhaftes, wenn sie weniger für Spott als für Schimpf steht.

Anaxágoras - „der Geist“: Kann es Bewunderung für den Mann sein, für „seine ungewöhnlich tiefe Einsicht in das Wesen der Natur“, die ihm, wie Plutarch meint46, den Beinamen verleiht? Aber wo bleibt da die Bewunderung, die Hochachtung für „den Geist“, dem sie nachher eben für diesen seinen findigen Geist den Tod an den Hals wünschen? Und es schließlich nicht beim bloßen Wünschen belassen!

Wahrscheinlicher also: Der Mann ist ihnen schlicht nicht geheuer, noch weniger seine Lehre mit der Kernaussage vom Nus. Offenbar löst sie nicht geringe Irritationen aus, seelisch-geistiges Unbehagen. Auf ihre Art, launig-spöttisch, das Ärgerliche und Schimpfliche der Sache überspielend, suchen sie mit sich selbst und dem Bilderstürmer, der ihnen ihre fest umrissene Welt des Glaubens so unvermittelt in Trümmer legte, ins Reine zu kommen. Dabei scheint der Mann der kühlen Vernunft noch Grund zu haben, seinem Schicksal zu danken. Seine naturwissenschaftlichen Lehrsätze bringen ihm nur Häme ein, noch keine Anklage, kein Todesurteil wegen Gottlosigkeit. Mit der Alternative, so menschlich wie harmlos scheinend, lässt es sich wahrhaft leben, jedenfalls, solange die religiöse Idiosynkrasie nicht virulent wird - wie es bald geschehen sollte.

39 Perí phýseos „Über die Natur“

40 Anaxágoras, griech. Philosoph, Mathematiker und Astronom aus Klazomenä in Kleinasien, 500-428 v. Chr, letzter Naturphilosoph, führt den Nous (Geist, Weltvernunft, „das feinste und reinste aller Dinge“) als bestimmendes Element in die Weltentstehungslehre ein (die Wirklichkeit ist das Ergebnis einer vom Nous angestoßenen ...

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