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SLEEP - Ich weiß, was du letzte Nacht geträumt hast

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Juni 2006
  8. Juli 2006
  9. Und dann
  10. Der erste Donnerstag
  11. Freitag
  12. Sie spricht
  13. Samstag
  14. Sonntag
  15. Montag
  16. Henry
  17. Dienstag
  18. Mittwoch
  19. Erinnerungen
  20. Der letzte Tag
  21. Es ist, wie es ist

Über die Autorin

Lisa McMann wollte seit der vierten Klasse Schriftstellerin werden. Mit ihrem ersten Roman, Wake – Ich weiß, was du letzte Nacht geträumt hast, schaffte sie es direkt auf die New-York-Times-Bestseller-Liste. Lisa McMann lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Arizona.

Lisa McMann

Sleep

Ich weiß, was du letzte Nacht geträumt hast

Aus dem amerikanischen Englisch
von Tanja Ohlsen

Für alle, die zu Hause Probleme haben.

Ihr seid nicht allein.

Juni 2006

Rund um die Uhr

Es ist, als könne sie nicht mehr atmen, egal, was sie tut.

Als ob alles auf sie einstürmt und sie bedrängt. Sie bedroht.

Die Verhandlung. Die Wahrheit, die ans Licht kommt. Das erneute Durchleben von Durbins Party vor einem Richter und den drei Mistkerlen selbst, die versuchen, sie niederzustarren. Kameras, die ihr folgen, sobald sie den Gerichtssaal verlässt. Die entlarvte Drogenfahnderin ist in Fieldridge Gesprächsthema Nummer eins. Alle sprechen darüber.

Sprechen über sie.

Seit Wochen ist das Thema in den Lokalnachrichten. Geschwätz im Lebensmittelladen. In der Stadt. Die Leute zeigen auf sie und stecken flüsternd die Köpfe zusammen, mit diesem Ausdruck auf den Gesichtern. Gelegentlich kommen sie auf sie zu und stellen aufdringliche Fragen. Fremde, frühere Klassenkameraden kommen ihr zu nahe und flüstern, als seien sie ihre engsten Vertrauten: Was genau haben sie mit dir gemacht?

Für so etwas ist Janie nicht geschaffen – sie ist Einzelgängerin. Sie will nicht auffallen. Es ist, als hätte sie nicht einmal Zeit gehabt, alles andere zu verarbeiten – das, was wirklich wichtig ist. Das, was ihr Leben verändert. Das aus dem grünen Tagebuch.

Dass sie blind wird. Und ihre Hände nicht mehr benutzen kann.

Der Druck raubt ihr den Atem.

Sie erstickt.

Sie will weglaufen.

Sich verstecken.

Einfach nicht mehr da sein.

Juli 2006

Fünf entscheidende Minuten

Sie sitzt ihr am Schreibtisch gegenüber. Der Platz neben ihr ist leer.

»Ich weiß nicht mehr«, sagt sie. »Ich weiß es einfach nicht.«

Sie legt die Hände an die Schläfen, in der Hoffnung, die Explosion in ihrem Kopf zu verhindern.

»Es ist deine Entscheidung«, sagt die Frau.

Es ist ihr gemeinsames Geheimnis.

Und dann

Dienstag, 1. August 2006, 7:25 Uhr

»Ich kann nicht atmen«, flüstert sie.

Seine heißen Finger streichen über ihre Rippen, schneiden durch ihre Haut bis in die eisigen Lungen. Er hält sie. Küsst sie. Atmet für sie. Durch sie.

Er lässt sie vergessen.

Später sagt er: »Wir gehen. Jetzt sofort. Komm.«

Sie tut es.

Während der dreistündigen Fahrt sieht sie durch die Wimpern auf ihre verschwommenen Finger, die in ihrem Schoß liegen. Tut so, als schlafe sie. Sie weiß nicht, warum. Sie genießt nur die Stille. Und weiß, ganz tief in ihrem Inneren, dass er …

… und das hier …

… nicht die Lösung ihrer Probleme ist.

Langsam erkennt sie, was es ist.

Der erste Donnerstag

3. August 2006, 01:15 Uhr

In diesem Teil des Landes gibt es keine Verhöre. Hier, in der gemieteten Hütte von Charlie und Megan am Lake Fremont, kennt sie niemand. Die Tage verlaufen friedlich, aber die Nächte … in einer winzigen Hütte sind die Nächte schlimm. Träume machen keine Ferien, wenn die Menschen es tun.

Irgendwas ist immer, nicht wahr? Irgendwas immer und nie nichts für Janie. Nie, niemals nichts.

Sie sehnt sich danach wie nach dem Auto, das sie nach Aussage ihres Arztes nie fahren sollte. Sie will dieses Niemals, dieses flüchtige Nichts. Und wenn der nächste Albtraum beginnt, denkt sie an nichts anderes.

01:23 Uhr

Janie sitzt zitternd auf einem schäbigen Sofa. Neben ihr liegt Carl und schläft auf einer Gartenliege.

Er träumt von ihr.

Janie sieht zu. Das tut sie manchmal, wenn seine Träume schön sind. Sie speichert Erinnerungen für später. Aber das hier …

Sie spielen Paintball mit einem Dutzend gesichtsloser Menschen auf einem freien Feld. Es sieht aus wie in einem Videospiel. Carl und Janie laufen lachend durch die Hindernisse und schießen aufeinander, ducken sich, verstecken sich. Carl schleicht sich an und schießt zweimal auf Janie, zwei rote Farbkugeln.

Sie treffen sie direkt in die Augen.

Rote Farbstreifen laufen ihr über das Gesicht, aus leeren Augenhöhlen.

Er schießt weiter, nach und nach eliminiert er ein Körperteil nach dem anderen, bis sie nur noch ein Rumpf mit farbverschmiertem Gesicht ist.

Schluchzend, reumütig, kniet er sich neben sie auf den Boden, dann trägt er sie und setzt sie in einen Rollstuhl. Er schiebt sie zu einem leeren Teil des Spielfeldes und kippt sie ins gelbe Gras.

Janie zieht sich zurück. Sie sollte keine Träume verschwenden. Aber sie kann nicht anders. Sie kann nicht wegschauen.

Als sie wieder sehen kann, starrt sie an die dunkle Decke, während sich Carl im Schlaf herumwirft. Sie legt den Arm vor die Augen und versucht zu vergessen. Versucht, so zu tun, als geschähe das nicht seit zwei Monaten, zusätzlich zu allem Anderen.

»Aufhören«, flüstert sie. »Bitte hör auf!«

04:23 Uhr

Er träumt und sie ist wieder gezwungen, wach zu sein.

Sie hält sich den Kopf.

Janie und Carl sitzen bei ihm zu Hause im Garten auf der grünen Wiese. Janies Arme enden an den Ellbogen. Ihre Augen sind zugenäht, die Nadeln hängen noch am Faden über ihre Wangen. Schwarze Tränen.

Carl ist panisch. Er zieht einen Maiskolben aus einer Einkaufstüte und streift die Blätter ab. Heftet ihn an einen von Janies Ellbogen. Dann nimmt er zwei Murmeln aus der Papiertüte. Große, braune Tigeraugen. Er steckt sie in Janies zugenähte Augen, drückt sie fest hinein, aber sie wollen nicht halten. Janie fällt nach hinten wie eine zerfetzte Puppe, unfähig, sich ohne Hände abzustützen. Der Maiskolben bricht von ihrem Ellbogen ab und rollt über das Gras. Carl hält die Tigeraugen in seinen Händen.

Janie ist wie betäubt, sie kann nicht mehr zusehen. Und sie will nicht versuchen, es zu ändern. Nicht so einen Traum. Denn es geht um sie und darum, wie Carl damit fertigwird. Es wäre absolut falsch, ihn zu manipulieren. Sie hofft nur, dass er sie nie um Hilfe bitten wird.

Doch sie will nicht, dass er so etwas träumt, fertig. Nichts davon. Sie streckt das Bein aus, trifft … und alles wird schwarz.

»Sorry«, murmelt er. Und schläft wieder ein.

So ist es immer.

Als ob alles, was er nicht sagen kann, in seinen Träumen zum Vorschein kommt.

09:20 Uhr

Eine vertraute Unruhe setzt den Träumen ein Ende. Eine willkommene Erleichterung. Janie liegt halb schlafend auf dem Sofa. Sie kommt wieder zu sich. Zurück zur Normalität. Sie legt die Fassade an.

Bis sie weiß, was sie unternehmen kann.

In Bezug auf das Leben.

In Bezug auf ihn.

09:33 Uhr

Sie hört die Liege knarren und merkt, dass Carl sich zu ihr auf das Sofa legt und sich an sie kuschelt. Sie erstarrt, nur ein bisschen. Nur für eine Sekunde. Dann holt sie tief Luft. Seine Finger gleiten unter ihr T-Shirt und streicheln sanft über ihren Bauch. Lächelnd entspannt sie sich, die Augen noch immer geschlossen.

»Du wirst uns noch in Schwierigkeiten bringen«, murmelt sie. »Du kennst die Regeln deines Bruders.«

»Ich liege auf der Decke und du darunter. Das ist in Ordnung. Außerdem mache ich ja gar nichts.« Er streichelt ihre Haut, küsst ihre Schulter und schiebt seine Finger unter den Bund ihrer Schlafanzughose.

»He, Kumpel«, sagt Janie und greift nach seiner Hand. »Nichts da«, ruft sie absichtlich laut, für den Fall, dass Charlie und Megan aufpassen. »Das kannst du vergessen!« Sie drückt seine Hand. »Du machst jetzt Frühstück, richtig?«

»Richtig. Ich mache Feuer mit meinem Geist und röste mit meinen dunkelsten, knackigsten Gedanken den Speck. Und du glaubst, du wärst die Einzige mit einer besonderen Begabung. Falsch gedacht, Miss Schlabberhose.«

Janie lacht, aber es klingt angespannt. »Hast du gut geschlafen?«

»Ja.« Sein Kinn kratzt an ihrer Schulter. »Na ja, so gut man eben auf einer Liege aus Plastikstreifen und mit einer Metallstange am Hintern schlafen kann.« Er knabbert an ihrem Ohrläppchen. »Warum? Habe ich einen Albtraum gehabt? Du machst mich immer nervös, wenn du so etwas fragst.«

»Nein, alles in Ordnung«, beruhigt ihn Janie. »Geh und mach mir Speck.«

Einen Augenblick lang ist er still, bevor er aufsteht und seine Jeans anzieht.

»Na gut.«

09:58 Uhr

Sie tun Dinge, die man im Urlaub macht. Sitzen mit Charlie und Megan zusammen, trinken Kaffee und bereiten das Frühstück am Lagerfeuer zu. Entspannen. Lernen den anderen besser kennen.

Janie ist abgelenkt.

Sie schaut sich alles genau an, aus Angst, etwas Sehenswertes zu verpassen, bevor es zu spät ist.

Sie weiß gar nicht, wie man Urlaub macht.

Außerdem gibt es Dinge, vor denen kann man einfach nicht davonlaufen.

Aber sie ist tapfer. Alles scheint normal. Selbst wenn sie innerlich ein Wrack ist.

Es waren ein paar schwere Monate.

Sich den dreien zu stellen – Doc, Happy und Depp – war schwieriger, als sie gedacht hatte. All die Lügen noch einmal zu durchleben. Die Falle. Die Übergriffe. All das, was diese Lehrer getan hatten. Es war schrecklich.

Jetzt ist es vorbei, die Aufregung hat sich gelegt, aber es ist immer noch schwierig. Das Leben wieder auf die Reihe zu kriegen und sich einer Zukunft als blinder Krüppel zu stellen … das ist schwierig. Es ist auch schwierig, eine Säuferin als Mutter zu haben. Ans College zu denken, wo überall Leute schlafen. Einen Freund zu haben, dessen Ängste und Zweifel nur in seinen Träumen zum Vorschein kommen. Das Leben im Allgemeinen … ja, alles.

Echt

verdammt

schwer.

Janie und Carl machen zusammen den Abwasch. Carl spült, Janie trocknet ab. Es fühlt sich gut an. Sie nimmt einen Teller und trocknet ihn gedankenverloren ab.

Sie fragt sich, ob er die Ängste aus seinen Träumen aussprechen kann.

Es platzt aus ihr heraus. »Denkst du manchmal darüber nach, wie es sein wird? Du weißt schon, wenn wir zusammenbleiben und ich blind bin und nur noch herumstolpere und Sachen fallen lasse, weil ich sie nicht festhalten kann …« Sie stellt den Teller in den Schrank.

Carl schnippt mit den nassen Fingern, und Wassertropfen landen in Janies Gesicht. Er grinst.

»Klar. Ich halte mich für einen Glückspilz. Ich wette, Blinde sind klasse im Bett. Ich werde mir auch die Augen verbinden, damit es fair ist.«

Er stößt mit der Hüfte leicht gegen ihre, doch sie lacht nicht. Nachdem sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hat, greift sie nach einer Edelstahlpfanne, beginnt sie abzutrocknen und betrachtet ihr verzerrtes Spiegelbild.

»He.« Carl trocknet seine Hand an der Jeans ab und streicht ihr über das Gesicht. »Ich habe doch nur Spaß gemacht.«

»Ich weiß.« Seufzend stellt sie die Pfanne weg und wirft das Handtuch auf den Tisch. »Komm, lass uns etwas Schönes unternehmen.«

13:12 Uhr

Sie konzentriert sich.

Im Wasser ist es kalt, aber auf ihr Gesicht und ihre Haare scheint die warme Nachmittagssonne.

Mit angewinkelten Knien, die Arme gerade, aber nicht ganz ausgestreckt, treibt Janie im Wasser und versucht, das Gleichgewicht zu halten. Die Schwimmweste stößt an ihre Ohren. Ihre wohlgeformten Arme sehen aus wie Stöcke, die aus den riesigen Löchern der Schwimmweste herausragen. Da ihre Brille sicher an Bord des Bootes verstaut ist, sieht sie alles verschwommen, wie durch eine Regenwand.

Sie holt tief Luft.

»Los geht’s!«, schreit sie und wird gleich darauf nach vorne gerissen. Ihre Knie schlagen aneinander und ihre Arme zittern. Sie packt den Griff am Seil so fest, dass die Knöchel weiß werden, ihre Handflächen und Muskeln tun von den Anstrengungen der letzten beiden Tage sowieso schon weh.

Zurücklehnen, denkt sie und tut es. Lass dich vom Boot hochziehen.

Sie richtet sich auf, irgendwie. Wackelt, fängt sich aber wieder.

Sie weiß, dass sie den Hintern herausstreckt. Aber sie kann es nicht ändern. Es ist ihr auch egal. Sie kann nur breit grinsen, während ihr die Gischt ins Gesicht schlägt.

Sie ist oben. »Juchhu!!!«

Megan am Steuer des kleinen erbsengrünen Motorbootes ist eine vorsichtige Fahrerin. Sie beobachtet Janie im Rückspiegel wie eine fürsorgliche Mutter ihr Kind, runzelt besorgt die Stirn, nickt aber. Sie lächelt.

Carl sieht Janie vom hinteren Teil des Bootes zu und grinst dabei. Seine weißen Zähne heben sich von der gebräunten Haut ab, und sein braunes Haar, das von der Sonne mit goldenen Strähnchen durchzogen ist, flattert heftig im Wind. Die knotigen Narben auf seinem Bauch und seiner Brust leuchten silberbraun.

Aber für Janie sind sie aus zwanzig Meter Entfernung nur Flecken. Carl ruft etwas, das begeistert klingt, aber über den Lärm des Motors und das Platschen geht seine Stimme verloren.

Janie friert an Beinen und Armen, die ständig trocknen und wieder nassgespritzt werden. Ihre Haut kribbelt.

Megan fährt dicht am weidenbestandenen Ufer entlang. In der Nähe des Strandes und des Campingplatzes vor der Stadt setzt sie zu einer weiten Kurve an, um zu wenden. Janie macht die Bewegung mit, aber sie spürt nur einen sanften Stoß, als sie über das Kielwasser fährt. Als sie wieder gerade fahren, feuchtet sie ihre Lippen an und zeigt Megan entschlossen den Daumen nach oben.

Schneller.

Megan befolgt den Wunsch und rast zum Anleger in der Nähe der kleinen, rotbraun gestrichenen Hütte zurück, einer von sechs, die am Ufer des Rustic Log Resorts stehen, und fährt daran vorbei. Sie erkundet neues Gebiet.

Mann, bin ich ein Draufgänger, denkt Janie. Sie blinzelt und unternimmt einen kühnen und letztendlich sogar erfolgreichen Versuch, noch einmal durch das Kielwasser zu kreuzen, unter dem Jubel der beiden im Boot.

Als Janie es erkennt, ist es bereits zu spät.

Eine Frau liegt auf einem Wassertrampolin und sonnt sich. Auf ihrer Haut glänzen Sonnenöl und Schweiß. Janie kann die Szene nicht erkennen, aber die Warnsignale sind ihr nur allzu vertraut. Ihr dreht sich der Magen um.

Sie fliegt an der Frau vorbei und Dunkelheit umfängt sie. Sie bekommt nur drei Sekunden eines Traumes mit, bevor es vorüber und sie wieder außer Reichweite ist. Aber es reicht, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ihre Knie geben nach, die Ski kreuzen sich unter ihr, sie wird nach vorne gerissen und Wasser dringt ihr in Kehle und Nase. Janie hat das Gefühl, das Wasser steigt ihr ins Gehirn, so sehr brennt es. Ein Ski schlägt ihr gegen den Kopf und sie wird unter Wasser gedrückt. Sie wird nicht langsamer.

Wenn du fällst, musst du loslassen.

Jetzt.

Janie kommt hustend und spuckend wieder an die Oberfläche. Ihr Kopf brennt. Nachdem sie den halben See verschluckt hat, spürt sie Übelkeit in sich aufsteigen. Erstaunt stellt sie fest, dass die übergroße Schwimmweste immer noch hält, obwohl sie sich völlig darin verheddert hat. Sie wischt sich das Wasser aus den brennenden Augen und versucht desorientiert, etwas zu erkennen. Sie sehnt sich nach ihrer Brille. Als plötzlich Algen an ihren Füßen kitzeln, quiekt sie auf und zappelt panisch herum. Sie beruhigt sich etwas und versucht, nicht daran zu denken, dass sie von großen gelben Karpfen umgeben ist … und von ihren Exkrementen.

Würg. Nicht lustig, überhaupt nicht lustig.

In der Ferne heulen Bootsmotoren.

Keines der Boote klingt, als würde es näher kommen, um sie zu retten.

Schließlich hört sie ein gedämpftes Tuckern. Als der Motor verstummt, ruft Janie: »Carl?«

Es ist immer noch der einzige Name, der irgendwie vertraut klingt.

13:29 Uhr

Im Boot wickelt Carl sie in ein Handtuch und gibt ihr ihre Brille.

»Ist wirklich alles in Ordnung?« Um seine Augen bilden sich Fältchen, doch er versucht, nicht zu grinsen.

»Ja«, knurrt Janie beleidigt und mit klappernden Zähnen. Megan sieht nach der Beule an ihrem Kopf, dann holt sie das Zugseil ein.

Carl hüstelt und presst die Lippen aufeinander.

»Das war … echt spektakulär, Hannagan.«

»Du lachst mich aus? Im Ernst?« Janie rubbelt sich mit dem Handtuch die Haare trocken. »Ich wäre da draußen fast gestorben! Und mein Gehirn ist jetzt mit Plankton und Karpfenkacke verseucht! Pass bloß auf, sonst schieße ich dich mit einer Rotzrakete ab!«

»Ich … iiih, das ist eklig!«, lacht Carl. »Aber echt, du hättest dich sehen sollen. Stimmts, Megan? Ich wünschte, wir hätten eine Kamera gehabt.«

»Kumpel, ich bin so neutral wie die Schweiz«, erklärt Megan. Als sie das Seil verstaut hat, lässt sie den Motor wieder an und nimmt Kurs auf den Anleger.

Zum zweiten Mal an diesem Tag kann Janie nicht lachen.

Über den Motorenlärm fährt Carl fort: »Ich meine, der Salto, das war eine Sache, aber das Hinterherschleifen, das war total außer Kontrolle. Deine Beine waren in der Luft! Erinnerst du dich an die erste Regel beim Wasserskifahren?«

»Ja doch, verdammt. Wenn man fällt, lässt man los, ich weiß. Aber wenn man da draußen ist, muss man an so viel Mist denken.«

Carl prustet los: »An so viel … ja, so viel Mist, an den man denken muss.« Er lacht laut und lange und wischt sich die Augen, um sich wieder in den Griff zu bekommen. »Sollte es nicht eine Art automatische Reaktion sein, den Griff loszulassen, wenn man fast ertrinkt? Eine Art Überlebensinstinkt?«

Sie sieht ihn finster an.

Er hört auf zu lachen und sieht sie hilflos und unschuldig an. »Okay, okay, es tut mir leid.«

»Geh, verzieh dich«, verlangt Janie. Sie wendet sich ab und blinzelt durch die Brille, um zu der schlafenden Frau auf dem Trampolin zurückzusehen, das nur noch eine kleine Insel in der Ferne ist. Du verstehst es immer noch nicht, oder, Carl?

Wahrscheinlich wird er es nie verstehen.

»Reiß dich zusammen, Hannagan«, murmelt sie. »Du hast Urlaub, verdammt noch mal. Du sollst dich entspannen und amüsieren.« Es klingt nicht sehr überzeugend.

»Was hast du gesagt, Süße?« Er rutscht zu ihr herüber.

»Ich habe gesagt, es war schon irgendwie komisch, oder?« Sie sieht ihm in die Augen und lächelt verlegen.

Carl fängt einen Tropfen Wasser von ihrem Kinn ab und lächelt. Er legt den Finger an die Lippen und leckt das Wasser auf.

»Mmh«, sagt er und küsst sie auf die Wange. »Karpfenkacke.«

13:53 Uhr

Carl schläft auf einer Decke im Schatten einer Eiche ein.

Das Kinn auf die Knie gestützt, sitzt Janie neben ihm und sieht auf ihre Zehen. Sie lauscht dem Rhythmus der Wellen, die leise an den Strand schlagen. Nach einer Weile steht sie auf und flüstert: »Ich gehe spazieren.«

Carl rührt sich nicht.

Sie zieht sich ein langes T-Shirt über den Badeanzug, schiebt die Zehen in die Flip Flops, nimmt ihr Telefon und geht um die Hütte herum über den kleinen Parkplatz den steilen Weg zur Hauptstraße hinauf. Auf der anderen Straßenseite befindet sich ein Feld, durch das Eisenbahngleise verlaufen. Die Schienen glänzen in der Nachmittagssonne. Janie läuft die stillgelegten Gleise entlang, froh, einen ruhigen Ort gefunden zu haben, an dem sie keine Angst vor Träumen haben muss.

Nach einer Weile bleibt sie stehen. Sie setzt sich auf die Gleise und spürt durch den dünnen Stoff die Hitze des Metalls an den Oberschenkeln. Sie klappt das Telefon auf und wählt #2 in ihrem Kurzwahlspeicher.

»Janie – was ist los? Alles in Ordnung?«

Janie scheucht sanft eine Hummel fort. »Hi. Ja. Ich denke nur viel nach. Über das, worüber wir geredet haben … ja? In den Ferien hat man viel Zeit zum Nachdenken.« Sie lacht nervös.

»Und?«

»Und … ist es immer noch in Ordnung, egal wie ich mich entscheide?«

»Natürlich. Das weißt du. Hast du dich denn entschieden?«

»Nicht wirklich. Ich … ich bin noch dabei.«

»Hast du mit Carl darüber gesprochen?«

Janie zuckt zusammen. »Nein, noch nicht.«

»Nun, ich kann nachvollziehen, dass du alle deine Möglichkeiten durchspielen willst – und musst.«

Janie schnürt sich die Kehle zusammen. »Danke, Sir.«

»Du weißt, wie es läuft. Du kannst mich jederzeit anrufen. Sag mir, wie du dich entschieden hast.«

»Das werde ich.«

Janie klappt das Telefon zu und starrt es an.

Es gibt nichts mehr zu sagen.

Auf dem Rückweg findet sie einen plattgefahrenen Penny und fragt sich, ob den vielleicht einer der Urlauber aus der Gegend dort hingelegt hat. Ob ein aufgeregtes kleines Kind ihn hier suchen wird. Sie legt ihn auf die Schwellen, sodass er für jeden gut sichtbar ist. Sie geht langsam zurück zur Hütte, lässt ihre Sachen dort und setzt sich wieder nach draußen unter den Baum.

Sie sieht Carl beim Schlafen zu. Später döst auch sie ein wenig, so gut sie kann, während sie versucht, Carls Träumen auszuweichen und denen eines Kindes irgendwo in der Nähe, wahrscheinlich in der Hütte nebenan.

Sie kann dem allen hier nicht entkommen. Nirgendwo.

Es gibt kein Entkommen für sie.

17:49 Uhr

Es pfeift und oben auf dem Hügel rauscht der Zug vorbei. Alle Schlafenden erwachen.

»Wieder ein anstrengender Tag am See vorbei«, murmelt Carl. »Mir knurrt der Magen.«

Er rollt sich auf der Decke herum. Janie kann nicht widerstehen und schmiegt sich an seinen warmen Körper.

»Ich kann es hören«, sagt sie. »Und ich rieche den Holzkohlegrill.«

»Wir sollten wirklich aufstehen.«

»Ich weiß.«

Sie bleiben still liegen, Janies Kopf liegt auf Carls Brust, und vom See her weht eine angenehme Brise. Sie presst die Augenlider zusammen und hält ihn fest, nimmt seinen Duft auf, spürt die Wärme seiner Brust an ihrer Wange. Sie liebt ihn.

Innerlich bricht sie wieder ein bisschen mehr zusammen.

18:25 Uhr

Janie hört das Quietschen der Fliegengittertür und setzt sich schuldbewusst auf, als Megan zu ihnen hinüberkommt.

»Tut mir leid, Megan, wir hätten dir beim Essenmachen helfen sollen.«

»Nein«, grinst Megan. »Nach der ganzen Wasserski-Absaufangelegenheit brauchtest du ein Nickerchen. Aber dein Telefon klingelt drinnen und ich weiß nicht, was ich damit machen soll.«

»Danke. Ich seh mal nach.«

Auch Carl setzt sich auf. »Ist alles in Ordnung? Wo ist eigentlich Charlie?«

»In der Stadt, einkaufen. Es ist alles in Ordnung«, sagt Megan. »Ihr hattet eine schwere Zeit, ihr braucht eure Ruhe. Entspannt euch.«

Gehorsam lässt sich Carl wieder auf die Decke sinken, während Janie aufsteht.

»Bin gleich wieder da«, sagt sie. »Wenn das der Captain mit einem Auftrag ist, kündige ich.«

Carl lacht. »Tust du nicht.«

18:29 Uhr

Sprachnachrichten.

Von Carrie. Vier Stück.

Und sie sind nicht gut.

Janie hört zu, ungläubig. Hört sich die Nachrichten noch einmal an. Sie ist wie betäubt.

»He, Janers, verdammt noch mal, wo steckst du? Ruf mich an!« Klick.

»Janie, im Ernst. Mit deiner Mum stimmt was nicht. Ruf mich an.« Klick.

»Janie, echt jetzt! Deine Mum stolpert im Garten herum und schreit nach dir. Hast du ihr nicht gesagt, dass du nach Fremont fährst? Sie ist total betrunken, Janie, sie heult und … oh Scheiße! Sie läuft auf die Straße.« Klick.

»Hi. Ich bringe deine Mutter ins County Hospital. Wenn sie mir Ethel vollkotzt, bist du tot. Ruf mich an. Mann. Also? Scheiße. Mein Akku ist gleich leer, also ruf vielleicht besser im Krankenhaus an oder so. Ich weiß auch nicht, was ich dir sagen soll. Ich versuche es noch einmal bei dir, wenn ich kann.« Klick.

»Oh mein Gott!« Janie starrt ihr Telefon an, ohne es wirklich zu sehen. Dann ruft sie Carrie an.

Sie erreicht nur den Anrufbeantworter.

»Carrie! Was ist los? Ruf mich an, ich habe mein Telefon jetzt. Es tut mir leid, ich … ich habe geschlafen.«

Es klingt lahm. Gedankenlos. Sogar irgendwie leichtsinnig, wenn sie es laut sagt. Was habe ich mir nur dabei gedacht, meine Mutter eine Woche allein zu lassen?

»Mein Gott. Ruf mich an.«

Janie steht nur da, unfähig zu atmen. Alles, was sie spürt, ist Angst. Was ist, wenn wirklich etwas nicht stimmt?

Und dann kommt die Wut.

Solange diese Frau lebt, werde ich nie ein eigenes Leben haben, denkt sie.

Sie presst die Lider zusammen und nimmt den Gedanken sofort zurück. Sie kann nicht fassen, dass sie ein so schrecklicher Mensch ist, der so etwas Schreckliches denken kann.

Charlie kommt mit einer Tüte voller Lebensmittel in die winzige Küche der Hütte und erstarrt, als er Janies Gesicht sieht.

»Alles in Ordnung?«, fragt er.

Janie blinzelt unsicher.

»Nein, ich glaube nicht«, antwortet sie leise. »Ich glaube … ich glaube, ich muss gehen.«

Charlie stellt die Lebensmittel mit einem Knall auf den Tresen und dreht sich zur Tür. »Carl! Komm mal her!«

Janie legt das Telefon weg und nimmt den Koffer aus dem Schrank. Sie fängt an, ihre Sachen hineinzuwerfen. Im Spiegel entdeckt sie ihren zerzausten Kopf und fährt sich mit den Fingern durch die wirren dunkelblonden Haare.

»Oh mein Gott«, sagt sie leise, »was zum Teufel ist mit meiner Mutter los?«

Es trifft sie plötzlich wie ein Schlag.

Was ist, wenn ihre Mutter wirklich stirbt? Oder schon tot ist?

Es ist sowohl faszinierend als auch entsetzlich. Janie stellt es sich vor.

»Was ist los?«, fragt Carl, als er hereinkommt. »Was ist passiert?«

»Hier.« Sie ruft die Mailbox an und gibt ihm das Telefon. »Hör dir die ganzen Nachrichten an.«

Während Carl zuhört, packt Janie wie benommen weiter.

Nachdem sie alles in ...

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