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Showdown Am Nordkap

Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.

Johann Wolfgang von Goethe

Bergen - 09. Oktober 2011

In den einschlägigen Touristenführern wird Bergen als ausgesprochen regenreich beschrieben. Wieland hatte die in Westnorwegen liegende Hafenstadt an die zehnmal besucht, auch zu Jahreszeiten, in denen man nicht unbedingt erwarten durfte, ohne Regen davonzukommen. Doch das Wetter hatte sich fast immer von der angenehmen Seite gezeigt. An richtig schlechtes konnte er sich nicht erinnern.

Bei seiner Ankunft am Airport Flesland sah es leider anders aus. Er hegte den Verdacht, das Wetter hatte die Absicht, sich an den Touristenführern zu orientieren. Denn über der Stadt hingen bleigraue Wolken, aus denen es anhaltend regnete. Dazu wehte zu allem Überfluss ein starker, böiger Wind. Das entsprach nun überhaupt nicht seinen Vorstellungen. Er hatte wesentlich besseres Wetter erwartet.

Wieland entschloss sich, für die Fahrt zur Innenstadt den Flybussen zu nehmen. Zwar wäre es bequemer gewesen, mit einem Taxi direkt bis zum Hurtigruten-Anleger zu fahren. Er hätte so allen Wetterunbilden aus dem Weg gehen können. Doch das wäre die kostenintensivere Variante gewesen. Mit dem Flybussen kostete die halbstündige Fahrt lediglich 100 Kronen. Das war weitaus preisgünstiger.

Wieland verstaute seinen Koffer im Gepäckfach des bereitstehenden Busses, stieg ein und wählte einen Fensterplatz. Der Bus füllte sich allmählich mit weiteren Fahrgästen. Die Mehrzahl waren Touristen wie er. In dem Moment, als der Bus losfuhr und auf die Straße nach Bergen einschwenkte, setzte sich ein junges Mädchen in Jeans, gelbem Anorak und bunter Wollmütze auf den freien Platz neben ihn. Es nickte ihm freundlich zu, leicht außer Atem.

Keine Minute später sprudelte es aus dem Mädchen nur so heraus. Es sprach, ohne ein einziges Mal Luft zu holen.

»Bloß gut, dass ich den Bus noch erwischt habe. Wie lange fahren wir eigentlich nach Bergen? Ich nehme an, Sie fahren ebenfalls mit dem Postschiff. Wann müssen wir denn an Bord sein? Ich bin ja so aufgeregt! Wissen Sie, ich kenne mich hier doch gar nicht aus, so weit oben im Norden bin ich noch nie gewesen. Glauben Sie, wir werden weiter oben auch Wale sehen? Ich bin ja so was von gespannt, das glauben Sie gar nicht.«

Wieland konnte ein Lachen nicht unterdrücken.

»Alle Fragen auf einmal kann ich unmöglich beantworten. Was mich aber interessieren würde, woher wissen Sie eigentlich, dass ich aus Deutschland komme?«

»Das sieht man doch«, sagte das Mädchen.

»Aha, und woran erkennen Sie das?«

»Na ja, Sie sehen eben deutsch aus. Herrgott, ich kann es nicht näher beschreiben, aber ich habe so ein Gefühl.«

»Weibliche Intuition, nehme ich an«, brummte Wieland und machte ein gespielt ernstes Gesicht.

»Eher nein. Von Kopenhagen aus waren wir im gleichen Flieger, ich saß gleich hinter Ihnen. Eins und eins zusammenzuzählen, ist doch nicht schwer, oder?«

Das Mädchen hielt die Hand vor den Mund und kicherte, wobei sich das von Sommersprossen besprenkelte Gesicht zunehmend aufhellte.

Wieland drohte scherzhaft mit dem Zeigefinger. Dann zeigte er hinaus auf eine Bergspitze. »Schauen Sie! Das ist der Ulriken. Man kann mit einer Schwebebahn hinauffahren. Grandios, die Aussicht von da oben. Leider sieht man nicht viel vom Berg, das Wetter ist einfach zu schlecht.«

Regen trommelte gegen die Scheiben. Das Mädchen suchte zwar nach dem Berg, nahm diesen, als es ihn entdeckte, lediglich als schemenhaftes Gebilde wahr. Augenblicklich ließ das Interesse des Mädchens nach. Andere Dinge gingen ihm durch den Kopf. Von Wichtigkeit war, wo man in Bergen aussteigen musste, um möglichst unbeschadet vom Regen das Schiff zu erreichen. Also fragte das Mädchen Wieland danach.

Wieland zögerte einen Moment. »Wir steigen am Torget aus, schlage ich vor. Von da zum Schiff ist es nicht allzu weit. Haben Sie denn einen Regenschirm dabei?«

»Natürlich!«

»Aber wir können das Stück auch mit dem Taxi fahren, da bleiben wir mit Sicherheit trocken am Leib.«

Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Ich vertraue Ihnen ganz und gar, es wird schon nicht so schlimm werden.«

Wie von Wieland vorgeschlagen, stiegen sie am Fischmarkt aus. Er zog die Kapuze seines wasserdichten Anoraks über den Kopf. Seine Begleiterin spannte den Regenschirm auf. Sie liefen, die Koffer hinter sich herziehend, mit raumgreifenden Schritten den Strandkaien hinunter. Die Häuserfronten auf der linken Seite boten ihnen ein wenig Schutz vor dem Regen.

Zum Ziel, dem Puddefjorden, war es nur noch ein reichlicher halber Kilometer. Den Rest der Strecke schafften sie in knapp zehn Minuten. Keine allzu große Zeitspanne, doch reichte diese aus, um sich die Hosenbeine der Jeans vom Regen durchnässen zu lassen.

Sie sahen MS Trollfjord schon von Weitem. Ein wirklich imposanter Anblick!

Am Hafenbecken angekommen, betrachteten sie aus allernächster Nähe das große Schiff. Mit seinen neun Decks überragte MS Trollfjord das Hurtigruten-Terminal um mehrere Meter. Vier dicke Taue, die vom Bug und Heck hinab zu den Pollern spannten, gaben dem Schiff sicheren Halt.

Wielands Blick wanderte nach oben, wo am schwarzen Schornstein weithin sichtbar das Zeichen der Hurtigruten-Reederei prangte, ein stilisiertes weißes H im roten Kreis.

»Das ist es!«, sagte Wieland. Er nestelte an der Tasche seines Fotoapparates.

Das Mädchen schaute unter ihrem Schirm hervor. Der halb geöffnete Mund und die weit aufgerissenen Augen offenbarten, wie beeindruckt es war.

Sich gegen den Wind stemmend, schoss Wieland rasch ein paar Fotos. Während er mit der Digitalkamera das Schiff einfing, löste sich vom Heck ein kleiner Öltanker. Dieser hatte die Trollfjord für die kommende Fahrt mit Treibstoff versorgt. Das kleine Schiff tänzelte auf den Wellen, die der noch immer böige Wind im Hafenbecken erzeugte. Im Vergleich zum sich langsam entfernenden Tanker wirkte MS Trollfjord geradezu wie ein Riese.

»Supergeil!«, rief das Mädchen. Ein solch großes Schiff sah es offensichtlich zum ersten Mal.

Wieland deutete hinauf. »Sehen Sie, in Höhe von Deck 6 ist die Trollfjord durch eine Gangway mit dem Terminal verbunden, bereit zur Aufnahme der neuen Passagiere. Doch noch ist es nicht soweit, denn wir dürfen erst ab 16 Uhr an Bord.«

»Sie kennen sich gut aus, nicht wahr?« Das Mädchen schaute erneut unter dem tropfnassen Regenschirm hervor.

Wieland nickte bestätigend und fuhr fort: »Salons und Kabinen müssen erst gereinigt und geputzt werden. Mit den Kabinen wird in der Regel schon nach 10 Uhr morgens begonnen, denn für die 301 benötigt man entschieden mehr Zeit, als es die kurze Zeitspanne hergibt, welche zwischen Ankunft und Bezugstermin liegt. In der kurzen Zeit eine Menge Arbeit.«

»Wow!« Das Mädchen schaute ihn mit großen Augen an. »Für mich sind das Böhmische Dörfer. Es ist schön, jemand dabei zu haben, der einem das alles so toll erklären kann.«

Während sie die Koffer in die Hand nahmen und in Richtung Terminal liefen, ergänzte er: »Alles benötigt eben seine Zeit. Auch das Beladen und Entladen der Fracht. Die Hurtigruten-Schiffe sind nämlich keine reinen Passagierschiffe, auch wenn es auf den ersten Blick so aussehen mag. Der Historie geschuldet wird auch Fracht befördert. Ob im Bauch der Schiffe oder teilweise auch an Deck, so wie das bei einem der älteren Schiffe heute noch geschieht. Sei es nun frisch gefangener Fisch aus dem Norden, Säcke mit Düngemitteln, Baustoffe aller Art oder Pkws für den einen oder anderen Autohändler und anderes mehr. Vielleicht haben wir mal die Gelegenheit, uns die Ladedecks anzuschauen.«

Im Terminal empfing sie wohlige Wärme, dazu eine Menge erwartungsfroher Menschen. Diese scharten sich um den Check-in-Schalter oder saßen in losen Grüppchen in der Wartezone. Man unterhielt sich angeregt. Im allgemeinen Sprachgewirr waren überwiegend deutsche und englische Wortfetzen zu vernehmen. Entgegen Wielands Befürchtung ging das Einchecken recht zügig voran. Schon nach zehn Minuten hatten er und seine Begleiterin die Koffer los und die Bordkarten in der Hand.

»Ich glaube, es ist an der Zeit, dass ich mich vorstelle«, sagte das Mädchen. »Ich bin die Inga Dornbusch aus Hannover.«

»Schön, Inga«, entgegnete Wieland und nannte seinen Namen. Dann holte er für beide aus dem Automaten einen Cappuccino.

Sie setzten sich an einen soeben frei gewordenen Tisch.

»Wieland, nun müssen Sie mir aber sagen, woher Sie all ihr Wissen haben?«

»Okay«, sagte er und rührte den Schaum seines Cappuccino unter. »Die Schiffsreise, die von der Hurtigruten Group ASA in deren Werbung als die schönste Seereise der Welt angepriesen wird, habe ich schon mehrfach unternommen. Ich bin sozusagen ein Wiederholungstäter. Während meiner Fahrten hatte ich die eine oder andere Gelegenheit, mal hinter die Kulissen des Schiffbetriebs zu schauen. Ich bekam Einblicke in Bereiche, die den Passagieren normalerweise verborgen bleiben. Auch mit den Abläufen an Bord kenne ich mich ganz gut aus. So kann ich mir vorstellen, was in diesem Moment in etwa an Bord passiert.«

»Stark!« Inga war beeindruckt. Sie nahm einen Schluck aus dem Becher, den sie mit beiden Händen umfasste, um sich so die noch immer klammen Finger zu wärmen.

»Und, was machen wir nun?« Sie sah ihn erwartungsfroh an.

Wieland musterte über seinen Becher hinweg das hübsche Wesen, welches soeben im Begriff war, sich vertrauensvoll an ihn zu hängen. Er hatte in all den Jahren so manche Überraschung erlebt, aber mit dieser hatte er weiß Gott nicht gerechnet.

Das Mädchen war ihm von Anfang an sympathisch gewesen. Bei ihrem Anblick musste er unwillkürlich an Pippi Langstrumpf denken. Dies wegen der Sommersprossen und der kurzen Zöpfe, welche mit ihren weißen Schleifchen lustig unter der bunten Wollmütze hervorlugten. Wenn überhaupt, dann war Inga so etwas wie die ältere Ausgabe von Pippi. Auch hatte sie dunkelblondes, statt rotes Haar.

Das circa ein Meter fünfundsechzig große, schlanke Mädchen hatte bei ihm den Beschützerinstinkt geweckt, sodass er sich plötzlich in der Rolle eines väterlichen Freundes wiederfand. Die logische Folge war, nun auch Ingas Fremdenführer zu spielen, was ihm zugegebener Maßen nicht unangenehm war.

Wieland setzte den inzwischen leer getrunkenen Becher ab und schaute Inga über die Brille hinweg an.

»Mein weiterer Programmpunkt ist, mich in Bergen ein wenig umzusehen. Die Trollfjord wird pünktlich 22.30 Uhr ablegen. Inga, wenn Sie sich mir also anschließen wollen? Bis zur Abfahrt bleiben uns noch ganze fünf Stunden.«

»Toll! Ich komme natürlich gerne mit.« Inga strahlte. Ihre Jeans war inzwischen wieder trocken, also stand der Unternehmung nichts mehr im Weg.

Inga fokussierte sich auf das neue Ziel, den Weg zurück in die Innenstadt. Das schlechte Wetter ignorierte sie. Schließlich hatte Wieland ihr versichert, Bergen sei immer einen Besuch wert und würde selbst bei Regen nichts von seinem Charme verlieren.

Es mochte an der späten Nachmittagsstunde liegen, wenn auf dem Torget nur noch wenige Verkaufsstände ihre Waren anboten – hauptsächlich frisch gefangener Fisch und anderes Meeresgetier, das noch unter die Leute musste. Vielleicht lag es aber auch am weiterhin niedergehenden Regen.

Für die beiden Deutschen gab es keinen Grund, um auf dem Fischmarkt länger zu verweilen. Auch wenn Inga den einen oder anderen im Eisbett liegenden Fisch interessiert aus der Nähe betrachtete. Darunter einige meterlange Barsche, deren halb geöffnete Mäuler mit den spitzen Zähnen Inga erschauern ließen. In ihren Augen waren das die reinsten Mordwerkzeuge. Vorsichtshalber ging sie an einigen Ständen in etwas größerem Abstand vorbei, denn sie war sich gar nicht sicher, ob die großen Fische tatsächlich alle tot waren.

Vor einem der Stände wurde Wieland von einem älteren Mann angerempelt. Dieser schien über den Zusammenstoß erschrockener zu sein als der Betroffene. Der Mann stammelte ein paar unverständliche Worte, die in Wielands Ohren weder wie eine Entschuldigung klangen noch nach etwas Ähnlichem.

Wieland hatte den Eindruck, dass das Geschehnis den Mann verwirrte. Denn dieser blieb einen Moment lang wie angewurzelt stehen. In dem Bruchteil dieser einen Sekunde nahm Wieland das Gesicht des Mannes, welches von einem breitkrempigen Filzhut beschattet wurde, schemenhaft wahr. Das kurzzeitige Erstarren des Mannes und dann dessen Eile, sich aus dem Staub zu machen, kamen Wieland sonderbar vor.

Als der Mann in der Menschenmenge untertauchte, die sich vor einer Fußgängerampel an der nahen Straßenkreuzung bildete, hatte Wieland den Zwischenfall allerdings bereits wieder vergessen.

Wieland hatte sich vorgenommen, Tyskebryggen einen Besuch abzustatten. Die ehemaligen Handelskontore der Hanse, die seit 1979 zum Weltkulturerbe der UNESCO gehören, waren für ihn ein unbedingtes Muss.

Die lange Front der dicht aneinander gereihten siebzehn Kaufmannshäuser prägte auf einzigartige Weise das Stadtbild von Bergen. Die roten, gelben und weißen Fassaden stachen dem Betrachter unweigerlich ins Auge.

»Aus der Ferne wirken die spitzgiebeligen Häuser irgendwie verspielt«, fand Inga. »Fast so, als wären es Bauten aus einem Spielzeugbaukasten.«

»Ein netter Vergleich«, schmunzelte Wieland. »Aber im Ernst, sie sind natürlich das Aushängeschild von Bergen und für jeden Hobbyfotografen ein beliebtes Motiv.«

Als wäre das ihr Stichwort gewesen, zückte Inga eine kleine, kompakte Kamera und schoss ein paar Fotos. Auch Wieland holte seine Digitalkamera hervor. Zwar besaß er bereits unzählige Fotos mit demselben Motiv, was ihn aber nicht davon abhielt, die farbenfrohen Fassaden der mehrstöckigen historischen Holzhäuser erneut abzulichten.

Anschließend steuerte Wieland auf eine schmale Gasse zu, deren Gehwegbelag aus massiven Holzbohlen bestand. Durch den engen Zugang gelangten sie ins Innere des weitläufigen Komplexes.

Wieland erläuterte: »Es gibt hier einundsechzig historische Bauten. Im Wesentlichen beherbergen diese Künstlerwerkstätten, Souvenirläden, Boutiquen und Büros. Eine eigene Welt, in die einzutauchen sich wirklich lohnt.«

Voranschreitend führte Wieland Inga in einen weitläufigen, gepflasterten Innenhof. Dort stießen beide auf eine seltsam anmutende Holzskulptur. Wieland konnte sich nicht erinnern, diese früher schon einmal gesehen zu haben. Das ungewöhnliche Kunstwerk von etwa sechs Meter Länge stellte einen riesigen, furchterregend wirkenden Raubfisch dar. Inga war entzückt und schoss erneut ein paar Fotos.

Dem schlechten Wetter geschuldet waren nur wenige Touristen unterwegs. Eine kleine Gruppe Japaner zog schnatternd und fotografierend an ihnen vorbei. Eine Minute darauf kamen ein paar junge Mädchen daher, die geräuschvoll den Abschied einer zukünftigen Braut von deren Mädchenjahren feierten. Sie waren sämtlich kostümiert, trugen Schwesterntrachten und Hauben mit dem Roten Kreuz daran. Unter den Mädchen herrschte eine ausgelassene Stimmung, wohl auch wegen des Alkohols, den man aus Weinflaschen ausgiebig zu sich nahm.

»Eine schöne Sitte«, sagte Inga und schaute den Mädchen hinterher, die alsbald fröhlich lärmend in einer Gasse Schutz vor der Nässe suchten.

Wieland meinte herauszuhören, dass Ingas Stimme ein wenig traurig klang. Er fragte sich, was wohl der Grund dafür sei.

Weiter durch das Innere des Komplexes schlendernd, suchten sie einige der Lädchen auf und stöberten interessiert in deren Auslagen herum. Neben dem zum Teil scheußlichen Kitsch, den die Souvenirläden massenhaft in ihren Sortimenten hatten, bot man aber auch echtes Kunsthandwerk an.

In Bryggen hatten sie nun fast eine Stunde verbracht, was Wieland in Anbetracht des Wetters für ausreichend hielt. Bei ihm meldete sich zudem ein leises Hungergefühl. Außer der mageren Kost im Flieger hatte er nichts im Magen. Abends würde es zwar eines von den legendären skandinavischen Buffets geben, die auf den Hurtigruten-Schiffen zum Standard gehörten. Aber bis zum Abend war es noch eine ganze Weile hin.

»Inga, bei dem Wetter hat es wenig Sinn, weiter herumzuziehen«, meinte Wieland. »Ich schlage deshalb vor, wir wärmen uns etwas auf. Hier in Bergen gibt es übrigens eine ausgezeichnete Fischsuppe. Wie wäre es mit einer kleinen Zwischenmahlzeit?«

»Okay, wenn Sie meinen.«

Sie liefen zurück in Richtung Straße. Am Ende der Gasse führte eine Holztreppe hinauf in das Fischrestaurant Enjørningen. Eine an der Wand hängende Tafel wies auf diese Lokalität hin.

Wieland nickte zufrieden. »Hier sind wir richtig. Inga, folgen Sie mir einfach.«

Sie suchten sich einen Tisch vor einem der Fenster aus. Durch dieses hatten sie einen herrlich freien Blick auf den Hafen. Am Nebentisch saßen drei weitere Gäste, ansonsten war der nicht allzu große Gastraum leer.

Inga schlug die Speisekarte auf, die vor ihr auf dem Tisch lag und fing an, diese gründlich zu studierten. Mit jeder Seite, die sie aufschlug, veränderte sich ihr Minenspiel. Es zeigte, dass ihr etwas gegen den Strich ging.

»Ist irgendetwas nicht in Ordnung?«, fragte Wieland.

Inga nickte entsetzt. »Die Preise! Sehen Sie …« Sie schob die Speisekarte Wieland zu und deutete mit dem Finger auf die Preise mehrerer Fischgerichte. »Hier und hier! Gott, ist das teuer. Wieland, wollen wir uns das wirklich antun?«

Wieland hob ein wenig die Schultern. »Na ja, nun sitzen wir einmal hier. Aufstehen und wieder gehen, das wäre mir irgendwie unangenehm …«

»Also, ich als arme Studentin! Ich kann mir das hier einfach nicht leisten!«

Einen Moment war Wieland ratlos. Dann sagte er: »Okay, Inga, dann lade ich Sie einfach …«

Weiter kam er nicht. Denn in dem Augenblick stürmte eine Serviererin die Treppe herauf und rief aufgeregt etwas auf Norwegisch und Englisch in den Raum.

Inga schaute Wieland an. »Verstehen Sie, was sie will?«

Wieland, der sich nach den Worten der Serviererin sofort erhoben hatte, nickte. »Soweit ich verstanden habe, hat ein Brandmelder angeschlagen. Wir sollen schnellstens das Haus verlassen.«

Inga riss ihre Umhängetasche, die sie auf dem freien Stuhl neben sich abgelegt hatte, an sich und sprang auf. Der Stuhl, auf dem sie eben noch gesessen hatte, fiel polternd um. Raschen Schrittes eilte sie zur Treppe. Wieland und die anderen Gäste folgten ihr.

Auf der Treppe nach unten sagte Inga: »Wieland, was Besseres konnte uns nicht passieren.«

Die aus dem Restaurant laufenden Gäste versammelten sich auf dem breiten Gehweg. Inmitten der etwa fünfzehn Personen warteten Wieland und Inga darauf, ob irgendetwas passierte.

»Das war Hilfe im allerletzten Moment«, sagte Inga und hielt sich die Hand vor den Mund. Es fiel ihr schwer, ein Lachen zu unterdrücken. »Gott muss uns erhört haben … Allerdings sehe ich weder Feuer noch Rauch.«

»Ich schätze, es war blinder Alarm«, war Wieland überzeugt. Seine Einschätzung bestätigte sich, denn eine Minute darauf trat die Serviererin von vorhin auf den Gehweg, rief etwas und winkte die Restaurantgäste wieder herein.

»Sehen Sie, Inga. Ich hatte mit meiner Vermutung recht.«

»Sie wollen doch nicht etwa wieder zurück?«, fragte Inga, die befürchtete, Wieland hätte tatsächlich diese Idee.

»Nein«, sagte Wieland und lachte amüsiert auf. »Um Gotteswillen! Mein Appetit ist verflogen. Nee … jetzt habe ich Lust auf ein schönes Bier.«

Inga schüttelte den Kopf. »Wieland, bitte nicht böse sein, ich möchte lieber in ein Kaufhaus gehen. Ich habe in der Eile des Kofferpackens dummerweise was vergessen, und das möchte ich unbedingt noch schnell kaufen. Sagen Sie, wo finde ich denn ein ordentliches Kaufhaus?«

»Gleich hinter dem Fischmarkt. Kommen Sie, ich zeige es Ihnen.«

Zurück am Fischmarkt wies Wieland in die Richtung, die Inga einschlagen musste. »Dreihundert Meter weiter die Straße hinauf. Inga, sehen Sie das große Gebäude? Das ist das Kaufhaus.«

Inga erspähte es und wollte sogleich loslaufen. Doch Wieland hielt das Mädchen einen Moment lang am Arm fest. Er deutete hinüber auf das große am Hafenbecken stehende Gebäude. Mit seiner mehrgliedrigen Fassade aus Holz und Glas war es nicht zu übersehen.

»Inga, Sie finden mich in Zachariasbryggen. Ich schlage vor, Sie kommen nachher dorthin. Ist das in Ordnung?«

»Ist okay. Also, bis später.«

»Im Erdgeschoss, Inga. Ganz hinten ist die Hanseaten-Bar. Ist leicht zu finden.«

Inga nickte verstehend, schaute kurz zum Eingang des Gebäudes und lief dann straffen Schrittes los. Wieland sah ihr einen Augenblick hinterher. Er wollte sicher sein, dass sie die richtige Richtung einschlug.

Wielands Hosenbeine waren während des Bummelns durch Bryggen wieder nass geworden, an den Beinen ein nicht eben erhebendes Gefühl. Nun saß er in der Hanseaten-Bar bei einem frisch gezapften Hansa Bier und genoss die wohlige Wärme des Raumes.

Bei ihm stellte sich eine starke Vorfreude auf das Kommende ein. Selbst nach all seinen Fahrten auf verschiedenen Hurtigruten-Schiffen, verteilt über einen Zeitraum von fünfundzwanzig Jahren, war jede neue Reise für ihn immer wieder ein besonderes Erlebnis. Sicherlich, es gab rund um den Globus andere Möglichkeiten, Interessantes und Neues kennenzulernen. Doch Wieland zog es immer wieder in den Norden, entlang der norwegischen Küste. Auch wenn die Schiffe immer die gleichen 34 Häfen anliefen und die Küstenlandschaft stets dieselbe blieb. Für ihn verlor diese Art zu reisen nie an Attraktivität. Er war gefangen von der Großartigkeit der norwegischen Küste, die von Bord eines Schiffes betrachtet, ihre ganze Schönheit offenbarte.

Im Allgemeinen stand Wieland Werbebotschaften eher skeptisch gegenüber. Der Slogan, mit dem die Hurtigruten Group ASA für die Hurtigruten warb, mochte für manchen zwar etwas überheblich klingen. Im Grunde traf dieser aber den Nagel auf den Kopf. Wieland war überzeugt, wer mit den Hurtigruten einmal unterwegs gewesen war, würde Ähnliches wie er empfinden.

Aus den Gedanken zurück, schaute Wieland sich in der Bar um. Als Bauingenieur interessierten ihn nicht nur die Bauten an sich, sondern auch die Räumlichkeiten darin, und auch, wie diese Räume eingerichtet waren.

Was in der Bar zuerst ins Auge fiel, war natürlich der lange Tresen, bestehend aus massivem Holz. Dann die Fensterfront, deren regennassen Scheiben die Sicht auf die Terrasse und das Hafenbecken dahinter erschwerten. Draußen war kein einziger Mensch zu sehen. Bei dem trüben Wetter kein allzu großes Wunder. Drinnen herrschte ein diffuses Licht, erzeugt von den Lampen, die über dem Tresen hingen.

Wieland bestellte ein weiteres Bier. Es dauerte keine Minute, und schon hatte er ein frisch gezapftes Halbliterglas Hansa Bier vor sich stehen. Kleine Biere schenkte man in Norwegen nicht aus, damit hielt man sich gar nicht erst auf. Hätte er ein kleines verlangt, wäre er auf völlige Verständnislosigkeit gestoßen.

Wegen der Kühle des Bieres war das Glas beschlagen. Wieland zeichnete mit dem Zeigefinger Figuren auf das Glas. Danach sah er sich wie beiläufig in der Bar um.

Hinter seinem Rücken rasselte ein Spielautomat. Es hört sich an, als spuckte der Apparat Münzen aus. Nichts von Belang, da war das junge Pärchen, welches links neben ihm am Tresen saß und ziemlich verliebt tat, wesentlich interessanter. Der junge Mann kroch förmlich in seine Begleiterin hinein. Das hübsche Mädchen, welches Wieland auf keine Achtzehn schätzte und das im linken Nasenflügel einen kleinen Silberring trug, kicherte unablässig.

Für Wielands Ohren fiel das Kichern einige Oktaven zu hoch aus, was ihn alsbald nervte. Ein Grund, sich von der Turtelei abzuwenden und dem Mann seine Aufmerksamkeit zu schenken, der halb verdeckt am äußeren Thekenrand saß.

Trotz des etwas schwachen Lichtes erkannte er in dem Mann jenen, der ihn auf dem Fischmarkt angerempelt hatte. Dessen Gesicht lag zwar im Halbdunkeln, doch das wenige Licht genügte, um zumindest das Profil des Mannes studieren zu können. Die scharfen Gesichtszüge des Mannes, den er auf etwa siebzig schätzte, kamen ihm seltsam bekannt vor. Zumindest sah der Mann irgendjemanden ähnlich. Wer das hätte sein können, darauf fand Wieland keine Antwort, so sehr er auch in seinen Erinnerungen kramte.

Er konnte sich natürlich irren, das war gut möglich. Sein Gefühl sagte ihm jedoch etwas anderes. Er überlegte kurz und kam zu dem Schluss, dass das Objekt seiner Betrachtung ein Landsmann sein musste, also kein Norweger. Das lag nahe, schließlich kannte er relativ wenige Norweger. An einen solchen hätte er sich wahrscheinlich erinnert.

Wieland nahm sich dennoch vor, der Sache auf den Grund zu gehen und den Mann bei der nächsten Gelegenheit anzusprechen. Leider ergab sich diese Möglichkeit nicht, denn der Mann stürzte, nachdem er kurz in Wielands Richtung geschaut hatte, den Rest seines Bieres hinunter, glitt von seinem Hocker und war eine Sekunde später verschwunden.

Na, dann eben nicht, dachte Wieland. Aber vielleicht konnte der Mann hinter dem Tresen ihm auf die Sprünge helfen. Er kramte in seinen Englischkenntnissen und fragte: »Do you know the man who has just left the restaurant, Sir?«

Der Barkeeper zuckte mit der Schulter und entgegnete in fast akzentfreiem Deutsch, es tue ihm leid, aber er habe den Mann noch nie gesehen.

Wieland war erstaunt. »Sie wissen, woher ich komme?« Er hatte sich die größte Mühe gegeben, sein mühsam angelerntes Englisch möglichst authentisch klingen zu lassen.

Der Barkeeper grinste. »Ich habe viele Jahre in Deutschland gearbeitet, außerdem ist meine Mutter Deutsche. Ich erkenne jeden Deutschen auf Anhieb. Du musst dich also nicht wundern.«

Indem Wieland ebenfalls zum Du überging, so wie in Norwegen allgemein üblich, entwickelte sich eine angeregte Unterhaltung. Der blonde Norweger erzählte dem gespannt zuhörenden Deutschen von seinen Erlebnissen in dessen Heimat. Wieland erfuhr, in welchen Regionen Deutschlands der Norweger unterwegs gewesen war, und in welchen Städten er gelebt und womit er sein Geld verdient hatte. Als der Norweger erwähnte, er habe sogar eine Zeit lang in Dresden als Barkeeper gearbeitet, schlug Wieland überrascht mit der flachen Hand auf den Tresen.

»Ich glaub es einfach nicht! Da sitzt man im schönen Norwegen und trifft gleich am ersten Tag einen Einheimischen, der einem beim Bier wie beiläufig erzählt, er kenne Dresden. Dresden ist nämlich meine Heimatstadt, mein Guter …«

Wieland erhob sein halb volles Glas und prostete dem Barkeeper zu. »Übrigens, ich bin der Wieland.«

»Und ich bin Ole Einar«, sagte der Barkeeper und schob Wieland ein Glas Aquavit über den Tresen. »Dafür hast du bestimmt noch ein paar Minuten. Der geht aufs Haus. Skål.«

Wieland bedankte sich und stieß mit Ole Einar an. »Für einen LINIE habe ich immer Zeit. Guck doch mal bitte, wann dieser Aquavit über den Äquator geschippert ist, und mit welchem Schiff.«

Ole Einar schob die Flasche mit dem goldgelben Inhalt zu Wieland hinüber. »Schau bitte selbst nach …«

In diese Szene hinein platzte Inga. Sie war vom schnellen Laufen leicht erhitzt. Ihre bunte Strickmütze abnehmend, setzte sie sich neben Wieland.

»Wieland, Sie werden es nicht glauben, im Kaufhaus sind die Handläufe der Rolltreppen beheizt, einfach unglaublich!«

Wieland bestätigte das mit einem Nicken. »In Norwegen ist es im Winter verdammt kalt. Da muss man halt was dagegen tun. Die Norweger sind ein unglaublich praktisches Volk, nicht wahr, Ole Einar?«

Der zwinkerte Wieland zu. Dann wandte er sich ab, um für einen weiteren Gast ein Bier zu zapfen. Damit fertig, gesellte er sich wieder zu den beiden Deutschen.

»Wieso duzt ihr euch eigentlich nicht?«

Ehe Wieland eine Antwort fand, erklärte Inga: »Wir haben uns erst heute kennengelernt. Außerdem ist er der Ältere, ich als junges Ding kann ihm das ja schließlich nicht anbieten. Er hätte es längst tun können, ich hätte nichts dagegen gehabt.« Sie schaute Wieland schelmisch an.

Wieland tauschte mit dem Barkeeper einen Blick. »Diesem Mädchen kann man einfach nichts abschlagen, Ole Einar.« Und zu Inga gewandt: »Inga Dornbusch, hiermit biete ich dir für immer und ewig das Du an, nimmst du das an?«

»Sollte ich?« Inga lachte hell auf, rutschte von ihrem Hocker und hielt Wieland den gespitzten Mund hin.

»Halt!«, rief Ole Einar. »Dazu gehört aber auch, miteinander anzustoßen.« Er schob den beiden Deutschen über den Tresen je einen LINIE zu.

Der Einwand wurde erhört. Man gab sich einen Kuss, stieß miteinander an und stürzte den Aquavit herunter. Inga schüttelte sich. Sie war Hochprozentiges nicht gewöhnt.

»Ich wollte vorhin nicht euer Gespräch unterbrechen«, sagte Inga, räusperte sich und bat um ein Glas Wasser.

»Wo waren wir vorhin stehen geblieben?« Wieland schaute Ole Einar an.

»Du wolltest nachschauen, was auf dem Etikett steht.«

»Stimmt!« Wieland beugte sich ein kleines Stück vor und schob die Flasche näher zum Licht. Er rückte die Brille zurecht, schaute durch den Flascheninhalt auf die Rückseite des Vorderetiketts und entzifferte mühsam das Gedruckte.

»12.01.2009 bis 14.05.2009, Schiffsname: M/V Tønsberg. Somit hat der Aquavit vier Monate Zeit gehabt, um zur Reife zu kommen. Ein edler Tropfen, überhaupt keine Frage.«

»Ich sehe, du verstehst was vom LINIE Aquavit.«

»Und ob, Ole Einar. Man schmeckt buchstäblich die edlen Kräuter, die zusammen mit dem Aroma aus den Sherryfässern diesen exzellenten Geschmack ausmachen.«

Wieland rutschte ein wenig auf dem Hocker herum. Nach einer Kunstpause erklärte er: »Ich kann euch auch sagen, wer den LINIE herstellt und wie man auf die Idee kam, den Aquavit zweimal über den Äquator schippern zu lassen.«

»Na, dann leg mal los.« Ole Einar nickte Wieland aufmunternd zu. Dessen Mimik signalisierte, dass er nur zu gern bereit war, der Aufforderung nachzukommen.

Wieland rückte seine randlose Brille zurecht und schaute erst Inga, dann Ole Einar an. Während er mit den Händen die Flasche zärtlich umfasste, dozierte er mit sonorer Stimme: »Es ist lange her, Freunde. Man sagt, 1805. Damals war ein Schoner aus Norwegen auf den Weltmeeren unterwegs, um eine Ladung Aquavit in Eichenfässern nach Australien zu befördern. Nun ergab es sich, dass der Besteller verstorben und der Kapitän gezwungen war, die Fässer wieder mit zurück nach Norwegen zu nehmen, was bedeutete, der Aquavit überquerte zum zweiten Mal den Äquator.«

»Soweit kenne ich die Geschichte«, sagte Ole Einar.

»Warum lässt du mich diese dann erzählen?«

»Ich möchte gern deine Variante hören, Wieland.« Ole Einar zwinkerte Inga zu.

Wieland sammelte sich. »Also gut, bringen wir die Geschichte zu ihrem Ende. Nachdem die Fässer wieder in Norwegen landeten, stellte irgendjemand fest, dass der Aquavit auf einmal feiner und sanfter schmeckte. Man fand die Erklärung darin, dass die Eichenholzfässer, in denen vorher ein kräftiger Sherry lagerte …«

»Ein Oloroso«, ergänzte Ole Einar.

Wieland hob die Augenbrauen. »Du sagst es, mir war der Name kurz entfallen …«

Ehe er wieder den Faden aufnahm, nahm er einen Schluck.

»Die Quintessenz der Geschichte ist, seither lässt die Arcus A/S Norway mit den Schiffen der Wilhelmsen-Redeerei die Fässer nach Australien und von dort zurück schippern.«

»Weil …?«, schob Ole Einar ein.

»… die Reife von LINIE durch die Lagerung in den Eichenholzfässern, wegen der klimatischen Unterschiede während der langen Reise und der sanften Bewegung der See entsteht.« Wieland schaute in die Runde, als erwarte er Beifall.

Ole Einar tat ihm den Gefallen. Er klatschte in die Hände. »Genauso ist es, Wieland. Du hast es irgendwo gelesen, nicht wahr? Ihr Deutsche seid gründlich und hinterfragt alles. Ich bin beeindruckt und hätte es nicht besser erklären können.«

Inga klatschte gleichfalls in die Hände. »Nun kann uns auf dem Schiff nichts mehr passieren. Mit solch einem Experten an Bord.«

»Ich danke euch, Inga und Ole Einar. Danke für die Blumen. Sich mit dir zu unterhalten, Ole Einar, war das reinste Vergnügen. Leider müssen wir langsam los, das Schiff wartet nicht.«

»Für einen kleinen LINIE reicht eure Zeit aber noch …« Ole Einar füllte drei Gläser.

Wieland nickte ergeben. Für einen LINIE war er natürlich immer zu haben. »Die drei übernehme aber ich«, beharrte er.

Ole Einar hob in gespielter Ergebenheit die Hände. Wielands braun gebranntes Gesicht strahlte, wobei sich um die Augen zahlreiche Lachfältchen bildeten.

Inga schob Ole Einar den Aquavit zurück. »Bitte nicht böse sein, aber einen Zweiten vertrage ich nicht. Der Erste hat mich schon umgehauen.«

Wieland bedauerte das zwar, aber er trug schließlich die Verantwortung, das Mädchen unbeschadet zurück auf das Schiff zu bringen. Man musste vernünftig sein.

»Ole Einar, aber Inga wird sicherlich nichts dagegen haben, wenn wir beide schnell noch auf die norwegisch-deutsche Freundschaft trinken.« Und als Wieland das leere Glas zurück auf den Tresen setzte, sagte er: »Der erste Tag auf norwegischem Boden fällt bei Weitem besser aus, als ich mir das vorgestellt habe.«

Man drückte sich zum Abschied mit großer Herzlichkeit die Hände. Obwohl der Tag noch nicht zu Ende war, wusste Wieland, er würde diesen in sehr guter Erinnerung behalten. Mit Inga an der Seite, die wieder ihre bunte Strickmütze trug, machte er sich auf den Weg zurück zum Schiff.

An Bord bedienten Inga und Wieland sich am reichhaltigen Buffet, welches mit allerlei einheimischen Köstlichkeiten aufwartete. Wieland häufte auf seinen Teller Garnelen und Muscheln, nahm dazu etwas Brot, während Inga sich mehr an die Salate hielt. Sie suchten sich einen Zweiertisch und fingen mit Genuss zu essen an. Man schwieg eine Weile. Jeder hing seinen Gedanken nach.

Anderen Passagieren schien es an diesem ersten Abend ganz ähnlich zu gehen. Lange und laute Unterhaltungen wurden an keinem der Tische geführt. Es ging gedämpft zu. Wieland empfand das als angenehm, jedenfalls in diesem Moment. Aber dass es nicht dabeibleiben würde, wusste er. Die Atmosphäre am nächsten Abend würde eine völlig andere sein.

Nach ein paar Minuten eröffnete Inga die Unterhaltung. Es wäre für sie untypisch gewesen, länger als drei Minuten zu schweigen.

»Wieland, hast du das Gefühl, dass ich mich an dich hänge? Mir wäre das nämlich peinlich. Aber ich brauche einfach einen Menschen, mit dem ich mich unterhalten kann. Ich kenne doch niemanden hier. Außerdem habe ich mitgekriegt, was du alles im Kopf hast. Von dir kann ich `ne Menge lernen. Auch finde ich, dass du ausgesprochen unterhaltsam bist. Und … ich habe Vertrauen zu dir.«

Wieland legte das Messer zur Seite, mit dem er versucht hatte, eine hartnäckige Muschel zu knacken. Er sah Inga in die Augen und lächelte.

»Mädchen! Erstens gefällt es mir, dass du dich an mich hängst, wie du es ausdrückst. Zweitens, ich hätte gern so eine Tochter wie dich gehabt. Also, hast du irgendwelche Fragen?«

»Nein, nein!«, Inga lachte. »Mir fällt gerade ein riesengroßer Stein vom Herzen.«

Wieland fand, es war der Zeitpunkt gekommen, um von seiner Frau Eva zu erzählen. Inga hörte aufmerksam zu und stellte die eine und andere Frage. Von ihr erfuhr Wieland, dass sie in einem Vorort von Hannover aufgewachsen war, nun in Hannover an der Leibnitz-Universität Sozialwissenschaft und Sport studierte. Sie hatte sich mühsam das Geld für die Reise zusammengespart. Ein Kindheitstraum von ihr war, einmal hoch in den Norden zu fahren.

»Wieland, und du kommst tatsächlich aus Sachsen?«, fragte Inga ungläubig. »Du hast ja gar keinen sächsischen Akzent.«

»Warum das so ist, erzähle ich dir später einmal und vielleicht noch ein paar andere Dinge. Jetzt sollten wir an Deck gehen, und zwar schleunigst. Wir dürfen auf keinen Fall die Abfahrt verpassen, es ist schon deutlich nach 22 Uhr.« Bergen erstrahlte an diesem mild gewordenen Oktoberabend in einem Meer funkelnder Lichter, hinter denen sich das Farbenfrohe der Häuser nur erahnen ließ. Es war trocken geblieben. Die Außentemperatur betrug immerhin noch zwölf Grad.

Sie waren an Deck gegangen und verfolgten mit Interesse das Ablegemanöver.

Pünktlich um 22.30 Uhr trat die Trollfjord ihre zwölftägige Reise an, glitt in die Nacht hinaus, die Lichter der Stadt hinter sich lassend. Kein Wind wehte, kein Laut war zu hören. Über dem Schiff lag eine ungewöhnliche Stille.

Von den oberen Decks aus war das Fahrwasser in der Dunkelheit kaum auszumachen. Lediglich die zum Heck auslaufenden Bugwellen mit den Schaumkronen obenauf, beleuchtet vom Licht, welches aus den unteren Kabinenfenstern fiel, ließen erkennen, dass sich das Schiff zügig vorwärts bewegte.

Wieland hatte, ehe sie mit dem gläsernen Aufzug hinauf auf Deck 9 gefahren waren, noch schnell seine Kopfhörer aus der Kabine geholt. Nun nahm er sie ab und reichte sie Inga. Sie lauschte eine Weile, dann summte sie leise mit. Der Song »sail away« von Enya gefiel ihr, er passte gut zu ihrer momentanen Stimmung.

Die Trollfjord bahnte sich ihren Weg durch den Scherengarten vor Bergen. Die Route führte vorbei an kleinen und größeren Inseln, die in der Dunkelheit kaum auszumachen waren. Schließlich näherte sich das Schiff der Askøy-Brücke.

Sie sahen beide nach oben. Eine Lichterkette beleuchtete die Fahrbahn, sodass die über die Brücke fahrenden PKWs erkennbar waren. Die Fahrgeräusche drangen hinunter bis zu ihnen. Sie unterbrachen die nächtliche Stille.

Ein erlebnisreicher Tag fand sein Ende. Es war bereits kurz nach 23 Uhr. Zeit für beide, um die Kabinen aufzusuchen. Inga ahnte, sie würde nicht gleich einschlafen können, ihr gingen einfach zu viele Dinge durch den Kopf.

Zum Frühstück verabredeten sie sich zu Punkt 8 Uhr auf Deck 5. Beabsichtigt war außerdem, im Anschluss ans Frühstück gemeinsam auf Außendeck 6 ein paar Runden drehen.

Måløy - 10. Oktober 2011

Die 3000 Einwohner zählende Ortschaft Måløy mit dem großen Fischereihafen lag bereits hinter ihnen. Die Liegezeit dort hatte nur eine halbe Stunde betragen, von 7.00 bis 7.30 Uhr. Für einen Landgang eine zu kurze Zeitspanne, weit wäre man nicht gekommen. Außerdem hatte Wieland an diesem Morgen nur schwer aus dem Bett gefunden. Nicht unbedingt ein Beinbruch, denn es war zu der frühen Stunde noch nicht einmal richtig hell gewesen.

Er hatte in aller Ruhe duschen wollen, was sich leider als nicht durchführbar erwies. Es sei denn, er hätte sich überwinden können, es mit kaltem Wasser zu tun. Aus irgendeinem Grund funktionierte die Mischbatterie nicht. Bei allen Hebelstellungen kam stets nur eiskaltes Wasser aus dem Hahn. So blieb ihm nichts weiter übrig, als nicht geduscht am Frühstückstisch zu erscheinen.

Sie trafen sich vor der Tür zum Restaurant »Saga Hall«. Wie Inga es geschafft hatte, vor ihm da zu sein, obwohl sie nach eigener Aussage eine notorische Langschläferin war, blieb ihr Geheimnis. Einen müden Eindruck machte sie auch nicht gerade, ganz im Gegenteil.

Gestern hatte Inga ihre dunkelblonden Haare zumeist unter der bunten Wollmütze versteckt, jetzt trug sie diese offen und zu einem Pferdeschwanz gebunden. Wieland fand, damit wirkte ihr Gesicht schmaler. Sie sah an diesem Morgen insgesamt fraulicher aus.

»Schau nur!«, rief sie begeistert und deutete auf den Speiseplan. Dieser hing seitlich an der Wand, war in drei Sprachen abgefasst und kündigte die Speisefolge für das abendliche Dinner an.

»Als Vorspeise gibt es Klippfischbolinhos mit Tomatensalat, dann als Hauptspeise Hühnchen Livéche mit Gemüserisotto, Paprikasauce und Linsenragout. Und zum Abschluss Apfelkuchen mit Vanilleeis. Gott, ich werde auf der Reise bestimmt ein Kilo zunehmen.«

Wieland musste unwillkürlich lachen. Am Morgen auf diese Art begrüßt zu werden, trieb die Müdigkeit aus den Augen.

»Lass uns erst einmal frühstücken«, sagte er.

Sie desinfizierten ihre Hände mit einer der Sprühflaschen, die auf einem Tischchen standen, und betraten das Bordrestaurant. Dort wurden sie vom Bedienungspersonal freundlich begrüßt. Die Frau hinter dem kleinen Empfangstresen erkundigte sich nach den Kabinennummern und dann noch, wo sie zum Dinner gerne sitzen wollten. Am Abend gäbe es nur reservierte Plätze, nicht die freie Tischwahl, wie jetzt beim Frühstücksbuffet. Die Norwegerin meinte, für sie beide käme zum Beispiel Tisch 58 in Betracht. Das sei ein runder Sechsertisch im hinteren Bereich, an dem sie bereits mehrere deutsche Passagiere platziert habe. Nach einem kurzen Blick auf den Tischplan stimmten Inga und Wieland zu.

Sie bedienten sich am reichhaltigen Buffet und fanden an einem der großen Fenster zwei freie Plätze. Der Blick auf die See war grandios.

Vorerst drehte sich Ihr Gespräch um Belanglosigkeiten. Bald aber schien es Wieland so, als hätte Inga irgendetwas auf dem Herzen. Deshalb beendete er das Wortgeplänkel und sagte: »Nun rück‘ schon raus mit der Sprache, Inga. Du willst mir doch etwas sagen.«

Sie nickte. »Mir sind heute Nacht, als ich nicht einschlafen konnte, einige Dinge durch den Kopf gegangen. Es hat zwar `ne Weile gedauert, doch dann habe ich die Lösung gefunden.«

»Für was?«, fragte er, neugierig geworden.

Sie zögerte einen kurzen Moment, dann sagte sie: »Du hast doch gestern gesagt, du hättest gern so eine Tochter wie mich. Wie wäre es also, wenn wir uns heute Abend am Tisch als Vater und Tochter vorstellen täten?«

Wieland fiel fast die Gabel aus der Hand. Alles hätte er erwartet, nur das nicht.

»Wie kommst du denn auf die Idee?«

»Na ja, wegen unseres Altersunterschieds! Wir sind schließlich kein Paar, wenn du verstehst, was ich meine. Lass die anderen denken, Vater und Tochter sind auf Reisen. Das führt nicht zu Spekulationen und wir haben unsere Ruhe.«

Er nahm einen Schluck Kaffee zu sich. Eigentlich gar keine schlechte Idee, dachte er. Die Vater-Tochter-Variante hört sich irgendwie plausibel an. Lustig war diese allemal. Er war bereit, das Spiel mitzuspielen. Vorher wollte er aber noch etwas geklärt wissen. »Gut und schön. Was ist aber mit unseren Nachnamen?«

»Na, ganz einfach! Dann war ich eben schon mal verheiratet.«

Wieland konnte nicht mehr an sich halten und prustete los. Was dazu führte, dass er sich an einem Bissen verschluckte und ihm die Tränen kamen. Als der Hustenanfall vorüber war und Wielands Gesichtsfarbe von Rot wieder in die Normalfarbe wechselte, sagte er sich, es muss der Herrgott gewesen sein, der ihm dieses Mädchen geschickt hatte. Wohl zu dem Zweck, um erkennen zu können, auf welchen Umwegen Frauen denken.

»Auf diesen Schachzug kann wirklich nur eine Frau kommen. Inga, Vater ist gut und schön, können wir nicht einfach sagen, ich sei dein Onkel?«

Sie schaute ihn entgeistert an. »Onkel? Das glaubt uns doch kein Mensch. Man würde erst recht denken, wir schliefen miteinander.« Und nach kurzem Zögern: »Du wirst doch nicht etwa die Absicht haben …?«

Wieland hob abwehrend die Hände. »Natürlich nicht!«

Ingas Gesicht bekam einen seltsamen Ausdruck, den er nicht recht deuten konnte. War es ein Fehler gewesen natürlich nicht zu sagen? Hatte er in ihren Augen falsch reagiert? Er suchte nach Worten, um zu relativieren und gleichzeitig Klarheit zu schaffen.

»Ich finde dich wahnsinnig attraktiv, Inga. Verstehe mich aber bitte nicht falsch. Wenn ich zwanzig Jahre jünger und nicht glücklich verheiratet wäre, dann wäre das vielleicht ein Thema. Du bist ein hübsches, attraktives Mädchen, das weißt du. Ich bin sehr gerne mit dir zusammen, und das genieße ich auch.«

Inga lächelte und hob drohend einen Finger. »Da hast du dich gerade noch mal aus der Affäre gezogen. Gut, dann will ich dir einfach mal glauben.«

»Okay, dann machen wir es so, wie du vorgeschlagen hast. Ich meine, die Tochter-Vater-Geschichte.«

»Fein, ich wusste es!« Sie klatschte in die Hände wie ein kleines Mädchen, das vom Weihnachtsmann beschenkt wird.

»Als Vater muss ich aber einiges mehr wissen von dir, denkst du nicht auch? Sag mal, Inga, wie alt bist du eigentlich? Ich darf dich das doch fragen, oder?«

»No Problem. Ich bin im Juni sechsundzwanzig geworden.«

»Hätte ich nicht gedacht, du siehst wesentlich jünger aus.«

Inga lachte. »Danke für das Kompliment. Meine Großmutter sagt, ich sei trotz meiner sechsundzwanzig eine unreife Göre. Ich glaube, sie hat damit nicht einmal unrecht.«

»Na, ganz so würde ich das nicht sehen«, sagte Wieland mit einem leichten Lächeln. »Aber erzähle ruhig weiter von dir, mich interessiert vor allem deine Kindheit.«

Inga - Garbsen 1992 / 1998

Warum müssen Mama und Papa immer nur streiten? Papa ist besonders laut, man hört ihn im ganzen Haus. Bloß gut, dass ich nicht dabei sein muss, ich halte das nämlich nicht aus. Mir tut Mama leid, denn sie kann sich nicht richtig wehren, aber helfen kann ich nicht. Ich bin mit meinen sieben Jahren einfach noch zu klein. Wenn ich könnte, dann würde ich Papa so richtig die Meinung sagen, doch das traue ich mir nicht. Ich habe Angst, dass er mich schlägt.

Ich setze mich aufs Bett und nehme Millie in den Arm. Millie kann zwar nicht sprechen, verstehen tut sie mich aber schon. Sie schaut mich klug mit ihren blauen Augen an. Ihr kann ich alle meine Geheimnisse anvertrauen. Auch das mit Mama und Papa, was mich so traurig macht. Millie weiß aber auch keinen Rat. Wir können nur zusammenhalten und nicht hinhören. Nicht hinhören ist gar nicht so leicht. Ich muss mir die Ohren zuhalten, damit das geht. Ich kann mir aber nicht dauernd die Ohren zuhalten, das strengt nämlich an.

Ich schlüpfe mit Millie unter die Bettdecke. Jetzt ist es endlich still und wir haben unsere Ruhe. So ist es schön, schön warm und kuschelig. Unter der Decke und mit Millie an der Seite fühle ich mich geborgen, fast so, als würde Mama mich in den Arm nehmen.

Mama kommt herein, zieht ein wenig die Bettdecke herunter und gibt mir einen Kuss. Das Streiten ist vorbei, endlich!

»Ingamaus«, sagt Mama. »Es tut mir ja so leid, ich sehe doch, wie du leidest. Ich verspreche dir, es wird ein Ende haben. Ich sorge dafür, dass wir unsere Ruhe bekommen.«

»Müssen wir weggehen, Mamie?«

»Nein, Ingamaus, du brauchst keine Angst zu haben. Wir müssen nicht weggehen. Dein Vater wird gehen.«

Ich bin glücklich. »Dann gibt es keinen Streit mehr?«

»So ist es und wir müssen auf niemanden mehr Rücksicht nehmen, das verspreche ich dir. Wenn du morgen früh aufwachst, ist dein Vater bereits weg. Du wirst ihn also nicht mehr sehen. Ich werde dich in Zukunft in die Schule fahren. Du musst aber versprechen, bei der Hausarbeit zu helfen. Den Beruf kann ich nicht aufgeben. Ab jetzt muss ich allein für uns sorgen. Ingamaus, mach dir aber bitte keine Sorgen, ich schaffe das schon.«

»Ich bin ja so froh, Mama! Und ich verspreche, ich helfe dir. Jeden Tag!«

Diese Nacht werde ich gut schlafen, das weiß ich schon jetzt.

Meine beste Freundin Laura versteht mich, wenn ich ihr sage, so einen Vater wie den ihren hätte ich auch gern gehabt. Der ist einfach toll! Er hat so viel Verständnis für uns, dass ich es kaum beschreiben kann. Mit ihm kann man sich richtig vernünftig unterhalten, er ist keine Spur überheblich und kehrt auch nicht den Erwachsenen heraus. Er ist sich überhaupt nicht zu fein, sich mit uns Dreizehnjährigen abzugeben. Laura liebt ihren Vater abgöttisch.

Ich wünschte, Mama würde mal so jemanden finden. Ich wäre froh, sie hätte das Glück. Leider waren alle Männer, die in unser Haus kamen, und von denen Mama hoffte, sie würden bleiben, bald wieder verschwunden. Gut, ich gebe zu, ich hab‘ es denen nicht einfach gemacht. Soll ich aber jeden x-beliebigen akzeptieren? Schließlich ist das ja auch mein Haus!

Mama ist immer noch auf der Suche. Und von meinem Vater haben wir lange nichts gehört. Müssen wir auch nicht, denn die Eltern sind schon seit Jahren geschieden. Die Alimente zahlt er auch nicht, der Schuft! Aber Mama will deswegen nichts unternehmen. Sie sagt, wir kommen auch so zurecht. Ich sehe das allerdings anders. Ansonsten kann mein Vater bleiben, wo der Pfeffer wächst. Und vielleicht findet Mama doch noch `nen Mann, mit dem ich und der mit mir zurechtkommt. Wünschen täte ich es der Mama schon. Ich bin mir sicher, eines Tages wird es jemanden geben, den auch ich akzeptieren kann. Aber es ist eben schwer, jemand zu akzeptieren, wenn man solch einen Mann kennt wie Lauras Vater.

Es ist gut, dass Großmutter da ist. Mit ihr kann ich alles bereden, so wie ich es mit Millie getan habe, als ich noch klein war. Großmutter meint, es wäre gut, wenn ich wieder einen Vater hätte. Ein Mann gehöre ins Haus. Sie ist dennoch sehr stolz auf ihre Tochter. Wie Mama es schafft, Beruf und Haushalt unter einen Hut zu bringen, unser Haus und den Garten in Schuss zu halten, das ist schon `ne tolle Leistung. Zwar helfe ich ihr fleißig, die Hauptarbeit erledigt aber sie. Außerdem bringt sie die Kosten für meinen Klavierunterricht und auch den Beitrag für den Sportverein auf. Gut, die Großeltern helfen schon mal aus, wenn das Geld knapp wird.

Wenn ich mit dem Gymnasium fertig bin, möchte ich gern studieren. Am liebsten etwas, was mit Sport zu tun hat. Seit ich vor drei Jahren im Verein mit der rhythmischen Sportgymnastik begonnen habe, kann ich mir gar nicht mehr anderes vorstellen, als später mal was in dieser Richtung zu machen. Ich würde gern mit Kindern arbeiten, vielleicht als Trainerin. Da ich in der Schule ganz gut bin, kann ich vielleicht sogar auf ein Stipendium hoffen. Bis dahin ist aber noch ganz schön viel Zeit.

Sonntag gehe ich mit Großvater fischen. Er ist zwar kein großer Redner, aber ich verstehe mich fast wortlos mit ihm. Von ihm kann ich viel Praktisches erlernen. Manchmal nehmen wir Laura mit, doch die ist nicht so für die Ausflüge in die Natur. Trotzdem verstehe ich mich mit ihr wirklich toll. Wir hängen fast jeden Tag miteinander rum. Ich finde, eine echte Freundin ist schon was wert.

Ålesund - 10. Oktober 2011

Nach dem Frühstück lief Wieland zur Rezeption und beanstandete die nicht funktionierende Mischbatterie. Man versprach ihm, sich sofort darum zu kümmern. Wenn der Mangel behoben sei, würde er so schnell wie möglich Bescheid bekommen.

Wieland hatte mit Inga verabredet, sich in einer Minute oben auf Deck 6 zu treffen. Um sich fürs Laufen fertigzumachen, suchte er schnell seine Kabine auf, zog warme Kleidung an und als letzte Haut den winddichten Anorak. Damit würde er allen Wetterunbilden trotzen.

Vor Antritt der Reise hatte Wieland den Vorsatz gefasst, jeden Tag vor dem Frühstück straffen Schrittes zehnmal Deck 6 zu umrunden, was in etwa einer Laufstrecke von 2500 Meter entsprach. Im Grunde war Wieland ein fauler Läufer. Doch er hatte geschworen, es würde keinerlei Zugeständnisse mehr an den inneren Schweinehund geben.

Für die zwei Geschosse hinauf benutzte er keinen der Lifte, was ebenfalls zu seinem Vorsatz gehörte. Er nahm die Treppe im hinteren Teil des Schiffes. Als er das Außendeck betrat, schlug ihm heftiger Wind entgegen. Vom Bug her wehte eine steife Brise und es war ziemlich frisch.

Bis zur Anlandung in Torvik um 10.15 Uhr würde es noch gut eine halbe Stunde dauern, also hatten sie genügend Zeit, um ihre Runden zu drehen. Inga traf er dort, wo die Rettungsboote hingen. Sie hatte um die Haare einen weißen Seidenschal gebunden, trug eine flauschige Jacke, schwarze Leggins und Turnschuhe. Sie sah wie eine richtige Joggerin aus.

»Es kann losgehen!«, rief Inga in den Wind hinein.

Sie liefen Runde um Runde, wobei ihnen das Laufen durch den Ausblick versüßt wurde. Sie konnten in alle Richtungen schauen, von Backbord aus auf die bewegte See und von Steuerbord auf die zerklüftete Küstenlandschaft.

Auf einer ihrer Runden zeigte Wieland hinüber zur Küste. »Inga, kein Vergleich zu den heimatlichen Waldspaziergängen, eine herrlich freie Sicht.«

»Bei uns in Niedersachsen gibt es nicht so viel Wald. Dafür kann man Radtouren durch Felder und Wiesen unternehmen. Sonntags bin ich immer irgendwo unterwegs. Magst du denn Spaziergänge nicht, Wieland?«

»Nur Waldspaziergänge nicht. Bei uns in der Dresdner Heide kenne ich jeden Baum, jeden Strauch. Und ich kenne beinahe jedes Eichhörnchen, das über die Waldwege hoppelt.«

Inga bekam einen Lachanfall und blieb abrupt stehen. So herzlich und lang andauernd hatte Wieland noch nie einen Menschen lachen sehen. Es schien überhaupt kein Ende zu nehmen und steckte derart an, dass auch er lachen musste. Die Pause kam ihm ganz gelegen. Vom schnellen Laufen war er etwas außer Atem geraten. Inga dagegen wirkte wie ein unruhiges Rennpferd kurz vor dem Start. Sie bewegte selbst im Stehen noch die Füße und trippelte unruhig auf der Stelle.

Nach der Lauferei verweilten sie ein paar Minuten mittschiffs an der Reling, um zusammen mit anderen Passagieren das Anlegemanöver im Hafen von Torvik zu verfolgen.

Die Trollfjord nahm einige wenige Paletten mit Waren an Bord, nichts, was ihr Interesse geweckt hätte. Auch hinter dem Hafen gab es kaum etwas zu sehen. Da waren ein paar Wiesen, auf denen ein paar bunt gescheckte Kühe friedlich ästen, und ein paar rote und gelbe Holzhäuser. Lediglich auf die teilweise bewaldeten Berge im Hintergrund lohnte sich der Blick. Diese thronten mächtigen Kulissen gleich über der kleinen Ortschaft.

Sie trennten sich, denn Inga wollte unbedingt noch in die Sauna. Er hatte sich für einen Rundgang durch das Schiffinnere entschieden. Sie verabredeten, sich kurz vor Ålesund wieder auf Deck 6 zu treffen.

Für den Rundgang würde ihm ein leichter Pullover genügen. Wieland entledigte sich in der Kabine somit seines Anoraks. Und weil er Durst verspürte, beschloss er, zunächst erst einmal in der Cafeteria auf Deck 5 einen Milchkaffee zu trinken. Dort angekommen, setzte er sich an einen freien Tisch, von dem aus er die vorbeidefilierenden Passagiere beobachten konnte.

Während er den Milchkaffee in kleinen Schlucken genoss, sah er sich die in sein Blickfeld kommenden Passagiere aufs Genaueste an. Seit er auf Hurtigruten-Schiffen unterwegs war, war es seine Angewohnheit, die Nationalitäten dieser Personen zu erraten. Hierfür hatte er im Laufe der Jahre einen siebten Sinn entwickelt und lag mit seinen Einschätzungen oftmals gar nicht so falsch.

Ihm fiel eine Frau auf, die sich schräg gegenüber hinsetzte. Er schätzte ihr Alter auf Mitte vierzig. Keine Norwegerin oder Engländerin, er tippte auf eine Süddeutsche. Die dunklen, halblangen Haare und die tiefbraunen Augen hätten auch einer Südeuropäerin gehören können, einer Italienerin oder Griechin. Dagegen sprachen ihre beherrschten, fast abgezirkelt wirkenden Bewegungen. Ihnen fehlte das typisch quirlige Element, das Frauen eigen ist, die aus südlichen Gefilden stammten. Ohne Zweifel, sie war attraktiv, wenn auch keine ausgesprochene Schönheit. Sie war jedoch der Typ Frau, dem man als Mann hinterherschaute. Vielleicht auch deshalb, weil sie sich in keine gängige Schublade stecken ließ.

Wieland wandte den Blick ab. Gott, er hatte schließlich nicht vor, seiner Frau untreu zu werden. Er liebte Eva nach den zwanzig Ehejahren immer noch so, als hätte er sie eben erst kennengelernt. Wieland hätte sie gern bei sich gehabt. Dem stand leider ihre Abneigung gegen die in ihren Augen unheimliche norwegische See entgegen. Als Kind beinahe in einem Feuerlöschteich ertrunken, war ihre Furcht, die sich beim Anblick jeder größeren Wasserfläche unweigerlich einstellte, bis heute geblieben. Sie war ihm zuliebe zwar ein einziges Mal auf einem Hurtigruten-Schiff mitgefahren. Leider hatte das Wetter in der ersten Woche nicht so mitgespielt, wie sie sich das vorgestellt hatte. Es war überhaupt nicht sommerlich gewesen, obwohl man als Reisebeginn Anfang Juli ausgesucht hatte. Das mäßige Wetter war ein Umstand, der Evas traumatische Ängste noch verstärkte.

Selbst in der zweiten Woche, als weiter oben im Norden sich das Wetter von der besten Seite zeigte, es keine Sonnenuntergänge mehr gab, weil die Sonne über dem Horizont stehen blieb, ehe sie langsam wieder in die Höhe stieg, änderte sich nichts an ihrem Befinden. Was ihn natürlich enttäuschte. Wegen des einzigartigen Naturschauspiels hatte er etwas anderes von ihr erwartet.

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