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SF-Abenteuer Paket Februar 2019: Fremde Erden

Alfred Bekker, Konrad Carisi, Harvey Patton, Stefan Hensch, Wilfried A. Hary, W.W.Shols, Hendrik M. Bekker, Bernd Teuber

SF-Abenteuer Paket Februar 2019: Fremde Erden

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Inhaltsverzeichnis

  • Copyright
  • SF-Abenteuer Paket Februar 2019: Fremde Erden
  • Die Ausgrabung New Yorks
  • Die Verpackungskünstler
  • Das Syndikat der Weißen Königin
  • Aron Lubor und das Rätsel von Orono
  • Auftrag im Netaris-System
  • Warnung aus dem Hyperraum
  • Flucht im Nirgendwo
  • ​Bedrohung aus dem Hyperraum
  • Das Spiel von Gewalt und Tod
  • Fallen im Nichts
  • Eroberer der Galaxis – Das Wettrennen

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

COVER LUDGER OTTEN

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



SF-Abenteuer Paket Februar 2019: Fremde Erden

Alfred Bekker, Konrad Carisi, Harvey Patton, Stefan Hensch, Wilfried A. Hary, W.W.Shols, Hendrik M. Bekker, Bernd Teuber

Dieses Buch enthält folgende Science Fiction Abenteuer:



Hendrik M. Bekker: Die Ausgrabung New Yorks

Alfred Bekker: Die Verpackungskünstler

Konrad Carisi: Das Syndikat der Weißen Königin

Harvey Patton: Aron Lubor und das Rätsel von Orono

Stefan Hensch: Auftrag im Netaris-System

W.W.Shols: Warnung aus dem Hyperrraum

Wilfried A. Hary: Flucht im Nirgendwo

Alfred Bekker: Bedrohung aus dem Hyperraum

Bernd Teuber: Das Spiel von Gewalt und Tod

Harvey Patton: Fallen im Nichts

W.A.Hary/ Hendrik M. Bekker: Eroberer der Galaxis - Das Wettrennen


Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Eigentlich klang es nach einem einfachen Auftrag. Ich, Kartek Tezal, sollte nur eine Ladung Waffen zu einer Welt bringen, die von Verbrechern beherrscht wird. Deren Aufstand, ist nicht meiner. Ich sollte sogar bezahlt werden dafür, mich dort noch ein wenig umzusehen. Wenn es doch so leicht ginge…




Die Ausgrabung New Yorks

von Hendrik M. Bekker




Der Umfang dieses Buchs entspricht 29 Taschenbuchseiten.


Kea Webla kann sein Glück kaum fassen: Er hat endlich die Aufzeichnung über die legendäre Stadt New York gefunden und bekommt eine Expedition genehmigt. Doch ist er bereit für die Geheimnisse, die er dort finden wird?


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

w ww.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Kea Webla seufzte und lehnte sich zurück. Er hatte endlich die Datei gefunden, die er wollte. Er streckte sich ein wenig. Seine Schultern fühlten sich verkrampft an nach all den Stunden der Suche. Vor sich hatte er den Reisebericht, den er benötigte. Der Historiker und Ethnologe Fit Pentau hatte lange und ausführliche Reiseberichte geschrieben und wurde damals bei der Entdeckungsreise gen Norden finanziert von der Universität der Hauptstadt Buenaire. Es hatte lange genug gedauert, den Bericht zu finden. Auf dem Schreibstich von Kea stapelten sich Unmengen von Datenspeichern. Sowohl kleine, fingernagelgroße Plastikplatinen waren dabei als auch die später modern gewordenen kleinen Kristallwürfel.

Es war gar nicht so einfach gewesen, für manche der Plastikteile noch entsprechende Lesegeräte zu bekommen. Die Expedition lag bereits ein Jahrhundert zurück und seit Erfindung der Kristallwürfel wurde jede Information auf ihnen gespeichert. Es war billiger, die Kristalle entsprechend wachsen zu lassen. Trotzdem war keine hundert Jahre später ein Großteil des alten Wissens der Wuroiden noch immer auf Medien gespeichert, die kaum noch ausgelesen werden konnten.

Wenn man bedachte, dass die Speicherchips irgendwann ihr Wissen verlieren würden ... Kea schauderte bei dem Gedanken. Es war furchtbar, wie in diesem Fall mit dem Wissen der vorherigen Generationen umgegangen wurde!

Er begann die Aufzeichnungen von Fit Pentau zu lesen.



2

Siebenter des Monats Motoraki im Jahre des Herrn 2320

Heute habe ich endlich Kapitän Tulik dazu bewegen können, dass wir uns wieder nach Westen wenden. Nach der Inselgruppe, die wir im Norden fanden, gab es eine Landzunge, doch als wir in einer geraden Linie weiter nördlich fuhren, fanden wir nichts mehr.

Also wandten wir uns erneut nach Westen. Wir fanden bald am Horizont Türme! Es waren gewaltige Türme, höher als alles, was ich aus Buenaire kannte.

Erst hofften wir, einen anderen Stamm der Wuroiden zu finden – andere Kinder Johns und Abels, wie wir es sind. Doch als wir uns den Türmen näherten, wurde es immer deutlicher: Es waren lediglich Ruinen – nicht mehr als die Zahnstümpfe eines toten Raubtiers, das sicher einmal mächtig gewesen war! Welches Volk mag einst eine solche gigantische Hauptstadt errichtet haben?

Wir landeten in einem Hafen, dessen Kaimauern noch in Grundzügen erkennbar waren. Dort legten wir an. Der schwere Rumpf des Kreuzers schrammte ein ums andere Mal über auf dem Grund liegende Trümmer. Wir schickten eine Gruppe Taucher hinunter und fanden heraus, dass Überreste von Schiffen dort unten lagen!

Man kann sich mein Erstaunen vorstellen. Es waren Stahl- und Kunststoffrümpfe darunter!



3

„Na, fündig geworden?“, fragte Rez Ugliarin, einer der wissenschaftlichen Mitarbeiter von Kea Webla. Dieser sah erschrocken von den Aufzeichnungen Fit Pentaus auf. Er lächelte zufrieden.

„Ja“, hauchte er. „Ich habe Fit Pentaus Aufzeichnungen über die Expeditionen nach Norden gefunden! Und sie belegen meinen Verdacht! Sie sind auf eine Stadt im Norden gestoßen, doch durch den Bürgerkrieg hat sich dann niemand dafür interessiert. Allerdings: Die Stadt, oder die Ruinen der Stadt, decken sich mit den bisherigen Indizien über New York. Es ist durchaus möglich, dass es sich dabei wirklich um diese Stadt handelt.“

Die Augen von Rez Ugliarin blitzten erfreut auf. „Das bedeutet, Sie haben den Beweis, den das Dekanat forderte.“

„Exakt, mein Lieber“, sagte Kea und stand auf. „Vereinbaren Sie einen Termin bei Dekanin Mitt. Ich werde bald in See stechen!“



4

Achter des Monats Motoraki im Jahre des Herrn 2320

Kapitän Tulik hat mir nach einigem Zögern gewährt, eine Expedition ins Landesinnere anzuführen. Heute Morgen bei Sonnenaufgang brachen wir auf. Mir wurden vier Männer der Mannschaft zur Sicherheit zugeteilt sowie noch meine beiden Assistenten Bellikon und Naxo. Beide sind jung und unerfahren, aber voller Tatendrang, ganz anders als der Kapitän. Ich will ihm aber keinen Vorwurf machen, denn Tulik ist in einem Alter, in dem er sich aufgrund seiner Lebenserfahrung sehr viel mehr vorstellen kann, was schiefgehen kann, als es meine Assistenten je könnten.

Ich selbst bin altersmäßig dazwischen, sodass ich beide Seiten verstehen kann. Das mag das Schicksal des Älterwerdens sein. Nur in der Mitte verstehen wir die Jungen und Alten so richtig.

Doch zur Expedition zurück: Wir haben eine zentrale Straße gefunden, ein Schild wies sie als ‚Wall Street‘ aus. Wir sind den ganzen Tag unterwegs gewesen und haben diverse Artefakte eingesammelt, vieles aber ist zu groß, um es mitzunehmen.

Dass wir beobachtet werden, ist uns seit geraumer Zeit klar.

Die Männer von Kapitän Tuliks Mannschaft sind nervös, ich hingegen freue mich. Hier verfolgt uns eindeutig jemand. Das bedeutet: Wir sind nicht allein, möglicherweise leben hier noch immer Wuroiden! Wir können von ihnen vielleicht erfahren, was mit dieser Stadt geschah.

Ich bin aufgeregt. Bisher kenne ich nur Wuroiden des Südkontinents. Ich bin, muss ich an dieser Stelle sagen, nicht sicher, ob es sinnvoll ist, wie der Kapitän von einem Süd- und einem Nordkontinent zu sprechen. Möglicherweise sind beide verbunden! Allerdings überlasse ich da das abschließende Urteil lieber einem Seemann, der mehr Erfahrung damit hat.



5

Kea Webla rief sich einen selbstfahrenden Wagen. Die Sonne ging langsam über dem Meer unter und die Schatten der Stadt wurden unendlich lang.

Vor ihm hielt ein stromlinienförmiges Fahrzeug, einer Rakete nicht unähnlich. Allerdings hatte es sechs Räder und vier Fenster. Eines davon gehörte zu einer Luke, die sich nun schwungvoll mit einem hydraulischen Zischen nach oben öffnete.

Er setzte sich hinein und sah aus den Fenstern, während der Wagen sich in den Verkehr der Stadt einfädelte. Dutzende Fahrzeuge gleicher Bauart waren erkennbar, was ihn vermuten lies das es sich um Forstbewegungsmittel des öffentlichen Verkehrs handelte.

Dann hielt der Wagen auch schon vor einem großen Gebäude, das aus der Luft wie ein Oktaeder aussah. Die Eingangsfront war opulent verziert mit schweren Säulen, auf denen Statuen berühmter Schauspieler ruhten.

Kea stieg aus und sah einen Moment zum großen Theater, bis er sich einen Ruck gab und losging. Er ging ein ganzes Stück bis zu einem Seiteneingang des Theaters. Dies hier war eine Tür für die einfachen Leute wie ihn. Der Haupteingang war nur für die Adeligen und Honoratioren der Stadt bestimmt, er musste die Tür der normalen Leute benutzen. Er zeigte seine Einladung vor, als die Wachen auf ihn zutraten, um ihn zu kontrollieren. Sie ließen ihn kommentarlos durch.

Die Dekanin hatte ihm die Einladung geschickt. Es war eine Demütigung, wie er wusste. Sie wollte sich hier mit ihm treffen, an einem Ort, der nichts weiter bedeutete, als ihre gesellschaftliche Stellung zu betonen.

Er ging eine Treppe hinauf, die mit schwerem roten Teppich belegt war, und fand schlussendlich den Weg zur Logenreihe „Rose“. Dort erwartete ihn Frau Dekanin Mitt in einem engen schwarzen Kostüm. Ihre Loge hatte zwei Plätze, allerdings war an dem freien Platz erkennbar, dass man diesen Stuhl extra dazugestellt hatte. Er passte nicht zum Interieur und war deutlich weniger dick gepolstert als ihrer.

Kea setzte sich auf ein Nicken von ihr neben sie.

„Guten Abend, Frau Dekanin“, sagte Kea. Unten auf der Bühne begann ein Mann mit dem Prolog, der zusammenfasste, was im letzten Stück geschehen war.

„Guten Abend“, antwortete die Dekanin und sah weiterhin nach unten. „Ich habe die Aufzeichnungen dieses Wissenschaftlers, die Sie mir gesendet haben, gelesen“, sagte sie. „Es ist ... interessant.“

„In der Tat“, stimmte Kea zu und empfand es als die Untertreibung des Jahrhunderts. Sollte die Stadt existieren, könnte sie den Beweis dafür liefern, dass die Wuroiden einst im Norden siedelten und dort gigantische Städte hatten. Oder aber für die abwegige, in akademischen Kreisen geteilte Idee, dass nicht nur die Wuroiden auf der Welt existierten, sondern es auch Nachfahren Abels gab. Das galt vielen Wuroiden aber als lästerliche Behauptung, denn war die ganze Geschichte nicht nur eine Erklärung ihrer Herkunft, eine Metapher? Niemand hatte sie im wortwörtlichen Sinne geschaffen, sondern sie hatten sich evolutionär entwickelt. Alles andere waren nur abwegige Behauptungen, für die es keine Beweise gab. Somit gab es auch keine Nachfahren Abels.

„Sind sie zu einem Urteil gekommen, was die Bewilligung meiner Mittel angeht?“, fragte er nun unruhig. Er konnte sehen, dass Dekanin Mitt gefiel, wie er sich wand. Sie folgte eine Weile dem Geschehen unten auf der Bühne und schwieg. Es verging einige Zeit, bis ein längerer Monolog vorbei war, der als Prolog diente. Sie fauchte wie eine Katze und Hunderte andere Theatergäste machten es ihr nach. Es war die bekannte Bekundung von Missfallen. Die meisten wollten direkt zur Handlung springen, nicht noch weiter dem Prolog lauschen. Es war ein Publikum, das das Stück kannte.

Auf der Bühne trat nun ein Adeliger auf. Der Donnerschlag, der ihn ankündigte, machte das auch dem Letzten klar. Die eigentliche Aufführung hatte begonnen.

Nun erst sah Dekanin Mitt zu Kea und musterte ihn. Innerlich fühlte er sich zum Zerreißen gespannt.

„Gut, ich bezahle dieses Unterfangen. Die Universität stellt Ihnen vierzigtausend zur Verfügung. Sehen Sie zu, dass Sie damit durchkommen. Die Archäologie hat länger schon nicht so viel bekommen. Ich kann das also vor den anderen im Rat durchdrücken. Aber das muss erst mal genügen. Ich fürchte, die Mediziner werden ihr Stück des Jultakuchens als Nächste fordern. Haben wir uns also verstanden?“

„Natürlich“, nickte Kea Webla und verneigte sich leicht im Sitzen. Er wollte sich erheben, doch sie hob gebieterisch die Hand.

„Leisten Sie mir doch Gesellschaft. Das Stück ist sehr anregend.“

Ihr Blick ruhte auf der Bühne und ihre Miene war eisern.

Kea verkniff sich ein Seufzen und blieb sitzen.



6

Der Kapitän lässt mich nun meist ohne Bewachung in die Schluchten der Stadt. Natürlich muss ich einen Sender bei mir tragen und mich regelmäßig in unserem Basislager auf dem Schiff melden. Dennoch bin ich froh um die Freiheit, die mir auf meiner Expedition dann doch endlich gewährt wird. Manche Wuroiden meinen es ja nur gut, aber das ist dann das Schlimmste. Es ist ja nicht so, dass ich den Kapitän nicht verstehe, doch wer oder was soll mich bedrohen? Ich besitze meine Pistole und kann mit ihr umgehen. Zudem sind die Wuroiden, die einst hier lebten, schon lange tot. Wir stehen in den Ruinen unserer Vorfahren! Die Tiere, die hier möglicherweise leben, werden vermutlich noch nie einen Wuroiden gesehen haben und entsprechend scheu sein.

Wenn nicht, werden ein paar Pistolenschüsse sie lehren scheu zu sein! Es ist der erste Tag meiner Expedition. Zu Beginn meiner mehrtägigen Expedition gehe ich zunächst auf einer der langen Zentralstraßen entlang. Diesmal bin ich allein unterwegs, aber ich habe auch die Straße mit dem Schild wiedergefunden. Bisher habe ich zwei befremdliche Statuen entdeckt! Eine ist eindeutig ein Bulle, das andere könnte ein Fabelwesen sein. Ich bin mir darüber nicht im Klaren, habe aber ausführliche Bilder gemacht, um sie einem Zoologen- und Botaniker-Kollegen zu schicken. Wurden diese Tiere früher von unseren Vorfahren verehrt? Das widerspricht unseren eigenen Geschichtsbüchern, doch es wäre möglich. Vielleicht sind sie aber nur Symbole für Tugenden, Erinnerungen für all jene, die einst jeden Tag an ihnen vorbeigehen mussten und damit an ein gutes Verhalten erinnert werden sollten – Symbole, die an vorbildliches Verhalten erinnern sollten.

Es mangelt mir hier einfach an Kontext.


*


Der zweite Tag der Wanderung brachte noch keine großen Neuigkeiten.

Inzwischen bin ich mir sehr sicher, dass unsere Vorfahren in dieser Stadt eindeutig einen Hang zu schachbrettmusterartigen Straßen hatten. Alles ist sehr symmetrisch und geordnet, man findet sich einigermaßen zurecht. Es wäre besser ohne die Vegetation. Seinerzeit als belebte Stadt war es sicher erfreulich übersichtlich! Jetzt wuchern Pflanzen überall: Manchmal sind es Bäume und manchmal ist man umgeben von Schildern, an denen sich Pflanzen hochgewachsen haben. Hier und dort sind ganze Häuser so vollgewuchert mit Schlingpflanzen, dass man sie für grüne Türme halten könnte. Immer wieder ist der versiegelte Boden aufgebrochen, manchmal auch regelrecht eingestürzt.

Davon könnte sich Buenaire einiges abschneiden. Diese Stadt hier ist durchaus beachtlich gewesen, jedenfalls zu ihrer Blütezeit, sehr viel größer als unser Buenaire.

Nachtrag: Heute ist etwas geschehen, das mich nicht schlafen lässt. Ich war friedlich in den Straßen unterwegs, als ich jemanden sah! Ich war ganz außer mir. Ein anderer Wuroide? Also ging ich gemessenen Schrittes auf die Person zu und winkte grüßend. Mir war klar, dass ich eine Menge Missverständnisse vermeiden kann, wenn ich mich nicht anschleiche. Leider war der Fremde nicht bereit, Kontakt aufzunehmen! Es war, sehr zu meinem Erstaunen, eine Frau! Die Wuroidin sah mich entsetzt an. Ihre Hautfarbe war etwas bronzefarbener als meine, ihre Haare waren lang und hingen in dicken verfilzten Locken um ihren Kopf herum. Ich denke aber, diese verfilzten Haare waren intentional auf diese Weise gemacht, sie wirkten nicht ungepflegt.

Obwohl sie sofort wegrannte, konnte ich erkennen, dass sie abgerissene, wahrscheinlich oft geflickte Kleidung trug. Ich bin sehr skeptisch, ob sie meine friedlichen Absichten verstanden hat. Doch ist es nicht großartig?! Ich habe hier den Beweis, dass es Wuroiden im Norden nicht nur gab, sondern einige überlebt haben! Unsere Vorfahren leben hier noch immer in den Trümmern ihrer einstigen Großartigkeit!

Ich werde morgen erneut den Platz ansteuern und sehen, ob sie wiederkommt. Vielleicht werden sie mich auch nur beobachten, denn ich gehe davon aus, dass diese Frau nicht allein ist, doch ich bin guter Dinge, dass es zum Kontakt kommen wird. Dem Kapitän sage ich besser nichts. Er würde mich nur zwingen, eine bewaffnete Eskorte mitzunehmen und ich kann mir vorstellen, wie die auftreten wird.

Naxo und Belikon sind ohne mich in eine andere Richtung unterwegs. Ich bin gespannt, was sie entdecken werden. Es ist einfach zu viel um uns, das es zu erkunden gilt, und so wenig Zeit.

Ich habe übrigens ein weiteres Schild gefunden, auf dem „Wall Street“ steht. Ich habe diese Zeichen einmal korrekt als Zeichnung hier kopiert, werde aber auch noch Kopien anfertigen, die ich den Linguisten mitbringen kann. Möglicherweise ist das der Name dieser geraden Verkehrsachse? Es mangelt mir bisher an Vergleichsmaterial dieser Sprache, um weitere Vermutungen über die Bedeutung dieser Zeichenfolge zu machen. Dennoch glaube ich, es ist eine fremde Form von Alphabet.



7

Kea Webla legte den Handcomputer mit den Aufzeichnungen Fit Pentaus zur Seite, als sich Kapitän Nikias neben ihn stellte. Sie standen an der Reling des vierundzwanzig Meter langen Schiffes DRANG. Vor ihnen lag das klar schimmernde Meer und am Horizont konnte man schwach Land erkennen. Bald würden sie die sagenhafte Stadt erreichen, von der Fit Pentau schrieb.

„Ich verstehe es nicht, Webla“, sagte der Kapitän. „Ich hab lange drüber nachgedacht.“

„Stellen Sie Ihre Frage, Kapitän. Ich will versuchen, sie Ihnen zu beantworten“, sagte Kea Webla. Er hatte sich daran gewöhnt, dass der Kapitän in regelmäßigen Abständen zu ihm kam und Fragen zur Expedition stellte. Der Mann war neugierig, was Kea Webla zweifellos gefiel. Jahre auf See hatten ihn daran gewöhnt, vorsichtig zu sein und doch allem gegenüber offen. So manchen Dingen war Kapitän Nikias begegnet, über die er anschließend selbst eine Notiz an die Universität geschickt hatte.

In der Crew munkelte man, dass der Großvater des Kapitäns im Bürgerkrieg ein bedeutender General gewesen war – leider auf der Seite der Rebellen.

„Also, Gott schuf zuerst Adam, richtig?“

„So sagen die Gelehrten“, stimmte Kea zu.

„Dann schuf er Eva, ihm zur Frau. Die hatten Kinder, unter anderem Abel. Der wiederum schuf John und von John stammt nun wiederum Wuro ab, unser aller Stammvater.“

„Das ist soweit richtig, das lernt man in der Schule.“

„Ja ja, Moment. Also von Wuro stammen wir Wuroiden ab. Das alles ist ja eine Metapher. Wir haben uns mythische Vaterfiguren erfunden, also der Vater Wuros ist John, der hat als Vater Abel und so weiter bis zu Gott. Das ist unser erfundener Stammbaum. Aber Sie sagen jetzt, er ist wahr?“

Kea Webla lachte.

„Nein, ganz und gar nicht! Ich glaube aber, da steckt mehr Wahrheit drin, als wir denken. Also, wir haben diese Vaterfiguren erfunden, weil wir nicht aus dem Nichts entstanden sein konnten. Richtig?“

„Die Schöpfung aus dem Nichts verursacht jedem Wuroiden Unbehagen, nur beim Drandenken, ja. Wir glauben alle irgendwie an Ursache und Wirkung. Also muss es immer eine Ursache, ein Davor geben. Also einen Vater.“

„Genau“, stimmte Kea zu. „Also darum diese Genealogie. Nur ist die Frage, warum ist die so lang? Warum stammen wir von John ab und nicht direkt von Gott? Ich glaube, darin liegt eine Wahrheit verborgen: Wir sind als Spezies älter, als wir glauben. Meine These ist: Die Wuroiden haben einst nicht nur wenige Städte auf dem Südkontinent bewohnt, sondern die ganze Welt bevölkert. Wir wissen, es gibt Ruinen. Zu einer großen Ruinenanlage sind wir ja unterwegs. Und das Besondere ist ...“, er hob den Handcomputer mit den Aufzeichnungen von Fit Pentau hoch, „dieser Mann schrieb einen Bericht, dass er Wuroiden in der Stadt fand! Dort lebten Wuroiden wie Sie und ich! Sie lebten primitiver und glaubten, dass sie die Kinder von Titanen gewesen sind. Na? Das könnte sein! Wir haben vielleicht einst eine größere Zivilisation gehabt, als wir denken, und durch Katastrophen ist unser Wissen verloren gegangen. Aber in dieser Genealogie, da fehlen so viele Zwischenschritte.“

Der Kapitän brummte etwas Unverständliches und sie sahen zusammen aufs Meer hinaus.

„Ich weiß nicht“, sagte Nikias dann. „Webla, ich glaube erst an diese Wuroiden in den Ruinen, wenn ich sie sehe.“

„Deshalb fahren wir ja dahin“, sagte Kea Webla begeistert. „Um die Johns zu finden, die vor Wuro waren.“



8

Heute war ich erneut an der Stelle, an der ich die einheimische Wuroidin das erste Mal gesehen habe. Ich habe den halben Tag dort verbracht und bin zugegebenermaßen irgendwann so gelangweilt gewesen, dass ich gehen wollte. Glücklicherweise tauchte genau in dem Moment eine Gruppe Wuroiden auf und hielt mich davon ab. Und dann entdeckte ich: Die Frau mit den dunklen Filzhaaren und der Bronzehaut war ebenfalls wieder dabei.

Ich stand allein auf weiter Flur, die Gruppe kam immer näher. Es waren mehrere Dutzend, alle trugen geflickte Kleidung aus Leder. Niemand schien hier die Kunst des Webens zu beherrschen. Ich spürte, wie mich Ehrfurcht und Angst ergriffen. Endlich hatte ich fremde Wuroiden gefunden! Sie aus der Ferne zu sehen und dann von Nahem war doch noch einmal etwas anderes, muss ich gestehen. Meine Aufregung war noch um ein Vielfaches größer.

Wir versuchten uns zu unterhalten. Sie sprachen leider keine mir bekannte Sprache, doch wenn man die gleiche Physis teilt, ist das nicht so schwer. Ich begann damit, auf mich zu zeigen und meinen Namen zu sprechen.

Nachdem man ein wenig probiert hatte, einander vorzustellen, hatten wir wenigstens gegenseitig unsere Namen gelernt. Ich unterhielt mich vorrangig mit der bronzehäutigen Frau. Sie hatte intelligente Augen und wirkte verständig. Eschara war ihr Name, den meinen begriff sie auch bald. Darauf stellte sie mir weitere Vertreter der Gruppe vor.

Ich muss gestehen, meine Hauptaufmerksamkeit galt nur ihr. Eschara nahm mich mit in ihr Dorf. Es ist befremdlich, inmitten solcher gewaltiger Ruinen in einem alten Stadion eine Siedlung vorzufinden. Ich vermute zumindest, dass es sich um ein Stadion handelt. Und ich hoffe, es ist in meinen Skizzen gut zu erkennen. Ich habe Bilder beigefügt, auf denen man das sehen kann, was ich für Sitzreihen halte.

Was für einen Sport unsere Vorfahren wohl ausübten? Die Wuroiden dieser Siedlung waren alle freundlich und zuvorkommend. Ich habe den Tag bei ihnen verbracht und bin abends aufgebrochen zu meinem Lager. Eschara hat mich begleitet. Ich denke, das Interesse ist beidseitiger Natur.

Morgen werde ich mit dem Kapitän reden müssen. Er würde es mir nie verzeihen, wenn ich ihm diese Informationen vorenthalte.



9

Die DRANG war ein Schiff mit einem Stahlrumpf. Es war schwer beladen mit Männern und Ausrüstung für die Expedition und dennoch hallte das Kreischen durch das ganze Schiff, als sie den Hafen der fremden Großstadt im Norden erreichten. Irgendetwas auf dem Meeresboden kratzte am Rumpf, als sie darüber fuhren – dann war es vorbei. Kapitän Nikias ordnete eine Kontrolle des Rumpfes an und sein erster Maat Albibiades stieg selbst im Taucheranzug hinunter. Riesige Schiffsskelette lagen auf dem Grund des Hafenbeckens, die sie mit dem Schiff gestreift hatten. Einst mussten viele Schiffe im Hafen gelegen haben und viele waren mit der Zeit gesunken. Die DRANG war zwar noch immer in Ordnung, dennoch kam es zum Streit zwischen Kea Webla und dem Kapitän. Schlussendlich setzte sich, wie sollte es anders sein, der Kapitän durch und befahl, die letzten hundert Meter zum Land mit den Beibooten zurückzulegen.

Er gab Kea Webla zwei Leute mit. Macholas Tulkom war ein Crewman mit Kampferfahrung und Hykkara Sofres war eine Wissenschaftlerin, die Kea selbst für dieses Projekt angefordert hatte. Sie war, seiner Meinung nach, die nächstgrößere Koryphäe in der Archäologie direkt nach ihm und hatte schon mehrere spektakuläre Ausgrabungen geleitet. Unter anderem hatte sie ihre Dissertation über die mysteriöse, ausgestorbene Stufen-Pyramiden-Zivilisation geschrieben, die es überall auf dem Kontinent nahe Buenaire gab.

Ihre These war, dass es sich um frühere Entwicklungsstufen der Wuroiden gehandelt haben musste, da die Bauten eindeutig Artefakte, also künstlich hergestellte Dinge, waren. Andere Wissenschaftler glaubten eher es handele sich um natürlich entstandene Gebilde und wieder andere vertraten die sogenannte Synthese-Position: Das es sich um frühe Bauwerke der Wuroiden handele, bei denen geologische Besonderheiten genutzt worden waren. Die Debatten um die Chronologie waren immer wieder aufs Neue entbrannt und beinahe hätte man ihr die Doktorwürde nicht verliehen.

„Aufgeregt?“, fragte sie Kea Webla, als sie sich in dem motorisierten Beiboot der DRANG dem Festland näherten. Vor ihnen ragten die gigantischen Gebäuderuinen Hunderte von Metern in den Himmel.

„Natürlich“, gab Kea unumwunden zu. „Sehen Sie sich an, was Wuroiden einst gebaut haben müssen.“

Es gab zwischen einigen dieser riesigen Gebäude Abschnitte, die durch Kanäle voneinander getrennt waren. Allerdings waren sie nicht sonderlich tief und mehrmals schrammte das Beiboot über den Grund.

„Wir sollten hier halten und einen trockenen Ort suchen für ein Lager“, entschied Macholas. „Das Boot geht uns sonst noch kaputt. Diese Kanäle sind einfach zu flach.“

„Ich glaube nicht, dass es Kanäle sind“, sagte Kea Webla und schwang sich aus dem Boot. Er trug ein sackartiges Kleidungsstück, das ihn trocken hielt. Das Wasser stand ihm bis zur Brust, doch seine Kleidung war so geschlossen, dass sie nur Hals und Kopf freiließ.

Er trat hier und dort ins brackige Wasser.

„Es ist glatter Boden“, erklärte er, mehr an Hykkara gerichtet als an Macholas. „Das scheint eine Straße zu sein.“

„Eine Straße?“, echote Macholas.

Kea nickte. „Einen Kanal hätten sie tiefer gebaut, vielleicht spitz zulaufend, damit ein Schiffsrumpf genug Platz hat, auch wenn es mal trockene Zeiten gibt. Aber dort hinten“, er deutete auf einen Abschnitt ein Stück weit hinter ihnen, „dort sind Bauten, die an eine Hafenbefestigung denken lassen. Dazwischen liegt ein Bereich, der tief genug war, um immerhin eine Weile mit der DRANG ungehindert zu fahren, also wirklich tief sein muss. Somit ist das hier verdammt flach. Außerdem sehen Sie sich die Gebäude an“, erklärte er. „Sie haben nichts, was auf Halterungen für Boote schließen lässt. Wie komme ich auf einer Wasserstraße von einem Haus zum anderen?“

„Durch Tunnel“, erwiderte Macholas.

Kea Webla lachte und nickte. Er hob entschuldigend die Hände, als ihm kein Argument darauf einfiel. „Guter Punkt. Das müssen wir prüfen, wenn wir können.“

Sie kletterten alle aus dem Boot und warfen einen Anker, damit es nicht abtrieb. Immerhin wussten sie nicht, ob andere Stellen weniger seicht waren als diese. Sie bewaffneten sich mit langen Stöcken, mit denen sie den Weg vor sich abtasteten, und machten sich auf den Weg die Straße hinunter. Die Stöcke hatten sie einfach aus dem Wasser gefischt. Sie waren schon etwas morsch, aber gut genug für ihren Zweck.

Der Weg stieg sanft an und bald waren sie aus dem Wasser heraus. Sie entschieden sich umzukehren und das Boot herzubringen. Anschließend errichteten sie ein Basislager, bei dem sie diverse Zelte aufbauten und einige Stunden damit zubrachten ihre direkte Umgebung zu erkunden. Plötzlich rief Hykkara die beiden anderen, weil sie etwas entdeckt hatte.

Kea Webla besah sich die Stelle am Boden. Vor ihnen befand sich ein kreisrundes Loch.

„Ich habe eine Platte entdeckt, unter der es hinab in ein tiefes Loch geht. Womöglich handelt es sich um ein Tunnelsystem unter der Stadt“, erklärte sie stolz. Kea nickte.

„Vielleicht Wartungstunnel“, stimmte er zu. „War er versiegelt?“

„Nein, allerdings sehr lange nicht bewegt, so wie es aussieht.“

„Ich denke nicht, dass der Kapitän es gut fände, wenn sie da hinunterklettern“, sagte Macholas nun hinter Kea. Dieser drehte sich lächelnd um.

„Raus aus meinen Gedanken!“, sagte er zwinkernd. „Aber seien wir ernst. Der Kapitän ist nicht hier. Ich will mir das einmal ansehen.“

„Wenn es einstürzt ...“, setzte Macholas an, doch Hykkara unterbrach ihn. „Ich gehe!“

Beide sahen sie an.

Sie zuckte die Schultern.

„Macholas hat recht, Webla. Sie sind hier aus anderen Gründen und Sie sind wichtiger. Sie wollen hier Wuroiden finden. Ich bin zudem etwas kleiner, was wichtig sein kann dort unten. Es sind immerhin Tunnel. Also werde ich gehen.“

Kea Webla sah einige Zeit von ihr zu Macholas und in das Loch hinab. Dann nickte er.

„Gut, aber vorher rüsten wir Sie aus.“

Sie eilten die wenigen Schritte zum Lager zurück und versorgten Hykkara mit einer starken Lampe und einem fluoreszierenden Stift. Somit konnte sie an Abzweigungen markieren, woher sie gekommen war. Zudem gaben sie ihr ein breites Messer mit, für den Fall, dass die Tunnel nicht gänzlich leer waren und sich gefährliche Tiere dort eingenistet hatten.

Sie gingen zurück zu der Öffnung im Boden und sahen der Wuroidin dabei zu, wie sie hinabkletterte.

Es gab Sprossen aus rostigem Metall an der Wand der Röhre, was vermuten ließ, dass die Tunnel häufig frequentiert worden waren, als man sie errichtete. Sonst hätte man nicht extra Eisensprossen mit eingebaut, um schnell herauf und herunter zu kommen.

Kea Webla und Macholas verbrachten den Tag abwechselnd damit, die Umgebung etwas zu erkunden, während der jeweils andere am Tunneleingang wartete. Es dauerte mehrere Stunden, bis Hykkara endlich wieder heraufgeklettert kam.

„Was haben Sie entdeckt?“, fragte Kea sofort, als er ihr heraufhalf. Macholas war noch nicht zurück. Er musste aber bald kommen.

„Es ist ein Labyrinth aus Gängen unterschiedlicher Epochen. Manche sind gut begehbar, andere eindeutig nicht dazu gedacht hindurchzugehen. Viele stehen unter Wasser. Der genaue Zweck dieses Tunnelsystem ist mir nicht ganz klar. Ich fand einige Räume, in denen eindeutig jemand gewohnt hat, auch wenn die Insassen schon lange verwest sind. Die Todesursache war nicht klar, manche sind aber eindeutig durch Trümmer eingeschlossen gewesen.“

„Sie haben Wuroiden dort unten entdeckt?“

„Ja, der Anatomie nach schon ...“

„Aber?“

„Ihre Knochen sind aus fremdartigen Kalziumverbindungen, sehr … schwach. Sie waren morsch wie altes Holz“, erklärte Hykkara. Sie hob einen Probenbehälter aus der Umhängetasche, die sie bei sich trug. „Ich hoffe sehr, dass eine Analyse etwas bringt. Möglicherweise hat sich unsere Knochenzusammensetzung massiv geändert in den letzten Jahrtausenden. Das wäre … man müsste einige Grundlagenbücher neu schreiben.“

„Nun, evolutionär wäre das denkbar. Es kann auch durch Umweltfaktoren und Nahrung herbeigeführt worden sein“, überlegte Kea. „Noch etwas?“

„Ich habe in einem Raum die Toten sehr ausführlich untersucht, da sie gut konserviert waren. Ich glaube, sie wurden vom Tod überrascht. Der Raum war durch Geröll verschlossen. Sie wurden darin eingesperrt durch ein Unglück und starben dort drin. Somit bot sich mir eine gewissermaßen konservierte Situation. Sie alle trugen das hier bei sich“, sagte sie und holte ein kleines flaches Plättchen aus ihrer Tasche. Kea nahm es in die Hand. Die Vorderseite fühlte sich wie Glas an, die Hinterseite wie Kunststoff. Es war nicht schwer, groß wie eine Handfläche und man konnte mit dem Daumen fast jeden Punkt auf der Platte erreichen.

Zeichen waren darauf. Sie erinnerten ihn an die Schrift der Straßenschilder. Möglicherweise war es aber auch eine zufällige Ähnlichkeit.

„Was ist das?“

„Ich kann es nicht sagen. Es könnte zu religiösen Zwecken getragen worden sein. Jeder hatte eines, aber nicht alle haben dieselben Zeichen. Manche sind größer als eine Handfläche, manche kleiner.“

„Vielleicht gehörten sie zu einem ausgeklügelten Hierarchiesystem?“

„Auch das kann sein“, stimmte Hykkara zu. Sie sah an sich herunter. „Ich sehe zu, dass ich zum Wasser komme und ein wenig von dem hier abwasche.“

Sie zeigte auf ihre schlammbeschmierte Kleidung

„Gut, kommen Sie danach ins Lager. Macholas wird sicher auch wissen wollen, was Sie entdeckt haben.“

Sie nickte und begab sich zum Kanal.




10

Es ist mir heute Morgen erst aufgefallen: Gestern war es genau ein Jahr, seit ich hier in der Stadt bin. Eschara hat nicht ganz verstanden, wieso mich dies zum Nachdenken brachte. Ich bin nicht sicher, ob es an meiner Unfähigkeit liegt, ihr es korrekt zu übersetzen, oder ob es daran liegt, dass ihr Stamm nicht derartig über Zeit nachdenkt. Sie sehen Zeit nicht als etwas Lineares, sondern etwas Zyklisches, eine ewige Wiederholung. Entsprechend trifft Eschara es sehr, dass es uns einfach nicht gelingen will, ein Kind zu zeugen.

Es begann ja schon mit dem Gerede über Nachwuchs, wie ich auch aufgeschrieben habe, als wir vor einem halben Jahr ihre Mutter beerdigt haben. Ihr Friedhof ist eine faszinierende Sache: Ein großes, mehrstöckiges Gebäude, das wie aufgeschichtete Plattformen aus Beton wirkt und in das man eine Menge Erde gebracht hat. Möglicherweise handelte es sich um eine Art Parkgebäude? Nur, was hat man dort gelagert, hat es doch keine Fenster und nur Gitter? Die wirken aber eher so, als wolle man verhindern, dass sich jemand hinausstürzt, nicht aber, als sollten sie jemanden abhalten.

Seit dem Tod der Mutter wünscht sie sich, der Gemeinschaft ein Individuum hinzuzufügen.

Relofin, der Gott ihres Stammes der Hanno, ist uns ihrer Meinung nach nicht gewogen. Ich habe ihr versucht zu erklären, dass bei den Wuroiden im Süden die Zeugung mittels einer Maschine funktioniert, in der das Kind heranwächst. Sie behauptet, sie haben hier keine Balkoaten, in denen Nachkommen heranwachsen. Und sie behauptet weiter, die Zeugung in ihrer Gemeinschaft verlaufe anders und das Kind würde in ihr wachsen. Wie sehr wir uns doch wohl von unseren Vorfahren weg entwickelt haben müssen? Leider ist Kelson, der Biologe, nicht mehr hier. Ich würde das gerne näher mit ihm besprechen.

Es gibt Berichte aus der Heimat von Unruhen. Ein Bürgerkrieg naht in Buenaire, heißt es.

Das Schiff ist immer wieder nach Buenaire gefahren und hat uns mit Vorräten beliefert, so sind wir auch zu neuen Informationen über die Heimat gekommen.

Ich weiß noch nicht so recht, was ich von den Meldungen halten soll.




11

Kea schulterte seine Tasche. Hykkara und Macholas hatten ebenfalls ihr Marschgepäck auf dem Rücken.

Sie ließen ihr Lager zurück und machten sich zu einer Expedition ins Innere der Ruinen auf. Sie hatten in den letzten Tagen immer wieder kleinere Ausflüge unternommen und nun hatte ihnen Kapitän Nikias von der DRANG gewährt, endlich eine Expedition ins Zentrum zu starten. Sie würden mehrere Wochen unterwegs sein. Nikias war nach den letzten Tagen inzwischen ebenso wie Macholas der Meinung, das Risiko sei vertretbar. Kea und Hykkara hatten zwar diverse Indizien für frühere Wuroidenpopulationen gefunden, doch keine lebendigen.

Was auch immer aus dem Stamm Escharas geworden war, dachte Kea, sie sind nicht mehr hier. Möglicherweise waren sie auch weitergezogen zu neuen Jagdgebieten.

Kea und seine Begleiter marschierten zwischen den gewaltigen Stahl- und Betonkonstruktionen hindurch. Macholas hatte ihnen inzwischen erlaubt, in der Mitte der Wege zu gehen. Anfangs war er skeptisch gewesen, da er Angst gehabt hatte, dadurch für einen Fernangriff angreifbar zu sein. Da sich allerdings inzwischen weder Flora noch Fauna als besonders gefährlich herausgestellt hatten, hatte er diese Regel gelockert.

Sie marschierten immer weiter. Hykkara blickte sehr nachdenklich drein, sodass sich Kea irgendwann genötigt sah, mit ihr unter vier Augen zu sprechen. Er nickte Macholas zu, der vorging, und blieb mit Hykkara etwas zurück.

„Was ist los?“, fragte er. Sie hatten mit der Genehmigung des Kapitäns ebenfalls einige Nachrichten aus der Heimat bekommen. Es hatte sporadischen Funkverkehr gegeben.

Hykkara straffte sich und sah stur geradeaus.

„Nichts,“ antwortete sie ein wenig abweisend.

„Du lügst und das, was dich beschäftigt, lenkt dich ab. Wenn du nicht reden willst, bitte, aber wir sind hier aufeinander angewiesen. Also entscheide dich, sorge dafür, dass es dich nicht ablenkt.“ Er war unbeabsichtigt in die vertrauliche Form gewechselt.

Sie sah ihn kurz an und nickte dann. „Mir wurde mitgeteilt, dass mein Kind … die Geburt nicht geschafft hat. Es ist an einem Versagen des Kreislaufsystems gestorben. Die Balkoaten-Maschine wurde wohl nicht korrekt gewartet.“

Kea seufzte. „Das tut mir leid“, sagte er und meinte es auch so. Er selbst hatte keine Kinder, dennoch verstand er den Verlust. Es würde vielleicht Monate dauern, bevor Hykkara erneut die Genehmigung bekommen würde.

„Schon gut“, sagte sie und runzelte auf einmal die Stirn. Sie blieb abrupt stehen und sah in eine Seitenstraße. Die Gebäude hier waren niedriger, oft nur zehn Stockwerke hoch, und ebenfalls ein wildes Durcheinander von Stilepochen sowie Außenmaterialien.

„Sieh mal“, sagte sie. Sie wirkte nachdenklich.

Kea Webla hielt ebenfalls inne und als sein Blick die Seitenstraße entlangwanderte, begriff er, was sie irritierte.

Dort, an einem hallenartigen Gebäude, prangte ein Symbol, das sie alle nur zu gut kannten: Es war eines ihrer ältesten Schriftzeichen, es bedeutete nicht weniger als Wuroide. Es bezeichnete sie als Spezies.

„Daneben sind drei Zeichen“, stellte Kea fest. „Wenn wir die nur entziffern könnten. Meinst du, es ist ein Zufall?“

Sie schüttelte den Kopf. „Kaum, oder?“

Kea nickte. „Es ist ... es ist eindeutig unser Symbol. Doch warum?“ Er wandte sich etwas zur Seite. „Hey, Macholas, komm her. Wir gehen dort entlang.“

Als dieser zu ihnen aufschloss, hielt auch er kurz inne. „Ist das etwa ...?“, fragte er und Kea nickte.

„Ja, es ist unser Zeichen. Bisher gab es solche Gemeinsamkeiten zwischen den alten Zeichensätzen dieser Wuroiden hier und unseren immer wieder, aber weder in den Aufzeichnungen noch bei unseren Streifzügen war das Zeichen für Wuroiden irgendwo angebracht.“

Kea merkte, wie er seinen Schritt immer weiter beschleunigte. Er spürte es ganz deutlich: Hier war eine große Entdeckung, direkt vor ihm!


*


Das Gebäude besaß eine breite Fensterfront im unteren Geschoss. Dutzende Fenster hatten Sprünge und waren undurchsichtig geworden durch Verschmutzung. Hier und dort konnten sie einen Blick ins Innere werfen.

Es war kein eindeutiger Eingang auszumachen, doch eines der Schaufenster hatte einen Spalt in der Mitte. Mit einiger Gewalt schafften sie es, an dieser Stelle die Scheiben auseinanderzubewegen. Der ursprüngliche Öffnungsmechanismus war vermutlich schon vor langer Zeit kaputtgegangen. Dennoch hielten die meisten der Scheiben, was auf ein besonderes Sicherheitsglas schließen ließ.

Probehalber versuchte Hykkara eine der Scheiben zu zerstören, um Proben mitzunehmen, doch das erwies sich als zu kompliziert für reine Gewaltanwendung. Sie hatten dafür einfach nicht das richtige Werkzeug dabei.

Im Inneren fanden sie weite Räumlichkeiten vor, die verlassen dalagen. Immer wieder gab es Podeste und kleine Bühnen.

„Möglicherweise wurde hier etwas aufgeführt“, stellte Kea fest und Hykkara unterbrach seine Gedankengänge. Sie war weiter vorgedrungen in das Gebäude.

„Kommt mal her“, rief sie.

Macholas und Kea traten zu ihr. Hinter den Räumlichkeiten mit lauter Bühnen, die sicherlich dem Verkauf dienten oder Aufführungen, lagen andere Räume. Dies waren eher Produktionsanlagen, mechanische Arme hingen in der Luft und Behältnisse, Tanks und Bottiche ruhten hier seit Langem. Es roch moderig in diesem fensterlosen Raum von etwa hundert Schritten Länge und einigen Dutzend Breite.

„Ist das ein Balkoat?“, fragte Hykkara erstaunt. Kea kletterte eine Leiter hinauf und besah sich die Maschine. Tatsächlich war das Gerät ähnlich aufgebaut. Er öffnete eine große Luke und besah sich das Innere.

Er konnte einige Dinge wiedererkennen, auch wenn die Brutmaschinen, die man für das Zeugen des Nachwuchses brauchte, nicht sein Fachgebiet waren.

Hatte Fit Pentau nicht geschrieben, dass die Eingeborene Eschara und er keine Kinder zeugen konnten, dass Escharas Volk die Kinder im Körper austrug, nicht im Balkoaten?

Sein Gedanken kreisten, während er sich die Maschine besah. Er ging weiter zu einer anderen Maschine und entdeckte eine Art Drucker für dreidimensionale Objekte, der Knochen anfertigte. Zumindest lagen Dutzende darin, bereit, in einem weiteren Arbeitsschritt in den Balkoat gepackt zu werden.

„Wie ist die Zusammensetzung dieser Knochen?“, fragte er Hykkara. Sie trat heran und holte ein kleines Messgerät heraus.

„Eher unseren Knochen entsprechend. Metallgehalt und Härtegrad sind sogar höher.“

Kea betrachtete die einzelnen Komponenten vor sich und begann mit Hykkara die Anlage systematisch zu untersuchen.

Stunde um Stunde verging und sein anfänglicher Verdacht erhärtete sich immer mehr. Als sie es schließlich schafften, im Vorraum einige Maschinen durch einen tragbaren Generator mit Strom zu versorgen, begannen Dutzende Bildschirme zum Leben zu erwachen und Bilder abzuspielen, die Keas Weltbild umstürzten ...



12

Noch immer denke ich an Eschara, ihr dunkles Haar und ihre bronzene Haut verfolgen mich in meinen Träume. Ob unsere Liebe die Trennung überstehen wird? Ich bin froh, dass sie es nicht über sich bringen konnte, den Stamm zu verlassen, um mich auf der Fahrt in die Heimat zu begleiten. So fremd wäre ihr hier alles. Zudem ist ein Bürgerkrieg nicht unwahrscheinlich. Es wird gemunkelt, dass sich Gruppen bewaffnet haben. Tulzo, ein Astronom der Universität, hat mir mal gesagt, dass Helligkeit des Lichts in der Entfernung von einem Objekt im Quadrat abnimmt. Ich hoffe sehr, dass es mit der Liebe nicht genauso ist. Es lastet schwer auf Eschara, dass ihr Gott Relofin einer Zeugung von uns beiden so nicht zugestimmt zu haben scheint. Ich bin noch immer unsicher, wenn sie davon redet, dass sie das Kind in sich austragen würde. Dass sie dafür keinerlei Maschine haben ... Ist es ein Makel unsererseits oder eine Rückentwicklung ihrerseits? Einen Biologen müsste man zur Hand haben!

Ich habe sie inzwischen lange genug beobachtet und glaube nicht, dass wir mit ihnen verwandt sind. Sie scheinen eher Verwandtschaft zu den Affen zu haben ...

Ich denke, ich werde eine Menge Interessantes zu berichten haben, wenn ich mir meine Aufzeichnungen so ansehe!



Anmerkung des Editors der Aufzeichnungen Fit Pentaus. Fit Pentau wurde wenige Stunden nach diesem letzten Eintrag in einer Schießerei, mit der der Bürgerkrieg begann, im Kreuzfeuer getötet. Seine Aufzeichnungen wurden posthum veröffentlicht, seine Interpunktion beibehalten und nicht geglättet. Es wurde aufgrund des Bürgerkrieges bis heute keine weitere Expedition in den Norden unternommen.



13

Kea Webla stand an der Reling neben Hykkara und sah auf die Wellen hinaus. Das offene Meer vor ihnen war in Aufruhr und er empfand es als passend. Sein Innerstes war ebenso in Aufruhr.

„Der Kapitän fragte heute wieder nach unseren Geheimnissen“, sagte Hykkara neben ihm. „Er will wissen, warum die DRANG so schnell aufbrechen musste mit derartig vielen Proben an Bord.“

„Macholas hat er schon ausgequetscht, der hat es aber nicht begriffen“, erwiderte Kea und sah weiter geradeaus. „Nicht so wie wir.“

Sie nickte. „Es ist ... ungeheuerlich.“

„Das ist es“, stimmte er zu. Die ersten Sterne gingen am Himmel auf und ihr Funkeln durchbrach die Wolkendecke.

„Du weißt, dass das Sternenlicht lange zu uns braucht, nicht wahr?“

„Sicher“, nickte sie.

„Wir sehen im Sternenhimmel nicht mehr als eine alte Aufnahme, ein Bild der Vergangenheit. Das haben wir in dieser Stadt auch gesehen ... Es ist ...“ Er stockte. „Es wird Krieg geben, glaube ich.“

„Wieso?“, fragte sie erstaunt.

„Bedenke doch einmal, Hykkara: Wir haben dort Beweise gefunden, dass dort Wuroiden gebaut wurden. Wir sind nicht, wie die Lehrmeinung sagt, das Ende einer langen Evolution und diese Ruinen unsere alte Zivilisation. Wir sind Diener! Wir sind zusammengebaute Sklaven von diesen Affenartigen, die Fit Pentau schon kennengelernt hat. Sie sind die wahren Erbauer jener Stadt und vermutlich auch von uns. Ich habe keine Ahnung, was zu ihrem Untergang führte und zu unserem Aufstieg, aber ... Wir sind nicht mehr als ehemalige Dienergeschöpfe, künstlich geschaffene Helfer, die schon so lange allein sind, dass sie glauben, dass sie einmal die Ruinen bevölkert haben. Aber das haben wir nicht!“

Er seufzte.

Deswegen hatte Fit Pentaus auch keine Nachkommen zeugen können mit Eschara, war ihm inzwischen klar. Sie war ein Säugetier gewesen, kein Wuroide.

„Du hast die ... Bilder gesehen“, sagte er. „Das war Werbung, sie haben unseresgleichen gebaut, verkauft und vorgeführt, als Produkt.“ Er lachte freudlos. „Was glaubst du, wird passieren, wenn wir das zu Hause erzählen? Wer will hören, dass wir nicht die Krone der Evolution sind, sondern nur gutes Werkzeug, das man sich selbst überließ und das sich dann einredete, etwas Besonderes zu sein. Womöglich ... schufen sie uns nach ihrem Ebenbild. Wir sind nicht mehr als Kopien.“

Sie legte ihm die Hand auf die Schulter. „Willst du dieses Geheimnis etwa für dich behalten?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich kann und werde es nicht hüten. Ich bin der Wahrheit verpflichtet. Doch mir graut vor der Zukunft. Sie ist ungewiss.“

„Das ist sie doch immer“, erwiderte sie.


ENDE

Die Verpackungskünstler

Alfred Bekker


Es schien keine Spezies im Universum zu geben, für die das Austauschen von Geschenken eine so hohe Bedeutung hatte, wie für die kleinen pelzigen Wesen vom Sirius. Das kunstvolle Verpacken gegenseitiger Gaben war von ihnen nicht nur handwerklich perfektioniert worden, es regelte auch das soziale Leben, war Grundlage ihrer Religion (denn sie glaubten an den Großen Schenker jenseits der Sterne) und der Politik. Mindestens ein Viertel ihrer Wachzeit verbrachten die kleinen pelzigen Wesen daher damit, Geschenke zu verpacken und bei den verschiedensten Gelegenheiten zu verteilen. Selbst kleinste Reisen auf ihrem Heimatplaneten wurden daher zu aufwendigen Unternehmungen - um so mehr galt das für ihre Expeditionen in die Galaxis.

Selbstverständlich machten sie sich durch ihre

Angewohnheit, zu schenken, überall beliebt. Daß dieser Brauch auf den Planeten, die sie besuchten zumeist unbekannt war und sie keine Gegengeschenke bekamen, machte ihnen nichts aus. Im Gegenteil. Es erleichterte sie, denn die größte Schande, die ihre Kultur kannte, war es, kein gleichwertiges Geschenk anbieten zu können

*

Es war eine lange Reise gewesen, selbst für die kleinen pelzigen Wesen vom Sirius.

"Wir haben jetzt das Orbit des Planeten erreicht", meldete der Steuermann des Raumschiffs dem Kommandanten und dieser wackelte voller Erwartung mit seinen langen, lederigen Ohren.

"Wieder einmal stehen wir davor, mit einer fremden Zivilisation Kontakt aufzunehmen", sagte der kleine pelzige Kommandant fast feierlich.

Vor ihnen auf dem Bildschirm der Hauptbrücke war der dritte Planet dieses Sonnensystems zu sehen. Er schimmerte blau, da der größte Teil seiner Oberfläche von Ozeanen bedeckt wurde.

"Wir haben es zweifellos mit einer äußerst hochstehenden Kultur zu tun und sollten uns nicht davon blenden lassen, daß diese Wesen den interstellaren Raumflug noch nicht

beherrschen", erklärte indessen ein anderes der kleinen pelzigen Wesen, seines Zeichens der wissenschaftliche Leiter der Expedition. "Das sieht man schon daran, welche Rolle Geschenke und deren Verpackung unter den Eingeborenen spielt!" erläuterte das kleine pelzige Wesen dann weiter.

"Aus der Aufzeichnung unserer Sensoren haben wir viel über diese Wesen erfahren. So feiern sie jedes Jahr mehrere Feste, bei denen zuvor liebevoll verpackte Geschenke ausgetauscht werden. Manche dieser Feste haben möglicherweise sogar religiösen Hintergrund!"

Einige der kleinen pelzigen Wesen piepsten vor Erstaunen.

"Kein Zweifel", sagte der Steuermann. "Dann muß zwischen ihnen und uns eine Art Wertegemeinschaft bestehen. Ein kultureller Konsens..."

"Es kommen gerade neue Daten herein...", rief der wissenschaftliche Leiter erregt und sah auf seine Anzeigen und Bildschirme. Seine langen lederigen Ohren wurden ganz still dabei. Fast andächtig und auch mit etwas Furcht in der Stimme sagte er dann: "Es gibt keinen Zweifel, sie haben uns erwartet..."

*

"Und det soll nun Kunst sein!" meinte der Taxifahrer, während er einen Blick auf den Berliner Reichstag warf. Er schüttelte den Kopf. "Ein ganzes Gebäude mit Folie einwickeln - sowas hab ik noch nich gesehen! Sieht aus wie mein Butterbrot - nur viel größer..."

"Es ist die künstlerische Aktion des Jahres - vielleicht des Jahrhunderts", erwiderte sein Fahrgast, der vermutlich so wie Millionen anderer Besucher - extra nach Berlin gekommen waren, um zu sehen, wie das Reichstagsgebäude verhüllt wurde. Verhüllt - und nicht verpackt - darauf

bestand der Künstler, auch wenn dieser feine Unterschied von den Meisten schlicht ignoriert wurde "Davon wird man noch in hundert oder zweihundert Jahren reden!" war der Fahrgast überzeugt.

Der Taxifahrer war da etwas skeptischer.

"Ik wees nich so recht, was das soll. Wenn jetzt ein Weihnachtsbaum danebenstünde, dann wäre der Fall schon

klarer."

Sein Fahrgast fand das nicht sehr witzig.

"Ein Weihnachtsgeschenk ist das ja nun auch nicht..."

"Nee", lachte der Taxifahrer. "Man weiß ja auch schon, was drin ist. Außerdem - stellen Sie sich det mal vor! Jemand würde mit einem riesigen Kran kommen und das ganze eingepackte Ding einfach mitnehmen..."

*

"Wir werden umkehren müssen", sagte der Kommandant des Raumschiffes der kleinen pelzigen Wesen vom Sirius resigniert, als er das beeindruckende Bild auf dem Hauptschirm sah. Ein solches Geschenk hatte selbst er noch nicht gesehen. Diese zweibeinigen Wesen hatten ein geradezu riesenhaftes und zweifellos sicher sehr bedeutendes Gebäude verpackt, was aller Logik nach nur bedeuten konnte, daß man es den Besuchern aus dem All zum Geschenk machen wollte.

"Aber wir könnten ihnen mehr als gleichwertige Dinge schenken!" meinte der Steuermann.

"Mag sein - aber wie sollen wir ihr Geschenk mitnehmen? Es hat die tausendfache Größe unseres Raumschiffes. Wir werden noch Jahre brauchen, bis wir dazu technisch in der Lage wären." Es herrschte betretenes Schweigen auf der Brücke. Die Schande, ein Geschenk nicht angemessen erwidern zu können, wäre schon groß gewesen, aber die größte Schande, ja geradezu eine Verletzung jeglicher moralischer Normen wäre es gewesen, ein Geschenk nicht anzunehmen. Es wäre einer Kriegserklärung gleichgekommen.

"Wir werden erst Kontakt mit diesen Wesen aufnehmen, wenn wir in der Lage sind, ihre Geschenke anzunehmen", erklärte tief bewegt der Kommandant und gab den Befehl, das Sonnensystem zu verlassen.(C) ALFRED BEKKER

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