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SECHS

Niels Gerhardt

SECHS


Ein Thriller-Highlight "Sechs" ist ein Thriller mit Mystik-, Sci-Fi- und Horrorelementen, ein echter Pageturner und das Erstlingswerk von Niels Gerhardt. Der Autor hat sich da eine wirklich hervorragende Story ausgedacht und es immer wieder geschafft, mich zu überraschen. Ab und an passt meiner Meinung nach die Wortwahl in den Gesprächen nicht so ganz, aber das fällt nicht wirklich ins Gewicht. Zimperlich sollte man nicht sein, es wird schon das eine oder andere blutige Detail beschrieben. Und das Ende? Unglaublich gut. Ich mag ja Storys abseits des Mainstreams. Wer wirklich einmal wieder eine richtig guten Thriller mit jeder Menge falscher Fährten und spannender Wendungen lesen möchte, der muss hier zugreifen. Ich bin ganz sicher, von Niels Gerhardt werden wir in Zukunft noch mehr lesen. Und darauf freue ich mich. Fazit: Ungewöhnlich, brutal, ein tolles Debut. Unbedingte Leseempfehlung! Claudia Junger | Krimi & Co.


BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

SECHS


Niels Gerhardt

SECHS

Zum Buch

Das Leben, wie Frank Brenner es kennt, endet jäh vor einer Motorhaube. Seitdem ist er in den schwärzesten Abgründen gefangen. Er weiß nicht, wo er ist und er weiß nicht, was er ist. Das Schlimmste aber sind diese Zahlen, die unablässig in seinen Geist strömen. Bald aber ahnt er: Hier unten ist er nicht alleine. Während Frank seinen Kampf gegen die Dunkelheit führt, tobt draußen ein ganz anderer: Der von Melanie gegen sich selbst und ihre Angst, um das Leben und die Liebe ihres Mannes Frank. Doch das ist erst der Anfang. Der wichtigste Kampf, der um das Leben ihrer Kinder, steht ihr noch bevor. Und der Gegner ist tödlich, zieht eine blutige Spur durch die Stadt bevor sich ihrer aller Schicksale schließlich miteinander verweben. Stimmen

Stimmen

„Ein spannender Psycho-Krimi, der mit der Angst der Leser spielt.“ SAT 1/Peter Hetzel


„Wer wirklich einmal wieder einen richtig guten Thriller mit jeder Menge falscher Fährten und spannender Wendungen lesen möchte, der muss hier zugreifen Fazit: ungewöhnlich, brutal Debüt. Unbedingte Leseempfehlung!“ Krimi Co


„Wenn jemand zu Tode kommt, dann geht es vorab auch ordentlich zur Sache.“ Nie Ohne Buch


Über den Autor

Niels Gerhardt, geboren 1969, lebt und arbeitet in Darmstadt. Mit SECHS hat er seinen ersten Roman geschaffen, der prompt zu einem Beststeller wurde.

Copyright

Copyright © 2012 (6.1) by Niels Gerhardt

Umschlagfoto Gestaltung © 2012 by Niels Gerhardt

Lektorat/Korrektorat: Ina Bohse, Hamburg

Alle Rechte vorbehalten.

 

Widmung

Für euch: Marie, Jana, Maik - meine Kinder.

Und für Dich: Roglit - Ahuvati sheli.

With arms wide open.

 

-1-

Als Frank Brenner den Tag des 21. Dezember 2009 begann, wusste er noch nicht, dass seine Stunden in diesem Leben gezählt waren. Später fragte er sich oft, was wohl gewesen wäre, wenn er seine Frau nur eine Sekunde länger im Arm gehalten, damit eine Sekunde später das Haus verlassen hätte oder einfach nur einen Schritt weniger, mehr, schneller oder langsamer gegangen wäre? Dann hätte er nicht in diese tiefe Dunkelheit abtauchen müssen und auch ganz bestimmt weiterhin friedlich in dem Glauben existiert, dass es keine Geister gibt.

Aber es gab sie.

 

-2-

„Verdammt“, Frank blickte gehetzt auf seine Armbanduhr, „ich bin spät dran.“ Es war fast sechs Uhr. Um neun sollte er einen Kurs halten. Er wollte vor Kursbeginn noch einmal durchgehen, was es die nächsten Tage zu vermitteln galt und, wichtiger noch, das Material prüfen, das er für die Schulung benötigte. Nichts war unangenehmer, als vor den Teilnehmern zu stehen und Gerätschaften vorzufinden, die nicht funktionierten.

Währenddessen er auf der Flur-Treppe saß und sich eilig die Schuhe band, brühte Melanie Kaffee auf.

„Einen schaffst du noch?“, kam es aus der Küche. Der zweite Schuh war an der Reihe.

„Aber viel Milch ...“, rief Frank zurück.

„He, ich mache das nun schon seit fast siebzehn Jahren.“

Ganz gute Jahre, dachte er, als er den Knoten festzog. Vor allem vor dem Hintergrund einer Zeit, in der es Usus schien, den anderen als seinen „Lebensabschnittspartner“ vorzustellen.

Frank gesellte sich jetzt zu seiner Frau und kaute eilig auf dem Brötchen herum, das sie ihm hingeschoben hatte.

„Und? Welchen Kurs gibst du?“, fragte Melanie.

„SIP.“ Es klang wie „Schipp“.

Melanie schlang die Arme um seinen Hals, legte den Kopf in den Nacken und lächelte zu ihm hoch.

„Damit kann ich so viel anfangen, wie Pamela Anderson mit einem Buch.“

Frank umfasste ihre Taille und zog sie zu sich heran. Er grinste.

„Okay, Pam, ich erkläre es dir.“

Melanie blickte ihn scharf an.

„Das ist ein Signalisierungsprotokoll. Damit kann man zum Beispiel telefonieren.“

Sie legte die Stirn in Falten.

„Klingt langweilig.“

War es das? Vielleicht. Manchmal. Ohne Zweifel würde er es vorziehen, über Belletristik zu referieren - vorzugsweise über seine eigenen Werke. Als technischer Trainer, der etwas über Protokolle schrieb und erzählte, hatte er weniger künstlerische Freiheiten. Aber er konnte die Miete bezahlen. Als Germanist, der er eigentlich war, würde er sich nur von einem erfolglosen Roman zum anderen hangeln. Da war er sich sicher. Vielleicht, und damit rettete er sich über die Zeit, könnte er eines Tages wenigstens einmal das Wagnis eingehen, einen Roman zu schreiben. Nebenbei. Und bei „Nebenbei“ und „Einmal“ würde es auch bleiben. Da machte er sich keine Illusionen.

„Die Leute bezahlen Geld dafür“, widersprach Frank mit gespielter Empörung.

„Aber ganz bestimmt nur, weil du es ihnen erzählst.“

„Klar, vor allem die Damen.“ Frank zwinkerte ihr zu.

Zur Antwort boxte sie ihm auf die Brust – ebenfalls mit gespielter Empörung, denn Sorgen machte sie sich nicht. Melanie war sich seiner sicher. Auch dann, wenn er, so wie jetzt, dieses Lächeln aufsetzte. Und er lächelte viel. Auch im Kurs. Das wusste sie.

Kinderfüße trippelten die Treppe hinunter und kurz darauf lugten müde Augen in die Küche hinein. Die von Sofie zuerst.

„Guten Morgen, Rind“, begrüßte Frank sie und zwinkerte ihr über den Rand des Bechers zu. Die Achtjährige verzog den Mund.

„Ich bin kein Rind!“, protestierte sie.

„Sag' ich schon immer, dass du 'ne Kuh bist!“, zischte die Größere und gab ihr einen Stoß in den Rücken, so dass Sofie in die Küche taumelte. Als die sich wieder gefangen hatte, wirbelte sie herum und stemmte die Hände in die Hüften.

„Ach? Und warum wachsen dir dann die Euter?“

Das hatte gesessen. Die einsetzende Pubertät hinterließ sichtbare Spuren unter Claires Nachthemd - aber zu wenige. Weil Claire die schlanke Statur ihrer Mutter hatte und diese – wie Claire sie nannte - „Mini-Dinger“ umso auffälliger waren, fand die Zwölfjährige die knospenden Brüste einfach nur peinlich. Erst recht, wenn das so offen vor ihrem Vater angesprochen wurde.

Nach der „Euter-Bemerkung“ wusste Sofie sehr genau, was ihr blühte. Und sie reagierte sofort. Mit einem schnellen Sprung rettete sie sich hinter ihren Vater und entging so dem Schlag der sie um einen Kopf überragenden Schwester mit knapper Not.

Melanie ging dazwischen.

„He! Genug ihr zwei!“

„Aber sie hat Kuh zu mir gesagt!“, brüllte Sofie. Ihr pausbackiges Gesicht färbte sich rot.

„Ihr schenkt euch beide nichts“, sagte Melanie und blickte missbilligend zu Claire hinüber. Die allerdings scherte sich nicht darum, fixierte ihre Schwester mit zusammengekniffenen Augen. Und das war nichts anderes, als eine Kriegserklärung.

„Ich würde vorschlagen, ihr werft euch jetzt ein bisschen Wasser ins Gesicht“, sagte Melanie.

Sofie verließ die schützende Deckung. Sorgsam darauf bedacht, einen ausreichenden Sicherheitsabstand zu wahren, schlüpfte sie flink an Claire vorbei.

Keine zwei Sekunden später hörte man Sofie genüsslich das Muhen einer Kuh imitieren.

„Du blöde ...“, fauchte Claire und eine wilde Hetzjagd begann. Kurz darauf dann das Schlagen von Türen und ein Schlüssel, der mit einem lauten Krachen im Schloss umgedreht wurde. Sofie hatte sich in ihrem Zimmer verbarrikadiert.

Beide Eltern starrten sich mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Belustigung an.

„Ich muss jetzt aber wirklich abhauen“, sagte Frank.

„Von wegen! Du willst abhauen.“

„Noch drei Tage, dann habe ich Urlaub.“ Frank lächelte seine Frau sanft an und wischte ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Bis dahin musst du die Peitsche alleine schwingen, okay?“

„Ich beneide dich, Herr Brenner.“

„Ach ja?“

Sie nickte.

„Deine Teilnehmer hören dir zu, meine tun das nicht. Obwohl ich so interessante Sachen sage wie: Zieht euch an, putzt euch die Zähne, habt ihr schon die Hausaufgaben gemacht?“

Frank lachte. Dafür liebte er sie.

„Völlig unverständlich“, pflichtete er ihr bei, „gegen das, was du zu sagen hast, hat SIP die gleiche Faszination, wie ein Brust-Implantat in Größe A auf Pamela Anderson.“

Das bescherte ihm einen Schwinger in die Seite.

„Und nun zieh' mal los, Mister Zynismus, und rette die Welt.“ Sie umarmten sich.

Als Frank über die Türschwelle in den kühlen Wintermorgen hinaustrat, beschlich ihn ein seltsames Gefühl. Sein Herz schlug wild gegen sein Brustbein und seine Atmung beschleunigte sich.

Doch der erste von zu vielen Schritten oder vielleicht auch zu wenigen, war bereits gemacht.

 

-3-

Schritt zwei, drei, vier. Frank sog die frische Luft ein. Sie schnitt ein wenig in der Lunge, schüttelte aber jeden Rest von Müdigkeit ab. Das irrationale Gefühl, das gerade noch wie ein Kometenschauer über ihm herabgeregnet war, verglühte bereits in der Atmosphäre seiner Gedanken. Er war schon beim Kurs.

Die drei Tage würden ein Kinderspiel werden. Er versuchte zu überschlagen, wie oft er alleine diesen Lehrgang schon gegeben hatte. Hundert Veranstaltungen waren es bestimmt. Wahrscheinlich mehr. Obwohl er diesen Kurs mit Leichtigkeit würde halten können, war er heilfroh, dass er danach Urlaub hatte. Das nun ausklingende Jahr war sehr anstrengend gewesen. Die meiste Zeit seines Trainerlebens verbrachte er auf Reisen. Mal war er in Frankfurt, mal in Hamburg oder München zu Gast. Aber ganz egal, wie weit, er befuhr Deutschland grundsätzlich mit dem Auto.

Und Melanie gefiel das gar nicht. Je weiter eine Veranstaltung entfernt war, desto inständiger bat sie ihn, er möge mit dem Zug reisen. Sie hatte Sorge, er könne eines Tages nicht wieder nach Hause zurückkehren. Und so abwegig war das nicht. Bei der Kilometerzahl, die er zusammenbrachte, stieg die Wahrscheinlichkeit irgendeinen Idioten auf der Autobahn zu treffen immens. Das war ihm durchaus bewusst.

Trotzdem war das Risiko nichts, verglichen mit den Qualen, die man erleiden musste, wenn man Knie an Knie mit irgendeinem Mitreisenden über mehrere Stunden in einem Zug-Abteil eingepfercht war. Jeder schien stets sorgsam darauf bedacht, sich so wenig wie möglich zu bewegen, nur um den anderen nicht zufällig zu berühren. Auch er. Am Ende fühlten sich seine Knie immer an, als wären sie stundenlang in einem Schraubstock eingespannt gewesen.

Dieser Kurs fand ausnahmsweise in Berlin statt und so würde er heute Abend wieder sicher bei seiner Familie sein.

Schritt siebzehn, achtzehn, neunzehn.

Als Frank gerade seine Autoschlüssel herauskramte, in Gedanken wieder woanders, da passierte es - just in dem Moment, als er seinen fünfundzwanzigsten Schritt tat, kaum noch zehn Schritte von seinem parkenden Wagen entfernt.

Links von ihm heulte ein Motor auf und dann vernahm er Gummi, der quietschend über den Asphalt radierte. Als er den Kopf herumriss, sah er zwei glühende Augen auf sich zuschießen.

Wird es weh tun?

Es tat nicht weh. Er würde heute nicht nach Hause kommen. Das tat weh.

Schnitt. Dunkelheit.

Dann lief vor seinem inneren Auge der Film seines Lebens ab. Er sah sich als etwa zweijährigen Jungen mit seinem Vater auf einer grünen Wiese herumtollen. Unbeschwerte Zeiten mit ihm. Noch. Bis es passiert war. Im nächsten Moment erschien das Gesicht seiner Mutter. Sie lächelt ihn sanft an.

Schnitt.

Ihr Selbstmord.

Schnitt.

Nächste Blende: Grundschule.

Der gelbe Lamy-Füller. Das Gefühl von Magie, das er verspürt, als seine ersten Worte ungelenk auf das Papier fließen.

Schnitt.

Als Nächstes der wundervolle Moment Weihnachten '79, als er im Alter von fast zehn Jahren, seine erste E-Gitarre unter dem Baum findet.

Schnitt.

Hörsaal der Uni. Vorlesung Germanistik. Die grazile Melanie, eine Reihe vor ihm. Aus großen, braunen Augen blickt sie verstohlen zu ihm hoch.

Erste Küsse. Sex. Hochzeit.

Schnitt.

Der überwältigende Moment der Geburt seines ersten Kindes.

Schnitt.

Dann das Jetzt.

Allumfassende Schwärze.

Schnitt.

 

-4-

Den fahrenden Wecker, den Anna Liebermann letztes Jahr von ihrem Freund Matthias – mittlerweile Ex-Freund – zu Weihnachten bekommen hatte, war geradewegs der Hölle entstiegen. Da war sie sich ganz sicher. Jeden Morgen schwor sie sich, den wie R2-D2 auf Speed fiependen Wahnsinn zu zermalmen, seine elektronischen Eingeweide möglichst großflächig auf dem Parkett zu verteilen. Aber jedes Mal, wenn das Ding endlich gestellt war, ließ sie doch Gnade walten.

Einmal noch.

Das war auch am 21. Dezember 2009 so. Wie jeden Morgen schlug der Wecker Alarm. An diesem Tag um fünf. Die Elektronik setzte „Ring The Roller“ mit einem Rucken in Bewegung, und als sein Motor die Massenträgheit überwunden hatte, schoss er surrend, piepend und blinkend in der Dunkelheit umher. Das erste Hindernis, gegen das er stieß, war ein Bein von Annas Schminktisch und das katapultierte ihn umgehend in eine andere Richtung. Allerdings in die Falsche, nämlich an Annas Bett vorbei. Noch bevor der Zufallsgenerator die beiden Räder in die jeweils entgegengesetzte Richtung drehen und der Quälgeist damit einen Haken schlagen konnte, hatte sich Anna mit einem gereizten Stöhnen über den Bettrand gezogen, die Hand ausgestreckt und ihn vom Boden gepflückt. Stille.

Nur noch zehn Minuten.

Als sie wieder erwachte, war es halb sechs. Um sechs Uhr begann ihre Schicht. Mit einem erstickten Schrei fuhr sie hoch, stieß die Decke zur Seite und sprang aus dem Bett. Sie verfluchte sich dafür, dass sie die Party gestern nicht wie geplant um dreiundzwanzig Uhr verlassen hatte.

Ein netter, aber am Ende doch harmloser Flirt mit einem äußerst attraktiven Mann, hatte sie zum Bleiben veranlasst. Doch das war nicht das Spektakulärste an diesem Abend. Es waren die Basstöne, die ihr wuchtig in die Magengrube gefahren waren, sich dann als Kribbeln bis in den Nacken vorgearbeitet hatten, um dort schließlich die Nackenhärchen aufzustellen.

Das Gefühl, das an diesem Morgen durch ihren Körper wanderte, hatte nun nichts mehr mit jenem angenehmen Kribbeln zu tun, das sie gestern empfand. Es handelte sich vielmehr um einen stechenden Schmerz, der sich heiß durch ihre Nervenbahnen grub, von ihrem Nacken ausgehend, über den Hinterkopf bis in die rechte Augenhöhle wanderte.

Wie viel hast du getrunken, Frau Liebermann?

Ein Ibuprofen musste es richten. Andernfalls nämlich würde sie das grelle Halogen-Licht heute nicht ertragen und den ganzen Tag mit zusammengekniffenen Augen durch die Gegend laufen. Und als Empfangs-Chefin in einem der exklusivsten Hotels in Berlin würde das bei den Gästen nur für Irritation sorgen. Immerhin hatten hier schon einige psychotische Rock-Stars auf Koks ihr Zimmer zerlegt und gescheiterte Börsen-Spekulanten ihr Leben gelassen.

Schnell spurtete sie in Richtung Badezimmer, entledigte sich noch im Laufen ihres Nachthemds, erst auf einem, dann auf dem anderen Bein hüpfend ihres Slips und sprang eilig unter die Dusche. Nachdem sie sich geduscht, angezogen, frisiert und geschminkt hatte, befand sie mit einem schnellen Blick in den Spiegel, dass sie zwar immer noch aussah, als habe sie eine Begegnung mit einem Tanklastzug gehabt, aber immerhin nicht mehr so übel, wie nach der Kollision mit einem Güterzug.

Das war eine der wenigen positiven Feststellungen, die sie an diesem Tag noch machen sollte. Nur ahnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nichts davon.

Gewissheit darüber hatte sie erst um exakt 6:17 Uhr. Jetzt war es 5:55 Uhr. Anna zog die Wohnungstür hinter sich zu. Ihre Handtasche hatte sie in der Eile vergessen.

 

-5-

Erleichtert stellte Anna fest, dass es über Nacht nicht geschneit hatte. Die Straßen waren frei und trocken. Sie hoffte, dass sie auch weiterhin mit ihren Sommerreifen durch den Winter kommen würde. Die Lust, mit ihrem bald zwanzig Jahre alten Nissan Micra, dessen roter Lack von der Sonne bereits völlig stumpf war, bei der Werkstatt vorstellig zu werden, hielt sich in Grenzen.

Der Klugscheißer Matthias hatte ihr zwar einmal gezeigt, wie sie einen Reifen selbst wechseln könne, aber diese Lektion war bereits wieder vergessen. Das Einzige, woran sie sich noch erinnerte war, dass sie keine einzige der Radmuttern hatte lösen können.

Anna stieg in den Wagen, klappte als Erstes die Sonnenblende herunter. Jedes Lux, und sei es auch noch so schwach, verstärkte das Pochen in ihrem rechten Augapfel.

Sie musste sich sputen. Mit ein bisschen Glück konnte sie es in zwanzig Minuten durch die Stadt schaffen, vorausgesetzt natürlich, es befand sich nicht wieder irgendeine neue Baustelle auf ihrem Weg. Und das war schließlich symptomatisch für Berlin.

Anna betätigte die Zündung. Doch außer einem gequälten Orgeln geschah nichts.

„Das darf doch nicht wahr sein!“, stöhnte sie und schlug genervt auf das Lenkrad.

„Bitte ... spring an!“

Aber der Wagen dachte auch beim zweiten Versuch nicht daran. Das konnte nur die Batterie sein, schlussfolgerte sie. Zwar war es nicht übermäßig kalt für Dezember, mit vier Grad über null sogar recht warm, aber die Batterie war alt und gab offensichtlich nicht mehr genug Spannung ab. Sie überlegte, ob sie vielleicht einen Nachbarn um Starthilfe bitten sollte? Unmöglich! Das kostete zu viel Zeit. Zudem waren die meisten, die ihr in den Sinn kamen, entweder selbst schon auf dem Weg zur Arbeit oder aber sie schliefen noch.

„Komm' schon. Einen Versuch noch! Und dann springst du an ...“

Sie erinnerte sich an eine weitere Lektion, nach der sich eine altersschwache Batterie mit jedem Versuch den Motor zu starten nur noch mehr entlud. Ein Blick auf die Batterie-Kontrollleuchte bestätigte das. Sie flackerte nur noch müde.

Trotzdem drehte Anna den Zündschlüssel ein drittes Mal um. Bei diesem Zündversuch hustete der Motor nur schwarzen Rauch aus dem Auspuff, sonst geschah nichts.

Anna war der Verzweiflung nahe.

Sich eine halbe Stunde zu verspäten, das ging ja noch, aber so wie es aussah, würde daraus bedeutend mehr werden. Sie hoffte gerade auf ein Wunder, da klopfte jemand an die Scheibe.

Die war von ihrem Atem bereits völlig beschlagen, so dass Anna sie hastig freiwischte.

Das Wunder war ein junger Mann von vielleicht Mitte zwanzig. Und der lächelte sie an. Anna kurbelte die Scheibe herunter. Einen Spalt nur. Sie lächelte verlegen zurück.

„Hallo! Sieht nicht so aus, als würde die Kiste anspringen wollen ...?“ Dabei stieß er eine Atemwolke aus.

„Ja ... also, ich meine nein!“

„Ich könnte behilflich sein und anschieben? Was meinen Sie?“

„Das wäre meine Rettung“, stieß sie aus. „Ich bin nämlich schon viel zu spät.“

„Dann schauen wir, dass Sie hier schnell wegkommen!“

Sie blickte sich unsicher um. In einiger Entfernung schoben vorbeifahrende Autos ihre Lichtkegel vor sich her, schnitten Streifen durch die Dunkelheit. Annas Straße dagegen war völlig unbelebt. Trotzdem fasste sie Vertrauen und ließ die Scheibe ganz herunter. Kalte Luft strömte in den Innenraum. Sofort fröstelte sie am ganzen Körper. Sie schob sich die Hände unter die wärmenden Oberschenkel.

„Also, was muss ich tun?“

„Erst einmal müssen wir Sie aus der Parklücke bekommen. Auf der Geraden schiebe ich dann, so schnell ich kann. Wenn wir genug Tempo haben, legen Sie den zweiten Gang ein und betätigen die Zündung. Dabei die Kupplung langsam kommen lassen und Gas geben.“

Die Erklärung kam so eindringlich, dass sie den Verdacht hatte, er hielte sie für unterbelichtet.

„Aber vielleicht sorgen Sie erst einmal für freie Sicht? Da drinnen sieht's aus, als hätten Sie eine Nebelmaschine auf der Rückbank.“

Sie nickte und rubbelte ein Sichtloch durch den Schleier aus Kondenswasser. Als sie ihren Kopf drehte, war der Mann verschwunden.

„Nach links einschlagen!“ Sie blickte in den Rückspiegel. Er stand bereits am Heck und stützte sich ab. Sie lenkte ein, und er schob an. Der Wagen setzte sich langsam in Bewegung.

Die Parklücke war so geräumig, dass ein voller Lenkeinschlag ausreichte, um am Vordermann vorbei auf die Straße zu kommen. Als sie den Wagen ausgerichtet hatte, tauchte das Gesicht des Fremden wieder neben ihr auf. Sie erschrak.

„Und denken Sie daran. Zweiter Gang, Zündung, Kupplung kommenlassen, Gas!“

„Ja. Alles klar.“

Er begab sich wieder nach hinten. Im Spiegel beobachte sie erneut, wie er sich kräftig gegen den Asphalt abdrückte. Der Wagen rollte los.

Zweiter Gang, Zündung, Kupplung. Zweiter Gang, Zündung, Kupplung, betete Anna in Gedanken herunter. Sie wurden schneller. Zweiter Gang, Zündung, Kupplung ... aber wann?

„Jetzt!“, brüllte er.

Anna legte den Gang ein, drehte den Zündschlüssel um, ließ die Kupplung kommen und gab vorsichtig Gas. Der Wagen sprang zwei Sätze nach vorne. Dann, als es schon so schien, als wolle die blubbernde Maschine wieder absterben, durchfuhr das Auto einen Ruck, und der Motor heulte auf. Aus Angst, er könne wieder ausgehen, gab sie kräftig Gas und beschleunigte.

„Er läuft! Er läuft!“, rief sie freudig aus. Sie hatte es jetzt wirklich brandeilig, doch einfach davon fahren wollte sie auch nicht. Das schien ihr zutiefst unhöflich. Also bremste sie. Als der Micra stand, schaltete sie in den Leerlauf, zog die Handbremse und stieg aus. Der junge Mann kam auf sie zugelaufen.

Als er sie erreicht hatte, blieb er mit einem Gewinnerlächeln vor ihr stehen.

„Na, ging doch!“, sagte er leicht außer Atem.

Anna nickte.

„Ich weiß nicht, welche Strecke Sie fahren müssen und ob das reicht, die Batterie aufzuladen. Es kann durchaus sein, dass Sie wieder jemanden zum Anschieben brauchen!“, warnte er.

„Sie sollten jetzt mindestens eine halbe Stunde, wenn möglich mehr, durch die Gegend fahren.“

Anna winkte ab.

„Jetzt läuft er erst einmal. Ich bin Ihnen ja so dankbar. Keine Ahnung, wie ich das gut machen kann?“

„Oh, da wüsste ich was!“ Er grinste.

Anna zog die Stirn in Falten.

„Sagen Sie mir Ihren Namen ...“

Anna musterte ihn aufmerksam - von oben bis unten. Er sah gut aus. Groß, athletisch, geheimnisvolle Augen. Eigentlich genau ihr Typ.

... zu jung.

„Ich heiße Anna“, kam es nach kurzem Zögern.

„Sehr erfreut“, er streckte ihr die Hand entgegen, „ich bin Ben. Naja, eigentlich Benjamin.“

Anna nahm seine Hand und schüttelte sie zaghaft.

„Hallo Ben. Vielleicht darf ich Sie für ihren Einsatz demnächst auf einen ... Kaffee einladen?“

Was Dämlicheres hätte dir nicht einfallen können?

„Würde mich freuen, Anna.“

„Aber wie er...“

„Schauen Sie in Ihre Hand“, unterbrach er sie.

Als Anna ihre Hand aus seiner löste, hatte sie eine Visitenkarte in der Handfläche liegen.

Er zwinkerte ihr zu.

Süß ...

„Also dann Ben, ...“, sie schaute auf die Karte und las den Nachnamen ab, „... David ... ich melde mich. Ich ... ich muss jetzt los ...“, stammelte sie. Anna merkte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg, hoffte aber, dass Ben das nicht bemerkte.

„Alles klar. Ziehen Sie los, Anna. Und immer daran denken: Den Motor erst ausmachen, wenn Sie angekommen sind. Viel Glück!“

Ohne ein weiteres Wort machte er kehrt und schritt davon. Sie stand noch einen Augenblick da und sah ihm nach. Dann stieg sie in den Wagen.

Anna warf einen Blick auf die Uhr. Die ganze Aktion hatte sie rund fünfzehn Minuten gekostet. Es war jetzt 6:13 Uhr. Nun hieß es Gas geben. Und genau das tat sie.

Die Startprobleme, wie auch die Rettung durch Ben, hatten sie ihre Kopfschmerzen eine Weile vergessen lassen. Jetzt aber waren sie erneut präsent, bohrten sich mit aller Macht an die Oberfläche ihres Bewusstseins. Der Druck in ihrem Auge nahm wieder an Stärke zu. Pochte. Drückte. Sie musste von Zeit zu Zeit das Auge schließen, um den blendenden Gegenverkehr aushalten zu können. Jeder Lichtstrahl fühlte sich so an, als quetsche ihr eine Klammer den Sehnerv.

Anna übertrat das Geschwindigkeitslimit von fünfzig Kilometern pro Stunde, wo immer es möglich war. Teilweise beschleunigte sie den Micra bis auf neunzig und hoffte, dass die Polizei sie nicht erwischte.

In Gedanken war sie bei Ben. Trotz der Schmerzen und des Zeitdrucks. Er hatte sie beeindruckt. Vor allem die Masche mit der Visitenkarte. Sie lächelte.

Seine Karte ... wo ist seine Karte?

Sie tastete in der Innentasche ihres Mantels danach. Nichts. Sie knipste die Innenraumbeleuchtung an und schaute sich um. Erleichtert stellte sie fest, dass sie die Karte auf dem Beifahrersitz deponiert hatte.

Warum auch immer, sie wollte sie bei sich tragen.

Anna lehnte sich weit zur Seite, versuchte die Karte mit spitzen Fingern zu greifen, bevor sie in der nächsten Kurve vielleicht noch in einem Spalt verschwinden würde. Der erste Versuch misslang. Als sie das Steuer ein wenig verriss und der Wagen daraufhin ruckartig nach links ausbrach, entzog sich die Karte ihrem Zugriff. Anna richtete sich schnell wieder auf und lenkte sofort gegen. Der Micra gehorchte. Ihr Herz machte einen Satz. Ein entgegenkommendes Auto rauschte wild hupend an ihr vorbei.

Verdammt!

Ein kurzer Blick auf die Straße. Vor ihr war es einigermaßen frei. Die Tachonadel zeigte achtzig Stundenkilometer an. Zweiter Versuch. Dieses Mal mit mehr Schwung.

Wieder lehnte sie sich über den Beifahrersitz und griff hinüber. Sie versuchte den Kopf dabei so zu halten, dass sie den Blick nicht ganz von der Straße nehmen musste. Die Karte aber bekam sie so nicht zu fassen. Sie begriff, dass sie schon würde hinsehen müssen. Anna fixierte das kleine Stück Papier mit den Augen und streckte sich so weit sie konnte.

Als sie die Karte endlich unter den Fingerkuppen fühlte, bemerkte sie, wie der Wagen nach rechts einlenkte. Bei dem natürlichen Impuls sich am Steuer hochzuziehen, verriss sie es nun erst recht. Der Wagen knickte nach links ein, und Anna wurde wieder hinter das Steuer geschleudert. Doch das half ihr nicht mehr. Es war bereits zu spät.

Als ihr bewusst wurde, was da rasend schnell auf sie zukam, schrie sie. Anna klammerte sich ans Lenkrad. Die Knöchel ihrer Finger traten weiß hervor.

Dann ließ ein gewaltiger Ruck den Micra erzittern, als er mit nahezu unverminderter Geschwindigkeit gegen den Bordstein prallte. Der rechte Vorderreifen detonierte sofort mit einem gewaltigen Knall. Im nächsten Moment bäumte sich der Wagen auf, hob sich in die Luft wie ein waidwundes Reh, bevor es tot zusammenbricht. Dabei schrammte der Wagenboden über die Bordsteinkante und produzierte ein hässliches Kreischen. Als die Erdanziehung den Wagen zurückgezwungen hatte, setzten die Vorderrad-Achsen funkenstobend auf. Von der Gewalt des Aufschlags deformiert, ächzte die Karosserie auf. Glas splitterte, explodierte in den Innenraum.

Kurz vor dem Aufprall sah Anna noch, dass ein Schatten in ihr Blickfeld huschte. Direkt vor die Motorhaube. Dann tat es einen Schlag. Der Schatten flog über das Auto.


-6-

Als Annas Wagen an der Mauer zerschellte, schob sich die Motorhaube wie eine Ziehharmonika zusammen. Krachend. Der Motorblock wurde in den Fahrerraum gerammt, zerschmetterte ihre Beine. Die Lenksäule richtete sich auf und brach ihr die Arme, wie Äste in einem Sturm.

Die Welt um sie herum versank in Dunkelheit.

Es war exakt 6:17 Uhr.

Die Visitenkarte war im Fußraum verschwunden. Begraben unter einem Meer von Glassplittern.


-7-

Um sieben hatten die Kinder eine Verabredung mit dem Zahnarzt. Kurz vor den Feiertagen wollte Melanie die kleine Verfärbung auf Claires Backenzahn abklären lassen, und wenn sie schon einmal da war, dem Arzt auch einen Blick in Sofies Mund gestatten.

Melanie ging gerade die Treppe hoch, um zu überprüfen, ob sich die Kinder schon fertiggemacht hatten, als sie von draußen das Geräusch blockierender Reifen hörte. Gleich im Anschluss folgte ein dumpfer Schlag und ein zweiter hinterher. Dann herrschte Stille.

Melanie lief zum Flurfenster, öffnete es und schaute, weit hinausgelehnt, in beide Richtungen die Straße entlang. In der Ferne konnte sie im schwachen Schein einer Laterne eine Traube von Menschen sehen, die irgendeinen Wagen umringten. Mehr war nicht zu erkennen.

Es sind genug Leute da.

Der Notruf war, wenn überhaupt benötigt, sicherlich auch schon abgesetzt. Sie entschied, es bei dieser Feststellung zu belassen.

Sie schloss das Fenster wieder und setzte ihre Inspektion fort. Natürlich waren die Kinder noch nicht ganz fertig und mussten - wie immer - angetrieben werden.

Als sie alle endlich das Haus verlassen konnten und schließlich vor die Tür traten, jagte ein Krankenwagen an ihnen vorbei. Das Blaulicht kreiste hektisch, tauchte die Fassaden der Häuser und ihre Gesichter in ein fahles Blau.

„Mama? Was ist da passiert?“, fragte Claire besorgt.

„Da vorne gab es einen Unfall.“

„Sind da Menschen gestorben?“

„Ich weiß es nicht.“

Melanie drückte beide Kinder rechts und links an ihre Seite - mehr um sich selbst zu trösten.

„Hoffen wir es nicht“, kam es leise. Doch die Kinder hörten es nicht.


-8-

Das Schild an der Eingangstür wies darauf hin, dass Handys auszuschalten seien, da sie die empfindliche Elektronik der zahnärztlichen Instrumente stören könnten. Wie immer befolgte Melanie die Anweisung, auch wenn sie sich stets fragte, was das für Instrumente sein sollten. Alle rümpften ihre Nase, als sie die Praxis betraten. Der Geruch von Sterillium waberte ihnen entgegen.

Die Praxisräume waren kalt. Einzig und allein der steingraue Linoleum-Fußboden vermittelte etwas Kontrast und Wärme. Ansonsten steriles Weiß, wohin das Auge blickte. Eine weiße Raufasertapete, weiße Schränke und eine weiße Anmeldung. Einen Arzt an seiner Einrichtung zu messen war natürlich idiotisch - und Kovacz war ein guter Arzt. Schon als Kind hatte Melanie auf seinem Behandlungs-Stuhl gesessen. Er duzte sie, sie siezte ihn.

Das Wartezimmer war leer, und so wurden sie nach nur fünf Minuten aufgerufen.

Auch wenn beide Kinder noch keine Bekanntschaft mit dem Bohrer gemacht hatten, konnte Melanie in den Augen von Claire eine sichtliche Erleichterung feststellen, als die Verfärbung als solche diagnostiziert war. Und auch Melanie war erleichtert. Zu tief saßen die Erinnerungen an Claires Narkose und die anschließende Ohren-Operation.

Wie tot, war der Gedanke, der ihr damals durch Mark und Bein gefahren war, als die Kleine in ihren Armen erschlafft war. Seit jener Operation war ihr selbst der Mundspatel im Rachen ihrer Kinder suspekt.

„Die Zähne deiner Töchter sind kerngesund“, konstatierte Doktor Kovacz zufrieden.

„Ist auch kein Wunder. Keine Schokolade, keine Cola, nicht mal Gummibärchen!“, brummelte Claire.

„Und auch keinen Fernseher!“, ergänzte Sofie.

„Ihr habt keinen Fernseher?“, fragte der Arzt überrascht.

Melanie verdrehte die Augen.

„Das ist heutzutage wirklich ungewöhnlich.“

„Ja, voll hinter dem Mond“, beschwerte sich Claire.

„Papa sagt, da gibt es nur Unterschicht-Mist.“

„Da hat er vielleicht nicht ganz unrecht“, bestätigte Kovacz mit einem Lächeln.

„Außerdem habt ihr ohne Fernseher mehr Zeit zum Zähneputzen.“ Er blinzelte ihnen zu.

Die Kinder nickten genervt.

Er gab allen die Hand, verabschiedete sich und verschwand rasch im Nebenzimmer, wo schon der nächste Patient auf seine Behandlung wartete.

Als sie alle die Praxis verlassen hatten, schaltete Melanie ihr Handy ein. Das Display erwachte flackernd zum Leben. Nachdem sich das Handy erneut ins Netz eingebucht hatte, meldete es fünf Anrufe in Abwesenheit. Melanie stutzte. Alle waren von einer ihr unbekannten Nummer und in der Zeit von sieben bis Viertel nach sieben eingegangen. Sie überlegte einen Moment zurückzurufen, entschied sich aber dann doch dagegen.

Seit sie einmal mehrere Anrufbenachrichtigungen mit einem Rückruf bedacht hatte, war sie vorsichtig geworden. Die Rufnummer hatte sich als teure Sondernummer entpuppt, die sie binnen einer Sekunde um gut zwei Euro erleichtert hatte. Noch einmal wollte sie auf eine solche Masche nicht hereinfallen.

Wer auch immer das war, wird noch einmal anrufen, dachte Melanie. Sie musste jetzt die Kinder nach Hause bringen.

-9-

„Herrgott. Was ist denn hier los?“, stöhnte Frauke Zanner, Stationsärztin der Unfallklinik Berlin. Sie hatte ihren Dienst um sechs Uhr angetreten und jetzt, kurz nach der Übergabe, ging es schon drunter und drüber. Ein Rettungswagen nach dem anderen war eingetroffen und hatte diverse Notfälle ausgespuckt. Ein Metzger, der sich ein paar Fingerkuppen amputiert hatte, ein Betrunkener mit einer Fraktur, drei Autounfälle und ein gestürzter Mofafahrer. Das ließ für den weiteren Tag nichts Gutes erwarten.

Zwei der „Autounfälle“ hatte es mit Polytraumata, lebensbedrohlichen Mehrfachverletzungen, schwer erwischt. Sie lagen bereits im Schockraum und ein interdisziplinäres Behandlungsteam, bestehend aus Spezialisten der Fachrichtungen Unfallchirurgie, Anästhesie und Radiologie, führte die Schockraumversorgung unter Hochdruck durch. Ganz nach dem Prinzip „Treat first, what kills first“.

Der dritte Autounfall, einen Mann, der angefahren worden war, hatte es am Übelsten erwischt. Er verstarb bereits wenige Minuten nach seiner Einlieferung, nicht ganz vierzig Jahre alt geworden. Man hatte noch keine Zeit gefunden, sich um ihn zu kümmern oder auch nur die Angehörigen zu benachrichtigen. Und so lag der arme Teufel abgedeckt in irgendeinem Nebenraum der Klinik. Das Interesse aller galt im Moment ausschließlich den beiden Lebenden. Ob sie es schafften, stand noch in den Sternen.

-10-

Gegen 7:20 Uhr ging über eine abhörsichere Leitung in der Senatskanzlei Berlin ein Anruf ein.

„Wir haben einen Gewinner", vermeldete der Anrufer mit russischem Akzent.

„Und was genau heißt das, Sirkowsky?“, hakte Rentsch nach.

„Unser Mann ist direkt vor ein Auto gelaufen.“

Kurzes Schweigen.

„Sind Sie sicher, dass es vorbei ist?“, fragte der Mitarbeiter der Senatskanzlei.

„Ja!“

„Wie sicher?“

„Er ist mit voller Wucht erwischt worden, flog im hohen Bogen. Besser hätte es gar nicht laufen können.“

Wieder Schweigen. Der Kanzleibedienstete überlegte.

„War da ein Krankenwagen oder ein Notarzt?“, kam es gereizt.

„Klar ...“

„Und? Haben Sie gesehen, wie er abtransportiert wurde?“

„Warum?“ Sirkowskys anfängliche Sicherheit zerbröckelte hörbar.

„Schalten Sie Ihr Hirn ein, Mann!“, blaffte Rentsch.

„Wäre er tot, wäre wohl kaum der Krankenwagen aufgetaucht, sondern der Leichenwagen.“

„Ich überprüfe das“, sagte Sirkowsky.

„Herr im Himmel! Natürlich tun Sie das! Finden Sie heraus, wo er ist und ob er noch lebt. Und wenn, dann beenden Sie es und dieses Mal verschaffen Sie mir gefälligst Gewissheit.“

„Ich melde mich.“

Sirkowsky legte auf.

Nichts weiter als ein riesen Haufen Scheiße, dachte Rentsch. Er bereute jeden Tag zutiefst, sich auf ihn eingelassen zu haben. Aber die Sache war nun mal angelaufen und nun galt es sie sauber abzuschließen. Es stand zu viel auf dem Spiel.


-11-

Den ganzen Weg nach Hause beschäftigten Melanie die fünf Anrufe. Frank konnte es nicht gewesen sein. Er unterdrückte seine Rufnummer nie. Aber vielleicht hatte er von einem anderen Handy angerufen? Nein! Seines hatte er gestern Abend aufgeladen. Da war sie sich sicher.

Aber was, wenn es kaputt gegangen ist? Heruntergefallen? Oder hat er es vielleicht zu Hause vergessen?

Wenn es sich zu Hause nicht fände, würde sie ihm eine SMS schreiben. Anrufen wollte sie ihn nicht, denn sie fürchtete, ihn im Kurs zu stören.

Die Kinder stritten sich auf der Rückbank. Claire stellte klar, dass es völliger Quatsch sei, dass Eisbären deshalb ein weißes Fell besäßen, damit ihnen die Sonne nicht zu heiß auf den Pelz brannte.

„Du Dumme. Das ist Tarnung, damit sie nicht gesehen werden.“

„Von wem denn? Die werden ja schließlich nicht gefressen“, stellte Sofie fest.

„Oh Mann, du bist so ...“, stöhnte Claire, „... aber sie jagen und fressen!“

Melanie wurde von dem eskalierenden Streit aus ihren Gedanken gerissen. Sie setzte schon an einzuschreiten, als ihr Handy klingelte.

Frank!

Hastig fummelte sie das Telefon aus der Manteltasche, nahm den Anruf an, ohne auf das Display zu schauen.

„Hallo? Frank?“

„Frau Brenner?“

Eine unbekannte männliche Stimme.

„Ja? Mit wem spreche ich?“

„Ich bin ... sind Sie im Auto unterwegs?“, sagte der Mann, ohne auf die Frage einzugehen.

„Wir haben versucht, Sie zu erreichen. Wann sind Sie zu Hause?“

„Wer ist WIR?“ Melanie wurde unruhig. Wer war der Kerl?

„Mein Name ist Bent Jasper. Frau Brenner, ich bin Polizeibeamter.“

„Was ... warum ...?“, stammelte sie.

Die Kinder registrierten die aufkeimende Unruhe ihrer Mutter und verstummten.

„Kommen Sie bitte erst einmal sicher nach Hause. Ich erwarte Sie.“ Sie spürte, dass der Mann sich bemühte, möglichst ruhig zu klingen. Aber das half nichts. Im Gegenteil. Etwas stimmte hier ganz und gar nicht.

„Was ist passiert? Ist eingebrochen worden?“ Sie stockte.

Ein anderer schrecklicher Gedanke kam auf. Sofort setzte sie nach.

„Ist etwas mit meinem Mann?“, schrie sie ins Telefon.

„Ich erkläre Ihnen gleich alles. Wann sind Sie da?“

Melanie konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Angst brandete hoch.

„In ... ich weiß nicht ... fünf Minuten?“

„In Ordnung. Ich erwarte Sie", sagte Jasper und legte auf.

Das Knacken hallte in ihrem Kopf nach, wie ein Metronom, das den Beginn von etwas Unheilvollem anzählt.

„Mama?“, kam es vom Rücksitz, „was ist denn passiert?“, fragte Claire.

„Ich ... bestimmt nichts Schlimmes", antwortete Melanie mehr zu sich selbst und völlig gegen ihr Gefühl.

-12-

Melanie hatte den Polizeiwagen bereits aus weiter Entfernung entdeckt, genauso wie ihre Kinder. Er parkte direkt vor ihrem Haus. Sofie redete als Erste.

„Mama, was macht denn die Polizei da?“

Die haben vorhin angerufen, stimmt's?“, fragte Claire.

Sie drehte sich zu den Kindern um, nickte und versuchte dabei einigermaßen gefasst zu wirken.

„Wir sehen mal, was die wollen. Vielleicht ist bei uns eingebrochen worden. Ihr bleibt bitte im Wagen, okay?“

Melanie sah die Angst in ihren Augen. Das Telefonat hatte nicht nur ihres, sondern auch das Kopfkino ihrer Töchter in Gang gesetzt. Nach einem Einbruch sah das hier nicht aus, auch wenn sie keine Ahnung hatte, wie es aussehen sollte.

Vielleicht doch?

Sie schnallte sich ab, stieg aus dem Auto und ging mit hölzernen Schritten auf den Polizeiwagen zu. Auf der Fahrerseite sah sie einen Beamten sitzen. Als er Melanie bemerkte, stieg auch er aus. Die Furcht verstärkte sich mit jedem weiteren Schritt, den sie auf ihn zu tat.

Dann, als sie ihn erreicht hatte, standen sich beide einen kurzen Moment schweigend gegenüber. Voller Anspannung.

„Frau Brenner?“

„Ja", kam es erstickt.

Jetzt öffnete sich die Beifahrertür des Polizeiwagens und eine Beamtin stieg aus, blieb aber neben den Wagen stehen und nickte Melanie nur kurz zu. Mehr nicht. Melanie musterte die Frau. War da nicht Traurigkeit in ihrem Blick?

„Wir haben telefoniert. Ich bin Bent Jasper.“

Er streckte Melanie die Hand entgegen. Melanie zögerte, gerade so, als könne sie dadurch verhindern, dass die Wahrheit wie ein Stromschlag auf sie überspringen würde. Doch schließlich nahm sie seine Hand und schüttelte sie einmal kraftlos.

„Was ist passiert?“

Jasper sah kurz auf den Boden. Melanie registrierte das. Kein gutes Zeichen. Aber welches? War es Verlegenheit? Angst? Oder beides?

Jasper atmete tief durch und sagte dann:

„Ihr Mann hatte einen Unfall.“

Zunächst verspürte Melanie nichts. Sie dachte auch nichts. Die Worte waren zwar angekommen, aber ihr Gehirn schien deren Bedeutung zu blockieren. Wie die Verteidiger einer Feste, die dem letzten Ansturm standzuhalten versuchen, aber wohl wissen, dass sie am Ende doch fällt - fallen muss.

Aus dem Auto heraus beobachteten die Kinder, wie ihre Mutter ein paar Schritte zurückwankte, so als habe sie ein unsichtbarer Faustschlag getroffen.

„Wie ... was ist passiert?“

„Ihr Mann ... er wurde angefahren.“

Melanies Puls raste. Sie schüttelte den Kopf, wollte nicht wahrhaben, was ihr da eben gesagt worden war. Die Feste fiel. Die Worte brachen durch alle Tore, und Erinnerungen stürmten ein, wie feindliche Reiter. Eine davon war die Schlimmste. Es war die an den Krankenwagen. Ihre weit aufgerissenen Augen spiegelten das Entsetzen wieder, als sie eins und eins zusammenzählte.

Sie war nur wenige Meter von dem Ort entfernt gewesen, an dem ihr Mann ... und einfach ... weggefahren! Sie war nicht bei ihm gewesen. Was, wenn er ...? Nein, das durfte nicht sein!

Zur Macht der Erkenntnis mischten sich nun noch Selbstvorwürfe. Als ihre Beine darüber einzuknicken drohten, machte Jasper einen Schritt auf sie zu und griff ihr stützend unter die Arme.

„Ist er ...?“, presste sie heraus.

„Das wissen wir nicht“, antwortete Jasper schnell, „er wurde in die Klinik gebracht. Ins Unfallkrankenhaus.“

Die Mädchen wurden immer unruhiger. Vor allem Claire verstand, dass etwas ganz Fürchterliches geschehen sein musste. Ihre Mutter war sonst nicht so leicht aus der Fassung zu bringen. Ein Einbruch in ihr Heim wäre schlimm, aber sicher nicht so schlimm, dass sie darüber derart ins Wanken geriet.

Claire beschloss, gegen die Anweisung ihrer Mutter zu handeln und stieg aus dem Wagen.

„Wir fahren Sie gerne ins Krankenhaus. Wir sind in fünfzehn Minuten da ...“, sagte Jasper. Er blickte an ihr vorbei und fügte hinzu, „... die Kinder natürlich auch.“

„Mama ...?“, kam es unsicher von Claire. Sie war mit Sofie an der Hand hinter ihrer Mutter aufgetaucht.

Melanie straffte sich. Sie musste jetzt funktionieren, Stärke zeigen, ganz gleich, was sie alle erwartete. Sie drehte sich langsam um, ging dann vor den Kindern in die Hocke. Einen Moment noch schwieg sie, dann sagte sie:

„Kinder, ich muss euch etwas sagen.“

Nur wie?

„Es ist was mit Papa, stimmt's?“, kam ihr Sofie zuvor.

Melanie blickte auf den Boden.

„Ja. Papa liegt im Krankenhaus.“

Sie erwartete, dass die beiden nun in Tränen ausbrechen würden. Aber das geschah nicht. Stattdessen standen sie nur stumm da. Sie begriff.

Sie wollen stark sein. Für mich.

„Wir fahren jetzt zu Papa. Was meint ihr?“

Die Kinder nickten.

-13-

Zur gleichen Zeit, als Melanie und die Kinder in das Polizeiauto stiegen und sich auf den Weg ins Unfallkrankenhaus machten, stampfte Anatol Sirkowsky wütend zu seinem Wagen und rief sich die Ereignisse der vergangenen Stunden in Erinnerung.

Was für ein Scheißtag!, dachte er. Dieser Lackaffe Rentsch hatte ihn so herablassend behandelt, dass er ihm dafür gerne einen Besenstiel in den Arsch rammen würde. So tief, bis er wimmernd um Entschuldigung bat. Er ballte seine riesigen Hände zu Fäusten. Niemand durfte ihn so behandeln! Rentsch würde das eines Tages noch zu spüren bekommen. Aber bis es so weit war, musste er mitspielen. Der Hund hatte ihn an der kurzen Leine. Noch.

Ein bitteres Lächeln zog sich über sein Gesicht, wurde nur dort unterbrochen, wo sich eine Narbe über seine rechte Wange zog. Sie war das nunmehr dreißig Jahre alte Souvenir eines Messerkampfes, den er sich als Fünfzehnjähriger mit einem Heimbewohner namens Henry geliefert hatte.

Henry war das erste Opfer einer Erbarmungslosigkeit, die sich fortan wie ein roter Faden durch Sirkowskys Leben zog. Darauf war er stolz.

Er war nicht so schwach wie seine Mutter, die sich hatte von diesem Hurensohn von Vater windelweich prügeln lassen und nicht einmal dann etwas unternahm, als dieser lüstern über seine Schwester hergefallen war. Irgendwann war es nicht mehr zu ertragen gewesen. In einem Akt der Gnade und Liebe versuchte er, erst seine Mutter von ihrem Leiden zu erlösen und dann seinen Vater dafür zu bestrafen, dass er ihn so weit getrieben hatte. Am Ende hatten sie beide überlebt. Ein Fehler, der ihn schließlich im Alter von zwölf Jahren ins Heim gebracht hatte. Und seitdem versuchte er die Dinge, die er anpackte, sicher zu einem Ende zu bringen.

Er rief sich den Moment des Unfalls in Erinnerung und fand es recht beeindruckend, wie weit man fliegen konnte. Eine völlig neue Erfahrung und noch besser, als jemanden mit der Garrotte zu erledigen. Auch wenn das durchaus seinen Reiz hatte. Aber er kannte das schon zu Genüge. Sie schlugen, strampelten immer wild um sich, wenn sich der Draht um ihren Hals spannte, und merkten nie, dass sie sich, wie ein im Moor Versinkender, nur noch schneller ins Unheil gruben. Und ehe sie sich versahen, hingen sie schon durch wie ein schlaffer Schwanz. Weil nicht er selbst, sondern der Zufall den Job erledigt hatte, fehlte ihm nun die Gewissheit, dass es getan war. Aber es müsste schon an ein Wunder grenzen, wenn der Mann das überlebt hatte. Und falls doch, würde er es eben in einem zweiten Anlauf zu Ende bringen. Danach würde er in der Heimat untertauchen, so lange, bis sich die Wogen geglättet hatten. Dort konnte er das in aller Seelenruhe abwarten. Er überlegte, was jetzt zu tun war. Zunächst musste er herausfinden, wo sie den Typen hingeschafft hatten. Sich einfach durchzutelefonieren, um das in Erfahrung zu bringen, schloss er aus. Telefonisch würde ihm sicherlich niemand Auskunft erteilen.

Wo konnte er also sein? Sirkowsky folgerte, dass man ihn zum nächstgelegenen Krankenhaus verfrachtet hatte. Aber welches? Ihm fielen nur zwei Möglichkeiten ein. Die Charité oder das Unfallkrankenhaus. Das Unfallkrankenhaus erschien ihm die Wahrscheinlichere von beiden Möglichkeiten.

Da würde er anfangen zu suchen. Sirkowsky stieg in seinen Lada Niva und fuhr los.

-14-

 

Ben war nach der geleisteten Starthilfe zum Bäcker gegangen und hatte sich Frühstück besorgt. Normalerweise war er während der Semesterferien nicht so früh unterwegs, aber da heute Abend eine Party in seiner Wohnung stieg und er jede Menge Kommilitonen erwartete, gab es noch viel zu erledigen. Die nette Altbauwohnung, die er seit Februar bewohnte, musste aufgeräumt werden und, natürlich, galt es auch Getränke zu organisieren. Darum hielt er es zumindest heute nach der väterlichen Maxime „Der frühe Vogel fängt den Wurm“. So sehr er diesen Spruch auch hasste, er hatte ihm eine nette Bekanntschaft beschert.

Anna ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Und das wollte etwas heißen, seitdem ihn seine Freundin im Januar gegen einen anderen ausgetauscht hatte. Im Dezember des letzten Jahres hatte Silke noch beteuert, ihn, und nur ihn zu lieben, dabei flogen aber bereits im Minutentakt SMS in Richtung ihres Studienkollegen.

Von da an war jedes Vertrauen in das andere Geschlecht dahin, und er widmete sich fortan ganz den Geschichtswissenschaften. Mit seinen sechsundzwanzig Jahren war es ohnehin Zeit, das Studium endlich zu einem Abschluss zu bringen.

Anna könnte ihn die Enttäuschung vergessen lassen. Mit ihren großen Augen und dem hochgesteckten braunen Haar, schlank und feminin, empfand er sie als unglaublich anziehend. Und nicht zuletzt weckte sie, in ihrer tollpatschigen Hilflosigkeit, seine Beschützerinstinkte.

Er schätzte sie auf Anfang bis Mitte dreißig.

Vielleicht zu alt?

Andererseits musste daraus ja auch nicht gleich eine Beziehung werden. Ihm kamen die Worte von Franz I. in den Sinn: „Wenn man als Erstes an die Fertigstellung eines Vorhabens denkt, würde man es nie beginnen.“

Zwar meinte er in ihrem verlegenen Verhalten subtile Signale weiblicher Sympathie entdeckt zu haben, aber vielleicht täuschte er sich auch. Möglicherweise war ihr der Lapsus mit dem nicht anspringenden Wagen einfach peinlich gewesen. Wie auch immer. Er würde einfach sehen, wie sich das entwickelte. Die Einladung zum Kaffee, so sie denn käme, könnte ein Anfang sein.

Das Telefon klingelte, als er mit den Händen gerade tief im Spülwasser steckte. Hastig wischte er sich trocken und hob ab.

Die erste Absage!

„David“, meldete sich Ben.

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