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SCHOSCH 2

 

Was Musik bewirken kann, wenn sie das richtige Publikum findet, ist vielleicht selbst nicht allen bewusst, die sich eine Konzert- oder Opernkarte kaufen, die kurz – manchmal auch länger – stehen bleiben, um einem Straßenmusiker zu lauschen oder eine CD kaufen, um sich die Welt der Musikkultur nach Hause zu holen.

In den folgenden Kurzreportagen und Betrachtungen zu berühmten Komponisten, Dirigenten und Interpreten von Kompositionen, deren Inhalte bis heute Allgemeingültigkeit haben, sind einige authentische Beispiele wiedergegeben. Die meisten Namen sind aus Datenschutzgründen in Abkürzungen oder Zeichen (…) wiedergegeben.

Hamburg, im Februar 2019

Irene Pietsch

Die Oktoberrevolution in Russland ist hundert Jahre geworden. In Hamburg ist die Studentenrevolution ein halbes Jahrhundert her. 1968: Die Mönckebergstraße ist schwarz von Demonstranten. Der Zug reicht bis zum Hauptbahnhof. Ziel: das rot regierte Rathaus, auf dem die rote Fahne als Triumph über das Establishment gehisst werden soll. Hört sich kontraproduktiv an. Ist es auch. „Ruhnau wir kommen!“, heißt der Schlachtruf. Heinz Ruhnau ist SPD Innensenator der Freien – und Hansestadt Hamburg. Später wird er Vorstandsvorsitzender der Deutschen Lufthansa.

Gedenken an 100 Jahre Oktoberrevolution im Hamburg von 2017: Auf der Mönckebergstraße werden rote Fahnen geschwenkt. Ein Korso von Revolutionsschnauferln – bis hin zu der Nachbildung eines alten sowjetischen Panzers – bewegt sich auf das Rathaus zu. Aus Lautsprechern grölt die „Internationale“. Auf den Umzugswagen agieren Schauspieler als Revolutionsgrößen. Das Publikum reagiert befremdet.

 

2018 im Rathaus der Freien und Hansestadt Hamburg, das sich rühmt, inklusive Turmnutzung ein Zimmer mehr als Buckingham Palace zu haben: Es wird rot-grün regiert. Der Innensenator hat 2016 gewechselt, der neue Amtsinhaber kommt ein Jahr vor dem G-20 Gipfel, zu dem von der Kanzlerin nach Hamburg eingeladen worden ist und der ihn in Schwierigkeiten bringen wird, was so nicht erwartet worden war. Er hatte als Bezirksamtsleiter des Bezirks Mitte, zu dem auch St. Georg und die Hafencity mitsamt Elbphilharmonie gehören, gute Arbeit geleistet und kennt sich mit problematischen Situationen aus. In der Schanze – dem Schanzenviertel, das zum Alt- und Neubürgerbezirk Altona gehört – wird Oktoberrevolution nach Unart der neuen Internationale im Zeichen der „Flora“, einem alten Revuetheater im Stil der Neoklassik und Gründerzeit, geprobt. Nicht erst jetzt, aber zum G-20 besonders.

Zu Gast im großen Festsaal des Rathauses (in Hamburg ist der kleinere Festsaal der Kaisersaal): das Klangforum Wien.

Auch in Wien hatte die Oktoberrevolution Spuren hinterlassen. Marx ist dort zwar ein geläufiger Name und keineswegs eine Trierenale, was aber mitnichten darüber hinwegtäuschen darf, dass Wien durch Massenzuwanderungen aus dem Osten des ehemaligen K.u.K. Reiches infolge des Ersten Weltkrieges als rot gilt.

„Schönberg & die Schrammelbrüder“ klingt wie Stuttgarter Weindorf mit Budweiser Ständen, sind aber trotz der tschechischen Herkunft von Schönberg Ständchen aus dem inzwischen rechts konservativ regierten Österreich, was man nicht hört. Das Programm wurde wohl vor dem Regierungswechsel festgelegt – oder auch nicht.

 

Der Konzertauftakt in Hamburg: Arnold Schönbergs Marsch aus seiner Serenade op. 24. Zu dem soeben zelebrierten Hintergrund aus dem hundertjährigen Kalender der sozialpolitischen Weltgeschichte hätte er kaum besser gewählt sein können. Es ist keine mitreißende Strauss Komposition für Paraden à la Radetzky Marsch, sondern die musikalische Analyse von Massenbewegungen zu Kriegs- und Friedenszeiten.

Wer marschiert bei Arnold Schönberg, dem Sohn tschechischer Eltern und von Haus aus eher Monarchist? Er ist Protagonist der Zeit nach der Oktoberrevolution in Russland, dem damit provozierten Ersten Weltkrieg, des Unterganges der Donaumonarchie und der Selbstfindungsphase vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, bis hin zu seinem unglücklichen Exil und – trotz allem – der Rückkehr ins nunmehr von den Alliierten befreite, heimatliche Österreich.

Anders als Berlin, wird Wien nicht geteilt. Selbst die Sowjets stimmen zu.

 

Vor zehn Jahren kommt es zu einer Begegnung zwischen der Komponistin Chaya Czernowin und mir. Sie kann getrost als arrangiert bezeichnet werden. Ich soll nach Bremen kommen, erreicht mich ein Hilferuf von Prof. Hans-Joachim Frey, Generalintendant am Goethetheater in Bremen. Das Vier-Sparten-Haus will einen Beitrag zur stets angemahnten Vergangenheitsbewältigung zwischen Christen, Juden und Deutschen leisten und dazu – oder dafür – Czernowins „Adama“ auf die Bühne bringen.

Das ist löblich, müssten alle meinen, die löblich guten Willens sind. In Bremen sind das offenbar sehr wenige. Frey bekommt keine Resonanz auf die Presseeinladungen und sucht dringend PR – Maßnahmen für die Premiere. Er hat die Produktion eingekauft.

„Du musst kommen!“

Ich eile herbei. Mein Mann ist auch mit von der Partie, hält sich aber zurück.

Frey hat die Presserunde professionell gestaltet. Außer mir ist noch ein Ehepaar aus Syke bei Bremen anwesend. Es kommt zu einem freundlichen Beschnuppern der kollegialen Beschaffenheit. Im Gegensatz zu mir, sind die beiden vom Fach. Sie ist ihrem Familiennamen nach ungarischer Herkunft. Eva kann hingegen weltweit lokalisiert werden.

In Bremen gibt es eine große Gemeinde ungarischer Flüchtlinge von Zeiten der Weltkriege und nach dem Ungarnaufstand 1956, der durch die Sowjets blutig niedergeschlagen wurde. Vor der offiziellen „Wende“, die den neuen „Tag der Deutschen Einheit“ zeitigte, kamen dann noch etliche hinzu, die schon mal sicherheitshalber über Ungarn ausgereist waren, indem sie den Stacheldraht durchschnitten.

Die beiden Musikwissenschaftler sind eindeutig prädestinierter, über Chaya Czernowin zu berichten, deren Wurzeln, dem Namen nach, ebenfalls im Osten des ehemaligen K.u.K Reiches vermutet werden können. Ich kenne mich nicht besonders gut mit neueren Komponisten und ihren Werken aus. Seit ich Kontakt mit der Frey-Gründung „Internationales Forum für Wirtschaft und Kultur“ in Dresden hatte, über diesen Weg einen Komponisten suchte und eine junge russische Komponistin in Strausberg bei Berlin fand, um sie wegen Foulspiels anderer Projektbeteiligter wieder zu verlieren und mir deswegen eine Belehrung aus dem Forum einhandelte, habe ich mich nicht mehr viel um dieses wichtige Gebiet gekümmert.

 

Prof. Frey bittet meinen Mann mit zum Pressetermin. Vier sehen besser aus als drei. Mein Mann stellt klar, dass er nur Begleitperson ist. Frey nickt. Er weiß es. Das reicht. Ich selber bin mit Projekten beschäftigt und habe auch kaum Gelegenheit, Tagesjournalismus zu betreiben – erst recht keine Rezensionen von Bremer Opernproduktionen in Hamburg unterzubringen. Frey nickt. Er weiß es. Das reicht.

Er stellt die Komponistin vor, was nicht um ein Jota von der Pressemitteilung abweicht. Demnach ist sie weitaus älter als sie aussieht und lebt im israelischen, Arabisch beeinflussten Haifa. Das könnte ein Anknüpfungspunkt für mich sein, sie nach den näheren Umständen und Hintergründen für ihre Komposition zu fragen. „Ich müsste mal wieder nach Haifa“, denke ich. „Es scheint dort einige interessante osteuropäische Neueinwanderer zu geben.“

„Ich müsste mal wieder nach Haifa“

 

 

Frey hat das erste Jahr seiner Arbeit in Bremen Israel gewidmet. Er ist zunächst designierter Generalintendant, im Grunde weniger als nur halb persönlich anwesend. Beinahe ein Jahr ist er Berufspendler zwischen Bremen und Dresden, seiner Nochwirkungsstätte als Kaufmännischer Direktor der Semperoper, Vorstandsvorsitzender des Internationalen Forums für Wirtschaft und Kultur, Organisator des Gesangswettbewerbs „Competizione del Opera“, des Kompositionswettbewerbs der Gläsernen Manufaktur in Dresden, dem Arthur Rubinstein Klavier Wettbewerb und vielen anderen Aktivitäten zugunsten vitaler Musik- und Eventgeschehen.

Das Thema Deutsch-Israelische Kooperation verspricht Unterstützung aus Berlin, die Frey braucht. Die Bundesregierung steht zu ihren Verpflichtungen. Bremen selber hat kein Geld, um hochwertige Inszenierungen zu finanzieren, braucht aber dringend PR und für die PR Geld, ein circulus vitiosus, den es zu durchbrechen gilt. Frey steht im Ruf, ein genialer Beschaffer von Finanzierungsmitteln zu sein.

Das kleinste Bundesland unserer Republik befindet sich in einem markanten Spannungsfeld.

Am Bremer St. Petri Dom – ehedem nach St. Wilhadi benannt – ist gut sichtbar und auch für Touristen lesbar – eine Gedenktafel angebracht, auf der sich die Bremische Kirche zu ihrer Schuld während der Nazizeit bekennt und darauf aufmerksam macht, dass Statuen an der Fassade des Doms gefälscht wurden, um Juden in Misskredit zu bringen. Die Fälschungen sind nicht entfernt worden, damit gut sichtbar bleibt, um welche Schandtat es sich dabei handelt. Die Bildhauer und Steinmetze werden der Kirche auch bekannt sein, sind aber nicht genannt.

Nahe dem rechten Nebeneingang des Doms ist für Asylsuchende und andere ein Informationspavillon aufgebaut, um mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Bremen hat exzessiv viele Neuzugänge aus dem Nahen Osten. Ob sich Muslime dort im Informationspavillon von St. Petri einfinden, wie viele zum christlichen Glauben gehören oder konvertieren, wäre eine Statistik wert. Das Verhalten der Bremischen Kirche könnte ein Relikt aus der Schwedenzeit Bremens sein.

St. Ansgar, der Apostel des Nordens, war Bischof in Bremen und missionierte Skandinavien. Erst erfolglos das wilde Dänemark, dann erfolgreich Schweden. Daraus entstand einige Jahrhunderte später die Schwedische Staatskirche, zu der sich alle, gleichgültig welchen Glaubens sie waren, steuerpflichtig bekennen mussten. Sie wurde erst Mitte des vergangenen Jahrhunderts abgeschafft.

Es nimmt also kein Wunder, dass der neue Generalintendant am Goethetheater in Bremen sich ebenso verhält: Er missioniert drauflos. Antisemitismus raus – Multikulti rein.

 

Frey präsentiert Israel als Gastland mit neuen Kompositionen und auch „den üblichen Verdächtigen“, wie „Nabucco“ von Verdi, dem es eher um die Befreiung der Italiener von der österreichischen Herrschaft ging, als um die jüdische Geschichte, die in der Oper eben Libretto und nicht Bibel ist und nie sein sollte. „Nabucco“ wurde aber eh und je dahingehend interpretiert, wie Opern eben so sind: es gibt oben und unten und irgendwo ein Aschenbrödel, das den Richtigen findet und den Wagen wieder flott machen kann – so überhaupt irgendwie interpretiert wird und nicht alles darauf zuläuft, den sogenannten Gefangenchor in die deutschen Gemüter eindringen zu lassen, um vielleicht sogar Szenenapplaus und „da capo“ Rufe zu bekommen – aber wer will schon wirklich zweimal dieselben Gefangenen sehen und hören? Zur Abwechslung gibt es schließlich noch „Aida“.

„Salome“ von Richard Strauss, dem letzten Präsidenten der Reichsmusikkammer unter den Nationalsozialisten, steht ebenfalls auf dem Programm. Strauss bedauerte später, sich von den Nationalsozialisten hat instrumentalisieren zu lassen. Er habe gehofft, auf diese Weise mehr

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