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Stinkbombe

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20
  26. Kapitel 21
  27. Kapitel 22
  28. Kapitel 23
  29. Kapitel 24
  30. Kapitel 25
  31. Kapitel 26
  32. Kapitel 27
  33. Kapitel 28
  34. Kapitel 29
  35. Kapitel 30
  36. Kapitel 31
  37. Kapitel 32
  38. Kapitel 33
  39. Kapitel 34
  40. Kapitel 35
  41. Kapitel 36
  42. Kapitel 37
  43. Kapitel 38
  44. Kapitel 39
  45. Kapitel 40
  46. Kapitel 41
  47. Kapitel 42
  48. Kapitel 43
  49. Kapitel 44
  50. Kapitel 45
  51. Kapitel 46
  52. Kapitel 47

Über den Autor

Rob Stevens ist Pilot bei British Airways. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Bücher schreibt er meistens, wenn er beruflich unterwegs ist. In den Hotelzimmern findet er alles, was er zum Schreiben braucht: Ruhe, Papier und Gratis-Kugelschreiber.

Rob Stevens

S.T.I.N.K.B.O.M.B.E

oder Agent Archie jagt Dr. Doom

Aus dem Englischen von
Esther Bertling

Kapitel 1

BOMBE.tif

Aus ihrem Büro im Hauptquartier des britischen Geheimdienstes MI6 blickte Helen Highwater hinaus auf die Themse, während sie sich mit ihrem ledernen Bürostuhl von einer Seite zur anderen drehte und ihre Vorgehensweise für das bevorstehende Meeting überdachte. Neben ihr stand – wie immer im Tweedanzug, die Spinnenarme über Kreuz – ihr Spezialist für technische Fragen, Holden Grey.

»Ich weiß nicht, worüber du dir Sorgen machst«, sagte er und strich mit Daumen und Zeigefinger über seinen schmalen weißen Schnurrbart. »Du arbeitest seit Jahren mit Agenten im Außendienst.«

»Das waren Erwachsene«, konterte Highwater, wobei sie mit einem silbernen Schreiber gegen ihre Zähne klopfte. »Muss ich dich daran erinnern, dass Agentin X-Ray erst vierzehn Jahre alt ist?«

»Wir gehen das gelassen an«, erwiderte Grey. »Oder sogar mit einer gewissen Coolness.« Er öffnete seinen obersten Hemdknopf und löste seinen Schlips.

»Ich weiß nicht, ob das eine gute …« Highwater wurde von einem Klopfen an der Tür unterbrochen. Ihr sonst so strenger Pagenschnitt lockerte sich, als sie sich mit dem Bürostuhl nochmals drehte und »Herein« rief.

Holden Grey fuhr sich schnell mit der Hand durch die Haare und krempelte die Ärmel seines Jacketts hoch. »Vertrau mir«, raunte er, während er sich das Hemd aus der Hose zog. »Es ist an der Zeit, Agentin X-Ray zu zeigen, dass wir es mit der Jugend von heute noch aufnehmen können.« Die Tür ging auf und ein Mädchen näherte sich dem Schreibtisch aus Rauchglas.

»Guten Tag, X-Ray«, sagte Highwater.

»Was geht, Schwester?«, fügte Grey hinzu, und hob die Faust zum Gruß.

»Schwester?« Die junge Agentin lachte. »Sind wir hier im Wilden Westen, oder was?« Als sie Greys zerzaustes Erscheinungsbild bemerkte, ergänzte sie: »Mein Gott, Mr Grey, sind Sie überfallen worden oder was?«

»Nein, nein, nichts dergleichen.« Der ältere Herr versuchte, X-Rays Bemerkung mit einem gestellten Lachen abzutun. »Ich bin eben so – lässig, groovy, einfach ich!«

»Groovy?«, wiederholte Agentin X-Ray stirnrunzelnd, ganz wie beim Lesen eines schwer verständlichen Shakespeare-Stückes.

»Setz dich, X-Ray«, sagte Highwater streng.

»Genau«, fügte Grey hinzu. »Einfach ein bisschen aus-chillen.«

»Ähm, ich glaube, Sie meinen abchillen«, murmelte die Agentin, während sie sich in den ledernen Bürostuhl fallen ließ, der vor dem Schreibtisch stand.

»Ach, na ja.« Grey räusperte sich. »Jacke wie Hose …«

Highwater starrte ihren Kollegen an.

Die Uhr auf dem Schreibtisch tickte.

Agentin X-Ray sah sich abwesend im Büro um und ließ den vornehmen schwarzen Teppich, das lederne Ecksofa und die seidig glänzenden, mit farblich abgestimmten abstrakten Gemälden geschmückten grauen Wände auf sich wirken. Der Raum war mit unterschiedlichen Keramikvasen dekoriert. Die Lamellenvorhänge waren zur Seite geschoben, sodass der atemberaubende Blick über London voll zur Geltung kam.

»Unsere erste Mission steht an«, verkündete Highwater schließlich, wobei sie sich merkbar bemühte, bestimmt aufzutreten. »Es handelt sich um einen Vermisstenfall. Ein junger Mann ist in Norwegen aus seinem Bett verschwunden. Die örtliche Polizei hat ihn als Ausreißer eingestuft, aber wir haben Informationen, die darauf hindeuten, dass er entführt wurde.«

Agentin X-Ray kniff die Augen zusammen. »Gibt es irgendeine Verbindung zu …?«

»Das kann man zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen«, unterbrach Highwater.

»Stimmt«, bestätigte Grey. »Aber wir haben für unsere Ermittlungen grünes Licht bekommen.«

»Haben wir irgendwelche Spuren?«, fragte X-Ray.

»Positiv«, erwiderte Highwater.

Holden Grey griff sich einen Stuhl und schwang sich rittlings auf ihn, wobei er leicht zu zittern begann, als er seinen alternden Körper auf die Sitzfläche niederließ. »Wir haben soeben eine codierte Nachricht im Internet entschlüsselt, die die jüngste Entführung bereits vorhergesagt hat, bevor diese stattfand … Sinnvollerweise! Unser mysteriöser Entführer glaubte offenbar, dass wir nicht schlau genug sein würden, um seinen Code zu knacken. Aber da hat er sich geschnitten!«

»Ich will mich ja nicht aufspielen«, frotzelte X-Ray, »aber das Rätsel zu lösen, wenn das Verbrechen schon stattgefunden hat, bringt doch gar nichts. Dann ist das Kind sowieso schon in den Brunnen gefallen.«

Highwater nickte Agentin X-Ray scheinbar anerkennend zu, dachte unterdessen aber daran, wie sehr sie die Arbeit mit erwachsenen Agenten vermisste. Die Erwachsenen taten wenigstens so, als ob sie sie respektierten – nicht so wie diese Jugendlichen, die einfach ihre Meinung kundtaten.

»In gewisser Weise hast du recht.« Sie runzelte nachdenklich ihre Stirn. »Du darfst aber nicht vergessen, dass im Internet Unmengen von Informationen vorhanden sind. Deswegen ist es sehr viel schwerer, eine Nachricht überhaupt zu identifizieren, als sie zu entschlüsseln. Um ehrlich zu sein, ist der Code nämlich so einfach zu knacken, dass ihn jedes Kind durchschauen würde … Nichts für ungut!«

Agentin X-Ray zuckte mit den Schultern.

Highwater nahm ihre eckige Brille ab und dachte kurz nach. »Die Sache ist ernst, X-Ray«, sagte sie grimmig. »Ich weiß nicht, was er vorhat, aber mein Instinkt sagt mir, dass wir es mit einem GGG zu tun haben.«

»GGG

»Ja, GGG.« Highwater stützte sich mit den Händen auf den Tisch und lehnte sich entschlossen nach vorne, bevor sie flüsterte: »Ein Ganz Gemeines Genie.«

»Was ist also unser Plan?«, fragte Agentin X-Ray. »Gehen wir los und überwachen seinen Standort, oder was?«

Holden Grey schnitt eine Grimasse. »Die exakte Lage seines genauen … ähm … Aufenthaltsortes ist genau zu diesem Zeitpunkt unseren Wenigkeiten – will sagen uns – unbekannt. Was zur Folge hat, dass wir die verdächtige Homepage überwachen und überprüfen müssen. Vierundzwanzig Stunden am Tag. Sieben Tage die Woche. Das bedeutet: rund um die Uhr!«

»Ja, ich weiß, was das bedeutet.«

Grey sprach weiter. »Das nächste Mal, wenn unser Gemeines Genie ein Verbrechen ankündigt, werden wir ihm einen Schritt voraus sein und uns an seine Fersen heften. Wobei ich natürlich dich meine, wenn ich ›wir‹ sage, X-Ray.«

Agentin X-Ray nickte.

»Du brauchst selbstverständlich noch einen Partner. Was ist mit Agent Hotel?«

Highwater schüttelte den Kopf. »Agent Hotel trägt leider aufgrund eines Dienstunfalls für die nächsten sechs Wochen einen Gips.«

»Dienst?« Agentin X-Ray runzelte die Stirn. »Aber das ist doch unsere erste Mission!«

»Nicht diese Art von Dienst«, erklärte Highwater müde. »Er stand im Dienst seiner Mannschaft. Der Dummkopf hat sich gestern Mittag beim Footballspielen den Knöchel gebrochen. Und Agent Kilo wird uns monatelang nicht zur Verfügung stehen, wenn er nicht dank guter Führung frühzeitig aus dem Hausarrest entlassen wird.«

»Hausarrest?« Agentin X-Ray erschrak, verband sie diesen Ausdruck doch mit Militärputschen in abgelegenen Ländern.

»Ja. Er hat auf unbestimmte Zeit Hausarrest, weil er bei dem Versuch, vor seinen Freunden anzugeben, den BMW seines Vaters zu Schrott gefahren hat.«

»Ich wusste gar nicht, dass Agent Kilo einen Führerschein hat.«

»Hat er auch nicht«, bemerkte Highwater missbilligend. »Noch dazu hat Agent Alpha die Windpocken und Agent Uniform werden die Mandeln rausgenommen. Keiner unserer anderen Agenten ist also für diese Mission verfügbar.«

»Ich kriege das schon hin«, verkündete Agentin X-Ray.

»Bitte nicht so tollkühn«, griff Highwater ein. »Du weißt, dass unsere Vorschriften es nicht erlauben, minderjährige Agenten alleine ins Operationsgebiet zu entsenden. Wir werden also einen neuen Agenten rekrutieren müssen.«

»Wen?«

Helen Highwater stand auf, nahm zwei DIN-A4-Blätter und umrundete ihren Schreibtisch, bis sie direkt vor Agentin X-Ray stand. Während sie ihr die Papiere reichte, setzte sie sich auf den Rand des gläsernen Schreibtisches und verschränkte die Arme. »Wir haben POPEL erneut befragt.«

Mit POPEL meinte Highwater: Programm zur Ortung Potenzieller Emissäre* im Lernfähigen Alter – ein Programm, das der britische Geheimdienst dazu nutzt, Kandidaten zu finden, die die nötigen Fähigkeiten und die richtige Einstellung mitbringen, um gute Agenten zu werden. Zunächst werden die Angaben zu den schulischen und sportlichen Leistungen aller Kinder und Jugendlichen in Großbritannien zusammen mit deren Krankenakten und ihrem genetischen Profil in einer nationalen Datenbank gespeichert. All diese Informationen werden anschließend in POPEL eingespeist, welches die Daten analysiert und in messbare Größen umsetzt. Dann beurteilt es die Geeignetheit eines jeden Kindes für die Tätigkeit als Agent im Außendienst auf einer Skala von eins bis hundert.

»Achtundneunzig«, las Agentin X-Ray vor, den POPEL-Ausdruck überfliegend. »Könnte besser sein.«

»Aber nicht viel«, entgegnete Highwater.

Oben auf der Seite war das Foto eines Jungen zu sehen, dessen hageres ovales Gesicht von seinem zerzausten mausbraunen Haar eingerahmt war. Ein schüchternes Lächeln offenbarte zwei markante Schneidezähne und einen leichten Überbiss. Seine lebhaften braunen Augen lugten interessiert hinter einer kleinen Brille hervor.

»Sieht mir nach Bücherwurm aus«, bemerkte Agentin X-Ray spöttisch.

»Zieh lieber keine voreiligen Schlüsse«, entgegnete Grey.

»Wie kommt er denn zu so einem hohen POPEL-Wert?«

Highwater setzte ihre Brille auf und betrachtete ihren eigenen Ausdruck prüfend. »Er hat tadellose Zeugnisse, seine Ergebnisse in den Vergleichsarbeiten sind vorbildlich. Er ist hochintelligent, ein Querdenker, hat Sprachtalent und ist sehr redegewandt. Außerdem wird er als potenzieller Nahkampfspezialist eingestuft, was sehr nützlich sein könnte, falls eure Tarnung auffliegt.«

»Hier steht nichts von irgendwelchem Kampftraining«, warf Agentin X-Ray ein. »Nicht um jetzt hier blöde Scherze zu machen, aber nur weil er Karate Kid gesehen hat, ist er noch lange keine tödliche Waffe.«

»Wir haben Gründe dafür, anzunehmen, dass er sich dank seiner genetischen Veranlagung sehr wohl zu helfen weiß«, stellte Highwater klar. »Außerdem wissen wir, dass er das fliegerische Talent seines Vaters geerbt hat, der Testpilot beim Militär war. Einzig und allein sein Alter gibt mir zu denken.«

»Ich hasse es, diejenige zu sein, die hier die schlechten Nachrichten überbringt. Aber falls es Ihnen noch nicht aufgefallen sein sollte: Alle Ihre Agenten sind Teenager«, bemerkte Agentin X-Ray zynisch.

»Eben«, stimmte Highwater zu. »Und dieser Junge ist noch kein Teenager. Er ist erst zwölf.«

X-Ray brach in Gelächter aus. Als sie aber feststellte, dass es Highwater durchaus ernst war, hielt sie dagegen: »Das ist doch verrückt. Sie können keine Babys auf Gemeine Genies ansetzen.«

»Laut POPEL ist er der beste Kandidat für uns.«

»Ich sage Ihnen, dass Sie sich Ihr eigenes Grab schaufeln, wenn Sie POPEL in dieser Sache vertrauen.«

»Die Zeit wird es zeigen«, sinnierte Grey. »Zum gegebenen … ähm … Zeitpunkt.«

»Sein Alter könnte auch gewisse Vorteile mit sich bringen«, bestätigte Highwater. »Er wird sich sicherlich nicht zu ähnlich gefährlichen Stunts hinreißen lassen wie Agent Kilo.«

»Wie auch immer.« Agentin X-Ray zuckte mit den Schultern. »Wie ist also der Name unseres neuen Wunderkindes?«

Highwater nahm ihre Brille ab und lächelte.

»Hunt«, sagte sie mit Nachdruck. »Archie Hunt.«

* Agent, Abgesandter

Kapitel 2

BOMBE.tif

Archie Hunt kämpfte gegen den Schlaf. Die Nachmittagssonne schien durch das Fenster ins Klassenzimmer und umgab ihn mit einem warmen gelben Licht. Seine Lehrerin, Miss Moore, besser bekannt als Moore die Langweilerin, leierte schon seit einer Stunde einen Vortrag über Eidechsen, Frösche oder so was herunter.

Archie schloss die Augen – nur für einen Augenblick –, während er die monotone, nasale Stimme seiner Lehrerin auf sich wirken ließ.

»Wie viele andere Reptilien auch haben Eidechsen einen hervorragenden Geruchssinn, den sie nutzen, um Raubtiere zu orten, die ihnen gefährlich werden könnten. Interessanterweise riechen sie mit der Zunge.« Miss Moores jammernde Stimme zog über Archie hinweg und wurde immer schwächer, bis nichts als ein leises Geräusch zurückgeblieben war, das dem Brummen eines entfernten Düsenjets glich. Archie nickte ein.

Bald schon steuerte er sein eigenes Flugzeug – er glitt durch den hellblauen Himmel. Dem gegnerischen Beschuss in verschiedene Richtungen ausweichend, flog er in geringer Höhe einen gefährlichen Bombenangriff über feindlichem Territorium. Inmitten des Heulens seines Düsenjägers, des Kugelhagels und der Explosionen bemerkte er, dass die Kontrollstation ihn zu kontaktieren versuchte.

»Kontrollstation an Mr Hunt. Bitte melden Sie sich, Mr Hunt.«

»Hunt hier«, antwortete er. »Sie können nun Ihre Nachricht durchgeben.«

»Wann können wir mit Ihrer Rückkehr rechnen?«

»Sobald ich die feindliche Basis außer Gefecht gesetzt habe.«

»Ausgezeichnet. Wird das vor oder nach dem Sport passieren?«

»Sport?«, fragte Archie erstaunt. Worauf bezog sich die Kontrollstation? Während er nachdachte, lösten sich die Bomben und sein heulender Düsenjet in Luft auf. Von einem immer stärker werdenden mulmigen Gefühl geplagt öffnete Archie die Augen.

Seine Klassenkameraden starrten ihn an. Manche hatten verwundert die Augen aufgerissen, andere grinsten hämisch. Miss Moore musterte Archie mit gekräuselten Lippen.

»Da du ja nun gelandet bist«, sagte sie, »denke ich, dass du auch deine Flügel wieder verstauen kannst.«

Erst als der Rest der Klasse in lautes Gelächter ausbrach, erkannte Archie, dass er seine Arme ausgestreckt hielt wie ein flugzeugspielender Fünfjähriger. Er wurde rot und steckte die Hände unter den Tisch, damit sie ihm keine weiteren Peinlichkeiten bescherten.

»Oje!«, raunzte der Sprücheklopfer Nummer eins der Klasse, Harvey Newman. »Es sieht so aus, als ob unser aller Musterknabe dieses Mal wirklich verschissen hat.« Ein paar von Harveys Freunden unterdrückten dabei theatralisch ihr Lachen.

»Dein Verhalten befremdet mich, Archie«, erklärte Miss Moore, wobei sie ihre Hände wie ein Anwalt beim Kreuzverhör hinter dem Rücken faltete. »Ich hoffe um deiner selbst willen, dass du nicht in meinem Unterricht vor dich hin geträumt hast?«

»Nein, Miss«, antwortete Archie und tat dabei sein Bestes, um einen überraschten Eindruck zu machen.

»Okay.« Miss Moore wirkte zunächst derart erfreut, dass Archie kurz dachte, er sei schon aus dem Schneider. Doch wider Erwarten ließ sie es damit nicht auf sich beruhen. »Dann könntest du vielleicht so nett sein, noch einmal die natürlichen Feinde der Eidechse zu nennen, die ich gerade aufgezählt habe?«

Archie hatte einen Kloß im Hals. »Ja … das sind … natürlich …«

»Ich warte.«

Miss Moore trat ungeduldig von einem Bein aufs andere.

»Wenn du mir nicht antwortest, schließe ich daraus, dass du meinem Vortrag keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt hast, worüber ich dann natürlich Mr Head informieren muss.«

Archie seufzte. Der Schulleiter Mr Head, auch bekannt als Head das Oberhaupt, kannte keine Gnade, wenn es um Disziplin in seiner Lehranstalt ging. Jeder wusste, dass er einmal einen Jungen, der in einer Vollversammlung geschnarcht hatte, ein ganzes Halbjahr lang jeden Tag hatte nachsitzen lassen. Doch als Archie mit diesem Schicksal bereits seinen Frieden gemacht hatte, bemerkte er plötzlich, dass sein bester Freund Barney Jones, der ein paar Reihen weiter vorne saß, hinter Miss Moores Rücken einen Zettel hochhielt.

Archie rückte seine Brille zurecht und versuchte unauffällig, die Stichpunkte zu entziffern, die Barney auf das Blatt gekritzelt hatte.

»Ich gebe dir noch fünf Sekunden«, bellte Miss Moore.

»Raubvögel!«, platzte es halb triumphierend, halb erleichtert aus Archie heraus.

»Richtig«, sagte Miss Moore merkbar überrascht, wobei sie den Eindruck erweckte, Archie seinen Erfolg nicht zu gönnen. »Weiter?«

»Die meisten größeren Tiere, wie zum Beispiel Wölfe … Füchse und …« Archie schielte auf das letzte Wort, das Barney in die untere rechte Ecke des Blattes gequetscht hatte.

»Koj… öde?«

»Wie bitte?«

Archie erkannte seinen Fehler sofort. »Kojoten«, korrigierte er schnell. »Ich meinte natürlich Kojoten.«

»Korrekt«, stellte Miss Moore fest, wobei sie Archie jedoch weiterhin misstrauisch beäugte.

Archie lächelte unschuldig.

»In Ordnung«, sagte sie schließlich. »Dann holt mal alle eure Bücher raus und schlagt die Seite zweihundertvierunddreißig auf.«

Während sie sich umdrehte und zurück zum Pult schritt, knüllte Barney seinen Zettel zu einer Kugel zusammen und versenkte sie in seinem Rucksack.

»Danke für deine Hilfe im Fall Moore die Langweilerin«, sagte Archie zu Barney, als die beiden den Schulflur entlanggingen. Ein Hauch von muffigem Schweiß und Desinfektionsmittel erfüllte die Luft. »Ich bin dir was schuldig.«

»Nicht der Rede wert«, antwortete Barney, der sich gerade einen Schokoriegel in den Mund schob.

Barney war ein pummeliger Junge mit blonden Locken und großen blauen Augen, die ihm einen stets verwunderten Gesichtsausdruck verliehen. »Ich habe bemerkt, dass ein Agentenkollege ins Kreuzverhör genommen wurde und habe gehandelt. Dafür bin ich schließlich ausgebildet.«

»Klar!« Archie lächelte.

Barney lebte in seiner eigenen Welt, in der er Geheimagent war, die Lehrer Bösewichte und einige Schulkameraden sogar Doppelagenten. Seine Eltern betrachtete er als Führungskräfte im MI6 und sein Fahrrad als Dienstwagen, der natürlich mit einer Menge technischem Schnickschnack ausgestattet war.

»Ich habe bemerkt, dass die alte Langweilerin dich fertigmachen wollte und erkannt, dass dies unseren Auftrag beeinträchtigt hätte«, nuschelte Barney mit vollem Mund.

»Hmmm.«

»Deswegen habe ich dir dann die verschlüsselte Nachricht zukommen lassen. Grundlegendes Agentenhandwerk!«

»Die Nachricht war aber nicht wirklich verschlüsselt, oder?« Archie lachte. »Sie war nur sehr klein geschrieben.«

»Genau.« Barney grinste. »Ich wollte vermeiden, dass feindliche Agenten sie dechiffrieren.«

»Wird dir das Agentspielen eigentlich nie langweilig?«, fragte Archie.

»Wir alle brauchen Visionen«, erwiderte Barney weise. »Du träumst davon, Pilot zu werden, und ich träume davon, Agent zu werden. Kommt das nicht aufs selbe raus?«

Archie zögerte einen Moment. »Doch«, bestätigte er dann. »Wir sind eben zwei Träumer.«

»Deckname Rot, Deckname Rot.« Barney beobachtete Harvey Newman und seine Freunde, die in der Nähe des Ausgangs am Ende des Flurs herumhingen. »Feindliche Agenten frontseitig gesichtet.«

»Na toll«, seufzte Archie. »Das hat uns gerade noch gefehlt – ein Zusammenstoß mit Hirni Kuhmann.«

Barney betrachtete sein Handy, als wäre es ein Taschencomputer. »ND teilt mit, dass die betreffenden Personen dazu neigen, kopflos ihre Aggressionen durch das Zusammenschlagen Dritter auszuleben und unverzüglich einen Angriff planen. Gehen Sie Ihrerseits nicht zum Angriff über. Ich wiederhole, gehen Sie nicht zum Angriff über. Das ist ein Befehl!«

»Was meinst du mit ND?«, fragte Archie, während sie sich den Schlägertypen näherten.

»ND steht für Nachrichtend…«

»Ich weiß, wofür die Abkürzung steht, du Blödmann. Ich wollte wissen, woher du deine Informationen beziehst.«

»Ich habe ein Gespräch auf dem Klo belauscht«, bekannte Barney. »Newman muss wegen einer Diskussion mit Miss Smith nachsitzen. Er sagte, er wolle sich an jemandem abreagieren.«

Newmans Clique schnitt Archie und Barney den Weg ab. »Entschuldigung«, sagte Archie. »Dürfen wir mal eben vorbei?«

»Seht mal, wen wir hier haben.« Newman grinste höhnisch. Er umkreiste die beiden Freunde einmal, bevor er sich so dicht vor Archie stellte, dass ihre Nasen sich fast berührten. »Alles klar, Hunt?«

»Hallo, Hirni.«

Newman runzelte die Stirn. »Wie hast du mich gerade genannt?«, fragte er und packte Archie am T-Shirt.

»Ich meinte natürlich Harvey. Versprecher, sorry!« Archie lächelte nett, während Newman – ein massiver Koloss von Junge mit rosafarbener Haut und ingwerblonden, kurzgeschorenen Haaren – die Augen zusammenkniff.

»Wenn ich rausfinden sollte, dass das ein besonders origineller Spitzname für mich sein soll, dann werde ich dich zerquetschen wie eine … eine …«

»Eine Kartoffel?«, schlug Archie in seiner stets hilfsbereiten Art vor.

»Du hältst dich wohl für besonders schlau?«, fauchte Newman.

Archie zuckte mit den Schultern. »Nicht wirklich.«

»Du bist bestimmt nicht der Einzige, der sich witzige Spitznamen ausdenken kann«, verkündete Newman. »Ich fange gleich mal damit an, deinen Freund Fettie zu nennen.«

»Das ist in der Tat lustig«, kommentierte Barney. »Können wir dann jetzt gehen?«

»Und dich, Hunt, werde ich von nun an Vierauge nenne. Du weißt schon, wegen der Brille und so.«

»Ja, das habe ich mir schon gedacht. Danke!«, sagte Archie, besagte Brille abwesend zurechtrückend. »Großartig – das hast du richtig gut hingekriegt. Leider müssen wir trotzdem die Biege machen.«

»So schnell geht das hier nicht.« Newman hielt Archie auf, indem er ihm eine Hand auf die Brust legte. »Was ist eigentlich in der Biostunde in dich gefahren? Du hast dich aufgeführt wie ein totaler Freak.«

Archie zuckte erneut mit den Schultern. »Keine Ahnung. Moore die Langweilerin hat ihrem Namen anscheinend mal wieder alle Ehre gemacht.«

»Könnte man so sagen. Ich war auch gelangweilt. Aber ich habe trotzdem nicht so getan, als wenn ich im Klassenzimmer herumfliege, so nach dem Motto: Kontrollstation, bitte melden. Kontrollstation, können Sie mich hören?« Mit hoher Stimme äffte er Archie nach, was seinen Freunden ein boshaftes Kichern entlockte. »Wie kann es eigentlich sein, dass ich zweimal Mülldienst dafür bekomme, dass ich der Smith die Meinung gesagt habe, und du kommst mit deinen Faxen einfach so davon? Du hast dich benommen wie die Puppe in diesem Trickfilm, die glaubt, sie könnte fliegen. Du weißt schon, Buzz oder so ähnlich. Vergiss das mit dem Vierauge – von nun an nenne ich dich Buzz

Newman verlieh dem letzten Wort Nachdruck, indem er Archie einen Schubs gab.

»Ihr könnt jetzt gehen, Fettie und Buzz«, sagte er fies grinsend und trat zur Seite, um Archie und Barney vorbeizulassen.

Die beiden warfen sich noch einen Blick zu, bevor Barney die Tür öffnete.

»Tschüss, Hirni«, verabschiedete sich Archie und trat in die Nachmittagssonne hinaus.

»Wir sehen uns morgen, Buzz Lightwater.«

»Du meinst wohl Lightyear, du Hornochse«, murmelte Archie leise.

»HEY!«, rief Newman. »Was hast du gesagt, Buzz?«

»Ich? Nichts«, antwortete Archie unschuldig. »Ich habe mich vielleicht verhört, aber es schien mir so, als wenn du gerade Lightwater gesagt hättest.«

»Ja? Und wenn?«, schnaubte Newman.

»Du meintest wahrscheinlich Buzz Lightyear«, stellte Archie betont langsam fest.

»Nein, meinte ich nicht.« Newman verteidigte hartnäckig seinen Standpunkt, wobei er die Fäuste ballte und die Stirn runzelte.

»Mein Fehler.« Archie lächelte betont nett. »Wer ist also dieser Buzz Lightwater?«

Newman betrachtete Archie einen Augenblick, bevor er sich umdrehte, um in die Gesichter seiner erwartungsvoll dreinblickenden Freunde zu sehen. Kurz dachte er noch über mögliche Alternativen nach, bevor er sich entschloss, seinen Standardspruch zu sagen: »Macht sie fertig!«

Zwei der Schläger schnappten sich Barney, entrissen ihm den Rucksack und leerten dessen Inhalt auf dem Schulflur aus, bevor sie begannen, ihn mit Fäusten und Füßen zu traktieren. Archie nahm sich Newman persönlich vor. Der bereitete sich gedanklich schon mal auf die Schmerzen vor, die nun wohl oder übel auf ihn zukamen. Archie war nicht nur wesentlich kleiner als Newman – er hatte sich auch noch nie in seinem Leben mit jemandem geprügelt. Aber als Newmans Fäuste dann tatsächlich auf sein Gesicht zuflogen, überkam Archie ein merkwürdig beherrschtes Gefühl.

Als wenn er nie etwas anderes gemacht hätte, sprang er zurück, wich zur Seite aus und blockte die Schläge ab. Als Newmans heftige Attacken nachließen, verlagerte Archie wie von selbst sein Gewicht auf den linken Fuß, lehnte sich zurück und trat mit dem rechten schwungvoll gegen die Brust seines Gegners. Zu seiner eigenen Verwunderung haute der Tritt seinen brutalen Widersacher aus den Latschen. Newman wurde nach hinten geschleudert, wo er reglos auf dem Rücken liegen blieb.

Als seine Freunde sahen, dass Newman zu Boden gegangen war, ließen sie von Barney ab und machten sich aus dem Staub. Newman selbst stand so schnell er konnte wieder auf, hob den Zeigefinger und ermahnte Archie, nächstes Mal besser aufzupassen, bevor er sich peinlich berührt zurückzog.

»Krass, Alter!« Barney lachte. »Das war cool! Was ist in dich gefahren?«

Archie steckte die Hände in die Taschen und zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung«, erklärte er, immer noch kreidebleich vor Schreck. »Das ging plötzlich wie von selbst.«

»Nur, dass wir uns in Zukunft verstehen …« Barney tupfte seine blutende Lippe mit einem Taschentuch ab, während er seine James-Bond-Brotdose einsammelte. »Gehen Sie nicht zum Angriff über bedeutet so viel wie Leg dich besser nicht mit Harvey Newman an

»’tschuldigung«, sagte Archie und reichte seinem Freund ein paar seiner auf dem Boden verteilten Bücher. »Ich dachte, das wäre irgendein Geheimcode.«

»Wofür? Uns gepflegt eine reinhauen zu lassen?«

Barneys Kommentar entlockte Archie nur ein müdes Lächeln.

»M wird mich umbringen, wenn sie meine Jacke sieht«, bemerkte Barney, einen Riss in seinem Ärmel betrachtend.

»Sag deiner Mutter, dass es meine Schuld war.«

Barney grinste und schüttelte den Kopf. »Ein Agent lässt nie einen Kollegen auffliegen. Und außerdem hat es sich auf jeden Fall gelohnt, den Tritt zu sehen, den du Newman verpasst hast. Du hast dich aufgeführt wie einer von diesen schrägen Ninjakämpfern. Mal ganz ehrlich, wo hast du das gelernt?«

Archie versuchte sein Zittern zu unterbinden, indem er die Hände in den Taschen zu Fäusten ballte. »Keine Ahnung, ehrlich!«

»Das war krass«, sagte Barney. »Total verrückt – aber abgefahren.«

Auch Archie musste nun lachen. »Wirklich alles klar bei dir?«

»Fühle mich ein bisschen durchgeschüttelt«, gab Barney zu. »Geschüttelt, nicht gerührt.«

Kapitel 3

BOMBE.tif

»Du hast zwei unbekannte Flugobjekte auf sechs Uhr.«

Ohne zu zögern, reagierte Archie Hunt auf die vertraute Stimme in seinem Headset. Er betätigte beide Schubhebel und zog den Steuerknüppel an sich, worauf der Jet prompt ansprach. Archie flog eine Dragonfly 600, ein fortschrittliches Geschäftsreiseflugzeug, das für seine unglaubliche Leistung im Kunstfliegen bekannt war. Von einem lauten Heulen der Motoren begleitet, richtete sich die Flugzeugnase ruckartig auf und die Dragonfly setzte zum Steigflug an.

Archie warf einen Blick nach links und unterdrückte ein Stöhnen, als er von der starken Beschleunigung in den Sitz gedrückt wurde. Weit unter sich sah er inmitten von Kreidefelsen und Sandstränden den Ärmelkanal. Die Wasseroberfläche glitzerte in der Nachmittagssonne. Nun waagerecht in seinem Sitz liegend, schob Archie den Knüppel nach vorne, sodass der Jet ähnlich einer Rakete senkrecht in den blauen Himmel stieg. »Yeeehaaah!«

Die Stimme in Archies Headset meldete sich leidenschaftslos. »Vergiss nicht, dass du nicht Captain Kirk bist und hier auch nicht die Enterprise fliegst. Überprüfe lieber deine Geschwindigkeit.« Archie sah auf die beiden Bildschirme, die sich auf der Flugzeugarmatur vor ihm befanden, und verstand sofort.

Die beiden Triebwerke der Dragonfly würden den Belastungen des Steigflugs nicht mehr lange standhalten. Der Jet gewann zwar an Höhe, verlor dafür aber an Geschwindigkeit wie ein Radfahrer, der im Leerlauf bergauf fährt. Bald würde er an Schwung verlieren und wie ein Spielzeugflieger vom Himmel fallen.

Archie zog das Höhenruder zurück und richtete die Tragflächen waagerecht aus, sodass der Jet zum Looping ansetzte und sich kurze Zeit später in die Rückenlage drehte. Ein Anflug von Panik überwältigte Archie für einen kurzen Augenblick, als er aus seinem Sitz fiel. Sobald seine Schulterriemen ihn auffingen, war dieses Gefühl jedoch verflogen. Kopfüber in seinen Anschnallgurten hängend schob er den Steuerknüppel nach vorne, um zu verhindern, dass die Dragonfly an Höhe verlor, und überprüfte seine Messgeräte. Als er einen kurzen Blick auf die Küste über ihm warf, fühlte Archie, wie ihm die Augen aus seinem nun stark durchbluteten Kopf hervortraten. Er presste das Höhenruder gegen seinen linken Oberschenkel, und die Erde drehte sich um die Nase des Flugzeugs, bis sie sich wieder unter ihm befand. Als er die Tragflächen ausbalanciert hatte, stellte er alle Instrumente zurück in ihre Ausgangsposition und beendete die Überschlagrolle ruckartig.

»Achte auf deine Geschwindigkeit.« Die Stimme in Archies Headset war ruhig, aber bestimmt.

Archie schob die Schieberegler nach vorne, aber der Flugwinkel des Jets war zu steil. Seine Reaktion war zu langsam gewesen. Der Flieger begann wie ein sinkendes Schiff zu schlingern. Die Dragonfly drehte sich nach links und geriet für einen Moment wieder in Rückenlage, bevor sie spiralförmig nach unten sauste.

Die Standardmethode zum Ausleiten des Trudelns kannte Archie in- und auswendig. Er sagte sie in Gedanken auf, während der Jet weiter nach unten stürzte. Er lockerte seinen Griff um den Steuerknüppel und trat mit dem linken Fuß auf das Pedal des Steuerruders, wobei er sich streng an die vorgeschriebene Prozedur hielt. Die Flugzeugnase schien sich weiter nach unten zu bewegen, wobei sich der Jet nach wie vor im Uhrzeigersinn um die eigene Achse drehte, wenn auch langsamer als zuvor. Er betrachtete den Höhenmesser und hoffte, dass es mit den Pirouetten bald ein Ende haben würde.

Die Dragonfly war bereits über tausend Meter tief gefallen. Die übrigen dreitausend Meter, die Archie von einer Katastrophe trennten, würde sie in weniger als einer Minute zurücklegen. Archie sah durch die Frontscheibe und kam zu dem Schluss, dass sich die Welt unter ihm nun zwar langsamer drehte, ihm dafür aber schneller entgegenkam und dabei erschreckend schnell größer wurde. Als würde er den Ort des Einschlags bei Google Earth heranzoomen, wurden nun winzige Details sichtbar. Er erkannte die Dünung des Ozeans und die bunten Windsurfer, die von einer leichten Brise über die kleinen Wellen an seiner Oberfläche getragen wurden. Und das Flugzeug fiel weiter.

Sekunden vergingen.

Der Jet fiel einige weitere hundert Meter.

Die Dragonfly hatte praktisch aufgehört, sich zu drehen, als der Höhenmesser eintausendfünfhundert Meter anzeigte. Mit Archies Beherrschung war es nun vorbei. Er zog den Steuerknüppel an sich.

»Warte noch einen Moment!«, drängte ihn die Stimme in seinem Headset, aber es war zu spät.

Der Luftstrom glitt immer noch nicht gleichmäßig über die Tragflächen und Archies übereiltes Vorgehen verschlimmerte die Situation zusätzlich. Der Jet stürzte spiralförmig nach unten, sodass die Welt unter Archie für den Bruchteil einer Sekunde heftig rotierte.

»Ich übernehme.«

Archie stockte vor Angst der Atem, als sein Vater nach dem Steuerknüppel zwischen seinen Knien griff. Richard Hunt hatte als ehemaliger Testpilot der Royal Air Force unzählige Kampfaufträge über dem Irak und dem Balkan geflogen. Nachdem er schon in sehr jungen Jahren sein Können und seinen Mut unter Beweis gestellt hatte, war er für den SFS rekrutiert worden – den hoch spezialisierten Special Flying Service, eine elitäre Fliegerstaffel, die darauf trainiert ist, auf feindlichem Gebiet zu landen und dort verdeckt zu arbeiten. Während jeder über die Spezialeinheit der britischen Armee, den Special Air Service und seine Einsätze Bescheid wusste, war der SFS so geheim, dass nur eine Handvoll der höchsten Regierungsbeamten überhaupt Kenntnis von seiner Existenz hatten.

Archie wusste, dass einzig und allein sein Vater ihn nun noch retten konnte.

Vom Geschehen sichtbar unbeeindruckt stellte Richard Hunt das Seitenruder ganz nach links und die übrigen Instrumente zurück auf null. Dann begann er mit ruhiger Stimme – ganz wie ein Chirurg, der einem nervösen Patienten die bevorstehende Behandlung erklärt – über die Sprechanlage mit Archie zu reden.

Während sein Vater ihm seine Vorgehensweise erklärte, rutschte Archie in seinem Sitz nach hinten und umklammerte instinktiv seine Armlehnen. Die beängstigende Nahaufnahme der Wasseroberfläche nahm nun die gesamte Frontscheibe ein und würde sich ihren Weg durch die zertrümmerte Kanzelhaube des Jets bahnen, sollte es ihnen innerhalb der nächsten fünfzehn Sekunden nicht gelingen, den Sturz der Dragonfly abzufangen.

Richard sprach weiter: »Fünfhundert Meter, Rotationswert null, erneute Höhengewinnung wird bei dreihundertfünfzig Metern eingeleitet.«

Der Anblick des ungewöhnlichen Düsenjets, der abzustürzen schien, hatte die Aufmerksamkeit einiger Touristen an den Stränden von Englands Südküste auf sich gezogen. Während einigen einfach nur die Kinnlade heruntergeklappt war, hatten andere schon ihre Handys gezückt, um den nahenden Aufprall zu fotografieren, wobei sie darüber nachdachten, wie teuer sie ihre exklusiven Aufnahmen wohl an interessierte Privatsender verscherbeln können würden.

Aber als sich alle bereits sicher waren, in Kürze Zeugen eines schrecklichen Flugzeugabsturzes zu werden, gewann der silberne Jet mit den Pfeilflügeln plötzlich wieder an Höhe. Gefährlich nah an der Wasseroberfläche kam er fast mit den Wellen in Berührung, was seinem Publikum regelrecht den Atem raubte. Dann riss er sich aus dem Sturzflug und stieg steil in den Himmel auf, wobei er – nach jeder Neunzig-Grad-Drehung einige Sekunden in seiner Fluglage verharrend – eine tadellose Vier-Zeiten-Rolle vollführte.

Archie atmete lang und tief aus.

»Tut mir leid«, entschuldigte er sich.

»Wir sind unbeschadet davongekommen.« Richard steuerte das Flugzeug zurück in Richtung Insel.

Die Dragonfly kreuzte die Küste und setzte wie ein Insekt, das vorsichtig die Haut eines schlafenden Nashorns anpeilt, über einem bewaldeten Tal zur Landung an. Richard fuhr das Fahrgestell mithilfe eines Hebels aus und zog den Jet scharf nach rechts. Über dem großzügig geschnittenen, aus Chrom und Glas gebauten Haus, in dem er mit Archie wohnte, flog er eine letzte Kurve.

Bei der SFS war Richard den Harrier Jump Jet geflogen, eine Maschine, die auf der Stelle schweben sowie senkrecht starten und landen konnte, da der Schub ihrer Motoren durch verstellbare Düsen gelenkt wurde. Im Anschluss an seine Zeit als Testpilot hatte Richard ein Team von Ingenieuren zusammengestellt, das sich diese Schubvektorsteuerungstechnologie der Harrier zum Vorbild nahm, um das erste Privatflugzeug mit Vertikaler Start- und Landetechnologie (VSLT) zu entwickeln – die Dragonfly.

Sie war besonders bei Millionären beliebt, denn sie teilte die Vielseitigkeit ihrer Helikopter, konnte dabei aber fünfmal so schnell fliegen. Richard hatte einen Teil des ansehnlichen Gewinns, den er mit seiner Firma »Hunt Aviation« erwirtschaftet hatte, gespendet und dem Roten Kreuz so eine Flotte von Dragonflys finanziert. Sie waren von unschätzbarem Wert, wenn es um das schnelle Bereitstellen medizinischer Hilfe für verletzte oder gefährdete Menschen in weit entfernten Kriegsgebieten ging.

Archie strotzte vor Bewunderung, als er beobachtete, wie sein Vater den Jet mit geschickten Bewegungen in einen tadellosen Schwebezustand brachte. Dann zog Richard die Schubhebel zurück und brachte die Dragonfly mit ein paar gekonnten Handgriffen dazu, senkrecht zu landen. Wenige Sekunden später setzte das Fahrgestell auf und Richard fuhr den Jet in seine eigene, maßgeschneiderte Flugzeughalle.

Als die Motorengeräusche verstummten, betätigte Archie den roten Sicherungshebel der Kanzelhaube und schob das Glasdach auf seiner Schiene zurück. In Anbetracht der Katastrophe, die er um ein Haar verursacht hätte, war er mehr als niedergeschlagen. Er war sauer auf sich selbst, weil er das Flugzeug nicht mehr hatte stabilisieren können, und schämte sich, weil sein Vater das Ganze auch noch mit angesehen hatte. Richard Hunt war nicht nur ein anerkannter Testpilot – er war auch die einzige Person auf der Welt, der er immer schon nacheiferte und die er um jeden Preis stolz machen wollte.

Archie hielt sich an der Frontscheibe fest, als er aus dem Cockpit kletterte und ging dann an der glänzenden Flugzeugnase, die der eines Torpedos glich, vorbei auf seinen Vater zu. Archie war schlaksig gebaut, größer als die meisten seiner Mitschüler und neigte daher zu einer gekrümmten Körperhaltung. Mit seinem zerzausten Haar sah er aus wie jemand, der gerade erst aufgestanden war – wären da nicht seine aufgeweckten braunen Augen gewesen, die neugierig durch die rechteckigen Gläser seiner Schildpattbrille guckten.

»Es tut mir leid, Papa«, wiederholte er, wobei er seinem Vater in die Augen sah. »Wird nicht wieder vorkommen.«

»Nein.« Richards Nicken deutete darauf hin, dass er die Entschuldigung seines Sohnes annahm. Archie sah zu seinem Vater auf in der Hoffnung, er möge noch irgendetwas hinzufügen – etwas Zuspruch, vielleicht ein kleines Lob zur Aufmunterung. Immerhin strich Richard seinem Sohn noch durch die Haare, bevor er das Thema wechselte: »Lass uns nachsehen, was es zum Kaffee gibt. Ich bin schon total ausgehungert.«

Später am Abend war Archie gerade bei Facebook online, als er eine Nachricht von jemandem bekam, der anstelle eines Profilfotos ein silbernes X auf rotem Grund hochgeladen hatte. Nachdem er die Nachricht zwei Mal gelesen hatte, griff er zu seinem Handy und wählte Barneys Nummer.

»Was geht bei dir?«, fragte Archie.

»Nichts.«

»Kannst du morgen vor der Schule vorbeikommen?«

»Geht klar. Was gibt’s denn?«

»Ich hab grad so ’ne komische Nachricht auf Facebook bekommen. Vielleicht wirst du ja daraus schlau.«

Kapitel 4

BOMBE.tif

Seit mehreren Minuten schon starrte Barney gebannt auf den Bildschirm in Archies Zimmer und las die Nachricht zum achten Mal laut vor, wobei seine Stimme vor Begeisterung zitterte.

Mein Deckname ist X-Ray. Du kennst mich nicht – ich stehe im Regierungsdienst. Wenn du etwas für die nationale Sicherheit tun willst, komm morgen um 08:00 Uhr zur Ecke Ashdown Road / Cavendish Way. Keine Begleitung.

»Gib es zu«, sagte Archie und knuffte seinem Freund leicht in die Schulter.

»Was?«, fragte Barney, der es endlich schaffte, seinen Blick vom Bildschirm abzuwenden.

»Ich habe dich enttarnt, Agent X-Ray.«

»Wie bitte? So ein Quatsch! Ich habe dir das nicht geschickt.«

»Ehrenwort?«

»Ich schwöre auf mein signiertes SilverFin-Exemplar.«

»Okay. Aber wenn du mir das nicht geschickt hast, wer dann?«

Barney riss die Augen auf und japste: »Vielleicht tatsächlich der MI6?«

»Bestimmt. Zweifelsohne die wahrscheinlichste aller Möglichkeiten«, bemerkte Archie trocken. »Nur für den kaum vorstellbaren Fall, dass mich kein Agent des britischen Geheimdienstes kontaktiert hat – wer könnte die Nachricht verschickt haben?«

»Was ist mit Newman? Der steht vielleicht mit Verstärkung an der Ecke und wartet auf dich, um sich für die Tracht Prügel von neulich zu rächen.«

»Nee.« Archie schüttelte den Kopf. »Sieh dir mal die Rechtschreibung an.«

Barney sah auf den Bildschirm und nickte. »Ich weiß, was du meinst. Newman könnte nie im Leben Regierungsdienst buchstabieren.«

»Würde mich wundern, wenn er das überhaupt aussprechen kann.«

Barney lachte und schob sich das letzte Viertel einer gebutterten Scheibe Toast in den Mund.

»Du schiebst dir den Toast rein wie eine Hyäne ein Huhn. Oder was die auch immer fressen.« Archie zog eine Augenbraue hoch. »Hast du heute Morgen nicht gefrühstückt?«

Barney schüttelte den Kopf und winkte ab, während er den letzten Happen hinunterschluckte. Dann erklärte er: »Na klar. Aber das ist nun schon fast vierzig Minuten her!«

»Kein Wunder, dass du schon wieder hungrig bist. Wir können von Glück sagen, dass du auf dem Weg zu mir nicht umgekippt bist.« Archie zeigte auf den Monitor. »Ich habe versucht, zu antworten, aber es geht nicht.«

Barney nickte wissend. »Dann arbeiten sie wahrscheinlich mit einem System anonymer Server, um ihre Spuren zu verwischen. Ein typisches Ablenkungsmanöver des Geheimdienstes.«

»Gibt es das wirklich, oder hast du das aus einem deiner Agentenfilme?«

»Nein, das stimmt. Ich schwöre«, erklärte Barney unbeirrt. »Hab ich bei Spooks – Im Visier des MI

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