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Russisches Roulette – Ein Land riskiert seine Zukunft

Inhaltsübersicht

VORWORT

I. TOTENGRÄBER DER SOWJETUNION

Lauter Putins, wohin man schaut

Schwerelos in Unterhosen

Leere Regale, leere Kassen

Das Ende der Verbannung

Der Kosmopolit und der Nationalist

Die Grande Dame der russischen Menschenrechtler

Unversöhnliche Rivalen

II. GLASNOST UND PERESTROIKA

Gorbi-Manie

Alles Lüge

Kämpfer an allen Fronten

Jelzins Aufstieg

Der Zerfall

III. DER STEINIGE WEG ZUR DEMOKRATIE

Erdbeben und Krieg

Berg-Karabach

Neue Medien – neue Demokratie?

Vorwärts und zurück

IV. DER RASANTE WIRTSCHAFTLICHE NIEDERGANG UND DER MÜHSAME AUFSTIEG

Von der Kommunalka zur WG

Ein Land erstarrt

Nördliches Kuwait

»Dort ist es gut, wo wir nicht sind«

V. GESCHICHTSSTUNDEN

Gespaltene Vergangenheit

Der Maulwurf der Geschichte gräbt unauffällig

Spurensucher

Mutter Heimat

Ein leibhaftiger Stalin-Enkel

Jugend voran

VI. LAND HINTER STACHELDRAHT

»Russische Gefängnisse sind nie leer, sondern entweder voll oder überfüllt«

Russlands Gefangener Nr. 1

Nur wer geliebt wird, bessert sich

VII. RUSSLANDS NEUE GEFAHR

Europas schwierigste Region

»Wer in die Vergangenheit zurückschaut, dem soll ein Auge ausfallen«

Dank

BILDTEIL

LITERATURVERZEICHNIS

BILDNACHWEIS

|7|VORWORT

Noch immer wird das einstige Reich des Bösen oder der große Bruder als düster und Furcht einflößend wahrgenommen. Russen machen gern glauben, ihr Land sei nicht zu begreifen. Die Demokratie sei ihm fremd, eine christlich-orthodox geprägte Monarchie mit einem starken Herrscher entspreche dem Charakter Russlands weit mehr. Das ist ein Mythos, der möglicherweise mit dem Hintergedanken verbreitet wird, die Massen mögen sich um ihre privaten Belange kümmern, jedoch nicht in die Politik einmischen. Zurück zur Lethargie wie zu Sowjetzeiten? Für die herrschende politische Klasse ein verlockender Gedanke. Noch immer fühlt sich Russlands Politelite von kritischen Geistern so sehr gestört, dass sie sie am liebsten ganz ausschalten würde. Vor jeder Wahl werden die Hürden für die Opposition noch ein Stück höher gelegt. Weitaus lieber werden immer wieder neue Parteien von oben gegründet.

20 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion ist Russland von demokratischen Verhältnissen weit entfernt. An die Stelle der überwundenen Diktatur ist die Autokratie getreten. Mit Wladimir Putin an der Spitze, der nach seiner Auszeit als Ministerpräsident wohl in das Präsidentenamt zurückkehren wird. Das System Putin lässt die Bürger so lange in freier Rede und marktwirtschaftlichem Wirtschaften gewähren, wie sich diese in gebührendem Abstand vom Machtzentrum halten. Rührt jedoch jemand an den Kerninteressen, wird entschlossen zugeschlagen. Etwa, wenn eine Region (wie Tschetschenien) die Föderation verlassen und damit Russland vermeintlich schwächen will. Oder wenn jemand das Gas- bzw. Ölgeschäft stört. Wie Chodorkowski. Unter dem Deckmantel der Rückverstaatlichung eines Teils der Naturressourcen teilt die Machtelite |8|das Geschäft unter sich auf. Ohne gesellschaftliche Kontrolle.

Russland, das zeigte die jüngste Finanzkrise, hat seine wirtschaftliche Rückständigkeit längst nicht überwunden. Die Zahl russischer Milliardäre hat sich während der Krise halbiert, was die Menschen, die noch nicht einmal ihren Lohn bekommen haben, wahrlich nicht bedauerten. Einem großen Teil der kleinen Leute geht es inzwischen wirtschaftlich besser als in der Sowjetzeit, aber die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter. Muss Öl auf dem Weltmarkt teuer bezahlt werden, geht es Moskau gut, sinkt der Preis, droht ein großes Loch im Staatshaushalt. Nicht anders als zu Sowjetzeiten. Nach wie vor lebt das Land fast ausschließlich vom Verkauf von Energie und Rohstoffen. Die Wirtschaft ist geprägt von der veralteten Infrastruktur, die schon unter Breschnew oder noch früher entstanden war. Leuchtturmprojekte werden angekündigt, aber nur im Ausnahmefall tatsächlich verwirklicht. Der Kollaps ist absehbar: Je schneller der Westen auf erneuerbare Energien umsteigt, je weniger Gas und Öl er in Russland einkauft, desto früher bricht Russlands Wirtschaft zusammen. Bislang hat die Kreml-Führung auf diese Herausforderung keine Antwort. Ebenso wenig ist sie vorbereitet auf die Gefahr, die von der Nutzung der Atomkraft ausgeht. Sie wird nach Sowjetmanier beiseite gewischt. Trotz Tschernobyl, trotz Fukushima.

Haben Gorbatschow und Jelzin den Russen – so empfinden es jedenfalls viele von ihnen – jeglichen Nationalstolz geraubt, so konnte ihn Putin wieder wecken. Der hohe Ölpreis brachte in seiner Amtszeit als Präsident den ersten wirtschaftlichen Aufschwung nach Jahren des Niedergangs. Blickt Putin zurück in die Vergangenheit, verweist er lieber auf die heroischen Momente, wie den Sieg über den Hitlerfaschismus, dem uneingeschränkt gehuldigt werden muss, als auf die unrühmlichen Kapitel der Sowjetdiktatur. Den Umgang mit der eigenen Geschichte vertraut die Regierung noch heute statt Wissenschaftlern |9|Ideologen an, deren Erkenntnisinteresse vom Machterhalt bestimmt wird und nicht von den Lehren, die aus den unheilvollen Jahren der Diktatur gezogen werden müssten.

Das geschrumpfte Imperium geht mit seinen ehemaligen Brudervölkern stiefmütterlich um. Mit fast allen liegt es im Clinch, beansprucht mit Selbstverständlichkeit die Führungsrolle, schert sich wenig um deren Souveränität und verteidigt seine Interessen auch mit kriegerischen Mitteln wie in Georgien.

Russlands Zukunft ist in Gefahr, wenn die Machtelite nicht lernt, auf die Bedürfnisse der Nachbarn und nationaler Minderheiten im eigenen Land einzugehen. Die Politik der harten Hand entlädt sich in immer neuen Kriegen, in Terror und Gewalt, die für das Reich schon jetzt eine bedrohliche Sprengkraft entwickelt haben. In keinem Land sind brutalere Attentate verübt worden.

Russland teilt zahlreiche Interessen mit dem Westen: Es ringt um wirtschaftliche Stabilität und Aufschwung, kämpft gegen die Klimakatastrophe, wird stark bedroht vom islamistischen Terror. Leider stellt sich die politische Spitze diesen Herausforderungen meist auf althergebrachte Weise: Mit staatlichen Plänen für den wirtschaftlichen Strukturwandel, der dann doch nicht erfolgt. Mehrmals wurde beschlossen und verkündet, Zukunftstechnologien zu fördern. Bis heute wird kein einziges russisches Hochtechnologieprodukt exportiert.

Mit Druck und harter Hand, aus der Position des Stärkeren heraus gehen russische Ordnungskräfte gegen vermeintliche Extremisten und Separatisten vor, die nicht selten gegen Moskau antreten, weil sie Opfer russischer staatlicher Willkür geworden sind. Weit sinnvoller, weil nachhaltiger wäre die Beseitigung der Konfliktursachen, im Kaukasus beispielsweise die Verbesserung der desolaten wirtschaftlichen Lage.

Russland spielt mit seiner Zukunft, weil es bisher aus seiner Vergangenheit zu wenig gelernt hat.

|11|I. TOTENGRÄBER DER SOWJETUNION

Lauter Putins, wohin man schaut

Im August 1999 erschien Wladimir Putin auf der politischen Bühne Russlands. Ehemaliger KGB-Mitarbeiter, zu jenem Zeitpunkt Chef des in FSB umbenannten Geheimdienstes. Der nahezu Unbekannte wurde rasch populär. Er bezeichnete den Zerfall der Sowjetunion als größte Tragödie des 20. Jahrhunderts und sprach damit der Mehrheit der Russen aus dem Herzen. Andererseits wuchs bei den demokratisch gesinnten Kräften die Sorge, dass sich Russland keine zehn Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion wieder in eine Diktatur zurückverwandelt. Michail Gorbatschow und Boris Jelzin, den letzten sowjetischen und den ersten russischen Präsidenten, verachten viele Russen, weil sie in ihnen die Totengräber der Sowjetunion sehen.

 

Ich begebe mich zunächst auf die Spur der Putin-Fans. Mit meinem Dienstwagen, der für Russland extra mit verstärkten Stoßdämpfern ausgerüstet worden war, fuhr ich buchstäblich ins hinterste Dorf: ganz in den Westen des Landes, wo die Grenzen von Russland, der Ukraine und Weißrussland zusammentreffen.

»Wo der Präsident wohnt? Dort drüben, das dritte Haus auf der rechten Seite.« In Sagutjewo, fünfhundert Kilometer westlich von Moskau kennt jeder den »Präsidenten«. Durch das Dreihundert-Seelen-Dorf führt keine Straße. Die Häuser rechts und links trennt ein breiter Grasstreifen. In dessen Mitte fließen Abwässer, und kleine Müllhäufchen kokeln vor sich hin. Immerhin: In Sagutjewo mit seinen Holzhäuschen, den Isbas, wo die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, haben sie ihren eigenen »Präsidenten«. Auch einen Wladimir Putin. Genaugenommen heißen sogar vier Männer im Dorf Wladimir |12|Putin, aber Präsident sagen sie nur zu einem: dem richtigen WWP, Wladimir Wladimirowitsch Putin. Er ist noch kein richtiger Mann, aber er hat seinem Namensvetter im Kreml Anfang des Jahres 2000 einen Brief geschrieben. Dass er nicht einmal Gummistiefel besitzt, geschweige denn richtig warme Winterschuhe. Seitdem herrscht in dem Ort, in dem sämtliche Putins neuerdings mit erhobenen Häuptern umherstolzieren – wie die Nicht-Putins finden – helle Aufregung. Die Frauen, die sich vor der Kolchosverwaltung versammelt haben, weil es keinen Marktplatz gibt, reden alle durcheinander. »Hier bei uns in Sagutjewo ist der Name Putin sehr verbreitet. Oder auch der Name Kulagin. Wieso glauben die, dass dieser Putin unbedingt was mit dem in Moskau zu tun haben soll?«, zetert eine breithüftige Sechzigjährige, die sofort unterbrochen wird von einer anderen, Olga. Die wundert sich, wie ausgerechnet so ein Kind, das in der Schule nur Zweien bekommt (eine russische Zwei entspricht einer Vier im deutschen Schulsystem), mit dem Präsidenten verwandt sein soll. »Wenn er mit ihm verwandt sein will, dann müsste er in der Schule zumindest Vieren schreiben. Also wenn ich der Putin wäre, der in Moskau im Kreml, ich würde mich bedanken für solch eine Verwandtschaft!« Ein russisches Sprichwort sagt: Zwei Frauen sind ein Markt. Dass Olga so schlecht von Wladimir Putin, dem 13-Jährigen, redet, spricht sich sofort herum. Schon prescht Natascha Putina, seine Mutter, in die tratschende Runde und bringt Olga lautstark zum Schweigen. Beide Frauen halten den Mund, als sich ein Mann in die Menge drängt. »Ich heiße Putin, Wladimir Ilijanowitsch. Außer mir gibt es noch dreißig andere Putins in Sagutjewo, und dort drüben im Dorf »Weiße Birke« gibt es noch zehn.« Verwechseln könne man sie nicht, keinesfalls. Der eine heiße schließlich Michail, der andere Alexander, der wohnt hier gleich in der Nähe, das ist der Alexander Wassiljewitsch, dann gibt es noch Pjotr Filatowitsch, Michail Filatowitsch und einen Nikolai Borisowitsch Putin und Iwan Borisowitsch Putin, na ja und so weiter. Von den vier Wladimir |13|Putins tragen nur zwei den »richtigen« Vatersnamen Wladimirowitsch: sein Sohn, der ist 27 Jahre alt, aber fortgezogen, und eben der kleine Wladimir, der den Brief nach Moskau geschrieben hat.

Im Dorf haben sie auch eine Olga Gorbatschowa, aber sie heißt eben nur Olga, nicht Raissa, wie Michail Gorbatschows Frau. Für alle Putins aus Sagutjewo stand sofort fest: Die Wurzeln des jetzigen russischen Präsidenten liegen in ihrem Dorf. Ein Siedler namens Putin hatte fünf Söhne, von denen sei einer lange vor der Revolution nach Sankt Petersburg gegangen.

Wladimir Putin, der 61 ist und Traktorist, beteiligt sich nicht am allgemeinen Neidgeschwätz im Dorf. Ihm gefällt, was den Rest des Dorfes so aufbringt: dass der kleine Wladimir Putin in seinem Brief den großen und mittlerweile weltberühmten Namensvetter nach Sagutjewo eingeladen hat.

Jetzt mischt sich die Mutter wieder ein: »Wowa saß zu Hause, ihm war langweilig, und da schrieb er seinen Brief: »An Wladimir Wladimirowitsch Putin von Wladimir Wladimirowitsch Putin.«

Der Traktorist Putin malt sich den hohen Besuch des Namensvetters in den schillerndsten Farben aus. »Na, worüber würden wir reden? Über die Landwirtschaft. Der Kolchos zerfällt, jahrzehntelang wurde keine einzige neue Maschine gekauft. Wie auch, wenn noch nicht einmal die Löhne gezahlt werden. Vor einem Jahr bekam ich das letzte Mal meine 1800 Rubel (rund 60 Euro). Zwischendurch gab es von der Kolchosverwaltung einmal 200 Rubel. Das war alles.« Dann fährt er sich mit der Zunge über die Lippen. »Wir würden ihm Speck anbieten, Brjansker Kartoffeln, würden mit ihm Selbstgebrannten trinken. Wir würden ihn an die Plätze seiner Vorfahren führen, angeln gehen. Wir würden ihm schon zeigen, dass echte Putins etwas von Gastfreundschaft verstehen.«

Die Putins mit ihren vier Söhnen leben von den Renten der beiden Großmütter. Sogar die Strahlenzulage, die nach dem GAU in Tschernobyl gezahlt wurde, das dreihundert Kilometer |14|Luftlinie entfernt liegt, hat der Staat gestrichen. Seit 1992 bekommt Sagutjewo, anders als die beiden Nachbardörfer links und rechts, keine Sonderzahlungen mehr. Natascha Putina, die Mutter des 13-Jährigen, leidet an Krebs, wie viele Frauen hier. Sie wurde operiert, doch die 200 Rubel, um zur Nachuntersuchung in die Klinik zu fahren, kann die Familie nicht aufbringen. Das weiß der kleine Putin auch, deshalb schrieb er den Brief.

Der einzige, der ihn damals zu lesen bekam, war der Schuldirektor: »Er hat sich geschämt, deshalb bat er seinen kleinen Bruder, mir den Brief zu bringen, damit ich ihn durchlese und die Fehler korrigiere. Aber ich hab gesagt, lass ihn so wie er ist, er ist gut.«

Im Januar 2000 warf der Blondschopf mit den Sommersprossen den Brief in den Postkasten, im April flatterte die Antwort ins Dorf.

»Sehr geehrter Wladimir Putin, Ihren Brief an den amtierenden Präsidenten Putin haben wir erhalten. Was Sie über Ihr Dorf und Ihre Familie geschrieben haben, ist sehr interessant. Wir danken Ihnen für die herzlichen Wünsche, die Sie dem Präsidenten übermittelt haben. Wir wünschen Ihnen Erfolg und alles Gute. Der Konsultant der Postabteilung Jachotkin.« Vielleicht wird der Junge darauf antworten und den berühmten Putin noch einmal einladen. Wenn der so gern im Jagdflieger herumdüst und U-Boot fährt, hat er ja vielleicht auch mal Lust, ihren Trecker auszuprobieren.

Wladimir Putin hat es auch zehn Jahre später nicht bis nach Sagutjewo geschafft. Als 2010 die schlimmsten Waldbrände in der Geschichte Russlands wüteten und der Ex-Präsident als Premier jeweils dorthin reiste, wo die Flammen am höchsten loderten, hätte es ihn in das Putin-Dorf verschlagen können. Aber nicht nur weil die Brände dort nicht die verheerendsten waren, machte Putin um Brjansk und Umgebung einen großen Bogen.

|15|Dass die Sowjetunion 1991 zerbrach, hält Wladimir Putin für die größte geopolitische Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts. Dieses unverblümte Geständnis legte er erstmals 2005 ab in seiner Rede zur Lage der Nation vor der Föderativen Versammlung im Kreml. Millionen Russen in den ehemaligen Sowjetrepubliken waren über Nacht Ausländer im ehemals eigenen Land geworden. Sie schmerzt – wie ihn – der Verlust. Die einstige Supermacht hatte an Autorität eingebüßt, vor allem aber an Fläche, selbst wenn es immer noch das größte Land der Welt blieb.

Winzig sieht Moskau von so hoch oben aus, und weit reicht die Stadt, bis zum Horizont. Die Goldenen Kuppeln des Kreml, rechts daneben die Erlöserkirche. Den Gartenring markieren die sieben Stalinbauten, die sich wie Mensch-ärgere-dich-nicht-Steine über das Spielbrett verteilen. Einer steht auf den Sperlingsbergen, das Hauptgebäude der Lomonossow-Universität. Die Moskwa fließt in weit ausholenden, betonierten Bögen durch die russische Hauptstadt. Die Erläuterungen des Architekten dringen wie durch Watte ins Bewusstsein, ich bin benommen von der Aussicht. Wir befinden uns in der sechzigsten Etage des »Federazija«-Turms, 240 Meter über dem Meeresspiegel. Noch ist der Wolkenkratzer im Rohbau. Er ähnelt einem Schmetterling, dem aus dem Rumpf zwei Flügel wachsen. Der Rumpf endet in einer Spitze in 506 Metern Höhe. Der Name steht als Symbol für die Russische Föderation. 2000 Bauleute tummelten sich über Jahre in den beiden Türmen. Monatelang standen die Baukräne still. Doch als es weiterging, schufteten die Handwerker mit noch einmal angezogenem Tempo, um die verlorene Zeit wettzumachen. Chinesen, Türken und Tadschiken. Der entstehende Doppelturm ist Gestalt gewordene Globalisierung. Das »Federazija«-Tragwerk wurde von einer Firma aus New York projektiert, das Windlastgutachten fertigten Kanadier an, die Elektrik ist made in Germany, die Architektur entwarfen Deutsche und Russen gemeinsam.

|16|Um den Doppelturm recken sich weitere Hochhäuser empor, bald sollen es mehr als ein Dutzend sein. Schon jetzt kollabiert der Verkehr im Stadtzentrum täglich. »Die Moskwa wird zugeschüttet, in das Flussbett wird eine Autobahn verlegt«, scherzt der Architekt. Ein Witz, den niemand als solchen versteht, den vielmehr alle für bare Münze nehmen, die sich hierher zur Besichtigung der Baustelle mit dem Auto durch den Straßenverkehr gequält haben. Mit der U-Bahn wäre es schneller gegangen. Anders als die Bewohner der neuen Satellitenviertel an den Stadträndern, die jahrelang auf eine Metrolinie warten müssen, bekommen die Besitzer dieser Geschäfte, Büros und Luxus-Quartiere hier gleich zwei neue U-Bahn-Stationen und sind damit von Anfang an bestens an das gut ausgebaute Nahverkehrsnetz der Metropole angebunden.

In Sichtweite von »Federazija« sollte »Rossija« entstehen und noch höher werden. Doch das gigantische Projekt wurde während der internationalen Finanzkrise gecancelt. Statt im Guiness-Buch der Rekorde steht es nun in der Liste der nie gebauten Türme und schrumpfte auf ein vergleichsweise mickriges Parkhaus.

Als Russland noch in Petro-Dollars schwamm, vor der Krise, gingen mit den Architekten von »Rossija« die Pferde durch. Seit Sowjetzeiten üben Großvorhaben einen übermächtigen Reiz auf russische Städteplaner aus. »Rossija« sollte »Federazija« um ein Drittel übertreffen. Was vieles, wenn nicht alles über die Russische Föderation ausgesagt hätte. Die Russen geben den Ton an. Genau wie früher in der Sowjetunion und noch früher im Zarenreich. Russland ist ein Vielvölkerstaat mit fast hundert Nationalitäten. In ihm vereint sind 21 Republiken, die größte ist die russische, neun Regionen, 46 Gebiete, zwei Städte föderalen Charakters (Moskau und Sankt Petersburg), ein autonomes Gebiet und vier autonome Kreise, insgesamt 83 sogenannte Subjekte.

Es gehören nicht mehr dazu: Estland, Lettland, Litauen, die Ukraine, Weißrussland, Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, |17|Tadschikistan, Turkmenistan, Aserbaidschan, Armenien, Georgien, Moldawien. Zwischen 1990 und 1991 hatte sich eine Sozialistische Sowjetrepublik nach der anderen von der Union losgesagt, bevor diese im Dezember 1991 als klägliches Rumpfgebilde gänzlich zu Grabe getragen wurde. Russland war die größte der 15 Sowjetrepubliken und ließ schon zu Sowjetzeiten kaum jemand anders neben sich gelten. Auch in der untergehenden Sowjetunion legte die Russische Sowjetrepublik besonderen Wert auf ihren Sonderstatus. Boris Jelzin, der erste frei gewählte russische Präsident, stellte Russlands Schicksal über das der damals noch existierenden UdSSR. Um Russland zu bekommen, opferte er die SU. Die wurde in der Sowjetpropaganda stets als ein Bund befreundeter Sowjetrepubliken dargestellt, war aber viel eher mit politischem Druck Moskaus zusammengehalten worden, als dass sie auf Freiwilligkeit, gar Freundschaft basierte. Russen dominierten früher die Macht- und Schaltzentralen in allen Sowjetrepubliken. Heute, in den sogenannten Subjekten, ist es nicht viel anders.

Der britische Stararchitekt Sir Norman Forster verlieh dem Giganten »Rossija« auf dem Reißbrett die Gestalt einer Trägerrakete für Weltallflüge, die 612 Meter in den Moskauer Himmel ragen sollte. Nur leider startete die »Rakete Rossija« nicht, ihr war ein Schicksal als Luftnummer beschieden.

Moskau ist kaum wiederzuerkennen. Der erste Mini-Wolkenkratzer, mit dem Restaurant »Red Bar« in der Spitze, befand sich auf dem Kutusowski Prospekt, den die Milizionäre noch immer jeden Morgen, wenn der jeweilige Präsident oder Premier zur Arbeit gefahren wird, absperren. Die »Red Bar« war der erste Vorbote einer Stadtentwicklung, die niemand im größten Land der Erde für möglich hielt, weil sie so widersinnig, so unnatürlich erscheint: Dutzende Wolkenkratzer auf engstem Raum. Denn wenn Russland irgendetwas im Überfluss besitzt, dann ist es schließlich Land, Fläche.

Mein Fahrer Sergej verlässt mit seinem klapprigen Lada den |18|zehnspurigen Kutusowski Prospekt, nimmt die Dorogomilowskaja uliza. In dieser Straße wohnte ich fünfeinhalb Jahre, solange wie ich Russland-Korrespondentin war. Keine zwei Kilometer von den neuen Wolkenkratzern in Moskwa-City entfernt, von denen es zu meiner Zeit erst einen einzigen gab. Der früher markante Kiewer Bahnhof mit den zwielichtigen Bettlern und Rudeln streunender bissiger Hunde ist ins Abseits gerückt. Ein überproportioniertes Einkaufszentrum dominiert jetzt die Straße Richtung Außenministerium. Zehn Jahre hat Moskau gebraucht, bis es sich nach dem Zerfall der Sowjetunion aufrappelte, bis wieder in großem Stil gebaut wurde. Als wollte man die Pause wettmachen, entstanden in atemberaubendem Tempo neue Geschäfte, Hotels, Wohnhäuser. So viele Gebäude dichtgedrängt muten in diesem Flächenland wichtigtuerisch, fast lächerlich an. Demonstrieren zudem eine Modernität, die dem Entwicklungsstand des übrigen Landes ein gutes Stück voraus ist.

|19|Schwerelos in Unterhosen

Sergej und ich stecken fest in einer endlosen Blechlawine, die sich stadteinwärts wälzt, unsere Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt zehn Kilometer pro Stunde. Wenn überhaupt. Wer es sich leisten kann, beschäftigt längst einen eigenen Fahrer für sein Auto, damit er im Wagen zumindest Telefonate oder etwas Büroarbeit erledigen kann. Der Wagen kommt nur im Schritttempo vorwärts. Radfahren wäre schneller. Schicksalsergeben sinniere ich vor mich hin. Der geplante »Rossija«-Turm mit seiner Raketengestalt bringt mich zu Karl Valentin: Zum Mond können sie fliegen, aber ein Mittel gegen Schnupfen haben sie nicht erfunden.

 

Okay: Ein Russe hat noch nicht den Mond betreten, immerhin rumpelte aber das Lunochod über die Mondoberfläche. Und schließlich schossen die Sowjets den ersten Menschen ins Weltall und ließen jahrelang die »Mir«, ihre Weltraumstation, um die Erde kreisen! Allerdings hat die manchmal auch nicht viel besser funktioniert als der Moskauer Verkehr. Keiner weiß das genauer als Alexander Lasutkin, der Pannenkosmonaut, mit dessen Geschichte ich Sergej ablenke vom Stau. 144 Tage, 13 Stunden und 47 Minuten war Lasutkin im All, vom 10. Februar bis 14. August 1997. Alle Ereignisse dieses halben Jahres hat der heute 53-jährige Kosmonaut haarklein dokumentiert. Sein Tagebuch gleicht einer Pannenstatistik. Kurz bevor die »Mir« versenkt wurde, 2001, zehn Jahre nach dem Untergang der Sowjetunion, berichtete er von seiner Höllenfahrt.

Schon der Start der Mission stand unter keinem guten Stern, die Automatik fiel aus, und Kapitän Wassili Ziblijew musste das Andockmanöver der Sojuskapsel an die »Mir« per Handsteuerung |20|vornehmen. Zwei Wochen später brach an Bord Feuer aus. Es erfasste als erstes die Sauerstoffdusche und breitete sich dann über die Belüftungsrohre aus, die eigentlich aus feuerfestem Material bestehen sollten. Der Kosmonaut mit den großen, gutmütigen blauen Augen erzählt mir seine Geschichte mit einer Mischung aus kindlichem Vertrauen in die Errungenschaften der Technik einerseits und Neugier auf Herausforderungen andererseits.

Am 2. April 1997 roch es in der Raumstation nach Frostschutzmittel, kleine Kügelchen aus gesundheitsgefährdendem Ethylen-Glykol schwebten in der Luft, ein Hinweis auf ein Loch im Kühlsystem. Es wurde heiß auf der »Mir«. Volle zwei Monate suchten die Kosmonauten bei 40 Grad Raumtemperatur, nur mit Unterhosen bekleidet, nach dem Leck. Und entdeckten jede Menge Löcher an völlig unverhofften Stellen. Sie hatten sie kaum fertig abgedichtet, da fielen die CO2-Filteranlage, die Wasserherstellungsanlage und die Toilette aus. »Wir haben alles immer wieder hinbekommen und mit jedem Mal sind wir ein bisschen klüger geworden. Wir fühlten uns wie gute Schlosser, die Erfahrung haben und die Technik nicht fürchten.« Wirklich Sorgen bereiteten ihnen diese Pannen nicht. Bis zum 25. Juni, als die Bodenstation ein manuelles Kopplungsmanöver mit dem Transporter »Progress« anordnete. Sobald der sich auf fünf Kilometer angenähert hatte, sollte vom automatischen Betrieb auf Handsteuerung umgestellt werden. Dass ein Andockmanöver über diese große Distanz manuell vorgenommen werden sollte, erschreckte die Besatzung, denn der Handbetrieb begann sonst immer frühestens ab 150 Metern. Und noch etwas weckte das Misstrauen der Kosmonauten: Der Raumtransporter näherte sich der »Mir« mit zehnfach überhöhter Geschwindigkeit. »Als ich sah, wie der Transporter unter dem Fenster heranraste, habe ich mir vor Angst ein Auge zugehalten, aber mit dem anderen habe ich weiter auf Wassili geschaut. Da war es auch schon passiert: Wie ein Geschoss krachte das Transportschiff in die »Mir«. Die |21|Alarmanlage ging los, weil das Raumschiff an dieser Stelle undicht geworden war. Luft strömte aus. Der Aufprall hatte die »Mir« zudem aus ihrer vorgesehenen Lage herauskatapultiert, sie schlingerte, drehte sich weg von der Sonne. Die Solarzellen bekamen keine Energie mehr. Stromausfall auf der ganzen Station. Alles tot. Auf dem Raumschiff, auf dem es normalerweise so laut wie in einem Flugzeug ist, herrschte plötzlich absolute Stille und Dunkelheit. »Anfangs genossen wir das. Aber bald war es so still, dass es schon wieder weh tat.« Sie fürchteten sich, saßen zu dritt am Fenster im Quant-2-Modul, schauten auf die Erde, wo es gerade Nacht war. Sie überflogen Australien und sahen plötzlich ein grandioses, riesiges, wundervolles Polarlicht. Die ganze Antarktis war erleuchtet. »So etwas haben wir danach nie wieder gesehen.«

Kein Strom auf der »Mir« heißt: keinen Kontakt zur Erde, keine Hilfe von außen. Die Mannschaft war ein weiteres Mal auf sich allein gestellt. Michael Foale, dem amerikanischen Kollegen, kam der rettende Einfall: Die Sojuskapsel, mit der die beiden Russen hergeflogen waren, parkte sozusagen in der Garage, an der Andockstelle. Mit der Energie der Sojusbatterie gelang es schließlich, die »Mir« wieder in Richtung Sonne zu drehen. Die Energiekrise war vorbei. Fürs erste.

Wassili Ziblijew machten die ständigen kleinen und großen Katastrophen krank. Er benötigte ab und an dringend eine Auszeit. In diesen Momenten lud Michael Foale ins »Kino« ein. »Er hängte seinen Laptop an die Wand, wir nahmen unsere Plätze ein, hatten was zu essen mitgebracht, Äpfel, Saft, machten das Licht aus, und dann ging es los.«

Sie schauten amerikanische Filme, »Apollo 13« zum Beispiel, der die Geschichte der gescheiterten Mondmission nacherzählt, und fragten sich, wessen Krisen schwieriger zu meistern waren. Alexander Lasutkin fand, dass die Apollo-Kollegen schlimmer dran waren. »Wir konnten jederzeit zur Erde zurück.« Zumindest dachten sie das. Bis sich herausstellte, dass Russland für das Rückholmanöver das Geld ausgegangen |22|war. Erst im August 1997 durften Lasutkin und seine Kollegen die »Mir« verlassen. Völlig erschöpft stiegen sie in die Landekapsel. Das letzte System, das sich verabschiedete, war die Anlage, die für ein weiches Aufsetzen sorgt. Der Motor, der den schnellen Fall abbremsen sollte, fiel aus. Nach der Landung erfuhren die russischen Kosmonauten zu allem Überfluss, dass sie in den Medien, vor allem von Präsident Jelzin persönlich, als Deppen der Nation dargestellt worden waren. Jelzin hatte wieder und wieder im Fernsehen erklärt, dass die Mannschaft schuld war an den Pannen. Seit Jahren war in die »Mir« kein einziger Rubel investiert worden, lebte die Raumstation von der Substanz, wurde nicht zuletzt das Leben der Kosmonauten aufs Spiel gesetzt. Anstatt sich vor die schwer geprüften Kosmonauten zu stellen, ihr Durchhaltevermögen zu würdigen, erweckte Jelzin den Anschein, als seien Idioten geflogen. Wassili Ziblijew ging in die innere Emigration. Keine Interviews, kein einziges Wort zur seiner Verteidigung. Alexander Lasutkin jedoch trat die Flucht nach vorn an, gab seine Erfahrung weiter an nachfolgende Mannschaften, erzählte, aus welchen Katastrophen sich die Truppe immer wieder aus eigener Kraft herausbugsiert hatte. Die »Mir« verglich er mit einem Haus, dessen Substanz gut sei, das aber eine umfassende Sanierung benötigt hätte. Da Moskau das Geld dafür nicht mehr aufbringen wollte, gab es keine Rettung. Die »Mir« – ein sowjetischer Mikrokosmos? Dem Untergang geweiht wie die Sowjetunion? Er seufzt. Leider ja. Mehrere Jahre fühlte sich der frühere Geräteturner jung, fit und vor allem erfahren genug für einen Flug zur neuen internationalen Raumstation ISS. Wenngleich er den Muskelschwund durch den viel zu langen ersten Aufenthalt im All nie mehr kompensiert hat.

Alexander Lasutkins Traum, einmal auf die ISS entsandt zu werden, ließ sich nicht verwirklichen. Weil er, der Pannenkosmonaut, so etwas wie ein schlechtes Omen für ein Unternehmen darstellte? Als die »Mir« am 23. März 2001 im Südpazifik |23|über den Fidschi-Inseln mit drei Bremsschüben zurück in die Erdatmosphäre gelenkt wurde, um dort zu verglühen, ertränkte er seine Trauer im Wodka. Er weinte der »Mir« nach, der Sowjetunion und der Blüte der Raumfahrt.

Zehn Jahre zuvor, 1991, als die Sowjetunion zerfiel, hat er keinerlei Bedauern empfunden. Noch unterstützte Lasutkin Gorbatschow, den letzten Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU und Präsidenten der Sowjetunion. Boris Jelzin, Russlands Präsidenten, verehrte er gar zu jener Zeit. Nie und nimmer hätte er sich damals den Putschisten angeschlossen, die im August 1991 Gorbatschows Reformpolitik noch zurückdrehen wollten. Vielmehr begrüßte er, dass sich Jelzin mit Gorbatschow solidarisierte. Diese beiden verkörperten für ihn Russlands Zukunft, nicht die alte Kommunistengarde. Seit dem Untergang der »Mir« schaut der patriotische Kosmonaut jedoch anders auf die Geschichte.

 

Sergej will mir einen Freundschaftsdienst erweisen und chauffiert mich durch die Stadt. Ein Opfer, denn Sergej ist kein Taxifahrer, sondern Maler. Einer, den die Moskauer Tretjakow-Galerie für zeitgenössische Kunst schon mehrmals gefragt hat, ob er ihr nicht die eine oder andere seiner Arbeiten überlassen möchte. Natürlich möchte er. Noch lieber freilich würde er sie dem staatlich betriebenen Museum verkaufen. Aber das ist ewig klamm, und für Künstler rückt der russische Staat nur ungern seine Petro-Rubel heraus. Sergej und seine Frau Katja, ebenfalls Malerin, könnten das Geld für ein, zwei Bilder gut gebrauchen. In den 15 Jahren unserer Freundschaft habe ich ihre ständigen Geldnöte aus nächster Nähe erlebt. Anfangs wohnten sie in einem der Stalinhochhäuser, die auch »des Diktators Kathedralen« genannt wurden. Jede einzelne soll eine russische Stadt symbolisieren. Die »Kirche« in der Mitte, allerdings ohne Kreuz auf der Turmspitze, war der höchste Wohnblock. Die Gebäude ringsherum gehen ineinander über, staffeln sich wie Kaskaden, immer niedriger werdend, |24|um die »Kathedrale«. Über 2000 Menschen wohnen in Katjas und Sergejs Haus, das in der Nähe des Kremls, am Ufer der Moskwa liegt. In diesem Stalinhaus gab es zu Sowjetzeiten ein Kino, Geschäfte, sie existieren immer noch, ebenso Spielplätze und einen kleinen Park auf dem Garagendach – alles in ihrem Haus. Katja hat die Wohnung als Geschenk ihrer Eltern in die Ehe mitgebracht, Sergej das Atelier, das ebenfalls in der Innenstadt lag. Ein heruntergekommener Altbau. Der Investor, der sich zur Sanierung bereit erklärte, setzte alle Mieter auf die Straße. Auch die Maler, deren Räume der Moskauer Künstlerverband subventioniert hatte. Mehrere Jahre kämpften beide um Ersatz für das Atelier. Die Zweizimmerwohnung im Stalinbau war zu klein, um dort auch noch Staffeleien aufzustellen. Dort ging es ohnehin schon beengt zu mit dem halbwüchsigen Sohn, der ein eigenes Zimmer beanspruchte und seine Eltern samt Gästen in den anderen Raum verbannte, ins Ess-, Wohn- und Schlafzimmer. Zwischen Sohn und Eltern pendelte Kater Lukas, der, wenn er nervte, Lukaschenko genannt wurde – wie der weißrussische Autokrat.

Nach vierjährigem Gezerre bekamen Katja und Sergej vom Künstlerverband endlich Ersatz für das verloren gegangene Atelier: eine Parterrewohnung in einem zwölfgeschossigen Plattenbau am Stadtrand von Moskau. Mit katastrophalen Lichtverhältnissen, jedoch viel Platz. Was beiden die Existenz rettete, ja sogar eine wirtschaftliche Perspektive eröffnete. Solange die Lebenshaltungskosten niedrig waren, schafften sie es immer zu überleben. Als Moskau um die Jahrtausendwende zu einer der teuersten Städte der Welt wurde, erfasste sie Panik. Obwohl sie ihrer Kunst zuliebe immer sparsam und genügsam blieben, wussten sie nicht mehr, wie sie sich noch weiter einschränken sollten. Bis Katja die rettende Idee kam: Ihre Wohnung im Stalinbau mitten im Zentrum an Ausländer oder russische Geschäftsleute zu vermieten und ganz ins Atelier am Stadtrand zu ziehen.

Als sie mir von diesem Plan berichtete, saßen wir in ihrer |25|winzigen Küche. In Moskau herrschte Frost, das Thermometer zeigte knatterkalte minus 18 Grad an. An den Fensterscheiben rankten dicke Eisblumen empor, durch die wir die Turmspitze des Stalinhauses nur noch schemenhaft sehen konnten. Dabei war die Wohnung fast unter dem Dach. Das Porträt der Schriftstellerin Anna Achmatowa stand wie eine Ikone auf dem Kühlschrank. Die Poetin blickte auf uns herab, aus herzzerreißend traurigen Augen. Genau wie der stets betrübten Dichterin, dem Idol aller russischen Intellektuellen, war mir jetzt zumute. Was Katja nicht hören wollte. Froh, endlich einen Ausweg aus der Misere gefunden zu haben, hatte sie kein Ohr für Einwände. Sentimentalität konnte sie sich ohnehin nicht mehr leisten: Sie würden sich Geld für eine »kapitalny remont«, eine umfassende Renovierung, leihen. Neue Fenster einsetzen, das Parkett abziehen, Küche und Bad sanieren lassen. Und das Ganze dann, so teuer es ging, vermieten. Von diesen Einnahmen würden sie ihren Unterhalt bestreiten und derweil im neuen Atelier wohnen. Die vier Zimmer dort reichten gut zum Arbeiten und Leben. Richtig, die Werkstatt lag am Ende der Welt. Ja, sie vermissten die Moskauer Innenstadt schon jetzt. Ob ich etwa eine bessere Idee hätte?

Sonntags, wenn die Straßen leer sind, ist Autofahren in Moskau die reine Freude, und so kam mir ihre Entscheidung, hinaus in die Satellitensiedlung am Stadtrand zu ziehen, keineswegs mehr als so großes Opfer an die Kunst vor. Zumal Katjas Plan aufging. War die Wohnung vermietet, kam Geld ins Haus, das äußerst bedachtsam ausgegeben wurde. Stand die Wohnung ein paar Monate leer, lebten die beiden Maler vom Ersparten aus den besseren Zeiten und von der Hilfe, die Katjas Eltern immer wieder zu leisten bereit waren.

Zu deren Zweizimmerwohnung in einem Neubau im Stadtzentrum sind wir an diesem Sonntag im Mai unterwegs und brauchen nur wenig mehr als 20 Minuten. Boris Israeljewitsch und Natascha Kirillowna, Katjas Eltern, ziehen nur wegen der |26|Familie nicht aus Moskau fort. Ohne ihre Enkel und Kinder würden beide längst Amerikaner sein. Ihr gut gehendes Geschäft können sie an jedem Ort der Welt betreiben. Boris berechnet die nötige Heizleistung für Neubauten und verkauft die passenden Anlagen. Alles per Internet. Natascha, seine Frau, besitzt schon seit 1993 die US-Staatsbürgerschaft. Sie gewann eine Greencard, was in der zusammenbrechenden russischen Wirtschaft damals weit mehr war als ein Sechser im Lotto, es war die Lebensversicherung schlechthin. Wenn sie beide dem finsteren Moskauer Winter nach Los Angeles entfliehen, darf ich ihre Wohnung benutzen. Jetzt, Anfang Mai, haben sie den Tisch mit russischen Vorspeisen gedeckt. Zur Feier des Tages gibt es Bliny mit Süßrahm und rotem Kaviar, gesalzenen Hering, geräucherten Stör, verschiedene Mayonnaise-Salate. Köstlichkeiten, die sie vor zwanzig Jahren, als das zerfallende Riesenreich UdSSR am Rande einer Hungersnot wie zu Kriegszeiten taumelte, nur noch aus Erinnerungen kannten. Natascha und Boris waren damals an die fünfzig Jahre alt. Wie immer lassen sie sich nicht lange bitten, freimütig erzählen sie von den stürmischen Zeiten: »Es begann mit den vielen Beerdigungen. Die Sowjetunion wurde buchstäblich zu Grabe getragen!«, gibt sich Natascha Kirillowna überzeugt. Die Mutter meiner Freundin ist eine nach wie vor bestens informierte und politisch interessierte Frau. Breschnew, Andropow, Tschernenko – gleich drei KPdSU-Generalsekretäre starben zwischen 1982 und 1985. Und jedes Mal mussten Natascha und Boris mit ihren Arbeitskollektiven an den öffentlichen Beisetzungen auf dem Roten Platz teilnehmen. Niemand machte sich noch die Mühe, Trauer vorzuspielen. Wenn kein Funktionär in der Nähe war, rissen Natascha und ihre Kollegen Witze über die, die gerade mit allem Pomp bestattet wurden. Zum Beispiel über Tschernenko, der schon bei seiner Wahl nicht mehr aus eigener Kraft stehen konnte. Hatte sich das Kollektiv ins Kondolenzbuch eingeschrieben, waren der Rest des Tages und noch der nächste arbeitsfrei. »Ein Freund |27|hatte uns schon 1984 von Gorbatschow erzählt«, erinnert sich Boris. Ein ums andre Mal hofften seine Frau und er, dass Gorbatschow an die Macht gelassen wurde. Doch die alten Kader fürchteten seine Vitalität. Natascha und Boris, beide Ingenieure in Moskauer Betrieben, horchten das erste Mal auf, als sie von einem Treffen Gorbatschows mit einfachen, ausnahmsweise nicht handverlesenen Bürgern in Leningrad erfuhren. Boris mutmaßte schon damals, dass Gorbatschow die größten Steine von seinen eigenen Genossen im Politbüro und Zentralkomitee in den Weg gelegt bekam. Boris hatte damals, so sehr er Gorbatschow den Erfolg wünschte, Zweifel an dessen Plänen. Es sollte freie Wahlen geben? Wunderbar. Aber es gab außer der KPdSU keine weitere Partei. Die Gründung von Kooperativen sollte erlaubt werden? Großartig, nur hatten die Menschen in rund siebzig Jahren Sozialismus verlernt, selbst Unternehmen zu gründen. Die Beschäftigten sollten ihre Betriebsdirektoren selbst wählen können? Warum nicht. Allerdings hatte in Boris’ Betrieb ein Alkoholiker, eine Marionette von dubiosen Hintermännern, das Rennen gemacht. Faule Mitarbeiter sollten entlassen werden können? Wie, wenn es zugleich keine Arbeitslosigkeit geben durfte? Die Betriebe sollten die Buchhaltung gemäß der wirtschaftlichen Rechnungsführung einführen? Gut. Wenn jemand dafür die nötigen Gesetze formuliert, ein Steuersystem erarbeitet, Banken gründet. Gorbatschow erlaubte den Übergang zu marktwirtschaftlichen Strukturen, doch die grundlegenden Voraussetzungen dafür fehlten vollständig. Die Zweifel an der Tauglichkeit der Gorbatschow-Ideen überwogen, dessen Glaubwürdigkeit nahm Schaden.

Volk und Regierung hatten bis dahin stillschweigend einen Pakt miteinander geschlossen: Wir tun so, als würden wir arbeiten, und ihr tut so, als würdet ihr uns zu stabilen Preisen versorgen.

Natascha nennt ein Beispiel: »Wenn jemand durch unsere Werkhalle rief: ›Es gibt Wurst!‹, ließen sämtliche Frauen ihre |28|Arbeit stehen und liegen und eilten davon. Keine kehrte an diesem Tag an ihren Platz zurück. Wir reihten uns ein in die ellenlangen Schlangen für die Wurst, die weniger und weniger Fleisch enthielt, zugleich immer teurer wurde. Kam eine Kollegin morgens zu spät, lag es meist daran, dass sie irgendwo auf dem Weg zur Arbeit eine Schlange entdeckt hatte. Prophylaktisch stellten wir uns damals überall an und erkundigten uns erst dann, was es eigentlich gab.« Irgendwann begannen die Betriebe, Lebensmittel in ihren Kantinen zu verkaufen. Erschallte der Ruf »Lieferung!«, stürmten die Frauen mit Einkaufsnetzen jetzt ins »Buffett«. Das sparte die Wege zu den Geschäften. Waren Brot und Milch bislang die einzigen Lebensmittel, für die sich die Sowjetbürger nicht anstellen mussten, blieb ihnen jetzt noch nicht einmal dies erspart.

|29|Leere Regale, leere Kassen

Mit der Versorgung ging es bereits seit 1985 rapide bergab. Das Tempo, mit dem das Land auf sein Ende zusteuerte, erreichte eine rasende Geschwindigkeit. Und das hatte nichts mit Gorbatschows Machtantritt in ebenjenem Jahr zu tun. Die Misswirtschaft hatte Jahrzehnte vorher begonnen. Was seine Feinde unterschlugen. Er sollte jetzt als Sündenbock herhalten, die gesamte Verantwortung für das Ergebnis jahrzehntelanger verheerender Planwirtschaft übernehmen.

 

Seit dem Tod Stalins war die Arbeitsdisziplin zurückgegangen. Der Alkoholismus hatte stark zugenommen, der Pro-Kopf-Verbrauch von Hochprozentigem hatte sich seit Stalins Tod 1953 bis Mitte der achtziger Jahre verdoppelt. 90 Prozent der versäumten Arbeitstage ließen sich auf Trunkenheit zurückführen. Die Lebenserwartung der Männer sank. Strafdelikte, unter Alkoholeinfluss verübt, nahmen zu. 1986 waren in der UdSSR vier Millionen Trinker registriert. Eine politisch-korrekte Zahl. Die Dunkelziffer der Alkoholkranken unter den fast 280 Millionen Sowjetbürgern dürfte ein Vielfaches betragen haben.

Die über Jahre zentralistisch geführte und geplante Produktion war ineffizient. Während es in den USA zwei Jahre dauerte, eine neue Fabrik aufzubauen, konnte eine Industrieanlage in der Sowjetunion erst nach zehnjähriger Bauzeit in Betrieb genommen werden. Dreh- und Angelpunkt der Misswirtschaft aber war die ruinöse Landwirtschaft. Daran vermochte auch Gorbatschow, der studierte Agrarwirt und ZK-Sekretär für Landwirtschaft, nichts ändern, obwohl es genau dieses Amt war, in dem er schon früh innerhalb der Partei auf sich aufmerksam machte. Seit den sechziger Jahren stagnierte die Getreideproduktion. |30|Auch der extensive Einsatz von DDT, auf den die Funktionäre noch setzten, als das erbgutschädigende Pflanzengift in anderen Ländern längst verboten worden war, konnte keine Steigerung erzwingen. Die Menschen verließen die vernachlässigten Dörfer, zogen in die Städte und vergrößerten damit die Menge derer, die sich nicht mehr vom eigenen Gemüse auf ihren Datschas ernährten, sondern auf die staatliche Versorgung mit Lebensmitteln angewiesen waren.

Bereits 1963 begann die Regierung, fehlendes Getreide zu importieren. Bezahlt wurde mit Einnahmen aus den Öl- und Gasexporten. Die Regierung drängte auf immer höhere Fördermengen. Denn Öl und Gas waren die einzigen Güter, die das Ausland der Sowjetunion zuverlässig abkaufte. Mit Produkten des Schwermaschinenbaus gab es nichts als Ärger.

Der Bevölkerung blieb verborgen, welche Anstrengungen es die Sowjetführung kostete, selbst diese elementare Versorgung aufrechtzuerhalten. Russland, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts der größte Getreideexporteur war, vor den USA und Kanada, degenerierte zum größten Weizenimporteur. Solange die Ölförderung stieg und der Preis stabil blieb, konnten die immer größeren Getreideeinfuhren bezahlt werden. Wurden 1970 über zwei Millionen Tonnen Getreide importiert, waren es 1984 schon 46 Millionen Tonnen. Auf das Getreide war inzwischen sogar die Viehzucht angewiesen. Die Sowjetunion begab sich in eine empfindliche Abhängigkeit von ihrem Feind Nummer eins: den Vereinigten Staaten, von denen sie den größten Teil des Korns bezog. Bezahlt werden musste in harter Währung. Was die Ölexporte einbrachten, wurde sofort für Lebensmittelimporte ausgegeben. Der Zeitpunkt des Zusammenbruchs war vorhersehbar: Der Fall des Ölpreises. Zunächst steuerte die Regierung dagegen, indem sie die Förderung immer weiter erhöhte. Die stieß alsbald an ihre Grenzen, da die Vorkommen fast ausgebeutet waren, in die Suche und Erschließung neuer Lagerstätten aber noch nicht investiert worden war.

|31|Als erstes wurden die Öl- und Gaslieferungen in die »Bruderstaaten« gekürzt. 1985 schließlich konnte die Sowjetunion auch die hohen Lieferquoten in die westlichen Staaten nicht mehr halten.

Just zu Gorbatschows Amtsantritt befand sich das Land in einer mehrfachen Umklammerung: Getreide musste importiert, Öl exportiert werden. Der sinkende Ölpreis konnte nicht mehr durch höhere Liefermengen ausgeglichen werden, da Geld für Investitionen in neue Lagerstätten fehlte. Die Regierung vergriff sich in nie gekanntem Ausmaß an den Goldreserven, ohne jedoch den Schuldenkreislauf durchbrechen zu können. Der sozialistische Riese schrumpfte ökonomisch mit rasanter Geschwindigkeit auf Zwergengröße. Wegen der Liefer- und Zahlungsengpässe und weil es sich rächte, an einem starren Planwirtschaftssystem festzuhalten, das nicht auf die Anforderungen der Industrialisierung reagieren konnte, das qualitativ minderwertige Güter herstellte, das unfähig war, die Jahrzehnte währende Landwirtschaftskrise in den Griff zu bekommen. Und als wäre all das nicht genug, bürdete die Partei- und Staatsführung der taumelnden Wirtschaft auch noch völlig überdimensionierte Militäraufgaben auf, um im Rüstungswettlauf mit den USA mithalten zu können. Nicht, dass etwa der dritte Weltkrieg unmittelbar vor der Tür gestanden hätte, aber man wollte vorbereitet sein. Und da es die Rüstungsbetriebe nun schon einmal gab, mussten sie auch produzieren. Hätten sie damit aufgehört, wären die Beschäftigten arbeitslos geworden. So wurden auf Teufel komm raus Panzer gebaut, obwohl ein konventioneller Krieg kaum jemals mehr geführt werden würde. Rüstungsarbeiter schraubten SS-20-Raketen zusammen, weil sie eine einmal für gut befundene Rakete war. Die Sowjetunion, längst eingebunden in den internationalen Handel von Getreide und Öl, wirtschaftete sich in ihrem abgeschotteten System zugrunde. Akribisch von Zehntausenden von Gosplan-Beamten zusammengetragene Zahlen flossen in der staatlichen Planungsbehörde |32|zusammen. Doch einen Überblick hatte kaum jemand. Maßgebliche Angaben zum Haushalt, wie Einnahmen, Ausgaben, Schulden, Währungsreserven, Goldvorräte, Plan-Soll und Plan-Ist waren streng geheim, nur einem kleinen Kreis zugänglich, der zumeist jedoch nichts mit den Ziffern anfangen konnte, weil ihm jedes wirtschaftliche Verständnis fehlte. So stolz die Sowjetunion auf ihre Kader immer war: Die Wirtschaftswissenschaftler hinkten ihrer Zeit gewaltig hinterher.

Der Reichtum an Öl und Gold zögerte den Kollaps der sowjetischen Wirtschaft hinaus. Aber weder Gorbatschow noch jemand anders hätte ihn verhindern können. Gorbatschow wollte den Ausverkauf des Landes stoppen und schreckte nicht davor zurück, das Allerheiligste anzutasten: die Rüstungsgelder. Anfang 1989 verfügte er die Kürzung der Militärausgaben um 14 Prozent, die Ausgaben für die Rüstungsproduktion um 19 Prozent. Womöglich entsprang sein Abrüstungs- und Friedensengagement weniger der Absicht, die Erde sicherer zu machen, als vielmehr dem Interesse, die klammen sowjetischen Staatsfinanzen wieder ins Lot zu bringen. Wer hätte es ihm verdenken können.

Auch die zivile Industrieproduktion wurde gedrosselt, um Rohstoffe zu sparen. Mit der Folge, dass es 1989 keine Kühlschränke, Fernseher, Waschmaschinen, Möbel, Waschpulver, Bügeleisen, Rasierklingen, Kosmetikartikel, Seife, Schulhefte, Bleistifte, ja nicht einmal mehr Toilettenpapier gab. Die Regale waren leergefegt, die Bürger blieben auf ihrem wenigen Geld sitzen, während der Generalsekretär im Ausland verzweifelt um Darlehen warb. Die Sowjetunion, bis dahin äußerst kreditwürdig, hatte sich in nie gekanntem Ausmaß verschuldet.

Betrug das Staatsdefizit 1985 noch 18 Milliarden Rubel, war es Ende 1989 auf fast 400 Milliarden Rubel angewachsen und entsprach damit 44 Prozent des Bruttosozialprodukts.

1989 war kaum eine international tätige Bank mehr bereit, |33|Moskau weiter mit Dollars zu versorgen. Gorbatschow musste dazu übergehen, Kredite mit den westlichen Regierungen auszuhandeln. In einer Währung, die nirgends ausgewiesen war: in politischen Zugeständnissen.

|34|Das Ende der Verbannung

Natascha Kirillowna sieht noch heute genervt aus, wenn sie sich daran erinnert, wie Gorbatschow redete und redete, wünschte und versprach, aber nie konkret wurde. Dass es schnell mit der Wirtschaft aufwärtsgehen würde, glaubte sie nicht. Dennoch wartete sie auf ein Hoffnungszeichen. »Gradmesser für uns war, wie Gorbatschow mit Andrej Sacharow umgehen würde.«

 

Seit Januar 1980 ließ der Geheimdienst den nach Gorki, dem heutigen Nischni Nowgorod, verbannten Friedensnobelpreisträger schmoren. Den Apparatschiks war seine Kritik unbequem, zumal sie nicht nur im Westen verbreitet wurde, sondern über zahlreiche ausländische Kurzwellensender auch die Sowjetbürger erreichte. Wenn der ebenso brillante wie scharfsinnige Bürgerrechtler und Naturwissenschaftler etwas kommentierte, traf er meist ins Schwarze. Die Kritik am Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag, am Krieg in Afghanistan, seine Forderung, wenigstens während der Olympischen Spiele in Moskau die Truppen vom Hindukusch abzuziehen. Gorki war eine gesperrte Stadt. Ausländische Korrespondenten konnten ihn dort weder besuchen noch interviewen, seine international Aufsehen erregenden Statements wurden somit unterbunden. Boris und Natascha litten, wenn sie neue Details darüber erfuhren, wie dem charismatischen, warmherzigen Atomphysiker mitgespielt wurde. Andrej Dmitrijewitsch, wie sie ihn respektvoll nennen, hatte schon 1966 zu einer Demonstration gegen die sowjetische Verfassung aufgerufen, genau am dreißigsten Jahrestag ihrer Annahme. Zu diesem Zeitpunkt war der Erfinder der Wasserstoffbombe, der sich zum Philosophen gewandelt hatte, mit der Sowjetmacht bereits auf Konfrontationskurs. |35|Dass er sich 1948 überhaupt in ihren Dienst stellen ließ, war keineswegs auf seine freie Entscheidung zurückzuführen. Der gefürchtete Geheimdienstchef Lawrentij Berija, der damals das Atomprogramm leitete, hatte ihn zur Mitarbeit aufgefordert. Sich zu verweigern wäre unmöglich gewesen, blanker Selbstmord. Fünf Jahre später, 1953, wurde Sacharow als Retter der Sowjetunion gefeiert. Dank seiner Begabung war Moskau zur Atommacht aufgestiegen, was nicht im Entferntesten der Leistungsfähigkeit der sowjetischen Wirtschaft entsprach. Sacharow hatte die Bombe aus einfachsten Mitteln »gestrickt«, wie er es nannte.

Nach dem ersten Test überkamen ihn schwere Gewissensbisse ob seiner zweifelhaften Entdeckung, die nachfolgenden Generationen ein tödliches Erbe aufbürdete. Er setzte sich erfolgreich für Teststopps ein. Zuvor jedoch bestand der höchste Mann im Staate, Generalsekretär Chruschtschow, noch auf der Entwicklung der 100-Megatonnen-Bombe. Ein halb so großer Sprengkörper wurde 1961 auf Nowaja Semlja in der europäischen Barentssee gezündet. Es war der letzte, aber auch verheerendste Test. Die seismografische Welle umrundete dreimal die Erde, der Atompilz stieg 67 Kilometer weit in die Atmosphäre hinauf. Wie viele Menschen Strahlenschäden erlitten, diese Auskunft bleibt die sowjetische Statistik bis heute schuldig.

Natascha, der Ingenieurin, öffnete Sacharow die Augen: »Er beschrieb, wer wir Sowjetbürger in Wirklichkeit waren!« Aus dem Stand zitiert sie am Küchenfenster die für sie entscheidenden Sätze, als seien sie ein Puschkin-Gedicht: »Der Sowjetbürger wird dressiert und lässt sich dressieren, ist Produkt des totalitären Regimes und wird so zur Stütze des sowjetischen Systems. Hinter der Fassade verbirgt sich ein Meer von menschlichem Unglück, Verbitterung und tiefster Müdigkeit. In ruhigen Phasen herrschen Gleichgültigkeit und Apathie. In Krisenzeiten: Schrecken.« Als Natascha damals diese Analyse las, wusste sie, dass sie ihr Leben riskierte, sollte |36|jemand die Zeilen bei ihr finden. Sacharow hatte diese von der Sowjetmacht als Ketzerei gebrandmarkten Auffassungen nicht nur ausländischen Journalisten gegenüber geäußert, sondern sie schriftlich verbreitet. Im Selbstverlag, dem Samisdat, wurden sie mit Schreibmaschine und mehreren Durchschlägen abgetippt und wanderten von Hand zu Hand, und so gelangten auch Boris und Natascha kurzzeitig in den Besitz dieser Schätze. Der dreifach ausgezeichnete »Held der Arbeit« Sacharow wandelte sich zum Vordenker einer demokratischen Sowjetunion, die irgendwann einmal die Rechte des Individuums respektieren würde. Für diese Vision opferte er seine Privilegien, trat für andere Dissidenten ein, die häufig Wissenschaftler waren wie er. Er kämpfte für deren Freilassung aus der »Psychiatrie« oder dem Straflager, war der erste öffentliche Beobachter von Schauprozessen. Ohne ihn, ohne seine moralische Instanz, so sind Boris und Natascha überzeugt, hätte es in der Phase der Stagnation unter Breschnew noch weit mehr politische Gefangene gegeben. Der Westen, so warnte Sacharow, dürfe sich nur dann mit der UdSSR auf eine Entspannungspolitik einlassen, wenn die Sowjetunion Fortschritte bei der Demokratisierung zusagt. »Breschnew hatte die Nase voll«, behauptet Boris. Deswegen habe er Andrej Sacharow 1980 auf offener Straße verhaften lassen und für sieben Jahre nach Gorki verbannt. »Sie wollten Sacharow bei lebendigem Leibe begraben«, sagt Natascha. Dank dessen Frau Jelena Bonner, die unter hohem Risiko immer wieder Meldungen über ihren Mann an die Öffentlichkeit schleuste, erfuhr die Welt, dass er noch lebte. Wie schwer selbst diese Information unter die Leute zu bringen war, zeigte, dass Sacharows erster Hungerstreik, mit dem er die Freilassung politischer Gefangener erzwingen wollte, völlig unbemerkt blieb. Erst der zweite, vor allem der dritte Nahrungsverzicht wurde zum Politikum. Sacharow wurde zwangsernährt. Der KGB ließ ihn keine Sekunde aus den Augen, durchsuchte die Wohnung, wenn er das Haus verließ. Entriss ihm mehrmals die |37|Mappe mit dem Manuskript seiner Autobiographie, die er immer bei sich trug, so dass er – mit scheinbar nie versiegender Energie – Hunderte von Seiten zwei- und dreimal schrieb.

Gorbatschow, dem der KGB das Manuskript vorlegte, kannte Sacharows beeindruckende Biographie also lange vor ihrer Veröffentlichung. Wagte Gorbatschow deshalb oder trotzdem die Aufhebung von Sacharows Verbannung?

»Als Andrej Sacharow nach den fast sieben Jahren Verbannung am 23. Dezember 1986 auf dem Jaroslawler Bahnhof in Moskau ankam, vertrauten wir Gorbatschow zum ersten Mal tatsächlich. Aber alles ging so unendlich langsam!«, sagen Boris und Natascha.

Sacharow bekannte sich zwar nach seiner Freilassung umgehend zu Gorbatschows Perestroika. Konsequenter Denker, der er war, erwies er sich jedoch sofort auch als einer seiner schärfsten Kritiker. Gorbatschow reagierte nicht wie seine Vorgänger mit Maulkorb oder Denk- und Redeverboten, sondern stellte sich der Auseinandersetzung. Millionen verfolgten die Dispute der beiden auf dem ersten Volksdeputiertenkongress im Mai und Juni 1989 wie gebannt.

Zwölf Tage am Stück hatten auch Natascha, Boris und ihre ganze Familie einschließlich der Großmutter die Mega-Aussprache angehört. Zu Hause vor dem Fernseher, im Betrieb am Radio. Sie stellten die Radios so laut es ging, denn das, was im Kremlsaal diskutiert wurde, war spannender als jeder Krimi, gesteht sogar Katja, meine Malerfreundin, der ich heute mit Politik kaum kommen kann. Die Schlange vor dem Rednerpult, vor dem die Deputierten warteten, bis sie endlich das Wort ergreifen durften, riss nie ab. Fast 10 000 Briefe aus dem ganzen Land gingen täglich bei den Kongressorganisatoren ein.

Die Delegierten zeigten sich hin- und hergerissen. Applaudierte die eine Hälfte des Saales dem Abgeordneten, der Sacharow schwere Vorwürfe machte, klatschte die andere Hälfte frenetisch bei dessen Replik. Auslöser war ein Interview |38|Sacharows für eine kanadische Zeitung, in der er über den noch nicht aufgeklärten Vorwurf sprach, sowjetische Piloten hätten auf ihre eigenen Kameraden in Afghanistan geschossen, damit diese sich nicht ergeben. Sacharow erging sich nicht in Rechtfertigungen, sondern nutzte das Plenum, um seine Ablehnung des Krieges erneut und dieses Mal dem ganzen Land zu erklären. »Der Krieg in Afghanistan ist ein Verbrechen an sich. Ein Verbrechen, das unser Land begangen hat. Es kostete fast eine Million Afghanen das Leben. Es wurde ein Vernichtungskrieg geführt. Damit lastet eine schreckliche Sünde auf uns, auf unserer Führung, die gegen den Willen des Volkes, gegen den Willen der Armee diesen Akt der Aggression begangen hat. Ich war gegen den Einmarsch in Afghanistan, und dafür wurde ich nach Gorki verbannt. Darauf bin ich stolz.« Mit vor Empörung zitterndem Kinn beschimpfte ihn eine etwa 40-jährige Genossin: »Sie haben damit Ihre ganze Arbeit kaputtgemacht. Sie haben die ganze Armee beleidigt, das ganze Volk, alle Soldaten, die ihr Leben gelassen haben. Ich verachte Sie, Sie sollten sich schämen.«

Afghanistan war für die Sowjetunion, was Tschetschenien für Russland werden sollte. Es riss einen tiefen Graben zwischen die Befürworter einer nationalen Politik der harten Hand und die Demokraten, die im Krieg als Mittel zur Unterwerfung nichts als die Selbstdiskreditierung der Politik sehen.

Im Dezember 1989, wenige Tage vor seinem Tod, hatte Andrej Sacharow von Gorbatschow die Streichung ebenjener Artikel aus der sowjetischen Verfassung gefordert, die die Führungsrolle der Kommunistischen Partei und das Staatsziel, den Kommunismus zu errichten, festschrieben. Gorbatschow konnte mit diesem Wunsch zunächst sichtbar wenig anfangen. Die Verwirrung war ihm auf dem Parteikongress im Frühsommer 1989 anzumerken. Nie hatte er über ein solches Ansinnen, die Kommunistische Partei möge ihren Alleinvertretungsanspruch aufgeben, auch nur nachgedacht. War es |39|Sacharow, der Gorbatschow schließlich überzeugte? Oder hatte die Gesellschaft, die sich in diesen Monaten rasend schnell entwickelte, bereits Fakten geschaffen und die Führungsschwäche der Partei schonungslos zutage gefördert?

Was immer den Ausschlag gab: Auch dieser Wunsch des Vordenkers einer anderen Sowjetunion hatte sich erfüllt. Der Abzug aus Afghanistan, die Abkehr vom Kommunismus, alles schien die richtige Richtung zu nehmen und kam für Sacharow dennoch zu spät. Er hatte weit früher als jeder andere erkannt, wie sehr der Kommunismus als Staatsdoktrin einer Demokratisierung der Gesellschaft entgegenstand. Doch er war lange die einzige moralische Instanz in der Sowjetunion, die dieses Ziel verfolgte.

|40|Der Kosmopolit und der Nationalist

Eine andere gewichtige Stimme, Alexander Solschenizyn, kritisierte zwar ebenfalls das System, doch anders als Sacharow sah Solschenizyn Russlands Zukunft nicht als demokratischer Staat.

Solschenizyn und Sacharow verband gegenseitige Wertschätzung, die sie allerdings nicht hinderte, den jeweils anderen wegen dessen Auffassungen anzugreifen. Eine Auseinandersetzung aus der Ferne, denn Sacharow erlebte Solschenizyns Rückkehr aus dem Exil 1994 nicht mehr.

 

Anders als der Physiker misstraute der Schriftsteller den Menschen, die er noch nicht einmal als Staatsbürger bezeichnen wollte, zutiefst. Russland sei zu autoritärer Struktur verurteilt, schrieb er 1973 in einem offenen Brief an die sowjetische Führung. Darin trat er für einen besonderen Weg Russlands ein, das vor der Aufgabe stünde, den russischen Nordosten und das Hauptmassiv Sibiriens zu erschließen. Russland habe über 1000 Jahre mit autoritären Herrschaftssystemen gelebt und dabei bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts seine physische und geistige Gesundheit bewahrt. Die russische Intelligenzija dagegen habe über hundert Jahre gegen autoritäre Regimes gekämpft, was sich für sie selbst als verlustreich erwiesen habe. Ihr Weg habe sich als falsch und verfrüht herausgestellt.

Bei allen Unterschieden fand der eine über den anderen auch lobende Worte. Solschenizyn war beeindruckt vom Charme und der Sanftmut Sacharows. Er bewunderte, dass der weltbekannte Physiker seine, Solschenizyns, Vorhaltungen wegen der Erfindung der Wasserstoffbombe ertrug. Und den Vorwurf, dass es falsch von Sacharow sei, zwischen Lenin und Stalin zu unterscheiden. Solschenizyn zufolge hätten beide die |41|Sowjetunion unterschiedslos ins Unglück gestürzt, war Lenin keinen Deut besser als Stalin. Der Schriftsteller warf Sacharow darüber hinaus Demokratiebesessenheit vor, kritisierte dessen Eifer, dem Westen zu folgen, der an einer demokratischen Sowjetunion kein Interesse hätte und der nicht erkenne, dass die Sowjetunion ihn vernichten könne. Solschenizyn betrachtete den Westen als eine Ansammlung von Schwächlingen und warf Sacharow mangelndes nationales Selbstbewusstsein vor. Dass der aber all die Kritik über sich ergehen ließ, ohne einzuschnappen, erfüllte den Autor wiederum mit Bewunderung. Ebenso Sacharows Art, gelassen zu argumentieren, ohne zu eifern. Umgekehrt kritisierte der Friedensnobelpreisträger Sacharow die antiwestlichen, demokratiefeindlichen Ansichten des Literaturnobelpreisträgers Solschenizyn und dessen Hang zum russischen Nationalismus. Solschenizyn billige den in Russland herrschenden Untertanengeist sowie die latente Fremdenfeindlichkeit. Diese Auffassungen hatten sich bei Solschenizyn nach dessen Rückkehr aus dem amerikanischen Exil eher verstärkt, denn abgeschwächt. 1974 hatte Solschenizyn die Sowjetunion verlassen müssen. Erst zwanzig Jahre später kehrte er nach Russland zurück und war enttäuscht, dass die erhoffte »moralische Erneuerung« ausgeblieben war. Er kritisierte Jelzin und dessen Tschetschenienkrieg, schonte jedoch Putin, obwohl der nur drei Jahre nach dem Ende des ersten Krieges schon wieder in die Kaukasusrepublik einmarschierte. Wohl weil Solschenizyn Putins autokratischen Regierungsstil für richtig hielt.

Mit ihm wusste er sich bald einig, dass der Nationalstolz wiederhergestellt werden müsse. Der habe mit dem Ende der Sowjetunion 1991 schweren Schaden genommen. Sehr zum Leidwesen Solschenizyns. Wieder zu Hause, wurde er nicht müde, an die russische Identität seiner Landsleute zu appellieren, immer mit Verweis auf den rechten Glauben. Sein öffentliches Bekenntnis zur russisch-orthodoxen Kirche hatte für seine Kritiker eine Schattenseite: Es ging einher mit einem |42|kaum verklausulierten Antisemitismus. Als Beweis wurde das zuletzt erschienene zweibändige Werk »Zweihundert Jahre zusammen – Die russisch-jüdische Geschichte« angeführt. Solschenizyn wehrte sich gegen den Vorwurf, Antisemit zu sein. Seine neuen Kritiker setzte er mit denen gleich, die ihn während der Sowjetzeit verleumdeten. Heute, so schrieb er im März 2003, würde nicht schlechter gelogen als damals. Ihm, Solschenizyn, wolle man neuerdings anhängen, er sei der Erfinder des Begriffes von der leninschen-jüdischen Revolution gewesen. Als Beweis dienten angeblich Zitate aus Solschenizyns Notizen, die ihm der KGB vor vierzig Jahren gestohlen hatte. Solschenizyn lehnte es ab, zu diesen vermeintlichen Quellen Stellung zu nehmen. Nicht er habe sie veröffentlicht.

Ob die fraglichen Passagen tatsächlich von ihm stammen? Keine Erklärung. Doch dass ausgerechnet der KGB sie ihm zuschrieb, genügte Solschenizyn, derartige Verdächtigungen als unsauberes Spiel zu brandmarken. Gleichwohl: Wirklich entkräftet wurden die Zweifel an seiner Haltung bis zu seinem Tod 2008 nicht. Er hatte Sacharow um neun Jahre überlebt. Ihre Auffassungen lagen weiter voneinander entfernt als je zuvor.

Solschenizyn mit seiner Billigung des autoritären Modells wurde zum Unterstützer Wladimir Putins, dem Ex-KGB-Mann und späteren Chef der KGB-Nachfolgeorganisation FSB. Ausgerechnet der Autor, der mit seinem »Archipel Gulag« und »Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch« der Welt die Machenschaften des kommunistischen Geheimdienstes vor Augen geführt und die Autorität der Sowjetunion im Ausland schwer erschüttert hatte, ausgerechnet Solschenizyn war für die Restauration des KGB-Regimes eingetreten, das er zuvor selbst entlarvt hatte. Nur dass dieses Regime heute der früheren Ideologie abgeschworen hat. Die Methoden, das musste er noch einmal leidvoll erfahren, waren die alten.

Und als genügte diese Widersprüchlichkeit nicht, war es |43|wiederum ausgerechnet Putin, der den »Archipel Gulag« in Russlands Schulen zur Pflichtlektüre erhob. 1973 war das Werk erschienen, bis 1989 in der Sowjetunion verboten, seit 2010 müssen es die Jugendlichen lesen.

Sacharow sah in der russischen Obrigkeitshörigkeit ein nationales Unglück. Sacharow, ganz Kosmopolit, noch bevor das Wort von der Globalisierung überhaupt die Runde machte, entgegnete dem für seine Begriffe beengt denkenden Solschenizyn, dass sich grundlegende Probleme nicht auf nationaler Ebene lösen lassen. Sacharow hatte diese Erfahrung bereits viele Jahre zuvor beim Eintreten für ein internationales Atomtestverbot gesammelt.

Bis zuletzt hatte der besonnen, aber zugleich beharrlich für seine Überzeugungen Streitende für die universelle Gültigkeit der Menschenrechte plädiert. Außerdem für einen »Bund der sowjetischen Republiken Europas und Asiens«, den er sich ausschließlich als freiwillige Vereinigung souveräner Republiken vorstellen konnte.

Wäre Andrej Sacharow der erste Präsident Russlands geworden, wenn ihn sein viel zu früher Tod nicht daran gehindert hätte? Intellektuell befähigt wäre er mehr als jeder Andere gewesen, visionär, unbestechlich, zutiefst Demokrat. Mit vermutlich leider viel zu gering ausgeprägtem Machtwillen.

Solschenizyn und Sacharow stehen stellvertretend für zwei wichtige Strömungen des heutigen Russlands. Trotz aller Verehrung vereinnahmt seltsamerweise keine Partei, keine politische Macht die eine oder andere ...

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