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Russische Orchidee

Über Polina Daschkowa

Polina Daschkowa, geboren 1960, wird auch gerne als Königin des russischen Krimis bezeichnet. Sie studierte am Gorki-Literaturinstitut in Moskau und arbeitete als Dolmetscherin und Übersetzerin, bevor sie zur beliebtesten russischen Krimiautorin avancierte. Sie lebt in Moskau.

Informationen zum Buch

War es wirklich der kleine Geschäftsmann Sanja, der den Fernsehmoderator Butejko erschossen hat? Was haben die Erpressung der Nachrichtenmoderatorin Lisa und der sagenhafte Diamant »Pawel« mit dem Mord zu tun? Untersuchungsführer Borodin von der Moskauer Miliz ahnt, dass dieser Fall weitaus komplizierter ist, als es scheint … Ein atemlos spannender Roman um Glanz und Untergang alten russischen Adels, zwielichtige Geschäftsmänner, die Intrigen der Medienwelt, Korruption, Besessenheit, Liebe und Verrat.

»Daschkowa erweist sich als versierte Psychologin.« Berner Zeitung.

»Daschkowa beherrscht die Kunst spannenden Erzählens.« Österreichische Presse.

Polina Daschkowa

Russische Orchidee

Roman

Aus dem Russischen von Margret Fieseler

Kapitel 1

Artjom Butejko glotzte stumpf sein bleich-grünes, verschwollenes Gesicht im Spiegel an. Seine Augen waren kalt und trüb, wie die mit einer dünnen Eisschicht bedeckten morgendlichen Moskauer Pfützen.

»Wir werden zu Neujahr wohl mal wieder Schwimmflossen brauchen.« Die Maskenbildnerin Ljuba, ein noch sehr junges Mädchen, schnitt eine säuerliche Grimasse und begann mit schnellen, leichten Bewegungen Make-up auf Artjoms unrasierte Wangen aufzutragen. »Hör mal, Butejko, soll ich dir vielleicht etwas Baldrian in die Augen träufeln?«

»Wozu?« fragte Artjom mit träger Verwunderung.

»Du hast so einen toten Blick, und von Baldrian kriegen die Augen wieder Glanz. Im vorigen Jahrhundert haben sich das die feinen Damen in die Augen getan, wenn sie auf einen Ball oder zum Rendezvous gingen. Und außerdem haben sie Essig getrunken, der romantischen Blässe wegen.«

»Was bist du gebildet«, knurrte Artjom und reckte sich, daß seine Gelenke knackten. »Ich hasse gebildete Frauen.«

Bis zur Sendung waren es noch fünf Minuten. Artjom dachte, es wäre nicht schlecht, mit ebendiesem Satz seinen ironischen Rückblick auf die schmutzigsten Skandalgeschichten der letzten Woche zu beginnen.

»Genug rumgeschmiert.« Er verzog das Gesicht und und stieß Ljubas Hand mit dem rosa Schwämmchen grob beiseite. Er schwitzte stark und fürchtete, daß im heißen Licht der Scheinwerfer die Schminke zerlaufen könnte.

Die Erkennungsmelodie, eine kurze, schmissige Fanfare, war verklungen. Drückende Stille hing im Raum, wie immer vor einer Sendung. Sie dauert nicht länger als einen Augenblick, kommt einem aber vor wie eine Ewigkeit. Dieser Augenblick ist so nervenzerreibend, daß man aufspringen und aus dem Studio rennen möchte, bevor es zu spät ist.

Artjom konzentrierte sich, kniff die Augen fest zusammen und bewegte die Schultern. Vorbei. Jetzt erschien sein Gesicht auf dem Bildschirm. Er war live auf Sendung, Auge in Auge mit Millionen von Fernsehzuschauern.

»Ich hasse gebildete Frauen«, sagte Artjom und blickte düster in die Kamera, »ich kann sie nicht ausstehen. Na schön, meine Damen und Herren, lassen wir das, das ist mein persönliches Problem. Also, was hat sich getan in den quälend langen Tagen der Trennung? Beginnen wir mit der Politik. Herr Pribawkin, der bekannte Demokrat und bedeutende Staatsmann, wurde an einem sehr interessanten Ort gesichtet – in einem elitären Club mit dem bescheidenen Namen ›P‹, in Gesellschaft des noch bekannteren Schlagerstars Katja Krasnaja, genauer gesagt, nicht einfach in ihrer Gesellschaft, sondern in ihren Armen. Katja hatte es sich auf dem Schoß des Politikers bequem gemacht und teilte unserem Reporter eine interessante Neuigkeit mit. Sie hat nämlich vor, in naher Zukunft unter aktiver Mithilfe des Demokraten Pribawkin einem neuen Messias, einem Retter Rußlands, das Leben zu schenken, der uns allen eine lichte und freudvolle Zukunft bescheren wird. Sie sehen also, meine Herrschaften und meine lieben Genossen, wir haben keinen Grund zur Panik. Ich denke, in der nächsten Sendung werde ich die Ehre haben, Ihnen mitteilen zu dürfen, daß die historische Empfängnis stattgefunden hat. Vielleicht glückt es uns sogar, Einzelheiten über diesen bedeutsamen Akt zu erfahren.«

Artjom verschwand vom Bildschirm, und an seiner Stelle tauchte das runde, stupsnäsige Gesicht der Sängerin Katja Krasnaja auf. Ein dreiminütiger Ausschnitt aus ihrem letzten Videoclip wurde gezeigt.

Es handelte sich natürlich um einen gekauften Beitrag. Katjas Produzent hatte gefeilscht, was er nur konnte. Nach der Wirtschaftskrise vom August waren die Preise gefallen, eine Minute Werbung kostete selbst in den beliebtesten Sendungen fünfmal weniger als vorher. Artjom war es gelungen, das Maximum herauszuschlagen: dreihundert Dollar pro Minute. Der gesamte, fünf Minuten dauernde Beitrag brachte ihm also anderthalbtausend. Aber das wußte niemand außer Artjom, und er teilte mit seinen Kollegen auf der Grundlage von hundertfünfzig Dollar pro Minute. Diese Art zu rechnen wirkte beflügelnd auf ihn. Wenn es weiter so gut lief, würde er ziemlich schnell seine unangenehmsten Schulden los sein.

Der Clip war zu Ende und Artjom wieder auf dem Bildschirm.

»Tja, liebe Zuschauer, das war doch wirklich ein erotischer, oder nein, ein ästhetischer Genuß. Na, das muß jeder für sich entscheiden. Unsere entzückende Katja ist jedenfalls wie immer einsame Spitze. Wir können ihr nur wünschen, daß sie ihre verführerischen Kurven noch viele Jahre lang behält. Nun aber von Schönem zu noch Schönerem. Ein französischer Filmstar, der jahrzehntelang in der ganzen Welt ein Sex-Symbol war, verschwendet heute seine ganze unverbrauchte Liebe auf heimatlose Tiere. Dieser Tage ist die Dame zu uns nach Rußland gekommen, um sich für ein armes Hündchen einzusetzen, das auf der Müllhalde in der reizenden Stadt Schisserow im Gebiet Rostow lebt. Hier ist unser Sonderbericht.«

Wieder verschwand Artjoms Gesicht, um einem Film Platz zu machen. Zum giftigen Kommentar der jungen Korrespondentin sah man die gealterte französische Filmschauspielerin, wie sie einen räudigen streunenden Köter mit Schinkenstückchen fütterte. Anschließend fletschte sie professionell die Zähne in die Kamera, hüllte sich in ihren Nerzmantel und rollte in einem Mafia-Jeep, den ihr die örtlichen Behörden zusammen mit ein paar Bodyguards zur Verfügung gestellt hatten, aus dem Bild.

»Verzeihen Sie.« Artjom schniefte kurz auf und wischte sich eine imaginäre Träne aus dem Augenwinkel. »Was wir gerade gesehen haben, hat mich so gerührt, daß mir unwillkürlich die Tränen kamen. Nun brauchen wir uns um das Schicksal des Schisserower Hündchens keine Sorgen mehr zu machen. Übrigens hat der große Star das Tier großmütig mit dem eigenen berühmten Namen beschenkt. Der Hund heißt jetzt Brigitte, und auf einer Müllhalde wird man ihn nie wieder sehen.«

Er schniefte noch einmal. Seine Augen tränten tatsächlich, allerdings keineswegs vor Rührung. Er fühlte sich derart zerschlagen, daß er nur mit Mühe bis zum Ende der Sendung durchhielt.

Nach der schweren Krise, die das Land Ende August erschüttert hatte, hatten die Zuschauer die Fernsehdebatten, in denen nur über gewichtige globale Probleme, finstere Prophezeiungen und die eigenen zerstörten Hoffnungen geredet wurde, gründlich satt.

»Wir alle brauchen jetzt Entspannung. Wirkliche Entspannung«, versicherte Artjom den Fernsehbossen, die die Krise überlebt hatten.

Die Bosse reagierten unterschiedlich, die einen billigten sein Projekt, andere zuckten skeptisch die Schultern. Sein Plazet für die Sendung hatte der neue stellvertretende Direktor des Senders erst vor anderthalb Monaten gegeben, aber nicht, weil er den Zuschauern zu mehr Entspannung verhelfen wollte. Er hatte nur einfach begriffen, daß man in einer derartigen Sendung leicht auch die dreisteste Schleichwerbung unterbringen konnte. Nach einer inoffiziellen mündlichen Übereinkunft war Artjom Butejko verpflichtet, dem stellvertretenden Direktor von jedem Beitrag, für den der Sender Geld erhielt, dreißig Prozent abzutreten. Das war leicht verdientes Geld und nicht zu kontrollieren. Denn die Sendung machte Artjom praktisch aus nichts.

Er hatte das Talent, jedem Ereignis den Beigeschmack des Skandalösen zu geben. Auch den kleinsten Schritt einer prominenten Persönlichkeit konnte Butejko auf eine Weise kommentieren, daß dem Fernsehpublikum die Illusion vermittelt wurde, reich und berühmt würden nur ausgemachte Gauner, dreiste Halunken und lasterhafte Nichtstuer, er aber, der ehrliche, durchschnittliche Zuschauer, der anständige Bürger, müsse nur wegen seiner angeborenen Ehrlichkeit und der fehlenden Beziehungen tatenlos vor dem Bildschirm sitzen.

Allerdings beherrschten viele die Kunst, derartige Illusionen zu erzeugen und damit Geld zu machen. Tatsächlich waren die skandalösen Details, die die bezahlten Beiträge enthielten, meist Dinge, die die Prominenten dem Publikum selbst mit Vergnügen enthüllten. Artjom war sich darüber im klaren, daß echte Skandale nötig waren, wenn er dauerhaft Erfolg haben wollte. Das Publikum wurde von Jahr zu Jahr schlauer und anspruchsvoller, spürte instinktiv, wo man schwindelte, verlangte immer mehr, etwas ganz Unerhörtes, Verbotenes, Unglaubliches, das eigentlich gar nicht für seine gierigen Augen und Ohren bestimmt war.

Damit das Interesse an der Sendung nicht erlosch, damit der Zuschauer sich nicht betrogen fühlte, wurde es unumgänglich, den erlaubten Schmutz mit unerlaubtem anzureichern und publik zu machen, was die Prominenten lieber verborgen halten wollten.

Artjoms Müdigkeit, seine Kopfschmerzen und die tränenden roten Augen waren die Folge mehrerer schlafloser Nächte, die er auf einer Bank in einem stillen Hinterhof im Zentrum Moskaus verbracht hatte, eine kleine Video-Spezialkamera im Anschlag. Wie üblich war er auf der Jagd nach einem Prominenten.

Eine Woche zuvor hatte er zufällig gehört, wie eine der bekanntesten Fernsehmoderatorinnen, Jelisaweta Pawlowna Beljajewa, die auf Kanal Eins ein politisches Magazin leitete, in der Bar des Moskauer Fernsehzentrums Ostankino von ihrem Handy aus ein leises Gespräch führte. Irgend etwas hatte den Reporter sofort stutzig gemacht – war es nun ihr Tonfall oder ihre angespannte Haltung gewesen. Sie hatte nicht gewußt, daß jemand ihr Gespräch belauschte. Artjom hatte mit dem Rücken zu ihr gesessen, noch dazu im Halbdunkel verborgen, und außerdem waren in der Bar viele Leute gewesen.

»Bitte hör auf … Nein, das will ich nicht … Juri, hör mir bitte ganz ruhig zu … Ich kann nicht, ich habe es versprochen. Halt doch noch ein paar Tage durch«, sagte die Beljajewa und bedeckte dabei den Hörer mit der Hand. »Gut, ich komme sofort nach der Sendung zu dir.«

Artjom wußte, daß ihre Sendung nachts um halb eins zu Ende war. Er wußte auch, daß der Mann der Moderatorin Michail hieß und daß sie weder Brüder noch Cousins hatte. Ihn packte plötzlich schreckliche Neugier, wen der vierzigjährige Fernsehstar, dieser Ausbund an Wohlanständigkeit, diese treue Ehefrau und Mutter von zwei Kindern, zu so später Stunde noch besuchen wollte.

Einen eigenen Wagen besaß Artjom nicht. Er stoppte vorm Fernsehzentrum einen schäbigen kleinen Shiguli, und für einen Hunderter erklärte sich der Fahrer bereit, ihn bis ans Ende der Welt zu bringen.

Dem kirschroten Škoda von Jelisaweta Beljajewa durch die leeren nächtlichen Straßen zu folgen war kinderleicht. Der Škoda fuhr ins Zentrum, bog dann in eine Seitenstraße und von dort in einen Hof ein. Butejko bezahlte den Fahrer und schickte ihn fort.

Durch den Schnee und die Laternen war es im Hof ganz hell. Mit geübtem Auge erspähte Artjom sogleich ein Versteck, einen Spalt zwischen den Garagen, von dem aus man alle Eingänge des solide gebauten Hauses aus der Stalinzeit überschauen konnte.

Die Beljajewa parkte ihren Wagen ein und war noch nicht ganz ausgestiegen, als schon ein großer, tapsiger Welpe, eine Dobermann-Pinscher-Mischung, auf sie zulief. Der Hund freute sich stürmisch über sie, und fast genauso stürmisch freute sich sein Herrchen, ein stämmiger, untersetzter Mann mit einer Hundeleine in der Hand.

Artjom hätte beinahe laut aufgeheult. Die Beljajewa und dieser Mann umarmten und küßten sich mitten auf dem leeren Hof. Artjom war kurz davor, den Kopf gegen die Garagenwand zu schlagen. Ausgerechnet jetzt hatte er weder eine Videokamera noch einen Fotoapparat bei sich. Er wußte sehr wohl, das war nicht ihr Haus, nicht ihr Mann und nicht ihr Hund.

Der Welpe witterte den Fremden und begann die Garage zu verbellen. Artjom trat rasch den Rückzug an. Jelisaweta Beljajewa hätte ihn bemerken können, und das paßte nicht in seine Pläne.

Seither verbrachte er jeden freien Abend in diesem Hinterhof. Noch ein paarmal bekam er den Mann mit dem Welpen zu Gesicht. Für einen Zehner erfuhr er von der redseligen älteren Briefträgerin, daß der Mann Juri Iwanowitsch Sacharow hieß, dreiundvierzig Jahre alt, Tierarzt und seit langem geschieden war. Ob er Kinder hatte, wußte sie nicht, aber kürzlich habe er sich einen Dobermannwelpen angeschafft. Jelisaweta Beljajewa tauchte jedoch nicht wieder auf.

Das Jagdfieber hatte ihn gepackt. Mehr als alles auf der Welt wünschte er sich, daß die leidenschaftliche Liebesszene noch einmal aufgeführt würde, dann aber auf dem Bildschirm, in seiner Sendung, und deswegen brachte er es fertig, zehn Nächte hintereinander nicht zu schlafen und mit der gezückten Videokamera in der Hand, vor Kälte bibbernd, in dem leeren Hof zu warten.

Auch heute hätte sich Artjom, obwohl er zum Umfallen müde war, sofort nach der Sendung wieder auf den Weg zu dem stillen Hinterhof an der U-Bahnstation »Nowokusnezkaja« gemacht. Doch er wußte genau, daß es zwecklos gewesen wäre. Gestern morgen war die Hauptperson seines heißersehnten Skandals für eine Woche nach Montreal geflogen.

Sämtliche Fernsehkanäle hatten in ihren Nachrichten die offizielle Eröffnung der Internationalen Menschenrechtskonferenz gezeigt. Unter den Mitgliedern der russischen Delegation war eine der prominentesten und charmantesten Frauen Rußlands – Jelisaweta Beljajewa, promovierte Historikerin und politische Kommentatorin bei Kanal Eins. Artjom konnte mit ruhigem Gewissen nach der Sendung nach Hause fahren und sich ausschlafen. In den nächsten fünf Tagen würde er keine Bilder für die exklusive Skandalgeschichte über die heimliche Affäre der beliebten Fernsehmoderatorin schießen können.

Sanja Anissimow zog sich vor dem Spiegel in der Diele den Schal zurecht, glättete sein Haar, schaute, bevor er die Tür öffnete, noch rasch ins halbdunkle Wohnzimmer und sagte so beiläufig wie möglich: »Natascha, ich geh jetzt!«

Die Antwort wartete er nicht ab – er hatte sich heute mit seiner Frau dreimal gestritten und nur zweimal versöhnt.

»Wo willst du hin?« Natascha tauchte wie ein Gespenst in der Tür zum Schlafzimmer auf, barfuß, im Morgenmantel. Wirre hellblonde Strähnen fielen ihr auf die Wangen, ihre entzündeten roten Augen blinzelten krampfhaft.

Sanja registrierte automatisch, daß seine Frau mit nicht getuschten Wimpern einem weißen Kaninchen glich. Früher war ihm ihr blasses, farbloses kleines Gesicht zart und rührend vorgekommen, jetzt aber brachte es ihn nur auf.

Natascha war in letzter Zeit matt und energielos, schlief im Stehen ein, gähnte mit vorgehaltener Hand, sogar dann, wenn sie sich mit Sanja zankte. Schlafen konnte sie nur tagsüber, stundenweise. Nachts schaukelte sie ewig das Kinderbettchen hin und her oder ging mit Dimytsch auf dem Arm im Zimmer auf und ab. Der Kleine war neun Monate alt. Er zahnte, hatte starke Schmerzen und hohes Fieber, nachts weinte er und schlief so gut wie gar nicht.

»Geschäfte«, knurrte Sanja, ohne seine Frau anzusehen. Er zupfte nochmals an seinem Schal und trat wie ein ungeduldiges Pferd auf der Stelle.

»Lüg nicht, Sanja, was sollen das für Geschäfte sein, Samstag abends um zehn?« Nataschas Stimme zitterte, ein hysterischer Unterton schwang darin mit.

»Hör auf. Du weißt sehr gut, ich habe im Moment sehr viel um die Ohren. Ich habe eine Verabredung mit jemandem, der mir sehr nützlich sein kann. Es wird spät werden.« Sanja bemühte sich, ruhig zu sprechen. »Und überhaupt, mir reicht’s. Ich habe deine hysterischen Anfälle satt.«

Natascha schluchzte auf. Ihr Gesicht schwoll sofort an und bedeckte sich mit roten Flecken.

»Ich sitze Tag für Tag zu Hause. Hof, Geschäft, Kinderarzt, sonst kriege ich nichts zu sehen. Ich werde noch verrückt, Sanja. Du kommst und gehst, wann es dir paßt, und ich hocke hier wie angebunden in meinen vier Wänden. Ich weiß, daß du eine andere hast. Aber ich kann mich nicht auf die gleiche Weise revanchieren. Ich kann nicht …«

»Was nervst du mich ewig mit der gleichen Leier? Ekelhaft ist das! Ich habe keine andere, kapier das doch endlich, du blöde Kuh!« schrie Sanja ihr, unerwartet für sich selbst, ins Gesicht. Speichel spritzte, und weil er sich in diesem Augenblick selber zuwider war, wurde er noch wütender. »Du bist mit dem Kind zu Hause. Ich ernähre die Familie. Alles läuft bei uns normal. Wir haben eine Wohnung, ein Auto, du hast zwei Pelzmäntel. Zum Geburtstag wolltest du Smaragdohrringe – ich habe sie dir gekauft. Du wolltest ein Kleid von Dior – ich habe es dir gekauft.«

»Aha, natürlich!« Natascha schniefte. »Und wo soll ich hingehen in diesem Kleid? In die Poliklinik? Auf den Markt? Du hattest mir einen Babysitter versprochen!«

»Jetzt hör mir mal zu, meine Liebe, hast du schon mitgekriegt, daß es in diesem Land eine Wirtschaftskrise gibt? Sieh dir wenigstens einmal statt deiner Seifenopern die Nachrichten an! Wo soll ich in dieser Zeit Geld für einen Babysitter hernehmen? Du kannst dankbar sein, daß es vorläufig noch für die Pampers reicht.«

»Du weißt sehr gut, daß ich keine Seifenopern gucke, die verursachen mir Brechreiz«, schluchzte Natascha, »verkauf mich also nicht für blöd. Sehr bequem, so ein Dummchen zu Hause zu haben. Da kann man sich schon mal einen Seitensprung erlauben.«

Aus dem Zimmer ertönte lautes Kinderweinen. Natascha winkte ab und sagte unerwartet ruhig mit hocherhobenem Kopf: »Na, dann hau doch von mir aus ab.« Sie drehte sich abrupt um, ging ins Zimmer, und einen Augenblick später hörte man von dort ihre Stimme, ganz anders, tief, weich und zärtlich: »Bist du aufgewacht, mein Herzchen, komm zu Mama auf den Arm, mein Kleiner, jetzt gibt’s was zu trinken …«

Das Weinen ging in freudiges Glucksen über. Sanja konnte es sich nicht verkneifen, schob die Tür einen Spalt weit auf und erblickte Natascha, die sich auf die Liege gesetzt hatte und dem Kind die Brust gab. Dimytsch schmatzte und schnaufte laut und gierig. Natascha betrachtete ihn lächelnd, die roten Flecken in ihrem Gesicht waren verschwunden, das Licht der Tischlampe schimmerte durch ihre leichten, wirren Haarsträhnen, ihr Gesicht erschien ihm wieder zart, fast durchsichtig. Rasch trat er ein, ging durchs Zimmer, küßte Natascha ungeschickt, gleichsam schuldbewußt, auf den Scheitel und streichelte über das warme seidige Köpfchen von Dimytsch.

»In Schuhen über den Teppich, muß das sein?« warf Natascha träge hin, ohne den Kopf zu heben, und das Lächeln auf ihrem Gesicht verschwand.

Das reicht! Ich hab den Kanal endgültig voll! fluchte Sanja in sich hinein und ging aus dem Haus. Draußen war nasser, dunkler Dezember.

Auf dem Hof zog er mit routinierter Geste die Autoschlüssel aus der Tasche und warf sie sich auf die Hand, steckte sie aber sogleich wieder zurück und spuckte fluchend in den schmutzigen Schnee. In seinem Wagen, einem nagelneuen Renault, war vor drei Tagen die Kupplung kaputtgegangen, und er hatte kein Geld für die Reparatur. Er trat auf die Straße und wollte schon die Hand heben, um ein Taxi herbeizuwinken, aber da fiel ihm ein, daß er nur noch drei Fünfziger im Portemonnaie hatte und es unvernünftig wäre, einen davon für das Taxi zu vergeuden. Er mußte noch Zigaretten besorgen, und zwar gute, teure. Er rauchte jetzt schon einen Monat die vergleichsweise billigen Chesterfield, die er stangenweise bei einer alten Frau an der Metro-Station kaufte. Heute jedoch war ein besonderer Abend.

Während er in der Metro an der Tür stand, bemühte er sich, nicht daran zu denken, was er Natascha morgen sagen würde, wenn sie von ihm Geld für Lebensmittel oder Pampers haben wollte. Noch heute früh hatte er verärgert festgestellt, daß in dem hellblauen Karton nur noch fünf Windeln lagen. Früher hatte er solche Kleinigkeiten gar nicht bemerkt.

Das Restaurant befand sich gleich gegenüber dem Metro-Ausgang. Sanja huschte rasch, mit gesenktem Kopf und ohne nach links oder rechts zu schauen, auf den nächsten Durchgangshof und von dort in die parallele Seitenstraße. Womöglich waren sie ja schon da, aber noch nicht hineingegangen, sondern saßen im Auto oder standen an der Tür. Auf keinen Fall durften sie sehen, wie er aus der Metro kam.

In der Seitenstraße ließ ihn ein scharfer Stoß des feuchten, stechenden Windes zusammenschauern. Die Kälte ging ihm durch und durch, der leichte Schaffellmantel, den er erst vor kurzem für anderthalbtausend Dollar in einer Filiale von W & L gekauft hatte, schützte nicht gegen das Moskauer Klima. Seine Wildlederschuhe hatten sich mit schmutzigem Eiswasser vollgesogen, weiße Linien von Streusalz zeichneten sich auf ihnen ab.

Als er auf den hell erleuchteten Eingang des Restaurants zusteuerte, zwang er sich, aufrecht zu gehen und die Schultern zurückzubiegen. Aber das leichte Zittern wollte nicht nachlassen. Schon lange war Sanja nicht mehr so nervös gewesen.

»Sie werden erwartet«, teilte ihm ein geschniegelter Oberkellner mit und führte Sanja durch den Saal zu einem separaten Raum.

Im Restaurant dröhnte laute Musik. Ein Live-Orchester spielte eine Variation des letzten Schlagers der beliebten Sängerin Katja Krasnaja. Auf einer runden Plattform vor dem Orchester verrenkte sich mit wabbelndem Bauch ein schwammiges Mädchen in durchsichtigen Pluderhosen und mit silbernen Sternen auf den Brüsten, die groß wie Astrachaner Melonen waren. Das Publikum saß an kleinen Tischen, kaute, trank, schwatzte und lachte fast lautlos, übertönt vom Lärm des Orchesters. Niemand beachtete das Mädchen, doch hinter ihrem schmalen Silbergürtel steckten bereits einige grüne Geldscheine. Unter schlangenartigen Verrenkungen bewegte sich die Tänzerin mit einem schmachtenden, schläfrigen Lächeln an einer Reihe von Tischen entlang direkt auf Sanja und den Oberkellner zu. Plötzlich blieb sie einen Moment stehen und wartete, bis ein älterer Kaukasier Geld aus seinem Portemnonnaie gezerrt hatte. Er war ziemlich betrunken; an seinem Kinn hing ein Tropfen roter Tkemal-Sauce, seine Hände zitterten, das Portemonnaie fiel zu Boden, und ein dickes Päckchen Dollarnoten fächerte sich direkt vor Sanjas Füßen auf.

Es waren viele, schamlos viele Scheine. Hunderter, alte und neue. Sanja versuchte sie zu zählen. Lieber Gott, was für ein Haufen Geld!

Noch vor einem halben Jahr hatten solide Leute nie so viel Bargeld bei sich getragen. Sie bevorzugten Kreditkarten. Bei Sanja zu Hause lagen auch noch einige dieser nutzlosen, festen Plastikrechtecke herum.

Sanja schluckte nervös. Das Blut stieg ihm in die Wangen, er stand verwirrt da und wußte nicht, was er tun sollte – dem betrunkenen alten Mann beim Aufsammeln des Geldes behilflich sein? Vorsichtig darüber hinwegschreiten und es nicht weiter beachten? Oder vielleicht rasch auf die Scheine treten, die unmittelbar vor seinem weißgeränderten Schuh lagen?

Verflucht, bin ich denn völlig bescheuert, dachte Sanja, fing in dem riesigen Spiegel seinen bösen, gehetzten Blick auf und begegnete gleich darauf dem ruhigen Lächeln der Tänzerin. Das Mädchen stand neben ihm, blickte in den Spiegel und ordnete sein Haar. Der Oberkellner sammelte die Geldscheine auf.

»Sie müssen dorthin, junger Mann«, hörte Sanja den Oberkellner sagen, und ihm schien, als läge in seiner Stimme, im nachlässigen Kopfnicken zur Tür des Separées eine Spur von Verachtung. Nicht daß dieser Lakai seine Gedanken hatte lesen können. Er hatte einfach nur das Salz auf Sanjas Schuhen bemerkt, als er über den Fußboden kroch. Vornehme Leute, die er in diesem vornehmen Etablissement gastfreundlich empfing, pflegten saubere und trockene Schuhe zu tragen. Sie fuhren Auto und latschten nicht durch den Dreck.

Sanja atmete tief ein, hielt die Luft an, blies die Backen auf und stieß den Atem leise pfeifend wieder aus. Dann setzte er ein hochmütiges, ruhiges Lächeln auf, so wie ein Räuber eine schwarze Strumpfmaske überstreift, und ging entschlossen auf die schwere Samtportiere zu.

In dem geräumigen Zimmer saßen an einem Glastisch, unter dessen Platte sich ein Aquarium befand, zwei Männer. In dem Aquarium schwammen richtige Fische. Als Sanja eintrat, drang der Lärm des Orchesters ins Zimmer. Aber sobald die Tür sich geschlossen hatte, war es wieder still. Nur die Klimaanlage summte gleichmäßig und saugte den Tabakqualm ein. Es roch nach Ozon, wie nach einem Gewitter.

»Gut siehst du aus, hast du zugelegt?« begrüßte ein dicklicher junger Mann in einer Wildlederjacke Sanja.

Wowa Muchin hatte einige Jahre in einer Autowerkstatt gearbeitet und dann versucht, einen eigenen Betrieb aufzumachen, aber ohne Erfolg. Überfälle durch die Mafia, betrügerische Konkurrenten und nicht weniger betrügerische Kompagnons brachten ihn zum Scheitern. Er hatte daraufhin dem freien Unternehmertum adieu gesagt und war Masseur in einem teuren Sportcenter geworden. Um den Kunden die Lenden durchzuwalken, braucht man viel Kraft. Wowa futterte wie ein Scheunendrescher und ging in die Breite. Seitdem teilte er allen mageren Bekannten männlichen Geschlechts, wenn er sie traf, mit boshaftem Grinsen mit, sie hätten »zugelegt«.

Sanja nickte, brummte irgendeine Antwort und wandte seinen Blick langsam dem zweiten Mann zu, der zurückgelehnt auf seinem Stuhl saß. Sein Gesicht war im Halbdunkel verborgen, Sanja konnte nur die Umrisse seines runden, rasierten Kopfes erkennen, einen kräftigen Stierhals und etwas abstehende Ohren.

»Hallo.« Eine Hand, kurz wie ein Holzstumpf und mit dicken Fingern, wurde ihm über den Tisch entgegengestreckt. Zwei schwere Brillantringe funkelten auf. Heute morgen, gleich nach dem Gespräch mit Wowa, hatte Sanja sich folgendes zurechtgelegt: Wenn der legendäre Klim ihm beim Treffen als erster die Hand reicht, bedeutet das, der Handel kommt zustande und alles läuft gut.

Wowa hatte ihn heute morgen völlig überraschend angerufen. Sie hatten sich seit August nicht mehr gesehen. Sanja glaubte zuerst, der Freund wolle ihn um irgend etwas bitten, und wollte das Gespräch schon möglichst schnell beenden. Aber dann lud Wowa ihn ins Restaurant ein, was er noch nie getan hatte. Sein Tonfall war geheimnisvoll-lässig.

»Klim ist gerade mal wieder aus Deutschland gekommen und hat mich gefragt, ob ich nicht ein paar vernünftige und zuverlässige Jungs für ihn wüßte. Solche, die durch die Krise nicht gleich aus dem Tritt gekommen sind. Ich habe sofort an dich gedacht.«

Sanja hatte Ernest Klimow, den erfolgreichen Geschäftsmann und Beinahe-Millionär, noch nie gesehen, aber er hörte jedesmal von ihm, wenn er Wowa traf. Muchin kannte Ernest Klimow ein knappes Jahr, und diese ganze Zeit über wurde er nicht müde, verschiedene phantastische Geschichten über ihn zu erzählen. Klim war eine lebende Legende. Er hatte es aus dem Nichts geschafft, vor fünfzehn Jahren war er noch Zigarettenverkäufer gewesen, und heute besaß er eine große deutsch-russische Handelsagentur.

In den fünfzehn Jahren seiner erfolgreichen Geschäftstätigkeit hatte Klim fünf Attentate überlebt. Nicht einmal hatte er auch nur einen Kratzer abbekommen. Er war niemals krank gewesen, hatte nie im Gefängnis gesessen und konnte mit zwei Fingern einen Silberdollar biegen, bis er zerbrach. Er begrüßte die höchsten Regierungsbeamten per Handschlag und plauderte ganz ungezwungen mit ihnen, nicht nur mit den russischen, sondern auch mit den deutschen, wurde mit allen Attacken der Mafia spielend fertig, war gut Freund mit der deutschen und der russischen Steuerfahndung und hatte beste Beziehungen zum Zoll. Zwei Häuser in Deutschland, eine Villa auf Zypern, Datschen auf der Krim und bei Moskau, eine Jacht, einen kleinen Pferdehof, einmal im Jahr eine Safari.

Wenn Sanja seinem Freund von geschäftlichen Problemen berichtete, konnte Wowa gar nicht schnell genug erzählen, wie Klim einmal ganz Ähnliches widerfahren und wie leicht er damit fertig geworden war. Klim könne Sanja helfen, er habe ein gutes Herz, nur habe er immer schrecklich viel zu tun, gerade jetzt sei er nach Hawaii unterwegs, um dort ein kleines Hotel zu kaufen.

Sanja ließ Wowa gegenüber schon seit längerem durchblicken, es wäre nicht übel, ihn mit diesem Klim endlich bekannt zu machen, ihm den legendären Mann in Fleisch und Blut vorzustellen. Er war aber fest davon überzeugt gewesen, daß es nie dazu kommen würde. Mit derart nützlichen Leuten brachte einen heutzutage niemand einfach nur so aus alter Freundschaft zusammen. Doch jetzt saß Klim tatsächlich im Halbdunkel des Separées vor Sanja.

Das Gespräch drehte sich sofort ums Geschäft, und das ermutigte Sanja noch mehr. Keine langen Vorreden, sofort zur Sache – so machte man es im Westen. Was genau Klim ihm vorschlug, begriff Sanja zwar noch nicht recht, aber er schrieb diese Begriffsstutzigkeit seiner Aufregung zu.

Die ganzen letzten Tage hatte Sanja kaum essen können, jeder Bissen war ihm im Halse steckengeblieben. Jetzt aber hatte er plötzlich riesigen Appetit.

»Liefern muß man nach und nach, in kleinen Partien, im Moment gibt es Probleme mit den Lagerräumen, aber darum kümmern sich meine Leute.« Klim nahm einen Zahnstocher aus der Schale. In dem hellen Licht, das von unten aus dem Aquarium kam, erblickte Sanja an seinem Mittel- und Zeigefinger unter den echten Ringen tätowierte. Solche Tätowierungen, das wußte er, bedeuten, daß derjenige im Gefängnis gesessen hatte. Wer sich auskannte, konnte daran feststellen, in welchem Gefängnis jemand gewesen war.

Aber Klim war doch niemals im Knast, schoß es Sanja durch den Kopf. Doch da bemerkte er an dessen kräftigem Handgelenk eine Uhr der Schweizer Firma Longines. Sie zerstreute seine plötzlich aufgekommenen Zweifel augenblicklich. Eine echte Longines mit mechanischem Uhrwerk, goldenem Gehäuse, Lederarmband. In solch wesentlichen Details der männlichen Toilette kannte sich Sanja aus.

Ein Mann, der eine gewöhnliche Rolex trägt, ist nicht so reich, wie er scheinen möchte. Ist die Rolex aus Gold, braucht man zwar am Reichtum des Besitzers nicht zu zweifeln, aber vertrauen sollte man ihm besser nicht. Er ist leicht und zufällig zu seinem vielen Geld gekommen, morgen kann er es wieder verlieren. Aber so eine Longines, die zeugte von Zuverlässigkeit, von stabilem Wohlstand, wie auch der Anzug und die Krawatte von Bosco di Ciliegi.

Von der Uhr wanderte Sanjas aufmerksamer Blick zu den Manschettenknöpfen: Alles vom Feinsten. Brillanten, Platin. Und ein Feuerzeug von Ronson, auch aus Platin, abgesetzt mit schwarzem Holz.

»Laßt uns noch einmal auf den Erfolg unseres verrückten Geschäfts trinken.« Klim hob den Kognakschwenker. Er hielt ihn, wie es sich gehörte, wärmte den Kognak mit der Handfläche. Sanja stieß zuerst mit ihm, dann mit Wowa an und trank sein Glas in einem Zug aus. Auf den Erfolg.

Natascha ging im Zimmer auf und ab. Dimytsch weinte und quengelte. Sie wiegte ihn in den Armen, sang ihm etwas vor, doch allmählich stieg Ärger in ihr auf. Sie war zum Umfallen müde, Schultern und Rücken schmerzten.

»Na, wo steckt er denn, dein toller Papa?« flüsterte sie gereizt. »Wieso ist er noch nicht zurück? Wo treibt er sich nächtelang rum? Und so einer wagt es, von einem zweiten Kind zu quatschen!«

Sie war knapp zwanzig und fand, sie habe das Kind zu früh bekommen und verderbe sich damit ihre besten Jahre. Sie sehnte sich nach Eleganz und fröhlichem Trubel, nach neuen Bekanntschaften und begehrlichen Männerblicken, sie wollte im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. In ihren seltenen freien Minuten wußte sie nicht, womit sie sich beschäftigen sollte. Sie versuchte zu lesen, glitt mechanisch mit den Augen über die Seiten eines Liebesromans oder eines Krimis, merkte irgendwann, daß sie gar nicht verstand, wovon die Rede war, warf das Buch hin, schaltete den Fernseher ein, aber auch dort, auf dem Bildschirm, war alles langweilig und ohne Sinn.

Natascha hatte das Herumlaufen satt und setzte sich in den Sessel. Sollte Sanja doch mal versuchen, den Kleinen stundenlang in den Schlaf zu wiegen! Dieser gemeine Kerl, dieser widerliche Schuft! Der hockt jetzt mit irgendeiner aufgebrezelten Nutte in der Kneipe oder womöglich schon in ihrer Wohnung auf dem Sofa. Gedämpftes Licht, leise Musik, auf dem Couchtisch stehen Kaffee und Likör. Die Nutte streift die Schuhe ab und zieht graziös die langen Beine hoch. Sanja legt ihr vorsichtig die Hand aufs Knie. Igitt, wie ekelhaft!

Natascha schniefte und blickte Dimytsch an. Das Kind war fest eingeschlafen. Sie brachte es in sein Bettchen, plumpste zurück in den Sessel und machte den Fernseher an. Sofort erschien das müde, erschöpfte Gesicht Artjom Butejkos auf dem Bildschirm.

»Hallo, du Mistkäfer, lange nicht gesehen. Wieso läßt man dich eigentlich immer noch auf die Fernsehzuschauer los? Wer interessiert sich schon für deinen widerlichen Tratsch?«

Als sie merkte, daß sie laut mit dem Fernseher sprach, schaltete sie das Gerät sofort aus und begann zu weinen. Die Fratze von Artjom Butejko hatte ihr endgültig die Laune verdorben. Träge erhob sie sich, schlurfte in die Küche und stellte den Wasserkocher ein, obwohl sie eigentlich gar keinen Tee wollte.

Da klingelte plötzlich das Telefon. Sie zuckte zusammen und stürzte mit solcher Eile zum Apparat, als erwarte sie einen wichtigen Anruf. Aber als sie die Stimme ihrer Freundin Olga Sitnikowa hörte, sank sie gleich wieder in sich zusammen.

»Ach, du bist das? Hallo.«

»Ist der Kleine schon im Bett?« erkundigte sich Olga sachlich.

»Mhm. Gerade eingeschlafen.«

»Ist dein Mann zu Hause?«

»Nein.«

»Eine merkwürdige Frau bist du«, seufzte Olga, »alles läßt du ihm durchgehen.«

»Was meinst du mit alles?«

»Eben alles. Mein Andrjuscha war auch immer ganze Abende weg, ich hab nie was gesagt, ich dachte, er arbeitet, schuftet für die Familie, schont sich nicht. Du weißt ja selber, wie es geendet hat.«

Es hatte wirklich sehr häßlich geendet. Vor einigen Monaten hatte Andrjuscha Olga und ihre zweijährige Tochter verlassen.

»Sanja mußte geschäftlich weg. Er hat momentan große Probleme wegen der Krise«, widersprach Natascha ohne rechte Überzeugung.

»Geschäftlich, natürlich … Hör mal, ich hab neulich Swetka Berestnjowa getroffen, weißt du, wo die jetzt arbeitet? Im ›Harlekin‹. Als Striptease-Tänzerin, stell dir das vor.«

»Ernsthaft? Die mit ihren kurzen Beinen?«

Träge und boshaft zogen sie eine Weile über die Figur von Swetka her, dann kam Olga wieder auf ihr Lieblingsthema zu sprechen – die Niedertracht der Männer.

Früher hatte Natascha immer versucht, solche Gespräche abzubrechen, hatte irgendeinen Vorwand erfunden: Dimytsch ist aufgewacht, die Milch ist übergekocht. Aber jetzt war sie so traurig und fühlte sich so einsam, daß sie sogar über Olgas giftiges Geschwätz froh war. Wenigstens eine lebendige Stimme im Hörer.

»Hast du denn nichts gemerkt? Das spürt man doch, wenn der Mann eine andere hat«, sagte Olga und stellte insgeheim fest, daß sie diese Frage zum ersten Mal nicht aus Mitleid, sondern aus Neugier stellte. »Ich habe es doch auch mitgekriegt. Aber ich wollte es nicht wahrhaben. Es ist so kränkend und so erniedrigend! Und was hätte ich schon ändern können? Als es dann nichts mehr zu vertuschen gab, bin ich ins andere Extrem gefallen – habe gebettelt, gefleht, hysterische Szenen gemacht, ihn erpreßt und versucht, mir die Pulsadern aufzuschneiden. Davon wurde es nur schlimmer. Wenn alles noch mal von vorn anfinge, würde ich mich ganz anders verhalten. Ich würde so tun, als ob es mir egal wäre. Oder noch besser, ich würde mir selbst einen anlachen. Dann kann dieser Schuft sich mal Gedanken machen, ob er wirklich gehen will oder nicht. Das rate ich übrigens auch dir.«

»Was?«

»Fang eine Affäre an. Mach ihn eifersüchtig. Um so eher kommt er wieder zurück. Weißt du, die Männer wirken nur von außen so klug und kompliziert. Tatsächlich ist alles ganz einfach. Die ideale Ehefrau sieht für alle gleich aus: barfuß und schwanger in der Küche. Bloß wenn du diesen Idealzustand erreicht hast, dann hat er dich schon längst satt, du bist langweilig geworden. Du wirst behandelt wie ein Dienstmädchen, eher noch schlechter. Einem Dienstmädchen zahlt man wenigstens Lohn und beschimpft es nicht. Es gehört ja nicht zur Familie.«

Natascha lauschte mit Widerwillen und gleichzeitig einer Art masochistischem Vergnügen. Ja, so war es. Alles stimmte. Sollte das etwa Liebe sein? »Grüß dich, Alte! Was gibt’s heute zum Abendessen? Schon wieder Hühnchen? Hör mal, ich hab keine sauberen Socken mehr. Und vergiß nicht, mein hellblaues Hemd zu bügeln.«

Und dann springt er im gebügelten Hemd, frischrasiert und nach dem französischen Toilettenwasser duftend, das du ihm zum Geburtstag geschenkt hast, ins Auto und braust mit hundert Sachen zu seinen freien, nicht schwangeren, nicht stillenden, sorgfältig geschminkten Weibern. Du aber darfst zu Hause sitzen, seine Socken waschen, dich ums Baby kümmern, den Kinderwagen durch Schlamm und Dreck zum Supermarkt schieben und kiloschwere Taschen schleppen, bis du alt und grau bist. Und darüber sollst du auch noch froh sein.

»Wo ist dein teurer Sanja denn jetzt? Sag schon, wo?«

»Bei einer Besprechung.«

»Kluges Kind.« Olga lachte heiser. »Mach nur weiter so.«

»Was meinst du damit?«

»Lüg dir nur weiter in die Tasche. Vielleicht sind diese Lügen ja wirklich weiser und ungefährlicher als die Wahrheit.«

»Und was ist die Wahrheit?«

»Die Wahrheit ist, daß du mit einem Schwein zusammen lebst«, sagte Olga. Man konnte hören, wie sie sich im gleichen Augenblick eine Zigarette ansteckte.

»Mein Mann ist kein Schwein«, erwiderte Natascha nach langem Schweigen finster. »Er hat keine anderen Frauen. Er arbeitet einfach nur sehr viel, besonders jetzt nach der Krise.«

»Natascha! Liebste Natascha! Nun hör aber auf, du bist doch erwachsen.«

Natascha spürte, wie ihr Tränen über die Wangen rannen, sie begriff, daß sie auflegen und dieses widerwärtige Gespräch beenden mußte. Es war alles falsch. Sie und Sanja liebten einander, sie hatten ein Kind, Dimytsch, im Sommer würden sie Urlaub auf Zypern machen. Und deshalb war Sanja jetzt jeden Abend unterwegs und versuchte Geld zu verdienen. Sie würden eine gute Kinderfrau finden, Dimytsch würde heranwachsen. Das ganze Leben lag noch vor ihnen.

»Oje, entschuldige, Dimytsch ist aufgewacht, ich rufe dich morgen früh wieder an.« Natascha legte auf.

Dimytsch schlief fest und ruhig. Sie zog die Decke zurecht, streichelte ihm über die weiche runde Wange, beugte sich hinunter und küßte ihn vorsichtig auf die Stirn.

»Dummes Zeug ist das alles, Dimytsch«, flüsterte sie. »Wir haben den besten Papa auf der Welt. Wir hören uns diesen Unsinn nicht länger an. Olga ist von ihrem Mann sitzengelassen worden, und deshalb denkt sie jetzt, alle Männer wären Scheusale. Aber das stimmt nicht. Man kann nicht leben, wenn man niemandem glaubt und niemanden liebt.«

Nach dem Gespräch mit Olga fühlte sie sich, als hätte sie am Rand eines Abgrunds gestanden, hätte hineingeschaut und wäre zurückgeschreckt.

Die Augen fielen ihr zu. Es war schon drei Uhr, und Sanja war immer noch nicht zurück. Jetzt dachte sie nicht mehr an langbeinige Furien, sie war nur noch besorgt. Wenn sich Sanja früher verspätet hatte, hatte sie ihn immer übers Handy erreichen können. Aber jetzt benutzte er es aus Sparsamkeit fast gar nicht mehr und schaltete es nur sehr selten ein. Ohne auf eine Antwort zu hoffen, wählte sie dennoch seine Nummer.

Im Hof war ein weiterer Feuerwerkskörper explodiert, das ferne Krachen hallte in seinem Kopf als schwaches Echo wider. Sanja schrie im Schlaf auf, ein Alptraum quälte ihn: Er hing im Schacht eines alten Lifts, krallte sich mit den Fingern an das graue Gitter, die Kräfte verließen ihn, der Draht schnitt ihm in die Haut, die Hände bluteten, unter ihm Schwärze, der Betonfußboden, und von oben kam langsam der Lift. Diesen Alptraum hatte er oft als Kind gehabt, besonders wenn er krank war und hohes Fieber hatte.

Die dunkle Masse des Liftes glitt von oben auf ihn zu, kam immer näher, aber da klingelte zum Glück der Wecker. Mit Mühe öffnete Sanja die verklebten, schweren Augenlider.

Zuerst sah er nur Flecken, helle und dunkle. Irgend etwas war mit seinem Sehvermögen passiert, er strengte seine Augen an, doch alles verschwamm, als blicke er durch eine schmutzige, trübe Glasscheibe. Er blinzelte, stützte sich auf den Ellbogen und stellte fest, daß er auf einem harten, kalten Boden lag. Er hatte geglaubt, er befinde sich zu Hause in seinem Bett. Tatsächlich aber lag er auf einem schmutzigen Fliesenfußboden.

»Natascha«, rief er nach seiner Frau und konnte die eigene Stimme nicht hören, außerdem war sein Mund so trocken, daß ihm die Zunge am Gaumen klebte.

Das melodische Klingeln wollte nicht aufhören. Sanja richtete sich halb auf, sah sich um, und erst jetzt begriff er, daß er sich gar nicht zu Hause befand, sondern in irgendeinem fremden Hausflur. Er hatte seinen Schaffellmantel an, der völlig durchnäßt war, und in der Innentasche klingelte ununterbrochen das Handy.

»Sanja, wo bist du?« hörte er die Stimme seiner Frau und beruhigte sich ein wenig.

»Ich weiß nicht«, erwiderte er, »warte mal, ich will versuchen, ob ich es rauskriegen kann.«

Um auf die Beine zu kommen, mußte er sich mit der Hand auf den nassen Fußboden stützen. Die Hand glitt aus und stieß gegen einen kalten metallischen Gegenstand. Der Gegenstand rutschte über den Boden und prallte dumpf gegen die Wand. Sanja fiel wieder auf die Seite. Nicht nur, daß er fast blind war, ihm war auch ganz schwindlig.

»Natascha, mir ist schlecht.«

»Bist du etwa betrunken? Weißt du, wie spät es ist?«

»Ich hab nicht die leiseste Ahnung.«

»Halb drei. Nimm ein Taxi, und komm sofort nach Hause!«

»Ich kann nicht aufstehen. Ich sehe nichts.«

Ganz in der Nähe erklang ein dumpfes Brummen und Poltern. An dem Geräusch erkannte Sanja, daß jemand den Lift in Bewegung gesetzt hatte. Einen Augenblick später ertönte wütendes Hundegebell und gleich darauf klägliches, aufgeregtes Winseln, als habe der Hund sich vor etwas erschrocken. Gleichzeitig hörte man den Aufschrei einer Frau. Die Tür des Lifts schloß sich geräuschvoll.

»O mein Gott! Zu Hilfe! Lieber Himmel, so viel Blut!«

»Sanja, da schreit jemand«, japste Natascha erschrocken ins Telefon, »erklär mir, was da passiert.«

Der Hund winselte und bellte immer weiter. Sein Frauchen sagte gar nichts mehr, man hörte nur, wie sie zusammen mit dem Hund die Treppe hinaufhastete, ohne zu warten, daß sich die automatische Tür des Aufzugs wieder öffnete.

Irgendwo in der Nähe klickte ein Türschloß. Eine herrische Männerstimme fragte: »Was ist denn los?«

Sanja versuchte erneut aufzustehen, aber das Schwindelgefühl verstärkte sich. Ein Krampf preßte ihm die Kehle zusammen. Er versuchte den Brechreiz zu unterdrücken, schaffte es aber nicht. Er mußte sich übergeben. Das Handy konnte er gerade noch abschalten, dann verlor er das Bewußtsein. Ob es eine tiefe Ohnmacht oder schwerer Schlaf war, wußte er nicht. Er kam wieder zu sich, als ihn jemand heftig und grob an den Ellbogen nach oben zog.

»Los, los, mach die Augen auf. Kannst du dich ausweisen?«

»Der ist doch völlig weggetreten, das versoffene Schwein. Ih, der ist ganz vollgekotzt, widerlich, den mag man ja gar nicht durchsuchen.«

»Aber teure Klamotten, und ein Handy hat er auch …«

Räuber, schoß es ihm durch die trübe Suppe in seinem Gehirn, den Stimmen nach mindestens drei. Wo schleppen die mich hin?

Er zwang sich, die Augen zu öffnen. Seine Sehkraft war fast wiederhergestellt. Zuerst erblickte er die graue Uniformjacke eines Milizionärs, dann ein junges, glattes Gesicht.

»Er kommt wieder zu sich, Genosse Hauptmann, er hat die Augen aufgemacht.«

Sanja sah sich stumpf und verwirrt um. Ein fremdes, aber doch irgendwie bekanntes Treppenhaus. Plötzlich begriff er, daß er hier schon früher gewesen war.

»Ich kenne den Mann«, sagte neben seinem Ohr leise die Stimme einer älteren Frau. »Das ist Alexander Anissimow, geboren 1970. Er hat meinen Sohn zweimal bedroht, einmal telefonisch und dann bei uns zu Hause.«

Sanja drehte sich um und wußte sofort, wer die Frau war. Sie hatte sich einen alten Frotteebademantel über das Nachthemd gezogen. Die spärlichen grauen Haare waren zu zwei dünnen Zöpfen geflochten.

»Guten Abend, Jelena Petrowna«, sagte Sanja völlig verdutzt und bemerkte erst jetzt, wie sonderbar ihr Gesicht aussah. Nicht einfach bleich, sondern nahezu blau.

»Mörder«, flüsterte sie zurück, fast ohne die Lippen zu bewegen. »Wegen dieser lumpigen Dollars … Verflucht sollst du sein.« Sie schwankte plötzlich, ihre Augen verdrehten sich, ein kurzes Ächzen entrang sich ihrem Mund. Jemand fing sie auf. Eine Gestalt in einem grünen Overall, auf dem in großen roten Buchstaben »Erste Hilfe« stand, erschien.

»Was ist denn passiert, Jelena Petrowna?« Sanja schluckte krampfhaft, mehr als alles andere fürchtete er, sich noch einmal übergeben zu müssen. Die Milizionäre schleiften ihn auf die Straße. Dort blieben sie unter einer hellen Laterne einige Minuten lang stehen. Zwei Sanitäter trugen eine Bahre aus dem Haus.

»Kennst du diesen Mann?« fragte ihn einer der Milizionäre und zeigte auf den Toten.

»Nein«, flüsterte Sanja und wandte sich ab. Er brachte es nicht fertig, in das tote Gesicht zu schauen, auf das große, scharf umrissene Loch mit dem schwarzen Pulverrand in der Schläfe.

»Sieh hin!« herrschte ihn der Milizionär an. »Das ist dein Werk. Du kennst ihn. Na?!«

»Das ist Artjom Butejko«, preßte Sanja sehr langsam, Silbe für Silbe, heraus.

»Ausgezeichnet.« Der Milizionär nickte billigend. »Kommt dir dieser Gegenstand bekannt vor?«

In einer Zellophantüte lag eine Pistole. Sanja kannte sie nur allzu gut. Es war seine eigene nagelneue sechsschüssige Walter, die er in diesem Sommer aus einer Laune heraus von irgendeinem windigen Typen erworben hatte, ein Gelegenheitskauf. Einen Waffenschein besaß er natürlich nicht, aber trotzdem hatte Sanja es sich nicht nehmen lassen, eine Gravierung auf dem Griff zu bestellen – seine Initialen: »A. A.«

Kapitel 2

Die Rue Sainte-Cathérine verläuft quer durch das riesige Montreal, durchschneidet es von einem Ende zum anderen, zieht sich durch das Zentrum, durch die reichen und die armen Viertel. Jelisaweta Beljajewa, die ihren miserablen Orientierungssinn kannte, beschloß, einfach dieser Straße zu folgen und nicht abzubiegen. So war die Gefahr, sich zu verlaufen, geringer.

Viel Zeit hatte sie nicht. Um halb neun mußte sie schon wieder zurück im Hotel sein und sich für das Bankett umziehen. Die folgenden fünf Konferenztage waren randvoll mit Sitzungen, Treffen und Diskussionen, vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Nur heute war die zweite Hälfte des Tages laut offiziellem Programm für »Exkursionen und Erholung« reserviert.

Jelisaweta Beljajewa – Lisa, wie ihre Freunde sie nannten – schritt möglichst zügig durch das große Hotelfoyer, um nicht in irgendwelche Gespräche mit Bekannten verwickelt zu werden und dadurch kostbare Zeit zu verlieren. Sie hatte so lange auf diese wenigen Stunden der Freiheit und des Alleinseins gewartet, daß sie schon ein wenig aufgeregt war, fast wie vor einem Rendezvous.

Sie lief über den Parkplatz und blieb vor einem weißen Lincoln stehen, um in der Scheibe ihr Aussehen zu kontrollieren und ihr Haar zu ordnen. Für einen Moment spiegelte sich neben ihr ein bekanntes Gesicht. Anatoli Krassawtschenko, Vertreter des russischen Außenministeriums, rauchte an der frischen Luft eine Zigarette, ohne von ihr Notiz zu nehmen.

Seit ihrer Jugend hatte sich bei ihr die dumme Angewohnheit herausgebildet, sehr rasch zu gehen, selbst wenn es dafür gar keinen Anlaß gab. Auch jetzt verfiel sie unwillkürlich in diesen geschäftigen Laufschritt, statt einfach entspannt zu schlendern.

Nicht weit vom Hotel entfernt erhob sich die postkartenschöne Kathedrale, erbaut zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts im Stil der Neogotik. Die Kirchtürme konnte man aus dem Fenster von Lisas Hotelzimmer sehen, und heute morgen noch hatte sie beim Hochziehen der Jalousie gedacht, daß sie sich die berühmte Kathedrale unbedingt anschauen müsse.

Aus dem Innern der Kirche tönte die weiche, schwere Musik einer Orgelfuge von Bach. Lisa schob die kupferne Tür auf und bemerkte dabei, daß der edle Grünton künstlich auf dem Kupfer aufgetragen war.

Die Kathedrale war leer. Die Klänge der Fuge strömten aus einem Lautsprecher. Ein buckliger, kleiner alter Mann in einem dunkelkarierten Hemd bearbeitete mit einem Staubsauger geräuschlos den kirschroten Läufer zwischen den Bankreihen. Lisa blieb einige Minuten stehen und betrachtete die Fresken und das Deckenmosaik, das so raffiniert von unten beleuchtet wurde, daß es in allen Regenbogenfarben schillerte. Der Rüssel des Staubsaugers kroch ihr vor die Füße. Die trüben runden Augen des Buckligen streiften verärgert ihr Gesicht. Leise ging Lisa hinaus.

In diesen wenigen Minuten hatte sich der Himmel bezogen, Wind war aufgekommen, und es fing an zu schneien, ein feiner, trockener Schnee. Sie wickelte ihren Schal fester um den Hals und schlenderte langsam weiter. In dem leichten Schneegestöber wirkte die Stadt zart und geheimnisvoll.

Lisa schaute auf die Uhr, stellte fest, daß ihr für ihren Ausflug nur noch zweieinhalb Stunden blieben, und stieg in das riesige Einkaufszentrum von Montreal hinunter. Sie wollte sich ein paar Blusen kaufen, die zu ihrem Businesskostüm paßten.

»Kann ich Ihnen helfen sein, Ma’am?« Eine junge Verkäuferin, die gelangweilt neben den Umkleidekabinen gestanden hatte, wurde munter.

»Danke, ich komme schon zurecht.«

»Suchen Sie etwas Bestimmtes?« So leicht gab sich die Frau, ganz zuvorkommende Bedienung, nicht geschlagen.

»Eigentlich nicht«, murmelte Lisa, während sie von den Blusen zu den Hosen ging, »ich weiß es vorläufig selbst noch nicht.«

»Sehen Sie sich doch einmal dieses Modell an. Sie haben blaue Augen, da steht Ihnen dieser Fliederton sehr gut. Der Effekt ist ganz enorm, Ihre Augen leuchten dadurch wie Veilchen. Schauen Sie hier in den Spiegel.« Die Verkäuferin hielt Lisa geschickt etwas Plüschiges, Kurzes und eng Tailliertes an, mit einem lang heruntergezogenen Kragen. »Wenn Sie dazu die ausgestellte lila Stretchhose tragen, sieht das einfach phantastisch aus.«

»Phantastisch vielleicht, aber nichts für mein Alter. Vor fünfzehn Jahren, ja, da hätte ich das bestimmt angezogen.«

»Was reden Sie da, Ma’am, Sie brauchen sich doch wirklich noch keine Gedanken um Ihr Alter machen.« Die Verkäuferin kniff schmeichlerisch die Augen zusammen. »Dazu gehört auch noch eine Wildlederweste, wenn Sie alle drei Teile kaufen, geben wir Ihnen einen Preisnachlaß.«

Lisa hatte schon fast kapituliert. Sie ging in eine Umkleidekabine, zog den Vorhang zu und probierte die Sachen an.

Aus dem Spiegel blickte sie eine bildhübsche, fremde junge Frau mit großen, leuchtenden Veilchenaugen und naiv-verzücktem Gesichtsausdruck an. Die aschblonden Haare waren leicht zerzaust, die hohen Wangenknochen etwas gerötet, und der Mund verzog sich wie von selbst zu einem idiotischen Lächeln.

Lisa stellte sich vor, wie ihre Kollegen gucken würden, wenn sie in diesem Teenie-Aufzug in Ostankino auftauchte. Ihr über Jahre hinweg aufgebautes Image als seriöse, korrekte, unnahbare Intellektuelle, sympathisch, charmant, aber beinahe geschlechtslos, wäre in wenigen Tagen dahin. Es würde zweideutige Anspielungen geben, Klatsch und Tratsch würden blühen.

Zweimal wöchentlich informierte Jelisaweta Beljajewa Millionen Fernsehzuschauer über die politischen Ereignisse, meist beunruhigende und unerfreuliche. Aber ihre einfachen, klaren, kaum merklich ironischen Kommentare trösteten die Leute. Nach ihrer Sendung hatte der Zuschauer nicht wie sonst das Gefühl, er lebe in einem Dreckhaufen und morgen gehe die Welt unter.

Von Anfang an hatte Lisa genug Verstand besessen, um nicht der Versuchung des schnellen Erfolgs zu erliegen. Vor fünf Jahren, bei ihrem ersten Fernsehauftritt als Nachrichtenmoderatorin, hatte sie sich geweigert, das übliche Make-up zu tragen, und erklärt, sie wolle nicht wie alle diese faden Püppchen aussehen. Niemand hatte sie damals verstanden, niemand, außer den Fernsehzuschauern.

Seitdem war sie kein einziges Mal wie ein verwöhntes Model auf dem Bildschirm erschienen, dem man ansah, daß Nerzmantel, Mercedes, Massagen, Fitness-Studio, Urlaub auf den Kanaren zu seinem Alltag gehörten. Sie war eine bodenständige Frau geblieben, eine kluge, ruhige, zuverlässige Gesprächspartnerin für Millionen. Dafür wurde sie geliebt.

»Toll! Die Hose sitzt wie angegossen!« gurrte die Verkäuferin, und ihr zu Hilfe kamen noch zwei weitere aus der Nachbarabteilung. »Glauben Sie uns, Ma’am, dieses Outfit ist wie geschaffen für Sie. Jetzt brauchen Sie nur noch die passenden Schuhe, eine Tasche und ein Tuch.«

All das wurde augenblicklich herbeigeschafft.

Lisa steckte gehorsam ihren Fuß in einen lila Wildlederschuh mit meterhoher, hufartiger Plateausohle, kam aber sofort zur Besinnung, schlüpfte zurück in die Umkleidekabine, zog energisch den Vorhang zu und die veilchenfarbene Pracht aus und kehrte zu ihrem damenhaften Aussehen zurück – schlichter grauer Pullover, legere graue Hose, schwarzer Schal, schwarzer französischer Mantel.

Die einfallsreichen Verkäuferinnen schlugen ihr daraufhin ein klassisches dunkelblaues Kostüm vor, ein Abendkleid, einen dreiteiligen seidenen Hosenanzug und ein halbes Dutzend Blusen und Pullover. Ihre psychologische Attacke erlahmte erst, als ein neues potentielles Opfer die Boutique betrat, eine etwa fünfzigjährige Dame in einem bodenlangen Nerzmantel. Lisa machte sich unauffällig aus dem Staub und lobte sich in Gedanken dafür, daß sie nicht schwach geworden war und einen Haufen Geld für Sachen ausgegeben hatte, die sie gar nicht brauchte und die ihr überhaupt nicht gefielen.

In einem Antiquitätengeschäft suchte sie für ihren Mann eine winzige Spieldose zum Aufziehen aus. Aus dem bemalten Holzkästchen erklang die Melodie eines Straußwalzers. In einem Spielzeugladen erstand sie einen englischen Teddy für ihre Tochter und eine durchsichtige Gummiblase für ihren Sohn, in deren Innerem Schädel und Knochen schwammen (der sechzehnjährige Witja hatte ihr wie immer ganz genau erläutert, was er haben wollte).

Eine Stunde war ihr noch geblieben. Sie ging wieder nach draußen, kam allerdings nicht auf die Rue Sainte-Cathérine, sondern auf eine ganz andere Straße. Mittlerweile war es dunkel geworden. Ein paar Minuten lang suchte sie auf dem Stadtplan herum und fragte Passanten. Schließlich glaubte sie begriffen zu haben, wie sie zurück zum Hotel gehen mußte, in Wirklichkeit aber lief sie in die entgegengesetzte Richtung.

Die bunten Lichter der Schaufenster und Leuchtreklamen verschwanden und machten dem kalten grellweißen Licht der Straßenlaternen Platz.

Ein schon etwas angejahrter Jüngling mit viel Rouge auf den Wangen, in eng anliegenden rotkarierten Hosen und kurzem rosa Lederjäckchen versperrte ihr den Weg. »Heute gibt’s mich fast umsonst«, verkündete er ihr traurig.

Der süßliche Duft von billigem Parfum und allerlei orientalischen Wohlgerüchen war so intensiv, daß ihr Tränen in die Augen traten. Kein Straßenschild, niemand, den sie nach dem Weg hätte fragen können. Lisa machte kehrt und ging in beschleunigtem Tempo wieder zurück, beinahe rannte sie.

»Vielleicht mögen Sie ja lieber Mädchen …« Eine üppige Schwarze mit zitronengelb gefärbtem Haar faßte sie am Ärmel.

Nun lief Lisa wirklich, schaute starr nach vorn und achtete nicht auf den Weg, aber das Rotlichtviertel wollte kein Ende nehmen. Aus einer dunklen Ecke tauchten plötzlich zwei völlig gleich aussehende junge Männer mit kahlgeschorenen Köpfen auf und versperrten ihr den Weg. Ihre Militärmäntel klappten auf, darunter waren sie nackt.

»Extrarabatt speziell für Sie, fünfzig Dollar für zwei Stunden, siebzig für die ganze Nacht! Sie werden nicht enttäuscht sein!« riefen die beiden mit breitem Grinsen im Chor und entblößten dabei die gleichen löchrigen Zahnreihen.

Sie wich erschrocken zur Seite und erblickte eine Lücke zwischen den Häusern und dahinter eine dunkle, menschenleere Gasse, wagte aber nicht, hineinzulaufen. In panischer Angst hetzte sie hin und her, versuchte herauszufinden, in welche Richtung sie gehen mußte. Plötzlich hörte sie sich halblaut aufschreien. Jemand hatte sie an der Schulter gepackt.

»Jelisaweta Pawlowna, was ist mit Ihnen? Beruhigen Sie sich!«

Sie begriff nicht gleich, daß man sie auf russisch angesprochen hatte.

»Wie haben Sie es bloß geschafft, ausgerechnet in das gefährlichste und anrüchigste Viertel der Stadt zu geraten? Es ist das einzige dieser Art in ganz Montreal.«

Vor ihr stand Krassawtschenko, Mitarbeiter des Außenministeriums, ein Diplomat mit akkuratem grauem Bürstenschnitt, einem sanften Lächeln und verständnisvollen Augen.

»Anatoli Grigorjewitsch, ich habe mich verlaufen«, flüsterte sie und hielt sich krampfhaft an seinem Arm fest.

»Schon gut, schon gut, wir sind ja schon wieder auf sicherem Terrain. Seien Sie nicht so aufgeregt. Haben Sie denn keinen Stadtplan?«

»Doch. Aber ich habe mich noch nie gut orientieren können, außerdem gibt es hier keine Straßenschilder. Vermutlich verspäten wir uns jetzt schon zum Bankett? Wissen Sie, wie man zurück zum Hotel kommt?«

»Ich kenne diese Stadt in- und auswendig, ich habe fünf Jahre hier bei der Botschaft gearbeitet. Das Hotel ist ganz in der Nähe, nur etwa zehn Minuten zu Fuß. Wenn Sie einverstanden sind, können wir erst noch in ein Café gehen. Verschnaufen Sie ein Weilchen, trinken Sie in Ruhe eine Tasse Kaffee. Da drüben ist eine ausgezeichnete Patisserie.«

Gleich hinter dem Rotlichtviertel begannen die reichen, wohlanständigen Straßen, wo sich das normale städtische Leben abspielte.

»Die Gegend, in die Sie geraten sind, ist so was wie ein Reservat für Drogensüchtige, billige Pornoschuppen und ähnliche schöne Dinge«, erklärte Krassawtschenko. »Wie hat es Sie nur dahin verschlagen, Jelisaweta Pawlowna?«

Und Sie? zuckte es Lisa durch den Kopf, aber sie sprach ihre Frage nicht laut aus.

Die kleine Patisserie war menschenleer. Rosa gestrichene Wände, niedrige Glastischchen, geblümte Polsterstühle und Sofas.

»Gleich ist der Schock vorüber, und Sie werden darüber nachdenken, wie man all diese heruntergekommenen Gestalten retten könnte. Eben waren es für Sie noch Monster, doch gleich werden Sie die unschuldigen Opfer sozialer Ungleichheit in ihnen sehen.« Krassawtschenko lächelte und berührte ihre Hand. »Hier gibt es wunderbaren Kuchen. Mögen Sie Süßes?«

»Ich werde mir bestimmt keine Gedanken darüber machen, wie man die da rausholen kann. Und Süßes mag ich auch nicht«, knurrte Lisa ungnädig.

»Aber einen Obstsalat und eine Tasse Cappuccino werden Sie doch hoffentlich nicht ablehnen?«

Krassawtschenko half ihr aus dem Mantel, wobei er ungeniert mit den Fingern über ihren Hals streifte, so als wolle er ihr das Haar im Nacken ordnen.

Das ist ja ganz was Neues, dachte Lisa erstaunt, woher auf einmal diese Vertraulichkeit? Hat das einen Grund?

Seine Finger waren eiskalt. Seine Augen ebenfalls. Überhaupt merkte sie, nachdem der Schock tatsächlich vorüber war, daß er keineswegs so nett und sympathisch war, wie es ihr vorgekommen war. Wieso war er eigentlich genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen? Hatte er vielleicht gerade ein schnelles Abenteuer mit einer billigen Prostituierten gesucht? Oder hatte er mal Marihuana ausprobieren wollen? Denn verirrt konnte er sich schließlich nicht haben, er hatte ja selber gesagt, daß er die Stadt sehr gut kenne. Oder war er ihr gefolgt? Blödsinn …

Lisa setzte sich auf eins der bequemen kleinen Sofas und hielt sich gerade noch zurück, die Schuhe abzustreifen und die Beine hochzuziehen. Krassawtschenko nahm ihr gegenüber auf einem Polsterstuhl Platz.

»Ich habe Sie im Einkaufszentrum bemerkt, in der Spielwarenabteilung. Ich wollte Sie schon ansprechen, aber ich habe einen Grundsatz: Störe nie eine Frau, die gerade einkauft. Und dann sind Sie so rasch gegangen, fast schon gelaufen.«

Ich bin langsam gegangen. Ich bin sogar stehengeblieben, um den Stadtplan zu studieren. Ich habe Passanten angesprochen, stellte Lisa in Gedanken fest.

»Ich wollte Sie nämlich immer schon näher kennenlernen. Es hat sich nur noch nie ergeben.«

Der Obstsalat war mit einer neckischen Rose aus Schlagsahne verziert. Der Kaffee hatte ein leichtes Vanillearoma. Krassawtschenko stocherte mit dem Löffel in seinem Kuchenstück herum, einer aus mehreren Schichten bestehenden Kreation aus Gelee und Soufflé, ohne etwas zu essen. Dafür trank er sein Mineralwasser in einem Zug aus und zündete sich sofort eine Zigarette an. Lisa dachte, daß er offenbar auch nichts Süßes mochte, und machte sich mit Appetit an ihren Salat.

Sie aß langsam, nippte ab und zu an ihrem Kaffee. Er schaute sie unverwandt an, ohne zu blinzeln. Ja, ihr war auch schon aufgefallen, daß er sie kennenlernen wollte, sie begriff nur nicht, warum. Das Theater, das er ihr vormachte, fand sie unangenehm. Sie war alt genug, um sich von so etwas nicht mehr täuschen zu lassen. Wie ein Mann aussieht, der tatsächlich verliebt ist, wußte sie sehr gut.

»Leute kennenzulernen ist doch das A und O Ihres Berufsstandes«, sagte sie lächelnd, aß den letzten Happen Salat und steckte sich ebenfalls eine Zigarette an. »Dafür sind Sie schließlich Diplomat, um selbst zu solchen Leuten Kontakt zu finden, die gar keinen Kontakt zu Ihnen wollen.«

»Und die das auch gar nicht verbergen«, fügte Krassawtschenko hinzu und lächelte vielsagend. Gleich darauf trat ein verliebter Ausdruck auf sein Gesicht. Sein Blick glitt von ihren Lippen tiefer zu ihrem Hals, er schluckte und wollte schon seine Hand ausstrecken, um ihr eine widerspenstige Haarsträhne zu glätten – »Diese Frisur steht Ihnen sehr gut, Lisa« –, zog die Hand dann aber abrupt wieder zurück und errötete.

Von dem kann man in puncto Selbstdarstellung wirklich noch was lernen, dachte Lisa, während sie die ausdrucksvolle Mimik des Diplomaten beobachtete. Wäre ich fünfzehn Jahre jünger, würde ich glatt darauf hereinfallen.

»Anatoli Grigorjewitsch, ist was mit Ihrem Kuchen? Sie essen ja gar nichts.«

»Ich schaue immerzu nur Sie an, Lisa. Ich versuche zu ergründen, worin Ihr Geheimnis besteht. Und ich glaube fast, ich weiß es. Es besteht nicht darin, daß Sie schön, klug und erfolgreich sind, obwohl auch das wichtig ist. Sie strahlen eine gesunde Energie aus. Licht und Wärme. Wissen Sie, es gibt Menschen, die saugen dem Gesprächspartner alle Energie aus, und es gibt andere, die geben ihre Energie großzügig weiter. Sie gehören zu letzteren. Sie verströmen Energie. Hat Ihnen das noch niemand gesagt?«

Na, mein Junge, jetzt trägst du aber reichlich dick auf, dachte Lisa vergnügt, jetzt gehst du aufs Ganze. Langsam wüßte ich gern, was du eigentlich wirklich von mir willst.

»Danke. Mir werden so selten Komplimente gemacht.«

»Das ist kein Kompliment. Eher eine Warnung.«

»Warum?«

»Wenn Sie Energie verströmen, verlieren Sie selber welche. Sie müssen sich irgendwie regenerieren, sich neu aufladen. Das kann man auf verschiedene Weise: mit Musik, frischer Luft, Sport, Sex.«

Geschmackloser Idiot, dachte Lisa müde.

»Übrigens, was Ihr Privatleben, Sport, Musik und sonstige Zerstreuungen betrifft«, fuhr Krassawtschenko fort, »ein guter Bekannter von mir, Korrespondent der holländischen Zeitschrift ›Volksgarden‹, hat mich gebeten, Sie wegen eines Interviews anzusprechen. Es ist ein älterer, sehr kultivierter Herr, sein Name ist David Bart. Er wird Ihre Zeit nicht länger als eine halbe Stunde in Anspruch nehmen.«

»Sehr interessant.« Lisa lächelte gezwungen. »Warum kommt er nicht einfach in der Pause zu mir ins Foyer? Ich gebe ja ständig Interviews.«

»Sie geben Antworten auf Fragen, die mit der Konferenz zu tun haben, aber er möchte sich mit Ihnen über andere Dinge unterhalten. Sie interessieren ihn als Mensch, als Frau, wenn Sie so wollen …«

»Und wenn ich nicht will?«

Lisa begann dieser zweideutige, anzügliche Tonfall ernstlich auf die Nerven zu gehen.

»Entschuldigen Sie, ich habe mich wohl etwas ungeschickt ausgedrückt. Also, kurz gesagt, mein Holländer möchte gern ein freundschaftliches, vertrauliches Gespräch. Leider hat er keine Akkreditierung. Und Sie wissen ja selber, wie scharf die Sicherheitsvorkehrungen wegen all dieser Serben und Araber sind.«

»Ich beantworte keine Fragen über mein Privatleben«, sagte Lisa rasch.

»Wie schade, jetzt machen Sie ein ganz anderes Gesicht.« Krassawtschenko seufzte tief auf. »Eben strahlten Sie noch Wärme und Licht aus, und jetzt … Brrr, wie kalt, Eis in den Augen und Eis in der Stimme. Hat ein Journalist Sie mal beleidigt?«

Sie schwieg eine Weile und brach dann plötzlich in fröhliches Gelächter aus.

»Haben Sie das wirklich nötig, Anatoli Grigorjewitsch?«

Was wollte dieser Diplomat mit dem Gummigesicht von ihr? Sie hatte absolut keine Angst vor einem Interview. Eins mehr oder weniger – darauf kam’s nicht an.

»Dürfte ich mir eine Zigarette von ihnen nehmen? Ich versuche gerade, mir das Rauchen abzugewöhnen, meine eigenen sind alle, und sehen Sie, schon schnorre ich.« Er lächelte, aber seine Augen blickten lauernd und stechend.

Noch ist nicht raus, wer in diesem Gespräch wen aushorcht, dachte Lisa, jetzt, mein Herr, gebe ich Ihnen gleich die Chance, elegant das Thema zu wechseln. Mal sehen, ob Sie sich darauf einlassen.

»Bitte.« Sie reichte ihm ihre Zigaretten. »Allerdings wird es Ihnen so nie gelingen, mit dem Rauchen aufzuhören. Bald wird es Ihnen peinlich werden, fremde Zigaretten zu schnorren, und Sie werden sich wieder selbst welche kaufen.«

»Glauben Sie?«

»Mir ist es auch so gegangen. Mit dem Rauchen aufhören kann man erst, wenn man sich klargemacht hat, daß es noch schädlicher ist, als fettes Fleisch, Makkaroni mit Ketchup, Hamburger und Würstchen zu essen, das alles mit Bier und Coca-Cola herunterzuspülen und obendrein noch Autoabgase einzuatmen.«

»Ah, jetzt begreife ich. Sie sehen so gut aus, weil Sie sich gesund ernähren?«

»Genau«, nickte Lisa. »Aber ich rauche und atme Autoabgase ein.«

»Schade, daß jetzt nicht David Bart mit seinem Aufnahmegerät bei uns sitzt. Er will mich morgen früh anrufen, und ich weiß immer noch nicht, was ich ihm sagen soll.«

»Sie haben mir bisher nicht erklärt, warum Ihnen so viel an diesem Interview liegt«, erinnerte ihn Lisa. »Ist er ein besonders guter Freund von Ihnen? Oder hat er Ihnen dafür seinerseits einen Gefallen versprochen?«

»Sie sind wirklich eine harte Nuß«, brummte Krassawtschenko. »Nein, David Bart ist weder ein Freund von mir, noch erwarte ich irgendwelche Gegenleistungen von ihm. Ich habe ihm einfach versprochen, Sie zu überreden. Vielleicht war das etwas voreilig von mir.«

»Das war es wohl.« Lisa stand auf. »Ich denke, wir müssen jetzt zurück ins Hotel, Anatoli Grigorjewitsch.«

»Schade. Sehr schade. Tja, ich muß mich wohl damit abfinden. Es ist Ihr gutes Recht, ein Interview abzulehnen.«

Als er ihr in den Mantel half, streifte er wie unbeabsichtigt mit der Wange über ihr Haar.

»Ich will eine Blutanalyse! Man hat mir irgendwas eingeflößt! Ich habe niemanden umgebracht, das will man mir unterschieben! Ich muß meine Frau anrufen!«

Während das Milizauto Sanja zum Revier fuhr, brüllte er hartnäckig immer wieder die gleichen Sätze, wie ein Verrückter auf einer Versammlung, bekam jedoch keine Antwort außer: »Halt die Klappe, schrei hier nicht rum!«

Darauf flüsterte er resigniert und kaum hörbar, als würde er beten, daß ihm laut Gesetz ein Anwalt zustehe, daß er gar nicht schießen könne, und selbst wenn er es könnte, er sei ja nicht bei Bewußtsein gewesen, und überhaupt habe er keine Ahnung, wie er in dieses fremde Haus gelangt sei. Er erinnere sich nicht einmal an die genaue Adresse des Ermordeten, sein Notizbuch habe er nicht bei sich gehabt, und wo zum Teufel hätte er wohl mitten in der Nacht hinwollen können außer nach Hause?

Das widerlichste war, er konnte sich tatsächlich an nichts erinnern. Der ganze gestrige Tag war in quälendem, undurchdringlichem Nebel versunken. Einige Einzelheiten des Vormittags tauchten noch bruchstückhaft daraus hervor, aber der Abend war ihm vollständig abhanden gekommen. Er konnte sich darauf besinnen, daß er vormittags mit Wowa Muchin telefoniert hatte, daß es ein seltsames, unerwartetes, wichtiges Gespräch gewesen war und sich irgendwie auf den Abend bezogen hatte, aber worüber sie gesprochen hatten, war ihm komplett entfallen, und mit den weiteren Ereignissen wollte sich das Gespräch auch nicht in Zusammenhang bringen lassen. Er versuchte, in Gedanken den ganzen gestrigen Tag zu rekonstruieren, Stunde für Stunde, und vermochte es nicht. Er geriet in Panik, klebriger Schweiß brach ihm aus. Die Ereignisse in seinem Kopf verwirrten sich immer mehr.

Zunächst brachte man ihn auf das Milizrevier des Bezirks und sperrte ihn dort in den sogenannten »Affenkäfig«, eine einsehbare, vergitterte Zelle für vorläufig Festgenommene. Seine Mitinsassen waren mit Drogen vollgepumpte, undisziplinierte Halbwüchsige, ein stilles Pennerpärchen und ein tobsüchtiger älterer Mann, der wegen Vergewaltigung eines zehnjährigen Mädchens verhaftet worden war.

Sanja verkroch sich in eine Ecke. Er sah, wie auf den Köpfen der beiden Penner die Läuse krabbelten, sah die schrecklichen trüben Augen des Vergewaltigers, hörte das träge Fluchen der Jugendlichen. All das hinderte ihn daran, sich zu konzentrieren und sich zu vergegenwärtigen, was tatsächlich geschehen war. Er stellte sich vor, wie Natascha jetzt kopflos in der Wohnung herumlief, und bei diesem Gedanken krampfte sich ihm das Herz schmerzhaft zusammen. Sicher telefonierte sie bereits alle Krankenhäuser ab, man gab ihr immer neue Telefonnummern, wo sie sich erkundigen sollte, sie konnte gar nicht so schnell mitschreiben, weil ihr die Hände zitterten und die Tränen in den Augen standen. Nur gut, wenn Dimytsch schlief.

Die Zeit verging. Niemand beachtete Sanja. Er begriff, daß seine Chancen, hier heil herauszukommen, mit jeder Minute schwanden. In seinem Kopf herrschte totale Leere. Das letzte, was ihm vom Beginn des vergangenen Abends noch in Erinnerung war, waren auf dem Fußboden verstreute Dollarscheine. Aber wo er sie gesehen hatte, wem das Geld gehört hatte und mit wem er dort gewesen war, hatte er vergessen.

Eine Horde billiger Prostituierter stürmte herein. Durchgefroren, mit verschmiertem Make-up, lachten sie laut kreischend, kokettierten mit den Milizionären und führten sich auf, als seien sie auf dem Revier zu Hause und als sei ihre Festnahme nur eine günstige Gelegenheit, sich aufzuwärmen und ein bißchen auszuruhen.

»Was guckst du so traurig, Süßer?« sprach ihn eine mollige Rothaarige in grünen Ledershorts und zerrissenen schwarzen Strümpfen an und blinzelte ihm zu.

Er mußte daran denken, wie er diese verfrorenen billigen Nutten mit einer Mischung aus Mitleid und Ekel aus dem Autofenster heraus angeschaut hatte, wenn er spätabends über die Twerskaja oder den Gartenring gefahren war, wie ...

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