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Russen kommen

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Danke

Über die Autorin

Eva Rossmann, 1962 in Graz geboren, lebt im niederösterreichischen Weinviertel. Sie arbeitete als Verfassungsjuristin, dann als politische Journalistin, u. a. beim ORF und bei der NZZ; seit 1994 ist sie freischaffende Autorin und Publizistin. Seit ihren Recherchen für AUSGEKOCHT arbeitet sie auch als Köchin in einem Michelin-Lokal im österreichischen Weinviertel.

RUSSEN KOMMEN ist ihr zehnter Kriminalroman mit Mira Valensky und Vesna Krajner.

[ 1 ]

Die Fenster sind klein, hinter den grün lackierten Fensterkreuzen glitzert der Schnee in der Abendsonne, eine Menge Schnee. Drinnen viel Holz in der Farbe von dunklem Bernstein. Vier Holztische, alle besetzt. Holzdecke. Eine schmale Theke aus Holz. Laute Stimmen vom Nebentisch. Im »Zirben« ist es warm, ich lehne mich zurück. Ich bin angenehm erschöpft nach so viel Bewegung an der frischen Luft, das Schönste aber ist: Ich habe mir nichts gebrochen. Skifahren ist nicht gerade mein Fall. Ich bin zu feige und auch nicht mehr so gut in Form. Oskar hebt sein Glas und lächelt mir zu. Wir stoßen miteinander an, fein klingende Gläser, exquisiter Rotwein, das da ist nicht irgendeine Skihütte in den österreichischen Bergen, es ist eine Skihütte oberhalb von Zürs am Arlberg.

Hier wird nicht bloß Ski gefahren, hier wird exklusiv gelebt – mit mehr oder weniger Anstrengung, füge ich in Gedanken hinzu, wenn ich an die letzte rote Abfahrt denke. Und hier werden Geschäfte gemacht. Oskar hat einen Termin mit dem Chef seiner Partnerkanzlei in Frankfurt. Es geht um den neuen Kooperationsvertrag. Ich bin mitgefahren. Und der gute Oskar hat mich zum Dank den ganzen Tag über die Hänge getrieben, mit vielen aufmunternden Worten. Irgendwie ist es ja auch ein erhebendes Gefühl, wenn man ein paar Schwünge rund und ohne Gedanken an einen Sturz schafft. Losgelöst. Weiße Wunderlandschaft über Österreich, auch jetzt, Anfang April. Insgeheim habe ich mir gewünscht, es käme ein Warmwettereinbruch. Ich könnte damit leben, die drei Tage am Arlberg spazieren zu gehen und gut zu essen.

Außerdem arbeite ich an einer Russen-Reportage. Das »Magazin« weiß zwar noch nichts davon, aber immerhin bin ich Chefreporterin und es war vereinbart, dass ich die Themen meiner Reportagen mitbestimmen darf. Seit letzter Woche haben wir einen neuen Chefredakteur, so einen Hübschen vom Fernsehen, er war Moderator einer viel gesehenen Nachrichtensendung, wahrscheinlich hat sich der Herausgeber deswegen für ihn entschieden, man kennt ihn. Was beim »Magazin« am meisten zählt, ist Auflage. Wir sind nicht ohne Grund die größte Wochenzeitung im Land. Wenn auch vielleicht nicht immer die beste. Aber was ist schon gut? Ich seufze zufrieden und nehme noch einen Schluck. Ich sollte die vier Leute am Nebentisch beobachten. Sie reden russisch.

Ein Mann in rotem Skidress. Er war mit Sicherheit teuer, das sehe ich schon, noch bevor ich am Ärmel »Armani« entziffern kann, die Haare hellbraun, beginnende Stirnglatze, nicht dick, nicht dünn, wohl Anfang bis Mitte vierzig. Er führt das große Wort, ist eindeutig der Boss. Neben ihm eine aparte junge Frau, dunkle lange Haare, schmales Gesicht mit dunklen Augen, kaum geschminkt, zierlich, weißer Skioverall. Das Oberteil hat sie sich um die Hüften gewickelt, kurzärmliges schwarzes T-Shirt, kleiner, fester Busen. Sie sagt nicht viel. Seine Frau? Sie ist wohl zwanzig Jahre jünger als er. Sie wirken nicht wie verheiratet. Seine Freundin? Dazu sitzt sie zu weit von ihm entfernt. Sie scheint dem, was er sagt, auch nicht zu folgen, sie sieht zur Theke und wirkt sehr weit fort. Dafür drückt sich die zweite junge Frau so eng wie möglich an ihren Begleiter. Sie ist stark geschminkt, Pink- und Blautöne, eine sorgsam bemalte Porzellanpuppe. Er ist in etwa gleich alt wie der andere Mann, aber eindeutig unterlegen, daran können auch seine Muskeln und sein dichtes blondes Haar nichts ändern. Ich lächle. Dian Fossey und ihre »Gorillas im Nebel« – Verhaltensforschung am Arlberg. Worin besteht der tiefere Grund, dass die bunte Frau ihre ursprünglich dunklen Haare blond gefärbt hat? »Blond und blöd schnackselt gut«, sagen die zwei Macho-Rüpel aus unserer Fotoredaktion in so einem Fall. Meine Antwort hat ihnen weniger gefallen: »Wer es mit euch macht, muss jedenfalls blöd sein.« Will der Muskelmann durch die dicke Goldkette um seinen Hals nachweisen, was er als Mann alles draufhat? Und: Warum ist der eher farblose und ungeschmückte Russe dennoch der Leader am Tisch?

»Was ist?«, fragt Oskar. »Du murmelst vor dich hin.«

»Ich betreibe Verhaltensforschung«, flüstere ich und deute auf die vier Russen.

»Ist das nicht ein bisschen überheblich?«

Ich grinse. »Ich kann kein Russisch, also bleibt mir nur das Beobachten. Spannend.«

Oskar lacht leise, nimmt noch einen Schluck und dehnt seine Muskeln. Er ist der deutlich bessere Skifahrer von uns beiden, er hat den Tag sichtlich genossen, auch wenn er ohne mich sicher viel schneller unterwegs gewesen wäre. Vorbei. Überstanden. Wohlige Müdigkeit und Wärme in der kleinen Bernstein-Stube.

»Château Petrus!«, ruft der Mann am Nebentisch, die aparte junge Frau schreckt auf und sagt in gutem Deutsch: »Wir hätten gerne noch eine Flasche Pomerol, bitte.«

Der Hüttenwirt bringt den Wein rasch. Wahrscheinlich passiert es auch hier nicht so häufig, dass er gleich zwei Flaschen seines teuersten Weines verkauft. Er öffnet sie mit der Eleganz eines erfahrenen Oberkellners, dekantiert den Wein, schenkt einen Kostschluck ein. Ich würde zu gern wissen, wie so ein Pomerol Château Petrus schmeckt. Und ob er die tausendzweihundert Euro wert ist. Kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Plötzlich Lärm von draußen. Mein für alpine Katastrophen anfälliges Hirn denkt im ersten Moment an eine Lawine, ich ziehe den Kopf ein.

»Ein Hubschrauber«, sagt Oskar, und durch die kleinen Fenster sehe ich ihn jetzt auch. Zwanzig Meter von der Hütte entfernt landet ein Helikopter. Nun weiß ich, warum der Parkplatz so groß ist. Vier Männer steigen aus, buntes Skigewand. Sie nehmen ihre Ski aus dem Fangsack. Auch die Russen vom Nebentisch beobachten die Neuankömmlinge durch das Fenster, plötzlich springt der Führungsrusse auf, einige eilige Sätze, man rafft das Übergewand zusammen, der Blonde packt die Karaffe mit dem Pomerol, die dunkelhaarige junge Frau stürzt zum Hüttenwirt, er deutet zur winzigen Küche, die vier rennen hinter die Theke, in die Küche, sind verschwunden. Ein Auto röhrt auf, gerade als die vier Heli-Skifahrer den Raum betreten. Alle Augenpaare wenden sich ihnen zu. Werden sie Maschinenpistolen zücken, auf Russisch fluchen, den Geflohenen – denn was sonst kann das gewesen sein als eine Flucht – hinterherhetzen?

Nichts davon. Der erste Typ strahlt, nimmt seine Skikappe ab und meint in lautem Wienerisch: »So ein Glück, dass ein Tisch frei ist!« Du liebe Güte, ich weiß, wer das ist. Eigentlich hätte ich ihn sofort an seinem orangefarbenen Skianzug erkennen sollen, auf dem rote Ziegel und der weiße Schriftzug »Sorger« ein seltsames Muster bilden, Franz Sorger, Besitzer einer großen Baufirma und Society-Löwe, keine Klatschspalte, kein Promi-Event ohne sein breites Kameralächeln. Die Männer ziehen ihre Jacken aus, setzen sich. Zwei von ihnen reden englisch, der Dritte englisch mit einem starken österreichischen Akzent, und was Sorger spricht, ist Wienerisch mit Brocken, die er für Englisch hält.

»Der Toni Berger«, flüstert mir Oskar zu.

»Das ist der Sorger. Sorger-Bau, du weißt schon.« Ich sehe, dass der Helikopter wieder abhebt.

Oskar schüttelt den Kopf. »Der andere, Toni Berger, der Skirennläufer, hat bei der WM vor acht Jahren Silber gemacht, Super-G, und Bronze in der Abfahrt, glaube ich.«

»Was hat der mit dem Sorger zu tun?«

Oskar grinst. »Das, womit hier alle zu tun haben: Skifahren.«

»Warum sind die Russen vor denen davongelaufen?« Ich kapiere es nicht.

Oskar nimmt noch einen Schluck. »Vielleicht war es eine Verwechslung? Oder sie fürchten sich grundsätzlich vor Helikoptern?«

Ich schüttle den Kopf.

Oskar sieht mich flehentlich an. »Bitte, Mira. Wir sind hier auf Urlaub.«

»Du hast eine geschäftliche Besprechung mit deiner Partnerkanzlei«, gebe ich zurück und starre weiter auf den Eingang zur Küche, durch den die Russen verschwunden sind. »Ich möchte zu gerne wissen …«

Oskar tätschelt meine Hand. »Eigentlich wäre es langsam Zeit fürs Abendessen. Wir sollten aufbrechen, Galadinner im ›Sonnenhof‹, wir sollten nicht zu spät kommen.« Er steht auf, mit seinen Ein-Meter-fünfundneunzig reicht er beinahe bis an die Decke.

Sorger kennt mich, ich war jahrelang Lifestyle-Reporterin beim »Magazin«. Aber er ist so eifrig bemüht, mit seinen Begleitern Englisch zu sprechen, dass er mich nicht wahrnimmt. Vielleicht vermutet er mich auch nicht in dieser Umgebung. Soll ich ihn fragen, welchen Grund die Russen hatten, seinetwegen abzuhauen? Unsinn, was könnte er mir sagen.

Ich stehe auch auf. »Muss nur noch schnell aufs Klo«, murmle ich. Die Toilette ist gleich neben der Miniküche, sie hat ein Fenster, das auf jenen Teil des Platzes geht, wo die Autos stehen.

Ich starre nach draußen. Inzwischen ist es Nacht geworden, nicht einmal Spuren im festgepressten Schnee. Toilette wie in einem Nobelrestaurant, kleine gefaltete Handtücher aus Leinen, getrocknete Blumen. Ich gehe wieder zurück ins Lokal, und vor mir steht der Hüttenwirt.

»Was war das eben?«, frage ich ihn mit einem möglichst harmlosen Lächeln und deute auf den Kücheneingang.

Er zuckt mit den Schultern. »Keine Ahnung.«

»Zechpreller waren es aber keine.«

»Wirklich nicht, die haben noch im Rennen gezahlt. Samt Trinkgeld und Geld für die Karaffe.«

»Haben Sie die Russen gekannt?«

»Die waren zum ersten Mal da, von der Kategorie gibt es nicht so viele.«

Ich nicke. »Château Petrus, zwei Flaschen.«

»Und dann noch den 1999er, das ist ein super Jahrgang, wenn auch noch ziemlich jung. Kostet im Einkauf schon über achthundert Euro. Die Flasche.«

»Russenmafia?«, frage ich.

»Wenn sie sich benehmen und zahlen, ist mir das wurscht.«

»Womit könnte der Sorger sie erschreckt haben?«, überlege ich laut.

»Der ist oft da, die zwei Amerikaner in letzter Zeit auch. – Vielleicht Geheimdienst?«

Ich grinse. »Und gleich kommt James Bond.«

Er grinst auch. »Hast ja recht, Mädchen, sorry, man denkt sich immer so einen Quatsch zusammen.«

»Aber komisch war es schon.«

»Bei den Russen ist manches komisch, aber eigentlich nicht nur bei den Russen.«

»Gäste, die in einer Skihütte Pomerol trinken …«

»Hast recht, bei uns ist manches komisch.«

»Und Sie machen das da schon lange?«

»Sag Du zu mir, du bist fast von da, früher haben wir alle einander Du gesagt. Ich hab eine kleine Käserei gehabt, im Bregenzerwald, dann hat mir ein Onkel die Hütte vermacht. Er hat nur Schnaps ausgeschenkt, alle haben gesagt, die Hütte sei viel zu klein, um sie als Skihütte zu betreiben, da passt ja nicht einmal ein ganzer Skikurs rein. Und wie ich das erste Mal Wein einkaufen gegangen bin, haben sie geglaubt, ich spinn. Ich spinn nicht.«

»So etwas wie gerade mit den Russen – passiert das öfter hier?«

Der Hüttenwirt lacht schelmisch. »Täglich!«

»Quatsch.«

Er nickt. »Zwei-, dreimal haben wir Streitereien unter Gästen gehabt. Russen waren übrigens nie dabei, die Aktion heut war die erste ihrer Art. Ich tät sagen, er ist ein Geschäftsmann, der andere sein Leibwächter, und die beiden Mädels sind Callgirls, da ist eh alles klar.«

»Die eine hat nicht so ausgesehen.«

»Glaubst du, hier gibt es keine Callgirls mit Stil?«

Ich nicke, hier gibt es ja auch Château Petrus.

Oskar steht mit meiner Jacke bereit. »Wir kommen wieder«, lächle ich dem Hüttenwirt zu. »Und wenn einmal ein Schluck Petrus übrig bleibt …«

Er zwinkert mit dem rechten Auge. Nette Typen, hier auf dem Berg, Wenn nicht das gefährliche Skifahren wäre …

Eng nebeneinander gehen wir den Fußweg hinunter nach Zürs, die Lichter der Hotels leuchten uns entgegen, die Luft ist klar. Der sonnengewärmte weiche Schnee zieht wieder an, wird wieder fest. In der Nacht kommt das Eis.

»Die Dunkle, das war kein Callgirl«, sage ich unvermittelt.

Oskar lacht sein liebevolles Lachen. »Kann es sein, dass du zu viel Fantasie hast?«

Ich komme ins Straucheln, halte mich an ihm fest, Hand in Hand gehen wir weiter. »Jedenfalls habe ich Hunger«, erwidere ich.

Dass im Hotel »Sonnenhof« heute Galadinner ist, erkennt man vor allem an den vielen silbernen Kerzenleuchtern und daran, dass das Bedienungspersonal elegante schwarze Hose und weißes Hemd mit Schlips trägt. Die Gäste sind bunt gemischt und so unterschiedlich gekleidet wie immer: Einige, vor allem die älteren, elegant, andere in durchschnittlicher Tageskleidung, und die Holländer am großen Tisch tragen überwiegend Jogginghosen.

Mich versetzt allein der Gedanke an ein vielgängiges Abendessen in festliche Stimmung. Noch dazu, wo ich heute beinahe exzessiv Bewegung gemacht habe, da ist keine Rücksicht auf Kalorien notwendig.

Als Tribut an die Gala hat Oskar ein dunkles Sakko angezogen, darunter trägt er allerdings ein Poloshirt. Ich habe mich für meinen schwarzen Samtsweater entschieden, schwarzer Samt macht immer etwas her, außerdem habe ich nichts Eleganteres dabei.

Das Essen ist gut, keine kulinarische Offenbarung, aber die haben wir auch nicht erwartet, man findet sie selten in Hotels. Nach dem Käse setzt sich die Hotelchefin für einige Minuten zu uns. Wir loben Essen und Zimmer und Berge und Schnee und Wein und meinen es auch so. Wenn wir Weinkenner seien, dann sollten wir doch in den nächsten Tagen einmal ins »Zirben« schauen, rät sie uns.

»Kennen wir schon«, kläre ich sie auf, und bevor mich Oskar zurückhalten kann, erzähle ich ihr von den fliehenden Russen. Hanni Guggenbauer schüttelt den Kopf. Da hätten wir wohl etwas falsch interpretiert, meint sie. »In den Zeitungen steht viel Blödsinn, unsere Russen sind sehr friedlich. Sie wollen ihre Ferien genießen, sonst gar nichts. Und wenn sie ab und zu ein wenig Gas geben – welche größere Gruppe tut das nicht?« Sie runzelt die Stirn. Die acht Holländer lachen laut, drücken der Serviererin zwei leere Flaschen in die Hand und ordern offensichtlich weitere Flaschen Wein. »Wahrscheinlich hatten die Russen nur einen dringenden Termin«, fährt die Hotelchefin fort.

Das hat der Hüttenwirt auch schon vermutet, aber wer hetzt zu einem dringenden Termin durch die Küche, die Karaffe mit Château Petrus in der Hand? Jedenfalls eine nette Facette für meine geplante Russen-Story. Ich beschreibe Hanni Guggenbauer die vier Russen, sie kennt sie nicht. Vielleicht habe ich morgen mehr Glück. Am Vormittag trifft sich Oskar mit seinem Geschäftspartner, Und da mir nicht nach allein Ski fahren ist, werde ich für meine Russen-Reportage recherchieren. Mit dem Eigentümer des größten Skimodengeschäfts und dem Chef des angeblich besten Restaurants habe ich schon einen Termin vereinbart. Ich hätte die Russen fotografieren sollen. Andererseits: Wer weiß, was dann passiert wäre.

Oskar bestellt noch echten Vorarlberger Obstler. Schade, dass Vesna noch nicht da ist. Sie hätte die Flucht der Russen mit Sicherheit genauso interessiert wie mich. Mehr noch, sie wäre ihnen wohl nachgeeilt. Aber Vesna, meine langjährige Putzfrau und gute Freundin, inzwischen Inhaberin eines Reinigungsunternehmens, das so ganz nebenbei auch andere Aufträge übernimmt – was kann sie dafür, dass die Privatdetektivordnung derartig restriktiv ist –, ist noch in Wien. Wenn alles gut geht, kommt sie morgen Abend. Vielleicht finden wir gemeinsam mehr heraus. Irgendeinen Aufhänger braucht jede Reportage. »Russenmafia in den Bergen«, das klingt gut, egal was die Hoteliersfrau über ihre lieben Russen erzählt. Vesna ist im Jugoslawienkrieg aus Bosnien geflohen, Jugoslawien war kommunistisch, vielleicht hat sie in der Schule Russisch gelernt?

Die weißen Laken duften nach Sauberkeit, hier werden alle Versprechen der Waschmittelwerbung wahr, ich drücke meinen Kopf in das Polster, strecke wohlig meine Beine, selbst das leichte Ziehen in den Oberschenkeln bereitet mir Vergnügen, Grüße vom Skifahren. Sport in der frischen Luft, vielleicht kann ich mich doch daran gewöhnen. Noch bevor Oskar aus dem Bad kommt, bin ich eingeschlafen.

Strahlender Sonnenschein, als ich aufwache. Oskar ist schon angezogen, in einer Stunde hat er seinen Geschäftstermin, ich brauche im Badezimmer nicht lange, freue mich über mein leicht gebräuntes Gesicht und auf das Frühstück. Ich sollte Oskar vorschlagen, dass wir länger bleiben. Andererseits: Das hieße auch noch einige Tage Ski fahren. Und wer weiß, ob ich immer so großes Glück habe wie gestern.

Um elf stehe ich vor dem Sportmodengeschäft. Schicke Skianzüge, die meisten aber doch jenseits meiner finanziellen Schmerzgrenze. Die schwarze Daunenjacke würde mir gefallen, Schwarz macht zudem schlank, aber sechshundertachtzig Euro … Für viele mehr als ein halbes Monatsgehalt. Ich sollte ohnehin nicht ans Einkaufen denken, sondern daran, was ich den Besitzer des Geschäfts über russische Kunden fragen möchte.

Zehn Minuten später sitze ich ihm in einem winzigen, vollgestopften Büro gegenüber. Großzügig Platz gibt es nur für die Menschen im Geschäftsbereich, in dieses Kämmerchen hier passen nur einige Regale, ein kleiner Schreibtisch samt Computer, ein Schreibtischsessel und ein roter Stuhl, der schon bessere Tage gesehen hat.

Wir trinken Tee, und der Sportmodenhändler meint: »Großzügig sind sie, die Russen. Da gibt es welche, die kommen an, dann kommen sie sofort zu uns und kaufen gleich für tausend Euro oder mehr ein. Pro Person. In Russland bekommst du aber auch sicher nicht so schöne Sachen.«

Keine Ahnung, ich war noch nie dort. Mein Aufnahmegerät steht auf dem Tisch, es erspart mir das Mitschreiben. »Wenn die Russen so nett und so großzügig sind: Warum hat Kitzbühel überlegt, eine Russenquote einzuführen?«, frage ich.

»Na ja, wenn du überschwemmt wirst …«, beginnt der Händler und deutet dann auf das Gerät. »Das machen Sie jetzt aber bitte aus.«

Ich drücke auf die Pausetaste, was soll’s. Anders erfahre ich nie, was er denkt.

»Sie tanzen in der Nacht auf dem Tisch, sie trinken bis in der Früh, sie ruinieren Sachen im Hotel, da muss man schon aufpassen.« Er flüstert es fast.

»Wo ist das passiert?«, frage ich neugierig.

»Na auch hier, weniger in Zürs, bei uns ist es viel ruhiger, aber in Lech, keiner redet gern darüber. Die meisten Russen sind ja in Ordnung, auch wenn sie nicht Deutsch können. Die Russen sind eben nicht so zivilisiert, ich meine … Denken Sie an den Krieg, und was danach alles passiert ist, und dann die Sowjetunion, der Kommunismus.«

»Aber bei Ihnen geben sie viel Geld aus?«

Er lächelt und reibt sich die Hände. »Das muss man schon sagen, das schon. Ich hab zwei Verkäuferinnen eingestellt, eine kommt aus der Ukraine, und eine ist eine Russischstudentin aus Deutschland, das ist wichtig, sie wollen, dass man ihre Sprache spricht.«

»Und: Haben die Russen Sonderwünsche, irgendetwas, das sie von anderen Kunden unterscheidet?«

Er denkt nach, runzelt die Stirn. »Sonderwünsche … Ja, da hat es einen gegeben, der wollte für sich und seine Begleiter sofort etwas zum Anziehen, da war es schon spät am Abend, und wir hatten bereits geschlossen, er hat so lange gedrängt, bis wir für ihn noch einmal aufgesperrt haben. Er hatte erfahren, dass wir das für ein paar von den deutschen Industriellen immer wieder machen, die kaufen nicht so gerne zusammen mit allen anderen ein. Da haben wir eben nachgegeben. Auch wenn ich das schon ein wenig anmaßend gefunden habe.«

»Und? War der Umsatz okay?«

»Sehr in Ordnung, das muss man schon sagen. Sie lieben Designerstücke, und davon hab ich jede Menge, auch aus dem Vorjahr, den Russen ist das nicht so wichtig, zum Glück, und es sind ja jedenfalls schöne Sachen.«

Ich nicke.

Ich schlendere die Straße durch Zürs entlang, noch ist die Sonne nicht stark genug, um den Schnee und das Eis auf dem Gehsteig aufzuweichen. Ich rutsche, fange mich wieder und wundere mich, wie sicher sich die paar anderen Passanten auf dieser Oberfläche bewegen. Vor einem Hoteleingang stehen zwei Hausburschen mit langen grünen Schürzen, sie rauchen und lachen. Auf dem kleinen Parkplatz beim Souvenirladen kratzt eine Frau in einer voluminösen weißen Daunenjacke die Windschutzscheibe frei. Die zwei Autos neben ihr müssen schon lange da stehen, sie sind beinahe zugeschneit. Dahinter noch ein Auto, Mercedes-Geländewagen, schneefrei, ein Mann räumt eine Tasche in den Kofferraum. Sorger. Ob ich zu ihm hinübergehen soll? Vielleicht weiß er doch, warum die Russen geflohen sind? Er schlägt die Tür zu, ich mache einen raschen Schritt in seine Richtung, ich habe nicht aufgepasst, rutsche, falle, sitze mitten auf dem Gehsteig auf dem Hintern und denke: Wie peinlich. Dann erst: Hab ich mir wehgetan? Ich rapple mich auf, sehe zum Parkplatz hinüber, Sorger verschwindet gerade in einem Hauseingang, die Frau in der weißen Daunenjacke steigt in ihr Auto. Dahinter geht jemand vorbei. Der muskulöse Russe von gestern Abend. Ich reibe mir meine Rückseite, schaue auf den rutschigen Gehsteig, noch einmal falle ich nicht, und als ich wieder aufsehe: keine Spur vom Russen. Ich sollte seit Jahren eine Brille tragen. Aber für den Hausgebrauch reicht mir, was ich sehe. Jetzt allerdings … Wahrscheinlich habe ich mich getäuscht. Ich tappe zum Parkplatz. Sorgers Geländewagen steht noch da, Wiener Kennzeichen. Kein Russe. Ich spähe in die Milchbar. Kein Russe. Mira, fang nicht an, überall Russen zu sehen. Ich muss zum »Eiskristall«. Ich bin schon spät dran. Ich eile, so schnell es mir ungefährlich erscheint, weiter, drehe mich trotzdem noch zweimal um. Kein Russe. Kein Sorger.

Vor dem Restaurant studiere ich die Speisekarte. Ist so eine Angewohnheit von mir. Die Karte ist dreisprachig: deutsch, englisch und russisch. Vielerlei mit Gänseleber und Trüffeln, dazu, unvermeidlich seit ein paar Jahren, Kobe-Beef. Produkte, bei denen jeder Idiot nicht nur wegen der hohen Preise begreift: Hier isst man jedenfalls luxuriös. Einige andere Gerichte interessieren mich mehr. Frisch geräucherter lauwarmer Wels auf Wacholderschaum. Oder: Variation von der Gämse mit Kartoffelschnee.

Ich trete ein. Das Lokal hat nur abends geöffnet. Im Eingangsbereich ist es dunkel, ich höre einen Staubsauger. Es riecht nicht nach Essen, sondern nach Desinfektionsmittel. Ähnlich wie das Theater lebt auch ein Restaurant dieser Kategorie von der Inszenierung. Jetzt ist keine Vorstellung. Kein Grund, enttäuscht zu sein. Ich gehe auf die Frau mit dem Staubsauger zu und überlege, in welcher Sprache ich sie anreden soll. »Ist Herr Oberlechner da?«, frage ich ganz langsam. Den Namen wird sie ja wohl kennen.

»Natürlich«, antwortet sie mit einem abschätzenden Blick und in bestem Deutsch. »Er wird in der Küche sein.«

»Woher kommen Sie?«, frage ich.

»Aus Rostock, warum?« Dann deutet sie auf einen stattlichen Mann in Jeans und weißer Schürze. »Da ist er«, sagt sie und schaltet den Staubsauger wieder ein.

»Mira Valensky«, brülle ich über den Lärm hinweg.

Er streckt mir seine Hand entgegen. »Kurt Oberlechner. Kommen Sie mit.«

Ich folge ihm, und wir landen in einem Gastraum, die Tische gedeckt mit funkelnden Gläsern, Silberbesteck, kunstvoll gefalteten Stoffservietten, eine frische Alpenrose auf jedem Tisch. Woher man die zu dieser Jahreszeit wohl bekommt? Na gut, auch das Kobe-Beef stammt wohl nicht von den Vorarlberger Almen. Dafür kostet aber die Portion Filet auch hundertsechzig Euro. Inklusive Trüffelsauce, immerhin.

»Ich hab nicht viel Zeit«, beginnt er, als wir sitzen und ich mein Aufnahmegerät angemacht habe. »Sie wollen etwas über die Russen wissen. Es sind gute Gäste, die Russen. Und: Wenn es ihnen gefällt, kommen sie wieder. Sie sind treue Gäste. Das darf man nicht unterschätzen.«

»Und sie sind bereit, Geld auszugeben«, ergänze ich.

Er sieht mich misstrauisch an. »Ja, das sind sie.«

»Andererseits muss man das wohl jedenfalls sein, wenn man bei Ihnen isst«, murmle ich.

Er lacht. »Ich hab Jahre in Paris und in Lyon gearbeitet, dort gibt es Vorspeisen, die damals schon tausendzweihundert Schilling gekostet haben, das sind … Jetzt hab ich mich endgültig an den Euro gewöhnt, jetzt fällt mir das Umrechnen schon schwer … Na ja, tausendvierhundert Schilling wären hundert Euro, also fünfundachtzig Euro oder so, das war aber schon vor fünfzehn Jahren, um fünfundachtzig Euro bekommen Sie bei mir das ›Alpine Menü‹, immerhin fünf Gänge.«

»Geben die Russen mehr aus als andere Gäste?«

»Es gibt schon viele Russen, die im Urlaub nicht so aufs Geld schauen. Vielleicht müssen sie es auch nicht, keine Ahnung. Aber ich glaub, wenn sie auf Urlaub sind, wollen sie sich einfach was gönnen. Wir haben viele gute Gäste, aber vor Kurzem war ein italienischer Industrieller da, ich nenne keine Namen, der hat für seine Gesellschaft ein viertel Kilo Kaviar bestellt, sie haben ihn nicht ganz aufgegessen, am Ende wollte er den Rest mitnehmen. So als wären wir ein Ausflugslokal, in dem man sich das Schnitzel einpacken lässt.«

»Russen feiern gern, stört das die anderen Gäste nicht?«

»Sie feiern nicht lauter als andere auch. Ich vergebe keine Tische für mehr als sechs Personen, egal aus welchem Land sie kommen, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen.«

»Also haben Sie durchwegs nur positive Erfahrung mit russischen Gästen«, fasse ich zusammen. Ich gebe zu, ich bin ein wenig enttäuscht.

Der Koch starrt auf mein Aufnahmegerät. Ich nicke und schalte es aus.

»Wer Geld hat, bestimmt, das wissen sie auch in Russland«, seufzt er. »Man muss oft für einen Tisch zwei Kellner abstellen, und am besten ist, man hat auch einen Mann in der Küche extra. Es sind nicht alle so, aber manche sekkieren einen mit Sonderwünschen, dass einem ganz anders wird. Irgendwie geht es da auch um ein Machtspiel, der Mächtige kriegt alles, und das sofort.«

»Extraportionen Kaviar? Hummer Thermidor?«

Er sieht mich interessiert an. »Hummer Thermidor? Den kennt fast keiner mehr. Haben Sie etwas mit der Branche zu tun?«

Ich lächle. »Ich bin keine gelernte Köchin, aber ich hab einige Monate in einem Haubenlokal gearbeitet, bei einer Freundin von mir. Ich koche und esse gern, das ist alles.« Kann nicht schaden, wenn er mich zu seiner Zunft zählt. Und ich merke, wie er tatsächlich lockerer wird.

»Dann kennen Sie das ja, jede Beilage wird zweimal umbestellt, ewig wird beraten, ob nicht doch das Trüffelpüree besser zur Ente passt als das Traubenconfit mit Morcheln. Und vor Kurzem: Da wollte ein Russe Pommes zum Kobe-Beef. Unser Oberkellner sagt ihm, Pommes frites haben wir nicht, er darauf: Die gibt es doch in jedem Straßenlokal, dann lässt er sich eben welche vom Schnellimbiss kommen. Der Oberkellner versucht ihn mit gegrillten Kartoffelscheiben zu beschwichtigen, er wird laut und besteht auf Pommes. Wir haben Pommes geschnitten, sie zuerst auf die alte französische Art im Fett blanchiert, danach abgetropft, dann in heißem Fett gebacken. Haben Sie eine Ahnung, wie das im vollen Abendgeschäft aufhält? Und er, was sagt er, nachdem er seine Pommes gegessen hat? Die bei McDonald’s seien besser! Dieses fette Zeug aus gepresstem Kartoffelmatsch!«

»Und das Trinkgeld?«, frage ich.

»War großartig, aber alles lässt sich nicht mit Geld erledigen. Ich hab seinen Namen auf die Liste gesetzt. Wir haben eine No-Liste mit Personen. Wenn die reservieren wollen, sind wir leider voll. Die haben keine Chance. Wir können uns das leisten, wir sind täglich ausgebucht.«

»Gehört das Lokal Ihnen?«

»Was hat das mit den Russen zu tun?«

»Die kaufen doch momentan alles«, versuche ich zu scherzen.

»Das Lokal gehört einem Konzern. Leider und zum Glück. Anders lässt sich Gastronomie auf diesem Niveau kaum noch finanzieren. Die Preise mögen hoch sein, aber der Aufwand ist noch viel höher. Ich hab selbst ein Lokal gehabt, ich weiß, wovon ich rede. Jetzt bin ich Chefkoch und Restaurantchef mit einem guten fixen Gehalt und der Chance, bei irgendwelchen Events und Privatfeiern dazuzuverdienen. Viel besser in meinem Alter.«

Ich schätze Oberlechner auf knapp über fünfzig und will schon widersprechen, als mir einfällt: Kochen kann Schwerarbeit sein, hab ich ja selbst erlebt. Und wer ein Restaurant hat, beutet zuallererst sich selbst aus. Die Personalkosten sind ein entscheidender Faktor. Ob Oberlechner mit seinem eigenen Lokal pleitegegangen ist?

»Aber das mit den Sonderwünschen und den ungeduldigen Russen ist nicht zum Schreiben gedacht«, fährt er fort und steht auf. »Uns ist ein Koch ausgefallen, ich muss dringend zurück in die Küche.«

Ich stehe auch auf. »Was essen Russen eigentlich gerne? Nehmen Sie in der Speisekarte darauf Rücksicht?«

»Internationale Gourmets mögen überall dasselbe. Aber es gibt einige Sachen, die Russen besonders lieben: geräucherten und marinierten Fisch zum Beispiel, große Vorspeisenplatten mit vielen unterschiedlichen Kleinigkeiten – so wie es ihren klassischen Sakuski entspricht.«

»Ich hab den geräucherten lauwarmen Wels auf der Karte gesehen. Sie räuchern selbst?«

»Ja, à la minute. Eigentlich ist es ganz einfach, ich hab mich auch erst damit zu beschäftigen begonnen, nachdem immer mehr russische Gäste gekommen sind. Wir haben hinter der Küche, unter einem Vordach, einen ganz einfachen Räucherofen stehen, wie man ihn in fast jedem Anglerbedarfsgeschäft bekommt. Zum Räuchermehl einige aromatische Kräuterzweige oder Wacholderkörner, den Fisch portionieren, nur leicht salzen, und eine halbe Stunde später ist er saftig geräuchert. Das, was man in Russland an kaltem geräuchertem Fisch bekommt, ist meist viel zu lange im Rauch gelegen, das macht den Fisch zäh. Ich kenne ein Paar aus Moskau, ihm gehört ein großes Verlagshaus, die kommen extra wegen diesem frisch geräucherten Fisch zu uns. – Jetzt muss ich aber wirklich …«

»Eine Frage noch.« Ich sehe ihn bittend an. »Ein Russe, wahrscheinlich Geschäftsmann, mittelgroß, eher schlank, mittelbraune Haare, beginnende Stirnglatze, Anfang bis Mitte vierzig« – während ich ihn beschreibe, wird mir klar, wie viele Männer so aussehen »in Begleitung einer noch sehr jungen Frau, zierlich, schwarze lange Haare, dunkle Augen, überhaupt nicht …«

»Nuttenhaft?«, ergänzt er. »Bei uns gibt es viele elegante Russinnen, mehr als elegante Amerikanerinnen, das schwöre ich. Was ist mit den beiden?«

»Kennen Sie sie?«

»Die Beschreibung passt auf viele. Mit einer jungen zierlichen Frau, schwarze lange Haare, sagen Sie? Angeblich ist Dolochow in Lech mit einer solchen Frau gesehen worden. Der Klatsch rollt bei uns schneller als eine Lawine. Er war letztes Jahr bei mir essen. Allerdings mit seiner Frau, die war zwar auch elegant, aber cirka so alt wie er.«

»Und wer ist Dolochow?«

»Den kennen Sie nicht? Das ist einer der Oligarchen, einer der wirklich Superreichen, von denen es auch hier am Arlberg nicht so viele gibt. Ein enger Vertrauter des russischen Präsidenten, sagt man. Einer, der immer aufs richtige Pferd setzt.« In seiner Stimme schwingt eine Menge Bewunderung mit. »Erst vor ein, zwei Wochen war ein großer Artikel über ihn in diesem deutschen Wirtschaftsmagazin. Wenn er wirklich da ist, dann hoffe ich, dass er wieder zu mir essen kommt, mit wem auch immer. Meine Diskretion ist ihm sicher. Darin sind wir Weltmeister.«

»Können Sie sich einen Grund vorstellen, warum er vor Sorger, dem Bauunternehmer Sorger, fliehen könnte?«

»Viele«, grinst der beste Koch vom Arlberg. »Vielleicht will er mit ihm nicht in irgendwelchen Klatschspalten stehen?«

»So scheu?«, witzle ich.

Oberlechner wird wieder ernst. »Es ist wirklich so, gerade die Superreichen wollen ihre Ruhe. – Er ist wirklich davongerannt vor Sorger?«

»Samt Begleitung, quer durch die Küche des ›Zirben‹, eine Karaffe mit Pomerol in der Hand, danach mit röhrendem Motor fort.«

»Kapier ich nicht. Aber vielleicht wollte er wirklich nicht fotografiert werden. Wenn er es überhaupt war.«

»Da waren keine Medien.«

»Sorger hat immer einen Fotoapparat dabei. Damit er Bilder von sich und jedem Prominenten machen kann, der das Pech hat, ihm über den Weg zu laufen. Er drückt ihn ungeniert irgendeinem in die Hand, und der soll ihn dann mit dem Promi fotografieren. Die Bilder schickt er dann an diverse Society-Redaktionen.«

»Du liebe Güte.«

»Ich wollte ihn schon auf meine No-Liste setzen, nachdem er bei mir im Lokal jemanden fast gezwungen hat, ihn mit der deutschen Kanzlerin zu fotografieren. Die Arme kann sich ja bei so etwas schlecht wehren, aber …«

»Er ist ein guter Gast?«

»Ein sehr guter. Und genau gesehen kann Publicity keinem Lokal schaden.«

Oskar lässt mich per SMS wissen, dass seine Besprechung noch bis zum späten Nachmittag dauern wird. Misstrauen. Wie war das damals mit der Anwältin aus seiner Partnerkanzlei? Aber die sitzt inzwischen in Wien und ist verheiratet. Und wir sind auch verheiratet. Was sagt das? Nichts. Aber er hätte mich nicht mitnehmen müssen. Und doch hat er mich geradezu gedrängt, mitzufahren in die Berge. An sich ist mir das Meer lieber.

Soll ich allein Ski fahren gehen? Warum eigentlich nicht? Die Sonne scheint, der Schnee ist weich. Oje, kann man sich da nicht besonders leicht ein Bein brechen? Ich könnte die ganz einfachen Hänge nehmen, diese lange blaue Abfahrt, die wir gestern gemacht haben. Die war selbst für mich nicht weiter schwierig. Unser Skipass gilt drei Tage, die Leihski stehen im Keller des Hotels, ich weiß nicht mehr, wen ich noch etwas über die Russen fragen soll. Ich könnte im Internet nachsehen, ob Dolochow identisch ist mit meinem fliehenden Russen, von so einem Oligarchen gibt es sicher Fotos, aber das kann ich später auch noch tun. Mich packt der Übermut. Vielleicht schlägt sich die dünne Luft des Hochgebirges auf mein Hirn, jedenfalls eile ich ins Hotel »Sonnenhof«, ziehe mich so rasch um, dass mir keine Zeit für Zweifel bleibt, schnappe meine Ski und rutsche hinüber zur Liftstation. Ist ja gestern ganz gut gegangen, das Skifahren. Und vor allem dieses großartige Gefühl danach …

Bei der Liftstation kaum Menschen, das Saisonende ist nah. Ein Mann telefoniert auf Russisch. Geschäfte. Das Mobiltelefon macht sie überall möglich. Ich möchte verstehen können, was er sagt. Im Sechsersessellift fährt nur einer mit mir nach oben, er sieht einheimisch aus, Rucksack, Kreuz auf dem Anorakärmel. Telefonsignal, er fingert sein Mobiltelefon aus der Brusttasche. Vielleicht sollte man in den Bergen Mobiltelefone verbieten? So wie das in guten Restaurants üblich ist. Vorarlberger Dialekt. »Schon wieder einer?«, übersetze ich.

»Verdammter Nassschnee, und keiner passt auf.« Er starrt nach unten. »Sehe ihn«, sagt er und verstaut das Telefon wieder. Einer von der Bergrettung. Auch ich starre nach unten. Da liegt jemand mitten auf einer Pistenkreuzung, vom Steilhang her schießen drei Leute auf ihn zu, die Frau, die neben dem Verletzten steht, schreit auf. In letzter Sekunde weichen die drei aus, fast hätte es einen zweiten Unfall gegeben. »Idioten«, sagt der Bergretter zu mir und bemüht sich um Hochsprache. »Die Sonne macht sie alle dumm.«

»Gibt es jetzt viele Unfälle?«, frage ich mit klopfendem Herzen.

»Immer, wenn der Schnee nass ist und die Sonne scheint.«

Was habe ich auch gefragt.

Ganz vorsichtig fahre ich von der Bergstation weg, werde von zwei älteren Leuten überholt, obwohl auch sie es nicht sehr eilig zu haben scheinen. Ich gebe mir einen Ruck und schiebe ein paarmal mit den Stöcken an, auf dieser ersten langen Hangschrägfahrt geht es ohnehin kaum bergab. Dafür ist der Ausblick grandios, selbst für eine, die den Bergen üblicherweise nichts Besonderes abgewinnen kann. Mit der Ausrede, das Panorama intensiver betrachten und mit meiner Handykamera fotografieren zu wollen, schwinge ich ab. Die ersten paar hundert Meter sind sturzfrei bewältigt. Immerhin. Ich fotografiere, lasse eine Skigruppe an mir vorbei, dann geht es weiter. Der Schnee lässt sich schwer schieben, aber was verlange ich, es ist April. Und eigentlich kann das Skifahren nirgendwo schöner sein. Kein Mensch jetzt weit und breit, die nächsten Schwünge gelingen großartig, tief in die Knie, sage ich mir vor, dann gehen die Carver wie selbst ums Eck. Mira allein in den Bergen. Ob Dolochow und seine junge Begleiterin auch Ski fahren? Was sonst sollen sie hier tun? Oskar hat einen Geschäftstermin. Warum dauert der so lange? Und Sorger … Verdammt, ich habe nicht aufgepasst, das Stück hier ist steil, das sind wir gestern nicht gefahren, braune Flecken, da kommt schon die Erde heraus, ich werfe mich um die Kurve, steif, in die Knie, Mira, noch ein Bogen, nur nicht stehen bleiben, ich werde schneller, dort drüben ist zu viel Schnee, ein ganzer Haufen zusammengefahrener Schnee, da darf ich nicht hin, ich schaffe keinen Schwung, ich fahre auf den Schneehaufen zu, immer schneller, ich muss mich hinlegen, einfach hinlegen, bremsen, abschwingen, es reißt mir die Beine auseinander, ich schlage auf, der eine Ski ist in der Luft, der andere irgendwo, ich schlittere dahin, komme schließlich bei einem anderen Schneehaufen zum Liegen. Ein Bein, ein Ski ragen nach oben, noch immer miteinander verbunden, ein anderes Bein samt Skischuh ohne Ski im Schnee, ich bewege mich vorsichtig.

Es scheint nichts gebrochen zu sein. Es scheint nichts wehzutun. Aber vielleicht ist das auch nur der Schock. Ich erinnere mich an die Geschichte einer Anwältin, sie hatte einen Autounfall, ist am Straßenrand gesessen, wollte sich schnäuzen und hat da erst gemerkt, dass sie keine Nase mehr im Gesicht hatte. Mira, das da ist nicht die Autobahn. Zwei Männer schwingen neben mir ab.

»Was passiert?«, fragt einer.

Ich schüttle den Kopf. »Mein Ski.«

Der andere Mann stapft einige Meter zur Seite, zieht den Ski aus dem Schneehaufen und bringt ihn mir. »Wirklich alles okay?«

Ich nicke und rapple mich auf. Das geht. Glück gehabt. Mein zweiter Sturz heute. Aber diesmal ganz sicher russenfrei. Die beiden Männer fahren rasch weiter, zum Glück. So können sie nicht sehen, wie lange es dauert, bis ich wieder in die Bindung finde. Den Rest des steilen Hanges rutsche ich einfach seitwärts hinunter, nicht elegant, aber einigermaßen sicher. Ich bin versehentlich ein Stück einer schwarzen Abfahrt gefahren, jetzt sehe ich, wo die blaue weitergeht, ich habe nicht wie gestern die Umfahrung genommen, sondern den direkten Weg ins Tal. Nichts passiert. Trotzdem zittern mir die Knie, und als ich unten ankomme, bin ich erleichtert.

An der Rezeption kann ich mich fast nicht zurückhalten, von meinem Abenteuer zu erzählen. Gerade noch rechtzeitig wird mir klar, dass eine Menge der Gäste die schwarze Abfahrt ganz freiwillig und ohne Probleme nimmt und dass jedenfalls viele gerne mit ihren Skierlebnissen prahlen. Die Rezeptionistin hat eine Nachricht für mich. Vesna. Sie ist schon angekommen. Und mit ihr Valentin Freytag. Vesna wartet an der Hotelbar auf mich. Warum hat sie mich nicht angerufen? Ich schaue auf mein Mobiltelefon. Der Sturz hat den Akku gelockert. Wenn nicht mehr passiert ist …

Vesna winkt vor der Bar. Wann immer sie mit Valentin Freytag unterwegs ist, achtet sie darauf, gut angezogen zu sein. Der blaue Hosenanzug steht ihr, aber Jeans hätten es auch getan. Sei nicht überkritisch, Mira, du magst Freytag doch. Vesnas Unsicherheit ist es, die mich irritiert. Ich kenne sie so nicht, sie ist die Selbstbewusste, Entscheidungsfreudige, diejenige, die handelt. Und jetzt zaudert sie schon mehr als ein halbes Jahr, ob sie sich endgültig mit Freytag zusammentun oder – auf die eine oder andere Weise – bei ihrem Halilovic bleiben soll. Ich küsse sie auf beide Wangen.

»Mira Valensky, bist richtig braun geworden«, sagt sie anstelle einer Begrüßung. Die Angewohnheit, mich bei Vor- und Nachnamen zu nennen, hat sie noch aus der Zeit, in der sie bei mir geputzt hat, ich ihr das Du angeboten habe und ihr das unpassend erschienen ist. Die Zeiten ändern sich. Jetzt putzt sie nur noch ganz selten »persönlich« bei mir, sie hat nun ein Putzunternehmen und seit einigen Monaten drei Mitarbeiterinnen – und zwei Mitarbeiter, Bosnier, weitläufige Verwandte, aber die putzen nur offiziell, inoffiziell kümmern sie sich um Personenschutz und derlei Dinge. Darin sind die beiden mit Sicherheit auch viel besser als im Staubsaugen.

»Ich war heute ganz alleine Ski fahren«, lege ich los, und endlich habe ich ein Opfer gefunden, dem ich meine Abenteuer erzählen kann. Und von den Russen erzähle ich selbstverständlich auch.

»Man sollte mit diesem Bau-Sorger reden«, meint sie.

»Hast du in der Schule Russisch gelernt?«, frage ich.

»Und du?«

»Ihr wart ein kommunistisches Land.«

»Aber nicht sehr gut mit der UdSSR. Es war kein Pflichtfach, ich habe ein Jahr gelernt, aber alles vergessen.« Vesna sieht sich suchend um.

»Er wird schon kommen«, beruhige ich sie.

Vesna seufzt. »Valentin wollte unbedingt mit zum Arlberg, er kann sich seine Zeit gut einteilen, kann ich nicht sagen Nein.«

»Wolltest du nicht, dass er mitkommt?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht ich brauche Ruhe von beide Männer.«

Ich tätschle ihr beruhigend den Arm. »Ich kenne so viele, die haben einen Mann zu wenig, du hast einen zu viel, ist doch nicht übel, so betrachtet.«

»Vielleicht ich habe zwei zu viel Halilovic wartet mit Verzweiflung im Gesicht, ich wohne jetzt in Zimmer hinter dem Büro, aber ich sehe ihn im Haus, Wohnung ist ja gleich neben dem Büro. Versucht, ganz ruhig zu sein. Armer. Ich mag ihn wirklich, aber …«

»Und Valentin Freytag?« Vesna hat den Produzenten und Erfinder einer der beliebtesten Fernsehshows kennengelernt, als ich herausfinden wollte, was hinter der schönen Fassade von »MillionenKochen« steckt. Vesna zeichnet mit dem Zeigefinger Muster auf die Theke. »Ich mag ihn sehr, aber ich weiß nicht, vielleicht bin ich für ihn nur Exotin. Der Gebildete und die Putzfrau oder so. Hat Hang zu sozialer Romantik.«

»Zu Beginn hat er geglaubt, du bist eine Mathematik-Dozentin aus Bosnien. Da hat er dich auch gemocht.«

»Er hat mir sogar Lügerei verziehen, konnte ja nichts dafür, dass ich ihn aushorchen musste.« Vesna sieht mich an. »Aber er drängt mich. Er will, dass ich zu ihm ziehe, dass ich ihn heirate und alles so was. Warum muss man so etwas tun?«

»Wahrscheinlich hat er Angst, du könntest zu Halilovic zurückkehren.«

Freytag kommt ums Eck, er sieht wirklich gut aus, muss man ihm lassen. Graue Haare, schlank, Jeans, lässiges Flanellhemd. Er entdeckt mich, lächelt, küsst mich auf beide Wangen. Dann küsst er Vesna leicht auf den Mund. »Zum Glück hat sie mich mitgenommen«, sagt er und zwinkert mir schelmisch zu.

Wir reden über seine Fernsehshows, über Kobe-Beef und meinen Sturz auf der schwarzen Piste. Freytag meint, man solle doch ins »Eiskristall« essen gehen, er lade ein. Ich denke an die Preise und will schon den Kopf schütteln. Andererseits: Geld hat Vesnas Valentin mehr als genug, die Show »MillionenKochen« läuft in vielen Ländern, dafür gibt es eine Menge an Lizenzgebühren. »Da muss man mehrere Wochen im Voraus reservieren«, murmle ich und denke bereits an den lauwarmen geräucherten Wels.

»Du kennst diesen Koch doch«, meint Vesna.

Vor einem Jahr noch hätte sie nichts, aber auch gar nichts in ein so teures Lokal gebracht. Menschen verändern sich mit ihrem Umfeld. Ganz abgesehen davon verdient Vesna inzwischen mit ihrem Putzunternehmen gar nicht übel,

»Ich hab ihm bloß ein paar Fragen gestellt«, wehre ich ab.

»Du rufst ihn an«, bestimmt Vesna. »Du hast sicher Eindruck auf ihn gemacht. Köche fliegen auf dich.«

»Bin ich ein Koch?«, fragt Oskar von hinten und umarmt mich. Auch er findet: Ich soll ganz dringend im »Eiskristall« anrufen.

Ich hasse solche Aktionen, aber ich habe keine Chance, ich rufe an, mein Herz klopft, idiotisch, aber ich telefoniere nun einmal nicht gern mit Halbfremden, ich frage nach Oberlechner. Er kommt an den Apparat, und fünf Minuten später haben wir einen Tisch. Ihm sei gerade jemand ausgefallen, und für eine Kennerin wie mich tue er, was möglich sei. Vielleicht hilft ja auch, dass ich beim »Magazin« arbeite. Ich freue mich, alle freuen sich, und jetzt kann ich endlich Oskar mit meiner schwarzen Abfahrt und dem Sturz quälen. Die schwarze Abfahrt wird immer länger und der Sturz nur noch zu einer Nebensache.

»Ich hab dir ja gleich gesagt, dass du es kannst«, meint Oskar, und ich schimpfe mich eine Idiotin, wer weiß, auf welche Hänge er mich morgen treiben will …

Der lauwarme geräucherte Wels entpuppt sich tatsächlich als Gedicht. Das Rundum ist mir allerdings etwas zu viel, zu viele Kellner, die vornehmer wirken als der Großteil des Publikums, Oberlechner, der tatsächlich mit hohem weißem Kochhut erscheint und von Tisch zu Tisch geht. Der Sommelier, der um den Wein ein Getue macht, dass man ihn sich kaum mehr zu trinken traut. Am besten gefällt mir die internationale Mischung der Gäste: Amerikaner, ein Tisch mit Italienerinnen, natürlich Deutsche, eine Familie aus dem arabischen Raum. Und ein älteres russisches Ehepaar, leise, kultiviert.

»Wahrscheinlich sind sie nur leise, weil sie was verbergen wollen, wollen nicht auffallen«, mutmaßt Vesna. Mir ist inzwischen klar geworden, dass sie Russen nicht eben freundlich gegenübersteht. Hat vielleicht mit ihrem Leben in Jugoslawien zu tun. »Glauben immer, sie sind die Chefs«, meint Vesna, als ich sie danach frage. »Keine Kultur, nur Macht. Zum Glück jetzt nicht mehr so viel Macht.«

Valentin Freytag lächelt sie an und widerspricht. »Denk an die großen russischen Schriftsteller, Tolstoi, Puschkin, Tschechow. Und: Das ist ein Land, in dem auch jetzt noch gelesen wird, großartige zeitgenössische Autoren gibt es, selbst die Kriminalromane sind gut. Und erst die Maler. Wenn dieses Land keine Kultur hat …«

Vesna fällt ihm ins Wort. »Bin ich einfache Putzfrau. Davon verstehe ich nichts. Schaue ich nur auf Kultur der Menschen im Umgang, und da ist nicht viel.«

»Oh, du einfache Putzfrau«, scherzt Freytag, aber es scheint ihm nicht ganz leichtzufallen, »du liest eine Menge, du verstehst sehr wohl was von Kultur. Und welches Volk gibt es schon, in dem alle kultiviert sind? Denk an den Krieg bei euch daheim. Und bei uns hat es nicht nur Mozart, sondern auch Nazis gegeben.«

»Wie kultiviert war Mozart?«, fragt Vesna. »Bin ich mir nicht sicher, ob kultiviert sein und Kultur machen dasselbe ist.«

Ich lehne mich zufrieden zurück. »Ich sehe schon, mein Russenthema beschäftigt alle. Eine gute Story, das jedenfalls steht fest.«

Oskar nimmt noch einen Happen Käse vom Kristallteller, da ist sogar ein Stück aus Vorarlberg dabei, sonst lauter internationale Vorzeigeprodukte. Offenbar ist zu viel Regionales ein Risiko. Wie hat mein Koch-Freund Manninger einmal gesagt? Die Menschen, die zu McDonald’s gehen, tun das auch, weil sie dort jedenfalls ihre Erwartungen erfüllt kriegen, weil sie genau wissen, was sie bekommen. Und in der Spitzengastronomie gebe es genauso viele von diesen Common-Food- Essern, sie mögen keine Experimente, sie essen, was sie kennen, und es soll so schmecken, wie sie es kennen.

»Unsere Banken investieren groß im Osten, und die reichen Russen beteiligen sich an Firmen in Mitteleuropa – und alle glauben, damit Geld verdienen zu können. Russland ist mit Sicherheit ein riesiger Entwicklungsmarkt. Vorausgesetzt, die politische Situation bleibt halbwegs stabil«, meint Oskar.

»Besonders demokratisch ist es nicht, wie sie dort Demonstrationen unterdrücken«, werfe ich satt ein.

»So etwas kann den Investoren egal sein …«

Ich will schon auffahren – soweit ich dazu heute noch imstande bin.

»… sofern sie nur an ihren Profit denken«, ergänzt Oskar rasch. »Ich überlege, ob ich nicht Kontakte zu einer russischen Anwaltskanzlei knüpfen soll. Ich habe heute mit meinem deutschen Partner darüber gesprochen.«

Es ist schon nach Mitternacht, als wir uns auf den kurzen Weg zurück ins Hotel machen. Wir haben mit Oberlechner noch einige großartige Obstbrände gekostet, ausnahmsweise ganz regional, zwei davon direkt aus Lech, nur für Freunde.

Oskar ist im Badezimmer, ich schaue zu den Sternen und den Ratracks, die sternengleich hoch oben pisteauf-pisteab fahren und deren Scheinwerfer noch heller leuchten. Ob ich wirklich den Oligarchen Dolochow gesehen habe? Ich wollte eigentlich im Internet nachschauen. Das kann ich daheim auch.

Andererseits: In der Hotellobby steht ein für alle zugänglicher Computer mit Internetanschluss. Ich höre Oskar im Bad leise singen. In fünf Minuten bin ich wieder zurück, ganz sicher. Mit dem Lift fahre ich in die Hotelhalle, eine Rezeptionistin sieht mich mit müdem Lächeln an. »Kann ich etwas für Sie tun?«

»Ich will nur kurz ins Internet.«

»Ich schalte es frei.«

Ich setze mich, gehe auf Google, gebe »Dolochow« und »Oligarch« ein und dazu: Seiten aus Österreich, mal schauen, ob es ihn da gibt. Und ob. Sieben Seiten mit Einträgen. Als Erstes ein Artikel ohne Bild, Details kann ich morgen auch lesen, weiter. Dann ein langer Beitrag über russische Geschichte, ich finde im Text den Begriff »Oligarch«, »Dolochow« entdecke ich beim Überfliegen nicht. Eintrag Nummer drei, gleich auf der ersten Seite ein großes Foto mit dem Text: »Boris Dolochow unterzeichnet einen Vorvertrag mit der Stahl-AG.« Ich sehe das Bild genau an und bin mir sicher: Er ist mein geflohener Russe.

»Sie werden so spät wohl nicht noch arbeiten?«, sagt eine Stimme hinter mir. Ich fahre erschrocken herum. Guggenbauer, der Hotelier. »Was wollen Sie von Dolochow?«

»Ich hab ihn gestern im ›Zirben‹ gesehen«, erzähle ich. »Das hat mich neugierig gemacht.«

Guggenbauer nickt und flüstert: »Er ist nur ganz kurz da, um inkognito Geschäfte zu machen.«

Der Hotelier wirkt, als hätte er schon etwas getrunken.

»Er hat das ›Zirben‹ sehr schnell verlassen, als der Bauunternehmer Sorger gekommen ist«, rede ich weiter.

»Na weil er eben nicht gesehen werden will«, flüstert Guggenbauer. »Und eine größere Klatschtante als den Sorger gibt es nicht.«

»Zwielichtige Geschäfte?«, frage ich.

»Überhaupt nicht, aber nicht für die Öffentlichkeit gedacht, noch nicht.« Er flüstert mir ins Ohr: »Kann sein, dass ich ihn morgen treffe.« Jetzt bin ich mir sicher, sein Atem riecht nach Alkohol.

»Will er ins Hotelgeschäft einsteigen?«

»Was weiß man schon bei den Russen«, meint er. »Kann gut sein. Vielleicht kauft er ein Hotel oder baut eines, vielleicht mehr als eines.«

»Ich dachte, hier gibt es einen Baustopp.«

»Wenn man so viel Geld hat …« Der Hotelier vom Arlberg sieht richtiggehend andächtig drein.

[ 2 ]

Zu dir oder zu mir?«, frage ich, als wir uns eineinhalb Tage später Wien nähern.

»Diese Woche bin ich dran«, erwidert Oskar.

»Wenn man den Arlberg einrechnet, dann ab morgen eigentlich ich«, widerspreche ich.

Wir haben einen besonderen Deal, um mit unserer Wohnsituation umzugehen: Nach vielen Versuchen haben wir beschlossen, abwechselnd eine Woche bei Oskar und eine Woche bei mir zu leben. Ich kann mich nicht dazu durchringen, meine Wohnung aufzugeben. Und dass Oskar auf seine großartige Dachterrassenwohnung verzichtet, würde ich nie verlangen. Es täte auch mir leid darum. Aber ganz klaglos funktioniert unser Modell eben doch nicht.

»Gismo ist bei mir«, führe ich ins Treffen. Oskar liebt meine Schildpattkatze mindestens so wie ich. Ich wäre einfach gerne zu Hause, würde meine Skisachen lieber bei mir waschen und gleich verstauen – wer weiß, wann ich sie je wieder brauche – und meinen Anrufbeantworter abhören.

»Ich muss morgen früh raus, in der Kanzlei hat sich einiges angesammelt. Ich hab keinen Anzug bei dir.«

»Kauf dir noch einen, dein Kleiderschrank bei mir ist halb leer.«

»Habe ich schon lange vor, aber das löst das Problem morgen auch nicht. Und: Meine Wohnung ist dran.«

Ich seufze. Er hat ja recht. Ich kann mein Zeug auch bei ihm waschen und seines gleich mit, selbst wenn er für Derartiges eine Haushälterin hat, die alle drei Tage kommt. »Okay.«

Oskar lächelt. »Gismo holen wir natürlich ab.«

Wenn ich nicht da bin, wird sie von den beiden Studentinnen betreut, die vor einiger Zeit in die Nebenwohnung eingezogen sind. Früher hat die alte Frau Müller auf Gismo aufgepasst. Sie liebt Katzen, wollte sich aber in der Angst, dass sie vor der Katze stirbt, keine eigene mehr nehmen. Und dass sie Gismo regelmäßig mit Keksen gefüttert hat, war für meine verfressene Katze ein Grund mehr, Frau Müller aus dem zweiten Stock anzubeten. Jetzt lebt Frau Müller in einem sogenannten Seniorenwohnheim, in dem keine Haustiere erlaubt sind. Ich sollte sie dringend wieder einmal besuchen.

Gismo führt das übliche Theater auf, nachdem ich sie einige Tage allein gelassen habe. Sie stürzt zur Eingangstür, maunzt, man könnte das Geräusch eigentlich schon Brüllen nennen, und während ich sie streichle, rennt sie davon, verzieht sich in ein Eck des Vorzimmers und starrt mich böse an. Was dann am besten hilft, sind einige schwarze Oliven, Oliven sind ihre Leidenschaft, aber leider haben wir heute keine Oliven mitgebracht. Auch alle Vorräte sind aufgebraucht, es hat in letzter Zeit zu viele Anlässe gegeben, meine Katze zu beschwichtigen.

»Bei mir gibt es Oliven«, gurrt Oskar auf sie ein und versucht sie aus dem Eck zu locken. Wenn Gismo nicht will, kann man sie sehr schwer fangen. Meine Altbauwohnung ist groß und hoch und voller Verstecke.

Ich halte den geöffneten Katzenkorb in ihre Richtung. »Bei Oskar gibt es Oliven«, flöte ich. Das dumme Biest starrt mich an. Ich bin müde. Sieben Stunden Fahrt. Verdammt noch mal, gleich werde ich wütend. Oskar sieht mich mit einem warnenden Blick an. »Wenn du sie verschreckst …«, flüstert er.

Ich richte mich auf und sage laut: »Wenn sie spinnt, lassen wir sie einfach da. Punkt.«

»Gleich kommt sie«, flüstert Oskar. »Schöne Oliven fürs Kätzchen …«

»Kätzchen« ist wirklich unangebracht, Gismo wiegt gute fünf Kilo, sie ist verfressen und störrisch und … Okay, ich hänge an ihr. Trick zwei. Ich gehe in die Küche und öffne die Kühlschranktür. Gismo bleibt im Eck sitzen, aber ihr Hals wird lang und immer länger, ihre Schnurrhaarspitzen vibrieren, der orangerote Streifen auf ihrer Brust scheint zu flackern. Ich krame im Kühlschrank und beobachte sie aus dem Augenwinkel. Leider gibt es nicht viel, was ich ihr als Leckerbissen verkaufen könnte. Ich nehme ein Stück ältlichen Käse, beiße ab, mache »mhm-mmmm«. Das ist für die charakterstärkste Katze zu viel. Sie springt auf und stelzt mit hoch aufgerichtetem Schwanz auf mich zu. Ich halte ihr den Käse hin, Oskar schleicht von hinten an sie heran, und schon hat er sie gepackt und setzt sie in den Korb. Gismo maunzt wütend auf – überlistet, Alte.

Am nächsten Tag fahre ich so früh ins »Magazin«, dass ich mich auf die Redaktionssitzung vorbereiten kann. Ich will dem neuen Chefredakteur meine Russen-Story schmackhaft machen. Gestern Abend war ich zu faul, um noch ein wenig hinter Dolochow herzugoogeln, jetzt sitze ich in meinem Grünpflanzendschungel im Eck des Großraumbüros und will das nachholen, Dolochow hat offenbar wirklich gute Beziehungen zum russischen Präsidenten. Wie kommt man auch zu so einem Imperium, wenn nicht durch Beziehungen? Gar nicht so lange her, da hat in Russland alles allen gehört, zumindest auf dem Papier. Jetzt gehört es wenigen, und das ganz offiziell. Dolochow ist im Ölgeschäft, auch mit dabei bei der Erschließung von neuen Ölfeldern in der Arktis. Er hat mit Immobilienentwicklung zu tun und offenbar gerade rechtzeitig, bevor die Entscheidung für die Winterolympiade gefallen ist, viel Land rund um Sotschi gekauft. Seine Eltern waren Lehrer, lese ich. Seine Mutter hat Deutsch und Geschichte unterrichtet, sein Vater Literatur und Russisch. Also keine reichen Russen, wohl auch keine, die in der alten Parteihierarchie der UdSSR weit oben gestanden sind, aber solche mit Bildung, Boris Dolochow hat in Staats- und Wirtschaftswissenschaften promoviert, Auslandssemester in Berlin, Studienaufenthalt in London. Als er studiert hat, war es wohl nicht mehr so schwierig, ein Ausreisevisum aus der UdSSR zu bekommen. Vorausgesetzt, man galt als vertrauenswürdig. Ära Gorbatschow, Perestroika, Glasnost. Jetzt gibt es zwar freie Wahlen und auch eine wirtschaftliche Öffnung, aber von der Idee der Transparenz scheint wenig geblieben zu sein. Zu unbequem für die Mächtigen, wenn sie es bleiben wollen.

Dolochows Vermögen wird auf vierzehn Milliarden Euro geschätzt. In Österreich hat er einen Vorvertrag mit der Stahl-AG abgeschlossen, man munkelt auch von einem Einstieg in die Bankenbranche.

»Irgendwann fressen dich deine Pflanzen auf«, tönt es, und ich drehe mich weg vom Bildschirm. Droch kämpft mit dem Philodendron. Der hat hier optimale Bedingungen und wuchert, ich sollte ihn wohl ein wenig zurückschneiden. Droch befreit sich von einer langen Luftwurzel und rollt zu meinem Schreibtisch. Er ist unser journalistisches Aushängeschild beim »Magazin«. Hoch angesehener Politik-Redakteur, Mitglied der Chefredaktion, spöttisch, unbestechlich. Seit einem Einsatz als Kriegsberichterstatter in jungen Jahren im Rollstuhl. Ich bin eine der wenigen, die die wahre Geschichte kennen, wie es dazu gekommen ist. Droch und ich, wir mögen einander, eigentlich ist es viel mehr, wir schätzen einander, wir streiten miteinander, wir hängen aneinander und würden uns gegenseitig nie im Stich lassen. Freundschaft nennt man so etwas wohl, und darauf bin ich stolz, viele Freunde lässt sein skeptischer Verstand nicht zu. Nur Zuckerbrot gibt es da noch, den langjährigen Leiter der Mordkommission 1, Freund aus gemeinsamen Jugendtagen, Droch ganz junger Chronik-Reporter, Zuckerbrot ganz junger Kriminalpolizist. Die beiden gehen seit Jahrzehnten einmal pro Woche miteinander essen. Berufliches wird dabei strikt ausgeklammert. Ihre Konsequenz hat mich manchmal schon zur Weißglut getrieben. Ab und zu brauchte ich eben Informationen, die nur Zuckerbrot mir geben kann. Zuckerbrot hingegen spottet, ihm sei es am liebsten, wenn er von mir nichts höre und nichts sehe. Dann nämlich könne er in Ruhe arbeiten. Aber ich weiß: Eigentlich mag er mich.

Droch linst auf meinen Bildschirm. »Wie war es am Arlberg?«, fragt er, und ohne die Antwort abzuwarten, fährt er fort: »Dolochow. Was willst du mit dem?«

»Russen-Story«, erwidere ich und berichte, was ich recherchiert habe. »Wie macht sich der neue Chefredakteur so?«

Droch kratzt sich mit seinen langen, schmalen Fingern an der Stirn, er ist gewiss der attraktivste Rollstuhlfahrer, den ich kenne. Es ist gar nicht so lange her, da hat ihn jemand auf der Straße angesprochen und wollte sein Gesicht für irgendeinen Werbespot für die Generation »Fünfzig plus«. Den Rollstuhl könne man ja wegretuschieren, hat der Typ gemeint, aber Droch muss etwas derart Grobes geantwortet haben, dass der Scout blitzartig wieder ...

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