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Rumor

Bekker ist tatsächlich zurückgekommen.

Ganz unerwartet ist er auf Zachlers Monatsfest erschienen. Bekker. Großes Hallo. Viele drängen zu ihm, ihrem Mann von draußen, der immer wieder den Mut fand, ohne das Institut zu leben, der es zumindest immer wieder versucht hat. Doch weicht bald einer nach dem anderen bedrückt zur Seite, geradeso wie im Werbestreifen der sich viel versprechende Mann vor der Frau mit Körpergeruch abdreht und die Nase rümpft. Bekker redet kaum etwas und mißt sie alle still mit Blicken, zu denen sich ein gnadenloses Erinnern abzuspielen scheint, die alten Kollegen und auch den Hausherrn, den immer stärker werdenden Chef.

Er kommt mir heute etwas schmächtiger vor als in früheren Jahren, trotz der hohen Gestalt, trotz des breiten Schädels mit dem glatt nach hinten gekämmten Haar und den starken Stirnhökkern. Die Schultern hängen so. Aber das mag an seiner komischen, verworrenen Bekleidung eher liegen als an einem Rutsch der Knochen. Er steckt in einer schlapprigen, wollenen Hausjoppe mit Herzflicken auf den Ellenbogen, darunter ein buntkariertes Hemd und an den Füßen Schuhe so klobig und marschfest, wie man sie wohl in second-hand shops der Bundeswehr erhält. Allein die dunkelblaue Hose mit strengen Bügelfalten, weitem Bein und breitem Aufschlag geht durch, ein etwas sonderbarer Torso von Abendeleganz. Die ganze Erscheinung in diesem gespaltenen, auseinanderstrebenden Aufzug wirkt wechselnd ältlich und gebrochen, dann wieder männlich überragend. Tatsächlich wird Bekker zwischen Anfang und Mitte vierzig sein, ja kaum älter als ich selbst. Wenn sein Gesicht sich nicht bewegt, die Augen dunstig von unten heraufblicken, der Mund halb offensteht, dann gemahnt er, eingefallen, belastet, abgekämpft, an einen alten oder plötzlich alt gewordenen Mann. Sobald er spricht hingegen und es gerne tut, straffen sich die Züge, die Augen ziehen scharf. Mich bemerkt er zunächst überhaupt nicht. Erst als ich schließlich zu ihm gehe und ihn in die Arme fasse, taut er auf, es wird ihm wohler, er geht ein wenig mehr aus sich heraus. Nur kurz erwähnt er Oldenburg und seine Plagen dort während der letzten beiden Jahre. Das liegt zurück, es hat nicht viel erbracht. Die unmittelbare Wirkung des Wiedersehens, die Ausstrahlung seiner Persönlichkeit, seine lodernde Intelligenz nehmen mich augenblicklich in ihren Bann. Ich vermag ihm nur ungenau, mit verschwimmender Auffassung zuzuhören. Ich denke nur: Unter all dem Winke-Winke von uns anderen ist Bekker wahrhaftig eine schneidende Gebärde. Wenn er je Macht besäße (und sie besitzen wollte!), er könnte mehr Leute an sich ziehen und stärker binden als selbst Zachler, der inzwischen allein durch seine Stellung verführt und glänzt, im Wesen aber kaum noch Feuer hat. Im übrigen macht es mich etwas nervös, daß Bekker mich nicht mehr wie früher einfach Bruno nennt, sondern dauernd Bruno Stöss, also den ganzen Namen zu mir sagt, eine kühle oder halbvertrauliche Anrede, wie sie zuweilen gleichrangige Offiziere oder Berühmtheiten untereinander verwenden.

Bekker und ich, wir haben vor zwölf Jahren gemeinsam in Zachlers Institut angefangen. Es nennt sich etwas hochtrabend Institut, Institut für Nachricht, das IfN, und ist in Wahrheit doch nur eine ganz gewöhnliche, mittelgroße Firma, die statt mit Kugellagern oder Sportartikeln mit Informationen, Trendberichten, Modellplanungen und dergleichen Handel treibt; ein privates Unternehmen mit beschränkter Haftung, einem Besitzer und rund drei Dutzend Angestellten, von denen, mit Ausnahme der Büro- und Buchhaltungskräfte, jeder auf einem besonderen technischen oder wissenschaftlichen Fachgebiet ausgebildet ist. Das Institut vertreibt know how in praktisch allen wichtigen Bereichen der modernen tätigen Gesellschaft. Hier arbeiten wir alle unter einem Dach: der Betriebswirt, der Verwaltungsjurist, der Informatiker, der Urbanist, aber auch der Fachmann für Touristik, der Psychologe, der Sozialpädagoge. Jeder kontrolliert in seinem Fach den Stand der neuesten Entwicklungen, analysiert Nachrichten, fertigt Hintergrundberichte an, die als sogenannte newsletter von unseren Kunden in Wirtschaft und Lehre und den politischen Verbänden bezogen werden. Obwohl es sich doch bloß um ein gebrauchsfertiges Wissen handelt, das wir findig ordnen und makeln, und obwohl unsere Ideenprodukte, die für teures Geld hinausgehen, letztlich niemals auf einer eigenen schöpferischen Leistung beruhen, zögert Zachler nicht, sein Institut gelegentlich ›eine eigentliche, kleine Universität‹ zu nennen und sich und seine Mitarbeiter mit höheren geistigen Wertbegriffen zu schmücken.

Ich verstehe sehr gut, daß Bekker unseren Betrieb immer gehaßt hat, die ganze Art und Weise, wie Zachler ihn leitet und die Macht der Blaupause verkörpert, und auch wie wir anderen, zugegeben: wir alle, nur um Zachler kreisen und sobald wir selbst etwas zu leiten haben, uns vollkommen mit ihm identifizieren. Das muß jemand wie Bekker immer als abstoßend empfunden haben. Nun wird man allerdings berücksichtigen, daß er im Institut bei weitem nicht jene Karriere gemacht hat, die einen, aufsteigend, immer enger und schließlich mit allen Fasern an solch einen Betrieb fesselt. Als junger Mann mit abgebrochenem Jurastudium war er zu Zachler gekommen und hatte sich sogleich mit einer Fülle fruchtbarer Ideen am Ausbau des Instituts beteiligt, galt zeitweilig sogar als der engste Vertraute des Chefs, ohne eigentlich ein genau umgrenztes Amt zu führen. In späteren Jahren dann, als die Vielfalt der Fachbereiche zunahm und häufig ein fein abgestimmter Zusammenhang unter den Experten hergestellt werden mußte, sah man, wie er nach und nach den Boden unter den Füßen verlor, sich um zu vieles und um nichts geduldig und kundig genug kümmerte, wie er allmählich hinter uns auf der Strecke blieb, im Hause unbedeutend wurde. Schließlich hatte er nie einen Sektor selbständig geleitet oder war auch nur einem Gruppenprojekt vorgestanden. Stattdessen ist er mehrmals ausgerissen. Ich glaube, drei- oder viermal hat er versucht, dem Institut den Rücken zu kehren und wieder an der Hochschule Fuß zu fassen. In Dortmund oder Oldenburg, irgendwo bot man ihm dann die Teilnahme an einem Forschungsprogramm oder einer Auftragsstudie an. Zwischenzeiten, in denen er so ziemlich auf dem trockenen saß, gab es indessen auch. Ab und zu mußte er sich als Warentester oder Adressenhändler, als Interviewer und Taxifahrer durchschlagen. Jetzt sieht es also so aus, als stünde er wieder einmal vor den Toren.

Das Institut ist ein Scheißhaus des Geistes und eine Zuchtstätte des Idiotismus. Man gleicht diesem Leuchtpunkt mit seinem züngelndem Schweif, ein Geißeltierchen, der immer die gleiche Bahn fällt auf dem Oszillographen, verschwindet, zur anderen Seite des Schirms wieder auftaucht, wieder die gleiche Bahn fällt und mit einer Differenzbreite von ± 2 mm die Präzision einer Systemverschweißung mißt. Dieser Punkt sein und nichts anderes. Nur Drill und Fakirtum der falschen Weltsicht haben uns beigebracht, eine solche Auszehrung und solche Stiche des Herzens zu erdulden. Je länger ich auf den Schirm starre, um so schärfer sehe ich die verschiedenen Entwicklungsstufen des Menschen zum Idioten heraufziehen vor meinen Augen, sehe ich sie dargestellt von einem grundgewöhnlichen Exemplar der Gattung, welches wahrscheinlich ich selber bin, das immerzu an der hohen Mauer, die das Institut umgibt, entlanggeht, mal flüchtet, mal schleicht, sich duckt und kackt, an der Mauer kratzt und auf Gegenkratze lauscht, sich anlehnt und sich festsaugt am dichten Gestein, die Mauer mit klafternden Armen zu umfassen sucht, sie bespringt wie ein Hund und dann wieder nur geht, geht, geht … Ich muß unablässig an die Vernunft denken, wie ein Idiot, der sie längst verloren hat und ihr trübe nachsinnt. Wir sind Idiot, wenn es hoch kommt. Wenn es hoch kommt, tief gefügig geistesschwach. Hörigkeit und blindes Verfallensein an die ichstarken Naturen, Nachäffung des Vorgesetzten, die Sucht, die Wut, sich Bindung zu verschaffen um jedweden Preis, und sei es um den der Selbstaufgabe, diese Krankheit greift jetzt bei uns in erschreckendem Maße um sich. Einer unserer fähigsten Nachrichtenanalytiker, Krähkamp, hat sich inzwischen restlos in eine Kopie des Chefs verwandelt. Es reicht bis in den Wortschatz und die Tonfälle hinein, bis in die Wahl der Kleidung und der Zigarettenmarke, und selbst die üble Angewohnheit, einem die Sätze aus dem Mund zu nehmen, noch bevor man zuende gesprochen hat, wurde von Zachler, vom Chef beliehen. So geht das reihum. Die Ichschwachen, darunter gebildete, besterzogene Menschen genauso wie grobe Klötze oder Ahnungslose, taumeln halberstickt durch unsere Flure und finden nur dann noch Halt und wieder Puste, wenn sie in den kräftigenden Äther irgendeines Ich-Heroen eintauchen dürfen. Aber auch außerhalb der Firma, unter Freunden und Bekannten, ist es nicht viel anders: jeder sucht in seiner näheren Nachbarschaft nach seinem Führer, seinem Guru, seinem Atemgeber, sei es nun der Chef oder ein Dr. med. oder ein Aikidomeister. In allen Winkeln erhebt sich irgendein Menschenbefehler, ein Ausstrahler, ein kleiner Schamane. Und die bringen es natürlich fertig, bei ihren Hörigen die sogenannten ungeahnten Kräfte freizusetzen und die freigesetzten Kräfte lassen dann in der Regel ein gänzlich entleertes Gefäß zurück. Die Ichstarken werden täglich stärker. Die, denen sie folgen dürfen, Geniegegeschmeiß, gefräßige Wracks, sprechen sie Größe um Größe zu, weil ja niemand eines unsicheren Wackelkopfes Diener sein mag. Mich Normbruder dagegen lassen sie hübsch beiseite stehen. Unter meinen kurzsichtigen Pupillen kann keiner sein Strahlbad nehmen. Wenn ich spreche, denken die Leute gern an etwas anderes … Ach ja, durchschau nur, durchschau die ganze lächerliche Szenerie, wie deine Freunde sich verwickeln und alle anderen auch. Es ist nur das Durchschauen so vollkommen unnütz! Solange du selbst überhaupt nirgendwo drinsteckst und ewig kalt beiseite stehst, da hast du leicht durchschauen und sehnst dich doch nach der kleinsten Träne einer Hingabe, die wenigstens ein Rändchen Trübung ins Auge brächte.

Irgendetwas ist los. Die Leute benehmen sich immer sonderbarer. Martin legt sich mitten im Fest nebenan auf die Couch von Zachlers Bibliothek und windet sich vor Kummer, klagt, daß Joe ihm unaufgefordert nicht die achtunddreißig Schweizer Franken zurückgibt, die er ihm seit letztem Ostern schuldet. Heult, daß man ihn derart mißachte und solcher Kleinigkeiten nicht gedenke, wenn’s gerade immer ihn betrifft. Ich finde, er übertreibt. Ebenso die Flensch. Plötzlich schreit sie wie am Spieß, draußen auf der Diele, bloß weil ihre Freundin die Tür zur Straße offenstehen ließ, nachdem sie sich verabschiedet hatte und zu ihrem Wagen ging. Was ist los? Ein Mädchen, das ich nicht kenne, vielleicht aus dem Versand, plötzlich aus heiterem Himmel, wie aus dem Vulkan gespien, stößt sie einen Feuerschwall von Bosheit über den geduckten Rücken ihres Galans, dem sie eben noch so süchtig an den Lippen hing. Ich dachte noch: wie die zuhören kann!, und die Augen beflattern dies kostbare Gesichtsstück, ruhelos, ein unüberschaubarer Schatz, ich dachte, die heizen aber schamlos vor, hier mitten unter allen Leuten heizen sie vor fürs Bett, und eben noch ist sie ganz Ohr, als ihr Freund mit dem Hausherrn ulkt, liest ihm die Witzchen vom Munde ab, stets die erste, die hektisch kichert, und dann, nachdem sie sich über den Tisch gebeugt und beflüstert haben, plötzlich steht sie aufgesprungen bebend in der Höhe, kalkweiß im ganzen Gesicht und mit einem tollwütigen Zischen im Mund, hinab auf den Mann, reißt sich vor ihm das Kleid von oben bis unten entzwei und schüttet den gehäuften Aschenbecher über ihren Haaren aus, läuft davon, zeternd und gekrümmt, die Schuhe, die steilen Korkkothurne von den Füßen schleudernd, rennt barfuß unter der fliegenden Fahne ihres zerrissenen Kleids durch die dichte Abendgesellschaft hinaus auf die Straße … Welches Wort war da gefallen, welches allein so mächtig, um von einem Augenblick zum nächsten, mitten aus bester gemeinsamer Laune heraus, in dem jungen Lärvchen einen solch altgewaltigen Zorn und Abschied aufzurühren?

Sehr entsetzte, auf den Zehenspitzen ihres Seins wippende Naturen. Viele, die überhaupt nicht wissen, wie ihnen geschieht, und plötzlich klagen sie wie Gefolterte, schreien wie Angezündete, von nicht mehr als einem Luftzug getroffen! Oder ins Nichts einer verpaßten U-Bahn starrend wie in Gorgos Gesicht. Diese Menschen scheinen oft nicht mehr fähig, ihrer Gattung gewöhnlichste Läufe zu bestehen und wehklagen bei kleinstem Malheur wie antike Kämpfer unter drohenden Göttern. Sie übertreiben. Sie suchen sich gewaltsam zu erschöpfen. Geben sich in großem Stil geschlagen bei allergeringstem Anstoß. Sie übertreiben und sind nicht mehr eingepaßt in ihre gewöhnliche Schale und unfähig, in der kleinen Schale, alternd, gemäßigt auf und ab zu gleiten. Ihre Einrichtung bestürzt sie.

Ein wenig später erscheint auch Grit, Bekkers Tochter, auf dem Fest. Ich sah sie seit einigen Jahren nicht und bin verblüfft, zu welch einer selbstsicheren, schönen jungen Frau sie sich entwickelt hat. Sie ist schlecht gelaunt und muffelt. Vorerst hat sie nur zweierlei mitzuteilen, nämlich daß sie weit und breit nichts zu parken fand als einen Gehsteigplatz drei Straßen hinter dem Wasserwerk, und dann im selben Atemzug: sie mache gerade eine Trennung durch, es sei entsetzlich. Das sagt sie so vorneweg, wie andere Leute wissen lassen, daß sie sich vor kurzem das Rauchen abgewöhnt oder eine Diätkur begonnen haben. Es fällt bald auf, daß Vater und Tochter etwas ungewiß, ja fast verlegen zusammenstehen und sich gegen die übrigen Gäste abzuschließen suchen. Man merkt es beiden an, daß sie sich seit kurzem erst sehen und ziemlich verändert wiederfanden. All die Jahre nach der Scheidung, in denen Grit bei ihrer Mutter lebte, während der Schulzeit und der Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin, blieben die Besuche des Vaters spärlich und vergingen fast immer unerfreulich, im Zank der Ansprüche, die die getrennten Eltern gegeneinander erhoben. Es schien, als habe Bekker nie eine besonders innige Bindung an seine Tochter empfunden. Nur selten sprach er von ihr. Jetzt, abermals auf der Rückreise zum Zachlerschen Institut, sucht er sie in der Stadt – sie lebt inzwischen in einer eigenen Wohnung und hat ein kleines Reisebüro in Pacht übernommen, da sich ihr Wunsch, im Ausland eine gute Stelle zu finden, noch nicht erfüllen ließ – und so findet er nun mit einem Mal einen ganz erwachsenen und selbständigen Menschen vor, in dem ihm das eigne Kind teils entschwunden, teils endlich erst erreichbar zu sein scheint. Auch Grit benimmt sich nicht so, als sei ihr der Papa nie ausgegangen. Beide streifen mit großer Vorsicht und manchmal unsicheren, fremden Blicken aneinander, was angesichts ihrer leiblichen Verwandtschaft, der auffallenden Ähnlichkeiten im Gesicht etwas sonderbar Künstliches und Gespanntes bekommt. Bald stört sie das Gedränge und der Lärm in der Halle und sie weichen in einen Nebenraum aus, das peinlich von allen persönlichen Utensilien entblößte Studio von Zachlers Frau, wo sie die nötige Ruhe finden, sich leise zu erkundigen und immer freier zu erzählen. Grit berichtet Neues von der Mutter, die in Süddeutschland mit einem Häusermakler lebt, spricht über Joseph, ihren Freund, von dem sie sich gerade trennt, über Musik, die er und sie gerne hörten, über andere, die sie entzweite. Das meiste kommt so obenhin, aus dem Inneren aber nur Spärliches. Bekker hingegen reißt sich, wie man so sagt, die Brust auf, nachdem er einmal sicher ist, daß Grit nicht auf Erinnerung hinaus will und seine Vergangenheit als schlechter Vater nicht verhandelt werden soll. Es drängt ihn, sich ihr immer kühner anzuvertrauen, gerade so als falle die Last, zu schweigen vor dem unverständigen Kind, das sie über zwei Jahrzehnte für ihn war, mit einem Polter, endlich, von ihm ab. Er redet aufgewühlt und oft in dunklen, schroffen Fantasien, die wenig über sein Tun und Handeln, sein äußerliches Leben und viel über seinen Zustand, seinen unfriedlichen, nach allen Seiten zugleich sich aufbäumenden Geist verraten. Sie sitzen nebeneinander auf zwei von der Hausfrau selbst entworfenen steilen Stühlen und Bekker trinkt heftig vom Cognac, den Zachler ihm mit einer Geste von besonderer Beschämung in den Arm gedrückt hat, als ein stummes anzügliches Willkommen. Je mehr er davon trinkt, je feiner und bewegter Grit zugegen ist und hört, wunderschön hört, desto rücksichtsloser redet der Vater seine zerstückelte Welt hervor, und diese Rede will nicht enden, trägt beide bis in den frühen Morgen, als in der Küche schon die Gabeln für den Heringshappen klappern, und immer wieder faßt er die Hand der Tochter und hält sie über seinem Knie fest. Hin und wieder bleiben Gäste, die nach Hause wollen, an der offenen Tür stehen, manche treten auch herein, hören ein Weilchen zu und verschwinden dann wieder. Kurz vor dem Katerfrühstück sind dann schon die Kinder auf und erfreuen sich an dem wüsten, verschmutzten Haus. Auch Bekker zählt für sie zum Gerümpel nach dem Fest. Sie tollen über ihn her und klettern an ihm hinauf und nennen ihn, von seinen Schultern rutschend, einen betrunkenen Berg.

Aufgewachsen unter dem schweren Winterfeldzugsmantel eines wütenden Offiziers, der nicht mein Vater war, jedoch an seine Stelle tretend die Mutter und mich in fürchterliche Obhut nahm, ein Major aus Hitlers Ostarmee, vorzeitig heimgekehrt aus den Wäldern von Klin, unehrenhaft entlassen, der Empörung angeklagt, ein gefällter, zerrissener Kämpfer, rachsüchtig und selbstherrlich, und nur mir, seinem geliebten Schützling, zärtlich zugetan und ihn mit dem geballten Rest seiner Lebenskräfte erfüllend, die da waren: Haß, Verachtung, Vernichtungsdrang und Wille zum Tod … So erhebt sich wieder dieser Schatten mächtig über meinem Rücken und es ist, als ob das frühe Böse jetzt erst richtig wirke und mache, daß sich der enge Umlauf meiner Lebensschritte immer enger zuschließt und bald vielleicht in einem tollen Wirbel um die eigne Achse endet. Ich stehe noch einmal, ein letztes Mal gewiß, vor dem Eingang des Instituts, zu dem ich als junger Mann aus der bedrückendsten Herkunft wie zu einem Tempel der Seligen geflohen bin, von dem ich mir endlich freie Entfaltung, gute und richtige Lehre, Lebenssinn erhoffte und wo ich doch, unter Zachlers Herrschaft, in die allerschrecklichste Strafanstalt geriet, in die ein auf Selbständigkeit hoffender Mensch nur geraten kann. Vier Mal, im ganzen vier Mal in meinem Leben habe ich versucht, diesem magischen Gefängnis zu entfliehen und anderswo Arbeit und Auskommen zu finden. Immer wieder hat es mich auf eine ekelerregende, aber unwiderstehliche Weise zurückgezogen, immer wieder bin ich, und jedes Mal unglücklicher, zurückgekehrt.

Zachlers Institut, das IfN, in dem nur mittelmäßige bis scheiternde Leute arbeiteten, denen man ein ziemlich niedriges Gehalt zahlen konnte oder, so wie mir, einem Anfänger mit abgebrochenem Studium, fast gar nichts, einem Lehrling, der einfach alles machen mußte, sobald er morgens um halb acht mit Sekretärinnen und Buchhaltern im Firmenbus gebracht worden war, vom Ausleeren der Papierkörbe bis zum Abfassen von Werbeanzeigen, und der dabei soviel falsch machte, daß man ihm oft genug mit geheuchelter Sorge zu bedenken gab, wie schwer er es doch wohl außerhalb der Firma, ein wie schweres, wenn nicht gar unmögliches Durchkommen er draußen in einem allgemein viel härterem Berufsleben haben würde. So wurden und werden auf allen Stufen und Etagen die Leute bei Zachler in Abhängigkeit bewahrt. Sie werden künstlich mittelmäßig und scheiternd gehalten, damit sie sich, bei fortdauernd niedrigem Gehalt, ängstlich an die Betriebsfamilie, an Zachler und die Sektorenvorstände anklammern. Natürlich gab es auch außer mir hin und wieder jemanden, der aus eigenen Stücken die Firma verließ und draußen was Besseres suchte. Und natürlich mußte ihm das danebengehen, weil die Firma ja lange genug eine Zuchtstätte seiner Komplexe und Schwächen war. Aber dann, was für ein Fest des Vorstands, was für eine kraftvolle Bekundung der Familie!, wenn ein Unglücklicher leise wieder vorsprach und um Rückeinstellung ersuchte. Der Vorstand, Zachler selbst begrüßte und umarmte jeden dieser gestrauchelten Aufsteiger mit großer Herzlichkeit und drückte ihn auf seinen alten Arbeitsplatz nieder oder auf einen sogar geringeren. Fast immer fühlte sich der Heimkehrer dann in der alten Familie unendlich viel wohler als vor seinem Fluchtversuch. Meistens konnte sich der Vorstand für alle Zukunft auf ihn verlassen.

Meines Wissens bin ich der einzige, der es mehr als ein Mal versucht hat. Bei etwaiger und dann gewiß letztmaliger Wiedereinstellung droht mir unweigerlich ein Posten irgendwo in der Rückkontrolle, dem geschmähtesten Abteil der ganzen Firma, so daß es schon ein geflügeltes Wort geworden ist, mit dem man einen sich irrenden Analytiker gerne bewarnt: ›Was du da vorlegst, ist der sichere Weg in der Rückkontrolle.‹

Jetzt also, auf der Kippe zu Zachler zurück, steigt mir im Rücken das Majorsmonster wieder auf, der greuliche Erzieher. Jetzt drängt diese Gestalt wieder hervor, der steinern betrunkene, schwere Mann, den ich so oft rütteln mußte, wenn er sich in die Erde und die Tulpen des Kurparks gekrallt hatte oder, wie einmal geschehen, auf dem Heimweg in ein Schaufenster gestürzt war. Damals, zuhaus, unten an der Lahn. All die Jahre über habe ich nicht mehr an ihn gedacht, diesen häuslichen Narren mit dem Gesicht eines Silen, den zeternden Staatsfeind im Ruhestand, Rache an seinem elenden Kommandeur sich täglich frisch mit der Frühstücksmilch aufkochend; aber dann brach ihm doch auf halber Strecke der Kopf zusammen. Betrogen um den Feind, den Kampf, das Töten, kreiselte er unlebendig dahin, gab nur noch ein schläfriges Wiederkäuen des alten Hasses, der großen Verurteilungen von sich, die einst die ganze Hitze seiner Person gewesen waren. Ein Vater und ein Schlächter, unehrenhaft entlassen, nun nähert er sich noch einmal, hängt mir seinen schweren Mantel über die Schultern, daß ich mich darin wohl aufrecken möge, geradeso wie unter dem Rindskadaver auf Bacons Gemälde der unkenntliche Mensch mit Regenschirm und blutigem Maul. Noch einmal aus sich herausgehen, noch einmal sich austoben, ja? Und dann in aller Stille sich zurückziehen ins Institut …

Gehen wir also die Stadt hinunter. Sehen wir uns um. Wir sind angelangt. Hier ist es, Tartarien. Mehr kommt nicht. Von himmelweit unter der Erde, wo sie die Alten dachten, ist unsere Unterwelt emporgetaucht bis ans Tageslicht, für jedermann begehbare Hölle … Bleib bei mir. Rede mit mir. Den Betrunkenen tragen die Strahlen heim frühmorgens … Nein, dies ist kein Wegweiser. Mehr kommt nicht. Wir sind angekommen. Sehen wir uns um. Warten wir nicht länger. Sehen wir uns um in dieser dreckigen kleinen, biestigen, engen, zerzausten Verdammnis … Hier, in diesem zugepflockten Haus findest du ein ganz gewöhnliches KZ, eines unter Millionen. Ein Mann mißhandelt seine Frau. Du hörst, die nackten Glieder mit ihren Mulden klatschen gegen eine Wand von Kacheln im Baderaum. Er schüttelt sie an beiden Schultern, so wie man aus einem uralten Kofferradio noch Töne herauszuwackeln sucht. Er wirft sie im Zimmer umher, die Knochen, von Haut und Fleisch gedämpft, poltern gegen die Kacheln. Siehst du: er schlägt sie, doch sie fällt nicht um. Sie fällt nicht und schweigt. Sie hält sich aufrecht an der Wand, den Rücken ihm zugekehrt. Langsam zieht sie, an den Kacheln entlang, von ihm weg, um ans Waschbecken zu kommen. Er reißt sie an der Schulter herum und stößt ihr die Faust ins Gesicht. Sie schwankt, aber sie fällt nicht. Sie sieht ihn an und steht, ihm zugewandt, wieder gerade. Ein brauner Prellfleck geht auf, verdunkelt das Auge wie die Sepiawolke den bedrohten Kraken. Wäßriger Rotz läuft aus beiden Nasenlöchern. Nun dreht sie sich wieder um, sie will ja zum Waschbecken. Ihren nackten Rücken vor sich, holt er mit beiden gefalteten Händen weit über den Kopf aus, als hielte er eine Axt, und schleudert die Hände abwärts, so daß sie gerade die zarten Buckel ihres Nackenwirbels treffen. Die Frau streckt, im Reflex, die Arme halbhoch ab, ähnlich wie einst der bleierne Tischfußballkicker, den man auf den Kopf tippte, das Bein vorstieß, und spreizt alle Finger so starr auseinander, daß ihr vom Ringfinger der Ring zu Boden springt. Dann fällt sie, schlägt mit Stirn und Unterarm am Wannenrand auf, bevor der magere Leib mit allen Ecken auf die Bodenkacheln prasselt. Im Sturz hat sie vom Wannenrand ein Stück Seife mitgerissen, es schliddert über die Steine. Die Frau, siehst du, richtet sich gleich wieder auf, läßt sich nicht gehen, und greift nach der Seife und legt sie benommen an Ort und Stelle zurück. Sie versucht aufzustehen, kippt jedoch wieder zu Boden. Da fällt auf einmal schnell eine kleine Menge heller, fast weißer Harn aus ihr heraus. Sie sieht sich das an und sieht, in ihrem eigentlichen Schicksal unterbrochen, trostlos verwundert zu ihrem Mann in die Höhe und in ihren Augen sammeln sich Tränen. Der Mann greift ihren Kopf und drückt ihn hinunter. Er wischt die Pfütze mit ihren Haaren vom Kachelboden auf. So geht es weiter, wird es niemals enden, der halbbekleidete Mann, die nackte Frau. Sich töten? Sich sprechen? Nicht nötig. Schon wenig später, schon bei der ersten wieder leisen Berührung ihrer Stirn, allein durch sein Handauflegen beginnt diese Frau, aus den Krümmungen der Folter heraus, mit der gleichmäßigen Wurmbewegung der Hingabe. Sie schlägt ihr Becken auf und nieder, röchelt, bäumt sich unter Handauflegen, ihre Augen gehen weit auf und ein Äderchen platzt, blutig wird der weiße Augapfel und sie reißt sich selbst an den Haaren, sabbelt aus dem Mund. Jetzt ist sie auf eine Höhe ihrer selbst gelangt, da sie alles fräße, was man ihr in den Mund steckte, da sie alles sein und zugleich verschlingen will, was das Menschenleben auf ein Mal hergibt: Mann und Frau, Kind und Greis, Macht und Strafe, Scheiße und Atem, erhöht und erniedrigt, gläubig und blasphemisch, Mörder und Opfer – alles gepaart, alles auf einmal, in einem einzigen, augenblicklichen, blutigen Reigen …

Es ist im übrigen dieselbe Frau, die am Morgen im Büro laut gelacht hat, als der Chef ihren Mann vor ihren Augen rüffelte, fertigmachte, ihn der Lächerlichkeit preisgab. Da lachte sie mit auf seiten des Chefs, der ihren Mann fortwährend mit Sportsfreund anredete und auch in ihren, dem Chef gehörenden Augen stand ihr Beherrscher plötzlich als der Dumme da. Sie lachte und lächelte noch, als der Chef längst nicht mehr ulkte, sondern mit Blicken tötete.

Aber auch jener Tag wird kommen, da sie allein darniederhockt, alleingeblieben an diesem Totenort, in dieser Kachelwüste, und dann sehen wir sie wildgeworden mit den Fingernägeln an der verschlossenen Erde kratzen. Aber hier ist Tartarien. Hier kann man weder Grab noch Nahrung ausbuddeln. Tiefer geht es nicht runter als die zugekachelte Erde ist.

Stille Folter und Vernichtungszimmer. Eine Blutgrube das Bett. Das Lager in jedem. Arena ohne Schall. Unentwegt, kreuz und quer durch den Stadtteil der Aufständischen fährt eine Frau in einem Lautsprecherwagen, wie ihn Parteien zu Wahlkundgebungen gebrauchen, und ruft ihren Mann aus: Philipp!, und sein Paßbild, groß wie ein Politikerplakat, in der Vergrößerung sich beinahe auflösend, steht auf dem Dach des Wagens, an den Lautsprecher geschnürt. Sie ruft aus, daß sie ihm ohne jede Bedingung verzeihe und er wieder zu ihr zurückkehren möge. Sie bittet die Bevölkerung, nach ihm zu suchen und ihn zu ihr zu schicken.

Vorsicht aber, Philipp! Mißtrau diesem Vehikel, aus dem die Stimme deiner Geliebten dort unten in die Straßen tönt. Sie ist übergelaufen zu den Machthabern oder vielmehr von ihnen erpreßt und zur Geisel genommen, um dich in eine Falle zu locken. Geh nicht hinunter, widersteh diesen schmerzlichen Rufen zur Versöhnung, auch wenn dir scheinen mag, daß ihre Liebe niemals inniger klang als durch diesen armen, umherirrenden Lautsprecher. Sie wird dich verraten, muß es tun, und morgen schleppen sie dich ins Stadion, wo nun schon über zwanzigtausend Menschen zusammengepfercht sind, bewacht und geordnet durch Hunderte von Militärschergen. Alle Familien auseinandergerissen, die Greise müssen in glühender Hitze die Arena säubern, bis sie links und rechts der Aschenbahnen niederfallen. Die Männer werden zu Schaukämpfen abkommandiert, der östliche Block gegen den nördlichen, je nachdem. Die Frauen und Kinder müssen alle überflüssige Kleidung zu riesigen Sonnenschutzplanen zusammennähen, und in jedem Block ist einer von denen, die beim Fluchtversuch erschossen wurden, kopfunter an einem Mast aufgeknüpft, weithin für alle zur Abschrekkung sichtbar. Sie haben dem Gehenkten die Zunge hervorgezogen und mit einer dicken Stecknadel durchstochen.

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