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Rummelplatz

Inhaltsübersicht

Vorwort

I. Teil

I. Kapitel

II. Kapitel

III. Kapitel

IV. Kapitel

II. Teil Die Freiheit der Gefangenen

V. Kapitel

VI. Kapitel

VII. Kapitel

VIII. Kapitel

IX. Kapitel

X. Kapitel

XI. Kapitel

XII. Kapitel

XIII. Kapitel

XIV. Kapitel

XV. Kapitel

III. Teil Nänie auf den Tod eines Arbeiters

XVI. Kapitel

XVII. Kapitel

XVIII. Kapitel

XIX. Kapitel

XX. Kapitel

Anhang

»Aber die Träume, die haben doch Namen«

Textvarianten

I Aus der letzten Fassung

1 [Ruth Fischer]

2 [Christian Kleinschmidt]

II Szenenskizze und eine frühe Fassung

1 [Der Präsident]

2 [Die Mutter]

Anmerkungen

Lebensdaten Werner Bräunigs

Editorische Notiz

Danksagung

|5|Christa Wolf

Vorwort

Wenn ich dieses Manuskript lese – denn ich habe es gelesen, ehe es ein Buch wurde –‚ steigt eine Fülle von Erinnerungen in mir auf. Es war das Jahr 1965. Ich sehe einen Versammlungsraum, in dem von »oberster Stelle« der Vorabdruck eines Kapitels aus diesem Manuskript scharf kritisiert wurde – eine Kritik, die, trotz Widerspruchs einiger Kollegen von Werner Bräunig, wenig später vor dem wichtigsten Gremium der Partei wiederholt wurde und, wie ich glaube, den Autor entmutigt hat, diesen Roman weiter, zu Ende zu schreiben. Er bestritt das, er wollte mit seiner Prosa »teilhaben an der Veränderung der Welt«, und er sah, nach einem schwierigen, wechselvollen Lebenslauf, in der DDR, die ihm den Weg zum Schriftsteller ermöglichte, die Voraussetzungen für diese Veränderung, wie viele unserer Generation, zu der er, etwas jünger, noch gehörte. Eben darum konnte die Kritik, die sein Manuskript als mißlungen, sogar als schädlich bezeichnete, ihn so tief treffen. Er hat in sich keinen Widerstand dagegen aufbauen können. Er hat sich nur noch an Erzählungen gewagt. Einen zweiten Romanversuch hat er früh abgebrochen.

Von diesem hier aber, der von Anfang an in der Öffentlichkeit »Rummelplatz« hieß, fand sich ein umfangreiches Konvolut im Nachlaß von Bräunig, der mit zweiundvierzig Jahren starb, an der Krankheit Alkohol. Mit wachsendem Erstaunen, bewegt las ich diese wirklichkeitsgesättigte Prosa. Die Schauplätze, die Arbeitsvorgänge, die er in erstaunlicher und wohl beispielloser Genauigkeit beschreibt, kannte ich nicht, aber mir war beim Lesen, als würde Bekanntes in mir wieder wachgerufen: die Atmosphäre jener Zeit. Der Lebensstoff, den wir als aufregend, neu, herausfordernd erlebten und dem wir mit unseren Büchern gerecht werden wollten, |6|scheinbar in Übereinstimmung mit den Aufrufen der Partei – der Bräunig angehörte –, bis viele Autoren zu nahe, zu realistisch, vor allem kritisch an diesen Stoff herangingen und erfahren mußten: So war es nicht gemeint. Ein Buch wie dieses von Werner Bräunig hätte, wenn es nur erschienen wäre, Aufsehen erregt, es wäre in mancher Hinsicht als beispiellos empfunden worden. Noch einmal fühle ich nachträglich den Verlust, die Leerstelle, die dieses Nicht-Erscheinen gelassen hat.

Kann es heute noch wirken, nach vierzig Jahren? Nicht auf dieselbe Weise natürlich, wie es damals gewirkt hätte. Aber auch nicht nur als ein historisches Relikt, als ein Archiv-Fund. Dazu ist der Text zu lebendig und, wie ich glaube, auch zu spannend. Mag sein, daß ehemalige Bürger der DDR ihn anders, beteiligter lesen als Westdeutsche. Die aber, vorausgesetzt, sie interessieren sich dafür, wie wir gelebt haben, finden in diesem Buch wie in wenigen anderen ein Zeugnis eben dieser Lebensverhältnisse, der Denkweise von Personen, ihrer Hoffnungen und der Ziele ihrer oft übermäßigen Anstrengungen. Und vielleicht auch die Möglichkeit, dafür Verständnis und Anteilnahme aufzubringen.

Januar 2007

|7|I. TEIL

|9|I. Kapitel

Die Nacht des zwölften zum dreizehnten Oktober schwieg in den deutschen Wäldern; ein müder Wind schlich über die Äcker, schlurfte durch die finsteren Städte des Jahres vier nach Hitler, kroch im Morgengrauen ostwärts über die Elbe, stieg über die Erzgebirgskämme, zupfte an den Transparenten, die schlaff in den Ruinen Magdeburgs hingen, ging behutsam durch die Buchenwälder des Ettersberges hinab zum Standbild der beiden großen Denker und den Häusern der noch größeren Vergesser, kräuselte den Staub der Braunkohlengruben, legte sich einen Augenblick in das riesige Fahnentuch vor der Berliner Universität Unter den Linden, rieselte über die märkischen Sandebenen und verlor sich schließlich in den Niederungen östlich der Oder.

Es war eine kühle Nacht, und die Menschen in den schlecht geheizten Wohnungen fröstelten. Die Herbstkälte schlich sich in ihre Umarmungen und ihr Alleinsein, ihre Hoffnungen und ihre Gleichgültigkeit, ihre Träume und ihre Zweifel.

Nun waren die Reden verstummt, die Kundgebungen geschlossen, die Proklamationen rotierten zwischen den Druckzylindern der Zeitungsmaschinen. Straßen und Plätze dampften im Morgenlicht. Die ersten Schichtarbeiter zogen in die Fabriken. Die Plakate welkten im Wind.

 

Hermann Fischer war am Morgen dieses dreizehnten Oktober früher erwacht als gewöhnlich. Zuerst dachte er, die Kälte habe ihn geweckt. Dann aber hörte er das überanstrengte Fauchen der SIS-Omnibusse, die sich im zweiten Gang den Rabenberg heraufquälten, und er dachte plötzlich ganz wach: Die Neuen kommen. Diese dreißig, vierzig Mann, ohne die sie den Schacht vielleicht noch zwei, drei Tage in Betrieb |10|gehalten hätten, vielleicht auch noch eine Woche, falls ausnahmsweise einmal nichts passiert wäre, kein Streckeneinbruch, kein Straßenrutsch, kein Förderausfall. Seit vierzehn Tagen schrien, schrieben und telefonierten sie; Fischer hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben. Gestern abend aber hatte ihn plötzlich der Objektleiter angerufen. Und Fischer wußte jetzt auch, daß er nicht nur der Kälte wegen so zerschlagen war, so unausgeschlafen, sondern vielmehr wegen der Ungewißheit, ob sie auch wirklich kämen, ob sie ihm nicht noch im letzten Moment irgendein anderer vor der Nase wegorganisierte.

Fischer stand auf. Wie jeden Morgen schaltete er, ohne hinzusehen, das Radio an. Er ging zum Waschraum, goß sich hastig eine Kanne Wasser über den Hals, rieb sich mit dem Leinenhandtuch ab. Als er ins Zimmer zurückkam, dröhnte der Lautsprecher die Morgennachrichten durch die Baracke. Wie wir heute arbeiten, hatte jemand gesagt, werden wir morgen leben. Nebenan klopfte jemand an die Wand. Fischer drehte etwas leiser.

Die Gummistiefel waren noch feucht, obwohl er sie gestern abend mit alten Zeitungen ausgestopft hatte. Auch die Lederjoppe roch noch nach muffigem Brackwasser. Im Vorübergehen betrachtete er sich einen Augenblick in dem alten Rasierspiegel neben der Tür, die eingefallenen, stoppeligen Wangen, die müden Augen. Dann ging er hinaus.

Der Lagerverwalter stand schon vor der Tür, er war mürrisch wie immer und erwiderte Fischers Gruß nur mit einem gleichgültigen Kopfnicken. Die Luft war weniger feucht als gestern. Fischer hörte wieder das Grollen der Sprengungen, das in den letzten Tagen vom Regen verschluckt worden war. Drüben in der Teufelsschlucht schossen sie Mundlöcher auf. Es war bereits so hell, daß er bis ins Tal hinab sehen konnte. Er erkannte den Umriß des Schornsteins der Papierfabrik, über dem die hellgrauen Wolken sehr langsam aus Böhmen herüberzogen. Es war eine der größten Papierfabriken Europas, |11|aber davon nahm hier oben kaum jemand Notiz. Die Größenverhältnisse waren durcheinandergeraten, seit dieser unübersehbare Bergbaubetrieb, der sich über das ganze Gebirge bis hinein in das Vogtland, bis hinüber nach Thüringen zog, beinahe über Nacht in die Berge hineingestampft worden war: Wismut-AG.

In den vergangenen Regentagen war der letzte Kilometer der provisorischen Autostraße, die sie vor zwei Jahren in den Wald geschlagen hatten, unterspült worden. Die SIS hielten tausend Meter hangabwärts.

Vom Rande des Barackenlagers aus sah Fischer die Kolonne der Neuen den Berg heraufkriechen. Sie trotteten müde dahin, mit übernächtigten Gesichtern, die von hier aus bedrückend gleichförmig erschienen; gingen gebückt und manchmal strauchelnd unter der Last ihrer Koffer und Rucksäcke. Viele trugen Halbschuhe; manchmal, wenn sie von dem schmalen Schlackestreifen abkamen, der von der Straße übrig war, blieben sie im Morast stecken. Die Mäntel waren zerdrückt und grau. Grau wie dieser Oktobermorgen mit seinem kalten Himmel, mit den reglosen Fichten und dem dumpfigen Geruch der faulenden Baumstümpfe. Fischer versuchte zu zählen, aber die Köpfe tanzten auf und nieder, gerieten immer wieder durcheinander, er gab es schließlich auf.

Er dachte: So bin ich auch einmal hier angekommen. Er sah die farblosen, lautlosen Gestalten herantrotten, und mit einem Male beschlich ihn die Müdigkeit seines halben Jahrhunderts. Er konnte ein Lied singen von diesen Aufbrüchen ins Ungewisse. Diesen Morgendämmerungen, die nicht wußten, was der Abend bringt. Gestern, als er neben Zacharias im Demonstrationszug marschiert war, hatte er sich für einen Augenblick frei und voller Kraft gefühlt. Er war für ein paar Stunden jung gewesen und ungebeugt von der Last der Prüfungen, der bestandenen und der nicht bestandenen. Aber heute war wieder Alltag. Heute war er wieder Steiger und für die Produktion verantwortlich, die schon auf 92 Prozent |12|herunter war. Wieder Parteisekretär und für die Neuen dort verantwortlich; hoffentlich waren wenigstens ein, zwei Genossen unter ihnen. In jenen ersten Nachkriegsjahren hing das Schicksal der Welt für eine Ewigkeitssekunde von der Produktion der deutschen Urangruben ab, und Fischer gehörte zu den wenigen, die darum wußten. Atomenergie – das war Leben oder Tod. Die Welt hatte Hiroshima erlebt. – Fischer sah den morgigen Sonntag unter einem Berg von Kleinarbeit versinken, er war müde, sehr müde, er war in den letzten vierzehn Tagen kaum aus den Stiefeln gekommen.

Aus dem Lager klang das Scheppern der Kaffeekannen herüber, das Schlurfen von Gummistiefeln auf den Holzstufen vor den Baracken, die Kumpel der Frühschicht holten sich ihren Kaffee aus der Küche. Fischer sah noch einmal zu den Neuen hinüber, er konnte die Gesichter jetzt unterscheiden, und er dachte einen Augenblick lang: Was mag in diesen Köpfen stecken, hinter den gesenkten Stirnen, unter diesen Schöpfen? Dann drehte er sich um und ging ins Lager zurück. Aus den Schornsteinen sickerte Rauch, einige Kumpel hatten die Fenster geöffnet und ließen die Morgenluft ins Zimmer. Er ging an dem grünen Lattenzaun entlang, der das Schachtgelände vom Lager abgrenzte, grüßte den sowjetischen Posten, der aus dem Luk des hölzernen Wachturmes herabsah; ein junger, vielleicht neunzehn-, vielleicht zwanzigjähriger Bursche, der sich offensichtlich langweilte in seinem Bretterverschlag. Er betrat schließlich die Aufnahmebaracke, das langweiligste von diesen dreißig Holzhäusern.

Der Lagerverwalter saß im Schreibzimmer und schnitzelte an einem Bleistift. Er sah kaum auf, als Fischer eintrat. Er schob seine Kladde zurecht und fragte: »Wieviel?«

»Vierzig ungefähr«, sagte Fischer.

Dann ging er zum Telefon und ließ sich mit dem sowjetischen Schachtleiter verbinden. Polotnikow konnte man zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen, auf eine geheimnisvolle |13|Weise brachte er es fertig, immer erreichbar zu sein. Er war im Krieg Panzeroffizier gewesen, er war in seinem T34 von Moskau bis nach Berlin gerollt, über die Wolga, über die Weichsel und über die Oder. Er verhielt sich gegenüber den deutschen Kumpels zurückhaltend, fast mißtrauisch, auch gegenüber den deutschen Genossen. In Polotnikows Arbeitszimmer roch es immer ein wenig nach Wodka, und der Schachtleiter sagte: »Polotnikow säuft wie eine Schwadron Dragoner und verträgt sogar Salpetersäure.« Jedenfalls brachte er es fertig, zwanzig Stunden am Tag zu arbeiten.

Fischer informierte ihn über die Ankunft der Neuen.

»Vierzig?« sagte Polotnikow. »Kann ich Ihnen genau sagen: achtunddreißig. Suchen Sie sich fünfzehn aus für die Mittelschicht.«

Während sie sprachen, sammelten sich die Neuen draußen vor der Baracke. Fischer konnte sie durch das Fenster sehen. Sie stellten ihre Koffer und Bündel ab, einige drehten sich Zigaretten, manche standen in Grüppchen beieinander. Die meisten hockten auf ihren Koffern und starrten vor sich hin. Viele waren noch sehr jung.

Fischer sah dicht am Fenster ein mageres, höchstens achtzehnjähriges Kerlchen auf einem Bündel hocken, und er dachte: Du lieber Himmel, das neue Deutschland fängt glanzvoll an! Sah aus, als würde er im nächsten Augenblick aus den Pantinen kippen. Und das wird er auch, dachte Fischer. Dreißig Fahrten runter, dreißig rauf, hundertachtzig Meter, und das jeden Tag, und ohne Bohrstütze bohren, und Doppelschichten, und Hunte sacken ohne Sohle … Er sah sie stehen, mit ihren Wehrmachtsrucksäcken, mit den grauen Holzkoffern aus der Kriegsgefangenschaft, er sah Zwei-, Drei- und Vierundzwanzigjährige mit den unruhigen, mißtrauischen, wachsamen Augen heimatloser Flüchtlinge, und nur hier und da ein ruhiges Gesicht, nur hier und da ein sicherer Blick. Viele von ihnen waren erwachsen, ohne eine Chance gehabt zu haben, jemals jung zu sein.

|14|Der Lagerverwalter war hinausgegangen und erklärte ihnen in seiner mürrischen Redeweise, was in den nächsten Minuten und Stunden geschehen würde.

 

Christian Kleinschmidt dachte: Das ist also die Wismut. Baracken, Dreck, hölzerne Fördertürme, die wenig vertrauenerweckend aussahen, nochmals Dreck und dieses zerknitterte Männlein, das beim Sprechen kaum die Lippen auseinanderbrachte. Das Männlein nuschelte etwas von Einweisung, Essentalons, Wolldecken und Küchenzeiten. Es stand erhaben wie der Evangelist Markus bei der Bekanntgabe der Abfütterung der fünftausend. Er aber, Christian Kleinschmidt, er pfiff auf Evangelien. Auf das von der guten und ausreichenden Ernährung – bei ausreichender Arbeit, versteht sich – besonders. Er dachte: Hier stehst du, Abitur in der Tasche, und diesen Brief, der deine Immatrikulation auf unbestimmte Zeit verschiebt, zum Trost aber immerhin empfiehlt, dich vorläufig einem praktischen Beruf zuzuwenden. Besonders im Erzbergbau würden dringend Arbeitskräfte benötigt. Hier stehst du, du kannst nicht anders, Gott hilft dir nicht, amen. Man hatte sich leider einen für diese Zeiten völlig untauglichen Vater ausgesucht, man hätte damals vor achtzehn Jahren, als man in die Welt gesetzt wurde, vorsichtiger sein müssen.

Das Männlein sagte: Schäden an der empfangenen Wäsche werden vom Lohn abgezogen, Verlust vom Lohn abgezogen, vorzeitiger Verschleiß abgezogen, mutwillige Beschädigung … Christian stieß seinen Nachbarn an, aber der sah nur dumpf vor sich hin.

Sehr begabt, hatte der Herr Klassenlehrer Buttgereit gesagt, sehr begabt. Immerhin durfte ›der ehemalige Herr Obergefreite‹ wieder lehren. Er hatte treu und brav getan, was ihm befohlen war, damals; wußte auch heute wieder genau Bescheid: krumm, gerade, Recht, Unrecht. »Das Kommunistische Manifest« hatte er in einer stillen Stunde gelernt. Nazi war er nicht gewesen. Betete nun die Proletarier aller Länder |15|herunter wie einst Hans Fritzsche und den »Völkischen Beobachter«.

Er aber, Christian Kleinschmidt, er durfte Steine schippen und sich in diesem Bergwerk den Schädel einrennen. Selbstredend gab es keine Kollektivschuld, das hatte der große Stalin in jenem Artikel, den sie zweimal durchgekaut hatten, ausdrücklich gesagt. Und was der große Stalin sagte, hatte gefälligst die lautere Wahrheit zu sein, einstimmig, Punkt.

Viel Freude hatten sie ihm ja nicht bereitet. Buttgereit nicht, und Göring, dem Russischlehrer, erst recht nicht. Göring hatte die ganze Penne gegen sich. Es war eine ausgemachte Frechheit, wenn ein Russischlehrer ausgerechnet Göring hieß, darüber waren sich alle einig. Sie hatten in den zensierten und zurückgegebenen Russischarbeiten nachträglich richtige Vokabeln mit einem Rotstift als falsch angestrichen, waren damit zum Direx gegangen und hatten sich über die Qualifikation des Herrn Göring beschwert. Der Direx hatte ihnen geglaubt, und Göring war drei Tage lang ganz klein durch das Schulhaus geschlichen; er hatte gedacht, alle Tricks zu kennen, diesen aber hatte er nicht gekannt, und er hatte ihnen nicht einmal etwas nachweisen können. Christian war es einmal gelungen, Buttgereit mit Kreide ein großes leuchtendes ›PG‹ auf den Rücken seines blauen Tuchzweireihers zu malen, Buttgereit war damit die ganze Zehnuhrpause über den Hof stolziert, die anderen Lehrer hatten getan, als sähen sie nichts, Buttgereit erfreute sich auch unter ihnen keiner großen Beliebtheit. Christian war damals für Wochen der Held der Schule gewesen, Buttgereit hatte nie herausbekommen, wer ihm diesen Streich gespielt hatte. Aber er hatte sich auf seine Art an allen, die ihm verdächtig schienen, gerächt. Den kleinen Pinselstein zum Beispiel hatte er mit pausenlosen Eintragungen ins Klassenbuch und Briefen an die Eltern beim geringfügigsten Anlaß langsam, aber sicher fertiggemacht. Buttgereit wußte, daß der |16|Herr Rechtsanwalt Pinselstein in solchen Dingen keinen Spaß verstand.

Der Lagerverwalter hatte sich inzwischen von ihrem Transportbegleiter die Namensliste geben lassen und begann aufzurufen: Ahnert, Bertram, Billing, Buchmeier … Nach jedem vierten Namen nannte er Baracken- und Zimmernummer, die Aufgerufenen griffen ihre Koffer und Bündel und gingen langsam ins Lager. Daumann, Dombrowski, Drescher, Eilitz …

Das ist auch kein Beinbruch, hatte Vater gesagt. Arbeit schändet nicht. Er hatte für jede Situation sein Sprichwort parat, sein Zitat, seine Redensart. Manchmal half das auch. Erhardt, Feller, Fichtner, Fuhlgrabe … Und er hatte gesagt: Laß dir ruhig ein bißchen Wind um die Nase wehen, das kann nicht schaden. Waren ja auch windstille Zeiten, weiß Gott. – Und dann hatten sie das Theodor-Körner-Denkmal vom Sockel geholt, weil Körner ein Kriegspropagandist gewesen war, und Buttgereit immer forsch dabei. Allerdings hatten sie es einige Zeit später wieder aufgestellt, ein Versehen sozusagen. Daß er mit dem besten Abgangszeugnis der 12b nicht studieren durfte, während andere, die mit Ach und Krach ein schwaches Gut geschafft hatten, mit Kußhand angenommen wurden, weil ihr Vater zufällig Schlosser oder rechtzeitig in die richtige Partei eingetreten war, das war sicherlich auch nur ein Versehen. Hunger, Illgen, Irrgang, Kaufmann … Windstille Zeiten, wahrhaftig. Nicht etwa, daß er Angst vor dem Schacht gehabt hätte, keineswegs. Und wenn schon, dann würde er sich das nicht anmerken lassen. Kleinschmidt! Gewiß doch, ich komme ja schon. Kleinschmidt, Loose, Mehlhorn, Müller …

Sie brachen auf, das Haus vierundzwanzig zu suchen. Die Gruppe der Wartenden war zusammengeschmolzen, es mochten noch fünfzehn, sechzehn Männer sein. Es war nun völlig Tag geworden, der Himmel schimmerte sehr blau unter den hellgrauen Wolken, und manchmal warf er ein Bündel |17|Sonnenstrahlen über das Land. Aber es roch immer noch faulig, die Straßen zwischen den Baracken waren morastig, der Boden dampfte.

Christian ging hinter den drei anderen. Der Dicke vor ihm war Mehlhorn, Christian hatte dicht neben ihm gestanden, vorhin, als der Dicke beim Aufrufen sein strammes »Hier!« gebrüllt hatte. Mehlhorn trug einen vollgepfropften Militärrucksack; er hatte sich nicht ganz schließen lassen, unter den Schnüren lugte ein Stück Zeitungspapier hervor. Christian konnte eine Schlagzeile entziffern: Margarine ist gesünder. – Immer, wenn in Deutschland die Butter knapp war, wiesen die Chemiker die Bekömmlichkeit der Margarine nach.

Die roten Ziffern an den Barackenwänden waren verblichen, von einigen waren nur ein paar Farbkratzer übriggeblieben. Der dicke Mehlhorn fragte einen Kumpel, der unter einem Gartenschlauch seine Gummistiefel abspülte, nach dem Haus vierundzwanzig. Sie waren schon zu weit gegangen, hatten die Abzweigung verfehlt, das Haus lag etwas außerhalb des Lagers auf einer Anhöhe. Sie kehrten um.

Sie schlurften über den glitschigen Boden zwischen den Baumstümpfen, zwischen den farblosen Grasbüscheln, zwischen den eintönigen Baracken, eine wie die andere kahl und kalt, wichen den Pfützen aus, glitten manchmal ab, sie zogen die Füße aus dem Schlamm und schlurften weiter. Christian war zerschlagen von der schlaflosen Nacht unten im Hof der Objektverwaltung, in dem engen, schlecht gefederten Omnibus; die Tragriemen seines Rucksackes schnitten ihm in die Schultern, der Koffer hing wie ein Bleiklumpen am gefühllosen Arm. Er spannte den Rücken, richtete sich auf und huckte den Rucksack höher, fiel aber sofort wieder in eine gekrümmte Haltung zurück, die den Atem beengte und die Rippen eindrückte. Er konnte nicht mehr sagen, in welche Richtung sie gegangen waren, ihm schien eine Ecke wie die andere, ein blindes Fenster wie jedes, die Bodendämpfe flimmerten vor seinen Augen, die Häuser kamen auf ihn zu, |18|schwankend, gleich werden sie zusammenstürzen. Die Scheiben werden bersten, die Dächer in sich zusammensinken, nur die Flammen fehlten, die Detonationen, der rote Himmel und die Schreie, wahnsinnig von Angst und Hitze und Feuer, aber der Boden schwankte wie damals. Vor ihm ging der Vater, strauchelnd, der Rucksack preßte ihn zu Boden, dieser riesige Segeltuchklumpen, Margarine ist gesünder, aber er spürte die Mutter nicht mehr hinter sich, Mutter, wartet doch. Sie warteten nicht. Sie stolperten weiter. Dicht hinter ihm ging rauschend eine Mauer nieder, ein Stein traf ihn an der Schulter, warf ihn zu Boden, er riß sich wieder hoch, nur weiter, weiter, die vorn warteten nicht, die Stadt ging unter, die Welt ging unter, weiter. Aber er konnte nicht weiter. Er warf sich auf den rauchenden Trümmerhaufen, dorthin, wo eben noch Straße gewesen war, er scharrte sich die Hände blutig, er schrie. Ein brennender Balken zerdrückte den Mann neben ihm. Er spürte die ungeheure Welle nicht, die ihn hochhob, fallen ließ, er klammerte sich an den Sockel einer umgeknickten Laterne; Eisenträger, Fenstersimse, Menschen wirbelten vorüber, aber die Bombe war dahin gefallen, wo schon kein Haus mehr war, sie konnte nur die schon Begrabenen noch einmal in den Himmel schleudern. Von oben warfen sie Sprengbomben in die brennende Stadt, Sprengbomben hinter den Brandbomben her, und immer neue Phosphorkanister. Der kochende Phosphor fraß sich in die Steine, kroch näher, Straßenbahnschienen bogen sich aus dem Pflaster, die Luft drang wie glühende Lava in die Lungen, die tauben Trommelfelle hörten die Schreie nicht mehr, da sah er plötzlich den Hund, den kleinen schwarzen Hund mit dem versengten Fell, der sich zitternd und keuchend an ihn drängte, den Kopf unter seinen Arm schob, um nicht hören und nicht sehen zu müssen. Und er riß sich wieder hoch, ein brüllender Schatten. Etwas raste über ihn hinweg, ein brennendes Flugzeug, das die Schornsteinchen wegrasierte und einen Kilometer weiter am brennenden Turm einer brennenden |19|Kirche explodierte. Er taumelte weiter, in den Rauch, in die berstenden Mauern, vorbei an einer Frau, einer Fackel, die mit dem Kopf gegen eine Litfaßsäule rannte, und das versengte schwarze Hündchen umkroch winselnd seine Beine. Er kam in eine Straße, die sich vor ihm neigte, der Asphalt war heiß und klebrig; er wußte nicht, wo er war. Aber er hatte ein Ziel. Er suchte den Teich mit der kleinen Insel und den schmalen Uferpromenaden, das grüne Herz unter den steinernen Brüsten der Stadt. Er lief und taumelte unter dem roten Himmel, in dem sich die gelben Finger der Scheinwerfer kreuzten, unter dem weißen Licht der langsam niederschwebenden Christbäume. Er keuchte mit rasselnden Lungen an der Reihe der fahlgelben Straßenbahnwaggons entlang, Baracken, Straßenbahnwaggons, Baracken, weiter, weiter …

 

»He, Mann, bleib doch stehen!«

Christian blieb stehen, er sah den dicken Mehlhorn neben einem geborstenen Baumstumpf, der in Manneshöhe abgebrochen war. Christian drehte sich um, ging schwer atmend, er sah die Dinge um sich wie durch einen Nebel. Den Baumstumpf. Die langgestreckte Baracke. Den schmalen Kiesstreifen vor der Tür. Er ging zu den anderen.

Sie betraten das Haus und gelangten auf einen dämmrigen Korridor. Sie fanden ihr Zimmer. Christian taumelte als letzter hinein, er ließ die Tür offen und sackte schwer auf das unbezogene Metallbett. Er zerrte sich den Rucksack vom Rücken, den Pappkoffer hatte er schon an der Tür abgesetzt; er schob den Rucksack an das Fußende des Bettes und streckte sich lang aus. Er fühlte sich von aller Last erlöst, völlig ausgelaugt, gehoben von einer plötzlichen Leichtigkeit, die ihn fast schwerelos machte. Die anderen untersuchten ihre Betten und Spinde, verstreuten Gegenstände im Raum. Christian bemerkte ein Mosaik von Zeitschriftenbildern, die über seinem Bett an die Wand gezweckt waren; Magazinfotos mit |20|nackten Frauen, der Jazztrompeter Louis Armstrong, eine hochbusige Sängerin mit aufgerissenem Mund, ein Wolkenkratzer, der steil in einen himbeerfarbenen Himmel stieß. Er verspürte ein dumpfes Knurren im Magen; plötzlich wußte er, daß er seit gestern nichts gegessen hatte.

Das Zimmer war mit vier Betten, vier Spinden, vier Stühlen und einem Tisch eingerichtet; neben jedem Bett stand ein Hocker, der als Nachttisch diente. Christian betrachtete die Einrichtung, die durch die zerschlissene Igelitgardine und die lose herabbaumelnde Glühbirne nicht freundlicher wurde. Durch die dünnen Wände hörte er, wie sich in den Nebenräumen andere Neuankömmlinge einrichteten, er hörte eine Matratze quietschen, jemand rückte einen Schrank, ein Fenster wurde aufgeschlagen, etwas fiel zu Boden. Die Neuen hatten sich inzwischen im Lager verteilt. Im Oberstock spielte jemand Mundharmonika. Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein. Das Lied irrte lächerlich und brüchig durch die Fenster.

Mehlhorn hatte seine Wäsche in den Spind geräumt. Er hängte ein Vorhängeschloß ein, schloß ab, steckte den Schlüssel in die Hosentasche. Mehlhorn hatte ein feistes Bäckergesicht mit sehr hellen, fortwährend blinzelnden Augen. Er hatte das beste Bett belegt, am Fenster, den einzigen Spind, in dem kein Brett, kein Haken, keine Leiste fehlte. Christian dachte: Ihm entgeht nichts, er hat seine Augen überall. Der wird’s wahrscheinlich hier schnell zu etwas bringen, das ist die Sorte, die immer auf die Beine fällt. Mehlhorn sagte, er gehe jetzt seine Decken in der Verwaltung abholen. Ob jemand mitkäme. Es ging aber niemand mit.

Loose zog eine Gitarre aus dem Leinwandsack. Sie war zerkratzt, auf dem Boden war ein Dreieck Lack abgesprungen, das Griffbrett hatte helle Fingerflecken. Loose klimperte einige Akkorde, hängte das Instrument dann an einen Nagel über seinem Bett. Und da erkannte Christian ihn wieder. Der war einer von denen gewesen, die gestern in Chemnitz nicht an |21|der Kundgebung teilgenommen hatten. Sie hatten auf die Bestätigung ihres Gesundheitsattestes gewartet, auf den Stempel ›Bergbautauglich‹, und dazu hatten die Lautsprecher in den Korridoren des ehemaligen Arbeitsamtes von Viertelstunde zu Viertelstunde ihre Aufforderung geschnarrt, an der Großkundgebung für die neue Regierung teilzunehmen. Christian war nicht mitgegangen, mit ihm war noch ein gutes Dutzend von den zweihundert neuangeworbenen Kumpels zurückgeblieben, unter ihnen Loose. Christian hatte ihn in einer Ecke auf einem protzigen Ledersofa sitzen sehen, er hatte auf der Gitarre geklimpert wie jetzt, vier, fünf Kumpel umstanden ihn.

Die Kundgebung hatte die Arbeit der Ärzte für fast drei Stunden unterbrochen, erst gegen acht Uhr abends waren die Untersuchungen fortgesetzt worden. Und sie hatten bis in die Nacht gedauert. Gegen Mitternacht war jemand auf den Gedanken gekommen, daß die bereits abgefertigten Kumpel ja eigentlich abfahren könnten, die Busse standen im Hof. Man hatte die einzelnen Gruppen zu verschiedenen Bussen dirigiert, Schacht sowieso, Schacht sowieso, Erzaufbereitung. Viele waren noch zurückgeblieben. Mitten in der Nacht waren sie im Objekt Bermsthal angekommen. Dort hatte eine Menge Leute herumgestanden, von denen keiner Bescheid wußte. Erst gegen Morgen waren sie endlich in dieses Lager kutschiert worden.

Christian stand auf und begann den Inhalt seines Rucksacks in den Spind zu räumen. Dann öffnete er den Pappkoffer, obenauf lagen zehn, zwölf Bücher, er stapelte sie sorgsam auf den Nachtschemel. Axel Munthe, Traven, Tucholsky. Der Tucholsky war eine Ausgabe aus der Vorkriegszeit. Professor Reinhardt Kleinschmidt hatte ihn über den großen Zusammenbruch gerettet und eines Abends seinem Sohn geschenkt. Das mochte zwei Jahre her sein, aber Christian erinnerte sich genau.

Er hatte an einem Aufsatz über das Thema ›Ordnung‹ gesessen, einfach schlechthin ›Ordnung‹. Und hatte von |22|zivilisierten Völkern geschrieben, von Grundvoraussetzung allen menschlichen Seins. An diesem Tag nun hatte Vater, was er sonst kaum tat, sein Heft zu sehen verlangt und, als er den Satz mit der ›weißen Rasse‹ las, erklärt, es wäre an der Zeit, daß er, Christian, sich diesen Unsinn aus dem Gedächtnis streiche. Er hatte sich die Zeit genommen, seinem Sohn einen Vortrag zu halten: Die Menschen, summarisch gesprochen, könnten ohne gewisse Gottbegriffe nicht leben, es hänge aber lediglich von der Struktur der herrschenden Anschauungen ab, welche Wortgötzen zur alleinseligmachenden Religion erhoben würden: Gott, Demokratie, Rasse, Klasse. Es seien dies höchst nützliche Erfindungen zu dem Zweck, ein System zu errichten, mit dessen Hilfe man regieren könne und in den Regierten das Gefühl erzeugen, auf die einzig vernünftige Weise regiert zu werden. – Ich sah alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind, Salomo eins vierzehn. – Und damit hatte er Christian entlassen. Der wußte längst, daß der Vater seinen Antworten auswich wie alle Erwachsenen. Er fand das überall: fand die Ausflucht und die Halbheit, fand immer weniger Wahrheiten, es gab kaum etwas in der Welt, das der Prüfung standhielt, kaum etwas, das wirklich so war wie die großen Worte, die darüber gemacht wurden.

Christian schreckte auf. Er hörte die Tür hinter sich ins Schloß schlagen, hörte Schritte, er legte das Buch auf den Nachtschemel und drehte sich um. Den Mann, der da ins Zimmer kam, hatte er schon gesehen.

Fischer stand am Tisch, er musterte sie schweigend. Er begann in einem abgegriffenen Notizbuch zu blättern. Die Hände strichen über die Seiten, der Zeigefinger stieg zum Mund auf, blieb dort lange. Die Hände schienen zu groß für Bleistift und Papier, sie schienen gemacht für ernstere Dinge. Fischer sah sich im Zimmer um. Er stand dort auf eine dauerhafte Art, er sah Christian an, er sagte: »Kleinschmidt?«

»Ja«, sagte Christian.

|23|»Oberschüler«, sagte Fischer leise, »zehnten achten zweiunddreißig.« Laut: »Was hast du in Physik?«

»Eins«, sagte Christian verblüfft. Er saß noch auf der Bettkante, saß wie vorher, dachte einen anderen Gedanken: Arbeiter reden einen immer mit du an. Das Sie war da für die Höhergestellten, Bessergestellten, vielleicht die Alten. Also war man ganz unten, voraussetzungslos, es galt das Hiesige. Aber Fischer stand da, war nicht wegzudenken, nicht zu übersehen. Er erklärte, daß sie in seinem Revier arbeiten würden, in seiner Schicht. Zunächst würden sie als Fördermänner arbeiten, dann würde man weitersehen. So also sah ein Steiger aus. Und: Hauer würden gebraucht, Schießer, Markscheider, Radiometristen. Das letzte ging deutlich in Christians Richtung. Der konnte sich aber unter einem Fördermann nichts vorstellen, nichts unter einem Radiometristen. Im Bus war von Schichtschreibern und Schachtsanitätern die Rede gewesen, zwei Graubärte ließen das hoffen. Hauer, hatte es geheißen, ist eine Schinderei. Dann waren die Sitten erörtert worden, die hier herrschen sollten. Wildwest, Sperrgebiet, ohne russischen Ausweis nicht raus und nicht rein. Und: Saufereien, Schlägereien, Phantasielöhne, Essen zwei bis drei. Christian hatte sich vorgenommen, nur das zu glauben, was er sah. Was er bis jetzt gesehen hatte, besagte wenig. Höchstens: Sie sind hier nicht eingerichtet auf Fisimatenten.

 

Fischer unterhielt sich mit Loose. Er fragte ihn, ob er einen Beruf habe, und als Loose sich erkundigte, was denn gewünscht würde, schnitt er ihm das Wort ab; also ungelernt. Er hatte das mehr für sich gesagt, ruhig, ohne Vorwurf. Sie waren zu Dutzenden durch seine Schicht gegangen, Junge und Alte, Nachkriegsschicksale; er hatte sich angewöhnt, die Menschen nicht nach ihrem Fragebogen zu beurteilen. Aber Loose fuhr auf, zog die Schultern hoch, sagte, er habe eben überall Staub wischen müssen, wie sich’s gerade gab, Ziegel |24|putzen, Kartoffeln ausnehmen, Kohldampf schieben, Brennholz klauen. Außerdem: er wäre ganz gern Autoschlosser geworden, wenn es nach ihm gegangen wäre – bloß leider habe es da Leute gegeben, in Fischers Alter etwa, die hätten dafür gesorgt, daß keine Autos da seien, keine Häuser, nichts zu fressen und so; hinterher seien dann Autoschlosser nicht sehr gefragt gewesen.

Fischer schwieg. Er blätterte in seinem Notizbuch, sah an ihnen vorbei, angestrengt, als gäbe es sehr weit entfernt etwas zu sehen, er blinzelte. Dann sagte er: »Was ist dein Vater von Beruf?«

Aber Loose antwortete nicht. Er schob die Hände in die Hosentaschen, ließ den Steiger einfach sitzen mit seiner Frage, ging an ihm vorbei. Denn diese Fragen kannte er: soziale Herkunft, Rubrik sowieso, aha. Er hatte das erlebt, und er war postwendend in der Wertschätzung dieser Leute gestiegen, wenn sie erfuhren, daß sein Vater Metallarbeiter gewesen war, proletarisches Element, besondere Vorkommnisse keine. Erfuhren sie hingegen, daß er als SS-Mann in einem englischen Kriegsgefangenenlager in Griechenland an Flecktyphus gestorben war, dann entgleisten alle Aussichten. Man konnte sich das aussuchen. Es handelte sich aber immer um den gleichen Vater, und Peter Loose hatte es satt, zwischen den Möglichkeiten zu balancieren; sein Schlußstrich war gezogen. Er blieb vor Christians Bett stehen und fragte, ob er fertig sei. An der Tür drehte er sich noch einmal um, zündete betont langsam eine Zigarette an, warf das Streichholz auf den Fußboden. Er gehe also jetzt seine Decken holen. Hinter ihm verließ auch Christian das Zimmer.

Als sie gegangen waren, saß Fischer steif am Tisch, hatte das Notizbuch vor sich, saß vornübergebeugt und schwieg lange; den vierten Mann schien er nicht wahrzunehmen. Stand dann auf. Ging zum Fenster. Er lehnte sich gegen das Fensterkreuz, er kniff die Augen zusammen, er sah hinaus.

|25|Draußen dampften die Halden. Fischer sah Loose und Kleinschmidt die Lagerstraße hinuntergehen, sie verschwanden in einer Biegung, tauchten noch einmal auf, bogen dann ab. Es war nun völlig aufgeklart, und er konnte das ganze Tal überblicken. Er sah den Schornstein der Papierfabrik, sah die Schächte und Zufahrtsstraßen und einen Teil der Bahnlinie, er konnte auch den Wolfswinkel erkennen drüben am Gegenhang, wenngleich unscharf. Hinter dem Wolfswinkel wohnte er. Dorthin fuhr er heim, wenn die Arbeit ihm Zeit ließ. Zuletzt war er vor drei Tagen drüben gewesen, Regentag und Schichtwechsel. Er blinzelte in die Sonne, die von den Halden blendete, und er wußte noch genau, wie es zugegangen war. Ausbau, der zusammenrutschte, als habe es einer darauf angelegt. Steinschlag, der ihm den Helm vom Kopf schlug, ihn niederwarf – ein Wunder war’s, daß er wieder aufkam und heraus und beinahe heil. Glaubte auch etwas gehört zu haben aus dem Überhauen oben, durch die leere Rolle; aber als er hinaufkam, war alles still. – Abends, hinterm Wolfswinkel, hatte er in seiner Stube gesessen, Zacharias war dagewesen, der Kreissekretär, der hatte gesagt: Und wenn es Absicht war? Aber Fischer glaubte nicht daran. Geh, hatte er gesagt, Pfuscher sind’s, das ist alles. Und seine Tochter hatte dabeigesessen, müde von ihrer Schicht in der Papierfabrik, sie kannte das nun schon auswendig: man muß es ihnen immer wieder erklären, einmal begreifen die das schon, es hat halt seine Weile. Ja, hatte sie gesagt, Fischers Tochter, bis sie dich mit den Füßen voran herausschleppen.

 

Er drehte sich um, er trat ins Zimmer zurück. Er sah da den letzten der vier Neuen, Müller, Siegfried Müller, siebenundzwanzig Jahre alt, Zimmermann. Ob er einen Türstock setzen könne, fragte er ihn. Müller nickte. »Gut«, sagte Fischer. Er schrieb ihm noch die Reviernummer auf und den Namen des Zimmerbrigadiers. Dann ging er. Er war erstaunt, als der Neue zurückgrüßte: Glück auf.

 

|26|Peter Loose und Christian Kleinschmidt waren zur Aufnahmebaracke gegangen. Sie fanden sich schnell zurecht im Lager. Unterwegs hatten sie Mehlhorn getroffen, der mit einem Stapel Wolldecken zum Haus vierundzwanzig schlurfte. Sie ließen sich ebenfalls Decken, Laken und Bezüge geben, alles schon ziemlich dünn und verwaschen, gingen in ihre Bude, machten die Feldbetten zurecht. Dann erkundigten sie sich im Nachbarzimmer nach dem Weg zum Schacht 412.

Der Schacht lag eine Viertelstunde hangabwärts. Es war der älteste der drei Schächte auf dem Rabenberg. Hinter dem Förderschacht türmten sich die Halden in den Himmel, Geröll polterte von der Kippe, manchmal lösten sich schmale Steinlawinen vom Hang, die rauschten unten zwischen die Fichtenstämme. Der Schacht fraß sich immer tiefer in den Wald.

Gerümpel häufte sich, verrostete Hunte, Karbidfässer. Aus einem Ziegelbau quoll Rohrgewirr. Über dem Hauptförderschacht zitterte die Luft. Der Lärm der Kipper, der Aufzüge und Fördermaschinen flutete in die Täler. Christian sah nun: das Schachtgelände war von einem übermannshohen Bretterzaun umgeben, darauf eine rostige Stacheldrahtgirlande hing. Überall standen Postentürme. Wenn man vom Lager kam, konnte man das ganze Gelände überblicken.

Sie gingen auf das Rudel kleiner grauer SIS-Omnibusse zu, das vor dem Schachteingang parkte. Der sowjetische Posten in der Durchlaufkabine sagte ihnen, daß sie nur zu den Schichtwechselzeiten eingelassen würden, das nächste Mal um 13.00 Uhr. Sie beriefen sich auf ihre Wismutausweise, die in deutscher und russischer Sprache ausgefertigt waren, aber der Posten brummte sein stereotypes »Nje, nje, nitschewo!« und knallte ihnen die Tür vor der Nase zu.

Um 14.00 Uhr sollten sie ihre erste Schicht fahren. Christian knüllte den Laufzettel in den Händen. Sie wußten nicht, wie sie in der knappen Stunde, die ihnen bleiben würde, ihre Autogramme zusammenbekommen sollten. Hier hatte anscheinend |27|jeder etwas zu bestimmen, keiner versäumte, seine Unabkömmlichkeit durch eine geschäftig hingekritzelte Unterschrift zu beweisen: Lohnbüro, Lagerverwaltung, Kleidungsmagazin, Werkzeugmagazin, Lampenmagazin, Kartenstelle, Revierleiter, Steiger, Schichtschreiber … Bis 13.00 Uhr waren noch reichlich vier Stunden Zeit.

Sie beschlossen, ins Dorf zu gehen. Sie stellten sich auf die Straße, hielten einen Erzkipper an, drückten dem Fahrer zwei Zigaretten in die Hand. Der Fahrer nahm sie mit ins Dorf. Bermsthal war ein altes Reihendorf aus der Zeit des Silberbergbaus. Es gab nur wenige Bauern, viele Häusler, Arbeiter der Papierfabrik, der Nickelhütte, des Strickmaschinenwerkes, zwei, drei Morgen Land hinterm Haus. Es gab ein einst berühmtes Rathaus, einen Fachwerkbau aus dem 16. Jahrhundert, daneben ein Mansardenhaus, von dem die Sage berichtete, es sei während der Hungerjahre des großen Silberstreiks um drei Brote verkauft worden.

Sie gingen die verschlammte Dorfstraße entlang, das Pflaster war aufgerissen, pausenlos dröhnten die Erzkipper durchs Dorf. An den Hangausläufern des Rabenbergs gähnten zehn, zwölf geräumte Häuser, überall warnten Holztafeln und Stacheldrahtzäune: Einsturzgefahr, die Gangstrecken verliefen dicht unter der Erdoberfläche. Viele Häuser waren seit langem nicht getüncht; warum auch, die Kipper spritzten den Dreck ja doch wieder an die Wände, Ziegel klafften, pappvernagelte Fenster, schmutzige Vorgärten. Hin und wieder begegnete ihnen ein Kumpel in der steifen Gummimontur. Eine alte Frau ging unter ein Reisigbündel gebückt vorüber.

»So ’n Drecknest«, sagte Loose. »So ’n vergammeltes Drecknest!« Sie gingen langsam, die Hände tief in den Hosentaschen. Loose fragte sich, warum um alles in der Welt er hierhergekommen war. Aber war ihm denn etwas anderes übriggeblieben? Quatsch, dachte er, man muß das Leben nehmen, wie es kommt. Er dachte an die salbadernde Stimme |28|des Jugendfürsorgers, der ihm eine Standpauke über die Gesetze des gesellschaftlichen Lebens gehalten hatte, Gesetze und Regeln, er lächelte verächtlich. Er sah, daß eine Kette von Zufällen sein Leben bestimmt hatte: Ein Fähnleinführer, der ihm die rotweiße Jungenschaftsführerschnur abriß – er hatte dem Fäfü am Vortag in die Fresse geschlagen, weil er beim Großangriff auf die Stadt, in der sie als Luftschutzhelfer eingesetzt waren, einfach getürmt war, hatte das aber vor dem Stammführer nicht beweisen können; ein Vater, der sich nie um ihn gekümmert hatte, ein Typhusbazillus in Griechenland, ein dahergelaufener Stiefvater, der Predigten über Mut und Ehre hielt, vor der Entnazifizierungskommission aber verschwieg, daß er Angehöriger einer Totenkopfdivision gewesen war, ein geschenktes Stück Brot, der Tobsuchtsanfall eines betrunkenen Thüringer Großbauern, ein gestohlener Sack Kartoffeln, ein hochnäsiger Jugendamtsangestellter, der gelassen grinsend ein Urteil schrieb: Verpflichtung in den Erzbergbau. Gesetze, dachte er, es gab nur ein Gesetz: Man mußte sehen, aus jeder Sache das Beste herauszuholen, das war alles. – Und Kleinschmidt? Der sah nicht aus, als ob er auf das Pütt hier angewiesen wäre. Einer mit Abitur, einer mit Büchern im Koffer, einer mit Schönschreiberhänden und solchen richtigen Lederschuhen. Höchstens, er hatte auch etwas ausgefressen. Und Peter fragte: »Sag mal, wie haben sie denn dich hierhergelockt?«

»Gott«, sagte Christian. Und hob die Schultern, legte ein paar lange Schritte ein, trat eine Papyrossi-Schachtel in den Rinnstein. »Genaugenommen aus lauter Bewußtsein. Ich wollte studieren, da muß man paar Schwielen nachweisen.«

»Na weißt du«, sagte Loose. Und dann: »Ich bin drüben gewesen, über’n Jahr lang, hab da ’ne Schwester. Weiß der Teufel, warum ich nicht dort geblieben bin. Wenn ich gewußt hätte, daß die einen wegen paar geklauter Kartoffeln gleich in die Taiga verladen!«

|29|Sie gingen jetzt schneller, und Loose hatte Mühe zu folgen. Sie kamen an der Kirche vorbei, die von Einsturzgefahr bedroht war. Türen und Fenster waren über Kreuz mit Latten vernagelt. Vor dem Anschlagkasten der Pfarrgemeinde stand ein Mädchen. Aber es gab da keine Bibelsprüche zu lesen, sondern Tauschangebote, Dekadenaufrufe, amtliche Bekanntmachungen. Das Mädchen steckte in Gummistiefeln und dieser plumpen Wismut-Kluft. Sie sah herüber, als sie vorbeigingen, sie hatte ein schnippisches, lippenstiftverschmiertes Gesicht unterm bunten Kopftuch und ein bißchen strähniges Wasserstoffhaar. Aber sie drehte gleich wieder ab.

»Und«, sagte Christian, »wie war’s drüben?«

»Naja«, sagte Loose. »Ganz lustig. Aber mein Schwager, das ist so ’n Nähmaschinenfritze, bei dem hab ich ’ne Zeitlang gearbeitet. Ich kann dir sagen: beschissen ist geprahlt. Da bin ich denn auf Achse gegangen. Kannste ’ne Menge erleben. Hannover, Celle, Hamburg, Lüneburger Heide, Düsseldorf. Bloß, wenn’s Winter wird, da bist du aufgeschmissen. Da hab ich gedacht, man müßte mal wieder die Landschaft wechseln, ich Ochse.«

»Ja«, sagte Christian. Und sagte nicht, was das heißen sollte. Ließ bloß später, hundert Meter etwa weiter, verlauten, er habe da auch jemand wohnen, einen Onkel nämlich, am schönen Rhein. Und daß es da Briefe gäbe, von seinem alten Herrn und zurück, und daß er vielleicht hätte studieren können dort. Das verstand Loose natürlich erst recht nicht. Blieb stehen, tippte sich an die Stirn: »Mann!«

»Ja«, sagte Christian, »das hat mein alter Herr auch gesagt.« Und was sonst noch alles. Aber wenn nun einer seinen Onkel nebst Tante in so salzloser Erinnerung hat? Und wenn es womöglich hinausgelaufen wäre auf ungefähr das, was Loose mit seinem Nähmaschinenschwager erlebt hatte? Und wenn man dann, denn es haben zwei Währungsreformen stattgefunden in den beiden Ländern Deutschlands, so kahl |30|dagestanden hätte und abhängig von denen, nämlich: wo hätte Christian jenes andere Geld hernehmen sollen?

»Tja«, sagte Peter Loose.

Es saß vor dem Bermsthaler Bahnhof ein blinder Bettler, der spielte Ziehharmonika. Und es kam einer vorbei, der holte einen Markschein aus der Tasche, faltete ihn, warf ihn – warf ihn aber vorbei an des Bettlers umgestülptem Hut. Da hob der Blinde einen Fuß. Da setzte der Blinde den Fuß auf den Schein, und zwar genau, es ragte aber auch gar nichts über. Und als sie vorbei waren, ließ der Blinde ein paar Baßtöne aus, bückte sich, hatte den Schein in der Tasche.

»Hm«, sagte Christian, »vielleicht hört er ihn fallen. Ich hab das mal gesehen, die können das, die hören noch ganz andere Sachen.«

»Bei dem Krach?« sagte Peter Loose. Und dann sagte er, was er so wußte: »Jeder sieht zu, wie er mit dem Arsch an die Wand kommt.«

Das war das eine. Außerdem stand vor dem Bahnhof ein Trupp Kumpels, die sahen dem Plakatmaler zu, der eine endlose Holztafel bepinselte. Loose ließ sich von einem Kumpel Feuer geben und sagte etwas wie: Siehste, dafür haben sie’s, und dafür haben sie’s nicht. Und die Kumpel, die eben noch aufeinander eingeredet hatten, waren plötzlich verstummt. Starrten in die Gegend, pafften Tabakswolken in die Luft, sie standen, als würden sie dafür bezahlt, als seien sie eigens angestellt, um hier zu stehen und Löcher in die trostlose Luft dieses Bahnhofsvorplatzes zu starren. Der Maler kleckste ein kursives I an die Wand, das folgte einem kursiven T. Vermutlich verstand er nicht viel von seinem Fach, oder er nahm’s nicht so genau. Die Buchstaben fransten, torkelten über kalkige Bretter, schwarz, mit ausgelaufenen Füßen: ES LEBE DIE DEUTSCHE DEMOKRATISCHE REPUBLIK! KUMPELS! HERAUS ZU NEUEN PRODUKTI… Der Maler kleckste ein kursives O.

|31|»Möchte wissen«, sagte Loose, »ob es irgend etwas gibt, wofür man bei denen nicht noch mehr arbeiten muß. Noch mehr und noch mehr und noch mehr!« Aber niemand ging auf ihn ein. Die Kumpel starrten weiter ihre Löcher in die Luft und bliesen Rauchwolken hindurch, sie schienen taub zu sein, ganz und gar taub, oder mit sehr ernsten und schwierigen Dingen tief in sich beschäftigt. Loose horchte hinter seiner Frage her, ihm war unbehaglich. Er zog den Kopf zwischen die Schultern und starrte mit zusammengekniffenen Augen Christian ins Gesicht, doch auch Christian antwortete nicht. Er hatte aber schon eine Ahnung von dem, was da so in der Luft lag.

Dann standen sie vor der Tür der Bahnhofswirtschaft. Aus dem geöffneten Fenster drang Lärm, Gläser klirrten, Gelächter. Eine heisere Frauenstimme sang:

»Beim erstenmal, da tut’s noch weh, da glaubt man noch, daß man es nie verwinden kann … Doch mit der Zeit so pöh a pöh gewöhnt man sich daran.«

Als sie eintraten, schlug ihnen der Tabaksqualm entgegen. Überall saßen Kumpel in Gummimonturen, ein paar Eisenbahner, grelle Mädchen; niemand beachtete sie. Sie setzten sich an einen freien Tisch, dicht bei der Theke. Aus dem Aschenbecher fiel Zigarettenasche. Gegenüber verschlang ein Hilfspolizist ein Häufchen Bratkartoffeln. Christian hatte plötzlich seinen Hunger wieder, und das Blei in den Beinen, und die Watte im Kopf. Er bestellte eine Bockwurst, die kostete vier Mark, die schlang er mit drei Brötchen hinunter. Trotzdem war die Wurst ungerührt wäßrig; Gott oder die HO allein mochten wissen, woraus sie gemacht war.

Loose hatte seine Zigaretten aufgeraucht. Er ging zum Schanktisch, suchte nach Geld. Das gläserspülende Mädchen hinter der Theke musterte ihn. Loose fand nur noch eine Handvoll zerknitterter Markscheine, aber er bestellte die teuerste Sorte. Vielleicht war es noch die Truppe draußen, aber vielleicht war es auch der abschätzende Blick des Mädchens.

|32|An der Theke stritten sich drei unrasierte Riesenkerle über einem Würfelbecher. Sie bestellten Wodka, konnten sich nicht einigen, wer die erste Runde bezahlen sollte, sie bestellten die zweite Runde, und Loose erfuhr dabei den Namen des Mädchens mit den schiefergrauen Augen, sie hieß Ingrid. Peter Loose fühlte sich an Gitta erinnert, die hatte das gleiche fahlblonde Haar, sie trug es offen, und es war sehr glatt und sehr lang, und sie hatte das gleiche hungrige Lächeln. Nur die Hände waren anders, sie waren schmal und feingeädert und durchsichtig rot von der Kälte des Spülwassers.

Die heisere Stimme begann wieder: »Mein erster, das war ein Matrose, der war auf der Brust tätowiert …« Die Stimme girrte, röchelte, überschlug sich. »Er trug eine meerblaue Hose, uuund: ich hab mich so schrecklich geniert …«

Die drei mit dem Würfelbecher prosteten sich zu, und das Mädchen kam zu Loose und fragte: »Auch einen?«

»Ja«, sagte er.

Es war jetzt fast Mittag, und in der Kneipe sammelten sich die ersten Kumpel der Mittelschicht, um auf die Busse zu ihren Schächten zu warten. Loose starrte auf die schmalen, durchsichtigen Hände, er bemerkte das silberne Talmikettchen am Handgelenk, am Ringfinger steckte ein Ring mit einem roten Stein, aber der Fingernagel war abgebrochen. Looses Blick hakte sich an diesem Fingernagel fest, und er dachte: Sie heißt Ingrid, und das paßt nicht hierher. Es klang angenehm kühl, nach Meer und Birkenwäldern, und Loose dachte: Gitta hatte auch so einen Ring, nur war da der Stein grün, aber es war das gleiche Blech. Er kippte den Schnaps hinunter, den sie vor ihn hingestellt hatte, und sagte: »Machst du das schon lange, mit den Gläsern hier und dem Wasser und der Kneipe?«

Das Mädchen sagte: »Ja, seit sechs Monaten.«

»Und wann hast du Feierabend?«

Das Mädchen sah ihn eine Weile an, dann verlangten die |33|Würfelbecher wieder Wodka, sie ging zu ihnen und schenkte ein und kam dann zurück, sie legte wieder die sehr schmalen Hände auf das verchromte Blech des Schanktisches und sagte leise und ohne ihn anzusehen: »Haben wir uns nicht irgendwo schon mal gesehen?«

»Nein«, sagte Loose. »Ich bin heute erst angekommen.« Die heisere Stimme sang: »Das Treusein, so sprach er, ich kann es … Versuch es, ich war’s zwar noch nie.« Und dann mit triumphierender Lustigkeit: »Wird’s ein Knabe, so nenn ihn Johannes; wird’s ein Mädchen, so nenn es Marie …«

Das Mädchen nahm das Glas von der Theke und fragte: »Noch einen?«

»Nein«, sagte er. »Ich muß dann weg. Und was ist?«

Aber sie gab keine Antwort. Sie ging wieder zu denen mit dem Würfelbecher, goß Schnaps in die Gläser, ließ Bier einlaufen, sie wischte mit einem Lappen über das verchromte Metall der Schankarmaturen, sie spülte Gläser, spießte die Kassenzettel auf einen Nagel, sie kassierte Geld für Zigaretten, sie war jetzt wirklich sehr beschäftigt, und sie schien nicht unzufrieden darüber. Dann also nicht, dachte Loose. Dann also nicht. Aber er wußte auch, daß man nicht zu früh aufgeben durfte und daß sich vielleicht gerade jetzt etwas entschied, oder daß es sich bereits entschieden hatte und nur noch nicht ausgesprochen war. Und manchmal wurde auch gar nichts ausgesprochen, das waren vielleicht sogar die besten Antworten.

Er blieb also an der Theke. Er schielte zu Christian hinüber, der vor dem zweiten Bier saß und sich mit dem Hilfspolizisten unterhielt. Es sah allerdings eher aus, als unterhielte sich der Hilfspolizist. Loose stand eine ganze Weile, und die mit dem Würfelbecher füllten indessen Schnaps in sich hinein, und die Stimme im Hintergrund schrillte immer wieder auf und stürzte immer wieder in sich zusammen, es war eine Menge Betrunkener in der Kneipe, und die mit dem Würfelbecher gehörten jetzt auch dazu, Loose wußte bereits, |34|daß sie von der Nachtschicht gekommen waren und daß heute Lohntag war. Er konnte durch das Fenster auf den Bahnhofsvorplatz sehen, über die Dächer dieses befremdlichen Dorfes spazierte manchmal ein Sonnenstrahl. Es war ein sonderbarer Ort, er war anders als alle Dörfer, die Loose kannte, es war, als hätte jemand ein sehr altes Dorf, eine sehr schmutzige Kleinstadt und eine sehr finstere Fabrik ineinandergerührt und dann zwischen drei Bergen auf die Erde geschüttet.

Die drei würfelten immer noch, und sie waren jetzt wirklich sehr betrunken. Der, den sie Emmes nannten, stieß mit dem Ellenbogen ein Bierglas um und fluchte und sagte zu dem mit dem tätowierten Handrücken, daß er verdammt noch eins die Schnauze voll habe und daß die Wismut der Teufel holen solle und diese gottverfluchte Arbeit und die Russen sowieso, und überhaupt, und er brauche jetzt eine Frau.

Aber außer dem Mädchen Ingrid war niemand in Reichweite. Er rief ihr also etwas zu, und sie nahm die Schnapsflasche und ging zu ihm, aber er wollte jetzt keinen Schnaps. Er schlug ihr mit seiner braunen Pranke auf die Schulter, er betastete sie, und als sie sich von ihm frei zu machen suchte, lallte er vor sich hin und stieß ihr seinen Schnapsatem ins Gesicht. Sie versuchte, seine Hände abzuschütteln, und redete auf ihn ein, aber gegen diesen Griff kam sie nicht an. Sie wand sich und stemmte die Arme mit den zerbrechlichen Handgelenken gegen seine Brust, sie sah sich mit einem hilflosen Blick um, für einen Augenblick gelang es ihr, die eine Hand freizubekommen, aber er griff sofort wieder zu, und er war jetzt richtig vergnügt. Die beiden anderen standen dabei und grinsten. Niemand fand etwas dabei. Sie tranken weiter ihr Bier und führten ihre Gespräche weiter, der Lärm hing im Raum, und der Kellner schleppte sein Tablett durch die Tischreihen, die Skatspieler am dritten Tisch paßten und mauerten und mauerten und paßten, niemand interessierte sich für das, was am nächsten Tisch geschah, nur die grellgeschminkte |35|Matrone am Ecktisch warf einen Blick hinüber, schmatzte mit den Lippen, sie hatte das ja gleich geahnt, der Große, Starke angelte sich die Kleine vom Büfett, Gottogott, wie die sich anstellte, ach ja: zwanzig Jahre jünger müßte man sein.

Als Loose vor dem Mann stand und sagte: »Laß sie in Ruhe!« – da war er selbst verblüfft. Der Mann ließ tatsächlich die Arme sinken. Es war nur eine kurze, ratlose Bewegung, aber sie genügte dem Mädchen, um hinter die sichere Barriere des Schanktisches zu gelangen; sie genügte auch, um Loose begreifen zu lassen, in was er da hineingeriet.

Und jetzt war plötzlich auch das Interesse der anderen erwacht. Die Gespräche versickerten. Einige standen auf, kamen näher, bildeten einen Halbkreis, der Kellner verschwand mit seinem Biertablett hastig im Hintergrund, das Summen des Ventilators war jetzt sehr laut, und man hörte sogar das Scheppern der Luftbleche. Loose sah, daß auch Christian und der Hilfspolizist aufgestanden waren, aber in sechs, sieben Metern Entfernung stehen blieben. Er dachte: Mist, verdammter. Er wußte, daß es keiner hier mit den dreien aufnehmen würde. Er schwitzte und fühlte den Schweiß an den Handflächen, und dann nahm er die Arme hoch. Es war nicht die erste Schlägerei, und es war auch nicht die erste, bei der er von Anfang an wußte, wer verlieren würde. Angst spürte er kaum – nur diesen Anflug von Schwäche. Aber das ging weg, sobald es losging. Jemand hatte ihm einmal gesagt, daß man immer die Augen beobachten müsse, die Fäuste auch, aber vor allem die Augen. Er hatte die Linke hochgezogen: Der erste Schlag traf ihn an der Kinnspitze, er konnte nur wenig abfangen. Er duckte sich, winkelte einen rechten Aufwärtshaken ab und drehte zurück überm Standbein, er schlug einen Geraden, der voll durchkam, er nahm den Kopf herunter, sah eine Faust vorschnellen, drückte die Ellenbogen an den Körper, drehte sich und schlug zu. Er taumelte zurück, schloß einen Augenblick die Augen und erwartete den |36|Konterschlag. In seinem Schädel dröhnte eine ungeheure Glocke, er hörte das anschwellende Rauschen, das jäh abbrach, und er dachte: Jetzt kommt es. Er zog das Kinn an den Körper und schob die Fäuste hoch. Das Gemurmel hatte sich in eine unwirkliche Ferne verloren. Er öffnete die Augen, starrte in den flackernden Nebel, er wartete noch immer, spürte ein sonderbares Staunen, der Schlag kam nicht.

Als Loose die Fäuste herunternahm, sah er den anderen an die Theke gelehnt stehen, er stützte sich mit einer Hand auf den grünlichen Blechbeschlag und wischte mit dem Rücken der Linken eine Spur Blut aus dem Mundwinkel. Die beiden anderen standen daneben, hatten ihre Biergläser in der Hand und tranken sich zu, sie sahen unbeteiligt an Loose vorbei. Auch alle übrigen saßen wieder an ihren Tischen und murmelten aufeinander ein, irgend etwas war geschehen, und alle wußten es, auch der Kellner, der wieder eilfertig mit seinem Tablett kam; nur Loose wußte nichts. Es hatte alles nur Sekunden gedauert, er hatte nur zweimal zugeschlagen und war auch nur zweimal getroffen worden, es hätte erst richtig anfangen müssen. Er konnte sich nicht erklären, was geschehen war, und ihn schwindelte. Als er sich aber umdrehte, begriff er.

Durch den Mittelgang kamen mit breiten Schritten drei Sowjetsoldaten, ein Offizier und zwei Mann. Sie trugen rote Binden der Militärstreife am Arm, sahen sich ruhig um, die Maschinenpistolen baumelten auf den Rücken. Das war alles, und es genügte. Die Saalschlacht fand nicht statt.

Loose stützte sich schwer auf die Theke. Auf einmal war er schlapp: er fühlte sich wie durch einen Lokomotivkessel voll Dampf gezogen. Das Mädchen hatte ihm ein großes Bier hingestellt, er trank es aus, ohne abzusetzen. Er sah jetzt auch Christian neben sich, und dann hörte er das Mädchen sagen: »Macht schnell, ihr müßt gleich verschwinden. Sobald die Russen weg sind, geht das wieder los.«

Sie zog ihn zur Tür hinter der Theke, die in einen dunstigen Küchenraum führte. Von hier konnte man direkt auf die |37|Straße gelangen. Auch Christian drängte jetzt. Sie sagte: »Das ist an jedem Lohntag so. Und paßt auf, daß sie euch draußen nicht erwischen. Der Lange war Fallschirmjäger, der hat hier schon mal die ganze Bude kurz und klein geschlagen. Und der andere hat immer ein Messer im Stiefel.«

Sie hielt seine Hand und schien noch etwas sagen zu wollen, dann aber hakte sie hastig die Türkette aus. Loose griff nach ihrem Arm, er berührte leicht ihr schmales, biegsames Handgelenk mit seinen Händen, die noch zitterten, und da hob sie plötzlich die Arme und küßte ihn. Die beiden Küchenfrauen sahen neugierig herüber. Sie schob ihn dann zurück, öffnete die Tür, drängte ihn hinaus. Er fand sich auf der Straße, hinter ihm klirrte die Türkette. Kleinschmidt war schon ein Stück vorausgegangen. Da ging auch er.

Sie schlugen den Weg zum Schacht ein, es war kurz nach Mittag, und die Wolkendecke war jetzt endgültig zerrissen. Loose sah sich noch einmal um, aber es folgte ihnen niemand.

Christian dachte: Das hätte auch ganz anders kommen können, und ich hätte es wahrscheinlich nicht getan. Er gestand sich aber, daß Loose imponiert hatte. Er greift einfach zu, dachte er. Und das hinterläßt zumindest Eindruck.

Der Wind hatte sich völlig gelegt, und die grauen Wölkchen segelten sehr hoch und sehr langsam über den Bahnhofsvorplatz. Inzwischen hatte auch der Plakatmaler sein Werk vollendet, es roch beißend nach Nitrolack. Das fängt ja gut an, dachte Loose. Das fängt ja ganz gottverdammt großartig an. Er ging neben Kleinschmidt her, und sie gingen an der Bretterwand entlang, bergwärts, da blieb alles hinter ihm zurück. Bis auf die Inschrift, die sahen sie noch lange, weiß und als sei sie für alle Zeiten geschrieben: ES LEBE DIE DEUTSCHE DEMOKRATISCHE REPUBLIK.

|38|II. Kapitel

Das Dorf war so: Seitental, das von einem Haupttal abzweigt, bewaldete Mulden zwischen drei Bergen. Entscheidend war das Haupttal, die Bahnlinie war dort und die Fernverkehrsstraße und auch der Bach, von dem alle Namen kommen. Langenbach einerseits, andererseits Zweibrücken. Durch Bermsthal zog ein bescheidener Zufluß, das Dorf lag rechtwinklig zum Haupttal, es lag mit Bahnhof und Papierfabrik unmittelbar an Bach und Fernstraße, war freilich dort auch zu Ende: Tal, nach einer Seite geöffnet. Zwar konnte man am oberen Ausläufer zwischen Keilberg und Rabenberg heraus, aber die Straße war noch im Bau, war ehedem nur ein befestigter Weg gewesen, bevor die Wismut kam, die aber brauchte die Straße und baute sie nun, baute sie eilig. Bahnhof und Papierfabrik sind die untere Grenze des Dorfes, sechshundert Meter über NN. Am Bahnhof zweigt die Dorfstraße von der Fernstraße ab, bis Kilometer vier ist sie gepflastert. Das ist der Markt. Aber die neue Straße, die übern Berg soll und hinterm Marktplatz beginnt, muß achtzig Meter höher hinauf, bei drei Kilometern Luftlinie, und immer durch Wald, das ist das Problem.

In der Talmitte befinden sich Friedhof und Dorfkirche. Die Häuser, die dahinter am Hang stehen, sind nicht mehr bewohnt; unter der Erde verlaufen Gangstrecken. Marktplatz und Rathaus und der größere bewohnte Teil des Dorfes mit dem Gasthof »Gambrinus« liegen im Oberdorf; von hier sind es vier Kilometer abwärts zum Bahnhof, vier Kilometer aufwärts nach den drei anderen Seiten. Links ist der Rabenberg, der Wolfswinkel rechts, hinten wird das Tal begrenzt vom Keilberg. Zwischen oben und unten und rechts und links verkehren Linienbusse, die gelb gespritzt sind und |39|selten fahren, sowie Schichtbusse der Wismut-AG, die sind grau gestrichen und fahren öfter.

Die neue Straße, die übern Berg soll, hat einen Namen: sie heißt Kirow-Straße. Ein paar Leute wissen, wer Kirow war. Sie beginnt am Markt, läßt die Großküche zwei links liegen, führt über ein Stück Feld, das schräg gestellt ist, in den Wald, führt aufwärts in Schleifen: Zechenplatz, Schacht FRISCH GLÜCK, Schacht ERSTER MAI, Gummibahnhof, Abzweigung zur Erzwäsche, Zentralwerkstatt, Rabenberg. Sonst weiter Richtung Holzeinschlag. Der heißt Hundshübel. Die Wismut baut da vierzig Häuser. Davon stehen vorerst drei. Die sind in Holz ausgeführt. Vier Fundamente stehen für die nächsten, die aber aus Stein sein sollen. Hundshübel ist ein Ausflugsort gewesen, mit Wirtschaft, Aussichtsturm, Kaffeegarten, die Wirtschaft steht noch. Früher kam man zu Fuß hin oder mit Pferdefuhrwerk, vielleicht noch mit dem Fahrrad. Wie man auch zur Kreisstadt, die hinterm Berg liegt, nur zu Fuß kam oder mit Gespann, weil keiner mit dem Bus zum Bahnhof fahren wollte und mit der Bahn um sieben Berge herum. Das hat doppelt und länger gedauert, selbst wenn man gleich Anschluß hatte. Die neue Straße verbindet Bermsthal mit den oberen Wismut-Objekten und der Siedlung. Und demnächst mit der Kreisstadt.

Das ist Bermsthal von oben. Seitental, das von einem Haupttal abzweigt. Mulde zwischen drei Bergen. Der Wald ist weit verdrängt. Halden rücken auf die Straße an im Unterdorf. An den Hängen schreiten Bauplätze talwärts. Überm Oberdorf wachsen die Lichtungen. Bermsthal von oben ist ein Fleck im Wald, eine Landschaft aus Beton, ein Platz für Menschen und Steine.

 

Unten kollerten die Sprengungen. Mit den Wettern strichen Pulvergase in die südlichen Strecken, stockten am Versatz, zogen warm zum ausziehenden Fritzschacht. Trockener |40|Bohrstaub stand im Gesenk. Aber das Südfeld war wenig befahren, nordöstlicher strichen die Abbaue, die Überhauen nördlicher. Dumpfe Luft stand in uraltem Silberstollen, mürbe, von Faulholz gesäuert. Der Frischwetterstrom kam da nicht hin. Der kam nur hin, wo er wieder herauskonnte: vom Hauptförderschacht durchs Revier, durch nördliche und östliche Gänge, durch Querschläge und Hauptförderstrecken, durch Rohre kam er, Lutten genannt, in Abgelegenes, er hatte Anfang und Ende und also Richtung. Das muß man wissen, wenn man sich einrichtet untertag.

Zwei gingen die Strecke entlang. Vorn ging der Alte, der Jüngere folgte. Er folgte ungeschickt, denn er kannte die Strecke nicht. Einen Stempel trug er, unter dem er gebückt ging, obwohl der Stempel nicht schwer war. Er dachte aber immer, er könnte an die Firste stoßen. Er schob die Brillenbügel zurecht, die der Helm störte. Er strich das Haar unter den Helm, das der Schweiß verklebt hatte. Er ging müde und strauchelnd.

Aber der Alte ging aufrecht. Von den nördlichen Abbauen kamen sie, da hatte der Alte den Jungen mitgenommen, weil der nicht mehr konnte. Weil der schlappgemacht hatte vor Ort. Dreimal hatte er schlappgemacht, an drei Tagen hintereinander, und hatte sich wieder aufgerafft und wieder schlappgemacht. Da hatte der Alte ihn herausgenommen aus dem Abbau, für heute wenigstens, ein bißchen verschnaufen. Naja, hatte der Alte gesagt, das dauert halt. Ich kannte mal einen, früher, der war genauso. Es war aber sehr früher gewesen, und der Alte hatte nicht gesagt, daß er das selber gewesen war. Zweites Kriegsjahr, erster Weltkrieg, zwölf Stunden Schicht. »Hätt der selber nicht geglaubt«, sagte der Alte, »der ist noch ’n richtiger Bergmann geworden.« Und ging die Strecke entlang, immer vor dem Jungen her. Aber der Junge glaubte nicht, daß er sich je gewöhnen würde an das.

Ein anderer war dort geblieben, auch ein Junger, der hatte nicht schlappgemacht. Der stand im Abbau, bolzte, sackte |41|Masse, und mit einem wie dem Alten sprach der gar nicht. Vor drei Tagen schon hatte er nicht mit ihm gesprochen, hatte ihn einfach sitzenlassen mit seiner Frage, als ob da bloß Luft wäre. So einer war das also. Autoschlosser hatte er werden wollen. Und hätte es nicht werden können, weil da Leute gewesen wären, in des Alten Alter etwa, die hätten die Welt kaputtgemacht, und hinterher sei keine gute Zeit gewesen für Autoschlosser. So einer war das. Der Alte wußte schon, was für einer das war. Und er hätte ein paar gute Antworten gehabt. Aber er hatte nichts gesagt. So einer war nun er wieder, der Alte. Und dann hatte er erfahren, denn er erfuhr so manches, daß der Junge hingegangen war in die Bahnhofskneipe, gleich am ersten Tag, und hatte da eine Keilerei angefangen. Und hatte auch dazu nichts gesagt. Er hatte seine Erfahrungen mit Leuten, die zuschlugen und den Mund nicht aufmachten. Und am anderen Abend hatte er sie singen gehört, den Jungen mit seiner Gitarre, und die anderen. Wir lagen vor Madagaskar. Und hatten die Pest an Bord. Lauter solche Sachen. Da war ihm manches eingefallen, dem Alten auf seinem Strohsack. Die Schläger sind rührselig, das wußte er. Die Brutalität ist sentimental. Lauter solche Geschichten waren ihm eingefallen von einer Wachmannschaft zum Beispiel, die Ukrainer und Franzosen nackt in den Schnee stellte und mit Wasser begoß, mal sehen, wer es länger aushält. Ein Ukrainer hatte es am längsten ausgehalten. Und dann hatte die Wachmannschaft in ihrer Baracke zur Ziehharmonika gesungen und gesoffen und gegrölt die ganze Nacht. Lauter solche Geschichten. Und der Alte hatte gedacht: Was ist das für eine Menschensorte, aus der man so was machen kann? Was kann man denn aus so einer Sorte machen? Und als sie endlich nicht mehr gesungen hatten, hatte er gedacht: Entweder sie sind so von Anfang an, oder etwas läßt sie so werden. Und als er sich klar darüber war, daß er an den ersten Teil der Frage nicht glaubte, hatte er endlich schlafen können.

|42|Zwei gingen die Strecke entlang. Und Hermann Fischer, der vorn ging, sagte zu Christian Kleinschmidt, der hinten ging mit der Axt und dem Stempel: »Gib mal den Kaukamm her.« Denn er war aus den anderen Schächten gekommen, den doppelt tiefen, wo die Steinkohle liegt, und die Axt heißt dort so. Alles heißt dort anders. Die Arbeit ist anders. Die Menschen sind anders. Das hat der Berg gemacht in fünfhundert Jahren.

Sie hatten den Türstock erreicht, der in die Knie gebrochen war. Glitschiges Holz, das dem Druck nicht mehr standhielt; Geröll brach nach, senkrecht und seitlich. Sie räumten das Bruch. Sie schlugen den Stempel zurecht. Hermann Fischer, mit weiten Rundschlägen, trieb einen Keil heraus, der unter der Firste klemmte. Überkopfschläge, schwitzender Stein. Dann glitzerte es rot vor hochgehaltener Handlampe, eine Druse im Berg, faustgroß. »Kobalt«, sagte Fischer. In seinem Haus, im Wolfswinkel, hatte er eine ganze Sammlung. Unten in der Kohle findet man manchmal Abdrücke von Farnen und Schachtelhalm, seltsame Gebilde. Hier findet sich nichts dergleichen, eher schon Bleiglanz und Quarz, Kristalldrusen und Wismut. Zweihundertfünfzig Millionen Jahre lagert die Kohle, Braunkohle höchstens sechzig Millionen, das ist kaum der Rede wert. Wie lange liegt die Uranpechblende? Chemische Prozesse, wenn man den Markscheider fragt. Mineralogie ist schwer zu erklären. Aber nichts ist von Anfang an da. Rot blüht an der Firste die Kobaltblüte.

»So«, sagte Hermann Fischer, »der steht gut.« Und sah sich den Türstock an, Stempel, den er ausgewechselt hatte, gekehlt gegen den Druck der Firste, Kappe gegen den Stoß gekehlt. Leuchtete ihn ab mit der Handlampe. Soweit sich der Berg nicht trug, würde der Türstock ihn tragen.

Sie gingen weiter. Die Lampen warfen wenig Licht. Wasser tropfte, sickerte an Schalhölzern, sammelte sich im Wassersaig. Der Junge ging sicherer jetzt, wenig gebückt, gleichmäßig. Der Alte wußte noch, daß ihn manchmal nur so eine |43|ruhige Stunde gerettet hatte, in seinem ersten Schachtjahr, und später bei anderer Gelegenheit. Er wußte, daß jeder Mensch seine Grenze hat, die er nur allmählich weiterrücken darf, und er sah, wenn einer hart an seiner Grenze angekommen war. Aber der Junge wußte nur, daß er morgen wieder in den Abbau mußte, Gestein sacken, Hunte schleppen, Luft aus rasselnden Lungen keuchen, niederbrechen, sich hochreißen erneut. Nachts noch träumte er von Gebirgen, die auf ihn hereinbrachen, oder träumte im Schlaf noch von Ausruhen und Schlafen. Da war der Berg, da war die Arbeit, das war alles. Prometheus war an den Felsen geschmiedet. Sisyphus wälzte den Stein bergauf. Es hatte sich nichts geändert. Es hat einer die Sprache Luthers und Shakespeares studieren wollen und hat nun keine anderen Sehnsüchte als die nach der Waschkaue, wenn sie nebeneinanderstehen und sich den Dreck abschrubben, Dreck aus rissigen Schlünden spucken, Flüche und Schleim und Gelächter. Wenn sie die Schicht in den Knochen haben und vor sich: nichts Nennenswertes. Abgestürzt in den größeren Teil der Menschheit, sah Christian Kleinschmidt: Man kam ohne alles aus, nur ohne Essen nicht, ohne Schlaf, ohne Ruhe. Und nicht einmal sich darüber Gedanken zu machen, hatte er noch Kraft. Als ob das alles abgestorben wäre mit einem anderen Leben.

Und einer hatte gelehrt: Des Körpers Arbeit befreit von der Seele Schmerz; das ist’s, was den Armen glücklich macht.

So gingen sie die Strecke entlang, dem Magazin zu. Der Alte blieb manchmal stehen und leuchtete in den Ausbau. Er kannte jeden Winkel in diesem Revier, und er wußte, wo gut gearbeitet worden war und wo weniger gut, auch, wo der Berg arbeitete und wo er zur Ruhe gekommen war vorerst. Mit dem Stiefel schob er manchmal Gestein vom Fahrgleis, und einmal fanden sie einen Stempel, den hatte ein Ketcher verloren. Auch einen Hackenstiel fanden sie und ein Stück Luftschlauch. Ein Zug begegnete ihnen, und der Alte sagte dem E-Lok-Fahrer Bescheid, wo er noch Erzkisten hinbringen |44|sollte und daß sich auf 37 die Hunte stauten. Hunte waren knapp, an manchen Tagen stockte ihretwegen die Arbeit. Der Transport mußte immer wieder neu organisiert werden und immer wieder anders. Ein Dispatchersystem hatten sie noch nicht. Überhaupt war vieles knapp: Bohrkronen, Ventilkugeln, Luftschläuche, Seile. Manchmal wurden Gezähekisten aufgebrochen und Werkzeug gestohlen. Es hatte Tage gegeben, da war kein Schaufelstiel aufzutreiben, an anderen gab es zwanzig Kilometer im Umkreis keine Lutten. Es war aber irgendwie doch immer weitergegangen. Hermann Fischer wußte selbst nicht mehr, wie sie das immer wieder geschafft hatten. Sie hatten es aber geschafft.

Kumpel kamen ihnen entgegen, mit Bohrgerät beladen, und an der Gefällestrecke trafen sie die sowjetische Geologin Rumjanzewa, die unter Tage Tanuschka hieß. »Nu«, sagte sie, »Tawarischtsch Germann, alles ist gut?« Und Hermann Fischer sagte: »Gott, es geht so.« Er gab ihr ein paar Zahlen aus seinem Steigerbuch, die eigentlich für den Markscheider bestimmt waren; irgendwo stimmten die Vermessungen nicht. Die Geologin schrieb sich alles auf in zierlicher Mädchenschrift. »Nu gut«, sagte sie, »werden wir sehen.« Als sie weiterging, sagte sie lächelnd: »Glück auf, Tawarischtsch Krieg und Frieden!«

Darauf war Hermann Fischer stolz. Er wußte, daß die Kumpel ihn heimlich so nannten, der Name hing ihm an seit seinen ersten Wismuttagen. Aber nur Tanuschka nannte ihn offen so, sie kannte den Alten genau und wußte, daß er darüber nicht böse war. Das war im Frühjahr sechsundvierzig gewesen, auf der letzten Gewerkschaftsversammlung vor dem Vereinigungsparteitag. Wer für den Frieden ist, hatte Hermann Fischer gesagt, der ist auch für die Vereinigung. Die Spaltung hat uns immer nur Krieg gebracht. Und wenig später, als Not am Mann war, hatte er gesagt: Seid ihr für den Krieg? Oder seid ihr für den Frieden … Wer für den Frieden ist, der fährt am Sonntag Sonderschicht! Seitdem hieß er so. |45|Geh doch zu Krieg und Frieden, hieß es, wenn einer nicht weiter wußte. Krieg und Frieden war die Personalunion von Steiger und Parteisekretär. Und manchmal war Krieg und Frieden überhaupt die Partei auf Schacht 412. Viele sagten das hämisch, aber viele auch sagten es anerkennend. Und sehr oft war es die Anerkennung, die Hermann Fischer sich verschafft hatte und die nun mehr meinte als nur ihn.

Dann kamen sie ans Magazin. Bierjesus, der Magaziner, fettete Pickhämmer ein. Bierjesus, der Hiesige und Geschichtenerzähler. Bierjesus, Abtrünniger der Zeugen Jehovas. Er fettete Pickhämmer ein in seinem Verschlag, soeben gelieferte, die hatten Nässe abbekommen, Rost angesetzt, das war immer so. Preßlufthämmer sollen in einem Fettfilm transportiert werden. Preßlufthämmer sollen angeliefert werden in Ölpapier und Fichtenholzkisten. Die Kisten waren ramponiert. Das Papier zerfetzt. Der Fettfilm fehlte.

»Dene mecht ich mol«, sagte Bierjesus. Spuckte Priemsaft auf Rostspur, goß Caramba-Rostentferner auf Priemsaft. »Dene mecht ich naufgeign, do’s nimmer wissn, ob’s Männl sei od’r Weibl!«

Hermann Fischer besah sich alles genau. Dann entschied er: »Bleib hier, hilf ihm bissel.«

Er suchte Putzlappen und Ölkanne heraus, die gab er Christian. Er sah ihnen zu bei der Arbeit und stopfte seine Pfeife. Unterm Türstock stand er, einer, der vertraut war mit alldem. Dann nahm er seine Lampe vom Haken. Christian sah ihm nach, wie er die Strecke hinabging.

Im Berg war es still geworden. Berg, der in Gängen Erz führt: Kobalt, Nickelblüte, Wismut, Silber, Uran. Bleiglanz und Zinkblende weiter östlich, Wolfram und Molybdänit, natürlich Zinn. Entgasungsprodukt granitischen Magmas aus der Tiefe, reichend von Oberkarbon bis ins Unterrotliegende, Granit, der aus Glimmerschiefer aufsteigt, Schwerspat und Flußspat, der farblose, der milchweiße, der graue Quarz. Wer aber Glück hat, kann vielleicht einen Topas |46|finden. Er kann den messinggelben Pyrit finden und den bleigrauen Antimonglanz, gediegen Wismut und vielleicht noch Silber. Wenn einer Glück hat.

 

Hermann Fischer fuhr aus als einer der letzten. In langer Reihe standen die Männer an der Seilfahrt, neben Fischer stand der Radiometrist Bergschicker. »Na?« sagte Fischer. Aber der Radiometrist winkte ab. Es war nichts zu machen in diesem Monat. Der Vortrieb kam nicht, der Erzplan kam nicht, es würde keine Prämien geben, die Stimmung war miserabel.

»Und nun noch das«, sagte Bergschicker. Er hob die Hand, die war blutverkrustet, ein schmieriger Verband ließ weiße Fingerkuppen frei. »Wühlen wie die Idioten«, sagte der Radiometrist. »Aber berissen wird nicht. Spieß, diese Arschgeige. Wo der arbeitet, da passiert immer was. Und so ’n Neuer war dabei. Wie ich reinkrieche, rutscht ’n Kaventsmann aus der Firste und zerhaut mir die Knochen.«

»Welcher Neue?« fragte Fischer.

»Der mit der Klampfe. Da haben wir uns ja was eingehandelt!«

Fischer sagte nichts. Er schob das Stangengitter hoch und ließ den Radiometristen vorangehen ins Fördergestell. Der Anschläger gab Signal. Bergschicker setzte seinen Kasten ab. »Mal isses die rechte Flosse, mal isses die linke«, sagte er. »Das muß richtig ’n blödes Gefühl sein, wenn dir mal gar nischt fehlt. Ich weiß schon nicht mehr, wie das ist.« Er drehte seine Lampe ab mit der gesunden Hand. Blechern pitschte das Tropfwasser.

Es war das Alltägliche, und war dennoch nicht annehmbar. Spieß, der gut war als zweiter Mann, er war nicht brauchbar in eigener Verantwortung. Spieß und Loose, das war ein Fehler. Aber wer denn sollte die Neuen einarbeiten, wenn nicht die paar Leute, die den Schacht kannten? Ein Klotz von einem Kerl, ehemaliger Landarbeiter, seit sechsundvierzig dabei, ein Granitschädel, der schaffen konnte und zupacken |47|und nicht zimperlich war – und dennoch behielt er die einfachsten Sachen nicht, brauchte immer noch einen, der auf ihn aufpaßte und für ihn mitdachte. Und die Neuen, was war anzufangen mit ihnen? Kleinschmidt, Loose, Mehlhorn, Müller? Es ließ sich nicht viel sagen nach drei Tagen, und mußte dennoch täglich neu entschieden werden. Das war das Steiger-Einmaleins: Den richtigen Platz finden für jeden, für jeden Platz finden den Richtigen. Eine Formel, die der Schachtleiter Polotnikow eingeführt hatte. Ein guter Satz. Nur hatte er eine Prämisse, die hieß: Zuerst für alle Plätze finden irgendeinen.

An der Hängebank trennten sie sich. Der Radiometrist ging über den zugigen Schachthof zur Baracke der Geophysiker, Fischer ging in die Steigerbude. Es erwartete ihn ein Anruf der Kreisleitung. Auf seinem Schreibtisch, der ehemals ein Ladentisch gewesen war, hatten sich während der Schicht allerhand Papiere angesammelt: Merkzettel, Formulare, eine Mitteilung des Fördersteigers, Broschüren auch.

Der Schachtleiterhelfer war da und verglich, bevor er einfuhr, die Schichtergebnisse. Jemand von der Gewerkschaft brauchte einen Mann für einen Kurzlehrgang. Geduldig hinter randvollem Aschenbecher wartete der FDJ-Sekretär Heckert.

Fischer erledigte, so gut es ging, was zu erledigen war. Dann nahm er mit Heckert noch die Liste der Neuen durch, aber für das, was sie vorhatten, war die Liste zu ungewiß: Namen nur, wenige Gesichter, noch kaum Geschichten.

»Laß gut sein«, sagte Fischer. »Es ist besser, wir warten noch.«

Er sah, daß Heckert enttäuscht war. An der Tür legte er ihm ermunternd die Hand auf die Schulter.

Dann ging auch er.

Er ging zur Durchlaßkontrolle: Draußen auf dem Vorplatz war der letzte Schichtbus lange abgefahren. Nasses Laub klebte am Straßenrand. Wasserlachen standen unter festgefahrener |48|Schlacke im Lehm. Fischer sah den Himmel zuerst vor seinen Füßen, Wind bewegte ihn, dann sah er ihn oben graublau bewölkt. Die Wolkendecke lag niedrig über dem Tal, wie ein grobes Tuch über eine Schüssel gedeckt. Das war ein Himmel, der müde macht. Fischer schritt gleichmäßig aus, er war den Weg zu oft gegangen; was jetzt galt, lag weiter ab. An der Abzweigung erwischte er einen Molotow-Kipper, der hielt an auf sein Handzeichen und nahm ihn mit.

Sechs Tage lang war Fischer vom Lager zum Schacht gefahren, vom Schacht zum Lager – heute nahm er den anderen Weg. Aber er hatte auch diesmal das Gefühl, etwas Ungewisses zurückzulassen, das seiner Gegenwart gerade jetzt bedurfte; die Heimkehr schien ihm fast unerlaubt. Und immer diese Dämmerungen, jäh hereinbrechend, ein zähes Schweigen, das vom Wald her ins Tal kroch. Die Schneise, darin die Straße lag, versank in dunklem Gummi. Die Stämme schmolzen ineinander und die niederen Büsche, die Wegränder und Hintergründe, als ob etwas auf der Lauer läge. Erst der Waldrand gab den Blick frei, an den Hängen war noch Licht, am Kirchturm, am Schornstein der Papierfabrik. Vereinzelte Lichter der Schachtanlagen flackerten; nachts manchmal war nicht auszumachen, wo die Erde aufhörte und der Sternhimmel begann. Im Armaturenlicht sah Fischer das Gesicht des Fahrers. Es war ein strenges Gesicht, versteint vor der Dunkelheit. Er sah es schlaff werden in den Scheinwerfern entgegenkommender Lastwagen, und wieder hart in der Geborgenheit. Er sah die Hände auf dem Lenkrad, und sah den Lichtkegel draußen von der Straße gleiten, wenn sie sich bewegten. Er sah Straßenschilder und Laternen und die Menschen und ihre Baulichkeiten, da war ihm, daß er sich doch freuen müsse, weil er das alles noch erlebte. Denn er hatte einmal schon abgeschlossen, vor viereinhalb Jahren, und lebte genauer seither.

Am Wolfswinkel stieg er aus. Das letzte Stück ging er zu Fuß. Das helle Fenster in seinem Haus sah er schon von weitem.

|49|Fischers Tochter stand am Herd, als er eintrat. Sie stand schmal da und jungenhaft, hatte die störrische Strähne an der Schläfe, und blaß war sie sehr. Sie stand aber ganz in der dauerhaften Art dort, die sie von ihrem Vater hatte. Das Holzfeuer flackerte, es roch nach Fichtenholz und nach geschmorten Pilzen. Da hängte Fischer seine Joppe an den Haken im Flur.

Seine Tochter deckte auch gleich den Tisch. Er sah ihr zu, wie sie das Brot schnitt und die Pfanne vom Herd nahm und eine Flasche Bier brachte für ihn. Das schien so alltäglich, daß er vergaß, wie selten diese Abende waren. Er war immer gleich ganz zu Hause. Die Katze kam aus dem kleinen Erkerzimmer herüber, in dem Fischer seine Steinsammlung aufbewahrte, sie strich um seine Hosenbeine. Er saß an seinem großen Tisch und sah seiner Tochter zu, er dachte, daß doch etwas von ihrer Mutter dasein müsse. Er wußte aber nicht, was. Sie war ganz anders, immer in ihren grobgestrickten Pullovern, von denen die Burschen sagten: Es muß aber doch etwas drunter sein. Wenn sie so hantierte, war es, als ob sie angestrengt über irgend etwas nachdächte. Aber ihr Gesicht konnte sich von einem Ausdruck jäh ins Gegenteil verändern, von Schreck zu Spott, vom Trotz zur Fröhlichkeit. Manchmal hatte ihn das erschreckt. Er hatte auch lange nicht gewußt, wie er sich verhalten sollte: sie war vierzehn gewesen, als er heimkam bei Kriegsende, das war fast erwachsen in solcher Zeit. Dann hatte er bemerkt, daß sie sich in vielem schneller zurechtfand als er, und er hatte begriffen, daß der große Wechsel draußen das Beständige war in ihrem Leben. Sie erlebte diese Zeit anders als er.

Die Pilze waren würzig und mit viel Pfeffer gebraten, wie er sie gern aß. Er holte die grüne Flasche mit dem Klaren aus dem Schrank und nahm sich einen. Er sah auch die Zeitungen der ganzen Woche geordnet auf dem Schrank liegen, die hob seine Tochter immer für ihn auf. Was er sonst nie tat: plötzlich bot er auch ihr einen Schnaps an. Sie nahm ihn ohne Erstaunen.

|50|An diesem Abend saß er lange, rauchte seine Pfeife, die Zeitungen rührte er nicht an. Er sagte ein paar Worte über die Arbeit im Schacht und über die Neuen; seine Tochter erzählte von ihrer Papierfabrik. Sonst saßen sie stumm. Die Uhr tickte laut, die Katze schnurrte. Als Ruth einmal aufstand, um ihm noch eine Flasche Bier zu holen, dachte er, daß er eigentlich eine erwachsene Tochter gehabt hatte von Anfang an. Er dachte, daß sie es anders auch gar nicht angenommen hätte. Daß sie doch manchmal einen Menschen gebraucht hätte, vor dem sie nicht erwachsen sein mußte und verständig, wußte er nicht. Es blieb ein Rest, der nicht aufging.

Es war spät, als er in seine Schlafkammer hinaufging. Licht machte er nicht. Eine Weile lag er noch wach und beobachtete den Mond im Geäst vor dem Fenster. Er hörte sein Herz schlagen, und er dachte, wieviel Zeit ihm wohl noch bliebe. Sein Vater war sechsundfünfzig geworden. Kein Mensch wurde alt in diesem Beruf. Er erschrak nicht, er war nur immer erstaunt, daß dies alles war. Es hätte schon zweimal vorbei sein können, oder öfter, wer weiß das. Dann drehte er sich zur Wand und schlief sofort ein.

 

Sie waren nach der Schicht zum Hundshübel gegangen: Peter Loose, Christian Kleinschmidt, Bierjesus, der Magaziner. Es war noch hell, sie hatten das ganze Tal unter sich.

»Das da ist FRISCH GLÜCK«, sagte Bierjesus, »das dort das Heimatmuseum, das ist der ›Gambrinus‹ und davor das Salzbrünnel. Da hat der Stülpner draus getrunken, heißt es.«

Er tunkte den Finger in die Bierpfütze und markierte alle Punkte auf dem Tisch, die er draußen anzeigte: Oberdorf, Unterdorf, Rabenberg, Wolfswinkel. Dann malte er die Straße quer, die der Stülpner gekommen sein sollte, an der Saigerhütte vorbei. Denn der Stülpner war mit dem Roten gekommen und dem einäugigen Hertzog, und zu Thum waren achtzig Taler ausgesetzt auf seinen Kopf, aber das störte ihn wenig. |51|Und er war aus Wolkenstein gekommen, wo sie den dürren Schneider aufs Rad geflochten hatten im Siebenjährigen Krieg, aber das war lange her. Er war nach Bermsthal gekommen und hatte Wasser getrunken vom Salzbrünnel, einen Gabelbock hatten sie abgezogen und das Fleisch unter die Leute verteilt, und dann hatten sie die Decke dem »Gambrinus«-Wirt verkauft nebst einer schönen Rehkeule: Das gab ein fideles Gelage.

Also durchs Gebirge und nicht durch die Steppe zog Stülpner-Karl, der Freischütz, der grüne Rebell aus Scharfenstein, der ein rechtschaffener Mensch sein wollte, aber sie ließen ihn nicht. Stülpner, dessen Name an den Galgenbaum geschlagen wurde, weil er sein Recht erzwingen wollte: Auf einem Hirschen ritt er im Zoblitzer Revier und ließ die Wolkensteiner Bürgerschützen ins Wasser der Zschopau springen; es lebe die wilde Jagd und Sankt Hubertus’ Hund! Er zog von Annaberg nach Eibenstock, von Augustusburg nach Kaaden, verschmähte Marienberg-Gelobtland nicht, tauchte auf in Ehrenfriedersdorf, fiel von Cranzahl nach Weipert ein, ging um im Böhmischen, schoß den Rehbock am Bärenstein, ließ sich in Geyer sehen, war in Erfensiedel und vielleicht auch in Einschlag, half dem Knopfmacher zu Sehma, dem Fuhrknecht am Pöhlberg, aber dem ungerechten Beifron tränkte er’s ein in Joachimsthal, soll dann länger bei Thalheim gewesen sein, mied freilich Freiberg, aber in Olbernhau war er, wie er auch in Deutschneudorf war, in Pockau, Jöhstadt, Zinnwald, Rothensehma. Es zogen die Gendarmen aus, fingen drei Pascher, fingen den Zundelheiner, den Stülpner fingen sie nicht. Der trug sein Pulver trocken übern Grenzbach, wenn sie ihm im Land auflauerten, da ist er bis Eger gekommen, bis Karlsbad und Příbam, sogar bis ins Österreichische nach Debrecen. Hat aber immer wieder heimgewußt, hat bei den Kursächsischen gedient und den Preußen und den Großherzoglich-Braunschweigischen, und als die Sachsen mit den Preußen gegen den Kaiser zogen, war |52|er auch dabei. Einmal stellten sie einen Hinterhalt bei Reitzenhain, da ging er nicht hinein. War schon auf Grünhainer Flur, goß Büchsenkugeln aus Blei, ließ Hirschtalg aus, teilte sein Wilpert mit dem Rußbuttenmann. Traf auch eine Reisigsammlerin, die hatte der Landjäger gestraft um nichts, traf eine Klöpplerin, die hatte der Zwirnfabrikant geprellt, da blieb er in der Nähe, da sah er nach dem Rechten. Einen Taler, den er hochwarf, traf er im Flug, und die Tiere des Waldes verrieten ihn nicht; die Stieglitze und die Finken nicht, die Spießer, Schmalrehe, Ricken und Kitzen, auch nicht der Kreuzschnabel, der die Krankheiten auf sich zieht, und schon gar nicht die Viertelhüfner, Löffelschnitzer, Lohgerber, Taglöhner, Ackerknechte, Korbmacher, Besenbinder, Hufschmiede, Strumpfwirker, Böttchergesellen, Stoffdrucker, Färber und Picher; erst recht nicht die Bergleute. Nur einmal kam er zur Ruh auf dem Sankt-Christophs-Hammer, aber da war’s fast schon aus, da schmeckte der Klingenberger schon nicht mehr und der Rote aus Melnik, da war der Ranft Brot teurer als je, und wenn sie nicht einen Postillon und einen Akziseeinnehmer und einen Tabaksbüttel, die mit der Postkutsche reisten, von Räubern befreit hätten weitab von den Grünröcken, wer weiß, ob sie übern Winter gekommen wären. Und einmal hätten ihn die Häscher dennoch fast gefangen – er sah aber die Vögel auffliegen überm Tal, darin er lagerte, baute eine Puppe aus seinem Rock, blies das Feuer heller an. Da schossen sie lauter lustige Löcher hinein, da fielen sie übereinander her auf freier Wildbahn, dieweil er längst über alle Berge war. Oder es zog einer aus, den Rehbock zu jagen, das war aber nicht der Stülpner. Das war unser Objektleiter, sagt Bierjesus, und der hat eine verirrte Geiß erschossen, fünftausend Mark hat der Besitzer verlangt. Der Stülpner, sagt Bierjesus, der traf immer die Richtigen. Da gab’s keine Justizirrtümer. Oder es ritten drei eiserne Ritter durch den Tann, schepperten Rost aus den Rüstungen: das war der Prinzenraub zu Hartenstein. Ja, sagte Bierjesus, früher, da |53|war hier noch was los. Aber jetzt, sagte er, jetzt ist das ja rein gar nichts mehr.

 

So saßen sie auf dem Hundshübel, während es duster wurde draußen, und es war alles schon einmal dagewesen. Immer neue Geschichten erzählte Bierjesus, der Abtrünnige der Zeugen Jehovas, und immer neue Markierungen setzte er auf die Tischplatte mit feuchten Bierfingern, eine ganze Landkarte. Da wußte Peter Loose, daß auch das schon dagewesen war.

Er saß in der »LETZTEN INSTANZ«, die noch immer so hieß, obwohl das Amtsgericht neben der Kneipe lange abgebrannt war. Papendiek der Wirt hatte hinterm Haus den Rhein fließen, und den Stückgut-Hafen hatte er rechts, aber nach vorn heraus war bloß ein Katzenkopfpflaster und die Baracken, die der Stadt nicht recht, aber Papendiek billig waren. Es war auch andeutungsweise eine Mauer davor, dreiundvierzig von der Organisation Todt erbaut, welche dahinter Fremdarbeiter aufbewahrt hatte, vorwiegend Holländer, die arbeiteten im Hafen. Und nun waren die Ostflüchtlinge dort, Pommern, Schlesier, Ostpreußen. Und Peter Loose. Der aber seit vier Wochen erst, schwarz über die grüne Grenze gekommen, Deutschland besichtigen. Warm war’s, Sommerabend, das Jahr siebenundvierzig brachte Hitzerekorde. Schlager gab’s, die hießen Heat-Wave oder Hot spell oder so.

Bei Papendiek also saß er in der »LETZTEN INSTANZ«, etwas im Hintergrund, vorn aber sangen sie. Zuerst sangen die Hafenleute und die Schiffer, so ein Gegröle war das, schnapsheiser und bierselig, und Rheinisches war’s und solche Allerweltsgesänge und die bekannten Marschierlieder, nicht sehr melodisch; aber wenn sie in Stimmung waren, sangen manchmal auch die Flüchtlinge, das war etwas anderes. Das kam von weit her. Lieder, die brachten fremde Gerüche mit, und die dunklen Wörter und Schnörkel, die darin vorkamen, die seltsamen Figuren, die brachten merkwürdige Landschaften |54|herein und ganz andere Leute, anderssprachige, oder zumindest so schwer verständlich wie nun diese Erzgebirgler hier.

Wenn aber der eine aus Tilsit sang und der andere aus Masuren, da konnte der dritte schon nicht mitsingen, denn der war aus Schneidemühl. Solche Weite war das. Tilsit nämlich verhält sich zu Schneidemühl wie Berlin zu Dortmund – wer weiß das? Und ein vierter war aus Breslau, welches sich zu Tilsit verhält wie Fulda zu Wien oder aber wie Bayreuth zu Rügen, und auch das hat man nicht gewußt.

Also rückte Peter heran, und der Breslauer tunkte den Finger in Bier, zeichnete die Reichsgrenze hin, die gewesene vormalige, wie auch der Breslauer ein vormaliger war und ein Oberlehrer dazu.

Dortmunder Aktienbier also: das klammerte unten Österreich aus, rechts Kongreß-Polen, und sie hatten nun ungefähr einen Gaul vor sich, dicke Vorderbeine, dünnes Hinterbein, der Schweif kam aus Tilsit, der Sattel saß über Kiel und Stralsund, und nur wo der Kopf hätte sein müssen, da war die Nordsee oder höchstens noch Helgoland. Achtzehneinundsiebzig vielleicht, sagte der Oberlehrer, oder siebzehnneunundachtzig. Auch noch neunzehnsiebzehn. Aber dann schon nicht mehr. Dann war dies schon ein Freistaat und jenes ein Korridor, da sprach man polnisch und litauisch dort, sowieso jiddisch; kaschubisch, russisch, und die ganze Idiomatik. Und was dann kam, das war vorauszusehen von spätestens neununddreißig an. Was der Oberlehrer aber sehr leise sagte, gerade so hingemurmelt, seine Landsleute sind in der Nähe, die könnten womöglich anderer Meinung sein. Noch leiser sprach er: Der deutsche Orden, das muß man mal an den Quellen aufsuchen, also das waren Leute, auf die kann man sich gleich gar nicht berufen! Indes der Bierfinger in die Danziger Bucht fuhr, die Weichsel hinmalte bis Graudenz, dann Thorn, das gab eine Gerade aufwärts bis Königsberg: da hat dieser Kant gelebt. Nun, sagte der Oberlehrer, zuerst fließt nämlich alles westnordwestlich. Dann kommt |55|der Knick, dann kommt Nordnordost, und die Oder, mein Lieber, die fließt genau so. Polnisch Odra, Odra tschechisch, die kommt von Olmütz her durch die mährische Pforte – moravská brána – nach Ratibor, wo sie schiffbar wird und sich nach Nordwest wendet, um die Neiße aufzunehmen; kleines Flüßchen, das hat einige tausend Jahre nichts zu besagen gehabt. Weder für Oppeln noch für Opole, und für Breslau nicht, schon gar nicht für Stettin. Warum eigentlich, fragte der Oberlehrer, hat Wissarionowitsch nicht auch jene Sorben und Wenden mit eingemeindet, die da siedeln seit ungezählten Dezennien? Weil ein anderes Gesetz wirkt, danach antraten die Deutschen. Wer aber das Schwert hebt, wird durch das Schwert umkommen. Wer mein Land mit Krieg überzieht, wird mit Krieg ausgeräuchert werden aus seinem eigenen Land. Das also habe er kommen sehen, vielleicht nicht ganz so, aber doch fast. Dieses Jalta, nicht wahr, das war zu ahnen.

Einer aber, der nichts geahnt hatte, fragte: Ist das also Deutschland? Das müsse doch sagbar sein, fand Peter Loose: deutlich, unverbrämt, ruhig, beweisbar.

Wessen Land ist das Land?

Nun, sagte der Oberlehrer, vor zweitausend Jahren war hier gar keiner. Höchstens solche Schlingenleger und Spießgesellen, nomadisierende Stämme, die zogen umher und kratzten sich oder lagen auf der Bärenhaut und tranken immer noch eins, wenn sie eins hatten, was aber selten vorkam: Ein gewisser Tacitus hat das später beschrieben auf mehreren hundert Blättern. Grenzen, na ja: alle Tage ’ne andere und alle paar Jahre mal eine vorläufig endgültige. An welche also soll man sich halten? Das beste ist, man hält sich heraus. Denn, sagte der Oberlehrer schnell noch beiseite, unsereinem jedenfalls hat die Gegend nie gehört. Und dann lehnte er sich zurück, denn nun kamen welche von den Nachbartischen; lehnte sich zurück und begann vor sich hin zu trällern, Riesengebirge, deutsches Gebirge, welches ein Lied war: Dieser Rübezahl also.

|56|Der war aber ein ähnlicher Fall wie dieser Stülpner, Störtebeker, Andreas Hofer, Schatzhauser im grünen Tannenwald, lauter ähnliche Fälle. Vielleicht, daß die Leute sich einen zurechtmachen, wenn keiner da ist, der hilft. Der Stülpner freilich soll gelebt haben und dieser Rübenzähler doch wohl nicht. Dennoch: je mehr einer tot ist, um so besser taugt er zu solcher Figur. Die Leute brauchen immer einen, der hoffen läßt. Und Frank Allan, den Rächer der Enterbten. Und Winnetou nebst Old Shatterhand, die immer im richtigen letzten Moment kamen, den Unschuldigen herauszuhauen aus zwölffacher Übermacht. Wenn einem selber alles schiefgeht, braucht man um so nötiger einen, dem alles gelingt. Wenn nichts sich ändert in der Wirklichkeit, erfindet man sich einen, der kommt und ändert. Und für alle war gesorgt: Hans im Glück für die Gemütlichen, denen irgendwas vom Himmel fallen muß; eine Stillhaltegeschichte für Stillhalter. Für die anderen der Stülpner, der’s nicht hinnimmt, der Störtebeker, der gleiche Teile macht – dieser hier hat mit dem Glückshansel nicht viel im Sinn, der ist ihm zu fade; hingegen einer, der auszieht, die Finsterlinge zu verhauen, der ist schon eher sein Mann …

»Also«, sagte Peter Loose, sitzend am Hundshübel zu Bermsthal, »also: Hoch die Tassen, und der Stülpner soll leben!«

Da tat ihm ein jeder Bescheid.

Aber dann stülpten sie ihre Taschen um und fanden nichts mehr, und Bierjesus fand, es sei auch genug. Peter Loose sah zum Fenster hin, das war nun schwarz und fremd. Bloß ein paar blasse Lichter von den Halden sah er, wenn er lange hinsah, und ein paar Lichter vom Dorf: das schien weitab. Loose sagte: »Du kennst doch hier viele?« – »Schon«, sagte Bierjesus, »aber geborgt wird nicht.« Das war nun ein Mißverständnis. Loose hatte wissen wollen, ob der Alte vielleicht das Mädchen kenne aus der Bahnhofskneipe. Das war aber nichts für lange Erklärungen, er ließ es nun lieber. Er sagte: »Alsdann. Schluß für heute.«

|57|Er dachte aber noch immer an das Mädchen Ingrid, als sie schon den Hundshübel hinabgingen. Er versuchte die Lichter vom Bahnhof zu finden, glaubte auch, er hätte sie, dann war er aber wieder nicht sicher. Er dachte: Ich werde morgen einfach hingehen.

Als sie den Rabenberg erreichten, bog Bierjesus zum Dorf ab. Kleinschmidt war zum Umfallen müde, auch Peter Loose ging langsamer. Die Schicht war hart gewesen, sie steckte ihm in den Knochen. Dieser Magaziner, dachte Peter Loose, das ist also die Sorte, die hier wächst. Irgendeinen Stich haben die alle. Und wenn sie nicht beim Kommiß waren, dann sind sie aus ihren Kuhdörfern nie herausgekommen. Das fiel ihm überall auf, wo er hinkam: daß die Leute so seßhaft waren. Was war es nur, das sie hielt? Unter all den Erklärungen, die er wußte, war keine einzige, die ihm gefiel.

Im Lager war noch Lärm. Mehlhorn und Müller waren nicht da, das Zimmer war dunkel. Es war genauso öde wie am ersten Tag. Loose öffnete seinen Schrank, er spürte gleich, daß etwas nicht in Ordnung war. Dann sah er, daß sein Brot fehlte und das Stück Wurst; nur die Büchse mit der Marmelade stand noch an ihrem Platz. Kleinschmidt sah auch in seinem Spind nach, aber bei ihm fehlte nichts. Allerdings hatte er seit gestern ein Vorhängeschloß davor, so leicht konnte niemand hinein. Er wollte gleich zu Fischer hinüber, Bescheid sagen. Aber im Zimmer des Alten war kein Licht.

»Laß nur«, sagte Loose. »Ich werd mir den Mehlhorn vorknöpfen!«

Kleinschmidt sagte: »Aber wie willst du das wissen? Hier kann doch jeder aus und ein gehen, wie er will.«

Darauf sagte Loose nichts. Er ärgerte sich, weil er wußte, daß Kleinschmidt recht hatte. Man konnte nur in Zukunft besser aufpassen. Und man konnte ein Schloß kaufen, wie die anderen. Das ärgerte ihn sogar am meisten. Und hätte dabei gar nicht sagen können, warum.

 

|58|Anderntags, nach der Schicht, als es in Strömen regnete, riß einer die Zimmertür auf und schrie: »Es gibt Bratheringe!« Den kannte Loose schon: Er hieß Titte Klammergass und war Kipperfahrer. Er ging von Tür zu Tür mit dieser Nachricht.

Sie gingen gleich los, die Gummijacken über den Kopf gezogen.

Die Bratheringe gab es in einem Seitenraum der Küchenbaracke, der als Verkaufsraum diente. Die Kumpel kamen von allen Seiten. Loose sah zum erstenmal richtig, wie viele Menschen in diesem Lager lebten. Der Lagerverwalter stand vor dem Eingang und schrie: »Seid doch vernünftig, es ist für alle da! Wir rufen barackenweise auf!« Darauf wollte sich aber niemand einlassen. Erst als die Verkäuferin herauskam, rührten sie sich. Die Krawoleit war eine Frau von vierzig, sie war aus Ostpreußen und hatte das Lager mit aufgebaut, sie war länger da als alle. »Also macht ihr nun, oder macht ihr nicht«, sagte die Krawoleit. Und: Daß sie lieber ihr Öfchen anpäsern sollten und sich den Hintern wärmen, statt bloß so rumzustehen bei diesem Mistwetter. Sie stand massig in der Tür, hatte die Arme in die Hüften gestemmt, also: Wo sie recht hat, hat sie recht.

Erst kam die Baracke drei, dann die vier, da hatten sie Zeit bis vierundzwanzig. Sie gingen in die Küchenbaracke, da gab es ein Radio. Aber das Radio war kaputt, das erfuhren sie von den anderen, die schon da waren. Der dicke Mehlhorn kam zu ihnen und sagte: »Hol doch deine Gitarre, spiel einen.«

Loose sagte: »Wenn du sie holst …« Da war der dicke Mehlhorn schon unterwegs.

Schachtzimmermann Müller sagte: »Wie der auf einmal laufen kann!«

Dieser Müller war ein merkwürdiger Vogel. Wenn die einen auf die Politik schimpften, schimpfte er mit, er schimpfte aber auch mit den Politischen mit, man wurde nicht schlau aus ihm. Er war Tischlergeselle in einem Dorf in der Börde |59|gewesen, und er hatte bei einem Großbauern gewohnt, der immer mit dem Ablieferungssoll in Verzug war und geizig bis dahinaus. Der Tischler hatte erzählt, wie der Bauer den Leuten aus der Stadt Radios und Teppiche abnahm für ein paar Sack Kartoffeln, er schacherte ihnen das Blaue aus dem Auge. Aber einmal war er hereingelegt worden. Da war ein Lkw auf den Hof gefahren, heraus stieg der Ablieferungs-Bevollmächtigte, der hatte einen Offizier von der sowjetischen Kommandantur dabei und ein paar Mann. Nu, wieviel du Hühner? fragte der Offizier. Vierzig, sagte der Großbauer. Und nachzählen sollten sie mal selber, das Viehzeug bekämen sie nie im Leben zusammen, das gackerte bunt durcheinander in Haus, Hof, Wiesen, Ställen, Scheuern. Aber der Offizier hatte seinen Leuten einen Wink gegeben, die hatten auf einmal alle Taschen voll Gerste, die streuten sie aus: Putputputput! Und es strömte herbei, gackerte, pickte, krähte und scharrte, gut hundert an der Zahl versammelten sich des Großbauern Leghorn- und Italienerhühner, Rhodeländer und Wyandotten, die fleißigen Eierleger und stolzen Bespringer, die braven Glucken und fetten Kapaune, und mußten nur noch abgezählt werden, vierzig nach links, der Rest auf den Lastwagen. Eitel Freude herrschte auf dem Hühnerhof, alles glänzte vor Vergnügen, der Offizier gab’s schriftlich. Und das war mal ein Spaß, hatte der Schachtzimmermann gesagt, das erzählen die Leute heute noch.

Je nun. Und so einem geschah das ganz recht. Aber was soll uns das alles?

Loose sah zu Kleinschmidt hin, der schon wieder am Einschlafen war: Er konnte noch immer nicht begreifen, was der im Schacht verloren hatte. Er setzte irgendeine unbestimmte Hoffnung in den Mann. Es gab dafür keinen Namen. Es war nur ein unklarer Gedanke, oder es war nicht mal das. Er spürte aber, daß alles mit ihm zu tun hatte, all das hier, und alles an dem da. Er hatte das schon gespürt, als sie in dieses Lager eingezogen waren, und er hätte einiges dafür gegeben, |60|hätte er erfahren können, was in diesem Kleinschmidt jetzt vorging.

Der war aber ganz anderswo, die Geräusche waren weit weg, er hatte bloß den Wunsch, hier sitzen zu bleiben und nie wieder aufzustehen. Vielleicht saß er daheim in seinem Zimmer. Natürlich war er dort. Er hatte ja oft so gesessen über einem Buch, und war darüber eingeschlafen, und wußte noch genau, was darin vorgekommen war. Sie hatten also den Mehlhorn zum FDJ-Gruppenleiter der Baracke gewählt, weil kein anderer es machen wollte, und jemand hatte gesagt: Es gibt welche, die werden immer wieder gewählt, nur, damit sie neue Gelegenheit haben, etwas nicht ganz falsch zu machen. Im Grunde weiß jeder Bescheid, aber dennoch läßt man es dabei. Und der mußte also wohl den Mehlhorn von früher kennen. Es war dieser Bergschicker, und er sagte, so einen wie Krieg und Frieden müßten sie haben, aber er wußte natürlich, so einen hatten sie nicht. Und Kleinschmidt wußte: Wenn man ein Herz hätte wie der Loose, dann könnte man es vielleicht machen. Er wußte auch: Da ist etwas falsch, und sie wissen es alle. An der Schule wählten sie auch immer den, der sich anbot, denn von denen, die gut gewesen wären, bot sich keiner an. An der Schule hatten sie immer einen gehabt, der nichts weiter konnte als das. Der war auch nicht in den Schacht gegangen, der hatte schon lange seinen Studienplatz. Es kam immer so, daß einer da war, der es sah, der war aber immer der Schwächste, und er kam kaum für sich an gegen die anderen, geschweige denn noch für andere. Es war schlecht, wie es war, und falsch, aber es war so.

Kleinschmidt wurde wach, als Loose zu spielen begann, aber dann döste er weiter. Er hörte sie singen, und er hörte den Schachtzimmermann Müller sagen, die Krawoleit, die wäre schon richtig. Ihm fiel aber nicht ein, wer die Krawoleit war. Er dachte angestrengt nach, aber er konnte sich nur an das Mädchen in der Bahnhofswirtschaft erinnern, und die war es natürlich nicht. Er hob den Kopf und schlug die Augen |61|auf, da sah er: Müller sang gar nicht mit, der gähnte. Mehlhorn saß beiseite und schien richtig vergnügt. Kleinschmidt hatte plötzlich eine ganz kalte Wut auf diesen Mehlhorn. Der hatte gut vergnügt sein, der hatte seinen Druckposten, die ganze Schicht hatte er bloß mit dem bißchen Holztransport zu tun, dem fiel dann hinterher nicht der Kopf auf die Tischplatte. Er war jetzt ganz leer, er war elend wie nie zuvor. Er hörte den Loose sagen: Na, ausgeschlafen? Er hätte sich nur aufzurichten brauchen, dann hätte er mit den anderen am Tisch gesessen und dazugehört. Er sah das sogar im Halbschlaf ein. Aber er kam einfach nicht hoch, und dann hörte er auch auf, etwas einzusehen. Er war nun endgültig ohne die anderen. Der Tisch stieg hoch mit ihm, und dann bewegte sich nichts mehr. Er schlief jetzt fest.

Loose schob dem Zimmermann plötzlich seine Marke hin und sagte: »Du kannst mal meine Heringe mitholen, die kannst du ihm geben. Ich fahr ins Dorf runter, ich muß da jemand besuchen.« Der Zimmermann steckte die Marke ein und nickte. Er fragte nichts. Nur Mehlhorn sah neugierig herüber. Aber Loose beachtete ihn nicht, er sah den schlafenden Kleinschmidt, er hatte genug von dieser Baracke. Er wäre jetzt auch im dicksten Regen gegangen, aber zum Glück nieselte es nur noch leicht. Er steckte die Gitarre in den Sack und sagte zu Mehlhorn: »Nimm sie mit rüber.«

Einen Bus oder Kipper hoffte er an der Kreuzung zu erwischen. Er hatte die Gummistiefel an, und er ging gleich quer durch den Wald. Er dachte: Sie muß doch da sein, sie wechseln die Schicht doch nicht unter der Woche. Er würde einfach warten, bis sie abgelöst wurde. Es roch stark nach frischem Holz, jetzt, da der Regen aufhörte. Er ging nicht besonders schnell, er hatte Zeit. Er war aber froh, daß er etwas vor sich hatte ganz für sich.

|62|III. Kapitel

Der Präsident stand auf der Tribüne der Linden-Universität. Er hatte die Hände über dem Mantelknopf verschränkt, unter dem Wollschal war die altmodische Krawatte zu sehen; er sah herab auf die Menschenmenge, die sich in der Straße drängte von der Museumsinsel bis zum Brandenburger Tor. Unten trugen sie Fahnen vorbei, Spruchbänder, Transparente. Eine halbe Stunde zuvor hatte der Präsident eine Rede gehalten. Es war die erste Präsidentschaftsrede in Deutschland, die von einem Manne gehalten wurde, der Arbeiter war, bevor er Präsident wurde. Es war eine kurze Rede gewesen. Sie hatte nichts zu bieten außer der Wahrheit eines Sieges, der die Kämpfe nicht beendete.

Unten zogen sie Kopf an Kopf. Sie kamen aus der gespaltenen Hauptstadt des gespaltenen Landes, aus dem Oderbruch und den südlichen Gebirgen, den Elbniederungen und vom platten Lande. Sie kamen aus vielen Städten. Die rote Arbeiterfahne wehte; manch einer trug sie, der sich nicht zu ihr bekannte. Es zogen Sieger und Besiegte, Aufrechte und Gebeugte, Schuldige, Mitschuldige, Unschuldige. Einer schleppte sich auf Krücken vorbei. In einer Reihe gingen die eben ausgezeichneten ersten Aktivisten. Einer im Ulster kam. Schalmeienkapellen dröhnten, Holzpantinen heimgekehrter Kriegsgefangener klöppelten das Pflaster. Es gingen Trümmerfrauen. Jünglinge mit lang flatternden Haaren kamen neben Mädchen mit hungrigen Gesichtern, Eisenbahner neben Soldaten, ein Fanfarenzug marschierte auf. In den Ruinen brachen sich Sprechchöre, Fanfarenstöße, knatterndes Fahnentuch im Wind.

Der Präsident sah herab, er sah unzählige Gesichter, sah manchmal ein einzelnes. Er stand inmitten der Mitglieder der |63|neuen Regierung, neben ihm stand der Ministerpräsident. Möwen flogen, Nahrung suchend, beständig ab und zu. Der Präsident lächelte.

Unten zog Nickel. Er trieb im Strom die Straße hinab, Hände in den Taschen seiner Joppe, die Luft war kalt und kroch an den Beinen aufwärts. Nickel ging unter den Leuten, aber er kannte hier keinen. Es waren Arbeiter, das sah er, Metallarbeiter. Es war noch ein Mädchen mit einem versilberten Kreuzchen am Revers dabei, das gehörte wohl auch nicht dazu. Man brauchte auch nur in die Gesichter zu sehen, da war auf keinen Gott zu hoffen. Ein Transparent kam vorbei, das konnte er nicht entziffern. Er ärgerte sich nun, daß er allein gegangen war. Es war anders, wenn man wußte, mit wem man ging. Er hätte noch genügend Zeit gehabt. Aber er hatte schon Abschied genommen, er war schon fort. Er sah über die Köpfe hin, sah ein Stalinporträt, das war auf dünnen Stoff gemalt. Stalins Gesicht wippte lächelnd über geschlossenem Uniformrock.

Vielleicht war es besser so. Man kann nicht ewig die gleichen Ratschläge anhören, die gleichen Hände schütteln, für die anderen war er schon unterwegs. Nur spürte er ringsum, daß diese Leute in einer gemeinsamen Erwartung marschierten, in die er nicht hineinfand. Sie war freudig bei vielen. Er war eher bedrückt. Es war nicht gut, wenn alles offen war. Dieser Tag war nicht gut zum Abschiednehmen. Er nahm sich aber nun zusammen: Er hatte ihn herbeigewünscht, er hatte daran mitgearbeitet; von heute an, wußte er, würde es leichter sein.

Der Himmel hing niedrig über der Stadt, es sah nach Regen aus. Da oben im Gebirge, dachte Nickel, wird vielleicht schon Schnee liegen. Er war nie vorher dort gewesen, er hatte keine rechte Vorstellung. Er war in dieser Stadt aufgewachsen, die war ihm vertraut. Dann kannte er noch das Land bis zur Oder hinüber: Gefangenschaft, Minenentschärfen, drei Finger der linken Hand. Das waren die letzten Kriegstage, |64|und er hatte froh sein müssen, daß er so davonkam. Siebzehnjährig war er heimgekehrt, er hatte das Ende gesehen und keinen Anfang. Vielleicht geht das alles mit, wenn einer hier marschiert. Diese Erwartung ist vielleicht bloß der Halt, den jemand sucht in dem, was nun kommen muß: nichts gänzlich Neues vielleicht, aber doch anders als das, was war.

Er hatte immer geglaubt, daß einmal etwas Festes kommen müsse und Endgültiges, daran man sich halten könnte. Er hatte nur lange nicht gewußt, woher.

Er ging nahe am Straßenrand und sah nun schon die Fahnen vor dem Portal und die Absperrung. Der Wind kam in Böen, fuhr über die Reihen hin, es war schneidend kalt. Das Mädchen mit dem Kreuz war weit abgetrieben. Dicht vor sich sah Nickel zwei Frauen, die abwechselnd ein Kind trugen, das in eine Decke gewickelt war. Hinten kamen welche, die waren aus Sachsen herbeigeschafft worden in einem Sonderzug, er hatte vorhin schon davon gehört. Sie hatten aber einen Abstecher in den anderen Teil der Stadt gemacht, sie trugen Bücklingskisten unterm Arm, mit dem anderen winkten sie. Er sah die Frauen wieder, und er dachte, daß sie das Kind nicht hätten mitnehmen dürfen bei diesem Wetter. Das Mädchen mit dem Kreuz sah er nicht mehr. Es war gar nicht zu denken, was sie suchte bei dieser Demonstration. Aber die Frauen hätten an das Kind denken sollen, dachte er. Welcher von beiden gehörte es wohl?

Dann immer Stimmen, Gesänge, ein paar Sätze Gespräch. Jemand war der Meinung, daß es nun besser werden müsse. Ein anderer sagte, daß es schon paarmal hätte werden sollen, es würde aber nie. Und daß er nicht satt würde von Zeitungsreden. Aber von »Mein Kampf«, sagte der erste. Von »Mein Kampf« bist du ganz schön fett geworden.

Unter den Linden. Knobelsdorffsche Fassaden noch und Schinkelsche und Schlütersche, auch etwas von Schadow. S. M. der Kaiser. Der letzte hieß Wilhelm und floh in die Niederlande, wo er begraben liegt. Hingegen lebt sein Sohn. |65|Der bekam Schloß Cäcilienhof zurück 1923, dort fand die Potsdamer Konferenz statt 1945, Stalin und die anderen. Obergärige Schulstunden, das weiß man noch: Kurfürst Friedrich der Dritte wurde im Jahre 1701 zum König Friedrich dem Ersten in Preußen gekrönt, in und nicht von, weil Ostpreußen nämlich polnisch war damals. Also Nickel. Also wiederhol mal. Dann lieber Friedrich II. oder der Große, Sohn Friedrich Wilhelms des Ersten oder Soldatenkönigs. Führte die Schlesischen Kriege, welche zur ersten und zweiten polnischen Teilung führten, schlug die Schlachten bei Roßbach und Leuthen und wurde geschlagen bei Kunersdorf. Der also, und auch in Sachsen fiel er ein, und ist mal befreundet gewesen, der Alte Fritz also, mit diesem Franzosen, und hat halt französisch gesprochen und die Flöte gespielt; deutsch gesprochen wurde damals vorwiegend in Weimar. Die Schlacht bei Fehrbellin hingegen, die schlug er nicht. Die hatte bereits der Große Kurfürst geschlagen, der auch den Westfälischen Frieden schloß. Das wolln wir mal festhalten. Das reicht ungeheuer zurück.

Und nichts natürlich von den Achtundvierzigern und vom November achtzehn, Marstall nichts und Landwehrkanal, auch nichts vom Reichstag, dessen Ruine zu besichtigen ist lindenabwärts.

 

Ringsum reden sie.

Die Linden sind abgeholzt.

Ein schmutziges Laken hängt an den Zinnen der Schloßruine: Der Himmel.

Und Nickel sang nun doch mit, ohne die Lippen zu öffnen, stumm, merkte auch nichts, hatte nur solche Erinnerungen. Wie er heimgekommen war, kahlgeschoren, und fand die Straße noch, fand das Haus nicht mehr, ein Haufen Schutt, ein Mauerrest, fand keinen, der ihm Auskunft gab, kein Freund, keine Mädchen, keine Antwort. Irrte umher, tagelang, Tausende irrten umher. Der schwarze Markt stieß ihn |66|aus, Bunkernächte blieben. Fand aber doch eine Spur, fand die Laube am Stadtrand, Bahndamm in Köpenick, Bodensenke, darin sammelte sich aller Nebel der Mark Brandenburg. Die Mutter lebte. Von Brennesseln und Löwenzahn. Er ging auf den Bau, er putzte Ziegel. Aber was ist einer schon für ein Arbeiter mit so einer Hand. Seinen früheren Meister suchte er und fand die Werkstatt, aber was ist einer schon für ein Schuhbesohler mit nichts und für nichts und wieder nichts. Er saß am Bahndamm, zupfte Unkraut, zählte Kartoffelstauden; eines Morgens, als er sie ausnehmen wollte, waren sie dennoch fort. Alles, hatte Fritze Coburger gesagt, bloß ums Verrecken nicht das hier. Fritze Coburger bewohnte die Laube nebenan. Mit ihm war er gegangen, kleine Tauschgeschäfte, kleine Gelegenheitsgeschichten. Drei Wochen lang, dann hatten sie ihn geschnappt. Nichts Besonderes weiter, nur die Ware, die Stange Zigaretten, das Tauschkapital, das war weg. Der Schreck saß ihm so in den Knochen, daß nicht mal die Wut ihn mehr hochtrieb. Da war ein Mann draußen am Stadtrand, der las ihn auf. Da war ein Bauer, der gab ihm Arbeit.

Im Frühjahr kamen welche, die sagten: Schön blöd, Mann! Bissel Essen und vier Mark – noch nie was von Tariflöhnen gehört? Er hatte aber nicht den Mut, sich mit dem Bauern anzulegen. Er war froh, daß er untergekommen war. Er schwieg. Nur manchmal, am Sonntagabend, wenn nichts mehr zu tun war, da ging er doch hin zu denen. Die hießen Antifa-Jugend, die hatten einen Raum ausgebaut im ausgebrannten Volkshaus, sie nahmen ihn auf ohne viel Worte. Er blieb lange fremd unter ihnen. Bis er herausfand, daß sie nicht nur so redeten, sondern ihm helfen wollten, nicht mal um seinetwillen; sie wollten einfach alles anders machen. Da ging er zu seinem Bauern und verlangte, ungeübt noch, das seine. Der Bauer verdoppelte den Lohn. Es war noch immer nicht die Hälfte von dem, was ihm zustand. Als die Ernte begann, forderte er wieder. Der Bauer sagte aber nun: Treib’s |67|nicht auf die Spitze, mit deiner Hand, was bist du mir schon für ein Arbeiter. Und warten solle er bis nach der Ernte, da wolle er weitersehen. In der Antifa-Jugend sagten sie ihm: Laß ihn doch, den Kulaken. Und wir hätten vielleicht was für dich. Er sagte erst, daß das überlegt sein müsse, aber er hatte im Grunde schon zugesagt. Er wurde Angestellter in einer Lebensmittelkartenstelle. Dann wurde er Sachbearbeiter in einem Berliner Bezirksarbeitsamt. Er besuchte Versammlungen und Schulungen, nie schloß er sich aus. Die anderen fragten ihn, ob er nicht auch den nächsten Schritt tun wolle, und er tat ihn. Fast immer waren es die anderen, die ihn auf den Weg brachten, und er dachte manchmal, daß doch irgendwas sein müsse an ihm, das sie dazu bewog – oder daß er vielleicht gar nicht der sei, für den sie ihn hielten. Oft fürchtete er, daß er etwas falsch machen könnte, und daß sie sagen würden: Er ist doch nicht der Richtige. Er tat aber weiter alles so, wie sie ihm rieten, und er erfuhr jedesmal ein bißchen mehr von ihnen, von der Welt, wie sie sie sahen, und von sich selber auch.

Die Reihen strafften sich. Trommelschläge dröhnten. Wann wir schreiten Seit an Seit. Viele marschierten jetzt im Gleichschritt.

Nickel sang mit, er mußte singen, was alle sangen. Das Stalinporträt schwankte nach links und gab den Blick zur Tribüne frei; Nickel sah den Präsidenten. Hochrufe kamen herübergeweht. Fanfarenstöße hallten. Tausende drängten nach, aber vorn ging es nicht weiter. Die Menge dröhnte, die Menschen schienen mit aller Kraft bemüht, eine unsichtbar über ihnen liegende Last hochzuheben. Alles Einzelne schwieg. Alle Stimmen hoben sich auf. Nickel stand eingekeilt, die Gesichter verschwammen. Der Lärm brodelte über den Köpfen und schwoll an, ebbte ab, hallte wider; Fahnen wurden geschwenkt, Lautsprecher krächzten. Nickel hatte keine Vorstellung mehr vom Ausmaß dieser Demonstration. Er sah weder Anfang noch Ende. Er sah Menschen, wohin er auch |68|sah: auf Mauersimsen und Laternenmasten, an Eisenzäune gepreßt, die Absperrung hatte nicht standgehalten. Er dachte plötzlich: Das ist der Rote Platz. Da standen die Führer auf breiter Empore über dem Mausoleum vor riesigem Areal, auch die ausländischen Kommunisten, auch die deutschen; aber nun standen sie hier, und dies Land demonstrierte, das hatte es zwölf Jahre nicht, nur Paraden und Aufmärsche, und die Kunst der Paraden war die einzige Kunst gewesen; oder die Kriegskunst. Halbwüchsige kletterten in den Ruinen, einer rutschte ab, schien herabzustürzen auf das Pflaster und riß Schutt mit, da schrie die Menge auf; aber er hatte schon Halt gefunden an einem Eisenträger, zog sich hinauf, kümmerte sich nicht um die, die die Fäuste schüttelten gegen ihn. Tausend Jahre eiserne Ordnung, Heroismus, Hygiene, Wagner-Opern, gepflegte Infanteriewaffen. Nun gingen sie wieder. Keiner befahl. Drängten sich, stießen einander, kamen irgendwie voran. Tausend Jahre und eine Nacht. Und plötzlich wurde die Menge von einer irgendwo entstandenen Kraft gesprengt, ein Keil stieß vor, fing den Druck, brach eine Bresche. Nickel wurde mitgerissen, Ausweichenwollen, Weitermüssen, der Strom teilte und schloß sich, ließ Inseln aus, riß sie dann doch mit – er floß breiter dahin und nun langsamer, er gab Ausblicke frei und Umschau, zog mählich fort, stand manchmal still, versickerte sanglos-klanglos, sickerte maßlos, sickerte namenlos-endlos, versickerte spurlos in Seitenstraßen.

Er war nun draußen. Er stand allein auf breitem Gehstreifen in der Straßenmitte. Links marschierte geordnet eine Kolonne vorbei. Rechts kam ein einzelner mit eingerollter Fahne. Eingerollte Fahne mit einem einzelnen. Er fröstelte wieder. Er sah auf die Uhr: Es blieben zwei Stunden.

Er ging langsam durch die Nebenstraßen. Er ging zum S-Bahnhof. Immer noch gingen viele in den Straßen, in dieser Richtung, in Grüppchen und einzeln. Die Abendschatten krochen aus den Ruinen, es wurde sehr schnell dunkel.

|69|Es gab kaum Wohnhäuser in dieser Gegend, überhaupt kaum Häuser, keine Straße war beleuchtet. Manchmal finstere Fassaden. Manchmal Geräusche. Vor einer Toreinfahrt patrouillierte ein sowjetischer Soldat, sprach leise mit einem zweiten, der am halbgeöffneten Torflügel lehnte, rauchend. Ihn bat Nickel um Feuer. Er hatte das Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen. »Kalt«, sagte er, »cholodnij.« – »Da«, sagte der Soldat. Und dann sagte er: »Paschalissta, weitergehn.«

Nickel ging weiter. Da war noch ein Nachklang. Da war schon das andere. Aber sie hatten dort alle beieinander gestanden, unübersehbar, und gingen nun irgendwohin: wenn das durcheinanderkäme, wenn jedes plötzlich einen anderen Platz einnehmen wollte, wenn jeder den seinen vergessen würde oder abgeschnitten würde von ihm … Ein Gesetz, das nirgends fixiert war. Etwas Festes auch dies. Jeder kam an, wo er immer ankam. Jeder tat, was zu tun war. Keiner, der es überschaute. Dennoch funktionierte es. Nickel stellte sich vor: Wenn aber doch einer insgeheim lenkt? Er stellte sich vor: Wenn aber doch einer Macht hätte über das alles? Er war dieser eine. Er hatte den Mechanismus geschaut, er wußte, wo einzugreifen war, er allein war vorbereitet. Er sah Wege sich kreuzen, Linien emporsteigen und andere fallen, sah diese Millionen Pünktchen und ihr Zögern und ihren Gang: Er allein konnte den Augenblick bestimmen und die Richtung. Er dachte: Ich würde alles tun, daß es gut würde für alle. Irgendwie würden sie es dann erfahren und sagen: Wir haben uns nicht getäuscht. Er hatte das immer gewollt. Und nur die Gelegenheit, die blieb immer aus.

Wenn einer diese Straßen entlanggeht, an geborstenen Mauern vorbei und verschütteten Gräbern, vielleicht ist es dies: Konturen, die nicht halten wollen – ist es die Zeit, die mit uns umgeht, gehn wir mit der Zeit um? Sprüche standen auf Fahnen und Koppelschlössern, tropften aus Lautsprechern, aus den Mündern der Lehrer. Einer, der aus Bad Kreuznach kam, hatte gesagt: Wir haben noch mal Glück gehabt, |70|wir sind noch mal davongekommen. Oder muß jeder zahlen, so oder so? Er sah die Silhouette der Stadt gegen den farblosen Himmel, gegen die fraglose Dunkelheit – vielleicht war das alles? Diese geordnete Unordnung, sonst nichts?

Dann hörte er die Leierkastenmusik. Mitten in den Trümmern ein paar Buden, zwei, drei Karussells, das Licht spärlich, Farben keine. Ein Vorstadt-Tingeltangel mitten in der Stadt. Er kam an einem Kettenkarussell vorbei, da oben flogen sie, Mädchen mit wehenden Röcken, Burschen, die die Mädchen immer wieder zu sich heranzogen und Schwung gaben und abstießen, sie schwangen hoch hinaus. Aber es war von dort nichts anderes zu sehen als von hier. Ein paar Lichter, in die Trümmer getupft. Zu viele Menschen für den winzigen Platz. Es war ein Rechteck, halb so groß wie der Platz am Schiffbauerdamm, nur daß kein Wasser da war, und keine Brücke. Er war schon vorbei. Das Orchestrion war noch eine Weile zu hören. Da dachte er plötzlich: Als in Warschau das Ghetto brannte, haben sie an der Ghettomauer einen Rummelplatz aufgemacht. Er hatte das in einem Film gesehen. Deutsche Soldaten, die an Schießbuden standen und mit polnischen Mädchen schäkerten, die Karussell fuhren und Bier tranken, während von jenseits der Mauer der Rauch herüberzog und die Stille, und Schüsse manchmal auch …

Er ging durch seine Stadt. Es war vielleicht das letzte Mal für lange Zeit. Morgen würde er im Gebirge sein, in dieser Papierfabrik, er hatte den Lehrgang mit Gut absolviert, obschon er auch daran erst nicht hatte glauben wollen – gab’s denn da keine freundlicheren Bilder?

Und war denn alles schon so lange her? Daß er das Einmaleins gelernt hatte und die Biographie Horst Wessels? Hinter einem blassen Vorhang Vergangenheit spielte ein schmächtiger Knirps Fußball, das Fenster im Lager des Seifen-Grossisten klirrte in Scherben. Er stand auf dem Zehn-Meter-Turm des Wiking-Bades, unten das winzige Rechteck Bassin, am Beckenrand die Meute seines Jungzuges, aber die Schreie |71|drangen nicht herauf zu ihm, der stand, stand, nicht zu springen wagte. Er lag bei der Mutprobe für das Fahrtenmesser bäuchlings über der Dolchspitze, der Dolch war mit dem Griff in die Erde gerammt, Liegestütz, auf und nieder, zehn und zwanzig und weiter, bis die Ellenbogen sich nicht mehr beugen wollten, bis der Schweiß ausbrach und das Herz sich verkrampfte. Er hatte noch einmal Glück gehabt. Morgen war er wer. Ein Personalleiter, wie stolz das klingt. Und war doch immer er selber. Und hatte nur immer neu zu entscheiden. Als ob man die Dinge hätte, wenn man die Namen hat.

Er ging durch seine Stadt, und er dachte: Es ist ja doch nichts Endgültiges, natürlich komme ich wieder, ich kann ja auch ganz zurück. Ja, dachte er, es hängt doch von mir ab. Entscheidungen, dachte er, das ist doch nichts für die Ewigkeit.

 

Er traf die Mutter an der Gepäckausgabe, wie sie es vereinbart hatten. Sie stand schmal und gebückt vor einem Kinoplakat, sie kam ihm entgegen. Er sah die gekalkte Fläche hinter ihr und die Reklame: DIE MÖRDER SIND UNTER UNS! Er sah, wie mager sie war und wie verhärmt. Mein Gott, sie war doch erst fünfundvierzig.

Dann standen sie an irgendeinem Schalterfenster und schlürften Heißgetränk. Die Mutter sah ihm zu. Sie war nun wieder allein. Sie war allein gewesen drei Jahre nach der Geburt des Jungen, als der Mann fortgegangen war, aber eigentlich schon vorher. Sie hatte allen Mut gebraucht. Der Junge hatte nicht werden sollen, wie der Mann gewesen war. Er war’s auch nicht. Er hatte ein ordentliches Handwerk gelernt, und wenn er’s auch jetzt nicht ausüben konnte: wer weiß, wozu es gut war. Sie hatte immer getan, was sie konnte, und auch die Hoffnung hatte sie nie aufgegeben. Nur gegen den Krieg konnte sie nichts. Da hatte sie Nachrichten gehört, jeden Tag, das hatte sie früher nie. Sie hatte nicht gewußt, was |72|das ist, ein Brückenkopf. Aber sie hatte sich erkundigt und hatte alles behalten: Panzerspitze, Absatzbewegung, Kesselschlacht, starke feindliche Kampffliegerverbände. Immer hatte sie gedacht: Er muß doch wiederkommen. Es muß doch einen Sinn haben. Sie dürfen ihn mir doch nicht … Sie hatte wieder beten gelernt.

Sie holten den Holzkoffer aus der Gepäckaufbewahrung, den er aus der Gefangenschaft mitgebracht hatte. Sie stiegen die Treppe zum Fernbahnsteig hinauf im Strom der Entgegenkommenden, der Aufgang war nur halbseitig benutzbar.

Der Zug war schon eingefahren, er war hoffnungslos überfüllt. Sie gingen am Zug entlang, sie hielt seinen Ärmel fest. »Schreib mir bald«, sagte sie hastig, »und paß auf dich auf.«

An den Waggontüren drängten sich die Menschen. »Du wirst nicht mitkommen«, sagte die Mutter; das war eine Hoffnung. Sie hielt ihn noch immer am Ärmel. Er setzte den Koffer ab und sah sich ratlos um.

Sie war selten mit einem Zug gefahren in ihrem Leben, und die Bahnhöfe waren ihr immer wie Eingänge zu einer anderen Welt erschienen. Früher hatte sie manchmal den Zügen nachgewinkt, in den häßlichen Hinterhöfen am Rande der Stadt. Früher waren die Bahnhofsuhren Knotenpunkte der Zeit gewesen, die Bahnsteige Schnittpunkte der Hoffnung. Sie hatte geglaubt, daß alle Leute so denken müßten, lauter fröhliche Leute bestiegen die Züge, fuhren irgendwohin, wo es besser war, kehrten heim aus lauter fröhlichen Ländern. Sie dachte jetzt nicht mehr daran. Auch die anderen dachten wohl nicht mehr daran. Dieses Volk war den langen Irrweg einer Nation gegangen, es war des Reisens müde.

»Komm«, sagte Nickel, »wir versuchen es weiter hinten.«

Sie gingen den Bahnsteig hinab, drängten sich durch die Menge, die träge auseinanderwich. Ringsum im Lande verebbte die Flut, die letzten Rinnsale sammelten sich in den Bahnhöfen. Halbwüchsige, die nirgendhin wußten mit sich, |73|ganze Familien auf der Suche nach einer Bleibe, einer Heimat vielleicht. Schieber und Hamsterer, schon wieder welche, die das Abenteuer suchten, manche suchten auch bloß das Gewimmel, suchten ihre Angehörigen, in Hoffnung gehalten von dreizehn Suchdiensten, Heimkehrer dort, geschorene Kriegsgefangene, schon wieder Dienstreisende, manchmal Funktionäre, Sachsen und Ostpreußen, Thüringer und Pommern, ein paar Eisenbahner. In der naßkalten Dämmerung der zerstörten deutschen Bahnhöfe vollzog sich die letzte Heerschau der Gestrandeten.

Es gab immer noch welche, die vor der ersten Klasse zurückscheuten. Hinter dem Postwagen hing ein Waggon I. Klasse, halbwegs verschont, Nickel schob seinen Koffer in den Gang. Er kam nicht weit, aber er kam mit. Er ließ das Fenster herunter. Die Mutter stand auf dem Bahnsteig. Sie redete herauf, aber er verstand sie nicht. Er nickte.

»Und rauche nicht soviel«, sagte sie. »Kauf dir lieber etwas zu essen, wenn du kannst, du kannst es gebrauchen.« Sie stand da in ihrem abgetragenen Wintermantel, ihren ausgetretenen Schuhen, ihr Gesicht war sehr klein. Sie verstand nicht viel von dem, was er da oben im Gebirge zu tun hatte. Sie wußte bloß, daß einem nirgends etwas geschenkt wurde.

Dann kam die blecherne Stimme aus dem Bahnsteiglautsprecher. Die Mutter kramte ein Päckchen aus ihrer Tasche, mehrfach eingewickelt und sorgsam verschnürt. »Es sind Äpfel drin, und Kuchen, und ein paar Zigaretten.« Sie hielt ihm das Päckchen hinauf und seufzte.

Der Zug ruckte an. Die Mutter lief mit dem Wagen mit, solange sie Schritt halten konnte, sie lief bis zum Ende der Halle, und sie lief auch noch, als ihr der Wagen lange davongefahren war. Dann stand sie an der Bahnsteigkante, hob die Hand, als ob sie winken wollte. Außerhalb der Bahnhofshalle verschwand der Zug rasch in der Dunkelheit. Eine Weile noch waren die roten Schlußlaternen zu sehen, dann auch die nicht mehr. Sie stand reglos, die Lippen aufeinandergepreßt, die |74|Hände gekrampft um die Bügel der Einkaufstasche. Hinter der gefältelten Stirn fuhr immer noch das breite Wagenfenster mit dem schmalen Jungenkopf, der Bahnhof begann zu verschwimmen. Lieber Gott, gib auf ihn acht. Lieber Gott, laß ihm nichts geschehen.

|75|IV. Kapitel

1.

RUMMELPLATZ. Leierkastenmusik, plärrende Blechlautsprecher. Der Platz hinter der Bermsthaler Kirche flackert, er lärmt, er bäumt sich. Die Leichen sind ausquartiert, die Gräber evakuiert, vor zwei Jahren schon, als hier ein Schacht getäuft werden sollte. Es wurde aber nichts aus dem Schacht, niemand weiß, warum. Schlacke wurde aufgeschüttet, glattgewalzt, ein Platz für Kundgebungen und Volksbelustigungen. Diesmal heißt der Rummel Weihnachtsmarkt.

Hinter dem Platz lauert die Dunkelheit. Zwei Farben nur hat die Landschaft, weiß und grau, das Dorf ist schmutzig am Tag und schon finster am Nachmittag, abends ist es ein böses, geschundenes, heimtückisches Tier, zu Tode erschöpft und gierig. Es ist ein Tier auf der Lauer, ein Tier in der Agonie, es hat sich verborgen in der Dunkelheit, es schweigt. Der Platz aber ist hell, er täuscht Wärme vor und Lebendigkeit. Ein Triumphbogen eröffnet ihn, aufgestockt auf den Resten der Friedhofsmauer, aus groben Latten genagelt und schreiend bemalt. Links ein kerzentragender Bergknappe in der Paradeuniform des versunkenen Silberbergbaus, mit schwarzglänzendem Arschleder und hölzernem Gesicht, fröhliche Weihnacht. Rechts ein Wismutkumpel, markig, erzig, ich bin Bergmann, wer ist mehr!

Der Platz aber ist hell, und die Menschen hier hungern nach Helligkeit stärker und verzweifelter als anderswo. Im Gebirge sind sie fremd, unter Tage sind sie allein, allein mit sich und dem Berg, allein mit ihren Hoffnungen, ihren Zweifeln, ihrer Gleichgültigkeit, allein mit der Dunkelheit und der Gefahr. Die Dunkelheit ist um sie und in ihnen, und ist auch |76|kein bestirnter Himmel über ihnen, da ist nur der Berg mit seiner tödlichen Last und seiner Stille. Als Glücksritter sind sie aufgebrochen, als Gestrandete, Gezeichnete, Verzweifelte, als Hungrige. Sie sind über das Gebirge hergefallen wie die Heuschrecken. Jetzt zermürbt sie das Gebirge mit seinen langen Wintern, seiner Eintönigkeit, seiner Nacktheit und Härte. Wenn nichts sie mehr erschüttern kann, nach allem, was hinter ihnen liegt, das Licht erschüttert sie. Wenn sie nichts mehr ernst nehmen, das »Glück auf« nehmen sie ernst.

Uralte Verlockung der Jahrmärkte. Locker sitzen die Fäuste in den Taschen, die Messer, die zerknüllten Hundertmarkscheine, der Rubel rollt. Zehntausende kamen gezogen, und in ihrem Gefolge kommen die Rollwagen und die Spielbuden, kommt das Schaubudenvolk, kommen die Gaukler und die Gauner, die Narren und die Nutten. Und auch jene, die schon Fuß gefaßt haben oben an den Prozenttafeln, jene, die schon Hoffnung in die Täler tragen und ein Fünkchen Gewißheit, auch sie können sich der Lockung nicht ganz entziehen. Sie mischen sich unter die anderen, die vielen, ein Strähnchen zu erhaschen vom Glück, bestaunen gläubig den Talmiglanz, wissen noch, daß dies nur Ersatz ist für anderes, oder haben es noch vergessen. Allabendlich wälzen sich Menschenströme in die Schaubudengassen, stauen sich an den Karussells, am Bierzelt, an der Preisboxerbude. Allabendlich stehen sie vor den Lautsprechern des Riesenrades und der Berg-und-Tal-Bahn, stampfen den Schlagertakt, wippen in den Kniekehlen, grölen in die Nacht. Schnapsflaschen kreisen, Mädchen kreischen auf, zeigen auf der Luftschaukel ihre Schenkel, die Röcke hochgeschlagen vom Fahrtwind. Es gibt Papierblumen zu gewinnen an Wurf- und Ratzbuden; in den Losbuden Gipsfiguren, nackte Porzellanmädchen, Aschenbecher und Blumenvasen. Bockwürste werden verkauft, Heißgetränke, Grog und Bier und Wodka. Die Wismut ist ein Staat im Staate, und der Wodka ist ihr Nationalgetränk. Hinter den Buden blüht der Schwarzhandel, geliebt wird auf umgestürzten |77|Grabsteinen, auf vergessenen Bänken, an einen Baum gelehnt. Hin und wieder bricht eine Schlägerei aus, dann strömen sie herbei von allen Seiten, bilden einen Ring, feuern die Kämpfer an oder schlagen selber zu. Polizisten lassen sich nach Einbruch der Dunkelheit nur selten sehen. Und wenn schon, dann allenfalls weitab vom Schuß.

2.

In der Frühschichtwoche trafen sie sich fast jeden Abend auf dem Rummelplatz: Peter Loose, Christian Kleinschmidt, der Fördermann Spieß und ein paar andere aus ihrer Baracke. Sie standen am Riesenrad, an der Boxerbude, saßen im Bierzelt. Niemals wurde ein Treffpunkt verabredet, man wußte, wo man einander finden konnte, man fand sich.

An diesem Abend saßen sie im Bierzelt. Saßen vor klebrigen Groggläsern, saßen auf Gartenstühlen an klobigen Bohlentischen, die sie quergestellt hatten im Hinterzelt, saßen im Lärmschatten der Lautsprecher. Mittelpunkt war der Fördermann Spieß, ehemaliger Landarbeiter, er war seit sechsundvierzig bei der Wismut und genoß das Ansehen und die Vorrechte des Alteingesessenen. Weiter als bis zum Fördermann hatte er es in seinen Schachtjahren allerdings nicht gebracht, er war ein bißchen schwerfällig. Spieß hatte als einziger der Runde sein Mädchen mit, seit drei Wochen ging er mit ihr. Sie hieß Radieschen, war mager und klein und zäh wie eine Katze. Sie war Verkäuferin, achtzehn Jahre alt, und Spieß war ihr siebenter Freund. Sie wußte aber, daß es diesmal der richtige war.

Dezemberluft flutete herein, Lärm der Lautsprecher und Leierkästen brach sich an den Segeltuchwänden, Karusselllichter flackerten, Schnüre bunter Glühbirnen. Im Hinterzelt tranken sie Grog, und wenn die Gläser leer waren, tranken sie akzisefreien Bergarbeiterfusel aus mitgebrachten |78|Flaschen, zwei lagen schon leer unterm Tisch. Einer fehlte heute, der sonst immer dabei war: Müller, Siegfried Müller, Schachtzimmermann und Bewohner der Baracke vierundzwanzig, Rabenberg, jedenfalls bis vor kurzem. Kleinschmidt, Loose, Mehlhorn, Müller. Der Tischler war nämlich ausgezogen inzwischen, irgendwohin ins Unterdorf, hatte ein Bratkartoffelverhältnis mit einer Witwe. Nicht etwa deshalb aber fehlte er heute oder, genaugenommen, vielleicht doch. Er hatte sich nämlich einen Tripper geholt bei seiner Witib, man sprach gerade davon.

Der mit der Hasenscharte hieß Heidewitzka, ehemals Leichtmatrose bei der glorreichen KM, in Schleswig aus einem englischen Gefangenenlager ausgebrochen. Heidewitzka meinte: »Wer sich den Tripper holt, der ist selber dran schuld!«

Beifällig johlte die Horde, Liebling vor allem, ein spitzgesichtiger Dürrling, der Jüngste hier und deshalb besonders zotig, in Wahrheit aber war nicht viel dahinter, und wenig wußte er von den Fährnissen der Fleischeslust. Da aber auch von den anderen keiner wußte, wie derlei Unfälle zu verhüten wären, ebbte der Beifall alsbald ab, man harrte Heidewitzkas Verkündigung. Der legte seine braunen Raucherfinger auf den Tisch und sagte: »Das ist ganz einfach. Zuerst gehe ich immer mit dem Tabakfinger ran. Wenn sie da zuckt, ist die Fregatte leck.«

Das war so der Stoff, aus dem das Thema eins gemacht war. Sie saßen in ihren Wattejacken, ließen die Flasche kreisen, gierige Münder in flackerndem Halbdunkel, und dann sangen sie sich eins, ohne Looses Gitarre diesmal, die war in der Baracke geblieben. Das schöne Lied vom Polenmädchen sangen sie, vom Polenmädchen im Polenstädtchen, das innig einen Fritz liebt, heimlich natürlich und fünf Strophen lang, dann aber geht’s ins Wasser, das brave Polenkind, sie liebte einmal nur und dann nicht mehr. Ein Liedchen war das, das hatten schon des Kaisers Feldgraue gesungen, jeder dritte Deutsche wenigstens kannte die Weise und kannte den Text, |79|die Väter vererbten’s den Söhnen und so fort bis auf die Kindeskinder, die Deutschen nämlich sind ein sangesfreudiges Volk, und gar hoch achten sie die kernige Poesie ihrer neueren Volkslieder. Die Horde aber ging vom Polenmädchen zu einer scharfen Tanzweise über, dünner wurde der Gesang, fürs erste war’s genug. Der Zeltwirt brachte eine neue Lage.

Kleinschmidt und Loose saßen am unteren Tischende, etwas abseits von den anderen. Kleinschmidt trank wenig, Loose aber ließ sich langsam vollaufen. Loose wußte, daß sich Kleinschmidt hier nicht wohl fühlte, natürlich nicht, der Herr Oberschüler war Besseres gewöhnt. Der ging nur mit, weil er sich vor dem Alleinsein fürchtete. Wer fürchtete sich denn nicht vor dem Alleinsein, hier, in dieser Einöde, bei dieser Schinderei, wer hält denn nach acht Stunden täglicher Einsamkeit im Schacht noch sechzehn Stunden Einsamkeit über Tage aus? Nichts nützt da die Oberschule, nichts die Gescheitheit, zuerst ist der Mensch Mensch und braucht seinesgleichen. War Peter Loose etwa gern allein? Ja, manchmal schon. Aber das heulende Elend packte einen, wenn man nichts weiter hat als seine vier Barackenwände und seine acht Stunden mit der Schaufel am Stoß, der Stumpfsinn kriecht in die Gehirnwindungen und füllt den Schädel mit Blei, bis er platzt, bis man irgend etwas zerdrischt oder zur Flasche greift oder aufbrüllt wie ein Stier. Schachtkoller nannte man das. Als ob es nur der Schacht wäre! Es war das ganze Elend dieses verpfuschten Lebens, dieses Lebens ohne Aussicht, das einen herumstieß, das blindlings einprügelte auf Gerechte und Ungerechte, das wiedergeprügelt sein wollte, und wenn’s nur zur Erleichterung wäre. Denn ausrichten konnte man wenig, allein gegen alle, es war einem eingetränkt worden bis hoch übern Eichstrich. Und Loose holte die Flasche aus der Jackentasche, er goß Kleinschmidts Grogglas voll bis zum Rand und dann sein eigenes, er stieß Kleinschmidt an: »Los, sauf!«

Kleinschmidt nahm aber nur einen Kinderschluck. Sogar zum Saufen ist er zu fein, dachte Loose. Na, lassen wir ihm |80|Gerechtigkeit widerfahren, er verträgt halt nicht viel. Immerhin, wie er sich durchgebissen hat in den ersten Wochen, das war schon ganz anständig. Loose hatte durchaus bemerkt, wie schwer Kleinschmidt die Arbeit gefallen war und wie oft er nahe daran gewesen war aufzugeben; er war überzeugt gewesen: lange macht der’s nicht. Daß er dennoch durchgehalten hatte, das war eine Leistung, die Loose gelten ließ. Der Mann war nun mal nicht für den Schacht gemacht, wenn man ihn im Duschraum sah, mußte einem das einleuchten. Loose war da aus einem härteren Holz, und er war stolz darauf. Er hatte auch sonst nichts, worauf er hätte stolz sein können.

Der Steiger hatte das schnell herausgefunden: Dieser Loose war ein Bolzer, aber einer mit Verstand in den Händen, und das war selten. Er war kantig und unverträglich, ein Saufaus und Radaubruder, in der Arbeit jedoch war ihm nichts nachzusagen. Der Steiger war auf jeden Mann angewiesen und auf jede Hand – also stellte er Loose an Arbeitsplätze, an denen es darauf ankam, an denen es hart zuging und einer zupacken können mußte. Loose hatte das natürlich gemerkt, und er sah auch, daß der Steiger mit Kleinschmidt glimpflicher umsprang, ja, daß er geradezu einen Narren gefressen hatte an ihm, obwohl er weniger Leistung brachte. Er dachte: Das ist so die ausgleichende Arbeiter-und-Bauern-Gerechtigkeit. So ein Professorensöhnchen, wenn das in den Schacht kommt, dem wird der Staubzucker pfundweise in den Hintern geblasen. Dagegen unsereiner – kein Hahn kräht danach, ob man sich das Blut aus den Rippen schwitzt und die Knochen abschindet und den Nischel einrennt. Unser wertes Wohlbefinden interessiert im neuen Deutschland keinen Hund. Und dennoch war Loose stolz darauf, daß keiner sich seinetwegen eine Zacke aus der Krone zu brechen brauchte, dennoch gefiel ihm dieses Leben, er nahm die Herausforderung an.

Und nur manchmal, wenn der Alkohol sein Blut schneller durch die Adern jagte und die Bilder ihn bedrängten in schroffem Wechsel, dann brach etwas auf in ihm, brach hervor |81|aus dem Innersten und gab Ruhe erst dann, wenn er es mit immer schärferen Schnäpsen betäubte, wenn er das Bewußtsein ertränkte in Fünfundvierzigprozentigem. Einst hatte er davon geträumt, ein kühner Forscher und Entdecker zu werden, Heldentaten zu vollbringen und Abenteuer zu bestehen, in die Stratosphäre vorzudringen und auf den Grund des Meeres wie Piccard, Afrikaforscher wollte er werden, Jagdflieger, U-Boot-Kommandant, Mount-Everest-Bezwinger. Er hatte die Abenteuerhefte und Kriegsbücher verschlungen und dem verzauberten Klang fremder Namen nachgelauscht, Narvik, Tobruk, Deutsch-Südwestafrika, er hatte vor den Kinoleinwänden gesessen und ein Held werden wollen wie Trenck der Pandur, wie Rommel und Mölders und Ohm Krüger und hatte sich gedacht, daß die Welt eigens eingerichtet sei für die Nachfahren der Goten und Welfen: und setzt ihr nicht das Leben ein, nichts wird euch gewonnen sein, heil König Widukinds Stamm! Aber nicht die Tage der Siege brachen an, sondern die Amis kamen, dann kamen die Russen. Russen kamen, zogen ein auf Panjewagen und in ausgefransten Mänteln, sie paßten genau in die Landschaft, wie sie nun war: Hunger, Seuchen, Ruinen, Flüchtlingstrecks. Sanglos, klanglos traten da die Helden ab über Nacht, die Hakenkreuze stahlen sich aus den Fahnen, im Luftschutzkeller versteckte sich der Stiefvater, versteckten alle sich, die gestern noch stramm getönt hatten: links zwo drei vier Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen, verkrochen sich vor abgelumpten Muschiks, Ohnetrittmarschierern, winselten um Gnade, schworen ab, verleugneten. Übrig blieb eine Welt ohne Glanz und Schminke, und ohne Hoffnung auch. Es pfiff nun eine Tonart, die hieß: Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen, eine gar einleuchtende Melodei, und am lautesten betete sie, wer sich noch nie nach Arbeit gedrängt hatte und auch fürderhin mit zwei linken Händen durchs Leben zu kommen gedachte. Der Blockwart wurde Straßenbeauftragter mit Brotkartenmonopol, HJ-Turnlehrer Grasselt wechselte zur |82|Antifa-Jugend und kommandierte bau-auf-bau-auf, auch der Stiefvater hatte bald wieder ein Pöstchen, die Care-Pakete verzehrten sie heimlich und hißten öffentlich den Freifahrschein für die neue Zeit, denn es muß einer Geld oder Macht oder wenigstens Ansehen haben, um andere für sich arbeiten lassen zu können. Immer wirst du unten bleiben mit der Nase im Dreck, Peter Loose, wirst dein Leben lang schuften in harter Mühle und dich für ein paar Stunden entschädigen auf den Rummelplätzen der Welt, beim Wodka, an der warmen Haut eines Mädchens, denn es fehlen dir ein paar Kleinigkeiten, ohne die man in dieser Zeit nicht hochkommt. Ein bißchen Anpassungsfähigkeit fehlt dir und ein bißchen Arschkriecherei, ein bißchen Gebetsmühlendreherei und ein bißchen fortschrittsträchtige Skrupellosigkeit, und hast auch keinen, der dir ermöglicht hätte, die Oberschule zu besuchen wie Kleinschmidt, denn in deinen Kreisen hat man gefälligst mitzuverdienen vom vierzehnten Jahr an. Sehen wirst du, wie sie emporkommen neben dir, und haben dir nichts voraus als eben diese Kleinigkeit. Mehlhorn, ja, der wird sich anbiedern bei der Macht, bis sie ihm gehört, während du deine Träume ausschwitzen wirst und vergessen.

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