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Ruhrpott-Töchter

Geschrieben für alle Dortmunderinnen und Ruhrpott-Töchter – und auch alle anderen Töchtern.

Hier sind die wahren Liebes- und Lebensgeschichten von Alma, die aus dem kleinen Paradies floh und nicht wusste, wer oder was Castrop-Rauxel war. Der ein Säugling durchs Küchenfenster gereicht wurde, die das größte Inferno mit Hut und Kittelschürze bekämpfte und die stets gemächlichen Schrittes durchs Leben marschierte.

Und von Marga, die als Kind im Feen-Café Winuwuk im Harz verwöhnt wurde und die Jahrzehnte später dort wieder landete. Dazwischen jagte sie ihrer vermeintlich großen Liebe hinterher, wurde ein Blitzmädchen, dessen Träume zerplatzten und dessen Herz in Dortmund blieb.

Alma und Marga bewältigten alle Probleme, die ihnen Wirtschaftschaos und Kriegsinferno bescherten, kämpfend und mit Optimismus. Dortmund war und blieb in ihren Erinnerungen grün, lebens- und liebenswert.

Für Marga, von Gudrun

Als meine Mutter Alma ihr erstes Kind bekam – meine ein Jahr ältere Schwester Maria – war sie gerade mal 18 und nicht verheiratet. Und das im Jahre 1912! Die Hebamme sagte zu ihr: »Fräulein Hüther, wenn Sie nächstes Jahr wieder hier ins Gebärhaus nach Dortmund kommen, hoffe ich, dass Sie verheiratet sind!« Die Hebamme war sich absolut sicher, meine Mutter in einem Jahr wiederzusehen.

Meine Mutter hatte allerdings nicht die Absicht, im nächsten Jahr wieder dort zu landen. Warum hatte ihr vorher niemand gesagt, was für unmenschliche Schmerzen bei der Geburt des Kindes auszuhalten waren? Bei ihrer Mutter hatte sie als ältestes Kind die Geburten aller acht Geschwister mehr oder weniger persönlich mitbekommen. Es war ihr nicht in Erinnerung, dass ihre Mutter dabei ein großes Geschrei gemacht hatte.

Sie selbst kreischte nun lauthals im Dortmunder Gebärhaus nach ihrer Mutter, deshalb hatte sie auch keine große Freude an dem kleinen Mädchen. Das sollte sich ein Leben lang nicht ändern. Zu allem Übel war das Kind weder hübsch noch niedlich. Es sah aus wie ein greiser Zwerg. Es kam meiner Mutter nicht ungelegen, als die Hebamme sie fragte, ob sie noch ein anderes, fremdes Kind stillen wolle. Das fremde Kind würde sonst verhungern. Die Eltern dieses Kindes würden gut bezahlen. Mein Vater hatte ebenfalls nichts dagegen, kam doch so etwas mehr Geld in die Haushaltskasse.

Meine Schwester Maria wurde deshalb nach ihrer Geburt zur Großmutter nach Nordhausen gebracht, unter dem Vorwand, bei der Gelegenheit die Papiere für eine bevorstehende Heirat abzuholen. So ganz wohl war meiner Mutter bei dem Gedanken nicht, den Säugling in Nordhausen zu lassen. Die Lebenserwartung der eigenen Geschwister war nicht sehr hoch gewesen – sie starben alle in frühester Jugend an Tuberkulose, der unheilbaren Seuche seinerzeit. Aber meine Schwester hat sich tapfer gehalten und hat den Aufenthalt in Nordhausen überlebt.

Unsere Großeltern hatten ein Ausflugslokal in Nordhausen. Das Kleine Paradies stand am Ortsausgang auf dem Weg nach Stolberg. Von ihren neun Kindern blieben nur zwei Mädchen am Leben: meine Mutter Alma als Älteste und ihre zehn Jahre jüngere Schwester Maria, nach der nun auch meine ältere Schwester benannt wurde.

Im Jahr darauf fand sich meine Mutter tatsächlich wieder in der Gebäranstalt in Dortmund ein, weil ich nun geboren werden sollte.

»Na, wie heißen wir denn nun?«

Meine Mutter war schlagfertig: »Wie Sie heißen weiß ich, aber Sie wissen nicht, wie ich jetzt heiße« freute sie sich. »Ich bin eine verheiratete Frau und heiße Voigt!«

Am vierten April 1913 kam ich zur Welt. Meine Mutter gab mir den Vornamen der Hebamme: Margarete.

Mein Vater, Richard Voigt, war vier Jahre älter als meine Mutter. Er hatte die Idee, dass meine Mutter wie im Vorjahr als Amme Geld verdienen sollte, doch diesmal weigerte sie sich. So kam ich in den alleinigen Genuss der Muttermilch. Mein Vater fand, das wäre eine Verschwendung.

Unsere Mutter hatte ihren künftigen Mann im Kleinen Paradies kennengelernt. Er war Stellmacher und als Handwerksbursche auf der Durchreise. In Deuben bei Weißenfels an der Saale geboren, machte er sich auf Wanderschaft und kehrte im Gasthaus meines Großvaters ein. Meine Mutter musste in der Küche und beim Bedienen der Gäste helfen. Richard fand Alma mit ihren festen Rundungen anziehend. Sie war von seinem charmanten sächsischen Dialekt angetan, wenn er ihr mit etwas zu hoher Stimme Liebesworte ins Ohr flüsterte.

Im Kleinen Paradies plauderte das Plappermaul Maria aus, wo die große Schwester Alma als Weißnäherin in der Stadt arbeitete. Richard holte Alma ungefragt von der Arbeit ab und begleitete sie bergauf zum Kleinen Paradies. Dort wartete zwar weitere Arbeit auf Alma, aber sie fand Zeit und Wege, um Richard nahe zu sein. Die Mutter beäugte den Balztanz von Richard misstrauisch, doch der war nicht so leicht abzuschütteln. Er hielt sich an den Vater und reparierte das eine oder andere Teil am Haus. Schließlich fragte er den Vater, ob er Alma zum Tanzen einladen dürfe. Der antwortete: »Wenn Sie die Alma so zurückbringen, wie ich sie Ihnen anvertraue, geht das in Ordnung.« Alma war hoch erfreut über die Erlaubnis, denn insgeheim sehnte sie sich danach, dem Elternhaus zu entfliehen. Zwar gefiel ihr die Arbeit in der Näherei, doch die Hilfe in der elterlichen Gaststube behagte ihr gar nicht.

So brauchte mein Vater auch keine großen Überredungskünste anwenden, um meine Mutter davon zu überzeugen, mit ihm ins Ruhrgebiet nach Castrop-Rauxel zu gehen. Dort würden Handwerker, wie er es einer war, mit Handkuss jede Arbeit nachgeworfen bekommen. Sie hatte keine Ahnung, wo das Ruhrgebiet lag und was Castrop-Rauxel war. »Aber dann müssen wir vorher heiraten«, wandte Alma ein. Na ja, das könne man ja auch dort machen. Es waren nur noch die Eltern von dem Vorhaben zu überzeugen – die ließen sich aber nicht darauf ein.

Richard kam auf die Idee, sich ohne Einwilligung der Eltern mit der 17-jährigen Alma bei Nacht und Nebel davonzumachen. Meine Mutter war hin- und hergerissen zwischen Richard und den Eltern und Geschwistern, doch ihre Sehnsucht nach einem neuen aufregenden Leben war größer. Sie packte ein Bündel mit notwendigen Sachen zusammen, nahm dieses unter einem Vorwand mit zu ihrer Arbeitsstelle und marschierte an einem Tag im März 1911 nach Feierabend frohen Mutes mit Richard zum Bahnhof in Nordhausen. Sie hatte sich nicht von den Eltern und Geschwistern verabschiedet. Sie würde ihnen aus Castrop-Rauxel schreiben.

Meine Mutter hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, wo sie mit Richard wohnen sollte. Er hatte einen Handwerkerkollegen, der möbliert zur Untermiete bei einer Witwe wohnte. Der hatte ihm angeboten, übergangsweise bei ihm zu nächtigen, die Vermieterin wäre damit einverstanden. Meiner Mutter kam das zwar nicht ganz geheuer vor, es wäre ihr lieber gewesen, wenn sie in einer kleinen Privatpension wohnen könnten, doch Richard sagte, das sei doch eine Privatpension.

»Es ist aber nur ein Bett vorhanden. Wo schlaft ihr Männer denn, bis wir was Eigenes gefunden haben?«

Richard beruhigte sie: »Wir schlafen auf dem Fußboden.«

In der Nacht war es aber doch sehr kalt, schließlich war es ja erst Anfang März 1911. »Alma, du frierst ja. Lass mich dich wärmen« lockte Richard.

Am anderen Morgen hörte meine Mutter die beiden Männer im leisen Gespräch vertieft: »Und, hast du sie gehabt?«, fragte der Freund.

Die Antwort von Richard verstand meine Mutter nicht. Sie hatte viel mehr Sorgen um das blutbefleckte Bettlaken. Die Sorge verstärkte sich bis zum Januar des folgenden Jahres, als meine Schwester Maria geboren wurde.

Als meine Eltern im Sommer 1912 heirateten, war ich bereits unterwegs. Jetzt hatten meine Eltern auch eine größere Wohnung in Dortmund in der Weiherstraße. Das war auch nötig, denn nach meiner Geburt war meine Mutter schon wieder schwanger und im Sommer 1914 kam der ersehnte Stammhalter, der auf den Namen Karl getauft wurde und fortan nur Kalli gerufen wurde.

Als meine Mutter zum dritten Mal in der Gebäranstalt auflief, nahm die Hebamme sie zur Seite und sagte: »Frau Voigt, Sie müssen nicht jedes Jahr ein Kind kriegen. Ich sage Ihnen jetzt, wie Sie das verhindern können.«

Ich habe nie herausbekommen, ob es an diesem geheimnisvollen Ratschlag lag oder am Ausbruch des 1. Weltkrieges. Jedenfalls kamen keine weiteren Geschwister dazu.

Die erste Erinnerung an meinem Vater habe ich daher erst nach dem 1. Weltkrieg. Meine Mutter hat nie geklagt, dass sie die gesamten vier Jahre des Krieges allein für drei kleine Kinder sorgen musste. Es gab wenig Sold und in den Rüstungsfabriken wollte und konnte sie nicht arbeiten. Sie musste sich irgendwie durchschlagen, denn mein Vater zog jubelnd in den Krieg. Als Stellmacher war er nun wirklich ein gefragter Mann und schließlich würde der Krieg spätestens Weihnachten zu Ende sein.

Das er vier Weihnachten dauern würde, hatte keiner für möglich gehalten. In all den vier Jahren des 1. Weltkrieges ließ er sich nur einmal blicken, und zwar, als wir drei Kinder bereits laufen konnten. Er schleppte uns zu einem der Fotografen in Dortmund. Unsere Mutter musste uns herausputzen, was in der Zeit gar nicht so einfach war, aber Vater wollte vor seinen Kameraden mit uns angeben. Für ein Foto mit unserer Mutter reichte es nicht, wohl aber für eine Porträtaufnahme von ihm selber.

Es war für unsere 21-jährige Mutter schwierig, für drei Kleinkinder genügend Essen, Kleidung, Schuhe und eine warme Bleibe zu beschaffen. Beim Anstehen nach Milch lernte sie Wilhelmine kennen. Eine Ur-Dortmunderin, die sich trotz ihrer Jugend resolut durchsetzen konnte: »Du musst die Kinder mitnehmen und zusehen, dass sie ordentlich anfangen zu schreien. Dann wirst du schneller vorgelassen«, war einer der wertvollen Tipps.

Im ersten Stock der Weiherstraße wohnte ein alleinstehender älterer Herr. Er war schon 40 Jahre alt. Wenn er meine Mutter auf der Straße traf, bot er ihr immer an, die Einkaufstasche zu tragen, damit sie freie Hand hatte – zum Tragen der drei Kinder. Die Tasche war nie sehr schwer und irgendwann hatte meine Mutter das Gefühl, dass der ältere Herr für das Tragen mehr erwartete als ein freundliches Dankeschön. Sie achtete darauf, dass sie ihm nicht mehr so häufig begegnete. Und eines Tages war auch er beim Militär. Er verabschiedete sich mit schmachtendem Blick und ward nie wieder gesehen.

Das Geld, das Vater schickte, reichte vorn und hinten nicht. Ihre Mutter in Nordhausen anzubetteln war sie zu stolz. Zwar hatte sie sich mit den Eltern wieder ausgesöhnt, aber sie wollte sich keine Blöße geben. Wieder war Wilhelmine die Ideengeberin: »Vermiete doch ein Zimmer an einen Kostgänger. Das machen jetzt viele, weil es nicht genügend Wohnraum gibt, den ein normaler Arbeiter bezahlen kann.«

»Aber das geht doch nicht. Ich als alleinerziehende Soldatenfrau kann doch nicht an einen fremden Mann vermieten. Was soll der Hauswirt sagen?«, fragte meine Mutter schockiert.

»Na ja, was kannst du denn noch so, außer Kinder wickeln, putzen, kochen und Wäsche waschen?«

»In Nordhausen habe ich als Weißnäherin gearbeitet.«

»Was ist das denn?«

»Na, man näht oder bessert weiße Wäsche aus. Mit einer Nähmaschine oder mit der Hand werden die defekten Teile kunstgestopft. Tischtücher, Handtücher, Bettbezüge und so was.«

»Das ist doch einen Versuch wert. Frag in Krankenhäuser und Hotels nach. Vielleich bekommst du Aufträge und kannst sogar zu Hause arbeiten.«

Nach einiger Überwindung und in Anbetracht der katastrophalen Essensbeschaffung marschierte sie in das Dudenstift. Sie überlegte nicht lange, was sie sagen sollte. Sie hatte nur einen Gedanken: Wie kriege ich meine Kinder satt und wie bekomme ich die Wohnung warm. Die Frauenklinik war ihr bekannt. Auch die städtischen Krankenanstalten an der Beurhausstraße standen auf ihrer Liste. Einige Restaurants und Hotels klapperte sie noch ab. Und tatsächlich: Als Erste meldete sich die Frauenklinik. Zunächst holte sie die Teile noch selber ab, dann wurde ihr die saubere Wäsche zum Ausbessern gebracht und auch wieder abgeholt.

Im Sommer konnte sie von früh morgens bis zum Dunkelwerden am Fenster sitzen und nähen. Im Winter schaffte sie nicht so viel und musste mit dem Petroleum und den Kerzen sparsam umgehen. Mit etwas erspartem Geld kaufte sie sich eine gebrauchte Nähmaschine. Damit konnte sie die Aufträge schneller abarbeiten. Schon sprach sich das in der Weiherstraße herum und die ersten Anfragen von Nachbarn kamen dazu. Sie musste jetzt den Haushalt und die Kindererziehung gut organisieren, denn die Aufträge nahmen immer weiter zu. Sie entschied, dass die Kinder in den Kindergarten gehen sollten. Sie entschied, was sie mit dem verdienten Geld machen wollte. Sie entschied in den vier Kriegsjahren allein über ihr Leben und das der Kinder. Mit 25 Jahren war sie eine selbstbewusste Großstadtfrau geworden.

Im Winter 1918 stand ein Mann vor unserer Wohnungstür. Meine Schwester Maria rief nach der Mutter: »Hier ist ein Mann, der bringt Feuerholz!«

Der Mann fragte: »Wer bist du denn?«

»Ich bin die Große« kam es zurück.

Meine Mutter schob Maria beiseite und den Mann in die Wohnung. »Richard, endlich«, schluchzte sie.

Wir Kinder standen um die beiden herum und wunderten uns.

Der Mann wunderte sich auch über die großen Kinder. Er hatte sie viel kleiner in Erinnerung. Er stotterte: »Ich habe einen Weihnachtsbaum mitgebracht. Morgen ist doch Heiligabend.«

Meine Mutter reagierte bestimmend und praktisch. »Wir werden ein paar Zweige für das Herdfeuer opfern.«

Es wurde ein schönes Weihnachtsfest, vielleicht das schönste in meinem Leben. Der Weihnachtsbaum war mit Strohsterne und zwei weißen Wachskerzen geschmückt. Es gab Steckrübenpuffer mit Kunsthonig bestrichen. Es war herrlich!

Mein Vater ging auf Arbeitssuche. Aber so schnell klappte es nicht. Das lag auch daran, dass mein Vater sich für manche Arbeit zu fein war. Und auf keinen Fall wollte er unter Tage im Kohlebergbau arbeiten. Meine Mutter schlug ihm das vor, weil es dann auch extra Lebensmittel gäbe. Aber er meinte nur: »Keiner aus unserer Familie wird je im Pütt einfahren!«

Mein Vater wurde der erklärte Liebling von uns Kindern und das nicht nur, weil wir nach seiner Rückkehr aus dem Krieg wieder regelmäßig eine warme Stube hatten. Er nannte uns ganz oft »meine Dortmunder Pröttelkes.« Obwohl er sich viel Mühe gab: Den sächsischen Dialekt konnte er nicht verbergen.

Dass die Eltern Sorgen hatten, bekamen wir Kinder mit. Der Krieg hatte alle ihre Pläne zerstört, die Lebensmittelversorgung war zusammengebrochen und eine schwere Grippeepidemie grassierte. Auf den Straßen in Dortmund tobte die Revolution. Der Schulunterricht fiel immer häufiger aus.

Im Frühjahr 1921 war die Situation so schwierig, dass sich die Eltern – mehr die Mutter, als der Vater – entschieden, alle drei Kinder aufs Land zu schicken. Sie hatten schlichtweg Angst, dass Schlimmeres passieren könne. So kam es, dass wir Kinder mit der Arbeiterwohlfahrt auf Reisen gingen.

Ich kam in den Harz, nach Oker, einem kleinen Ort bei Goslar. Meine Schwester Maria und unser Bruder Kalli kamen auf einen Bauernhof in Pommern. Nach der ersten Abenteuerlust kam aber schon bald das Geschrei, als wir merkten, dass die Eltern nicht mitkamen, sondern wir allein in den Zug steigen mussten.

Die Reise nach Oker war unendlich lang und ich war bald eingeschlafen. Die Rotkreuz-Schwester, die einige Kinder begleitete, weckte mich und ich stieg mit meinen kleinen Koffer und dem schweren Rucksack aus.

Vor mir standen Onkel August und Tante Anna Deike. »Na, du bist ja ein zartes Kindchen. Dich werden wir erst mal aufpäppeln«, erklärte Tante Anna.

Das Heimweh der ersten Tage verging unter der liebevollen Betreuung aller Familienmitglieder schnell. Jeden Sonntag musste ich allerdings mit Onkel August von der Brunnenstraße in Oker bis zu dem neu gebauten Café Winuwuk in Bad Harzburg wandern. Das war für mich schrecklich weit. Und zurück mussten wir ja auch wieder. Es lockten mich aber das Stück Zuckerkuchen und der Becher Kakao.

Die ersten Wanderungen waren mir unheimlich. Das Winuwuk war für mich ein Hexenhäuschen, lag verwunschen im Elfenwald. Aber Trolle und Elfen oder gar Hexen habe ich nie zu Gesicht bekommen.

Den ganzen Sommer über wurde ich behütet, gefüttert und gepflegt. Die Schule fiel in diesem Sommer aus.

Dass ich dreißig Jahre später wieder im Harz landen würde, und zwar für immer, stand da vielleicht schon in den Sternen geschrieben.

Ich freute mich mächtig, als es wieder nach Hause, nach Dortmund gehen sollte. Meine Schwester und mein Bruder waren schon ein paar Tage vor mir zurückgekehrt. Ich erkannte die beiden nicht wieder: Ihre Köpfe waren kahl geschoren! Mein Vater regte sich mächtig auf, dass Maria und Kalli so verdreckt nach Hause kamen. Er beschwerte sich bei der Arbeiterwohlfahrt.

Überhaupt war mein Vater sehr mit uns Kindern beschäftigt, mehr als zu der damaligen Zeit üblich. Jeden Sonnabend wurden wir Kinder mit dem Sechs-Uhr-Glockengeläut der nahen Reinoldi-Kirche in einer großen Zinkwanne gebadet. Im Schlafanzug durften wir die vom Vater gebackenen Berliner Ballen im Zucker wälzen. Was an unseren Fingerchen hängen blieb, war herrlich zum Abschlecken. Die Berliner Ballen natürlich auch.

1923 und 1924 waren aufregende Jahre. Unsere Stadt war auf einmal von französischen Soldaten besetzt. Es war unruhig und die Eltern verboten uns, auf der Straße zu spielen. Es gab eine Ausgangssperre. Das war bitter für uns, denn alle unsere Schulfreunde konnten wir nur noch in der Schule treffen und selbst da ließen uns die Eltern nicht immer hin.

Vater war wie viele andere auf der verzweifelten Suche nach irgendeiner Arbeit. Er berichtete nach seinen Streifzügen durch die Stadt von Plünderungen und meine Mutter schleppte angstvoll ihre wenigen Kostbarkeiten, wie die Nähmaschine und eine Kristallvase, vorsorglich in den Keller. Fast alle Väter unserer Freunde waren ohne Arbeit. Es gab Unruhe und auch mein Vater kam eines frühen Morgens im Juni – es war fast noch Nacht – kreidebleich und zitternd nach Hause. Er blutete an der Hand. Wir Kinder erfuhren erst viel später, was sich zugetragen hatte: Auf der Suche nach etwas Heizbarem geriet mein Vater in eine Menschenmenge. In der Unruhe wurde plötzlich ein französischer Besatzungssoldat durch einen Schuss getötet. Mein Vater entkam in letzter Minute dem Tumult. Wenn unser Vater jetzt aus dem Haus ging, kam er meistens nur noch bis zur Eckkneipe.

Nach fast zwei Jahren war der französische Spuk vorbei. Wir ahnten nicht, dass es bald wieder losgehen sollte.

Aber erst mal hatte sich Besuch aus Nordhausen angekündigt. Unsere jugendliche Tante Mariechen wollte uns besuchen. Die hatten wir noch nie gesehen. Wir waren schon mächtig aufgeregt, aber unsere Mutter war noch aufgeregter. Irgendetwas stimmte mit diesem Besuch nicht, das spürten wir Kinder, weil die Eltern sich des Abends flüsternd zankten.

Unserer Mutter holte die Tante vom Bahnhof ab. Beide hatten verheulte Augen, als sie zu Hause ankamen. Am warmen Sommerwind konnte das nicht liegen. Wir Kinder wurden vor die Tür geschickt, was uns erst recht neugierig machte – mich ganz besonders. Meine schier ungebremste Neugier sollte mir noch manchen Stolperstein auf meinen Lebensweg legen.

Wir stellten uns unter das Fenster, dessen Oberlicht geöffnet war. Die Wortfetzen, die wir aufschnappten, machten uns auch nicht schlauer. Es war alles sehr geheimnisvoll.

Die Neugier nagte an mir. Selbst abends im Bett, das wir Mädchen gemeinschaftlich mit der Tante teilen mussten, erzählte sie nichts von ihrem offensichtlichen Kummer, trotzdem ich heftig bohrte.

Ein paar Tage später stand auch noch ein fremder junger Mann vor der Haustür. Der wurde aber von unserem Vater lautstark abgewiesen. Im ganzen Haus wurden die Fenster geöffnet, um das Schauspiel aus erster Hand mitzubekommen. Meine Freundin Tilla war es, die mich fachmännisch aufklärte, weil sie die Gespräche zwischen ihrer und unserer Mutter Tags zuvor belauschen konnte: Die hübsche Tante hatte sich Hals über Kopf in einen Mann verliebt, der jeden Montag im Kleinen Paradies

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