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Ruhelos vor Sehnsucht

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1. KAPITEL

An diesem Silvestermorgen hatte Marlen nur eine Hoffnung: Um Mitternacht möge ein neues Jahr beginnen, in dem sie nicht täglich unter ihren finanziellen Lasten stöhnen musste. Die vergangenen zwölf Monate sind wirklich nicht besonders einträglich gewesen, dachte sie mit grimmigem Spott. Von einer einzigen Woche im Juni abgesehen, war das Hills View Guest House kaum einmal ausgebucht gewesen. Während dieser Tage hatte die jährliche landwirtschaftliche Ausstellung der umliegenden Kreise in Malvern stattgefunden, und demzufolge waren die Einnahmen zufrieden stellend gewesen. Die ganze übrige Zeit des Jahres hatten sie von der Hand in den Mund leben und immer wieder die wenigen Ersparnisse angreifen müssen.

Hills View lag in dem kleinen verschlafenen Dörfchen Chalmers Hollow, nicht weit von Worcester entfernt. Es war Onkel Tams Idee gewesen, hier draußen eine Pension aufzumachen. Damals war er so in Tante Louise, die Schwester ihrer Mutter, verliebt gewesen, dass er sich nicht hatte vorstellen können, einer Arbeit wegen täglich acht Stunden von ihr getrennt zu sein. Louise, die ihn ebenso von Herzen liebte, hatte die Pension für eine wundervolle Idee gehalten.

Das Unternehmen musste vom ersten Tag an in Schwierigkeiten gewesen sein, doch Marlen, die mit zehn Jahren von ihnen aufgenommen wurde, hatte davon natürlich keine Ahnung gehabt. Auch ihre Tante schien sich darüber keine Gedanken zu machen. Es schien ständig Geld vorhanden zu sein. Wann immer sie etwas kaufen wollten, pflegte Onkel Tam nur vergnügt zu sagen: „Hol dir etwas von der Bank von England!“ Damit meinte er einen kleinen Hohlraum hinter einem losen Ziegel in der Küchenwand, in der stets das Kleingeld aufbewahrt wurde.

Marlens Eltern waren bei einem Badeunfall in Cornwall ums Leben gekommen. Ihre unternehmungslustige Mutter musste wohl die Warnungen der Rettungswacht in den Wind geschlagen haben. Sie war sehr weit hinaus geschwommen und in Not geraten. Sie und auch Marlens Vater, der sich beherzt ins Meer gestürzt hatte, um seine Frau zu retten, waren ertrunken.

Tante Louise und Onkel Tam hatten nicht einen Moment gezögert, Marlen bei sich aufzunehmen. Viel später hatte Louise ihr einmal gestanden, dass das ganze Unglück für sie auch eine gute Seite hatte: Sie selbst konnte keine Kinder bekommen, und da sie beide in gewissen Dingen etwas phlegmatisch waren, hatten sie es immer wieder versäumt, den Antrag für eine Adoption zu stellen.

Marlen war gerade sechzehn, da schlug das Schicksal abermals zu. Diesmal traf es Onkel Tam. Er, der stets ein Musterbild an Kraft und Gesundheit gewesen war, erlag wie aus heiterem Himmel einem Herzinfarkt. Marlen hatte ihn wie einen Vater geliebt. Aber ihr blieb nicht viel Zeit für Schmerz und Trauer. Sehr bald brauchte sie ihre ganze Kraft, um der Tante zu helfen. Der Verlust ihres geliebten Mannes hatte diese so schwer getroffen, dass sie außer Stande war, sich mit den Problemen des Lebens auseinander zusetzen.

Obwohl sich Marlen immer gern mit Mathematik beschäftigt hatte, verging ihr der Spaß daran, nachdem sie die finanziellen Geschäftsergebnisse ermittelt hatte. Auch ohne Kenntnisse in Buchführung durchschaute sie sehr schnell, in welch verheerender Lage sie sich befanden.

„Aber wir werden es doch schaffen, oder?“ hatte Louise in naiver Zuversicht gefragt, nachdem die Nichte zum ersten Mal den Ernst der Lage geschildert hatte.

In diesem Moment war Marlen zu einem Entschluss gekommen. Zweifellos hatte Louise keine Vorstellung von ihrer wirtschaftlichen Situation. Es schien Onkel Tams Wille gewesen zu sein, sie nicht damit zu belasten. Angesichts dieser Tatsache beschloss Marlen, ihre Kenntnisse vorerst für sich zu behalten.

„Natürlich kommen wir durch“, hatte sie überzeugend gelogen.

Vorsichtshalber ließ sie ein paar Tage verstreichen, ehe sie mit Louise über ihre Zukunftsabsichten sprach. Die Tante sollte möglichst bis zu diesem Zeitpunkt vergessen haben, dass sie überhaupt über die Finanzen gesprochen hatten, sonst hätte sie womöglich zwei und zwei zusammengezählt und wäre zu dem richtigen Schluss gekommen. So wartete Marlen, bis die Beerdigung vorüber und Onkel Tams Verwandtschaft abgereist war. Erst dann nutzte sie eine unverfängliche Gelegenheit.

„Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich nicht zur Universität ginge?“, fragte sie die Tante.

„Aber wir haben doch …“ Louises Stimme erstarb. Sie biss sich auf die Unterlippe, da ihr klar wurde, dass es dieses „Wir“ nicht mehr gab, und Tränen stiegen ihr in die Augen. Sofort war Marlen bei ihr und schloss sie tröstend in die Arme.

„Aber willst du denn gar nicht mehr studieren, Marlen?“, fragte sie schließlich, nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte.

Tatsächlich war dies immer Marlens heißester Wunsch gewesen. Sie besaß eine rasche Auffassungsgabe und hatte stets gute Zensuren nach Hause gebracht.

„Ich möchte lieber bei dir bleiben. Ich glaube, mir würde das Leben in der Stadt keinen Spaß machen.“ Da ihre Tante nichts darauf erwiderte, fuhr Marlen fort: „Wenn du nichts dagegen hast, würde ich dir viel lieber in der Pension helfen.“

„Helfen“ ist gewiss nicht die richtige Bezeichnung, dachte Marlen, während sie an diesem Morgen das Frühstück für drei Personen vorbereitete: Für sich selbst, für ihre Tante und ihren einzigen Gast, Colonel Meredith. Louise hatte lange gebraucht, um über den Verlust ihres Mannes hinwegzukommen. In jenen Tagen hatte Marlen notgedrungen die Geschäftsführung ganz allein übernommen – und dabei war es seither geblieben.

Sechs Jahre waren inzwischen vergangen. Louise Browning war den praktischen Dingen des Lebens noch immer so hilflos ausgeliefert wie eh und je, aber immerhin hatte sie ihr herrliches Lachen wieder gefunden.

„Eigentlich hatte ich heute Morgen als Erste aufstehen wollen.“

Marlen ließ das Messer sinken, mit dem sie gerade den Speck für die Frühstückseier aufschnitt, und wandte sich um. Mit einem vergnügten Lachen war Tante Louise hereingekommen.

„Du bist doch erst morgen mit dem Küchendienst an der Reihe“, erwiderte Marlen mit einem nicht ernst gemeinten Tadel in der Stimme. „Du weißt doch, dass ich mit Simon Berry zum Silvesterball gehe, und du hast mir versprochen, dass ich morgen ausschlafen kann.“

„Das habe ich durchaus nicht vergessen“, erwiderte Louise entrüstet.

„Dann denk also daran, dass du Frühstück für drei Personen zu machen hast“, ermahnte Marlen sie.

„Du musst mich nicht daran erinnern, dass wir einen Gast im Haus haben.“ Bei diesen Worten errötete Louise auf so rührende Weise, dass Marlen unwillkürlich lächeln musste. Offenbar hatte der Colonel ihrer Tante wieder einmal einen Antrag gemacht.

Marlen unterdrückte ihre Neugier. Die Tante war immer sehr offen zu ihr gewesen. Falls sie den Colonel diesmal erhört haben sollte, wäre sie gewiss die Erste, die davon erfahren würde.

„Hast du ihm eigentlich schon gesagt, dass du nächste Woche verreist, um Onkel Tams Verwandte zu besuchen?“, fragte sie stattdessen.

„Er hat mir angeboten, mich dorthin zu fahren.“

Nur mühsam unterdrückte Marlen ein Lachen. Der Colonel ließ wirklich nichts unversucht. „Dann fährt er also nicht nach Brynmoel?“, fragte sie. Seit jenem Abend, an dem sein Wagen gestreikt und er hier Unterkunft gefunden hatte, war Colonel Owen Meredith regelmäßig hier eingekehrt, wenn er zwischen seiner Wohnung in Northampton und seiner Jagdhütte in Wales hin und her fuhr.

„Er hat ein schlechtes Gewissen“, erklärte die Tante. „Seine Tochter in Chesterfield hatte ihn eingeladen, Weihnachten bei ihr zu verbringen. Aber wie du ja weißt, gehen ihm seine Enkel so auf die Nerven, dass er es vorgezogen hatte, Weihnachten hier zu verbringen. Nun ist er ganz schuldbewusst und möchte wieder Frieden mit ihr schließen.“

„Das ist ja schön für dich, dann musst du nicht mit den langweiligen Zügen fahren“, erwiderte Marlen. Sie ließ sich nicht einen Augenblick von des Colonels plötzlichem Wunsch nach Versöhnung mit seiner Tochter hinters Licht führen.

„Du solltest auch einmal Ferien …“, hatte Louise gerade begonnen, da betrat der Colonel die Küche. Er war ein stattlicher, aufrechter Mann um die sechzig, äußerst charmant und von bemerkenswerter Vitalität.

„Jeder Mensch sollte hin und wieder Ferien machen“, griff er das Stichwort auf. Er schien zu wissen, dass Marlen seine Absichten längst durchschaut hatte, und so gab er sich keine Mühe, die Zuneigung in seinem Blick zu verbergen, als er Louise begrüßte.

„Sie wollen doch nicht etwa vorschlagen, dass Marlen mit mir zu den Brownings kommt“, fuhr Louise auf. Wie schützend stellte sie sich vor die Nichte. „Sie haben Tam und mir nie verziehen, dass wir das Kind damals zu uns genommen haben“, fuhr sie fort. „Sie würden Marlen das Leben zur Hölle machen. Sie haben ja keine Ahnung, wie viel Freude wir immer an ihr hatten.“

Marlen bezweifelte sehr, dass der Colonel an so einen Vorschlag gedacht hatte. Seine einzige Absicht war wohl, während der Reise Louise ganz für sich allein zu haben, und das konnte sie ihm nicht einmal verdenken.

Die Brownings waren ein Fall für sich. Onkel Tams Eltern und seine Schwester waren in ihrem Verhalten so frostig, dass Marlen ein Zusammensein mit ihnen stets wie das Hereinbrechen einer Eiszeit erschien. Sie hatte erst gar nicht glauben wollen, dass ihr stets fröhlicher, lebenslustiger Onkel aus so einer Familie stammte.

Mit eisigem Zorn hatten die Brownings hinnehmen müssen, dass Louise darauf bestand, Onkel Tam dort zu beerdigen, wo er zuletzt gelebt hatte. Daraufhin hatten sie ihren ganzen Arger an Marlen ausgelassen. Für jeden Krumen Brot, so hatten sie geschimpft, solle sie als angenommenes Waisenkind dankbar sein. Marlen hatte es fassungslos über sich ergehen lassen. Sie liebte Onkel und Tante, und sie fühlte sich von ihnen geliebt – was sollte das mit Dankbarkeit zu tun haben?

Vor etwas mehr als einer Woche hatte Colonel Meredith vorsichtig angefragt, ob er seine Mahlzeiten nicht mit ihnen zusammen einnehmen könne, statt allein im Speiseraum zu essen. Marlen und Louise hatten dem gern zugestimmt.

„Wenn Sie nicht möchten, Louise, dass Marlen nächste Woche mit uns kommt …“, begann er nun den Faden wieder aufzunehmen. Nur mühsam behielt Marlen ihre Miene unter Kontrolle. Er war wirklich ein gerissener Fuchs. „… kann sie gern meine Hütte in Brynmoel benutzen“, fuhr er fort. „Ich werde keine Zeit haben hinzufahren, und bei diesem Wetter wird es dem alten Gemäuer gut tun, einmal kräftig durchgeheizt zu werden. Was halten Sie davon, Marlen?“, fragte er und wandte sich ihr zu.

Marlen lächelte ihn an. Sie mochte den alten Herrn gern. „So viel ich bisher verstanden habe, ist es ein bisschen … abgelegen, nicht wahr?“, fragte sie.

„Du magst es doch gern einsam“, mischte sich Louise ein. Das stimmte zwar, aber nur bis zu einem gewissen Grad.

Der Colonel nahm Louises Stichwort dankbar auf. „Niemand wird Sie dort draußen stören. Es ist meilenweit die einzige Hütte. Sie könnten sich sogar“, ließ er sich von der Begeisterung für seine Idee hinreißen, „ein Bein brechen, und niemand würde Sie jemals finden!“

„Was für ein reizender Gedanke“, wies Louise ihn trocken zurecht. Doch sonst schien ihr des Colonels Gedanke zu gefallen. „Ich würde mich wirklich viel wohler fühlen, Marlen, wenn ich wüsste, dass du dir auch einmal Urlaub gönnst. Du arbeitest immer so hart …“

„Du hast doch Onkel Tams Verwandten gesagt“, unterbrach Marlen sie, „dass du einen ganzen Monat bleiben willst. Ich brauche keinen Monat …“

„Brauchst du doch“, wurde sie von Louise unterbrochen. Allerdings hatte sich die Miene ihrer Tante bei der Erinnerung daran, was sie ihrer Verwandtschaft in einem schwachen Augenblick versprochen hatte, verdüstert. Aber es war nicht ihre Art, lange trüben Gedanken nachzuhängen, „Wenn wir beide wieder zurück sind“, fuhr sie fort, „können wir ein paar von den Zimmern renovieren. Einige sind wirklich in einem miserablen Zustand. Wir dürfen uns nicht wundern, dass wir sie im letzten Jahr nicht so oft vermieten konnten.“

Dass für eine Renovierung gar kein Geld vorhanden gewesen wäre, wollte Marlen nicht gerade jetzt erörtern.

Nach dem Frühstück musste sie feststellen, dass sie sich dazu hatte überreden lassen, mit Onkel Tams altem Morris in die Berge von Wales zu fahren. Sie würde am selben Tag abreisen, an dem der Colonel mit ihrer Tante nach Chesterfield aufbrach.

„Ich mache mich jetzt mal über den Garten her“, verkündete Louise und schob den Stuhl zurück. „Es ist kein Wunder, dass sich heute noch kein Gast hat blicken lassen. Mit dem ganzen heruntergefallenen Laub im Vorgarten sehen wir nicht gerade einladend aus!“

Der Colonel begleitete sie hinaus. Marlen bekam noch mit, wie die Tante seine Hilfe zurückweisen wollte. Es gehöre sich schließlich nicht, einen Gast im Garten arbeiten zu lassen. Worauf er erwiderte, sie würde ihn hoffentlich nicht nur als Gast betrachten. Dann blieb Marlen mit dem Abwasch allein.

Ihre Hoffnung, mit dem Jahreswechsel noch einmal Gäste ins Haus zu bekommen, hatte sich bis jetzt nicht erfüllt. Insgeheim hatten sie damit gerechnet, dass manch einer, der am Neujahrsabend ein wenig zu viel getrunken hatte, sich lieber bei ihnen einquartierte, als sich noch an das Steuer eines Wagens zu setzen. Selbst angetrunkene Gäste wären immer noch besser gewesen als gar keine.

Marlen wusste, dass der Gästemangel nicht am Laub im Vorgarten lag. Hills View machte insgesamt einen ziemlich heruntergekommenen Eindruck. Wenn sie wenigstens die vordere Fassade neu streichen könnten! Das Haus würde sofort ein wenig einladender aussehen und vielleicht den einen oder anderen Reisenden anziehen. Aber woher sollten sie das Geld für die Farbe nehmen? Die Miete, die der Colonel zahlte, war schon für die Stromrechnung verplant.

Schließlich verscheuchte Marlen die trüben Gedanken. Es war ein ewiger Kreislauf, der am Ende doch zu nichts führte. Vielleicht würde es ihr gut tun, einmal aus allem herauszukommen. Vielleicht kam ihr in der Abgeschiedenheit der Walisischen Berge eine gute Idee, wie sich die Pension wieder mit Gästen füllen ließ.

Irgendwann am Nachmittag ließ der Colonel die Bemerkung fallen, dass er das neue Jahr gern mit einem Schluck Champagner begrüßen würde. Sie hatten nichts dergleichen im Haus! Marlen ließ alles stehen und liegen und eilte nach Worchester, um eine Flasche Champagner zu besorgen. Sie hoffte nur, dass es bei dieser einen Flasche bleiben würde. Sie konnten es sich nicht leisten, auf Verdacht eine zweite Flasche zu kaufen, die dann womöglich ein ganzes Jahr lang als totes Kapital im Keller liegen würde.

Wieder einmal wurde ihr ihre verzweifelte Lage bewusst. Sie musste unbedingt mit Louise darüber sprechen, dass sie sich außerhalb der Pension eine Arbeit suchen wollte. Bei der letzten Erwähnung dieses Themas hatte Louise sie nur mit erstaunten Augen angesehen. „Aber du hast doch eine Arbeit!“ hatte sie erwidert. Marlen wusste, dass sie diesmal hartnäckiger sein musste.

Sie hatte sich schon ein paar passende Sätze zurechtgelegt, als sie nach Hills View zurückkehrte und das Haus durch den hinteren Kücheneingang betrat. Doch alle Vorsätze verflogen beim Anblick von Louises Gesichtsausdruck. Sie strahlte zufrieden! Diese Stimmung mochte Marlen ihr nicht verderben.

„Wir hatten keinen mehr“, bemerkte sie deshalb nur und deutete auf die Flasche. Sollte Louises Gesichtsausdruck vielleicht bedeuten, dass mit diesem Champagner auf ein frisch verlobtes Paar angestoßen werden würde? „Du siehst so vergnügt aus?“, fügte Marlen möglichst beiläufig hinzu.

„Warum sollte ich auch nicht vergnügt sein?“ Louises Miene wandelte sich und zeigte jetzt einen Ausdruck von Selbstzufriedenheit. Offenbar hatte Marlen mit ihrer Vermutung doch falsch gelegen. „Ich habe dir doch gesagt, dass am Neujahrsabend manch einer bestimmt lieber auswärts übernachtet, als sich noch ans Steuer zu setzen.“

„Wir haben also Gäste?“ Louises Freude übertrug sich sofort. „Wie viele? Haben sie …“

„Also … genau genommen ist es nur einer“, warf Louise hastig ein. „Ich habe ihm das grüne Zimmer gegeben. Mir schien es noch am ehesten für einen Mann zu passen“, fuhr sie fort.

Marlens Freude ließ sich so schnell nicht dämpfen. Ein Gast war immer noch besser als gar keiner … und vielleicht würden sie sich wirklich die Farbe für die Fassade leisten können. „Er ist ein sehr attraktiver Mann“, hörte sie ihre Tante sagen.

„Wo hat er seinen Wagen geparkt?“, fragte Marlen. Ihr fiel jetzt erst ein, dass sie weder am Straßenrand noch auf dem Parkplatz hinter dem Haus einen fremden Wagen gesehen hatte.

„Er ist nicht mit dem Wagen gekommen“, erklärte Louise. Ein Schatten überzog Marlens Freude. Das war ungewöhnlich. Chalmers Hollow lag nicht gerade an der Hauptstraße. Wie sollte ein Fremder ohne Wagen nach hier gekommen sein?

„Aber er hatte doch Gepäck …?“, fragte sie misstrauisch. Irgendetwas gefiel ihr an dieser Sache nicht. Am Ende blieben sie auf einer unbezahlten Rechnung sitzen.

„Aber ja, meine Liebe. Er trug so eine Art Koffer bei sich. Ich glaube, er hat auch vor, länger als eine Nacht zu bleiben.“

„Du hast ihn nicht zufällig danach gefragt?“ Es war Marlen etwas peinlich, diese Frage stellen zu müssen. Sie wusste aber nur zu gut, dass auch so elementare Dinge für Louise keinesfalls selbstverständlich wären.

„Das mochte ich nicht tun“, erwiderte Louise. Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht und machte einem besorgten Ausdruck Platz. „Mr. Stephens schien es nicht besonders gut zu gehen. Er schwankte richtig, während ich mit ihm sprach. Ich habe mir gedacht, es wäre besser für ihn, wenn er sofort hinaufginge und sich ins Bett legte.“

„Er sah krank aus?“ War Marlen vorher nur leicht beunruhigt gewesen, so wurde sie jetzt richtig misstrauisch. Nur die Auskunft, dass Mr. Stephens Gepäck bei sich gehabt hatte, hielt sie von den schlimmsten Befürchtungen zurück.

„Sehr erschöpft“, korrigierte Louise. „Er wirkte mitgenommen und schien nach einem Platz zu suchen, an dem er Ruhe finden könnte. Jedenfalls fragte er, ob wir noch andere Gäste hätten. Ich habe ihm gesagt, dass wir zurzeit nur zu dritt hier wohnen.“

Marlen musste unwillkürlich lächeln. Louise schien völlig vergessen zu haben, dass Colonel Meredith nicht zur Familie gehörte.

„Nachdem ich ihm gesagt hatte, dass wir keine Gäste hätten und auch keine erwarteten, schien er sehr erleichtert zu sein“, fuhr Louise fort. „Kaum hatte er das gehört, trug er sich im Gästebuch ein und verschwand nach oben.“

Mit der Ausrede, ihre Schuhe wechseln zu wollen, verließ Marlen die Küche und ging geradewegs zum kleinen Empfangsschalter der Pension. Tatsächlich! Mr. J. Stephens! Als Herkunftsort hatte er irgendein Nest in Schottland eingetragen, von dem sie nie gehört hatte. Was mochte ein Mr. Stephens aus Schottland am Silvesterabend in Chalmers Hollow verloren haben? Selbst wenn er so erschöpft war, wie ihre Tante angedeutet hatte – welcher wahre Schotte würde sich ins Bett legen und in das neue Jahr hineinschlafen? Jeder Mensch wusste doch, wie Silvesterfeiern in Schottland zu verlaufen pflegten!

Marlen benötigte einige Zeit, um ihre Bedenken zu überwinden. Erst später, während sie in der Küche das Essen vorbereitete, konnte sie ruhig und vernünftig darüber nachdenken. Vielleicht war er irgendein Handlungsreisender, der hier in dieser Gegend zu tun gehabt hatte. Möglicherweise hatte er bis zuletzt angestrengt gearbeitet. Dann mochte er nun körperlich und geistig abgespannt sein. Oder er war verärgert darüber, dass er den Silvesterabend nicht zu Hause verbringen konnte, und so hatte er wohl den ersten sich bietenden Zufluchtsort gewählt, um sich zu erholen.

Richtig überzeugend fand sie ihre Gedankenkette allerdings nicht, aber etwas Besseres wollte ihr nicht einfallen. Und da er anscheinend keinen Wagen dabei hatte und morgen nur sehr wenige Züge fahren würden, bedeutete das wohl gleichzeitig, dass Mr. Stephens auch morgen Nacht in Hills View schlafen würde.

„Hast du ihm gesagt, zu welchen Zeiten wir hier essen?“, fragte sie ihre Tante. Sie hatte an einem separaten Tisch im Speiseraum aufgedeckt.

Louise Browning nickte. Es war unschwer zu erkennen, wie sehr sie sich um den neuen Gast sorgte. „Du weißt doch, dass ein Plan mit den Essenszeiten in seinem Zimmer hängt.“

Aber Mr. Stephens ließ auf sich warten. Schließlich schlug Marlen vor, dass sie hinaufgehen und an seine Tür klopfen sollten, aber davon wollte Louise nichts wissen.

„Nein, das tue ich nicht!“, wehrte sie ab. „Wahrscheinlich schläft er. Er schien es bitter nötig zu haben. Es wäre eine Schande, ihn zu stören.“ Gleich darauf wechselte sie das Thema. Sie drängte Marlen, ihr den Rest der Arbeit zu überlassen, damit sie sich endlich umkleiden könnte. Simon Berry würde bald kommen, um sie zum Ball abzuholen.

Mit dem, was der Spiegel ihr zeigte, war Marlen durchaus zufrieden. Es gab so selten Gelegenheit, sich einmal hübsch zurechtzumachen. Es ging ihr dabei gar nicht um Simon. Er war ein netter Kerl, aber sie hatte keine weiter gehenden Absichten mit ihm. Es machte ihr einfach Spaß, sich wenigstens dann und wann einmal wie eine richtige Frau zu fühlen. Sie hatte sogar ein wenig Lippenstift und Rouge aufgelegt, und sie fand, dass sie sich sehen lassen konnte. Das Kleid hatte Tante Louise für sie genäht. Das machte ihr so schnell keiner nach.

Marlen begutachtete sich noch einmal im Spiegel. Das volle braune Haar fiel in sanften Locken bis auf die Schultern. Hier und da ließ das Licht der Lampe kleine goldene Schimmer aufleuchten. Die Locken umrahmten ein Gesicht, das Marlen nicht ausgesprochen schön fand, mit dem sie aber zufrieden war: Braune Augen, eine gerade, nicht zu große Nase und ein wohlgeformter Mund. Mit ihrem recht dunklen Teint war sie früher manches Mal gefragt worden, ob irgendwelche Südländer unter ihren Ahnen gewesen seien.

Während Marlen immerhin zufrieden mit ihrem Aussehen war, wurde die Tante fast überwältigt von ihrem Anblick. „Oh Marlen!“, seufzte sie auf. Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie schien den Blick nicht von ihrer Nichte abwenden zu können. „Wenn deine Mutter dich nur so sehen könnte! Was bist du für eine wunderschöne Frau geworden!“

Ganz gegen ihren Willen musste Marlen nun auch schlucken. Die Rührung der Tante machte sie verlegen. Wenn sie nicht aufpasste, würden sie sich beide gleich in den Armen liegen und in Tränen ausbrechen. „Ist Mr. Stephens schon aufgetaucht?“, forschte sie stattdessen, um sich und ihrer Tante über den Augenblick hinwegzuhelfen.

Sie hatte das richtige Stichwort gewählt! Sofort erschien die Sorge um ihren Gast wieder auf Louises Miene. „Ich weiß gar nicht, was ich tun soll“, gestand sie. „Eigentlich hätte er längst herunterkommen sollen.“

Also hatte Mr. Stephens noch nicht gegessen! „Ich kann ihm ja das Essen aufs Zimmer bringen“, schlug Marlen vor. Dabei konnte sie dann endlich diesen Mr. Stephens selbst in Augenschein nehmen, dachte sie bei sich.

„Aber doch nicht in diesem Kleid!“, fuhr Louise auf. Es war nicht zu erkennen, ob sie sich Sorgen um das Kleid machte, oder ob ihr der Aufzug ihrer Nichte für einen solchen Gang unpassend erschien.

„Warum denn nicht?“, widersprach Marlen.

„Dann bleib wenigstens vom Herd weg!“, lenkte Louise ein. „Lass mich das Tablett herrichten.“

Das war doch keine so gute Idee, dachte Marlen, während sie das Tablett vorsichtig die Stufen hinaufbalancierte. Simon würde nicht gerade erfreut sein, wenn sie mit einem Kleid voller Soßenflecke zum Ball käme. Noch schwieriger wurde die Sache, als sie das Tablett in eine Hand nehmen musste, um mit der anderen an die Tür klopfen zu können. Sie wiederholte es drei Mal, und da sie dann noch immer keine Antwort gehört hatte, öffnete sie vorsichtig die Tür.

Sie wusste, dass Mr. Stephens im Zimmer war. Wenn er schlief, wie die Tante vermutete, würde sie das Tablett einfach auf den Tisch stellen und so leise, wie sie eingetreten war, auch wieder verschwinden.

Aber Mr. Stephens schlief keineswegs! Und er schien auch keineswegs gestört werden zu wollen. Er stand am Fenster, eine große sportliche Erscheinung, und starrte sie mit eisigen Blicken an. „Wer sind Sie?“, fuhr er sie an. Die Stimme passte zu der Miene: schroff, kalt und abweisend.

Einen Moment lang verschlug es Marlen die Sprache. Hills View hatte in besseren Tagen alle möglichen Sorten von Gästen gesehen, aber so einen ungehobelten Flegel sicher noch nie. Wie gelähmt stand sie einen Augenblick da, ehe sie sich aufraffen und die paar Schritte zu dem kleinen Tisch gehen konnte. Dabei verbarg sie ihre wahren Gefühle hinter einem Lächeln.

„Ich bin Marlen Kirkham“, erklärte sie höflich. Unwillkürlich registrierte sie, dass sie nicht den leisesten schottischen oder sonstigen Akzent in seiner Stimme vernommen hatte. „Ich bin Mrs. Brownings Nichte.“

Die Erklärung, dass sie gewissermaßen zum Betrieb gehörte und somit ein Recht hatte, hier zu sein, schien ihn nicht im Geringsten zu besänftigen. „Habe ich etwas zu essen bestellt?“, knurrte er weiter.

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