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Ruf der Dämmerung

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
  17. 13
  18. 14
  19. 15
  20. 16
  21. 17
  22. 18
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Über die Autorin

Sarah Lark, geboren 1958, las schon als Jugendliche mit Begeisterung romantische Geschichten und Fantasyliteratur. Sie arbeitete als Journalistin und Werbetexterin, bevor sie begann, selbst Romane zu schreiben. Sarah Lark lebt mit ihrer Familie als freie Schriftstellerin in Spanien – und mit Viola verbindet sie eine große Liebe zu Irland.

1

»Es macht dir wirklich nichts aus?«

Viola seufzte. Ihre Mutter fragte das nun zum fünften Mal, und das allein heute. Insgesamt hatte Viola die Frage garantiert schon Hundert Mal mit Nein beantwortet, und jetzt wäre es ohnehin zu spät gewesen, sich noch anders zu entscheiden. Schließlich hatte sie ihr Gepäck bereits aufgegeben und der Flieger nach Dublin war gleich zum Einsteigen bereit.

Davon abgesehen war es die falsche Frage. Was sollte Viola schließlich etwas ausmachen? Die paar Monate in Irland? Darauf freute sie sich eher. Sie hatte immer mal im Ausland zur Schule gehen wollen und die Sprache war auch kein Problem. Schließlich war sie zur Hälfte Irin und hatte stets so selbstverständlich Englisch mit ihrem Vater gesprochen wie Deutsch mit ihrer Mutter.

Also die Trennung von Mom? Viola und ihre Mutter waren einander in den vergangenen Monaten sehr nahegekommen. Manchmal etwas zu nahe. Besonders in der letzten Zeit hatte ihre Mom sie kaum noch aus den Augen gelassen. Viola stöhnte innerlich, wenn sie nur daran dachte. Es war sicher gut, das abzubauen.

Blieb der Aufenthalt in der neuen Familie ihres Vaters – und daran hatte sie zweifellos zu knabbern. Viola war sich jetzt schon sicher, dass sie Dads neue Frau nicht würde leiden können. Und dann war auch noch ein Halbgeschwisterchen unterwegs. Aber andererseits – vielleicht würde ihr das Ganze ja helfen, ihren Dad wenigstens ansatzweise zu verstehen.

Viola war jedenfalls entschlossen, die Reise als Abenteuer zu betrachten. Alles war besser, als weiter mit Mom in der leer wirkenden Wohnung zu sitzen und Trübsal zu blasen.

»Es macht mir wirklich und absolut nichts aus!«, erklärte sie also nochmals und gab ihrer Mutter einen Abschiedskuss auf die Wange. »Im Gegenteil, es wird mir Spaß machen. Also vergiss mich jetzt einfach mal und freu dich auf Boston. Du hast einen großartigen Job in einer coolen Firma, und wenn du erst wieder da bist, wirst du die größte Filiale in Deutschland leiten. Du machst Karriere, und das werde ich Paps jeden Tag aufs Butterbrot schmieren, wenn er die Klos auf dem Campingplatz von seiner Ainné sauber macht.«

Über das Gesicht von Violas Mom zog ein Lächeln. Ein bisschen wehmütig, aber auch etwas schadenfroh. Zu Hause in Braunschweig hatte Violas Dad in einem Reisebüro gearbeitet. Seine praktische Begabung hielt sich in Grenzen – eigentlich schlug er sich jedes Mal den Daumen blau, wenn er nur versuchte, einen Nagel in die Wand zu hämmern. Als Mädchen für alles auf einem Campingplatz im irischen Nirgendwo konnte ihn sich seine alte Familie insofern kaum vorstellen. Und natürlich hatte er seinen neuen Job auch nicht so beschrieben. Laut eigenen Angaben würde er als »Manager« arbeiten. Darüber konnten Viola und ihre Mom allerdings nur lächeln. Bislang hatten Dads neue Frau und deren Vater den Betrieb schließlich mühelos allein geführt, mit einem oder zwei Saisonhelfern. Viele Managementebenen gab es da sicher nicht.

Viola nutzte den seltenen Moment der gelösten Stimmung für einen tränenlosen Abschied. Sie drückte ihre Mutter noch kurz an sich, griff dann nach ihrem Handgepäck und verschwand durch die Sperre. Während der Sicherheitskontrollen winkte sie Mom noch einmal zu und dann war es glücklich überstanden. Ihre Mutter wandte sich ab und schien sich dabei recht tapfer zu halten.

Viola atmete auf. Eine Tränenflut hätte sie heute auch nicht gut verkraftet. Das hatte sie in den Wochen nach der Trennung von Dad schließlich oft genug durchgemacht. Mom heulte damals fast täglich, während Viola selbst in eine Art verständnislose Starre gefallen war. Das Ganze war einfach zu plötzlich gekommen, um schnell damit fertig zu werden.

Viola schlenderte durch die Auslagen im Duty-free-Shop und dachte noch einmal an diese schrecklichen Wochen vor einem halben Jahr.

Genau hier, am Flughafen Hannover, hatten sie Dad damals verabschiedet. Eine Woche wollte er wegbleiben – ein Kongress in Galway. Mom, Viola und Dad hatten gelacht, sich umarmt – und Dad hatte davon gesprochen, dass die nächste Irlandreise ganz sicher ein Familienurlaub sein sollte. Vielleicht auf einem Hausboot den Shannon hinaufschippern oder einfach mit einem Leihwagen rund um die Insel. Mom neckte ihren Mann damit, dass man auch einen Tinkerkarren mit Pferd mieten könnte – sie wusste, dass er die Vierbeiner fürchtete, seit er als Kind einmal getreten worden war. Dad scherzte über Feen und Kobolde in seiner alten Heimat. An diesem Tag waren sie alle noch glücklich gewesen. Aber schon am nächsten Abend hatte Mom begonnen, sich Sorgen zu machen. Schließlich rief Dad sonst praktisch täglich an, wenn er unterwegs war. Nun aber herrschte Funkstille und sogar sein Handy war ausgeschaltet. Während der ganzen Woche hatten Mom und Viola ihn nur einmal erreicht und da war er seltsam und einsilbig gewesen. Schließlich erhielten sie eine SMS, die verkündete, dass er drei Tage länger wegbleiben würde. Und dann folgte die schockierende Erklärung: Als er endlich wiederkam, hatte Dad noch auf dem Weg vom Flughafen nach Hause von Ainné erzählt, seiner Jugendliebe. Er hatte sie überraschend in Galway wiedergetroffen und nach seinen Angaben hatte es direkt »gefunkt«. Ainné hatte ihn verzaubert – »verhext«, wie Violas Mom es später ausdrückte –, er hatte sich verliebt wie niemals zuvor. Ainné O’Kelley und Alan McNamara, davon war Dad fest überzeugt, waren füreinander bestimmt!

Alan McNamara fand an diesem Abend viele schöne Worte für die einfache Tatsache, dass seine Familie ihm plötzlich im Weg stand. Viola und ihre Mutter sollten das bitte nicht persönlich nehmen, aber es gäbe eben mehr Dinge zwischen Himmel und Erde …

Dad schwebte auf Wolken und Violas Hoffnung, er würde vielleicht vor der Scheidung wieder runterkommen, erfüllte sich nicht. Zumal Ainné auch noch schwanger war. Die beiden frisch Verliebten hatten die erste Woche ihres erneuten Zusammentreffens wirklich genutzt.

Violas Flug wurde jetzt aufgerufen und sie ließ sich im Strom der Reisenden – vor allem Erwachsene, Geschäftsreisende und Urlauber, die nicht auf die Ferienzeit angewiesen waren – mittreiben. In Hannover begann am Montag die Schule wieder, in Irland in einer Woche. Viola war gespannt auf die Highschool im ländlichen Roundwood. Sie würde die neunte Klasse besuchen, ein halbes Jahr lang – vielleicht ein ganzes, falls es ihr bei Dad und Ainné gefiel. Ihre Mutter jedenfalls würde ein halbes Jahr in Boston verbringen – am amerikanischen Hauptsitz der großen Computerfirma, für die sie arbeitete. Für sie bedeutete das einen erheblichen Karrieresprung, zumindest finanziell war sie nicht auf ihren Exmann angewiesen. Das war zwar nur ein kleiner Trost, aber es hatte sie nach der Trennung doch wieder aufgerichtet. Wenigstens in der Firma wusste man sie zu schätzen. Hier würde man ihr keine »irische Rose« vor die Nase setzen. Und in gewisser Weise erfüllte es sie bestimmt auch mit Schadenfreude, dem jungen Glück am Lough Dan jetzt erst mal ihre Tochter auf den Hals zu hetzen: Ainné war garantiert nicht erbaut davon, ihre »große Liebe« im Doppelpack mit einem Teenager zu bekommen. Viola lächelte grimmig. Viel Entgegenkommen hatte Dads neue Frau von ihr nicht zu erwarten.

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Viola flog erst zum zweiten Mal in ihrem Leben und fand das Drumherum um Start und Landung, Kabinenservice und Duty-free-Einkäufe noch spannend genug, um die Reise als kurzweilig zu empfinden. Außerdem wuchs mit der Entfernung von ihrem alten Leben die Freude darauf, ihren Vater wiederzusehen. Sosehr sie mit Mom über ihn geschimpft hatte – vermisst hatte sie ihn doch. Mit Dad war der Alltag einfach lustiger gewesen. Er nahm das Leben von jeher leicht und hatte es immer geschafft, Viola und ihre Mom aufzuheitern, egal wie viel Ärger es in der Schule oder in Moms Firma gegeben hatte. Seine Arbeit im Reisebüro hatte Alan McNamara Spaß gemacht. Es gab immer etwas zu erzählen über Kunden und ihre Sonderwünsche – Viola lächelte, wenn sie nur daran dachte, und verzog das Gesicht bei der Erinnerung an die freudlosen Monate nach der Trennung ihrer Eltern.

Als der Flieger schließlich gelandet war, trabte sie aufgeregt die schier endlose Strecke vom Flugzeug bis zur Gepäckausgabe. Ein eintöniger, verglaster Flur folgte hier auf den anderen, zum Teil mit Laufbändern versehen, um schneller vorwärtszukommen. Viola probierte eins aus und fand es lustig. Aber dann fiel ihr ein, dass sie sich vielleicht noch ein bisschen herrichten sollte, bevor sie ihrem Dad gegenübertrat. Viola suchte eine Toilette und überprüfte ihren Anblick im Spiegel. An sich nicht schlecht – nur den vorwitzigen Pickel über ihrem rechten Auge musste sie ein bisschen überschminken. Den verdankte sie bestimmt der Flugzeugluft. Gewöhnlich litt Viola nicht unter Akne. Aber ihre sehr helle Haut – Dads irisches Erbe! – war empfindlich und reagierte schnell auf Irritationen. Ein solcher Teint war meist mit rotem oder blondem Haar und blauen Augen gekoppelt, aber Violas dichtes, glattes Haar war kastanienfarben und ihre Augen waren dunkelgrün. Mit hellbraunen Lichtern darin, wenn sie sich aufregte oder angespannt war wie jetzt. Viola zupfte an ihrem hellgrünen Pulli herum und überprüfte den Sitz ihrer engen Jeans. In dem stressigen, letzten halben Jahr hatte sie etwas abgenommen, aber sie fand, das stand ihr gut. Sie stellte sich Dads Lächeln bei ihrem Anblick vor. Er war immer stolz auf sie gewesen und hatte sie seine »Prinzessin« genannt. Ob er diesen Namen nun für das neue Kind verwenden würde, falls es eine Tochter war? Violas gute Laune trübte sich – und näherte sich gefährlich dem Nullpunkt, als sie den Wagen mit ihren Koffern endlich in die Ankunftshalle schob, sich da aber vergeblich nach Dads von rotbraunem Wuschelhaar umrahmten Gesicht umsah. Er schien sich verspätet zu haben – oder hatte er die Ankunftszeit verwechselt? In Irland war es eine Stunde früher als in Braunschweig – und dann war da ja auch noch die Sache mit a.m. und p.m. Ob Dad sie vielleicht erst am Abend erwartete? Aber er sollte sich mit der Zeit in seiner Heimat eigentlich auskennen!

Unschlüssig sah sie sich um. Sie hatte eine Telefonnummer, aber Dad hatte gesagt, er sei tagsüber schwer zu erreichen, da meistens draußen, irgendwo auf dem Campingplatz. Heute traf das sicher zu, in Dublin herrschte strahlender Sonnenschein. Nichts von dem irischen Regen, vor dem ihre Freundin Katja sie gewarnt hatte. Katja war im letzten Jahr mit ihren Eltern in Irland gewesen und angeblich hatte es pausenlos geschüttet. Aber vielleicht wollte sie Viola das Land auch nur miesmachen. Die Freundinnen steckten von Kindheit an zusammen und konnten sich kaum vorstellen, sechs Monate lang getrennt zu sein.

Verdammt, warum hatte sie sich bloß Dads Handynummer nicht geben lassen!

Während Viola noch unglücklich in die Gegend starrte, kam ein junger Mann auf sie zu. Er war blond und schlaksig, der Typ, der nur aus Armen und Beinen zu bestehen schien, und er trug ein mit rotem Filzstift beschriftetes Schild gut sichtbar vor sich.

Verwundert las Viola ihren Namen: Viola McNamara. Und jetzt hatte der Junge sie auch erreicht.

»Sorry, aber bist du das vielleicht?« Der Typ sprach sie an und zeigte auf das Schild.

Viola nickte verwirrt. »Aber … mein Dad … Eigentlich warte ich auf meinen Vater.« Sie musste die englischen Worte fast suchen und schämte sich für ihre Unsicherheit.

Der Junge grinste. »Dein Dad konnte nicht kommen. Irgendwas mit seiner Lady … Jedenfalls hat er mich geschickt, dich abzuholen. Ich bin Patrick, ich arbeite auf dem Campingplatz. Soll ich das Ding nehmen?« Er wies auf den Kofferwagen, der wirklich nicht leicht zu lavieren war. Wahrscheinlich hatte Viola ihn auch nicht gerade genial bepackt. Sie war ebenso unpraktisch wie ihr Dad.

Viola nickte wieder und überließ Patrick das Gefährt. Immer noch sprachlos, folgte sie ihm aus dem Flughafen zum Parkplatz, wo er einen Kleinbus mit der Aufschrift Lough Dan Camping ansteuerte.

»Reichlich Platz für dein Zeug«, grinste Patrick. »Mann, nach dem, was du mitschleppst, möchte man meinen, du würdest ein halbes Jahr bleiben …«

»Will ich ja auch …« Der Wechsel ins Englische wurde langsam wieder selbstverständlicher. Nachdem sie Patrick kurz erklärt hatte, dass sie während des Aufenthalts ihrer Mutter in Amerika in Irland bleiben würde, hatte sie sich ganz auf die Sprache eingestellt.

»Und du?«, fragte sie schließlich. »Bist du aus Roundwood?«

Patrick schüttelte den Kopf. »Ja und nein. Ich bin zwar da geboren, aber vor ein paar Jahren nach Dublin gezogen. Da studiere ich jetzt – Musik- und Literaturwissenschaft.«

»Und das in Roundwood ist ein Ferienjob?«, erkundigte sich Viola.

Patrick nickte. »Auch wieder ja und nein«, lachte er. »In Roundwood laufen Sommerkurse in ›Gaelic Studies‹ – altirische Sprache und Musik. Zwei Lehrerinnen aus der Highschool da haben echt was drauf. Wirst du auch mitkriegen, das durchzieht bei denen den ganzen Unterricht. Na ja, und da ich nicht von Luft und Liebe leben kann und diese Kurse auch was kosten, hab ich mir den Job gesucht. Ich bleibe noch einen Monat in Wicklow, bis die Uni wieder anfängt. Und dann reicht’s mir auch mit frischer Luft und Landschaft pur! Lough Dan ist schön, wird dir gefallen. Aber es gibt noch nicht mal Füchse, weil sich kein Artgenosse zum Gute-Nacht-Sagen findet.«

Viola kicherte. Das klang nicht nach dem typischen Umfeld ihres lebenslustigen Vaters. »Internet?«, fragte sie vorsichtig. Sie hatte ihren Laptop im Koffer und eigentlich gehofft, Katja heute schon die erste Mail schicken zu können.

Patrick runzelte die Stirn. »Ja, aber bei Regen oder Sturm kann’s schon mal ausfallen … Nun guck nicht so panisch!« Er grinste ihr zu. »Vor Erfindung des Internets hat man am Lough Dan auch überlebt. Uralte Kulturlandschaft. Ein paar Kilometer weiter liegt Glendalough, da hat schon der heilige Kevin gewirkt …«

Viola verdrehte die Augen. Der heilige Kevin war ihr herzlich egal, sie wollte Katja!

Patrick steuerte den Bus aus den Vororten von Dublin heraus Richtung Wicklow County. Für die Fahrt würden sie kaum mehr als zwei Stunden brauchen, aber es war doch wie ein Eintauchen in eine andere Welt, als sie die Schnellstraße schließlich verließen und durch ländliche Gegenden und winzige Orte zuckelten. Die Straßen wurden dabei immer schmaler und kurviger, das flache Land um Dublin wich gebirgigen Abschnitten. Sie kamen dem Wander- und Erholungsgebiet deutlich näher, in dem Lough Dan und Roundwood lagen. Irlands höchstgelegenes Dorf, wie ihr Patrick jetzt verriet.

»Beliebter Urlaubsort. Du kannst fischen, wandern, reiten – reitest du übrigens? Der alte Bill ist schon ganz wild auf das Mädel aus Deutschland. Er ist überzeugt, da wären alle verrückt nach Pferden. Und er hofft natürlich auf kostenlose Hilfe bei den Ponys …«

»Reiten? Ich?« Viola hatte nicht genau hingehört, sondern sich auf die faszinierende Gebirgslandschaft konzentriert, die sich jetzt vor ihr auftat. Außerdem war ihr etwas schlecht von all den Kurven. Aber der Gedanke an Pferde zerrte sie unsanft in die Wirklichkeit zurück. Nachdem Katja vor einem Jahr eine kurze Zeit in ein Pferd namens Blacky verliebt gewesen war, wirkte auf Viola schon die Erwähnung dieser Tiere wie blanker Horror. Drei Monate lang hatte Katja nur von Pferden gesprochen – aber dann war zum Glück ein Junge namens Toby in die Wohnung nebenan gezogen und Katja hatte sich anderweitig orientiert. Viola hielt Toby zwar auch für einen Langweiler, aber wenigstens roch er nicht so streng.

Patrick grinste. »Dein Dad hat ihm schon gesagt, dass du dir aus den Viechern nichts machst, aber das glaubt er nicht. Bill glaubt grundsätzlich nur, was er glauben will. Ich persönlich finde ihn etwas anstrengend … aber du wirst schon mit ihm klarkommen …«

Die letzte Bemerkung klang bemüht tröstlich. Anscheinend hatte Viola schon wieder etwas leidend ausgesehen.

»Bill ist Ainnés Vater, nicht?«, erkundigte sie sich.

Patrick nickte.

Viola seufzte. Noch ein Mitbewohner, mit dem sie sich arrangieren musste. Aber wenigstens Patrick war nett.

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Nach fast endloser, kurvenreicher Fahrt erreichten sie Roundwood – wie erwartet ein Nest, aber einladend gestaltet mit bunt bemalten Fassaden und alten Ladenschildern. Patrick hielt vor einem Supermarkt und Viola taumelte aus dem Auto. Wenn sie tief durchatmete und sich etwas bewegte, musste sie sich vielleicht nicht übergeben … Schließlich half sie Patrick, ein paar Kisten mit offensichtlich telefonisch bestellten Lebensmitteln einzuladen, und fühlte sich dann wirklich etwas besser.

»Da ist die alte Schule«, erklärte Patrick, als sie weiterfuhren, und wies auf ein hübsches altes Gebäude. »Und gleich dahinter das neue Schulzentrum. Nicht so schön, aber angeblich ganz modern ausgestattet. Ich kann’s dir nicht sagen, als ich klein war, saßen wir noch im alten Haus. Da gab’s keine Computer, aber dafür spukte es.«

»Und wie komm ich hier jeden Tag hin?«, fragte Viola mürrisch und starrte unglücklich auf ein Straßenschild: Lough Dan 3 Meilen. Dabei reichte es ihr jetzt wirklich mit dem Autofahren. Schon nach den ersten drei Kurven durchs Dorf hatte sie das Gefühl, sich erneut grünlich zu verfärben.

»Schulbus«, meinte Patrick. »Sie sammeln dich ein, keine Sorge. Und es ist die höchstgelegene Highschool Irlands.« Er grinste.

»Schau, da ist der See.«

Eine weitere Kurve gab den Blick auf den Lough Dan frei und Viola vergaß ihre Übelkeit fast. Der Anblick war sensationell, gerade jetzt im Sonnenschein. Der kleine See, eingeschlossen von Bergen, war glatt wie ein Spiegel und warf das Bild der Gipfel zurück. Es war, als blicke man in ein Zauberland von Schluchten und verwunschenen Tälern unter dem Wasserspiegel. Die Ufer waren gelegentlich steil, meist aber flach und schilf- oder grasbewachsen. Der See wurde von vielen kleinen Bächen gespeist, die teilweise winzige Wasserfälle bildeten. Sie glänzten silbern in der Sonne und schienen ihre Strahlen einzufangen und dem See zum Geschenk zu machen. Häuser sah Viola zunächst gar nicht und tatsächlich erwies sich die Ansiedlung, zu der auch der Campingplatz der O’Kelleys/McNamaras gehörte, als so winzig, dass sie nicht mal einen Namen hatte. Es gab ein Andenkengeschäft und ein Restaurant an einem besonders schönen Aussichtspunkt. Dazu ein Landhotel weiter oben in den Bergen und ein paar verstreute Häuser. Kein Ort von Weltgeltung.

»Du siehst, überall Landschaft, nichts als Landschaft«, kommentierte Patrick. »Die aufregendste Betätigung hier ist Vogelbeobachtung.«

Er bog auf einen schmalen Weg Richtung See ab und durchfuhr gleich darauf eine geöffnete Schranke. Daneben stand ein Wärterhäuschen mit einem Schild Lough Dan Camping. Viola sah etwa dreißig Stellplätze, von denen jetzt aber nur einige wenige direkt am Wasser belegt waren.

»Im Hochsommer ist mehr los«, bemerkte Patrick und folgte einem Schild Platzverwaltung. Schließlich hielt er vor dem reetgedeckten kleinen Haus, das Viola schon aus Dads E-Mails kannte. Im Eingangsbereich gab es ein Büro und einen winzigen Shop, in dem die Camper das Nötigste zum Leben einkaufen konnten. Patrick und Viola trugen die Kisten aus Roundwood hinein, und Patrick machte sich gleich daran, sie auszupacken.

»Ich mach das lieber sofort«, erklärte er, »sonst vergesse ich es, und Ainné kriegt einen Tobsuchtsanfall, wenn die Butter schmilzt. Du kannst aber schon reingehen. Der Privateingang ist gleich nebenan, kannst du gar nicht verfehlen. Ich bring dir die Koffer dann nach. Aber ich weiß nicht, ob überhaupt schon jemand da ist. Das Auto ist jedenfalls nirgends zu sehen.«

»Wo steckt mein Dad denn überhaupt?«, fragte Viola enttäuscht und machte sich erst mal daran, Patrick zu helfen. Was sollte sie schließlich allein in dem verwaisten Haus? Bestenfalls konnte sie Ainnés Vater kennenlernen und dazu hatte sie wenig Lust.

»Hab ich doch gesagt. Er ist mit Ainné zur Ambulanz. Wenn’s schlimm ist, muss sie nach Dublin. Aber bisher war’s immer nur falscher Alarm. Das Baby hat ja wohl auch noch ein paar Wochen Zeit.« Patrick packte Milch und Butter ins Kühlfach. Viola sortierte Tütensuppen. Nach fünf Minuten waren sie fertig.

»Soll ich dich rumführen?«, fragte Patrick und grinste mal wieder. »Vielleicht sehen wir ja ein paar spannende Vögel.«

Viola nickte lustlos. Ihr Magen war nach der Autofahrt immer noch nicht ganz zur Ruhe gekommen. Sicher war es gut, frische Luft zu schnappen.

Sie bereute es nicht. Die Luft war warm und roch nach Harz und Kräutern. Der Campingplatz lag idyllisch direkt am Seeufer, es gab einen kleinen Bootssteg und einen Schuppen, der einen Kanu- und Ruderbootverleih beherbergte. Die Boote wirkten durchweg neu und gut gepflegt.

»Mein Job«, erläuterte Patrick und wies auf die sorgfältig aufgebockten Kanus. »Neben allem möglichen anderen Kram. Aber hauptsächlich kümmere ich mich um die Boote und weise die Leute ein, die sich zur Seefahrt berufen fühlen. Die Kajaks kippen schon mal um, wenn sich einer besonders blöd anstellt – aber ich zeig dir gern, wie’s geht, wenn du Lust hast.«

Viola schüttelte den Kopf. Sie konnte auf jede Form von Sport sehr gut verzichten. Außer aufs Surfen im Internet.

»Und da hinten geht’s zu den Ponys. Das macht Bill.«

Patrick führte Viola vom Ufer weg zu einem eingefriedeten Areal, zu dem auch Ställe und Anbindeplätze gehörten. Davor war ein vierschrötiger, rotgesichtiger Mann gerade damit beschäftigt, ein zierliches Mädchen in breitem Irisch zusammenzustauchen: »Ist mir ganz egal, was du gedacht hast. Gracie geht nicht im Betrieb, das weißt du!«

»Ich hab sie doch nicht verliehen!«, verteidigte sich das Mädchen. Sie war hellblond, sehr schlank und in Violas Alter. »Ich hab sie selbst geritten. Weil sie doch so unausstehlich wird, wenn sie nichts zu tun hat. Und Ainné wird sie in den nächsten Monaten sowieso nicht bewegen, da dachte ich …«

»Das Denken überlässt du den Pferden, die haben die größeren Köpfe«, raunzte der Mann. »Und Ainnés Pferd ist Ainnés Pferd, egal ob sie es gerade reitet oder nicht.«

Das Mädchen wollte erneut widersprechen, aber dann sah sie Patrick und Viola und wurde sofort rot. Anscheinend war es ihr peinlich, vor Publikum zusammengefaltet zu werden – oder schämte sie sich nur vor Patrick? Viola meinte, ein verräterisches Aufblitzen in ihren blauen Augen zu erkennen, als sie den jungen Mann streiften. Es ließ ahnen, dass sie nicht nur in Pferde verliebt war.

Patrick selbst schaute eher missbilligend. »Das wäre dann also Bill«, bemerkte er. »Wie wir alle ihn kennen und lieben. Das Mädchen ist Shawna – das leidensfähigste Geschöpf dieser Insel …«

Bevor er das weiter ausführen konnte, kam Shawna zu ihnen hinüber.

»Hi, Patrick!«, grüßte sie jetzt und die Sternchen in ihren Augen waren nicht mehr zu übersehen. »Du bist wieder da.«

Viola war selbst noch nie wirklich verliebt gewesen, aber sie hatte mehrmals beobachtet, dass dieser Zustand zum weitgehenden Verlust der Fähigkeit führte, ganze oder gar intelligente Sätze zu bilden.

»Wie du siehst«, grinste Patrick. »Und du warst auch bis jetzt unterwegs? Halbtagesritt mit drei Touris, ja? Womit du dem alten Mistkerl hundertfünfzig Euro verdient hast. Und zum Dank brüllt er dich an.«

Shawna errötete erneut. Anscheinend ein heikles Thema …

»Ich hätte Gracie nicht nehmen sollen«, entschuldigte sie Bills Ausbruch. »Jedenfalls nicht, ohne Ainné zu fragen. Aber ich brauchte drei große Ponys für die Touristen, das waren alles Erwachsene. Da konnte ich doch nicht auf einem kleineren vorwegzuckeln. Und …«

»Geschenkt, Shawna, mir brauchst du das nicht zu erklären.« Patrick machte eine wegwerfende Handbewegung. »Zeig lieber dem Alten mal, was ’ne Harke ist! Mensch, Shawna, ohne dich ist der doch aufgeschmissen! Du schuftest dich hier jeden Tag ab und siehst dafür keinen Euro. Lass ihn mal ein paar Tage hängen, danach ist er vielleicht wenigstens ein bisschen höflicher …«

»Aber ich darf doch umsonst reiten«, verteidigte sich Shawna. »Und wenn nun dieses Mädchen aus Deutschland kommt …« Sie schaute auf und schien Viola jetzt erst zu bemerken. »Oh … bist du vielleicht …?« Sie errötete schon wieder.

Viola versuchte, sie aufmunternd anzulächeln. »Ich bin Viola und tatsächlich aus Deutschland. Aber selbst wenn ich wollte, könnte ich mich keine drei Minuten auf deiner Gracie halten, oder wie das Vieh heißt. Und ich hab auch keine Lust dazu, irgendwelche Ställe auszumisten, Touristenkinder auf Ponys zu setzen oder was du hier sonst so machst.«

Über Shawnas Gesicht zog ein schüchternes Lächeln. Patrick grinste schon wieder.

»Na siehst du. Keiner macht dir den Traumjob streitig. Und jetzt komm bloß nicht auf die Idee, dem Kerl noch die Pferde einzutreiben und füttern zu helfen. Ich hab Cola im Bootshaus, kommt mit, ich geb einen aus.«

Shawna wirkte etwas schuldbewusst – sicher war sie fest entschlossen gewesen, mit der Arbeit fortzufahren. Aber letztlich siegte ihre Schwäche für Patrick. Sie strahlte ihn an und trottete brav neben ihm und Viola her. Ein kleiner schwarz-weißer Hund, der eben noch um den alten Bill herumgewuselt war, schloss sich ihnen an.

Viola streichelte ihn.

»Wer ist das denn?«, erkundigte sie sich, schon um das Schweigen zu brechen. Erfolgreich. Shawna taute augenblicklich auf, wenn es um Tiere ging.

»Das ist Guinness«, stellte sie vor. »Dein Vater hat ihn so getauft, weil er doch schwarz-weiß ist: wie das Bier mit dem hellen Schaum. Eigentlich gehört er auch Ainné, aber die kümmert sich nicht viel um ihn. Meistens ist er bei mir …«

Der letzte Satz klang wieder etwas traurig und sehnsüchtig. Viola vermutete, dass Shawna zu Hause keinen Hund halten durfte. Und ein Pferd offensichtlich erst recht nicht. Aber vielleicht konnten ihre Eltern sich das auch nicht leisten.

»Du kommst übrigens in meine Klasse«, wechselte Shawna schließlich das Thema. »Wir haben uns schon alle gefragt, ob du Englisch sprichst. Und Gälisch!«

Patrick lotste die Mädchen zu einem idyllischen Plätzchen am See, wo aus dem Gras aufragende Felsen natürliche Sitzgelegenheiten boten. Vor allem war der Ort von den Ställen her nicht einzusehen und vom Haus aus erst recht nicht. Zwischen dem Ufer und den Wirtschaftsgebäuden lag das Bootshaus. Shawna würde vom alten Bill unbehelligt bleiben. So wirkte sie jetzt auch ziemlich gelöst und plauderte mit Viola, während sie es sich auf den sonnenwarmen Steinen gemütlich machten und Patrick die Cola holte.

Viola erfuhr, dass sie Gälisch hier nicht abwählen konnte, wie sie gehofft hatte, aber Shawna versicherte ihr, die Klasse sei klein und die Lehrerin nicht streng. »Bestimmt macht sie für dich ein Sonderprogramm. Sie kann nicht erwarten, dass du neun Schuljahre in sechs Monaten nachholst. Auf jeden Fall wird sie versuchen, es dir schmackhaft zu machen. Sie wirbt ständig um Teilnehmer für ihre Sommerkurse!«

Als Patrick mit der Cola zurückkam, wurde Shawna sofort wieder einsilbig. Sie himmelte den Jungen erkennbar an. Bei Patrick selbst konnte Viola dagegen noch keine Anzeichen größerer Verliebtheit ausmachen. Immerhin schien er Shawna zu mögen und sicher tat sie ihm auch etwas leid. Die Voraussetzungen waren also nicht allzu schlecht.

Schließlich machte sich Shawna widerstrebend auf den Heimweg.

»Wir kriegen noch zwei Busladungen heute Nachmittag«, erklärte sie Patrick mit unglücklichem Gesichtsausdruck und streichelte Guinness noch mal über den Kopf, während sie sich auf ihr Moped schwang. »Das geht garantiert zwei Stunden … Bye, Viola, man sieht sich …«

Shawna trat das Moped mit Schwung an und tuckerte davon, aufwärts, und sicher verbotenerweise über einen Wanderweg.

»Sie kriegen was?«, fragte Viola, nachdem Shawna außer Sicht war. Patrick und sie wandten sich wieder in Richtung Haus, vielleicht war ihr Dad ja inzwischen angekommen.

Patrick lachte. »Zwei Busladungen Touristen. Shawna gehört zum Lovely View, dem Ausflugsrestaurant. Erinnerst du dich? Wir haben das Schild gesehen. Von der Abzweigung aus geht es allerdings noch zwei Kilometer aufwärts. Der Laden ist eine Goldgrube! Die Reisegesellschaften karren ihre Leute nach Glendalough und anschließend gibt es da oben Tee. Oder Lunch. Jedenfalls fallen sie zu Dutzenden über die McLaughlins her und da wird jede Hand gebraucht. Aber überflüssig zu sagen, dass Shawna auch von ihren Eltern kein Geld kriegt. Sonst könnte sie sich ja endlich selbst einen Gaul kaufen und das Theater mit Bill hätte ein Ende. Aber wie gesagt: Sie ist zu gut für diese Welt. Und Engel hatten es schon zu Sankt Kevins Zeiten nicht leicht. Da, schau mal, das Auto ist zurück. Wenn’s deinem Dad also nicht entlaufen ist, sollte der auch da sein.«

Viola lachte nervös. Jetzt hatte sich das Wiedersehen mit ihrem Vater so lange verzögert, dass sie fast schon befangen war. Das verflog allerdings sofort, als sie ihn endlich zu Gesicht bekam. Alan McNamara war gerade dabei, einer rothaarigen jungen Frau aus dem alten Geländewagen zu helfen, aber er ließ Ainné stehen, als er Viola auf sich zulaufen sah. Sie flog in seine Arme.

»Vio, endlich!« Alan wirbelte seine Tochter herum, wie er das schon getan hatte, als sie ein ganz kleines Mädchen war. »Tut mir so leid, dass ich nicht zum Flugplatz kommen konnte. Aber wer weiß, vielleicht hättest du mir Patrick ja sogar vorgezogen?« Er zwinkerte ihr zu. »Pass nur auf, der Junge ist ein Schürzenjäger. Die kleine Shawna ist ganz verrückt nach ihm!«

Viola versicherte ihm, ganz sicher nicht verrückt nach Patrick zu sein und auch sonst noch keinen Mann auf der Welt gefunden zu haben, den sie ihrem Daddy vorzog.

»Das ist meine brave Prinzessin!«, lachte Alan und küsste sie noch einmal. »Aber nun komm, ich muss dir Ainné vorstellen!« Es hörte sich an, als plane er, seiner Tochter ein lang ersehntes Weihnachtsgeschenk zu enthüllen. Viola versteifte sich, aber Alan bemerkte das gar nicht. Er nahm sie strahlend bei der Hand und führte sie zum Wagen, wo die junge Frau nach wie vor wartete. Sie bemühte sich, Guinness’ stürmische Begrüßung abzuwehren und schenkte auch Viola und ihrem Vater eher ungnädige Blicke.

»Vielleicht können wir erst mal ins Haus gehen, Alan«, bemerkte sie kühl. »Ich fühle mich nach wie vor nicht gut … Entschuldige, Viola, das hat nichts mit dir zu tun, aber das Baby …« Sie fasste an ihren Bauch.

Viola murmelte etwas Unverständliches. Ihr Vater hatte sie sofort losgelassen, als Ainné sich beschwerte, und bot seiner neuen Frau jetzt fürsorglich den Arm. Sie stützte sich schwer auf ihn, aber Viola fand, das Ganze wirkte etwas aufgesetzt. Zweifellos hätte sie auch allein gehen können. Aber immerhin hatte Viola währenddessen Zeit, Ainné O’Kelley-McNamara einer unauffälligen Musterung zu unterziehen. Dad hatte sie stets eine irische Rose genannt und Viola hatte den Begriff gegoogelt. Anscheinend bezeichnete er Mädchen mit hellem, sommersprossigem Teint und rotem Haar – eine Beschreibung, der Ainné durchaus entsprach. Und obwohl dieser Typ Violas Schönheitsideal eigentlich nicht besonders nahe kam, musste sie zugeben, dass die neue Frau ihres Vaters hübsch war. Sie hatte dichtes, glattes rotes Haar, nicht die Kräusellöckchen, die Viola erwartet hatte, und auch nicht die karottenrote Färbung, die ihre Mom stets beschworen hatte, wenn sie sich ihre Rivalin vorstellte. Ainnés Haarfarbe spielte eher ins Kupferne oder Rotgoldene und ihre Augen waren leuchtend blau. Die Sommersprossen hielten sich in Grenzen, ihre Gesichtszüge waren ebenmäßig und ihre Lippen voll und schön geschwungen, wenn auch gerade etwas unwillig zusammengezogen. Ainné war sicher schlank gewesen, als Dad sie kennenlernte, aber jetzt in der Schwangerschaft wirkte ihre Figur etwas unförmig. Dennoch bewegte sie sich recht graziös. Viola erinnerte sich daran, dass Dad von ihrer Sportlichkeit geschwärmt hatte: »Eine schneidige Reiterin!« Es hatte bewundernd geklungen, war für Viola und ihre Mutter aber nur ein weiteres Indiz seiner geistigen Verwirrung gewesen. Alan McNamara hasste Pferde, und das Letzte, mit dem man ihm bisher hatte imponieren können, war »schneidiges« Reiten.

»Ich hol dann mal deine Koffer«, bemerkte Patrick zu Viola und zog sich zurück. Er hatte auf die Neckerei ihres Vaters mit seinem charakteristischen Grinsen reagiert, schien Ainné allerdings nicht sonderlich zu mögen. Vielleicht nahm er ihr aber auch nur übel, dass sie sich nicht mal den kleinsten Gruß für ihn abgerungen hatte. Allerdings war für Viola selbst bislang auch kein »Good Afternoon« abgefallen. Ainné schien es nicht für nötig zu halten, Freude über die Ankunft ihrer Stieftochter zu heucheln.

Viola folgte ihrem Dad und seiner Frau zunächst in einen Flur und dann in eine große Küche, die ins Wohnzimmer überging. Das Haus wirkte von innen nicht geräumiger als von außen. Abgesehen von Küche und Wohnraum, die sicher von Bill, Ainné und Dad gemeinsam genutzt wurden, gab es nur ein Bad und drei Schlafzimmer. Eins davon würde Viola jetzt beziehen, später sollte das Baby dort schlafen. Ainné hätte es sicher gern jetzt schon als Kinderzimmer eingerichtet.

Immerhin hieß sie ihre Stieftochter nun in ihrem Haus willkommen, nachdem sie in einem Sessel am Kamin Platz genommen hatte.

»Machst du uns einen Tee, Dear?«, fragte sie sanft in Richtung von Violas Vater, der daraufhin sofort aufsprang und in die Küche eilte. »Und vielleicht möchtest du dich auch nützlich machen, Viola …« Es klang, als habe sich Viola bislang als aufsässig und arbeitsscheu erwiesen. »In dem Schrank da sind Tassen und sicher finden sich im Laden ein paar Scones …«

Viola war froh, in den Laden entfliehen zu können, und gratulierte sich dazu, Patrick vorhin beim Einräumen geholfen zu haben. So fand sie die Teekuchen sofort und brachte auch Butter und Marmelade mit.

Dafür, dass es Ainné eben noch so schlecht gegangen war, griff sie jetzt ganz schön herzhaft zu. Viola dagegen nippte nur an ihrem Tee. In Ainnés Gegenwart fühlte sie sich befangen. Ihr Dad versuchte, das Eis zu brechen, indem er sie nach der Schule und Katja befragte. »Und du ziehst Computerspiele immer noch allen anderen Aktivitäten vor?«, erkundigte er sich augenzwinkernd. »Oder hast du dich jetzt doch in ein Pferd verliebt? Manchmal mache ich mir da Sorgen um dich, du scheinst diese Phase einfach zu überspringen.«

Viola verdrehte die Augen. Sie hatte von jeher ein Faible für Fantasyromane und Rollenspiele, während sie jede Form von Sport verabscheute. Erst recht, wenn daran Tiere beteiligt waren, die vorn bissen und hinten ausschlugen.

Immerhin war die Neckerei ein guter Aufhänger dafür, ihr wichtigstes Anliegen vorzubringen. »Ich würde nachher gern ins Internet gehen«, bemerkte sie.

Daddy und Ainné runzelten gleichermaßen die Stirn – Daddy augenzwinkernd, Ainné missbilligend.

»Computerspiele …«, murmelte sie indigniert. »Mädchen, du lebst jetzt in einer der schönsten, märchenhaftesten Landschaften der Welt … Du kannst reiten, Boot fahren, wandern …«

»Und Vögel beobachten, ich hab’s schon gehört.« Viola beschloss, dass sie lange genug höflich gewesen war. »Kann ich mir mein Zimmer wohl mal angucken, Daddy?«

Viola stand entschlossen auf, bevor Ainné sie auch noch zum Geschirrspülen verdonnerte. An sich machte es ihr nichts aus, im Haushalt zu helfen, aber sie hatte den Verdacht, dass Ainné sie bald genauso behandeln würde wie ihr Vater Shawna, wenn sie hier nicht gleich Grenzen zog.

Das Zimmer im ersten Stock war wie erwartet winzig, ging aber zum See hinaus. Die Aussicht war hinreißend, zumal hier gerade keine Wohnwagen den Blick versperrten.

»Wo schläft eigentlich Patrick?«, fragte sie beiläufig, weniger aus echtem Interesse, als um etwas zu sagen.

Alan lachte. »Doch ein bisschen geflirtet, ja? Gib’s zu, es wäre nicht schlecht, wenn er unter deinem Fenster Gitarre spielte! Aber Spaß beiseite, die Helfer sind ziemlich primitiv untergebracht, da müsste man mal was dran ändern. Pat schläft in einem alten Wohnwagen hinter dem Bootshaus. Ziemlich jämmerlich, wenn du mich fragst. Und im Winter feucht. Aber dann ist er ja wieder in Dublin. Ich glaube, er kann’s kaum erwarten.«

Alan McNamara half seiner Tochter, die Koffer heraufzuschleppen und den Laptop aufzubauen. Mit der Internetverbindung klappte es allerdings nicht gleich. Viola hoffte, dass ihr Vater es richten konnte – er war recht geschickt mit Computern, schüttelte jetzt aber bedauernd den Kopf. »Ich muss leider los, Süße, abendlicher Rundgang um die Scholle. Irgendwas mit den Klos an der Ostecke war nicht in Ordnung, meinte Patrick, mal gucken, ob ich das hinkriege … und in der zweiten Reihe Wohnwagen haben sich welche über die Leute in einem der Zelte beschwert, die sollen wohl nachts kiffen …«

Ihr Vater drückte Viola rasch ein Küsschen auf die Stirn, dann verschwand er nach unten. Guinness, der kleine Hund, schaute etwas verwirrt von ihm zu Viola, schloss sich dann aber seinem Herrn an. Viola hörte, wie Mann und Hund die Holztreppen hinunterliefen und von Ainné ein paar Anweisungen erhielten. Dabei hätte sie fast schadenfroh gelächelt. Ihr Witz von heute Morgen traf den Nagel genau auf den Kopf: Dads »Managementposten« war nur eine Umschreibung für »Mädchen für alles«.

Viola selbst räumte zunächst ihre Sachen ein und begann dann, sich zu langweilen. Der Wunsch, Katja zu mailen, wurde übermächtig. Und es musste ja nicht von ihrem Computer aus sein. Bestimmt stand ein brauchbares Gerät im Büro. Nachdem sie eine Stunde mit einem Computerspiel totgeschlagen hatte, das offline nicht sonderlich prickelnd war, entschloss sie sich, Ainné zu fragen.

Die hatte sich inzwischen erhoben – wenn ihr Mann nicht in der Nähe war, schien sie nicht halb so hilflos zu sein – und werkelte in der Küche herum. »Natürlich kannst du an den Computer. Aber vielleicht hilfst du mir erst mit dem Abendessen?«

Es klang wieder leicht vorwurfsvoll und Viola begann schon jetzt, Ainnés Vielleichts zu hassen. Die junge Frau formulierte stets überaus freundlich, aber ihr Tonfall machte klar, dass ihr Gegenüber keine Wahl hatte: Wenn Viola an den Computer wollte, musste sie vorher Zwiebeln schneiden. Immerhin kochte Ainné nicht aufwendig. Im Großen und Ganzen ging es nur um einen Salat und die Verfeinerung von ein paar Tiefkühlpizzen. Als Viola sie schließlich in den Ofen schob, wurden ihr genau zwanzig Minuten Computerzeit zugestanden – eben so lange, bis die Pizzen fertig waren.

Viola verbrachte die ersten drei Minuten damit, das Passwort ihres Vaters zu knacken. Früher hatte er immer ihren Namen benutzt oder den von Mom. Aber jetzt … Windows öffnete sich schließlich nach Eingabe von Irish Rose

2

Die letzte Ferienwoche – eigentlich als Eingewöhnungszeit gedacht – verging für Viola quälend langsam. Auf dem Campingplatz gab es für sie einfach nichts zu tun – zumindest nichts, wozu sie auch nur einen Anflug von Lust verspürte. Ihr eigener Computer funktionierte immer noch nicht – für den drahtlosen Internetzugang brauchte man einige Zusatzteile, die der Computerladen in Roundwood aus Dublin beziehen musste. Das dauerte ein paar Tage – eigentlich ein Witz bei einer Entfernung von gerade mal fünfzig Kilometern! – und den Bürocomputer durfte sie immer nur kurz benutzen. Das reichte, um Katja und Mom zu informieren, dass Viola bislang weder an Langeweile noch an Ainnés Kochkunst gestorben war – Dads neue Frau schien Gewürze und besonders Salz für überflüssigen Luxus zu halten! –, aber längere Chats waren nicht drin.

Nun war es allerdings nicht so, als hätte sich der Rest ihrer neuen Familie keine Beschäftigungen für sie ausgedacht. Bill zum Beispiel hätte sie gern bei den Pferden eingespannt. Er nahm einfach nicht zur Kenntnis, dass Viola Stallarbeit verabscheute und sich vor den großen Tieren fürchtete, sondern bedrängte sie immer wieder. Viola war bald nur noch auf der Flucht vor ihm. Ainné dagegen setzte auf Hilfe im Haushalt und im Laden, was Viola eigentlich gern tat. Vor allem der Kontakt mit den Campern im Geschäft machte ihr Spaß und sie übernahm auch bald selbstständig die Bestellungen im Roundwood Supervalue, wenn etwas fehlte. Aber die Zusammenarbeit mit Ainné vergällte ihr die Freude daran, so mühelos in dem fremden Land zurechtzukommen. Dads neue Frau war stets mürrisch, bedankte sich nie, sondern stellte immer nur weitere Forderungen. Man konnte auch nicht unverbindlich mit ihr plaudern. Selbst auf die harmlosesten Bemerkungen antwortete sie nur knapp und mit einem vorwurfsvollen Unterton. Natürlich fragte sich Viola, ob sie sich das nicht einbildete. Schließlich war sie von vorneherein entschlossen gewesen, die neue Frau ihres Vaters nicht zu mögen. Aber Patrick gegenüber verhielt Ainné sich genauso und selbst Shawna fuhr sie einmal an, wobei es wieder mal um die Stute Gracie ging. Shawna hätte das Pferd wohl gern geritten, solange Ainné noch schwanger war. Sie argumentierte damit, dass die erzwungene Untätigkeit das Tier so unleidlich werden ließ. Die Kinder der Touristen trauten sich kaum noch auf die Koppel. Aber Ainné wollte absolut niemanden an ihren Liebling heranlassen.

»Dabei besucht sie Gracie nicht mal!«, klagte Shawna, als Patrick die Mädchen am Sonntag vor Schulbeginn wieder mal an dem verschwiegenen Platz hinter dem Bootshaus traf. Auch Viola wusste dieses weder vom Haus noch von den Ställen einsehbare Refugium inzwischen zu schätzen. Heute war sie hierhergeflohen, weil eine Putzaktion in den »Sanitärbereichen« des Campingplatzes anstand. Ainné hätte sie zu gern dazu herangezogen, wobei sie den Ausdruck »Klo schrubben« nie gebrauchte und selbstverständlich stets ihr Lieblingswort Vielleicht mit einbrachte.

»Sie könnte ja mal bei Gracie vorbeischauen und ihr einen Apfel bringen oder so. Aber sie kümmert sich gar nicht um sie, sie will sie nur besitzen …«, führte Shawna weiter aus.

Patrick warf ihr eine Dose Cola zu. »Shawna, Mensch, gibt’s denn hier keine anderen Gäule, die du hätscheln kannst? Bill und Ainné nutzen dich nur aus … Und wenn Gracie morgen ein Touristenblag beißt, bist garantiert du schuld!«

Viola verdrehte die Augen. Auch diese Diskussion war inzwischen nur noch langweilig. Patrick und Shawna führten sie praktisch jeden Tag, aber das Mädchen war einfach zu vernarrt in Bills Ponys, um den Absprung zu schaffen. Viola selbst war zudem überzeugt davon, dass auch Patrick eine Rolle spielte. Wenn Shawna nicht mehr zum Helfen bei den Pferden kam, gab es keinen Grund für sie, den Jungen zu sehen.

»Morgen fängt erst mal die Schule an!«, unterbrach Viola schließlich den endlosen Disput. »Dann hat Shawna gar nicht mehr so viel Zeit, hier zu helfen. Und ich werde mir auch ein paar Ausreden einfallen lassen. So was wie Vielleicht, wenn ich mit den Hausaufgaben fertig bin?‹.«

Shawna und Patrick lachten.

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Die Sache mit dem Schulbus funktionierte reibungslos, er hielt auf die Minute pünktlich vor der Einfahrt zum Campingplatz. Die aufgeregte Viola stand allerdings schon eine Viertelstunde vor der Abfahrt bereit. Sie war seit zwei Stunden wach und zu ihrer Verwunderung hatte das Fertigmachen für die Schule nicht einmal halb so lange gedauert wie zu Hause in Braunschweig. Schließlich brauchte sie sich hier keine Gedanken um ihr Outfit zu machen: In Roundwood trug man Schuluniform! Viola hatte den karierten Rock, die hellgrüne Bluse und den dunkelgrünen Blazer zwar zuerst mit Skepsis betrachtet, dann aber festgestellt, dass die Farben ihr durchaus standen. Sie betonten ihre Augen und den leichten Rotton in ihrem Haar. Blieb die Frage, ob man sich zur Schuluniform schminkte oder nicht. In Braunschweig hatte sie immer etwas Lidschatten und Lippenstift aufgetragen, aber hier ließ sie das lieber. Der Pickel war längst verschwunden, und der Effekt von etwas Farbe war das Risiko nicht wert, gleich am ersten Tag gerüffelt zu werden.

Nun wartete sie nervös am Tor des Campingplatzes, hatte sich allerdings in das Wärterhäuschen geflüchtet, weil es regnete.

Der Busfahrer hupte, als er sie nicht gleich sah, und lächelte ihr zu, als sie sofort beflissen heraustrat. »Du hättest auch im Haus warten können. Ich hupe dich schon raus, nass regnen muss keiner.«

Viola bedankte sich und fühlte sich gleich angenommen – zumal Shawna auch schon im Bus saß und sie den anderen aus ihrer Klasse vorstellte. Es waren drei Jungen und zwei weitere Mädchen, und sie kamen durchweg aus Tourismusunternehmen irgendwo rund um die beiden Seen, die in der Umgebung von Roundwood lagen. Um die Touris und den sommerlichen Stress mit ihnen drehte sich dann auch die Unterhaltung, und Viola war richtiggehend stolz darauf, hier schon ihre Erfahrung aus dem Laden und dem Bootsverleih auf dem Campingplatz einbringen zu können. Die Mädchen – Jenny und Moira – wollten zudem alles über Patrick wissen. Sie schienen ebenfalls verliebt in ihn zu sein, und Viola wunderte sich, dass sie nicht täglich beim Campingplatz Schlange standen. Aber anscheinend wartete man hier ab, bis der Junge den ersten Schritt tat. In Violas Clique in Braunschweig galt das als vorsintflutlich.

Die Jungen im Bus machten durchweg einen etwas beschränkten Eindruck. Einer von ihnen, Hank, wirkte wie ein fleischgewordener Kleiderschrank und himmelte Moira unübersehbar an. Allerdings schaffte er es nicht, sich normal mit ihr zu unterhalten, sondern versuchte sich in primitiven Neckereien, die von den anderen mit wieherndem Gelächter quittiert wurden. Moira verdrehte darüber nur die Augen. Neandertaler!

Schließlich hielt der Bus vor der kleinen Schule und Viola lernte den Rest der Klasse kennen. Die meisten Schüler der Roundwood Highschool wohnten direkt in der Stadt, der Bus sammelte nur rund zwanzig Kinder und Jugendliche ein. Wie versprochen waren die Klassen winzig – in Violas Jahrgangsstufe waren nur fünfzehn Schüler und entsprechend kollegial und vertraut war auch der Umgang mit den Lehrern. Viola war zwar zuerst nervös, zumal jeder Lehrer eine Art Plauderstündchen mit ihr veranstaltete. Dann entspannte sie sich jedoch schnell, da es offenbar alle gut mit ihr meinten. In dieser Kleinstadt schien man sich ganz ehrlich für die neue Schülerin zu interessieren! Im Vergleich dazu war ihre Schule in Braunschweig die reinste Massenabfertigung gewesen.

Aber auch die Nachteile der Zwergschule gingen Viola schnell auf: Im Unterricht kam man alle naselang dran. Die Lehrer merkten in Lichtgeschwindigkeit, wenn man nicht bei der Sache war oder etwas nicht verstanden hatte, und im Lehrstoff war man deutlich weiter als in Deutschland. Viola würde viel arbeiten müssen, um hier mitzukommen. Immerhin eine hervorragende Ausrede, wenn Ainné mal wieder mit dem Kloputzen anfing!

In der Mittagspause nahm Shawna Viola mit in die Cafeteria und lotste sie an einen Tisch mit anderen Mädchen. Alle waren durchaus nett – aber nach ein paar Minuten in ihrer Gesellschaft begann Viola trotzdem, Katja und ihre früheren Mitschülerinnen zu vermissen. Vorhin, im Bus, hatte sie noch mitreden können, aber jetzt ging ihr auf, dass sie mit Shawna und den anderen im Grunde wenig gemeinsam hatte. Shawna redete praktisch nur von Pferden, und zumindest Moira schien ihre Leidenschaft für große, streng riechende Vierbeiner zu teilen. Die anderen hechelten Jungs durch, die Viola entweder noch nicht kannte oder gänzlich uninteressant fand. Kleiderschrank Hank zum Beispiel erfreute sich allgemeiner Beliebtheit. Ebenso wie sein Freund Mike schien er eine Art Star zu sein. »Mannschaftskapitän!«, erklärte eins der Mädchen bewundernd.

Viola fragte sich, in welcher Sportart sich diese Typen wohl auszeichneten, und befragte Shawna unauffällig auf dem Mädchenklo.

Die lachte sich kaputt. »Noch nie was von Hurling gehört?« fragte sie. »Dann mach dich mal schnell schlau, es ist unser Nationalsport. Nicht unbedingt was für Dichter und Denker, aber selbst Cuchulainn soll es schon gespielt haben.« Cuchulainn war ein irischer Sagenheld. »Allerdings mit einem Dämon statt eines Balls. So weit wird Hank es wohl nie bringen, obwohl er im Köpfeeinschlagen gar nicht so schlecht ist …«

Viola lernte das Spiel dann beim nachmittäglichen Sportunterricht kennen. Es erinnerte ein bisschen an Hockey: Ein kleiner Ball wurde mit Holzschlägern in oder über ein zwei Meter fünfzig hohes Tor befördert. Um dieses Ziel zu erreichen, schien so ziemlich alles erlaubt zu sein. Viola sah fassungslos zu, wie die Jungs mit Fäusten und Schlägern aufeinander eindroschen und das regennasse Spielfeld innerhalb weniger Minuten in eine Schlammwüste verwandelten. Natürlich warfen sie sich alle drei Minuten gegenseitig in den Matsch und waren hinterher so dreckverschmiert, dass Viola sie kaum noch auseinanderhalten konnte. Die Mädchen aus Roundwood feuerten sie allerdings frenetisch an und schrien sich schon beim Training vor Begeisterung heiser. Bei richtigen Spielen würden sie wohl völlig ausflippen.

Viola mochte es sich kaum eingestehen, aber nach einem halben Tag in der neuen Schule fühlte sie sich einsam. Ihre neuen Mitschüler waren so völlig anders als ihre Freunde in Braunschweig. Keiner von ihnen interessierte sich für Musik, Kino oder Computerspiele – vor allem die Jungen schienen reine Naturburschen zu sein, die das Internet höchstens nutzten, um sich über Football-Ergebnisse zu informieren. Eines der Mädchen spielte Gitarre in einer Folkband und zwei betrieben allen Ernstes Céilí-Dance, eine Art Volkstanz. Sie redeten endlos über ihre Auftritte im örtlichen Theater, wo im Sommer wohl Shows für die Touristen veranstaltet wurden. Eine Disco gab es weit und breit nicht. Shawna vermutete die nächste in Dublin!

Viola fragte nach einem Internetzugang, wobei sich ihre Ahnung, dass die Funkverbindung vor allem im Winter öfter gestört war, als Patrick zugab, schnell bestätigte. Das machte den anderen nicht viel aus, da sie meist keine eigenen Computer besaßen, sondern nur die in der Schule benutzten. Viola fühlte sich jedoch schon im Vorfeld abgeschnitten von der Welt. Immerhin konnte sie in der Mittagspause die fehlenden Teile für ihren Laptop abholen. Wenn es am Nachmittag also nicht stürmen, regnen oder schneien sollte, würde sie Katja am Abend wieder mailen – ein tröstlicher Gedanke!

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Am Nachmittag standen neben dem Sport vor allem künstlerische Fächer auf dem Programm. Im Allgemeinen entsprachen die Anforderungen dabei denen in Braunschweig – nur der Musikunterricht fiel aus dem Rahmen. Die Lehrerin, Miss O’Keefe, begrüßte die Klasse nicht am Klavier, sondern an einer Harfe!

»Ganz typisch für Irland«, wisperte Shawna, als sie Violas Verwunderung bemerkte. »Hast du nicht gesehen, sogar auf unseren Geldstücken sind Harfen abgebildet. Und Miss O’Keefe ist eine richtige Künstlerin, sie gibt Sommerkurse …«

Miss O’Keefe sah zumindest hinreißend aus. Sie war recht jung und entsprach dem Bild der irischen Rose noch mehr als Ainné, zumal sie keinen mürrischen Gesichtsausdruck spazieren trug, sondern sich ehrlich auf ihren Unterricht zu freuen schien.

»Wir werden uns in diesem Jahr zunächst mit der Child-Liedersammlung beschäftigen«, erklärte sie eifrig, »Und die englischen und schottischen Balladen mit irischem Liedgut vergleichen …«

Begeistert berichtete Miss O’Keefe, wie Francis James Child im neunzehnten Jahrhundert Lieder und Balladen gesammelt und analysiert hatte. Dann sang sie der Klasse ein Beispiel vor, ein melancholisches kleines Lied, das von der Liebe einer sterblichen Frau zu einem seltsamen Zwitterwesen erzählte.

»I am a man upon the land, I am a silkie on the sea …«

Miss O’Keefes Stimme zur Harfe klang so eindringlich, dass man das traurige Silkie fast vor sich sah. An Land kam es in Menschengestalt, aber seine Heimat war das Meer, in dem es als Seehund lebte. Und nun forderte es das Kind seiner menschlichen Geliebten, um es mit in die See zu nehmen.

Shawna hatte richtiggehend Tränen in den Augen, als Miss O’Keefe endete.

»Die Legende vom Silkie ist vor allem in Schottland verbreitet, aber man kennt sie auch hier und auf den Aran-Inseln«, holte die Lehrerin ihre Klasse in die Gegenwart zurück. »Und die Liebe einer Menschenfrau zu einem Unsterblichen – ja selbst einem Ungeheuer – ist ein Motiv, das sich durch die gesamte Musik und Weltliteratur zieht. Weiß einer, was wir unter Motiv verstehen?«

Jennifer, die Gitarristin, meldete sich. »Eine kleine Melodie, die im Lauf eines Musikstücks variiert wird«, erklärte sie.

Miss O’Keefe nickte. »Und in der Literatur ein Thema, das immer wieder auftritt. Denkt bei unserem Beispiel etwa an ›Die Schöne und das Biest‹ oder …«

»In meinem Lieblingsbuch verliebt sich das Mädchen in einen Vampir!«, erklärte ein rundliches Mädchen namens Bridget.

Die anderen lachten.

»Richtig, Bridie!«, lobte Miss O’Keefe. »Woran ihr seht, dass man dieses Motiv bis in die ganz moderne Jugendliteratur verfolgen kann.«

In den nächsten Minuten überboten sich die Schüler damit, die seltsamsten Paare in Filmen, Musicals und Büchern aufzuzählen, und amüsierten sich königlich darüber, dass Shawna riesengroßen Affen zum Beispiel überhaupt nichts abgewinnen konnte.

»Wenn dagegen mal jemand als Pferd käme …«, überlegte sie und erntete damit brüllendes Gelächter.

»Aber als Pferd …«, begann Miss O’Keefe, wurde dann jedoch von der Schulglocke unterbrochen.

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Guinness wartete schon im Eingang zum Campingplatz, als Viola am Ende des ziemlich langen Schultages aus dem Bus stieg. Der kleine Hund begrüßte sie enthusiastisch und

Viola hoffte, dass Shawna darauf nicht eifersüchtig reagierte. Der Collie hatte sich Viola in den letzten Tagen vermehrt angeschlossen, sie waren so etwas wie Schicksalsgenossen, da beide sich langweilten. Guinness gehörte eigentlich zu einer Hütehunderasse und hätte sich wohl am glücklichsten bei einem Schäfer gefühlt. Aber sicher wäre er auch gern Mitglied einer richtigen Familie gewesen, in der alle ihn liebten. Ainné wollte allerdings kein Tier im Haus haben, wenn das Baby kam. Bill schimpfte, weil der Hund beharrlich versuchte, seine Ponys wie Schafe zusammenzutreiben, und Violas Dad war so beschäftigt und gestresst von seinen Aufgaben, dass er einfach keine Zeit für Guinness fand.

Viola hatte ganz richtig vermutet, dass Alan McNamara die Arbeit auf dem Campingplatz wenig lag. Zwar mochten ihn die Gäste und er war immer für einen Schwatz zu haben, aber wenn es um Reparaturen ging, spannte er meist Patrick ein. Viola nahm an, dass ihm jetzt schon davor graute, den praktischen jungen Helfer demnächst wieder ans Trinity College in Dublin zu verlieren.

Viola kraulte Guinness, der erwartungsvoll an ihr hochsprang. »Lass mich erst versuchen, den Laptop zum Laufen zu bringen, dann gehen wir spazieren«, verhieß sie ihm und Guinness lachte über sein ganzes sympathisches Colliegesicht, als hätte er jedes Wort verstanden.

Ich werde noch zum Naturburschen, dachte Viola resigniert, als sie einen prüfenden Blick in den Himmel warf, bevor sie mit dem Hund ins Haus ging. Regen oder Sonnenschein – in den letzten Tagen hatte sie Stunden damit zugebracht, mit Guinness durch die Landschaft zu streifen. Zunächst aus Langeweile, aber dann begann es fast, ihr Spaß zu machen. Die Gegend rund um den See war einfach zu schön, um davon unbeeindruckt zu bleiben. Mitunter fühlte Viola sich wie in den Märchenländern ihrer Fantasygames, wenn sie plötzlich wieder ein verträumtes, von Farnen und knorrigen Bäumen bewachsenes Inselchen erspähte und die verfallene, uralte Brücke überquerte, die es mit dem Festland verband. Sie erinnerte sich an die Märchen von Elfen und Feen, die ihr Vater erzählt hatte, als sie noch klein war. Sie konnte sich gut vorstellen, dass diese Wesen hier hausten und in Vollmondnächten auf den sattgrünen Uferwiesen ihre Tänze aufführten. Und vielleicht versteckten sich ja auch Kobolde hinter den riesigen Findlingen, die wie achtlos hingeworfen auf den Hügeln lagen. An Sonnentagen spiegelten sich die Felsen im See und wirkten dann selbst wie Geister, die mit den Wellen spielten. Manchmal scheuchte Guinness Schwäne auf. Verzauberte Königskinder … Viola erinnerte sich an ein Computerspiel, in dem so was eine Rolle gespielt hatte. Aber hier befand sie sich mitten drin in dieser verwunschenen Landschaft – nur dass sie keine magischen Aufgaben zu erfüllen hatte, sondern lediglich versuchte, sich ums Kloputzen herumzudrücken. Sie lachte bei dem Gedanken und nahm sich vor, beim nächsten Mal eine Kamera mitzunehmen, um Katja das alles zu zeigen. Aber dafür musste erst mal die Internetverbindung stehen. Genau darum würde sie sich jetzt kümmern.

Viola versuchte, sich so unauffällig wie möglich ins Haus zu schleichen. Zwar konnte sie sich heute mit Schulaufgaben herausreden, aber wenn sie ein »Vielleicht möchtest du …« von Ainné umgehen konnte, würde sie es tun.

Im Wohnzimmer tobte allerdings gerade ein heftiger Streit zwischen ihrem Dad und seiner neuen Frau.

»Du könntest ihm schon etwas mehr zur Hand gehen! Ich bin im Moment wirklich außer Gefecht gesetzt, und Patrick behauptet, er hätte eine Allergie gegen Wespenstiche …«

Viola grinste in sich hinein. Es ging also wieder mal um die neue Weide, die Ainnés Vater unbedingt einzäunen wollte. Allerdings hatte niemand Lust, ihm dabei zu helfen – selbst Shawna redete sich mit Schulaufgaben und Arbeit im Restaurant ihrer Eltern heraus. Patrick hatte sich die Sache mit den Wespenstichen einfallen lassen, nachdem Shawna auf dem fraglichen Wiesenstück mehrmals gestochen worden war. Die ließ die Ponys dort oft an der Hand grasen und fand die Idee einer neuen Weide eigentlich gut. Allerdings hatte sie Bill schon mal beim Zaunbau geholfen und erinnerte sich noch zu deutlich an die unbezahlte Schinderei. Und nun sollte es also Dad machen. Viola wartete gespannt auf seine Ausrede.

»Ainné, meine Liebe, du weißt, ich tue alles für dich … aber diese Hämmerei liegt mir einfach nicht. Und … ich wäre auch so weit weg vom Haus … Was ist, wenn dir was passiert und …«

»Es gibt Mobiltelefone, Alan«, meinte Ainné kalt.

»Aber da unten ist bestimmt ein Funkloch …«

Viola kicherte in sich hinein. Tatsächlich gab es hier weit und breit kein Funkloch, ihr eigenes Handy hatte auf dem gesamten Gebiet des Campingplatzes und weit darüber hinaus Empfang.

»Ich bin jedenfalls lieber in deiner Nähe …«, endete ihr Dad etwas lahm. »Aber vielleicht kann ja Viola …«

Viola biss die Zähne zusammen. Das war Verrat! Dad wusste genau, dass sie nicht die geringste Lust hatte, sich bei Bill nützlich zu machen.

»Über Viola wollte ich sowieso mit dir reden!«, erklärte Ainné böse. »Sie drückt sich um jede Arbeit. Ich dachte, sie geht mir ein bisschen zur Hand, aber sie macht nur das Nötigste. Dabei ist dies ein Familienbetrieb, sie kann sich da nicht einfach raushalten!

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