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Rückkehr nach Mandalay

Über die Autorin

Juliet Hall ist Britin. Sie unterrichtet Schreiben und organisiert Literatur- und Musikfestivals in ihrer Heimatstadt an der Küste von West Dorset. Zu ihren liebsten Reisezielen gehört Italien, wohin sie die Leser mit ihren Romanen Das Erbe der Töchter, Eine letzte Spur und Ein verzauberter Sommer führte. Nach Ausflügen durch viele wunderbare Städte Europas in Emilys Sehnsucht und Julias Geheimnis entführt sie uns mit diesem Roman ins exotische Myanmar (Birma).

Juliet Hall

Rückkehr nach
Mandalay

Roman

Aus dem Englischen von
Barbara Röhl

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BASTEI ENTERTAINMENT

Für Grey, in Liebe.

Und im Gedenken an Peter Innes, John Sams
und alle Männer, die in Birma gekämpft haben.

1. Kapitel

Könnten Sie kurz ins Büro kommen, Eva?« Jacqui Dryden klang wie immer kühl und leicht gereizt.

Eva kniete gerade vor einer viktorianischen Frisierkommode, um den Federmechanismus einer winzigen Schublade in der Verkleidung zu reparieren. Sie richtete sich auf. Autsch! Sie rieb sich den Rücken mit dem Handballen. Sie war völlig in diese knifflige Arbeit versunken gewesen und hatte gar nicht gemerkt, wie lange sie schon in dieser Stellung verharrt hatte.

»Ich komme gleich!«, rief sie zurück und berührte die Platte des Nussbaum-Frisiertisches kurz mit den Fingerspitzen, als wolle sie ihm versprechen, schnell zurück zu sein.

Jacqui Dryden stand vor dem großen Erkerfenster und sah auf die Straße hinunter. Es war ein Donnerstagnachmittag Ende Oktober, und im Zentrum von Bristol ging es so geschäftig zu wie immer. Das Bristol Antiques Emporium war in einer guten Lage angesiedelt. Es lag in einer Seitenstraße, wo die Mieten niedriger waren, es aber immer noch genug originelle Läden gab, um Passanten anzuziehen. Vintage war Mode, das Geschäft lief gut, und Evas Chefin hätte glücklich sein müssen. Doch so, wie sie aussah, war das Gegenteil der Fall. Ihr Make-up war zwar so makellos wie immer, aber in ihren blauen Augen lag ein Ausdruck der Verzweiflung, den Eva noch nie bei Jacqui gesehen hatte. Konnte das etwas mit dem lauten Wortwechsel zu tun haben, den sie heute Morgen aus dem Büro gehört hatte?

»Kommen Sie herein.« Jacqui wandte sich ihr zu, der verzweifelte Ausdruck verschwand, und Eva registrierte, wie Jacqui sie musterte. Das war die Art ihrer Chefin. Sie war knapp einen Meter sechzig groß und blond und besaß perfekte Formen. In ihrer Gesellschaft fühlte Eva sich grundsätzlich unbehaglich, denn sie kam sich unbeholfen und zu groß vor. An dieses Gefühl war sie nicht gewöhnt. Sie wischte sich Sägemehl von den Jeans. Auch ihre Hände waren schmutzig, und sie bemerkte, dass sie einen Splitter im Daumen hatte. Wegen des Jobs hielt sie ihre Fingernägel kurz und trug bei der Arbeit Jeans, ein T-Shirt und alte Chucks. Ihr widerspenstiges dunkles Haar fasste sie zu einem Pferdeschwanz zusammen, damit es nicht im Weg war. Sie konnte sich vorstellen, wie Jacqui sie wahrnahm, und ahnte, was sie dachte. Der Anblick, den sie bot, war nicht gerade glamourös. Aber sie war hier bei der Arbeit, und Eva genoss es, sich mit Haut und Haar hineinzustürzen.

Jacqui bot ihr keinen Platz an und lächelte nicht einmal. In den letzten Monaten hatte Eva sich häufiger versucht gefühlt, einmal kräftig gegen die harte Schale ihrer Chefin zu klopfen, damit diese ein paar Risse bekam und sie einen Blick dahinter werfen konnte. Aber sie hatte es nicht riskiert – noch nicht.

»Ich habe einen Auftrag für Sie. Sie müssten allerdings auf Reisen gehen«, erklärte Jacqui ohne lange Vorrede.

»Auf Reisen gehen?«, wiederholte Eva. Das war etwas ganz Neues. »Um was für eine Art Auftrag handelt es sich denn?«

Sie arbeitete jetzt seit sechs Monaten im Emporium. Der Job hatte sie gereizt, weil die Firma vor allem mit Antiquitäten aus Asien handelte. Dank ihres Großvaters hatte sie sich als Kind in Holz und in Geschichte verliebt; beides lag ihr im Blut. Mit neunzehn hatte sie ihr Elternhaus verlassen – ein Zuhause, das zerbrochen war, als Eva sechs Jahre alt war und ihr Vater gestorben war. Von Dorset war sie nach Bristol an die Universität gegangen, wo sie angewandte Kunst studiert und gelernt hatte, wie man antike Möbel restauriert. Ihr Schwerpunkt waren asiatische Artefakte gewesen. Auch das hatte sie ihrem Großvater zu verdanken. Sechzehn Jahre war das jetzt her. Und es gab noch so viele andere Dinge, für die sie ihm dankbar sein musste, dachte Eva.

Jacqui beantwortete die Frage nicht. Auch Leon, ihr Lebens- und Geschäftspartner, hatte heute Morgen ihre Fragen nicht beantwortet. »Warum interessiert dich das? Sag mir, was los ist«, hatte Jacqui verlangt. »Sonst gehe ich sofort.« Doch Leon hatte nicht geantwortet, also war Jacqui gegangen. Sie war in ihrem Bleistiftrock und ihren Stilettos aus dem Büro marschiert, direkt an Eva vorbei, die damit beschäftigt war, eine antike japanische Schwertscheide zu reparieren, und getan hatte, als hätte sie nichts gehört.

»Wie Sie wissen«, erklärte Jacqui Eva nun, »verkaufen sich unsere asiatischen Stücke momentan sehr gut.«

»Ja.« Natürlich war ihr das aufgefallen. Die Firma expandierte in diesem Bereich, und bald würden viktorianische Nussbaum-Frisiertische vielleicht auch in geschäftlicher Hinsicht der Vergangenheit angehören. Viele Länder öffneten sich stärker als je zuvor, und die im Fernen Osten wussten durchaus Profit zu schlagen aus dem wachsenden internationalen Interesse an ihren Möbeln aus der Kolonialzeit, einem Erbe vergangener Zeiten, und auch an ihren kulturellen und religiösen Artefakten, ihren alten Steinbuddhas zum Beispiel. Eva hatte einige davon im Emporium gesehen. Oft waren die Statuen so schwer verwittert, dass sie zweifellos von einem örtlichen Bildhauer neue hatten anfertigen lassen. Das Bristol Antiques Emporium hatte keine Zeit vergeudet und war lukrative Partnerschaften mit Händlern im Fernen Osten eingegangen, die verkaufen wollten.

»Aber es gibt Probleme.« Jacqui steckte eine feine blonde Haarsträhne zurück, die es gewagt hatte, aus dem Chignon im Stil der Fünfzigerjahre zu entwischen, zu dem sie ihr Haar am liebsten knotete. »Zuerst einmal kommt zu viel Ware schwer beschädigt an.«

»Was sich sicherlich vermeiden ließe«, ergänzte Eva, denn sie war meist diejenige, die diese Schäden wieder reparieren musste. Sie hatte in der Hoffnung beim Emporium angefangen, die in ihrem Studium erworbenen Fachkenntnisse anwenden zu können. Aber sie hatte sich wieder einmal geirrt. Ihr Abschluss lag jetzt dreizehn Jahre zurück, aber keiner ihrer bisherigen Jobs hatte ihre Erwartungen so ganz erfüllt. Sie hatte in einem Secondhand-Möbelshop für einen Mann gearbeitet, der darauf spezialisiert war, bei alten Damen ohne Voranmeldung und mit dem ausdrücklichen Vorsatz aufzutauchen, ihnen ihre Erbstücke abzuschwatzen, wobei am besten so wenig Geld wie möglich den Besitzer wechselte. Schließlich hatte Eva förmlich spüren können, wie sein selbstgefälliges Lächeln sie innerlich zerfraß. Sie hatte in einem Museumsshop gearbeitet, wo sie ihre Freundin Leanne kennengelernt hatte. Und über ein Jahr lang hatte sie als Näherin bei einer Firma gearbeitet, die Vintage-Ausstattungen für Hochzeiten verlieh. Dieses Mal – das hatte sie gehofft – würde ihre Karriere sich in die gewünschte Richtung entwickeln.

Aber die tatsächliche Arbeit im Emporium hatte sich als weitere Enttäuschung erwiesen. Die meiste Zeit verbrachte sie mit gewöhnlichen Reparaturarbeiten, Saubermachen, Auspacken, und oft musste sie auch Kunden bedienen. Es hätte eine beide Seiten zufriedenstellende Verbindung sein können, aber das Bristol Antiques Emporium hatte zu wenig Personal. Abgesehen von Jacqui und Leon gab es nur noch Lydia, die in Teilzeit oben im Ausstellungsraum für die Antiquitäten arbeitete, und Eva, die so ungefähr alles andere übernahm.

»Ja, aber nur, wenn wir eine Möglichkeit finden, das zu vermeiden.« Jacqui runzelte die Stirn.

»Könnten unsere Kontaktleute die Verpackung nicht vor dem Versand überprüfen?«, fragte Eva vorsichtig. In vielen Ländern wurden die Waren schlecht verpackt. Oft waren sie nur mit zerknülltem Zeitungspapier geschützt. Diese Leute schienen keinen Begriff davon zu haben, wie empfindlich einige der filigraneren Teile waren.

»Ja, ja.« Jacqui tat ihren Vorschlag mit einer Bewegung ihrer manikürten Hand ab. »Unser Kontakt ist auf einige ungewöhnliche Stücke gestoßen, an denen wir vielleicht interessiert sein könnten.«

»Ungewöhnliche Stücke?« Evas Interesse war geweckt.

»Statuetten, Holzmobiliar aus dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert – einiges davon sogar älter. Einzigartig, ursprünglich und genau das, wonach wir suchen.« Sekundenlang leuchteten ihre Augen vor Begeisterung auf. »Aber …« Sie zögerte. »… ich vertraue unserem Kontakt dort nicht vollständig.« Jacqui blickte Eva an, um zu sehen, wie sie reagierte.

Eva zuckte mit den Schultern. Sie brauchte nicht zu fragen, warum. Erstens hatte sie in sechs Monaten Arbeit für Jacqui Dryden gelernt, dass ihre Chefin selten jemandem vertraute – wenn sie es genau betrachtete, wahrscheinlich nicht einmal Leon. Und zweitens war sie sich des Umstands bewusst, dass viele ihrer Kontaktleute im Fernen Osten ihre eigenen Ziele verfolgten. Warum sollten sie ihren Abnehmern in Übersee gegenüber loyal sein? Warum sollten sie nicht zuerst an ihre eigenen Familien, ihre eigenen Länder denken, nachdem so viele von ihnen so lange in Armut gelebt hatten?

»Die Herkunft klingt mehr als plausibel«, erklärte Jacqui ihr. »Aber sie muss authentifiziert werden.«

»Oh, ich verstehe.« Eva spürte, wie eine kribbelnde Vorfreude in ihr aufstieg. Deswegen war sie zu dieser Firma gegangen. Es ging ihr um Authentifizierung, Restauration, ja darum, die Geschichte wiederzuerleben. Und reisen. Das war eine unerwartete Zugabe. Nach dem unerfreulichen Monat, den sie hinter sich hatte, klang es, als wäre dieser Auftrag genau das, was sie brauchte.

»Das könnten Sie doch, oder?«

»Selbstverständlich.« Das war, was sie gelernt hatte. Und diese Reise würde ihr die Chance bieten, zu zeigen, was sie konnte.

Jacqui runzelte erneut die Stirn. »Sie hätten nichts dagegen, allein zu reisen?«

»Ganz und gar nicht.« Eva zog es vor, unabhängig zu arbeiten. Außerdem wäre es ein Abenteuer. »Ich nehme an, Sie möchten, dass ich auch mit unserem Kontakt spreche?«

»Ja.« Jacqui warf ihr einen unergründlichen Blick zu. »Sie müssen unsere Beziehung zu ihm festigen.« Sie schien ihre Worte sorgfältig zu wählen. »Aber Sie müssen das sensibel handhaben.«

»Verstehe.«

»Und wenn Sie einmal dort sind, haben Sie vielleicht auch die Möglichkeit, sich umzusehen.« Jacqui war immer noch vorsichtig, als sei sie sich nicht sicher, wie viel sie Eva verraten sollte.

»Umsehen?« Eva wollte es genau wissen. Sie drehte den Ring, den sie am kleinen Finger trug, und betrachtete die Gruppe Diamanten, die ein Gänseblümchen bildeten und in Gold gefasst waren. Der Ring war ein Geschenk ihres Großvaters zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag, das sie jeden Tag trug, ob sie zur Arbeit ging oder nicht.

»Erkunden Sie andere Quellen. Gehen Sie auf Antikmärkte, plaudern Sie mit den Händlern, und schließen Sie neue Kontakte. Finden Sie weitere Stücke, an denen wir interessiert sein könnten.«

Oh Gott! Das Kribbeln war wieder da. Doch Eva versuchte, ihre Verblüffung zu verbergen. Wenn so viel auf dem Spiel stand, wieso reiste Jacqui dann nicht selbst?

Sie versuchte doch wohl nicht, sie loszuwerden? Eva hatte nur einen Streit mitangehört – obwohl diese Peinlichkeit für jemanden wie ihre Chefin möglicherweise schon Grund genug dafür war. Jacqui war ziemlich empfindlich, heute vielleicht noch stärker als sonst.

»Ich habe hier zu tun.« Jacqui trat vom Fenster an den großen Mahagonischreibtisch, der den Raum beherrschte, und schob einen Stapel Unterlagen zur Seite, als wolle sie demonstrieren, wie viel sie zu tun hatte. »Wir erwarten wichtige Lieferungen.« Sie schien sich kurz in Gedanken zu verlieren, nahm sich dann aber zusammen. »Im Moment kann ich unmöglich hier weg.«

Leon, dachte Eva. Er war der wirkliche Grund.

»Diese Leute werden nicht ewig warten. Sie können sich sicher sein, dass sie auch andere Interessenten an der Hand haben. Uns bleibt also nichts anderes übrig.« Jacqui seufzte. »Sie müssen fliegen. Jemand anderen habe ich nicht.«

Tolles Lob. Eva zog eine Augenbraue hoch. »Und wohin genau fliege ich?«

»Oh.« Jacqui nahm ein Stück Papier von ihrem Schreibtisch. »Yangon, Bagan und Mandalay sind Ihre Reiseziele. Hatte ich das nicht gesagt? Wenn wir bis dahin ein Visum für Sie bekommen, fliegen Sie nächste Woche. Ich buche Ihren Flug und teile Ihnen die genauen Zeiten mit. Sie müssen morgen früh Ihren Pass mitbringen. Ich sorge dafür, dass einer unserer Partner Sie am Flughafen abholt, und reserviere Ihnen ein Hotelzimmer.« Mit der Spitze ihres Zeigefingers, dessen Nagel in einem dunklen Pflaumenblau lackiert war, zog sie einen Pfad über das Papier. »Ähem … Zehn Tage sollten ausreichen. Sie werden Inlandsflüge nehmen müssen. Ich werde Ihnen alle Einzelheiten natürlich im Vorfeld mitteilen.«

Eva starrte sie an. Das hatte sie nicht einmal zu hoffen gewagt. »Birma?«, flüsterte sie. Ihr Herz schlug plötzlich den Takt einer alten, vertrauten Melodie, mit deren Rhythmus sie aufgewachsen und die ein Teil von ihr geworden war. Sie flog nach Birma. Sie hatte so viel darüber gehört. Und jetzt würde sie es selbst sehen, riechen, schmecken und erleben. Am liebsten hätte sie das Fenster aufgerissen und es auf die Straße hinuntergeschrien. Sie fühlte, dass ihr die aufsteigende, übersprudelnde Freude in Kürze ein breites Grinsen ins Gesicht zaubern würde.

»Ja. Aber es heißt jetzt Myanmar, wissen Sie.«

»Ich weiß.« Das Grinsen war da, und Eva schickte es in Richtung Jacqui. Was machte es schon, dass es manchmal schien, als ob Jacqui sie nicht leiden konnte, sich von ihr bedroht fühlte oder was sonst der Grund für ihre Reserviertheit sein mochte? Was spielte das noch für eine Rolle, wenn ihre Chefin ihr offensichtlich so weit vertraute, dass sie ihr diese Chance gab? Wenn Eva nach Birma fliegen durfte. Sie schloss die Augen und spürte, wie die Farben des Landes vor ihrem inneren Auge aufflackerten. Blau und Gold …

Es gab nicht viel, was sie über Birma nicht wusste. Ihr Großvater hatte einige seiner prägendsten Jahre dort verbracht. Er hatte in der Holzindustrie gearbeitet und gegen die Japaner gekämpft. Sein Leben in Birma hatte sie alle auf verschiedene Art berührt. Und die Geschichten, die er Eva in ihrer Kindheit erzählt hatte, hatte sie tief in ihrem Herzen bewahrt.

»Dann fliegen Sie also?«, fragte Jacqui, obwohl sie nicht aussah, als ob sie ein Nein akzeptieren würde. »Ich habe hier Fotos von einigen Stücken, die Sie sich dort ansehen werden. Das macht ihnen die Vorbereitung leichter.«

»Oh ja, ich fliege«, gab Eva zurück. Sie hatte immer gewusst, dass sie irgendwann einmal nach Birma reisen würde. Wie hätte es auch anders sein können? In ihren Zwanzigern und Anfang ihrer Dreißiger waren Evas Urlaube immer kurz ausgefallen. Normalerweise waren es Städtereisen innerhalb Europas, da sie dabei die beste Gelegenheit hatte, Antikmärkte zu durchstöbern und historische Gebäude zu besichtigen. Während ihres inzwischen ziemlich lange zurückliegenden freien Jahrs nach der Schule war sie zusammen mit Jess, ihrer Freundin aus College-Zeiten, zwar einmal bis nach Thailand gekommen, aber eine Reise nach Birma war bisher immer zu teuer gewesen. Dazu war noch gekommen, dass das Land lange politisch völlig abgeschottet gewesen war. Eva hatte von den Unruhen unter den Bergstämmen gelesen, von der repressiven Regierung und dem Hausarrest von Aung San Suu Kyi, der Frau, die das Volk verehrte und die ihr Privatleben geopfert hatte, um Demokratie für ihr Land zu erkämpfen. Eva wusste von den Sanktionen und dass das Geld der Touristen, die inzwischen in Myanmar willkommen waren, direkt in die Taschen der Militärregierung floss. Und sie hatte begriffen, dass eine Reise in das Land bedeutet hätte, diese Regierung zu unterstützen.

Aber jetzt war alles anders. Aung San Suu Kyi war freigelassen worden, das politische Klima veränderte sich langsam – und Evas Kindheitstraum stand kurz davor, in Erfüllung zu gehen.

Sollte sie sich kneifen, um sicherzugehen, dass sie nicht träumte? Sie trat näher an den Schreibtisch heran und betrachtete die Fotos. Das Bildnis eines sitzenden Buddhas mit klaren Augen, wahrscheinlich vergoldetes Teakholz, erwiderte gelassen ihren Blick. Neunzehntes Jahrhundert, vermutete sie, obwohl das Foto nicht besonders scharf war. Sie schaute genauer hin und suchte nach typischen Abnutzungserscheinungen in der Vergoldung. Sie würde sich vor Ort ein genaueres Bild von dem Zustand machen müssen. Auch andere Figuren erkannte sie aus ihrem Studium wieder, einige geschnitzt und bemalt, einige vergoldet und mit Einlegearbeiten geschmückt. Ein paar stammten möglicherweise sogar aus dem siebzehnten Jahrhundert: ein filigran geschnitzter Engel, ein auf einer Lotusblüte sitzender Mönch und einige nats, buddhistische Schutzgeister, die in Myanmar verehrt wurden. Ein Stück sah wie eine geschnitzte Manuskriptschatulle aus, ein anderes stellte eine antike Holzkrippe dar, und dann war da noch ein Paar äußerst reich geschmückter Türen – höchstwahrscheinlich Tempeltore, wie ihr plötzlich mit wachsender Aufregung klar wurde.

Eva sah zu Jacqui hinüber und hielt deren Blick stand. Zweifellos hatte Jacqui mehr Informationen über diese Artefakte und würde sie Eva vor der Abreise zum Studium überlassen. Aber ihre Chefin hatte recht: Allein an den Bildern war schon zu erkennen, dass einige bemerkenswerte Stücke darunter waren. Und Eva hatte die Chance, sie zu sehen, sie genau zu untersuchen, zu authentifizieren und nach Großbritannien zu bringen.

»Danke, Jacqui«, sagte sie.

Ihre Chefin warf ihr einen fragenden Blick zu.

»Für Ihr Vertrauen. Ich werde Sie nicht enttäuschen.«

Während sie das Büro verließ, um sich wieder der viktorianischen Frisierkommode zu widmen, war sie in Gedanken schon auf dem Weg nach Birma. Sie konnte es immer noch nicht richtig glauben. Würden ihre Erwartungen erfüllt werden? Würde sie auf der Reise die Lücken in der Geschichte ihres Großvaters auffüllen können? Und was in aller Welt würde er sagen, wenn sie ihm davon erzählte? Der Aufenthalt in Birma hatte sein Leben verändert. Eva fragte sich unwillkürlich, ob er auch ihres verändern würde.

2. Kapitel

Eva schloss die Wohnungstür auf. Es war ein aufregender Tag gewesen. Was sie jetzt brauchte, war ein großes Glas Wein und ein heißes Bad. Und dann würde sie ihren Großvater anrufen. Er war derjenige, dem sie es unbedingt zuerst erzählen wollte. Aber eins nach dem anderen. Sie schaltete ihren Laptop ein, suchte ihre Musikdateien und wählte ein Album aus, Japancakes. Die sanfte, getragene Melodie des ersten Titels »Double Jointed« erfüllte den Raum.

Evas Wohnung lag im ersten Stock eines Hauses am Stadtrand, das Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut worden war. Daher hatte sie hohe, stuckverzierte Decken und große Erkerfenster. Sie wirkte relativ aufgeräumt, obwohl sie heute Morgen eilig aufgebrochen war. Wie immer strahlte die Wohnung etwas Provisorisches aus, als könnte Eva jeden Moment ihre Habseligkeiten zusammensuchen und ausziehen. Was wahrscheinlich ihrem Wesen entsprach. Sie war in Bristol geblieben, weil hier die Arbeit war, jedenfalls wenn man aus dem West Country kam. Aber dahinter steckte noch mehr. Seit sie sechs war, lebte sie in einer Welt, in der einem etwas, das man liebte, jäh entrissen werden konnte und plötzlich nichts mehr war wie vorher. Sie liebte ihre Wohnung nicht unbedingt, aber sie war praktisch, die Miete war angemessen, und momentan passte sie zu ihr.

Außer dem Bad und dem offenen Küchen- und Wohnbereich gab es nur noch ein Zimmer, das ihre chinesische »Opiumliege« beherbergte, die sie spontan bei eBay ersteigert hatte, ein Kauf, den sie nie bereut hatte. Jedes Mal, wenn sie den Kopf auf das Kissen legte, stellte Eva sich die unheimlichen, grässlichen Dinge vor, die diese Liege schon gesehen hatte. Doch Alpträume hatte sie darauf trotzdem nie; stattdessen schien sie eine ungeheuer entspannende Wirkung auszuüben. Der große Wohnbereich bot reichlich Platz für eine Person. Oder sogar zwei, dachte Eva bedrückt, während sie ihre Herbstjacke aus Tweed auf einen Bügel hängte und ihre Tasche aufs Sofa warf. Die Musik wurde lauter und vielschichtiger. Max’ minimalistische Wohnung war schicker gewesen, hatte aber weniger Grundfläche und Charakter gehabt. Ein wenig wie er selbst, wie sich herausgestellt hatte.

Eva besaß nur ein paar besondere Möbelstücke, die sie im Lauf der letzten dreizehn Jahre erworben hatte. Abgesehen von dem Bett und einem riesigen Sofa waren das eine handgeschnitzte, stabile chinesische Truhe aus Kampferholz, die vor dem Erkerfenster stand und mit Kissen belegt einen perfekten Sitzplatz am Fenster bot, ein handbemalter Schrank aus Mangoholz aus Rajasthan, den sie vor ein paar Jahren bei einer Auktion gekauft hatte, um ihre Romane und Nachschlagewerke für die Uni unterzubringen, und außerdem – ihr Lieblingsstück – ein rot lackierter japanischer Priesterstuhl aus der Meiji-Zeit, der erst vor einem Monat aus heiterem Himmel im Emporium aufgetaucht war. Aus Birma besaß sie noch nichts. Das Land hatte sich dem internationalen Markt noch nicht lange geöffnet, was die Reise in Evas Augen umso aufregender machte. Was würde sie wohl für ihre eigene Sammlung mitbringen?

An der Wand hing ein japanischer Druck, und in den Küchenschränken stand eine bunt gemischte Auswahl an Porzellan, einiges orientalisch und einiges feines englisches Bone China, das so dünn war, dass man fast hindurchsehen konnte, wenn man es ins Licht hielt. Eva rief sich ins Gedächtnis, dass Max niemals hier eingezogen wäre. Ihrer beider Stile passten nicht zusammen. Sie beide passten nicht zusammen. Sie hatte sich zwei Jahre lang etwas vorgemacht, das war alles.

Max. Sie schenkte sich ihr Glas Wein ein, trank einen Schluck und ließ ihr Bad einlaufen. Die auf- und abschwellenden Klänge der Japancakes folgten ihr durch die Wohnung; die perfekte Musik zum Entspannen. Sie hatte ihn in der Warteschlange an einer Kinokasse kennengelernt. Ein Mann, der vor ihr stand, war ihr auf den Fuß getreten, und sie hatte einen kleinen Sprung nach hinten getan und dabei Max, der direkt hinter ihr stand, mit Toffee-Popcorn überschüttet. Das hatte das Eis gebrochen. Er hatte vorgeschlagen, dass sie sich nebeneinandersetzten, und anschließend war es ganz natürlich erschienen, dass sie etwas trinken gingen und über den Film redeten. Und der Rest, dachte sie finster, ist Geschichte.

Und jetzt war ihre Beziehung ebenfalls Geschichte. Eva drehte den Heißwasserhahn auf und gab einen großen Schuss ihres liebsten Badeöls ins Wasser. Sie wollte sich entspannen, ihren Wein trinken und über ihre Reise nach Birma nachdenken. Sie flog nach Birma. Was machte es da, dass sie noch keinen Mann getroffen hatte, mit dem sie ihr Leben verbringen wollte? Was machte es, dass sie zwei Jahre mit Max verbracht hatte, bevor sie sein Doppelleben entdeckt hatte? Wenn sie ehrlich war … Max hatte ihr von Anfang an den Kopf verdreht. Er war älter als sie, charmant, kultiviert. Er hatte sie nicht nur ins Theater, zu Veranstaltungen und in alle angesagten Restaurants ausgeführt, sondern sie oft mit Schmuck und sogar Wochenenden in Paris und Rom überrascht. Das war alles sehr schön gewesen. Eva holte den Wein und begann, ihre staubige Arbeitskleidung Stück für Stück abzulegen. Der Raum füllte sich bereits mit dem Dampf aus der Badewanne. Sie ließ noch ein wenig kaltes Wasser ein. Aber es war nicht wirklich Liebe gewesen, oder? Ein Teil von ihr hatte das immer gewusst.

In den zwei Jahren hatte ihre Beziehung sich kaum weiterentwickelt. Sie begann mitzusummen, als die Musik zu »Heaven or Las Vegas« wechselte – gute Frage, wenn es denn eine war. Max hatte ihren Großvater kennengelernt, und sie hatte bei einer der seltenen Gelegenheiten, bei denen sie kurz in Bristol zu Besuch gewesen war, seine respekteinflößende Mutter getroffen. Aber abgesehen davon … Ihr wurde klar, dass es war, als gingen sie immer noch unverbindlich miteinander aus. Sie waren häufig im selben Bett aufgewacht, aber sie hatten nie über die Zukunft gesprochen. Sie hatten ihre Wohnungsschlüssel ausgetauscht, aber sie vermutete, dass dahinter eher praktische Gründe gesteckt hatten als der Wunsch, ihr Leben miteinander zu teilen. Denn sie waren sich nicht wirklich nahegekommen, jedenfalls nicht so nah, wie man nach Evas Vorstellung einem besonderen Menschen kommen sollte. Abgesehen von Lucas an der Uni – mit dem sie eher eine Freundschaft als eine Liebesbeziehung gehabt hatte – war das mit Max bisher ihre größte Annäherung an eine Langzeitbeziehung zu einem Mann gewesen.

Das Wasser hatte jetzt die perfekte Temperatur. Eva setzte sich in die Wanne, spürte das heiße Nass auf ihrer Haut und roch den Duft des ätherischen Neroli-Orangenblütenöls. Sie fragte sich, was passiert wäre, wenn sie an diesem Nachmittag vor einem Monat nicht in seine Wohnung gegangen wäre. Ob sie dann noch zusammen wären? Ob sie dann jetzt noch darüber nachdächte, wohin er sie heute Abend ausführen würde, statt sich auf einen entspannten Abend allein zu freuen?

Es war eine ungewöhnliche Situation gewesen. Eva hatte die Nacht bei Max verbracht und am folgenden Tag bei der Arbeit festgestellt, dass sie ihr Handy offensichtlich in seiner Wohnung vergessen hatte. Ihr fiel ein, dass sie gestern Abend eine SMS bekommen und beantwortet hatte. Sie musste das Telefon anschließend auf dem Couchtisch liegen gelassen haben. Sie versuchte, Max anzurufen, aber sein Handy war ausgeschaltet. Max war Strafverteidiger; wahrscheinlich saß er mit einem Klienten zusammen. Sie würde in der Mittagspause rasch vorbeigehen und es holen, beschloss sie. Es war nicht weit, und er hätte sicher nichts dagegen.

Eva tauchte unter, damit ihr Haar nass wurde; waschen würde sie es später unter der Dusche. Dann lehnte sie sich wieder in der Wanne zurück und trank noch einen Schluck Wein. Von dem Moment an, in dem sie die Diele betreten hatte, hatte sie gewusst, dass etwas nicht stimmte. Sie brauchte nicht lange zu suchen. Die beiden saßen auf dem Wohnzimmersofa und waren noch dabei, ihre Kleidung zurechtzurücken; Max und ein Mädchen, das sie noch nie gesehen hatte. Sein rosa Hemd war mit ihrem Make-up beschmiert und ihr Rock noch halb über ihre Oberschenkel hochgeschoben. Eva hatte sich nicht damit aufgehalten, ihre verlegenen Mienen zu mustern oder sich jämmerliche Ausreden anzuhören. Sie nahm ihr Telefon, das, wie sie vermutet hatte, noch auf dem Couchtisch lag (interessant, dass den beiden das nicht aufgefallen war), ging hinaus und hängte ihren Hausschlüssel an den Haken neben der Tür. Erst später erinnerte sie sich an gelegentliche Anrufe, bei denen Max aus dem Zimmer gegangen war, und ein oder zwei Gelegenheiten, bei denen er eine Verabredung abgesagt hatte. Die Zeichen waren wahrscheinlich da gewesen. Sie hatte sich nur nicht erlaubt, sie zu sehen.

Umso dümmer von ihr. Eva begann, sich einzuseifen; sie fing an den Armen an und verteilte den Schaum großzügig. Natürlich war sie wütend auf Max gewesen. Aber jetzt … war sie über ihn hinweg. Wieder tauchte sie unter. Sie hatte sich ihr Leben zurückgeholt. Und sie flog nach Birma.

Als das Wasser langsam abkühlte, wusch sie sich die Haare, duschte sich ab, stieg aus der Wanne und hüllte sich in ein großes, flauschiges weißes Handtuch. Jetzt war er sicher mit dem Abendessen fertig. Sie schaltete die Musik aus. Zeit, ihrem Großvater davon zu erzählen.

Zuerst hörte er sich die Neuigkeiten an, ohne viel zu sagen. »Also so etwas, Eva«, meinte er dann. »Meine Güte! Ich kann es kaum glauben. Birma. Das ist wunderbar.« Er holte tief Luft und machte eine kurze Pause. Vielleicht erinnert er sich an sein eigenes Leben dort, dachte sie. »Wirklich wunderbar.« Wieder machte er eine kleine Pause. »Freust du dich darauf, Liebes?«

Ob sie sich freute? »Ich kann es kaum abwarten.«

»Und wann fliegst du?«

»Nächste Woche.« Es würde losgehen, sobald alle Vorbereitungen getroffen waren. Jacqui wollte nicht, dass auch nur eine dieser vielversprechenden Antiquitäten anderswo endete als im Emporium. Aber es stand viel Geld auf dem Spiel. Auch birmanische Händler hatten einen Begriff von den internationalen Märkten: Diese Artefakte würden nicht billig sein.

»Nächste Woche!« Er schien beinahe geschockt. »So bald schon.«

»Ich glaube, ja.«

Noch eine lange Pause. Was er wohl dachte? Sie konnte fast hören, wie die Zahnrädchen in seinem Kopf klickten. »Ich frage mich …«, sagte er. »Vielleicht könntest du …«

Eva lächelte in sich hinein. »Was überlegst du, Grandpa?«

Sie hörte, wie er noch einmal Luft holte. »Ob du vielleicht zuerst herkommen könntest, Eva?«, antwortete er, und seine Stimme bebte ganz leise. »Kannst du mich noch besuchen kommen, bevor du fliegst?« Er stieß die Worte fast hastig hervor.

»Also …« Geplant hatte sie das nicht. Sie liebte ihren Großvater natürlich über alles, aber dieses Wochenende würde ziemlich hektisch werden. Trotzdem war die Vorstellung verlockend. Eva liebte West Dorset und betrachtete es immer noch als ihre Heimat. Ihre Mutter wohnte nicht mehr dort … Rasch schob Eva den Gedanken beiseite. Aber ihr Großvater war ihr Zuhause – war er das nicht immer gewesen?

»Es ist wichtig, Liebes«, erklärte er. »Sonst würde ich dich nicht darum bitten. Ich würde es nicht von dir verlangen. Es ist nur so, dass …« Er verstummte.

»Wichtig?« Es war also nicht einfach so, dass er sie vor ihrer Reise noch einmal sehen wollte? Eva zögerte.

»Es gibt etwas, das vor langer, langer Zeit hätte getan werden müssen«, murmelte er. »Jetzt ist es für mich natürlich zu spät. Vielleicht habe ich einen schrecklichen Fehler gemacht. Ich weiß es einfach nicht. Aber wenn du …«

Wovon redete er bloß? Eva wartete. Sie hörte seinen schwachen, pfeifenden Atem am anderen Ende der Leitung. Es gefiel ihr nicht, wie er klang. Was hätte vor langer Zeit getan werden müssen? Und von was für einem schrecklichen Fehler sprach er?

»Das ist eine so gute Gelegenheit, mein Schatz«, sagte er, und er klang so, als ob er es fast für ein Wunder hielte. »Für dich und für mich. Fast wie ein Geschenk des Himmels. Aber ich weiß nicht, ob es nicht zu viel verlangt ist. Und nach all den Jahren …«

»Was ist zu viel verlangt, Grandpa?« Evas Neugier war geweckt. »Was ist es? Kannst du es mir sagen?«

»Ja. Ich sollte es dir erzählen, Eva.« Einen Moment lang klang er nicht wie ihr gebrechlicher Großvater. Stattdessen sah Eva den jungen Mann vor sich, der er einmal gewesen war, damals, bevor er nach Birma gegangen war. Erst siebzehn war er da gewesen.

In diesem Moment entschied sie sich. »Ich komme morgen Abend und bleibe über Nacht«, erklärte sie.

»Danke, mein Schatz.« Er stieß den Atem aus, als hätte er ihn angehalten, während er auf ihre Antwort wartete.

Nachdenklich beendete Eva den Anruf und schaltete die Musik wieder ein. Es war ein Rätsel, aber sie würde es bald lösen. Wenigstens freute ihr Großvater sich darüber, dass sie flog. Sie wusste, dass es keineswegs so einfach sein würde, es ihrer Mutter mitzuteilen.

3. Kapitel

Eva parkte ihren uralten, aber heiß geliebten rot-schwarzen 2CV in der Einfahrt und stieg aus. Sie zog sich die Jacke an, schnappte sich ihre Übernachtungstasche vom Beifahrersitz und knallte die Tür fest zu, damit sie auch richtig schloss. Dann lief sie über den Weg zur Haustür. Der gelbliche Stein war durch den ständigen Wind vom Meer so verwittert, dass er pockennarbig wirkte, und die grüne Farbe war verblasst und blätterte an manchen Stellen ab. Aber sonst sah das Haus ihrer Kindheit noch genauso aus wie immer. Die Kletterrose mit den orangefarbenen Blüten, die aus ihrem Topf am Erkerfenster bis zu dem schwarzen Schieferdach und noch höher rankte, stand in voller Pracht. Eva bückte sich, um an einer Blüte zu riechen. Der Duft der Teerose versetzte sie in ihre Kindheit zurück, in eine Zeit, in der sie Rosenwasser hergestellt und auf dem Rasen im Sommer Picknicks veranstaltet hatten. Das waren die schönen Erinnerungen. Nachdem ihre Welt zerbrochen war, war es anders geworden – alles hatte sich verändert. Aber damit wollte sie sich jetzt nicht beschäftigen, nicht jetzt, wo sie sich auf Birma freute – und natürlich darauf, das Geheimnis ihres Großvaters zu lüften.

Sie hob den Türklopfer aus Messing und ließ ihn wieder fallen. Zog ihr Haar aus dem Kragen. Wartete.

Strahlend öffnete ihr Großvater die Tür. »Hallo, Schatz. Komm herein, komm herein.« Er half ihr mit ihrer Tasche, nahm ihr die Tweedjacke ab und hängte sie an einen Haken neben der Tür. »Wie war die Fahrt? Wahrscheinlich waren die Straßen voll, was? Das sind sie heutzutage immer.«

»Ich hatte eine gute Fahrt«, beruhigte Eva ihn.

Er wandte sich ihr wieder zu. »Lass dich ansehen.«

Eva zog die Ärmel ihrer Spitzenbluse hinunter, nahm den Seidenschal ab, den sie um den Hals trug, und hängte ihn neben ihre Jacke. »Lass dich ansehen«, sagte sie. Ihr Großvater war groß und schmal, und sein feines Haar war schneeweiß. Aber wirkte er heute nicht ein wenig gebeugter als beim letzten Mal? Hatte sein freundliches, vertrautes Gesicht mehr Falten bekommen?

»Du siehst so wunderhübsch aus wie immer.« Er lächelte. »Wie wäre es, wenn mein Lieblingsmädchen mich umarmen würde?«

Er nahm sie in die Arme, und Eva schloss für einen Moment die Augen. Seine hellbraune Wolljacke roch nach Eukalyptus und Holz, ein Duft, der sie schon ihr ganzes Leben lang begleitet hatte.

»Macht es dir etwas aus, wenn wir heute Abend in der Küche essen, Liebes?«, fragte er und hielt sie, die Hände auf ihre Schultern gelegt, ein Stück von sich weg. »Da ist es viel gemütlicher, jetzt wo es abends früher dunkel wird.«

»Natürlich nicht.« Eva folgte ihrem Großvater, der langsam den L-förmigen Flur entlangging, vorbei an dem Regal mit den Erinnerungsstücken aus seiner Zeit in Birma. Sie kannte sie so gut, aber jetzt blieb sie stehen und betrachtete jedes einzelne Stück, als sähe sie es zum ersten Mal: die hölzernen Elefantenglocken, eine Erinnerung an seine Arbeit in der Forstwirtschaft; den Satz Opiumgewichte in Form von Buddhas, den geblümten Sonnenschirm aus Papier und schließlich in einer Bambusschachtel die japanische Fahne, deren Seidenstoff von Granatsplittern versengt worden war. Bald, so rief sie sich ins Gedächtnis, würde sie Birma selbst erleben.

In der Küche im hinteren Teil des ehemaligen Bauernhauses erfüllte die behagliche Wärme des Aga-Herds den Raum, und auf einer der Kochplatten köchelte eines von Mrs. Briggs’ Schmorgerichten. Ein köstlicher Duft stieg aus dem Topf auf. Der alte Tisch aus Kiefernholz war für zwei gedeckt, und jemand hatte eine Flasche Rotwein entkorkt, den Wein aber noch nicht eingeschenkt. Gott sei Dank hatten sie Mrs. Briggs. Nachdem er jetzt allein lebte, brauchte Evas Großvater ihre Hilfe beim Kochen und bei der Hausarbeit mehr denn je. Eva wusste, wie wichtig es ihm war, unabhängig zu sein. Und sie konnte ihn sich auch nirgendwo anders vorstellen als hier, in seinem eigenen Haus, so groß, verwinkelt und unpraktisch es auch war. Es war ein Teil von ihm; war es immer schon gewesen.

Eva zog ihre geschnürten Lederstiefeletten aus und stellte sie in die Ecke neben die grünen Gummistiefel ihres Großvaters. Die Steinplatten des Fußbodens fühlten sich beruhigend vertraut an, und sie spürte die Wärme des Herds unter ihren bestrumpften Füßen.

Ihr Großvater musterte sie wohlwollend. »Möchtest du etwas trinken?«, fragte er. »Ich habe einen besonders schönen Bordeaux geöffnet und möchte gern, dass du ihn probierst.« In seinen verblassten blauen Augen lag eindeutig ein Funkeln.

Eva lächelte. Ihr Großvater hatte sich zu einem richtigen Weinkenner entwickelt. Denn seit dem Tod von Evas Großmutter hatte er sich erlaubt, seinem Hobby noch eifriger nachzugehen. »Das klingt wunderbar, Grandpa.«

Mit zittriger Hand füllte er zwei Gläser. »Schön, dass du da bist, Liebes.«

»Schön, dass du da bist, Grandpa.« Eva trank einen Schluck. Der Wein war so weich und üppig wie antiker Samt. »Sehr gut.« Sie setzte das Glas ab und hob den Deckel des Kochtopfs. »Hmmm. Das hier duftet köstlich. Was würden wir nur ohne Mrs. Briggs machen?« Sie würde ihn nicht hetzen. Er sollte ihr in seinem eigenen Tempo erzählen, was sie für ihn tun sollte.

»Ja, was würden wir ohne sie machen?« Er lachte leise. »Das Essen ist fertig. Wenn du auch so weit bist …« Er stützte sich kurz an der antiken Kommode ab.

»Lass mich das machen.« Eva schob ihr Glas beiseite, nahm die Teller aus dem Wärmeofen und schöpfte den Rindereintopf darauf.

»Wahrscheinlich hast du dich gefragt, warum ich dich gebeten habe, dieses Wochenende herzukommen, was?« Vorsichtig ließ ihr Großvater sich auf seinen Stuhl sinken. »Ich bin ein egoistischer alter Narr.«

»Unsinn.« Eva trug die Teller zum Tisch hinüber. »Du und egoistisch?«

»Ach.« Er schüttelte den Kopf. »Warte, bis du hörst, was ich dir zu sagen habe, und entscheide dann darüber.«

Eva lächelte. »Iss.«

Er erwiderte ihr Lächeln und griff nach seiner Gabel. Er nahm einen Bissen, kaute langsam und beobachtete sie dabei. »Ich will dir keine Umstände machen, mein Schatz. Aber als du gesagt hast, dass du nach Birma fliegst, war es mir sofort klar. Man könnte es einen Wink des Schicksals nennen.«

»Wink des Schicksals?« Eva nahm ihr Glas und trank noch einen Schluck Wein. Eine eigenartige Wortwahl. Aber sie vertraute ihm. Ihr Großvater mochte alt und gebrechlich sein, aber sein Verstand war messerscharf. Das war er schon immer gewesen.

Er tupfte sich die Lippen mit seiner Papierserviette ab. »Wenn man alt wird, hat man viel Zeit zum Nachdenken«, sagte er.

»Über Birma?« Sie spießte eine Kartoffel auf und tauchte sie in die köstliche Sauce.

Er nickte. »Und über anderes.«

»Was zum Beispiel?«

»Entscheidungen, die man getroffen hat; Wege, die man eingeschlagen hat; Unrecht, das hätte wiedergutgemacht werden müssen.«

Eva streckte die Hand über den Tisch aus, auf dem noch immer die Abdrücke von Bunt- und Bleistiften zu sehen waren, die sie als Kind beim Malen zu fest aufgesetzt hatte, und drückte seine Hand. »Jeder hat Dinge, die er bereut«, sagte sie. Reue war nichts, was alten Leuten vorbehalten war.

»Sogar du, mein Schatz?« Er musterte sie betrübt.

»Sogar ich.« Eva dachte an ihre Mutter. Es gab so vieles, was sie bereute. Sogar mit sechzehn konnte man eine Entscheidung treffen, die einem einen Menschen entfremden konnte. War es das, was sie getan hatte? Sie war sich aber nicht sicher, ob sie anders hätte handeln können.

Er beugte sich vor, und seine blauen Augen blickten so klug wie immer drein, als er die andere Hand auf ihre legte. »Aber wir sprechen nicht von Max, hoffe ich?«

»Oh nein.« Eva ließ seine Hand los und nahm noch eine Gabel von Mrs. Briggs geschmortem Rindfleisch. »Ich rede nicht von Max.«

Ihr Großvater lachte leise, während er ihre Gläser nachfüllte. »Freut mich zu hören. Dieser Mann war noch nicht einmal annähernd gut genug für mein Lieblingsmädchen.«

Eva erwiderte sein Lächeln. Ihr Großvater hatte Max nie gemocht, und wieder einmal hatte er recht behalten. Ihr fiel auf, dass er seinen Teller weggeschoben hatte, obwohl er noch längst nicht aufgegessen hatte. »Bist du schon satt?«, fragte sie ihn und gab sich Mühe, nicht besorgt zu klingen, denn sie wusste, dass Mrs. Briggs ihn schon genug bemutterte. Aber sie konnte nicht anders, als sich Sorgen zu machen. Er bedeutete ihr so viel. Er war nicht nur ihr Großvater, er war auch die lebensspendende Kraft, die sie durch ihre Kindheit getragen hatte.

Er nickte. »Mein Appetit ist nicht mehr das, was er einmal war, mein Schatz.«

Eva legte den Kopf schief und betrachtete ihn. »Was bereust du denn, Grandpa?«, fragte sie. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er irgendetwas Schlimmes angestellt haben sollte. Vielleicht waren ja im Krieg Dinge geschehen, die ihn geängstigt hatten oder an die er nicht denken wollte, aber er hätte niemals wissentlich jemandem geschadet, nicht wenn er es hätte vermeiden können.

Er seufzte. »Ich habe etwas behalten, was mir nicht gehörte«, erklärte er. »Ich habe nicht nach der ganzen Wahrheit gesucht, obwohl ich es hätte tun sollen. Und ich bin nie zurückgekehrt.« Mühsam stand er auf, trug die Teller zum Spülbecken und ließ sich dann langsam in den alten Schaukelstuhl sinken.

Eva ging zu ihm und nahm seine Hand. Sie zitterte. Seine Haut fühlte sich papierdünn an. Sie war von blauen Venen durchzogen und nach den vielen Jahren, die er in den Tropen gelebt hatte, mit Leberflecken übersät. »Du meinst, du bist nie nach Birma zurückgekehrt?«, fragte sie. Wann hätte er denn zurückkehren sollen? Nach dem Tod ihrer Großmutter? Und warum hätte er das nach so langer Zeit noch tun sollen?

Er nickte.

»Und das mit der Wahrheit?«

»Ich möchte, dass du sie herausfindest, Eva, mein Liebes«, sagte er.

Sie starrte ihn an.

»Ich habe eine Adresse.« Auf dem Tisch neben dem Schaukelstuhl lag ein blauer Pappordner, und er nahm zwei Blatt Papier heraus. »Zwei Adressen eigentlich«, sagte er und reichte sie Eva.

Sie sah sich die Zettel an. Er musste sie schon lange haben. Die Handschrift war die eines jüngeren Mannes, und das Papier war mit der Zeit vergilbt. Daw Moe Mya, las sie. Derselbe Name, aber auf jedem Papier eine andere Adresse. Wer war Daw Moe Mya?

»Es ist eine lange Geschichte, Liebes«, sagte er.

Eva legte die Zettel auf den Tisch und ging zum Herd. »Ich mache uns Tee.« Sie musste einen klaren Kopf behalten. Ihre Gedanken überschlugen sich, während sie den alten schwarzen Wasserkessel ihrer Großmutter füllte. Eine lange Geschichte? Hatte sie nicht alle Geschichten über Birma schon gehört?

Sie setzte sich wieder zu ihm. »Dann fängst du besser am Anfang an«, sagte sie. »Und erzähl mir genau, was ich für dich tun soll.«

»Ich bin alt, Liebes«, sagte er. Er beugte sich vor und rückte das mit roten Quasten geschmückte Kissen in seinen Rücken. »Ich habe Fehler gemacht. Aber vielleicht ist es nicht fair, dich um Hilfe zu bitten. Das würde jedenfalls deine Mutter sagen.« Unter seinen buschigen weißen Augenbrauen sah er sie ernst an.

»Ich bin inzwischen erwachsen, Grandpa.« Eva drehte ihren Gänseblümchen-Ring und dachte an die E-Mail, die sie ihrer Mutter gestern Abend geschickt hatte. Es war traurig, dass sie heutzutage meist auf diesem Weg Kontakt pflegten. Es war mehr als traurig, es war herzzerreißend. Aber manchmal machte die Zeit die Risse in einer Beziehung nur breiter und tiefer. Und das war ihnen anscheinend passiert.

Das Wasser kochte, und Eva stand auf, um den Tee in der alten geblümten Teekanne ihrer Großmutter aufzugießen. Sie nahm die Porzellantassen und Unterteller aus dem Schrank und trug das Tablett zu dem Tisch neben dem Schaukelstuhl. Dann ging sie zurück, um die Spülmaschine einzuräumen und den Topf einzuweichen. Erst dann wandte sie sich wieder ihrem Großvater zu, um den Tee einzuschenken. Sie hatte das Gefühl, er bräuchte ein wenig Zeit zum Nachdenken. Und sie selbst auch.

»Was hast du behalten, Grandpa?«, erkundigte sie sich vorsichtig, während sie eine Tasse auf den Tisch neben ihm stellte. »Was hast du behalten, das dir nicht gehörte?«

»Hol den Chinthe«, flüsterte er.

»Den Chinthe?« Vielleicht war er doch ein wenig verwirrt? Aber Eva wusste, was er meinte: die dunkle, schimmernde Teakfigur, die schon immer auf dem Nachttisch ihres Großvaters gestanden hatte. Das mythische Löwenwesen war ein Teil von Evas Kindheit gewesen, ein Teil all dieser Geschichten aus Birma.

Evas Kindheit war ein Spagat zwischen der Wohnung ihrer Mutter und diesem weitläufigen Haus aus gelbem Stein gewesen, zwischen der sanften Fürsorge ihres Großvaters und der Kühle ihrer trauernden Mutter Rosemary. Evas Großmutter Helen war empfindlich und häufig müde gewesen und hatte Lärm und Unterbrechungen ihres täglichen Ablaufs gehasst. Aber ihr Großvater … Er hatte sie von der Schule abgeholt und mit ihr Ausflüge nach Chesil Beach zu den Sandsteinklippen von Dorset unternommen, oder Wanderungen durch das schlammige Blackmore Vale. Abends hatten sie hier in der Küche gesessen, und er hatte für sie beide heiße Schokolade gekocht und ihr wunderbare Geschichten erzählt. Geschichten von dunklem Holz und noch dunkleren Geheimnissen. Von einem Land mit sengender Hitze und sintflutartigem Monsunregen, grünen Reisfeldern und goldenen Tempeln, großen Seen und dampfenden Dschungeln. Diese Geschichten waren im Laufe der Zeit beinahe zu ihren eigenen geworden.

Eva ging ins Schlafzimmer, um den geliebten Chinthe ihres Großvaters zu holen. Sie vermutete, dass er mehr als alles andere ein Symbol für seine Zeit in Birma darstellte. Sie hob ihn hoch und sah kurz in die schimmernden roten Glasaugen. Es war ein schönes Stück aus dem achtzehnten Jahrhundert, klein und filigran geschnitzt. Der Chinthe sah ein wenig aus wie ein wilder Löwe mit zottiger, in gleichmäßige Locken gelegter Mähne und einem wild knurrenden Gesicht. Sie wusste, dass der stämmige Körper aus dem gleichen schweren, polierten Teakholz bestand, mit dem ihr Großvater vor dem Krieg gearbeitet hatte. Damals hatte er in einem Holzfällerlager gelebt und mit Hilfe von Elefanten die dicken Stämme gefällt, die dann über den Irrawaddy-Fluß abtransportiert wurden.

»Hier ist er.« Sie stellte den Chinthe auf den Tisch neben das Teetablett und fuhr mit den Fingern über die geschnitzte Mähne. Er war ein stolzes Tier, und sie hatte ihn trotz seines grimmigen Ausdrucks immer gern gemocht. »Was soll ich tun, Grandpa?«, fragte sie noch einmal.

Ihr Großvater musterte den kleinen Chinthe ein paar Sekunden lang und sah dann wieder Eva an. »Es ist eine persönliche Suche, mein Schatz.« Und zu ihrem Entsetzen traten ihm Tränen in die Augen.

»Grandpa?«

»Diese Adressen, die ich dir gegeben habe«, sagte er. »Dort hat sie gewohnt. Vor dem Krieg, verstehst du.«

»Sie?«

»Die Person, die du für mich suchen sollst«, erklärte er. »Du musst die Wahrheit darüber herausfinden, was passiert ist.« Er nahm den Chinthe behutsam in die Hand. »Meine liebe Eva, ich habe vor vielen Jahren ein Versprechen abgegeben, und nun musst du es einlösen.«

4. Kapitel

Rosemary Newman las die E-Mail ihrer Tochter mit wachsendem Schrecken. Birma. Dieses Land schien seine Klauen in ihr Leben geschlagen zu haben. Würde es sie denn nie loslassen? Sie erschauerte. Zuerst ihr Vater und jetzt Eva. Was hatte dieser Ort nur an sich?

Sie sank auf ihrem Stuhl zusammen, richtete sich dann auf und klickte wieder auf ihren Posteingang. Sie würde – konnte – sie nicht löschen, und natürlich würde sie später darauf antworten. Vielleicht würde sie Eva aber auch anrufen, was ihr allerdings viel schwerer fallen würde. Am allerschwersten aber waren persönliche Treffen. Dabei hatte Rosemary nie gewollt, dass es sich so entwickelt …

Ihre Tochter hatte ihr erklärt, dass ihre Firma sie nach Birma schicke, aber Rosemary wusste, dass sie überglücklich über die Reise war. Ihre Freude hatte überdeutlich zwischen den Zeilen gestanden. Es wird so interessant sein, das Land nach Grandpas ganzen Geschichten selbst zu sehen … Grandpas Geschichten, natürlich. Es gab aber auch einiges, was er ihr nicht erzählt hatte.

Rosemary stand auf und ging zum Fenster. Sie lebte zusammen mit ihrem zweiten Mann Alec in Kopenhagen. Sie besaßen eine Penthousewohnung in einer Wohnanlage gleich hinter den mittelalterlichen Stadtmauern. Von hier aus genoss man einen weiten Panoramablick auf die Stadt einschließlich der Türme des Christiansborg-Palasts und des Rathauses. Die Bürger der Stadt waren zu Recht stolz auf Kopenhagen. Es war eine blühende Kulturmetropole, die makellos sauber gehalten wurde. Selbst das Wasser im Hafen war so sauber, dass man anscheinend darin schwimmen konnte. Nicht, dass Rosemary es je versucht hätte. Die Stadt besaß zahlreiche Parks und grüne Oasen, breite Promenaden und schöne Viertel direkt am Wasser. Aber auch die gute Infrastruktur aus Fahrradwegen, U-Bahn und anderen öffentlichen Verkehrsmitteln machte das Leben in der Stadt angenehm. Alec arbeitete als Projektmanager für ein großes Finanzinstitut und verdiente gut, und obwohl die Steuern hoch waren, blieb genug übrig. Rosemary konnte sich nicht beklagen. Es war nicht Alecs Schuld, dass ihr trotzdem manchmal nach Schreien zumute war …

Die moderne Wohnung war stil- und geschmackvoll eingerichtet: überall klare Linien und exklusive Möbel. Und, dachte sie, Millionen Meilen entfernt von dem Haus in West Dorset, in dem sie aufgewachsen war, diesem verwinkelten Haus mit seinen Kämmerchen, dem Kamin, den engen Treppen und den Erkerfenstern mit ihrem Ausblick auf den nicht zu bändigenden Garten. Ihre Mutter Helen hatte versucht, ihn in Schach zu halten, und sogar eine Zeitlang einen Gärtner beschäftigt. Denn Helen und wild wuchernde Gärten passten einfach nicht zusammen. Aber dieser Garten mit seinen Kletterrosen, verschlungenen Wegen, ungepflegten Hortensienbüschen und einem Teich mit Wasserlilien und Kaulquappen hatte einfach immer seinen eigenen Kopf gehabt.

So wie Eva. Rosemary steckte sich ein paar lose Haarsträhnen hinters Ohr zurück. Momentan trug sie es zu einem Bob geschnitten, modisch kurz und pflegeleicht. Ihre Tochter war schon immer eigensinnig gewesen. Aber Birma … Das war mehr, als sie ertragen konnte. Wie viel wusste Eva?

Als Nick noch lebte, hatten sie über ihre ungestüme Tochter gelacht und sich gegenseitig mit der Frage aufgezogen, wem sie wohl nachschlug. Sie kletterte auf Bäume oder rannte am Strand entlang und spielte »Pferdchen«, wie sie es nannte, und ihr dichtes, langes Haar flatterte im Wind. Ein richtiger Wildfang war sie gewesen, der keine Minute stillsitzen konnte. Mehr als alles andere liebte sie es, ihren Großvater oben im Haus zu besuchen, der in seiner Jugend ebenfalls ein Heißsporn gewesen war. Kurz spürte Rosemary, wie die Verbitterung in ihr aufstieg. Aber sie rief sich ins Gedächtnis, dass die enge Beziehung der beiden ein Segen gewesen war, nachdem es passiert war.

Oh, Nick. Als Nick noch lebte, war Rosemary glücklich, überglücklich gewesen. Rosemary sah sich in der schicken Wohnung um, die in Chrom und Beige und cremefarbenem Leder gehalten war. An den Wänden hingen bei Ausstellungen erworbene Originale, und der Boden war mit kühlem Echtholzparkett ausgelegt. Früher war sie morgens aufgestanden und hatte unter der Dusche gesungen. Wenn sie heute unter der Dusche sänge, würde Alec wahrscheinlich vermuten, sie hätte den Verstand verloren.

Sie ging in die Küche und nahm ihre dunkelblaue Schürze aus der Schublade. Die Küche war schön, und es gab alles, was man brauchte. Und sie war ja auch nicht unglücklich. Wie hätte sie unglücklich sein können, wo doch Alec so ein netter Mann war und sich so viel Mühe gab? Wirklich, sie hatte alles, was sie sich wünschen konnte. Außer deiner Tochter, widersprach eine leise Stimme. Außer deinem Vater, und außer Nick.

Sie zog sich die Schürze an und band sie im Rücken zusammen. Ihre apricotfarbene Seidenbluse war neu, und sie wollte sie nicht schmutzig machen.

Die Sache war nur die, dass das damals eine andere Art von Glück gewesen war. Ein Glück, durch das man sich richtig lebendig fühlt. Ein Glück, das nichts mit einem behaglichen Zuhause oder Geld zu tun hat, aber alles mit Liebe.

Rosemary reckte sich, um die Einmachgläser aus dem obersten Schrankfach zu holen, in dem sie alles aufbewahrte, was sie nicht oft benutzte.

Damals hatte sie einen Job gehabt, den sie liebte, und als Sekretärin für eine freundliche Truppe von Chefs in der örtlichen Anwaltskanzlei gearbeitet. Und sie hatte eine Tochter, die sie liebte. Sie hätten gern mehr Kinder gehabt, aber es war einfach nicht passiert. Sie lebte in der Nähe ihrer Eltern, die sie großgezogen hatten, mit denen sie sich gut verstand und die immer für sie da waren. Und sie hatte einen Mann, den sie über alles liebte.

Auf der Abtropffläche stand ein Korb mit Schlehen, die nach dem jüngsten Regen prall und rund waren. Rosemary hatte sie heute Morgen auf dem Brachland hinter ihrem Wohnkomplex gepflückt. Es war kein Garten, und es sah auch nicht aus wie auf dem Land, aber trotzdem freute sie sich an den weißen Blüten im Frühling und an den Dolden mit den winzigen schwarzen Beeren im Herbst. Die Schlehen erinnerten sie an England. An die Hecken und Feldwege in Dorset. Und damit unvermeidlich an ihr Leben mit Nick.

Rosemary seufzte. Das Problem war natürlich, dass Nick ihr Leben war. So konnte man nur einmal im Leben lieben. Und als sie das verloren hatte, da war ihr ganzes Leben wie ein Kartenhaus einfach zusammengebrochen. Natürlich war das Leben so. Gerade, wenn alles gut läuft, gerade, wenn man denkt, man könne sich zurücklehnen und das Leben genießen, schmettert es einen nieder. Ufff. Rosemary spürte einen Schmerz in der Magengrube – genau wie an jenem Tag.

»Nick?« Sie war in der Mittagspause nach Hause gekommen. Käsetoast, beschloss sie, während sie den Weg hinaufging. Danach würde sie aufräumen – am Morgen hatte sie keine Zeit dazu gehabt. Anschließend wollte sie ein paar Kleinigkeiten im Supermarkt besorgen und dann Eva von der Schule abholen. Sie arbeitete nur am Vormittag, sodass sie nach der Schule ganz für Eva da sein konnte, und in den Schulferien sprangen ihre Eltern nur zu gern ein, besonders Dad. Er liebte seine Enkelin über alles und hatte nicht nur unendlich viel Geduld mit ihr, sondern schien auch immer Zeit für sie zu haben. Rosemary versuchte, ihm deswegen nicht zu grollen. Sie rief sich ins Gedächtnis, dass Großeltern zu sein etwas anderes war. Man brauchte nicht mehr zu arbeiten und genoss es, seinen Enkeln die Zeit zu schenken, die man für seine eigenen Kinder nicht gehabt hatte. Vielleicht würde es später bei ihr genauso sein …

»Nick?« Er kam immer zum Mittagessen nach Hause, außer wenn er mit einem Kunden verabredet war. Nicks Werkstatt lag um die Ecke, nur ein paar Minuten entfernt. Er entwarf und fertigte Buntglaseinsätze für Türen, Fenster und sogar Kirchenfenster. Nick arbeitete mit wunderschönem, farbigem Glas und konnte damit eine vergangene Ära wieder auferstehen lassen, etwa indem er mit von Jugendstil oder Art-Déco inspirierten geschwungenen Linien einen Widerhall der 1920er oder 1930er Jahre schuf. Sein Glas warf bei Sonnenschein mal einen warmen, bernsteinfarbenen Schein in eine Diele, mal ließ es einen Lichtstrahl von einem strahlend blauen Sommerhimmel in ein Zimmer fallen, und manchmal sprühte es rot glühende Funken.

Sie trat in die Küche und ließ ihre Tasche fallen. »Nick!«

Er lag auf dem Boden, bewusstlos.

Sie sah es – ihn – immer noch vor sich; das Bild hatte sich in ihr Gedächtnis eingegraben. Rosemary nahm eine Beere und rollte sie zwischen Zeigefinger und Daumen hin und her. Ein paar Stacheln steckten noch in ihren Fingern – Schlehen waren nicht freundlich zu Räubern, und gewissermaßen war sie einer. Roh konnte man sie nicht gut essen, da sie sehr trocken waren und bitter schmeckten. Aber mit Gin aufgesetzt … An Weihnachten gab es nichts, was Alec lieber trank als Schlehenlikör. Je länger man die Beeren im Gin ziehen ließ, umso mehr Tiefe entwickelte er. Rosemary hatte noch ein paar Flaschen drei Jahre alten Likör. Inzwischen würde er nach Mandeln schmecken.

Rosemary schloss die Augen. Obwohl er noch keine vierzig gewesen war, hatte Nick einen schweren Schlaganfall erlitten. Er war an einem Blutgerinnsel gestorben, das die Sauerstoffzufuhr zu seinem Hirn unterbrochen hatte. Und Rosemary war plötzlich allein.

Sie bemerkte, dass sie den Korb mit den Schlehen so fest umklammert hielt, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Atmen, Rosemary. Dieses Grauen hatte sie nie verlassen. Ohne es zu bemerken, war sie in einen dunklen Ort geraten, an dem sie überlebt hatte. Heute hatte sie keine Ahnung mehr, wo dieser Ort lag, wie sie dorthin gekommen war oder was mit den Menschen um sie herum passiert war.

Rosemary nahm ein großes Sieb aus einem Schrank unter dem Spülbecken, kippte die Schlehen hinein, kontrollierte die Beeren und entfernte alles, was zu faulen begann. Dann drehte sie den Wasserhahn auf, um sie zu waschen.

Sie war von diesem dunklen Ort zurückgekehrt, als sie ihr Vater eines Tages, als sie Eva abholte, am Arm gefasst hatte. Rosemary arbeitete jetzt Vollzeit. Sie brauchten das Geld, und außerdem lenkte die Arbeit sie ab. Wenn sie einen Schriftsatz tippte oder mit Klienten telefonierte, brauchte sie nicht daran zu denken, was passiert war. Dass sie jetzt Rosemary Gatsby, Witwe, war. Dass ihr Mann tot war. Dass das Leben eigentlich nicht hätte weitergehen dürfen.

»Was ist?« Rosemary wartete. Eva spielte noch draußen.

»Sie ist noch ein Kind«, sagte ihr Vater.

»Was meinst du? Ich weiß, dass sie ein Kind ist.« Sie runzelte die Stirn.

»Ich meine, dass du dich zusammennehmen musst, Rosie.« Er legte ihr die Hand auf den Arm und sah sie flehend an.

Sie versuchte, den Arm wegzuziehen, aber er hielt sie fest. Wie sollte er das auch begreifen? Konnte das überhaupt jemand? Ihre Welt hatte kein Fundament mehr, keinen Anker. »Für dich ist das vielleicht nicht so schlimm«, fauchte sie. »Aber denkst du jemals darüber nach, wie ich mich fühle?«

Er seufzte und ließ sie los. »Ständig«, sagte er. »Ständig. Aber du bist ihre Mutter. Es ist deine Aufgabe, darüber nachzudenken, wie sie sich fühlt.«

»Ich glaube nicht, dass ich das kann«, sagte sie zu ihm. »Nicht mehr.« Jedenfalls nicht so, wie er es von ihr erwartete. Seit das Kartenhaus ihres Lebens zusammengebrochen war, schien es wenig Grund zu geben, überhaupt etwas zu tun. Warum sollte man sich die Mühe machen, morgens aufzustehen, wenn man niemanden an seiner Seite hatte? Warum sollte man das Haus putzen? Essen kochen? Die Rechnungen bezahlen? Eva war der einzige Grund, aus dem Rosemary sich morgens um halb acht aus dem Bett quälte. Der Grund, aus dem sie einkaufte und kochte. Der Grund, aus dem sie sich zum Funktionieren zwang.

»Du musst dein Leben weiterleben, Rosie«, sagte ihr Vater, und in seinen blauen Augen stand das verzweifelte Bedürfnis, zu ihr durchzudringen. »Es ist nicht leicht. Ich weiß, dass es nicht einfach ist. Aber du musst es tun – um ihretwillen, wenn du es schon nicht für dich selbst tust.«

Rosemary versuchte es. Aber Eva war ihr kein Trost, sondern eine Verantwortung und eine Sorge, die sie jetzt nicht mehr mit dem Mann, den sie liebte, teilte. Wie sollte Rosemary jetzt noch ausgeglichen und positiv genug sein, um ein Kind großzuziehen? Wie sollte sie das schaffen? Obwohl ihre Eltern sie unterstützten, erschien ihr diese Aufgabe unüberwindlich wie ein riesiger Berg, auf den nur ein schmaler Ziegenpfad hinaufführte. Und oben angekommen? Erwartete sie statt eines Ausblicks nur ein steiler Absturz ins Bodenlose.

Die Beeren waren abgetropft, und Rosemary bereitete die Einmachgläser vor, die mit kochendem Wasser sterilisiert werden mussten. Sie füllte den Wasserkocher, schaltete ihn ein und lehnte sich schwer an die Arbeitsplatte.

Eva war hilflos und traurig gewesen und hatte viel geweint, und das hatte Rosemarys angegriffene Nerven bis zum Zerreißen strapaziert. Natürlich hatte das Kind seinen Vater verloren. Ja, Rosemary, mahnte sie sich streng, sie hat auch etwas verloren. Und das in einem Alter, in dem niemand einen solchen herzzerreißenden Verlust erleben sollte, von dem auch ein Kind sich vielleicht nie wieder erholen würde. Sie braucht dich. Das war Gewissheit, die sie jeden Morgen, wenn sie früh aus einem unruhigen Schlaf erwachte, traf wie ein Faustschlag in den Magen. Sie musste Eva jetzt Vater und Mutter sein. Und je öfter ihr Vater sie daran erinnerte, umso stärker schreckte sie davor zurück. Sie wusste, dass sie schwach war, und sie hatte einfach keine Ahnung, wo sie anfangen sollte.

Das Wasser kochte, und Rosemary goss es schnell in die Gläser und spürte, wie der heiße Dampf wie eine Flamme an ihren Händen und Handgelenken leckte und die Manschetten ihrer Seidenbluse feucht wurden. Wenn Eva hinfiel und zu ihr gelaufen kam, spürte Rosemary, wie sie sich zurückzog, die Arme halb ausstreckte und dann ohnmächtig wieder sinken ließ. Sie schreckte davor zurück, ihre eigene Tochter zu umarmen. Warum? Hatte sie Angst davor, sie zu sehr zu lieben? Wenn Eva nachts aufwachte und ihr Weinen Rosemary aus ihren Träumen und Erinnerungen riss – dem Einzigen, was sie bei Verstand zu halten schien –, war sie ihr böse wegen der Störung. Am liebsten hätte sie sie angeschrien. Schlaf weiter! Lass mich in Ruhe! War sie deswegen eine schlechte Mutter? Sie liebte ihre Tochter, aber sie ließ diese Liebe nicht mehr zu, wagte es nicht, weil sie nicht riskieren konnte, noch einmal so furchtbar verletzt zu werden.

Rosemary hielt alles zurück. Sie ging auf Distanz. Wenn sie es nicht mehr aushielt, zog sie sich aus der Situation heraus. All das war zu einem Teil von ihr geworden. Sie war jetzt diese Frau. Sie konnte ihre eigene Tochter nicht in den Armen halten und ihr sagen, dass sie in Sicherheit sei. Weil sie nicht in Sicherheit war. Keine von ihnen war das. Das Kartenhaus war zusammengefallen. Sie hatten ihren festen Halt verloren. Woran konnten sie sich jetzt noch festhalten? Aneinander offensichtlich nicht. Eva übertrug ihr Bedürfnis nach Umarmungen und Küssen mehr und mehr auf ihren Großvater. Und Rosemary? Sie kämpfte einfach allein weiter.

Sie stach die reifen Schlehen mit einer Gabel an, damit sie ihren Geschmack abgeben konnten, wog sie zu gleichen Teilen ab und kippte sie in die Gläser. Dann wog sie auch den Zucker ab und gab ihn dazu. Sie maß den Gin ab und schloss die Gläser. Und nun flog Eva nach Birma – ausgerechnet.

Rosemary schüttelte die Gläser nacheinander, damit sich der Zucker auflöste, aber sie hatte das Gefühl, noch etwas anderes tief aus ihrem Inneren aufzurühren. Sie schüttelte und schüttelte und stellte die Gläser dann auf ein Tablett, das sie zu dem Einbauschrank unter der Treppe trug. Dort stellte sie die Gläser in ein Regal, wo sie dunkel lagern würden. Jetzt brauchte sie nur noch zu warten.

Sie setzte sich auf das cremefarbene Ledersofa. Es gab federnd und tröstlich unter ihr nach. Aber das Leder war kalt, dachte Rosemary. So kalt, wie sie gewesen war.

Tatsache war, dass bei Nicks Tod auch in Rosemary etwas gestorben war. Nach seinem Tod war sie nur noch halb am Leben gewesen. Und seitdem hatte sie es nicht geschafft, sich ihr Leben zurückzuholen. Vielleicht würde ihr das nie gelingen. Aber sie erkannte, wie viel man verliert, wenn man nur ein halbes Leben führt. Und dann waren da noch die anderen Menschen, die sie zu lieben versucht hatte: ihr Vater, Alec, Eva. Würden sie ihr je vergeben können?

5. Kapitel

Eva wachte aus einem unruhigen Halbschlaf auf, wie er typisch für einen Langstreckenflug ist. Man ist sich der Menschen, die einen umgeben, immer noch bewusst und reagiert auf den Nachbarn, der sich an einem vorbeischieben muss, oder auf die Stewardess, die einem mit einem Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie störe, Madam, aber möchten Sie Frühstück/Mittagessen/einen Imbiss/Kaffee leicht anstößt und weckt. Was immer einen störte, länger als eine Stunde schlief man nie.

Sie hatte von ihrer Mutter geträumt. Sie war fünf Jahre alt, und ihre Mutter las ihr eine Gute-Nacht-Geschichte über Mr. Fox vor. Vor ihrem inneren Auge sah sie den Fuchs mit seinem roten Gehrock und dem buschigen Schwanz ganz deutlich vor sich, und sie hörte die Stimme ihrer Mutter, den leisen Singsang, ihr Lachen, das aus ihr aufzusteigen und überzufließen schien wie eine sprudelnde Quelle. Sie konnte sie sogar körperlich spüren, ihre Wärme und ihre Küsse, und sie nahm ihren Duft wahr, der sie an den Frühling erinnerte. Eva konzentrierte sich. Da waren noch andere Geräusche; das Wortgeplänkel ihrer Eltern, der Rhythmus ihrer Gespräche und die kräftige Stimme ihres Vaters. Was meinst du dazu, Schatz? Ach, hör auf. Und dann schwangen die beiden sie zwischen sich in die Höhe. Eins, zwei, drei und hoooch. Die Sicherheit, fest an der Hand gehalten zu werden.

Träumte sie noch? Tief in ihrem Inneren wusste Eva, dass sie in diesem seltsamen Zustand zwischen Schlafen und Wachen schwebte. Wieder hörte sie die Stimme ihres Vaters. Ihre Erinnerungen waren manchmal verschwommen und dann wieder glasklar. Er hatte ihr das Schwimmen beigebracht, im Meer. Sie liebte es heute noch, im Meer zu schwimmen. Nicht anspannen, Schatz. Lass dich treiben … Das Wasser fühlte sich auf ihrer Haut kühl an, und eine Welle kam. Lass dich von der Welle tragen. So ist es richtig. Du darfst dich nicht dagegen wehren.

Als sie ihn verlor, hatte sich Eva nicht dagegen wehren können. Er war da gewesen, und am nächsten Tag war er es nicht mehr. Sie hatte keine Chance gehabt, sich zu verabschieden.

Sie schluckte, als die Erinnerung sie zurückkatapultierte. Sie dachte zurück an diesen ersten, dunklen Tag. Grandpa hatte sie von der Schule abgeholt, obwohl es nur ein Katzensprung bis nach Hause war. »Wo ist Mummy?«

»Sie hat zu tun. Sie kommt gleich.«

Eva war es egal. Sie liebte die geheimen Spiele, die sie immer im Garten ihrer Großeltern spielte. Aber heute war alles anders. Ihre Großeltern unterhielten sich mit gedämpfter Stimme und beobachteten sie. Ihre Großmutter kam zu ihr und sprach sie mit ihrer viel zu fröhlichen Art an. Sie zwitscherte dann wie ein Vogel. »Wie wär’s mit etwas ganz Besonderem zum Tee, Eva, Liebes?« Etwas stimmte nicht.

Als ihre Mutter kam, ging sie ganz langsam den Weg entlang. Ihre Augen waren ausdruckslos und gerötet, und als Eva »Mummy!« schrie und auf sie zurannte, schien sie sie kaum zu sehen oder zu hören. »Mummy!«

Es war, als wäre ihre Mutter gar nicht da. Sie warf Eva einen Blick zu und schien durch sie hindurchzusehen. Waren sie vielleicht beide unsichtbar? Eva bekam es mit der Angst zu tun.

»Hallo, Liebling.« Zerstreut strich ihre Mutter ihr übers Haar. Sie hob sie nicht hoch und wirbelte sie nicht herum, sie drückte sie nicht, sie kniete nicht nieder, sah ihr in die Augen und zog eine komische Mummy-Grimasse. Sie berührte nur ihr Haar. Eva wusste, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.

Mit jeder Stunde kamen sie ihrem Ziel näher. Eva rutschte auf ihrem Platz herum. Es war ein langer Flug gewesen; mit einer Zwischenlandung in Doha waren es alles in allem vierzehn Stunden gewesen. Der wenige Schlaf, den sie abbekommen hatte, war unruhig gewesen, und diese Szenen aus ihrer Vergangenheit hatten ihre Träume erfüllt. Wie verlässlich waren diese Erinnerungen? Mit Sicherheit wusste sie jedenfalls, dass das Leben ohne ihren Vater so anders gewesen war, wie man es sich nur vorstellen konnte. So vieles fehlte: seine Stimme, sein Lachen, seine Anwesenheit. Sogar das Haus wirkte still und bedrückt; es war ein Haus, das jemanden verloren hatte. Aber wenigstens hatte sie noch ihre Mutter. An diesen Gedanken konnte sie sich klammern.

Eva wartete darauf, dass ihre Mutter zu ihr zurückkehrte. Sie wartete auf ihre Geschichten, ihre warmen Arme, ihr übersprudelndes Lachen. Aber sie waren verschwunden. Äußerlich war ihre Mutter noch da. Aber die Monate vergingen, und Eva musste endlich die Wahrheit erkennen. Etwas fehlte. Ihre Mutter hatte ihr Herz verloren. Und so hatte Eva auch ihre Mutter verloren.

Durch das Fenster sah sie auf die geschlossene Wolkendecke unter sich und dachte an das, was ihr Großvater ihr vor einer Woche in seiner Küche erzählt hatte. Jetzt war alles viel klarer. Sie hatte immer gewusst, wie viel Birma ihm bedeutete, aber diese neue Geschichte unterschied sich von all den anderen vorher. Sie handelte von dem kleinen Chinthe, der in diesem Moment, geschützt von ihrem flaschengrünen seidenen Umschlagtuch, sicher in ihrem Bordgepäck verstaut war, und von der Frau, deren Adresse auf den Zetteln in ihrer Handtasche stand.

»Bring ihn an meiner Stelle zurück nach Birma, Eva«, hatte er zu ihr gesagt und ihr das kleine Holztier gereicht. »Bring ihn zurück zu ihrer Familie, wo er hingehört.«

Ihrer Familie, der Familie der Frau namens Daw Moe Mya oder Maya, wie er sie genannt hatte. Diese Geschichte handelte davon, was ihr Großvater verloren hatte und was er an seinen rechtmäßigen Platz zurückbringen wollte.

»Es gibt noch einen zweiten Chinthe«, erklärte er, und der Blick seiner verblassten Augen glitt an Eva und der Bauernküche in Dorset vorbei zurück in die Vergangenheit, an einen fernen Ort.

»Ja.« So musste es sein. Chinthes waren aus Stein, Holz oder sogar Bronze und traten immer in Paaren auf. Sie waren Wächter über Tempel und Pagoden und kamen in vielen asiatischen Kulturen vor. Ihre Gesichter stellten manchmal Tiere und manchmal Menschen dar. Eva nippte an dem Mineralwasser, das die Stewardess ihr gerade gebracht hatte. Sie freute sich so darauf, sie vor Ort zu sehen, besonders den berühmten Chinthe aus Angkor, der sich heute in Mandalay befand, eine Bronze aus dem vierzehnten Jahrhundert. Er riss knurrend das Maul auf und wirkte angemessen grimmig, auch wenn Eva bisher nur ein Bild davon gesehen hatte.

»Sie müssen zusammen sein, mein Schatz«, hatte ihr Großvater erklärt. »Um die Harmonie wiederherzustellen.« Aber das war noch nicht alles. »Ich hätte ihn nie mit nach England nehmen dürfen«, murmelte er. »Das war nicht richtig.«

Prüfend sah Eva auf den Bildschirm vor sich, der anzeigte, welchen Teil der Route die Boeing schon zurückgelegt hatte. Nur noch vierzig Minuten bis zur Landung in Rangun. Sie spähte durch das Fenster und brannte darauf, einen ersten Blick auf das Land zu erhaschen. Sie sehnte sich danach zu sehen, was ihr Großvater gesehen hatte, und zu fühlen, was er gefühlt hatte. Eva konnte bereits Land unter sich erkennen. Die Wolkendecke brach auf, aber zögerlich, als könnte sie sich jeden Moment zu einer bleigrauen Schicht zusammenziehen und den Blick auf die Erde wieder verdecken. Sie spürte einen Adrenalinrausch. Nicht mehr lange …

»Ich habe sie geliebt, verstehst du.« Ihr Großvater sprach mit leiser, zärtlicher Stimme, und die Erinnerung brachte seine Augen zum Leuchten.

Eva war nicht einmal überrascht. Denn in diesem Augenblick ergaben Erinnerungen aus ihrer Kindheit plötzlich einen Sinn, und Puzzleteile setzten sich zusammen. Die Art, wie ihre Großeltern miteinander umgegangen waren: seine Geduld, ihre Traurigkeit, die höfliche Distanz zwischen den beiden. Ein warmer Schauer breitete sich in ihr aus. Ihr Großvater war nach Dorset zurückgekehrt und hatte ihre Großmutter Helen geheiratet. Aber … Sie glaubte zu begreifen. Kein Wunder, dass ihre Mutter und Großmutter sich nie für sein Leben in Birma interessiert hatten.

»Ich habe sie immer geliebt«, sagte er.

Es stand ihm ins Gesicht geschrieben. Alle Antworten waren dort zu lesen. Er hatte sie immer geliebt. Und so hatte sie Evas Großmutter seine Liebe gestohlen, ganz gleich, wie sehr er versucht haben musste, dagegen anzukämpfen

»Warum hast du sie dann verlassen?«

»Das ist eine gute Frage, meine liebe Eva«, sagte er, aber er beantwortete sie nicht.

»Und du glaubst, dass sie noch lebt?« Wie alt würde sie jetzt wohl sein? Anfang neunzig, vermutete Eva.

Ihr Großvater nickte. Er schien sich sehr sicher zu ein. »Wenn sie nicht mehr am Leben wäre«, sagte er, »würde ich das, glaube ich, spüren.«

Eva sah zu, wie sich am dunklen Himmel rosa und blaue Streifen bildeten und ein nebliger Morgen anbrach. Die Morgensonne schien auf die Spitzen von Wolkentürmen. Und da war es. Birma. Was hatte Kipling angeblich gesagt? Es ist ganz anders als jeder Ort, den du kennst. Eva zweifelte nicht daran. Birma lag unter ihr, ein Land mit dem Umriss eines Kinderdrachens und erstaunlich grün. Die Regenzeit war gerade erst vorüber, und den Schwanz des Drachens bildete dieser sich dahinschlängelnde Fluss. Sie konnte seine vielen Nebenflüsse und das Delta unter sich erkennen. Sie sah auf die Karte am Bildschirm und richtete ihre Rückenlehne auf, denn das Ende des Fluges stand bevor. Der schlammbraune Irrawaddy im milchigen Licht des Morgens. Es war eine andere Welt.

Seit dem Tod ihrer Großmutter war die Kluft zwischen ihrem Großvater und ihrer Mutter tiefer geworden. Bei diesem ernüchternden Gedanken runzelte Eva die Stirn und musste sich der Erkenntnis stellen: Die Kluft zwischen ihr selbst und ihrer Mutter hatte sich parallel ganz genauso entwickelt. Warf Rosemary ihrem Vater vor, ihre Mutter nicht glücklich gemacht zu haben? Und wenn ja, stimmte das? Durch das Fenster sah Eva auf das Land hinunter, das vielleicht damit zu tun gehabt hatte und ihre Fragen vielleicht beantworten würde. Aber ob es die Wahrheit war oder nicht, ihr Großvater war ein guter Mensch, und Eva war überzeugt davon, dass er sein Bestes getan hatte.

Die Stewardess brachte zusammengerollte heiße Handtücher. Eva hielt mit der einen Hand ihre Haare zusammen und legte sich mit der anderen das duftende Handtuch in den Nacken. Sie schloss die Augen. Ihre Mutter hatte ihre E-Mail kurz und unverbindlich beantwortet, so wie sie es meistens tat, dachte Eva. Nur nichts preisgeben, Mutter …

Pass auf dich auf, Eva, hatte sie geschrieben. Und viel Spaß. Vorher noch ein paar Zeilen über Alecs Firma und darüber, wie lange er arbeiten musste. In der Welt der Computertechnologie bewegte sich alles so schnell, dass man unter großem Druck stand, wenn man nicht zurückbleiben wollte. Das war schon alles gewesen. Nichts über Rosemary selbst oder darüber, wann sie sie vielleicht besuchen würde. Das Wort »Liebe« war einfach zu schreiben. Ein einziges »X« für »Kuss«. Aber was erwartete Eva auch? Besonders jetzt.

Ja, das hier war eine Geschäftsreise, und sie freute sich darauf, jede Menge interessanter Antiquitäten und Kunstwerke zu sehen, die Chance zu haben, einige davon für das Emporium zu erwerben, sie zu untersuchen und ihre Echtheit zu überprüfen. Aber das war nicht alles. Nachdem sie gehört hatte, was ihr Großvater zu erzählen hatte, war Eva klar geworden, dass sie das nicht in zehn Tagen schaffen konnte. In so kurzer Zeit konnte sie weder Myanmar, ihren beruflichen Pflichten noch der Bitte ihres Großvaters gerecht werden.

»Ich habe noch Urlaub, den ich bis zum Jahresende nehmen muss«, hatte sie an dem Montagmorgen nach dem Besuch bei ihrem Großvater in Dorset zu Jacqui gesagt. »Daher habe ich überlegt …« Ihr Großvater hatte angeboten, ihr Geld für die Reise zuzuschießen, und Eva hatte einiges gespart. Finanziell war es also kein Problem, aber Jacqui musste mit dieser Verlängerung natürlich ebenfalls einverstanden sein. Eva war sich bewusst, dass ihre Reise das Emporium einiges kosten würde, aber die Kostbarkeiten, die in Myanmar zu finden waren, würden das wahrscheinlich mehr als wettmachen.

»Wie lange wollen Sie bleiben?«, fragte Jacqui sie, nachdem Eva ihr von der Verbindung ihrer Familie zu dem Land erzählt hatte.

»Drei Wochen?«

Jacqui traf eine schnelle Entscheidung. »Warum nicht?«, sagte sie. »Das könnte sich als nützlich erweisen. Sie müssten allerdings die ganze Zeit über per E-Mail mit mir in Verbindung bleiben, Eva.«

»Selbstverständlich.«

Eva atmete langsam ein und aus und versuchte, die Verspannung zu lösen, die der Flug, ihre Müdigkeit und ihre Vorahnungen in ihren Schultern hinterlassen hatten. Sie würde sich auf die Suche nach dem anderen Leben ihres Großvaters machen, einem Leben, zu dem seine Frau und seine Tochter nicht gehört hatten. Sie wusste nicht, was sie finden würde, aber ihrer Mutter würde es nicht gefallen. Sie reiste in ein Land, das in jeder Hinsicht fremdartig und befremdend sein würde, und sie tat es allein; abgesehen von den dubiosen Kontakten, die Jacqui für sie arrangiert hatte.

Eva öffnete die Augen und sah aus dem Fenster auf den großen Fluss hinunter, der sich in großen Schlingen durch das Sumpfland wand. Gelegentlich teilte er sich, als wolle er sich ein neues Bett suchen, doch dann kamen die Arme wieder zusammen, um mit vereinter Kraft weiterzufließen. Gemeinsam war man stärker als allein. So war es für Eva und ihre Mutter nach dem Tod ihres Vaters nie gewesen. Keine der beiden war stark gewesen. Eva war damals zu jung gewesen, um das zu verstehen. Aber später hatte sie viel, viel Zeit gehabt, darüber nachzudenken.

Eva hatte sich ihrem Großvater zugewandt, denn sie hatte damals schnell begriffen, dass ihre Mutter lieber allein sein wollte.

»Jetzt dauert es nicht mehr lange«, sagte der Mann auf dem Platz neben ihr. Er war Journalist und ein angenehmer Sitznachbar. Ein- oder zweimal hatten sie sich während des Flugs kurz unterhalten, und das hatte Eva auch gereicht, denn sie hatte über so vieles nachzudenken.

Eva lächelte. »Ich kann es kaum erwarten«, sagte sie.

Die Lämpchen, die zum Anlegen des Sicherheitsgurts aufforderten, brannten schon seit einigen Minuten. In diesem Moment fuhr der Pilot die Luftbremsen aus, und die Bremsklappen an den Tragflächen gingen herunter. Das Land unter ihnen war bestellt. Eva sah Reisfelder, und im Zwielicht der Morgendämmerung erkannte sie auch, wie stark es geregnet hatte. Am Flussufer standen einige Baracken, die dort wahllos errichtet worden waren – vielleicht eine kleine Siedlung. Eva war sich nur zu bewusst, wie arm Birma war, doch sie wusste auch, welche Reichtümer dieses Land barg. Sie sah ein paar Palmen und eine sehr lange, gerade Straße.

Der Flieger drehte ein, ging in die Landeschleife und machte sich zur Landung bereit. Eva wurde plötzlich schwindlig. Wahrscheinlich lag es an der Müdigkeit oder an der Aufregung angesichts der Fremdheit des Landes. Und doch hatte Birma auch etwas Vertrautes. Es sah nicht so fremdartig aus, wie sie erwartet hatte. Aber was hatte sie eigentlich erwartet? Sie war sich nicht sicher. Doch sie spürte die Aufregung. Sie lief prickelnd durch ihre Finger und Zehen und ließ ihr Herz schneller schlagen.

»Kabinenpersonal, bitte die Plätze für die Landung einnehmen«, sagte eine Stimme aus dem Lautsprecher.

Und dann erblickte Eva eine goldene Pagode, die im Sonnenlicht glitzerte. Ihr spitz zulaufender Turm reckte sich gen Himmel, und die kegelförmige Basis schimmerte in der Morgensonne. Noch lag alles vor ihr wie der gewundene Pfad des Irrawaddy selbst. Aber das war Birma. Sie war da.

6. Kapitel

Als er ihr Gesicht zum ersten Mal gesehen hatte …

Bevor er das Licht ausknipste, warf Lawrence einen kurzen Blick auf seinen Nachttisch. Genauer gesagt galt sein Blick der Stelle, an der der Chinthe nicht mehr stand, obwohl Lawrence ihn immer noch vor seinem inneren Auge sah. Er soll dich beschützen. Er hatte immer dort gestanden, vielleicht weil Lawrence geglaubt hatte, es würde das Ausmaß seines Verrats mindern, wenn ihm im Schlaf wenigstens ein Teil von ihr ganz nahe war. Vielleicht war er aber auch nur ein alter Mann mit zu viel Fantasie. Die Wahrheit war, dass er sich sofort zurückversetzt fühlte, wenn er das Holz berührte. Und dann sah er auf die Uhr, runzelte die Stirn und versuchte auszurechnen, ob Eva schon gelandet war. Er wollte gleichzeitig mit ihr ankommen, zumindest in Gedanken.

Er konnte nicht lesen, nicht heute Abend. Als Helen noch lebte, hatte sie es gehasst, wenn er im Bett gelesen hatte. »Bist du denn nicht müde?«, pflegte sie zu seufzen, als wäre es seine Schuld, als hätte er über Tag nicht genug gearbeitet, um schläfrig zu sein. Und so hatte er nur noch ein oder zwei Absätze in seinem Buch gelesen und es dabei belassen. Warum sollte er sie verärgern? Es war nicht ihre Schuld, nichts von allem war ihre Schuld. Aber nun, da er allein lebte … Nun hätte er die Gelegenheit gehabt, ganze Bücher zu lesen, wenn er wollte, und niemand hätte ein Wort dagegen einwenden können … Nun ja, seine Augen waren nicht mehr die besten. Er war so müde, wie er es noch nie zuvor gewesen war.

Als er ihr Gesicht zum ersten Mal sah …

The first time ever I saw your face – das war der Titel eines Liedes. Aber als er zum ersten Mal in Birma gewesen war, hatte er es noch nie gehört. 1937 war es noch nicht einmal geschrieben gewesen, obwohl der Song ihretwegen hätte entstanden sein können. Später hatte er das Gefühl gehabt, vor Birma noch nie etwas gehört zu haben. Nicht gelebt zu haben.

Mandalay 1937

Sie gingen über den Markt, Scottie und er. Markthändler boten Fisch, Gemüse und Bohnen feil; viele Männer und auch ein paar Frauen rauchten birmanische Zigarren oder kauten Betel. In Imbisshütten aus Bambus drängten sich Menschen zum Essen auf Holzbänken zusammen wie Sardinen in der Dose. Auf offenen Feuern, die von den Garküchenbesitzern in fleckigen aingyis in Gang gehalten wurden, blubberten und dampften große Kessel mit Nudelsuppe. Es war heiß, und die Feuchtigkeit hing schwer wie eine Nebeldecke in der Luft. Menschen liefen geschäftig umher: mehrheitlich Birmanen und Inder, aber auch einige Europäer waren darunter. Die Männer waren meist in dünne Jacketts und longyis gekleidet. Diese langen Wickelröcke wurden von Männern wie Frauen getragen, wobei die longyis der Frauen eher am Bund zusammengesteckt statt wie bei den Männern geknotet waren. Die Frauen trugen dazu leuchtend bunte Blusen. Manche waren auch in Saris gekleidet, die elegant um Kopf und Schultern drapiert wurden und bis auf den staubigen Boden reichten. Regen, dachte Lawrence bei sich. Sie alle brauchten dringend Regen.

»Hattest du es dir so vorgestellt?«, hatte Scottie ihn bei seiner Ankunft im Junggesellenwohnheim gefragt. Lawrence wusste es nicht.

Lange Zeit hatte er sich nach Abenteuern gesehnt. Er brannte nicht nur auf Gefahren oder Mädchen, sondern er wollte reisen. Er wollte die Welt sehen, zumindest so viel davon wie möglich.

»Was ist denn an uns verkehrt?«, hatte sein Vater wissen wollen, als Lawrence endlich den Mut aufgebracht hatte, seinen Eltern zu gestehen, was er vorhatte. Mit »uns« hatte er natürlich das Familienunternehmen gemeint. Fox und Forster hatte wie ein dunkler Schatten über Lawrence’ Kindheit gelegen. Sicherheit und Bedrohung zugleich. »Warum musst du überhaupt irgendwo hinfahren? Wir brauchen dich hier.«

»Er kommt ja wieder«, hatte seine Mutter gesagt. Sie war Diplomatin durch und durch und vom Kopf mit dem perfekt frisierten Blondhaar bis zu den makellosen Schuhen und Strümpfen eine glamouröse Erscheinung. »Lass ihn ziehen, und er wird zurückkehren.« Sie verstand es, sie beide glücklich zu machen; und es war nicht einmal ein Seiltanz für sie. Schon ihren Vater hatte sie elegant um den kleinen Finger gewickelt; und heute machte sie es mit ihrem Mann und ihrem Sohn genauso.

Lawrence’ Vater hatte gebrummt und geknurrt und nach der Whisky-Karaffe gegriffen. Aber seine Mutter hatte Verständnis gehabt, also hatte sein Vater ihn ziehen lassen. Er konnte ihr nichts abschlagen; sie brauchte nur eine Träne in ihre blauen Augen steigen zu lassen, und er tat alles, um ihr wieder ein Lächeln zu entlocken. Nun gut, meine Liebe, wenn es dich glücklich macht waren Worte, die Lawrence während seiner Kindheit und auch noch später häufig gehört hatte. Wenn Mutter glücklich war, dann war Pa es auch. Das war eine ganz einfache Gleichung, die immer aufging. Aber Lawrence wusste, dass er mehr wollte, falls er sich jemals ein Leben mit einer Frau aufbauen würde.

Elizabeth hatte ihrem Sohn liebevoll das Haar gezaust. »Er wird zu uns zurückkommen, wenn er gebraucht wird«, versicherte sie ihrem Mann. »Wenn er über diese Phase hinweg ist. Und er wird daraus gelernt haben. Er will ein wenig leben, weiter nichts. Es wird ihm guttun.«

Hatte es ihm gutgetan? Lawrence war sich nicht so sicher. Es hatte ihn unzufrieden gemacht, so viel stand fest. Aber das war gewesen, nachdem er zurückgekehrt war. In allem anderen hatte sie recht gehabt. Im Leben ging es doch darum, etwas Anderes zu sehen, oder? Neue Erfahrungen zu sammeln. Nicht bei dem zu bleiben, was und wen man kannte, und nicht in London zu bleiben und als Börsenmakler für das Familienunternehmen zu arbeiten. Da draußen lagen Welten, die andere erforscht und erobert hatten. Das britische Empire war enorm groß, und er wollte einen Teil davon sehen. Wie konnte er sich da damit abfinden, im Familienunternehmen zu arbeiten? Und mit Helen? Er wollte nicht an Helen denken

»Dazu ist noch genug Zeit«, hatte seine Mutter mit einem zufriedenen Blick in ihren diplomatischen Augen zu ihm gesagt. »Du hast genug Zeit, mein Schatz, um ein wenig die Flügel auszubreiten.«

Und zu fliegen, dachte er. Zu fliegen.

Ein Teil davon, ein Teil von Birma war genauso gewesen, wie er es erwartet hatte. Es war anders, es war exotisch, es gab dunkelhäutige Menschen, überwältigende Hitze und goldene Tempel. Es gab Farben und einen berauschenden Duft, von dem es ihm schwindelte. Aber Birma hatte auch eine andere, eine harte Seite. Es konnte rau und unbehaglich sein. Es gab Armut und Not. Die Hitze konnte unerträglich werden, die Moskitos auch. Man konnte – oder sollte – keinen westlichen Komfort voraussetzen.

Die Arbeit war eine Offenbarung gewesen. Als er bei der Firma unterschrieben hatte, da hatte Lawrence kaum einen Gedanken an die Bedingungen verschwendet, unter denen er in den Teak-Camps arbeiten würde, oder an die Leute, die er befehligen würde unter dem Druck der Aufgabe, bei jedem Wetter so viele gute Stämme wie menschenmöglich in den Fluss und auf dem tobenden Irrawaddy bis nach Rangun zu befördern. Obwohl es schlussendlich weniger auf die Menschen als auf die Elefanten ankam …

»Diese Menschen sehen zu uns auf«, hatte Scottie gesagt, als er versucht hatte, ihm zu erklären, wie das Leben in Birma funktionierte, dieses System der friedlichen Koexistenz zwischen den britischen Clubs mit ihrem als selbstverständlich empfundenen Luxus, den Whist-Turnieren, Cocktailpartys und Tanzveranstaltungen und der Armut, die auf den Straßen oft zu sehen war: bettelnde Frauen, zerlumpte Männer, die verzweifelt versuchten, Geschäfte zu machen, oder Kinder, die auf dem Markt Abfälle stahlen, um zu überleben.

Scottie schien sich so sicher zu sein. Und er hatte ja recht, die Europäer waren zweifellos die unumstrittenen Herrscher; die letzte birmanische Dynastie war im letzten Jahrhundert untergegangen. Sie war erloschen beziehungsweise vom britischen Empire ausgelöscht worden, das skrupellos seine überlegenen Waffen, sein Wissen und seine Erfahrung eingesetzt hatte, um zu bekommen, was es wollte. Scottie kannte die Geschichten alle. Sein Vater war dabei gewesen. Scottie und seine Familie waren fester als alle anderen, denen Lawrence je begegnet war, in das Netz des kolonialen Imperialismus eingebunden. Und Lawrence hatte davon profitiert, denn Scottie hatte ihm alles gezeigt. Er kannte alle Regeln.

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