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Umarmungen

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

„Wie lange dauert es noch, Mum?”

Kate Seton blickte hinunter in das Gesicht ihrer zehnjährigen Tochter. Die Kleine war aufgeregt und konnte es kaum abwarten, bis ihr langgehegter Wunsch endlich in Erfüllung ging. Wenn es doch bloß nicht mehr so weit wäre! ging es Kate durch den Kopf.

Früher war ihr die Fahrt von London in die Yorkshire Dales auch endlos erschienen. Allerdings hatte sie damals aus den Dales wegkommen wollen, und sie war achtzehn gewesen und nicht zehn. Außerdem war sie schwanger gewesen und hatte große Angst gehabt.

Daran wollte sie an diesem Tag jedoch nicht denken. Mit dem Besuch zu Hause wollte sie nicht nur Cherry belohnen, sondern es war auch ein Versuch, sich mit ihren Eltern auszusöhnen. Sie seufzte leise und schloß die Augen, so daß die vertraute, sommerlich grüne Landschaft für einen Moment verschwand.

Mittlerweile hatten sie das ehemalige industrielle Zentrum des Landes hinter sich gelassen und fuhren nun durch eine beschauliche Gegend, deren Einwohner sich von den schweren Zeiten nicht hatten unterkriegen lassen.

Genau wie ihre Eltern.

„Holt Großvater uns wirklich ab, Mum?”

Cherrys Tonfall verriet die typische Besorgnis eines Kindes, das gelernt hatte, von den Erwachsenen nicht allzuviel zu erwarten. Kate verspürte einen schmerzhaften Stich.

„Ja, er holt uns ganz bestimmt ab”, versicherte sie.

Davon war sie fest überzeugt, denn ihr Vater war sehr zuverlässig. Diesen Charakterzug hatten alle Menschen in der ländlichen Gemeinschaft der Dales aufgrund ihrer Lebensumstände entwickelt.

Kate beobachtete ihre Tochter, während diese aufgeregt aus dem Zugfenster schaute. Sie hatte sie Cherry genannt, weil sie im Mai geboren war, als die Kirschbäume geblüht hatten. Ihretwegen hatte sie die Dales verlassen, und ihretwegen kehrte sie jetzt dorthin zurück.

„Und wir bleiben die ganzen Sommerferien bei Granny und Grandpa, ja?” fragte Cherry besorgt und wandte sich ihr zu.

„Ja”, antwortete Kate ruhig, obwohl sie innerlich aufgewühlt war. Sie fragte sich, wie ihre Eltern reagieren würden, wenn sie zum erstenmal ihre Enkeltochter sahen.

Nachdem sie verkündet hatte, daß sie schwanger war, hatte sie ihr Elternhaus damals im Streit verlassen.

Die rigiden Moralvorstellungen ihres Vaters hatten ihren älteren Bruder David dazu bewogen, mit siebzehn von zu Hause wegzugehen und in der Welt herumzuziehen. Schließlich war er in Kanada seßhaft geworden. Sie war zu dem Zeitpunkt zwölf gewesen, und ihr Vater, der bis dahin erwartet hatte, daß David den Hof eines Tages von ihm übernehmen würde, hatte sich von ihm im Stich gelassen gefühlt.

Da die Setons seit Beginn des 16. Jahrhunderts als Schafzüchter in Abbeydale ansässig waren, war es für ihren Vater John undenkbar gewesen, daß sein einziger Sohn mit dieser jahrhundertealten Tradition brechen könnte.

Daß David ihn so enttäuscht hatte, hatte ihn sehr belastet und auch seine Einstellung zu seiner Tochter negativ beeinflußt. Im nachhinein konnte Kate es besser verstehen.

Ihr Vater war streng gewesen, hatte sie jedoch nicht unterdrückt. Nach der Schule hatte sie immer auf dem Bauernhof mitarbeiten müssen. Sie hatte ihre Mutter bei der Aufzucht der Küken und dem Verkauf der Eier geholfen sowie beim Bestellen des Gemüse- und Obstgartens, doch sie hatte dieses Leben immer gehaßt.

Vielleicht war sie deswegen in der Schule so fleißig gewesen, weil sie gewußt hatte, daß sie diesem Dasein nur entkommen konnte, wenn sie später studierte.

Da ihr Vater eine gute Ausbildung stets zu schätzen gewußt hatte, hatte er Kate – wenn auch widerwillig – zum Bahnhof gebracht, als es soweit gewesen war. Natürlich war ihm klargewesen, daß sie nie zurückkehren würde.

In den ersten Wochen hatte sie sich an der Universität von Lancaster schrecklich einsam gefühlt, denn alles war ganz anders gewesen, als sie es sich vorgestellt hatte. Sie hatte sich von ihren Kommilitoninnen ausgeschlossen gefühlt, die wesentlich weltgewandter gewesen waren als sie.

Und dann hatte sie Silas kennengelernt.

„Kam mein Vater auch aus den Dales, Mum?”

Kate drehte sich unvermittelt zu ihrer Tochter um. In ihren dunkelgrünen Augen, die sie von einer schottischen Vorfahrin geerbt hatte, lag ein verletzlicher Ausdruck.

Hatte Cherry etwa ihre Gedanken gelesen? Das war ja richtig unheimlich!

Cherry sprach nur selten von ihrem Vater. Sie wußte, daß sie das Ergebnis einer kurzen Beziehung war und ihre Eltern sich während des Studiums kennengelernt hatten. Und sie hatte sich mit der Tatsache abgefunden, daß es für ihren Vater keinen Platz in ihrem Leben gab und dieser es auch gar nicht gewollt hätte. Da viele von ihren Mitschülern in derselben Situation waren, betrachtete sie es offenbar als selbstverständlich.

Vor zehn Jahren dagegen war alles ganz anders gewesen. Ihr Vater hatte sie, Kate, damals beschimpft, weil seiner Meinung nach ein uneheliches Kind seinen Namen beschmutzt hätte. Einem Mitglied der Familie Seton würde so etwas nicht passieren … Tatsächlich jedoch hatte es in der Familiengeschichte so manche überstürzte Eheschließung gegeben und so manches Kind, das sieben Monate später geboren worden war. Vor zehn Jahren hatten die modernen Moralvorstellungen die Dales noch nicht erreicht, und Kate hatte nicht in ihrem Elternhaus bleiben und ihr Kind behalten können.

Daher hatte sie sich für die einzige Möglichkeit entschieden, die sie gehabt hatte. Völlig außer sich vor Angst, aber mit der für die Setons typischen Sturheit, hatte sie ihr Elternhaus verlassen und war zum Bahnhof gegangen. Sie hatte ihr Kind nicht aufgeben wollen.

Erschrocken stellte Kate fest, daß Cherry sie neugierig musterte, da sie ihre Frage noch gar nicht beantwortet hatte.

„Nein … nein, er kam nicht von dort”, erwiderte Kate wahrheitsgemäß und fügte warnend hinzu: „Sprich nicht in Gegenwart deiner Großeltern von ihm, ja?”

„Kannten sie ihn denn?” fragte Cherry, offensichtlich verwirrt über ihre Anweisung.

Kate schüttelte den Kopf. „Nein.”

Auch das stimmte, denn ihre Eltern waren Silas nie begegnet. Sie hatte damals vorgehabt, ihn über Weihnachten mit nach Hause zu bringen. Silas und sie hatten ihre Verlobung bekanntgeben wollen – zumindest hatte sie es geglaubt. Wie naiv sie doch gewesen war … Doch was hatte es für einen Sinn, jetzt darüber nachzudenken? Genauso war es vielen jungen Frauen ergangen, und genauso würde es noch vielen anderen jungen Frauen ergehen. Sie würden sich in Männer verlieben, die sie nur benutzten, um ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen.

Kate streckte die Hand aus, um Cherry das dichte schwarze Haar aus dem Gesicht zu streichen. Cherry hatte es von Silas geerbt, genau wie die fein geschwungenen Augenbrauen. Die grünen Augen allerdings hatte sie von den Setons, und ihr leicht herzförmiges Gesicht versprach einmal genauso schön zu werden wie das ihrer Mutter.

Kate hatte dunkelrotes, lockiges Haar, und Silas hatte sie oft damit aufgezogen, daß sie deswegen so klein und zierlich war, weil ihre ganze Kraft in ihre Haare ging.

Cherry hingegen würde vermutlich einmal so groß wie ihr Vater werden. Eines Tages wird sie eine wunderschöne Frau sein, ging es Kate durch den Kopf. Für Silas war es ein Verlust, nicht mitverfolgen zu können, wie seine Tochter sich entwickelte. Kate war entschlossen, sie zu einer modernen Frau zu erziehen – feminin, warmherzig, intelligent, ehrlich und unabhängig. Einen Moment fragte sie sich, ob Cherry wohl Silas’ anderen beiden Kindern ähneln würde – den dunkelhaarigen Jungen, von deren Existenz sie damals nicht einmal etwas geahnt hatte. Sie war trunken vor Liebe gewesen und hatte geglaubt, Silas würde ihr allein gehören.

Diese Zeit wäre nun vielleicht nicht mehr als eine Erinnerung gewesen, wenn Cherry nicht gewesen wäre.

Kate konnte mittlerweile kaum noch glauben, daß sie einmal so leidenschaftlich gewesen war, um ein Kind zu empfangen. Die Flammen der Leidenschaft waren lange erloschen, und das nicht nur durch den Schmerz und die Verwirrung. Sie hatte alles darangesetzt, um für Cherry und sich eine Existenz aufzubauen.

„Schade, daß Tante Lydia nicht mitkommen konnte. Findest du nicht?”

Tante Lydia war ihre Patentante. Sie hatte Kate damals bei sich aufgenommen, ihr bei Cherrys Geburt zur Seite gestanden, sie mit Rat und Tat unterstützt und – was am allerwichtigsten war – ihnen beiden Liebe gegeben. Und nun war sie nach elf Jahren Funkstille die treibende Kraft gewesen, die den Kontakt zwischen Kate und ihren Eltern wiederhergestellt hatte.

Da Kate wußte, daß Cherry den Wunsch nur deswegen geäußert hatte, weil sie ihre Großeltern zum erstenmal sah, erwiderte sie unbekümmert: „Du weißt doch, daß Tante Lydia das Landleben haßt, Schatz. Oder kannst du sie dir in Gummistiefeln auf einem matschigen Feld vorstellen?”

Lydia war ein typischer Stadtmensch. Sie wirkte sehr zerbrechlich und war immer sorgfältig manikürt. Kate war es nach wie vor ein Rätsel, daß Lydia und ihre Mutter sich angefreundet hatten und diese Freundschaft seit über dreißig Jahren aufrechterhielten.

Der Zug fuhr nun durch die Dales, weite Hochlandtäler mit grünen Weiden und vereinzeltem Baumbestand. Die kleinen Bauernhäuser aus Naturstein fügten sich harmonisch in die Landschaft.

Cherry blickte wie gebannt aus dem Fenster. Nach Lydias Anruf zu Weihnachten hatte sie Kate mit Fragen über Abbeydale und seine Bewohner gelöchert.

Zuerst hatte Kate nicht fahren wollen, aus Angst, der Besuch zu Hause könnte zu viele schmerzliche Erinnerungen wachrufen. Lydia hatte sie allerdings behutsam darauf hingewiesen, daß sie auch auf die Gefühle anderer Rücksicht nehmen müßte, besonders auf die ihrer Tochter.

„Sie ist eine Seton, Kate”, hatte sie betont. „Sie liebt das Landleben. Außerdem haben die Zeiten sich geändert, und es ist mittlerweile keine Schande mehr, unehelich geboren zu sein. Dein Vater hat sich dir gegenüber nicht richtig verhalten, aber er und deine Mutter vermissen dich. Sie lieben dich.”

„Cherry möchte Tierärztin werden”, hatte Kate zusammenhanglos erwidert. Im Geiste hatte sie Lydia lächeln sehen – so wie Lydia immer lächelte, wenn sie wußte, daß sie gewonnen hatte. Und nun stand das Wiedersehen unmittelbar bevor, vor dem Kate sich seitdem insgeheim fürchtete.

Der Zug verlangsamte nun das Tempo, fuhr durch einen Tunnel und schließlich wieder in das gleißende Licht der Julisonne. Kurz darauf rollte er in den kleinen Bahnhof ein, der liebevoll mit Blumen geschmückt war.

Nachdem Kate aufgestanden war und ihre Sachen zusammengesucht hatte, ging sie mit Cherry zur Tür. Als sie aus dem Fenster sah, konnte sie ihren Vater nirgends entdecken. Am liebsten wäre sie sofort wieder nach London zurückgekehrt, wo sie seit ihrem Universitätsabschluß als Lehrerin arbeitete und wo sie sich jetzt zu Hause fühlte. Sie liebte ihre Arbeit, weil sie viele Herausforderung bot. Außerdem hatte sie Kinder sehr gern.

Als der Zug anhielt, zögerte sie einen Moment, bevor sie die Tür öffnete. Cherry und sie waren die einzigen Passagiere, die ausstiegen, und Kate fühlte sich plötzlich in die Vergangenheit zurückversetzt. Es kam ihr vor, als wäre sie wieder achtzehn und würde ihre Eltern übers Wochenende besuchen.

Und war das nicht Mr. Meadows, der ihre Fahrkarten entgegennahm? Schon damals war er ihr uralt erschienen, doch als sie ihm lächelnd die Fahrkarten reichte, stellte sie fest, daß er erst ungefähr Mitte Sechzig war.

„Dein Vater wartet auf dem Parkplatz auf euch”, erklärte er, während er sie freundlich musterte. „Und das ist die Kleine, nicht? Sie ist deiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten, stimmt’s?”

„Seh– ich wie Grandma aus?” fragte Cherry neugierig, als sie durch die Schalterhalle gingen.

„Ein bißchen …”

Nur weil sie mir ähnlich sieht, dachte Kate. Ihre Eltern waren Cousin und Cousine zweiten Grades und sahen sich sehr ähnlich. Sie waren beide hager und drahtig, doch das Haar ihrer Mutter war nicht so rot wie Kates.

Auf dem Parkplatz stand nur ein Wagen, ein alter Landrover, neben dem ein Mann wartete.

Als Kate ihren Vater erkannte, krampfte ihr Magen sich vor Angst zusammen. Da ihr Vater immer Hütehunde ausgebildet hatte, war früher stets ein Hund in seiner Nähe gewesen. Auch jetzt lag ihm einer zu Füßen. Er war schwarzweiß und hatte sehr intelligente Augen. Cherry blieb wie angewurzelt stehen und betrachtete ihn entzückt.

Unterdessen musterte Kate ihren Vater. Er war älter geworden – aber waren sie das nicht alle? –, und natürlich hinterließ die harte Arbeit in diesem Klima ihre Spuren in der Physiognomie der Bewohner.

Ein wenig trotzig erwiderte er ihren Blick. Plötzlich merkte Kate, wie ihr die Tränen in die Augen traten. Dann tat sie etwas, das sie eigentlich nicht beabsichtigt hatte: Sie lief auf ihn zu, um ihn zu umarmen.

Ihr Vater erwiderte die Umarmung ein wenig unsicher, wie jemand, der es nicht gewohnt war, seine Gefühle durch Zärtlichkeiten auszudrücken. Schließlich löste er sich von ihr und sagte schroff: „Ja, die Kleine ist eine richtige Seton.” Sie hätte schwören können, daß seine Augen ein wenig glänzten, als er Cherry ansah.

„Der Mann am Bahnhof hat gesagt, daß ich Grandma wie aus dem Gesicht geschnitten bin”, erklärte Cherry wichtigtuerisch.

Sofort runzelte er die Stirn. „Dieser Tom Meadows hatte immer ein Auge auf deine Mutter geworfen”, sagte er wütend zu Kate.

„Darf ich deinen Hund streicheln, Grandpa?” fragte Cherry.

Wieder runzelte er die Stirn. Kate wußte natürlich, daß Hunde seiner Meinung nach Arbeitstiere waren und auch so behandelt werden sollten. Um so erstaunter war sie, als er sich dann bückte, um das Tier liebevoll zu streicheln. Seine Hand war knotig. Es war die Hand eines alten Mannes, wie Kate erschrocken feststellte.

„Ja, warum nicht? Sein Name ist Laddie.”

Er hatte seine Hunde immer Lassie, Laddie, Meg oder Skip genannt. Die Tiere, die er ausgebildet hatte, waren immer sehr gefragt gewesen. Soweit sie wußte, hatte er allerdings nie eins an jemanden verkauft, der ihm unsympathisch war.

Cherry bückte sich, um den Hund zu streicheln. „Willst du mit ihm für die Dales-Schau trainieren?” erkundigte sich Kate.

„Nein, mit dem hier nicht. Er ist kein gutes Arbeitstier.” Als ihr Vater ihren erstaunten Gesichtsausdruck bemerkte, fuhr er schroff fort: „Deine Mutter mag ihn, deswegen habe ich ihn behalten. Er schläft im Haus. Ich hätte ihn einschläfern lassen sollen. Wenn ein Hund nicht arbeiten kann, ist er zu nichts nutz.”

Hätte sie nicht den liebevollen Ausdruck in seinen Augen gesehen, als er den Hund gestreichelt hatte, hätte sie ihm geglaubt.

Unwillkürlich fragte sie sich, wie oft ihr früher entgangen war, daß er mit seiner schroffen Art lediglich seine Gefühle überspielte. Entweder hatte sie es nicht wahrhaben wollen, oder sie war noch zu unreif gewesen. Sie hatte ihn für gefühlskalt und hart gehalten und war von zu Hause fortgelaufen, weil sie befürchtet hatte, er würde sie zwingen, ihr Baby zur Adoption freizugeben.

Als er Cherry nun ansah, verriet sein Blick Stolz und Liebe, aber auch Kummer und Bedauern.

„Laßt uns jetzt fahren”, sagte ihr Vater schließlich. „Wenn wir hier herumstehen, geben wir den Leuten bloß Anlaß zum Klatsch. Außerdem wartet deine Mutter schon.”

Kate stellte fest, daß sich im Dorf überhaupt nichts verändert hatte. Vor dem kleinen Postamt, in dem sich auch ein Gemischtwarenladen befand und an dessen Wand Glyzinien rankten, stand noch immer dieselbe Bank wie damals. Sie diente als Treffpunkt für die älteren Dorfbewohner – tagsüber für die Frauen, abends ausschließlich für die Männer. Gegenüber vom Postamt befand sich der einzige Pub im Dorf, das De Burghley Arms. Er war nach dem Anhänger von Wilhelm dem Eroberer benannt worden, dem dieses Land einmal gehört hatte. Die de Burghleys waren entfernte Verwandte des berühmten Ministers von Elisabeth I.

Der Letzte dieses Geschlechts war gestorben, kurz bevor Kate Abbeydale verlassen hatte, und in der Familiengruft der Pfarrkirche beigesetzt worden. Der Sarkophag eines seiner Vorfahren, eines Kreuzritters, befand sich im Seitenschiff, und die anderen de Burghleys, die im Laufe der Jahrhunderte für ihr Land gestorben waren, waren in den farbigen Glasfenstern verewigt.

Kates Vater hatte immer damit geprahlt, daß die Setons genauso lange in den Dales lebten wie die de Burghleys, wenn nicht sogar länger. In der Familie erzählte man sich die Geschichte, daß der erste Seton, ein Räuber von der schottischen Grenze, versucht hatte, eine der De-Burghley-Töchter zu entführen und als Geisel zu halten. Statt dessen hatte er sich jedoch in sie verliebt und bei der Heirat von seinem Schwiegervater das Land erhalten, in dem die Setons seit Generationen als Bauern ansässig waren.

Wenn das wirklich stimmt, war die Mitgift nicht sehr großzügig bemessen, dachte Kate, während ihr Vater den Landrover die schmale graue Straße entlanglenkte, die von dunklen Steinmauern gesäumt war.

Der Grundbesitz ihrer Familie war zwar groß, bestand aber nicht aus dem fruchtbaren, tieferliegenden Weideland, sondern lag so hoch, daß nur Schafe darauf grasen konnten. Im Mittelalter hatten die Setons eine große Herde besessen und waren damit zu beträchtlichem Wohlstand gelangt. In den beiden Weltkriegen und durch den Tod von Kates Großvater war die Herde dann auf wenige Tiere geschrumpft.

Ihr Vater hatte rechtzeitig erkannt, daß die Zukunft der Familie weniger in der Produktion von großen Mengen Wolle lag als in der Zucht von Schafböcken. Seine Schafböcke waren weltbekannt und vielfach preisgekrönt, aber Kate wußte noch aus ihrer Kindheit, daß ihre Eltern große Entbehrungen auf sich genommen hatten, um diesen Ruf zu erlangen. Ihr Vater war viel gereist – hauptsächlich nach Südamerika, Australien und Neuseeland –, um Geschäftsverbindungen aufzubauen, während ihre Mutter den Hof allein bewirtschaftet hatte. Sie hatte nicht nur die alleinige Verantwortung für ihre Kinder getragen, sondern auch für die kostbaren Mutterschafe und Lämmer sowie die übrigen Tiere.

Ihre Eltern hatten immer zusammengehalten, und ihr Vater war der Mittelpunkt im Leben ihrer Mutter. Es war eine Beziehung, die die meisten Leute heutzutage als altmodisch betrachteten. Da sich in ihrem Leben alles immer nur um den Hof gedreht hatte, war es kein Wunder, daß ihr Vater so enttäuscht gewesen war, als David eines Tages verkündet hatte, er wolle Ingenieur werden.

Kate, die mit ihrem Bruder in lockerem Kontakt stand, wußte, daß er verheiratet war, aber keine Kinder hatte. War das vielleicht der Grund, warum ihr Vater sich mit ihr versöhnen wollte? Schließlich hatte er außer Cherry keine Enkelkinder.

Cherry plapperte mit ihrem Großvater, als hätte sie ihn schon von klein auf gekannt. Von der Ehrfurcht, die Kate ihrem Vater immer entgegengebracht hatte, war in Cherrys Verhalten nichts zu spüren.

Amüsiert und traurig zugleich lauschte sie den Ausführungen ihrer Tochter über Schafzucht. Vieles davon mußte sie aus ihren Erzählungen aufgeschnappt haben. Einerseits war Cherry ernst und zurückhaltend und ihren Altersgenossen in vielerlei Hinsicht voraus, andererseits beängstigend verletzlich. Der Besuch bei ihren Großeltern bedeutete ihr sehr viel, und sie hatte seit Weihnachten von nichts anderem geredet. Damals hatte Lydia die Bombe platzen lassen, indem sie verkündet hatte, sie hätte mit ihrer Mutter gesprochen und ihre Eltern wünschten sich, sie, Kate, würde nach Hause kommen, und sei es nur besuchsweise.

Obwohl Kate ihr am liebsten gesagt hätte, daß sie bald wieder abreisen würden, wollte sie Cherry nicht die Freude verderben.

Ihre Tochter fühlte sich auf dem Land am wohlsten, während sie, Kate, immer sehr zwiegespalten gewesen war. Einerseits liebte sie die Dales, denn es war ihre Heimat. Andererseits hatte das Leben in London ihr gutgetan. Sie hatte dort einen Job gefunden und damit auch ihre Unabhängigkeit, und dort war Cherrys Zuhause. In der Großstadt störte es niemanden, daß Cherry ohne Vater aufwuchs.

Kate war ihr gegenüber immer ehrlich gewesen. Sie hatte ihr erzählt, daß sie sich in ihren Vater verliebt und zu spät herausgefunden hatte, daß er verheiratet war. Allerdings hatte sie ihr verschwiegen, daß Silas und seine Frau zwei Kinder hatten. Sie hatte Cherry damit nicht auch noch belasten wollen, denn ihrer Meinung nach reichte es, wenn sie dieses Wissen mit sich herumtrug.

Zum Glück hatten ihre Eltern es nie erfahren. Die beiden hatten lediglich angenommen, daß der Mann, von dem sie schwanger geworden war, sie danach hatte sitzenlassen. Und sie hatte sie in dem Glauben gelassen.

Nun kamen sie durch einen Landstrich, der früher den de Burghleys gehört hatte. Das große Herrenhaus war von Bäumen umgeben und daher nicht zu sehen. Als sie am Tor vorbeifuhren, entdeckte Kate ein Schild an der Mauer. Neben dem Pförtnerhaus stand ein uniformierter Sicherheitsbeamter.

„Was ist mit dem Herrenhaus passiert?” fragte sie ihren Vater neugierig.

Das Land der de Burghleys grenzte an das der Setons. Zweifellos hatte die Geschichte über ihren Vorfahren, der eine de Burghley geheiratet hatte, ihren Ursprung in dieser Tatsache.

„Die Regierung hat es gekauft”, erwiderte ihr Vater. „Man hat dort vor ungefähr einem Jahr eine Art Forschungsstation eingerichtet, wo alle möglichen Tests durchgeführt werden. Das Ganze ist streng geheim, niemand darf ohne Sondererlaubnis das Grundstück oder das Land betreten. Der Mann, der es leitet, macht einen vernünftigen Eindruck. Er ist sehr zurückhaltend, aber einige Leute im Ort meinen, daß es bloß Ärger geben wird …”

„Was für Ärger, Grandpa?” wollte Cherry wissen.

Kate bemerkte, daß er die Stirn runzelte.

„Es sind Dinge, über die ich nicht viel weiß, Schatz.” An Kate gewandt, fügte er hinzu: „In diesem Jahr hatten viele Mutterschafe Fehlgeburten, und dann diese Geschichte mit Rußland.”

Ihr war klar, daß er auf die Katastrophe von Tschernobyl anspielte. Aus den Zeitungen wußte sie, daß der Fallout auch diese Gegend betroffen hatte und der Fleischverbrauch seitdem drastisch zurückgegangen war. In der heutigen Zeit konnte sich niemand mehr von der Angst vor Störfällen in Kernkraftwerken freimachen, doch dies wurde ihr erst richtig bewußt, als sie den besorgten Ausdruck in den Augen ihres Vaters sah.

„Du willst damit doch nicht sagen, daß du hier oben von dem Fallout betroffen bist, Dad, oder?” Sofort machte sie sich Sorgen um Cherry, denn wer wußte schon, welche Schäden selbst die geringste radioaktive Strahlung bei Kindern hervorrief?

„Man hat uns nichts gesagt. Aber warum hätte man sonst diese Forschungsstation einrichten sollen? Und warum wird alles geheimgehalten? Die Leute im Dorf machen sich jedenfalls große Sorgen und haben schon Protestveranstaltungen organisiert.”

„Und der Mann, der das Projekt leitet? Was sagt er dazu?”

„Er meint, es gäbe keinen Grund zur Sorge, und ich glaube ihm.”

Weil er daran glauben wollte, soviel war Kate klar. Es hätte ihrem Vater das Herz gebrochen, wenn das Land der Setons radioaktiv verseucht gewesen wäre. Als er um die nächste Kurve fuhr und damit die Grenze zwischen dem Grundbesitz der de Burghleys und ihrem überquerte, hörte sie den Stolz in seiner Stimme.

„Jetzt bist du auf unserem Land, Schatz”, sagte er zu Cherry. „Na, was hältst du davon?”

Cherry sah aus, als würde sie gleich vor Stolz und Freude platzen. Bevor Kate sie davon abhalten konnte, umarmte sie ihren Großvater stürmisch. „Ich freu’ mich so, daß wir hier sind, Grandpa!”

„Ist ja gut …” wehrte er verlegen ab.

Vorsichtig befreite er sich aus ihrer Umarmung, und Kate entging nicht, wie er sich gleich darauf verstohlen die Nase putzte.

Kurz darauf fuhren sie auf den Hof, wo sie vom Bellen der Hunde, dem Gackern der Hühner und dem Blöken der Lämmer begrüßt wurden. Die Lämmer waren besonders fett, und Kate wußte noch aus ihrer Kindheit, daß es sich um Tiere handelte, die im Frühjahr mit der Hand aufgezogen worden waren und nun nicht zur Herde zurückkehren wollten.

„Paßt auf wegen der Bantamhühner”, warnte ihr Vater, als er den Landrover stoppte.

„Was ist ein Bantamhuhn?” fragte Cherry beim Aussteigen.

„Ein Zwerghuhn.” Kate erinnerte sich noch daran, daß ihre Mutter diese Hühner besonders geliebt hatte.

„Sag nicht, daß Ma immer noch Gänse hält.” Kate stöhnte, als sie das gewohnte aufgeregte Schnattern hörte. Früher war nicht einmal ihr Vater vor den scharfen Schnäbeln der Tiere sicher gewesen, die sich immer als hervorragende Wachhunde erwiesen hatten. Leider war es nur unmöglich, ihnen den Unterschied zwischen Freund und Feind beizubringen.

Schließlich wurde die Hintertür geöffnet, und ihre Mutter kam heraus.

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