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Rückkehr an den Ort meiner Träume

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Emilie Richards

Rückkehr an den Ort meiner Träume

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Maria Poets

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PROLOG

1965

Babys, lauter kleine Babys. Und niemand war da, um ihnen auf die Welt zu helfen.

Dr. Angus Sutherland wünschte, er hätte nicht so tief ins Glas mit dem Glenmorangie geschaut. Ein dankbarer Patient hatte ihm eine ganze Flasche davon geschenkt. Aber es war eine kalte Nacht, und kaum ein Stern zeigte sich am Himmel. Das passte zu Halloween. So eine Nacht war wie geschaffen dafür, um sich mit einer Flasche guten Whiskeys und einem starken Schloss vor der Tür zurückzuziehen.

Leider hatte er nur das eine, aber nicht das andere.

„Gleich drei! Ich fasse es nicht! Drei auf einmal! Bisher sind in diesem Jahr insgesamt erst vier Babys im Krankenhaus zur Welt gekommen.“ Jeanne Maxwell stemmte die Hände auf ihre ausladenden Hüften und schürzte die schmalen Lippen, mit denen Gott sie gesegnet hatte. „Ich habe schon eine Kanne starken, heißen Tee gekocht“, fuhr sie fort. „Aber Sie haben keine Zeit, ihn richtig zu genießen. Sie müssen ihn schnell trinken. Bis auf den letzten Tropfen.“

„Glauben Sie wirklich, dass sie alle heute Nacht zur Welt kommen?“ Angus nahm seinen Schal ab und schlüpfte aus dem Mantel. Vermutlich lag es an dem Whiskey, dass er sich noch einmal vergewissern musste, denn Jeanne hatte sich bereits unmissverständlich geäußert.

Jetzt hängte sie den Mantel an einen Haken. „Jawohl. Und ich glaube schon, dass sie bald kommen. Mit oder ohne Ihre Hilfe. Aber es wäre besser, wenn Sie ihnen dabei helfen würden.“

„Es ist eine kalte Nacht, Jeanne. Eine nasse, kalte Nacht. Wir beide sollten es uns zu Hause vor einem schönen Feuer gemütlich machen.“

„Sollen wir die Damen nach Hause schicken und sie bitten, morgen früh wiederzukommen?“

Auch wenn alles andere verschwommen sein mochte wie ein nebliger Herbstmorgen in den Highlands, war Jeannes Gesichtsausdruck absolut klar. Sie war eine stämmige, patente Frau, die nicht einmal in ihren besten Jahren schön gewesen war. Aber sie hatte sich ein frisches Aussehen und einen festen Blick bewahrt. Jetzt sah sie ihn allerdings eher missbilligend an.

Angus seufzte. „Bringen Sie den Tee, während ich mich wasche.“ Er ging zum Waschbecken in der Ecke, drehte den Wasserhahn auf und begann seine Hände zu schrubben. „Was meinen Sie, wen ich zuerst untersuchen soll?“

„Ich würde Ihnen raten, zuerst nach Lady Ross zu sehen. Immerhin ist sie die Frau des Lords. Aber sie hat noch ein bisschen mehr Zeit als Mrs. Sinclair. Sie wird die Erste sein.“ Sie machte eine Pause. „So Gott will.“

„Und Mrs. MacDougall?“

Jeanne zuckte die Achseln.

Er erkannte die Aussage, die sich hinter dieser Geste verbarg. Jeanne hatte eigentlich keine Ahnung, in welcher Reihenfolge die drei Frauen, die in den beiden Zimmern nebenan die unterschiedlichsten Seufzer von sich gaben, ihre Kinder zur Welt bringen würden.

Seit zwanzig Jahren war Angus Arzt. Achtzehn Jahre davon hatte er hier in diesem aus grauen Steinen gemauerten Krankenhaus in dem winzigen Dorf Druidheachd im abgelegensten Teil der Highlands verbracht. Doch er galt immer noch als Fremder. Er war der Doktor aus Edinburgh, der nur auf einen kurzen Urlaub hierher gekommen und nie wieder in sein feines Stadthospital zurückgekehrt war. Manche glaubten, er sei wegen der klaren Luft geblieben, Andere meinten, eine Hexe habe ihn mit einem Zauber belegt, damit er blieb. Nur wenige wussten, dass Angus begriffen hatte, welchen Wert die einfachen Dinge und Menschen besaßen. Er kannte den Namen und die Geschichte von jedem Bewohner im Umkreis von zwanzig Meilen. Und nun stand er kurz davor, drei weiteren kleinen Menschenkindern auf die Welt zu helfen, die alle ihre eigene Geschichte haben würden. In wenigen Stunden, möglicherweise sogar nur Minuten, würde es so weit sein.

„Ich werde meinen Lebtag nicht verstehen, warum die Frauen so lange warten, bis sie zu mir kommen“, sagte er, während er seine Hände gründlich einseifte, den Schaum abspülte und ein weiteres Mal zur Seife griff.

„Mrs. MacDougall wollte eigentlich zu Hause entbinden, mit der Hilfe ihrer alten Großmutter. Aber als die alte Dame ständig einnickte, änderte sie ihre Meinung. Der Lord und seine Frau machten sich bei der ersten Wehe auf den Weg nach Glasgow, aber dann merkten sie, dass sie es nicht rechtzeitig schaffen würden, und kehrten wieder um. Und Mrs. Sinclair hatte nicht geglaubt, dass das Baby so schnell kommen würde. Außerdem haben Sie geschlafen und sich geweigert, ans Telefon zu gehen, sodass ich erst einen Burschen losschicken musste, um Sie zu wecken.“

Er ignorierte den letzten Teil ihrer Erklärung. „Ich werde mir zuerst Mrs. Sinclair anschauen. Ich glaube, dass die lautesten Schreie von ihr kommen.“

„Es ist fast Mitternacht.“ Jeanne sah auf die Uhr. „Und ihr Mann ist immer noch nicht zurück. Er hat sie hergebracht und ist wieder verschwunden.“

„Donald Sinclair ist kein Mann, der jemanden trösten könnte. Wahrscheinlich sitzt er im Pub und zählt die Einnahmen aus dieser Nacht. Wir werden sie ein wenig beruhigen müssen.“

„Terence MacDougall ist auch nicht hier“, sagte Jeanne. „Das Geld, das Donald Sinclair zählt, stammt vermutlich zum großen Teil von ihm.“

Angus Kopf begann zu schmerzen. „Und der Lord?“

„Steht neben dem Bett seiner Frau. Und wartet auf Sie.“

Rasch fand Angus diese Aussage bestätigt. Die Geräusche aus dem Nebenzimmer wurden lauter. Er stürzte seinen Tee hinunter und schrubbte sich ein letztes Mal die Hände. Als er sich die Gummihandschuhe anzog, sah er, dass Jeanne sich ebenfalls wusch und Handschuhe anzog.

Im ersten Zimmer standen zwei Betten. Ein Mann mit silbriggrauen Haaren stand in aristokratischer Haltung neben einem davon. Es war Malcolm Ross, der zehnte Lord of Druidheachd. Mary, seine Frau, hätte nächste Woche nach Glasgow ziehen sollen, um in der Nähe eines modernen Krankenhauses mit der besten medizinischen Ausstattung zu sein. Entweder kam das Baby zu früh, oder ein hoch gefeierter Spezialist konnte nicht richtig rechnen.

Neben dem Bett von Mrs. Ross warf sich Melissa Sinclair von einer Seite zur anderen. Sie war mit dem Wirt des Landgasthofs verheiratet. Angus wusste, dass Mrs. Sinclair ihr Kind nicht zu Hause zur Welt bringen wollte. Sie war Amerikanerin, und sie hasste alles an Druidheachd, einschließlich – so fürchtete er – ihres schottischen Gatten.

Im nächsten Raum, außer Sichtweite, aber gut zu hören, lag Jane MacDougall, die Frau des größten Taugenichts im Ort. Wenn er nicht trank oder seinen Rausch ausschlief, ging Terence MacDougall fischen oder führte die Touristen herum, die sich gelegentlich so tief in die Highlands hineinwagten, um einen Blick auf das Ungeheuer im Loch Ceo zu erhaschen.

„Meine Frau kommt zuerst“, erklärte der Lord mit ruhiger Stimme.

Angus blieb kaum etwas anderes übrig. Er empfand Mitleid mit den beiden Frauen, deren Männer sie allein ihrem Schicksal überlassen hatten. Er trat auf das Bett von Mary Ross zu.

„Es kommt! Mein Baby kommt!“, schrie Melissa Sinclair aus dem Zimmer nebenan.

Mit zitternden Händen ignorierte Angus den Schrei und schlug das Laken zurück, das Mary Ross bedeckte und sah, dass sie ebenfalls so weit war, obwohl sie grimmiges Schweigen bewahrte. Es blieb nicht mehr viel zu tun, außer den Sohn des Lords in Empfang zu nehmen, als Mary ein letztes Mal mit aller Kraft presste. Jeanne erreichte Melissa Sinclair fast im selben Moment und mit demselben Ergebnis. Und als sie beim Klang der Kirchenglocke Seite an Seite die Babys entbanden, hörten sie den kräftigen Schrei eines Neugeborenen aus dem Nebenzimmer. Angus drückte dem erstaunten Lord seinen Sohn in die Arme und rannte zur Tür.

Ein Blick sagte ihm, dass Jane MacDougall ihre Sache auch ohne jede Hilfe sehr gut gemacht hatte.

Am nächsten Tag war in Druidheachd von nichts anderem die Rede als von den Geburten. Drei gesunde Jungs, geboren im selben Augenblick. Um Mitternacht, um genau zu sein. Niemand, weder der Doktor, noch Jeanne und ganz gewiss nicht die stolzen Mütter konnten sagen, welches der winzigen Kerlchen zuerst da gewesen war.

„Margaret Henley sagt, es sei ein Zeichen, dass die drei Knirpse im selben Moment geboren wurden“, vertraute Jeanne an diesem Nachmittag Angus an, als dieser gerade ein wohlverdientes Schlückchen Glenmorangie trank, von derselben Flasche, die er gestern bereits angebrochen hatte. „Sie sagt, sie haben ihr Leben zusammen begonnen und dürfen jetzt nicht getrennt werden. Sie nennt sie die Mitternachtsjungs.“

Angus wusste, dass man im Dorf akzeptierte, was Margaret mit ihren neunzig Jahren sagte. Schließlich war allgemein bekannt, dass sie eine Seherin war. Die armen kleinen Men of Midnight würden diesen Titel tragen, bis wirklich Männer aus ihnen geworden waren. „Wenn sie älter sind, werden sie zusammen zur Schule gehen“, sagte er. „Aber glauben Sie wirklich, dass Kinder von solch unterschiedlicher Herkunft wie Brüder aufwachsen werden? Ich kann es mir nicht vorstellen.“

Aber Margarets Verkündung wurde im ganzen Dorf bekannt. Sie sickerte durch die Eingangstür des moosbedeckten Hotels, wand sich die prachtvolle Wendeltreppe im Anwesen des Lords empor und schlüpfte durch die Bohlen des ärmlichen Cottages am Ufer des Loch Ceo. Duncan Sinclair, Iain Ross und Andrew MacDougall waren durch die außergewöhnlichen Umstände ihrer Geburt miteinander verbunden. Es war ihre Bestimmung, dass ihre Schritte sie stets über denselben Boden führte.

Und so war es auch. Selbst, nachdem sie zu Männern herangewachsen waren.

1. KAPITEL

Einen Moment lang waren die Hügel unterhalb des Gipfels, auf dem Mara stand, mit hellen Flecken aus Sonnenlicht gesprenkelt. Im nächsten Augenblick rasten Schatten und zerrissene, unruhige Nebelfetzen über sie hinweg. Schaudernd zog sie ihren langen Umhang fester um sich und machte sich auf den Heimweg.

Als Kind hatte Mara einmal den Süden Englands besucht. Überrascht hatte sie festgestellt, dass die Nacht dort mit einer ruhigen, geordneten Regelmäßigkeit hereinbrach, selbst im Sommer. Noch mehr als im Rest von Schottland schienen hier in den Highlands die Tage entweder nur aus Dunkelheit zu bestehen oder es wurde überhaupt nicht richtig Nacht. Jetzt, wo der Winter beinahe vorüber war, senkte sich der schwarze Samtvorhang, der den Nachmittag auslöschte, immer später, aber die Tage waren ihr noch immer nicht lang genug.

Guiser, der Border Collie, den Mara im vorigen Jahr gegen ein Dutzend Stränge handgesponnener Wolle eingetauscht hatte, gesellte sich zu ihr. Ihre kleine Schafherde war sicher in dem steinernen Pferch hinter ihr untergebracht, und die Kühe standen in ihrem Stall. Nach dem Tee würde Guiser seine Aufgabe als Hütehund wieder erfüllen, aber bis dahin hatte er sich eine Pause verdient.

„Aye, es wird Zeit, dass wir nach Hause kommen“, stimmte sie zu. „Ich habe einen ganzen Eimer Reste für dich, und für mich köchelt eine Suppe auf dem Herd.“ Guiser trottete neben ihr den Hügel hinauf und den windigen Pfad entlang, der bis zum strohgedeckten Cottage führte, das Mara ihr Zuhause nannte. Im Inneren des Häuschens streckte er sich vor dem Feuer aus, aber sein Blick folgte ihr, als sie zum Küchenschrank ging.

„Das wird dir schmecken. In ganz Glasgow und Edinburgh findest du nichts Vergleichbares. Du wirst speisen wie ein König.“

Sie nahm eine Schüssel mit Essensresten, die sie seit dem Morgen gesammelt hatte, und ging zu seinem Napf. Sie wollte ihn gerade füllen, als ihre Hand mitten in der Luft erstarrte. Als das vertraute Gefühl sie überkam, schloss sie die Augen.

Sie versuchte, sich auf irgendetwas zu konzentrieren, den Duft der köchelnden Suppe oder den beißenden Geruch des Torffeuers. Dabei wusste sie doch, wie nutzlos es war, sich gegen die Bilder zu wehren, die langsam in ihrem Kopf entstanden.

Guiser knurrte. Dann sprang er auf und lief zur Tür, die Mara nicht ganz hinter sich geschlossen hatte. Er zwängte seine Schnauze in den Spalt, stieß die Tür auf und war im nächsten Moment verschwunden.

Inzwischen war es dunkel geworden. Mara trat ans Fenster, aber sie konnte nichts sehen außer Dunkelheit und Schwärze. Sie folgte Guiser im Geiste. Wie ein schwarzweißer Fleck flitzte der Hund den Hügel hinab in Richtung Straße. Das war der einzige Weg den Beinn Domhain hinauf. Aus der Ferne beobachtete Mara, wie das Tier schweigend patrouillierte und auf etwas wartete, ohne zu wissen, worauf.

Es war nicht das erste Mal, dass der Hund die Gefühle seiner Herrin wahrnahm. Wie konnte er wissen, dass sie spürte, was geschehen würde? Sie stellte sich vor, dass sie ihm ihre Ahnung auf irgendeine Weise mitteilte. Er war ein außergewöhnlich intelligentes Tier. Sie hatte ihn Guiser genannt, ein schottisches Wort für jemanden, der sich verkleidet hatte, weil sie davon überzeugt war, dass er nicht einfach nur ein Hund war. Natürlich war das albern, vor allem, da kein Mensch, den sie je näher kennengelernt hatte, so ein feines Gespür hatte wie Guiser.

Die Eindrücke wurden intensiver, und sie hörte auf, sie zu bekämpfen. In ihrem Geist zeichnete sich das Bild eines Mannes ab. Er war groß, aber nicht riesig. Muskulös, aber kein Gewichtheber. Sie war Spinnerin und Färberin, und sie verglich Farben stets mit dem, was sie auf dem Land und im Himmel sah. Die Haare des Mannes waren braun wie der Schatten eines Waldes, und die Augen hatten das klare, schillernde Grau, das man manchmal am Rand von Gewitterwolken sah.

Seinen Namen kannte sie nicht.

Mara fragte sich, warum sie eine Vision dieses Mannes hatte, eines Fremden. Unbehagen erfüllte sie. Dann verschwand er so plötzlich, wie er aufgetaucht war, aus ihrem Geist, und sein Gesicht wurde durch ein anderes ersetzt. Dieses Gesicht kannte sie. Es gehörte Geordie Smith, der allein in einem Bauernhaus an der Straße nach Druidheachd lebte. Wenn eine halbe Flasche Whiskey sein Inneres wärmte und die Berge und Täler seiner geliebten Highlands sich zu seinen Füßen ausdehnten, hielt er sich für einen Poeten. Weit und breit war er als ein Mann bekannt, der mehr Herz als Verstand besaß.

Die Augen immer noch geschlossen, sah Mara, wie Guiser es aufgab, die Straße zu beobachten. Er drehte sich um und erklomm den Berg. Sein Futter wartete.

Mara wollte die letzten paar Minuten vergessen. Sie wollte, dass ihr Leben genau so weiterging wie bisher.

Doch sie wusste es besser, und so hoffte sie nicht wirklich darauf.

Duncan Sinclair hatte vergessen, wie rasch im Winter in den Highlands die Nacht hereinbrach. Im Moment fühlte er sich, als sei sein Herz zu Eis gefroren, und er war fast erstaunt, als er feststellte, dass auch außerhalb von ihm Winter war.

Seit seinem achten Lebensjahr hatte er nicht mehr in Schottland gelebt. Seine Jugend hatte er in New York verbracht, wo er seinen schottischen Akzent, seine Wurzeln und seine Unschuld verloren hatte. Als Junge war er jeden Sommer für ein paar Wochen zurückgekehrt, um Donald Sinclair zu besuchen. Heute hatte er seinen Vater auf dem Friedhof neben der Dorfkirche beerdigt. Es war mehr als zwanzig Jahre her, seit Duncan die Highlands im März gesehen hatte.

Als der Himmel sich verdunkelte, bildete sein Atem kleine Wölkchen, und seine Fingerspitzen in den Handschuhen wurden taub. Er schob die Hände tiefer in die Taschen und wanderte weiter. Er war sich nicht sicher, wann ihm klar geworden war, dass er sich besser auf den Rückweg zum Minibus machte. Er war den schmalen Pfad zu dem kleinen See in den Bergen hinuntergestiegen, an dem er mit seinen Freunden Andrew MacDougall und Iain Ross gezeltet hatte, doch von einem Moment auf den anderen war er umgekehrt, ohne sein Ziel zu kennen.

Er war kein Mann, der so einfach aufgab. Es gab nur wenige Schlachten, die er nicht bis zum Ende durchgefochten hatte und nur wenige Ziele, die er nicht erreicht hatte. Mit achtzehn war er von zu Hause fortgegangen, hatte das College geschafft und sofort danach eine Werbeagentur gegründet. Zu seinen besten Zeiten hatte er einige der begehrtesten Kunden in ganz Südkalifornien betreut. Nebenbei hatte er um die Frau geworben und sie schließlich gewonnen, von der er dachte, er könne ohne sie nicht leben.

Dann, im letzten Jahr, mit neunundzwanzig, hatte er alles aufgegeben, um die wichtigsten Ziele seines Lebens zu erreichen: die Scheidung und das alleinige Sorgerecht für seine sechsjährige Tochter April.

Warum also war er heute umgekehrt? Er vermutete, dass der Gedanke an April ihn beeinflusst hatte, auch wenn sie tausend Meilen entfernt in New York bei seiner Mutter und seiner Schwester Fiona war. Er konnte sich nicht länger den Luxus gestatten, Risiken einzugehen. Nicht einmal so ein kleines, wie allein im Zwielicht einen Bergpfad entlangzugehen. Duncan war das einzig Beständige in Aprils Leben.

Er hielt inne, um Luft zu holen. Um ihn herum wurde es rasch dunkel. Eine feuchte Kälte kroch durch seine Skijacke und die wollene Unterhose. Selbst seine Füße wurden kalt, obwohl sie in dicken Socken und wasserfesten Lederstiefeln steckten.

Wie weit war er gekommen? Er wusste es nicht. Seine Freunde Iain und Andrew hatten ihn gewarnt, vorsichtig zu sein. Sie hatten ihn daran erinnert, dass die Entfernungen in den Bergen trügerisch sein konnten, und dass er sich wahrscheinlich an den größten Teil der Ausflüge aus ihrer Kindheit nicht mehr erinnerte. Mit einem Achselzucken hatte er ihre Warnungen abgetan, so wie er auch die Beileidsbekundungen der Dorfbewohner nach der Beerdigung mit unbewegter Miene hinter sich gebracht hatte. Ratschläge waren ihm ebenso zuwider wie Rührseligkeit. Es hatte ihm gar nicht gefallen, wie sehr ihn die Herzlichkeit von beidem heute innerlich berührt hatte.

Er ging den Pfad zurück und beschleunigte seine Schritte, während er in der immer tiefer werdenden Dunkelheit nach bekannten Landmarken Ausschau hielt. Er umrundete einen Hügel und erwartete fast, den alten Minibus des Hotels an der schmalen Straße zu sehen. Doch um ihn herum erstreckte sich nichts als die weite Hügellandschaft, durchzogen von dem kaum erkennbaren Pfad.

Hinter der nächsten Kurve erhob sich ein Felsbrocken auf einer Lichtung. Die Form war ungewöhnlich, denn an der Spitze war er breiter als am Fuß. Als er den Fels anstarrte, stiegen Erinnerungen in ihm auf, wie er als Junge darauf herumgeklettert war. Er, Andrew und Iain hatten hier gespielt. Sie waren die Könige der Berge gewesen und hatten den mit Flechten übersäten Brocken erklommen und sich gegenseitig über den Rand geschubst. Der Felsen war ihm vorher nicht aufgefallen, aber jetzt wusste er sicher, wo er war. Zumindest hatte er sich nicht verlaufen.

Er machte eine kurze Pause. Nebelschwaden hingen über der Lichtung. Diese war breit und lang, und im Sommer blühte es hier üppig wie auf einer Wiese. Es war eine überraschende Oase mit hohen Gräsern und Wildblumen. Jetzt war die Vegetation braun und schneebedeckt. Den Felsen hinter ihm entsprangen Quellen, und es gab unzählige Höhlen. Als Teenager hatte er sie alle erforscht. Mit sechzehn war er einmal kurz davor gewesen, in eine der Höhlen zu ziehen. Eines Tages hatte sein Vater, der schon unter normalen Umständen streng gewesen war, entdeckt, dass alle Tomatenpflanzen im Gewächshaus des Hotels eingegangen waren, weil Duncan vergessen hatte, sie zu gießen.

Während er in die Ferne starrte und sich an den Mann erinnerte, den er heute beerdigt hatte, fiel ihm aus den Augenwinkeln eine Bewegung auf. Er kniff die Augen zusammen und suchte nach dem Ursprung. Nicht weit entfernt wiegten sich ein paar Ebereschen im aufkommenden Wind. Genau unterhalb davon wuchsen dichte Haselnusssträucher und Buchenschößlinge, sie sich unruhig hin und her bewegten. Duncan starrte in die Dunkelheit hinter den tanzenden Silhouetten, aber er konnte nichts weiter erkennen.

Er hatte sich bereits wieder auf den Weg den Pfad entlang gemacht, als ein durchdringendes Pfeifen ihn stehen bleiben ließ. Erneut drehte er sich zu den Bäumen um, aber das pfeifende Geräusch war nichts anderes als der Wind gewesen. Er schien ihn zu warnen, dass es rasch Nacht wurde und er sich beeilen sollte, um den Bus zu erreichen. Duncan wollte gerade weitergehen, als erneut etwas seine Aufmerksamkeit erregte. Er drehte sich wieder um, um einen letzten Blick zurück zu werfen. Es gab eine wahrnehmbare Veränderung in den Elementen, die ihn umgaben. Das Pfeifen wurde zu einem spitzen Schrei, fast zu einem Heulen, und der Wind, den er für das Pfeifen verantwortlich gemacht hatte, erstarb vollkommen. Selbst die Bäume standen vollkommen still.

Aber hinter ihnen bewegte sich etwas.

Er trat einen Schritt vor und spähte in die Dunkelheit. „Hallo? Ist da jemand?“, rief er. Niemand antwortete.

„Hallo?“, rief er noch einmal etwas lauter.

Es gab Tiere hier in den Bergen. Schafe und gelegentlich Füchse oder wilde Hunde. Aber Duncan erwartete nicht, irgendwelche Vierbeiner zu sehen. Was immer er aus den Augenwinkeln gesehen hatte, war größer gewesen und lief auf zwei Beinen. Entweder hatte er sich das eingebildet, oder hier draußen war tatsächlich noch ein anderer Mensch.

Er zögerte. Wenn jemand hier war, wollte dieser Jemand offensichtlich allein gelassen werden, da er oder sie nicht antwortete. Vielleicht war es ein Bauer von einem der umliegenden Höfe, der nach einem verirrten Schaf suchte. Duncan war sich nicht sicher, ob er das Recht hatte, diesen Pfad zu benutzen, der vermutlich über Privatland führte. Sein Wissen über das schottische Recht war ebenso nebelhaft wie die Wiese. Aber egal, ob er das Recht hatte, hier zu sein oder nicht, er hatte nicht das Recht, den Besitzer des Landes zu stören.

Obwohl er sich selbst überzeugt hatte, dass er gehen musste, rührte er sich nicht von der Stelle. Wie sein Vater ließ er sich in seinem Handeln nie von seinen Gefühlen leiten, doch irgendetwas ließ ihn angewurzelt stehen bleiben. Verärgert über sich selbst rief er noch einmal: „Hallo?“

Niemand antwortete, zumindest nicht auf eine Weise, die er erwartet hätte. Er nahm keine Bewegung mehr wahr, aber ein Lichtstrahl beleuchtete jene Stelle, wo er meinte, jemanden gesehen zu haben. Für den Mond war es noch zu früh, und für die Sonne zu spät. Neugierig trat er näher. Das Licht war genau auf eine Stelle gerichtet und sehr intensiv. Er hatte so etwas noch nie gesehen, aber er empfand keine Furcht. Das Tageslicht schwand dahin, und der Nebel wurde dichter. In der Kombination aus Zwielicht, Nebel und Luftströmungen von den Bergen konnte es leicht zu allen möglichen Irrlichtern kommen. Er war gerade Zeuge eines solchen Schauspiels.

Er wog sein Bedürfnis, zurück zur Straße zu gehen, gegen seine Neugier ab, die Sache noch ein wenig genauer zu untersuchen. Achselzuckend setzte er sich schließlich in Bewegung und überquerte die Lichtung. Die Bäume waren weiter entfernt, als er gedacht hatte, und das Licht wurde immer heller. Als er näher kam, stellte er fest, dass es einen seltsamen grünen Schimmer hatte. Die Farbe allein war schon merkwürdig genug, aber noch eigenartiger war seine Form. Es war ein schmaler Streifen, so breit wie ein kleiner Baum oder ein Mensch. Als es durch die blattlosen Zweige der Bäume fiel, war es so konzentriert wie ein Laserstrahl.

Niemand war in der Nähe. Duncan fragte sich, ob er das Licht vielleicht für einen Menschen gehalten hatte. Möglicherweise hatten seine Augen ihm einen Streich gespielt. Seine Hände und Füße wurden kälter, und seine Abenteuerlust ließ langsam nach. Er hatte sein Ziel immer noch nicht erreicht, aber es schien ziemlich sinnlos zu sein, die letzten fünfzig Meter auch noch hinter sich zu bringen.

Da hörte er erneut diesen Schrei.

Er begann zu laufen. Er verschwendete keinen Gedanken mehr an Bauern, die nach verirrten Schafen suchten, oder an interessante Lichtspiegelungen. Als er durch das Unterholz stürmte, konnte er den Boden sehen, auf den das Licht sich konzentrierte. Dort lag ein Mann mit geschlossenen Augen auf dem Rücken.

Duncan kniete sich neben ihn und schlug dem Mann sanft auf die Wangen. „Hallo! Können Sie mich hören?“

Der Mann war klein und dunkel. Er hatte zwar einige Speckpolster, aber für diese Witterung war er nicht richtig gekleidet. Eine leere Whiskeyflasche lag neben ihm auf der Erde. Duncan packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn. „Können Sie mich hören?“

„Ich bezweifle, dass er in der nächsten Zeit irgendetwas verstehen wird.“

Duncan fuhr herum. Am Rande des Lichts, gerade noch im Schatten, stand eine Gestalt in einem langen Umhang mit Kapuze. „Wo in Gottes Namen kommen Sie denn her?“, wollte er wissen. „Wie lange stehen Sie schon hier?“

„Lange genug, um froh zu sein, dass Sie gekommen sind.“

Die Stimme war die einer Frau, sanft und leise wie die Schaumkronen auf dem Meer. Duncan blinzelte in die Dunkelheit, und die Frau glitt näher heran, als wollte sie ihm einen besseren Blick gewähren. Ihr Umhang bauschte sich. Unmengen von Wollstoff schienen dafür verarbeitet worden zu sein, und er wirkte ebenso weich wie ihre Stimme.

„Kennen Sie diesen Mann?“, fragte Duncan. „Und wissen Sie, was zur Hölle er hier macht?“

„So wie er aussieht, würde ich sagen, er friert sich gerade zu Tode.“

„Das habe ich auch schon herausgefunden.“

„Sein Name ist Geordie Smith. Und ich glaube, dass er sich ziemlich häufig in so einem Zustand befindet.“

Es war zu dunkel, um sie wirklich zu erkennen. Sie hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, sodass nur ihre Nase hervorzulugen schien. Ihre Augen waren kaum zu erkennen, doch als sie besorgt an der Unterlippe nagte, sah er ihre weißen und ebenmäßigen Zähne. Er schaute wieder den Mann auf dem Boden an. „Im Augenblick spielt es keine Rolle, wie oft er betrunken ist, sondern nur, ob er das letzte Saufgelage überlebt oder nicht.“

„Er wird es überleben. Jetzt, wo Sie hier sind, wird ihm nichts mehr geschehen.“

Wie zum Beweis, dass sie die Wahrheit gesagt hatte, flatterten die Augenlider des Mannes, und er begann zu stöhnen. Duncan beugte sich tiefer zu ihm herunter. Der Mann, den sie Geordie genannt hatte, stank wie eine Whiskeybrennerei.

Das Stöhnen wurde zu einem kaum verständlichen Gebrabbel. „Weris da?“

„Mein Name ist Duncan Sinclair. Was zum Teufel machen Sie ganz allein hier draußen?“

Mühsam richtete Geordie sich auf. Duncan half ihm dabei. Es war ein schweres Stück Arbeit, und zum Schluss musste er ihm noch einen Arm um die Schulter legen, damit er nicht umkippte. Geordie wurde noch blasser.

„Sind Sie in Ordnung?“, fragte Duncan.

„Natürlich nich. Ich bin tot.“

„Sehe ich etwa aus wie ein Engel?“

„Sie brauchen keine Rücksicht auf meine Gefühle zu nehmen. Ich bin tot.“

Duncan hockte sich auf die Fersen. „Noch nicht. Aber es wird nicht mehr lange dauern, falls Sie die ganze Nacht auf dem Boden liegen bleiben. Was machen Sie hier? Oder sind Sie so betrunken, dass Sie sich nicht daran erinnern können?“

Geordie machte ein beleidigtes Gesicht. „Eins sag ich Ihnen … Ich bin nich betrunken! Ich bin ein Poet! Ein Dichter!“

„Das erklärt natürlich einiges.“

„Ich bin hier, um mich inschpi … inspiriern …“

Duncan überging Geordies Versuch, sich zu erklären und seine Würde zu retten. „Können Sie gehen?“

Geordie dachte darüber nach.

Duncan befürchtete, dass er sich damit die ganze Nacht Zeit lassen könnte. „Stehen Sie auf und probieren Sie es aus.“

„Ich glaube immer noch … ich bin bestimmt tot.“

„Zumindest werden Sie sich morgen wünschen, Sie wären es.“

„Wenn ich aber nich tot bin …“ Seine Augen wurden schmal. „Wer war dann die Lady in Grün?“

Duncan blickte auf. Das wüsste er selbst gern. Er hatte nicht daran gedacht, die Frau nach ihrem Namen zu fragen oder was sie hier draußen zu suchen hatte. Aber die Stelle, an der sie vorhin noch gestanden hatte, war verwaist. Er beugte sich vor und spähte in die Dunkelheit, aber es gab keinen Hinweis darauf, dass überhaupt noch jemand Drittes hier gewesen war.

Duncan wollte zurück ins Hotel und sich an einem schönen Feuer aufwärmen. Seine Geduld mit den Highlandern und die Sympathie für sie flauten merklich ab. Die Frau war nicht einmal lange genug geblieben, um sicher zu gehen, das Geordie heil nach Hause kam. Der Beweis, dass Geordie an seinem Zustand selbst schuld war, lag auf dem Boden zu ihren Füßen. „Sehen Sie, Mann, Sie sind immer noch betrunken, und vermutlich sind Sie auch unterkühlt. Verschwenden Sie nicht meine Zeit, indem Sie hier lange herumschwätzen. Versuchen Sie aufzustehen. Sie müssen irgendwohin, wo Sie sich aufwärmen können.“

„Ich habe eine Lady gesehen. In Grün. Ganz in Grün.“ Geordie schlug die Hände vors Gesicht. „Wenn sie kein Engel nich war …“

„Das war sie nicht“, versicherte Duncan ihm.

„… dann war sie ein Geist.“

„Was?“

Geordie begann zu weinen. Die dicken Tränen drohten, auf seinem Gesicht zu gefrieren. Seine Schultern bebten. „Sie hat mich gerettet. Ich wurde durch’n Wunder gerettet!“

„Ich habe Sie gerettet.“

„Nein. Sie hat Sie hierher geführt.“

„Sehen Sie, hier war eine Frau, aber sie ist gegangen, sobald sie gesehen hat, dass ich mich um alles kümmere. Sie war ein ganz normaler Mensch. Das ist alles. Es gibt keine Geister. Und wenn Sie sich nicht endlich bewegen, Geordie Wieauchimmer, wird es Sie auch nicht mehr lange geben.“

Mit Duncans Hilfe kam Geordie schließlich auf die Beine. Er torkelte ein paar Meter weit, während Duncan ihn am Ellenbogen festhielt. „Sie hat mir gesagt, ich soll mich hinlegen, das hat der Geist gesagt. Sie hat gesagt, dass ich in Sicherheit bin.“

„Das Einzige, was schlimmer ist als ein Geist, ist ein Geist, der schlechte Ratschläge erteilt.“

„Sie sind nich aus den Highlands“, sagte Geordie. Er hob den Kopf und hielt ihn oben, obwohl sein Kinn gefährlich schwankte. „Dann … könnse das auch nich verstehn.“

„Ich komme sehr wohl von hier. Und ich fürchte, ich verstehe Sie nur allzu gut.“

Geordie zitterte und verstummte. Am liebsten hätte Duncan den kleinen Mann auf der Lichtung zurückgelassen. Aber er wusste, dass Geordie selbst ein Geist oder Engel sein würde, ehe die Suchmannschaft aus Druidheachd zurückkäme. Also zog er seine Jacke aus und legte sie um Geordies Schultern. Der Wind schnitt durch seinen Wollpullover, aber anders als Geordie lief er nicht so schnell Gefahr, an Unterkühlung zu sterben. Mühselig stapften sie zurück. Zu Geordies Ehrenrettung musste Duncan zugeben, dass er mit ihm Schritt hielt.

„Finden Sie den Weg zurück zur Straße?“, fragte Duncan, als sie die Lichtung passiert hatten und wieder in der Nähe des Pfades waren.

„Aye. Mit Ihrer Hilfe wird es schon geh’n. Sie hat versprochen, dass ich in Sicherheit bin.“

So einen Tag hatte Duncan noch nie erlebt, in seinem ganzen Leben nicht. Er war mit seiner Geduld am Ende. „Sie sind betrunken, Mann. Und Sie sind ohnmächtig geworden und gestürzt, weil Sie zu betrunken zum Stehen waren! Ich will nichts mehr von irgendwelchen Geistern hören.“

Geordie hielt mitten in der Bewegung inne. Er entwand sich Duncans Griff und drehte sich in die Richtung, aus der sie gekommen waren. „Sie war ganz in Grün, und sie hatte ’n Gesicht wie ein Engel.“

„Kommen Sie.“ Duncan ergriff Geordies Arm. Bei diesem Tempo würde es ewig dauern, bis sie den Bus erreichten – wenn sie es überhaupt schafften. „Kümmern Sie sich um nichts anderes außer darum, weiterzugehen.“

„Sie ist immer noch da.“

„Sicher.“

„Sie is’ da.“ Geordie fuchtelte mit den Armen.

Duncan blickte auf. Das blasse grüne Licht bildete nicht länger einen exakt umrissenen Strahl. Diffuse, sanfte Kurven hatten sich gebildet. Ihm stockte der Atem. Einen Moment lang, für den Bruchteil eines Augenblicks, verschwand das Licht, um die Gestalt einer Frau anzunehmen. Irgendwo in der Ferne begann ein Hund zu heulen.

„Leben Sie wohl, Lady“, sagte Geordie leise. „Ich danke Ihnen!“

In diesem Augenblick lagen all die Gründe, warum er in Druidheachd niemals glücklich werden könnte, deutlich vor Duncan ausgebreitet.

„Wie, sagten Sie, ist Ihr Name?“, wollte Geordie wissen.

Duncan zerrte den kleinen Mann auf den Pfad zurück, und Geordie folgte bereitwillig. „Duncan Sinclair.“

„Sie sind doch nicht etwa Donald Sinclairs Sohn? Einer der Mitternachtsjungs?“

„Doch, genau der.“

„Und werden Sie jetzt in Druidheachd bleiben, jetzt, wo Ihr Vater gestorben ist?“

Duncan spürte, wie seine Kiefermuskeln sich verkrampften, aber auf diese Frage gab es nur eine Antwort. „Das werde ich. Gott helfe mir, aber ich scheine keine andere Wahl zu haben.“

2. KAPITEL

Einen Monat später blickte Duncan hinaus auf Druidheachds High Street. Es goss in Strömen. Offiziell war es inzwischen Frühling geworden, doch die Tage waren immer noch nass und kalt.

Die Stimme einer Frau erklang hinter ihm. „Im Wohnzimmer brennt ein schönes Feuer, mein Lieber, und wartet ein Becher heißer Tee, um dich aufzuwärmen. Komm vom Fenster weg, und vergiss deine Sorgen.“

Widerwillig drehte Duncan sich zu Frances Gunn um. Sie war die Hotelköchin, hatte rote Apfelbäckchen und weiße Haare. Eine Großmutter, wie sie im Buche stand, mit einem Schoß, der groß genug war, um ein halbes Dutzend Kinder aufzunehmen. Ihr breites Lächeln hieß jeden Menschen herzlich willkommen. „Ich hatte vergessen, wie grau und kalt es hier im Frühling sein kann“, sagte er.

„Aye, grau kann schon sein. Aber in Druidheachd ist Frühling die Zeit im Jahr, wenn aus guten Freunden bessere werden.“

Duncan wandte sich wieder der Straße zu und gab keine Antwort. Er hatte Freunde hier. Es waren die einzigen beiden Menschen auf der Welt, die ihm außer April und seiner Schwester Fiona etwas bedeuteten. Die Verlockung, Iain Ross und Andrew MacDougall hier in den Highlands wiederzutreffen, war ebenso stark gewesen wie die Notwendigkeit, tausende von Meilen zwischen seine Tochter und Los Angeles zu bringen. Doch darüber hinaus reizte ihn wenig an Druidheachd. Das Dorf war so rückständig, dass das achtzehnte Jahrhundert noch in weiter Ferne zu liegen schien.

„Möchtest du keinen Tee?“, fragte Frances.

„Nein. Danke, aber ich muss April ins Bett bringen. Ich habe versprochen, ihr noch eine Geschichte vorzulesen.“

„Sie freut sich sehr, wenn ihr etwas Zeit miteinander verbringen könnt.“

„Das geht mir nicht anders.“

„Es gefällt ihr hier, weißt du. Sie hat das Gefühl, hierher zu gehören. Und du gehörst auch hierher, Duncan. Das war schon immer so.“

Er war nicht grausam genug, um der warmherzigen Frances Gunn zu widersprechen. Stattdessen drehte er sich halb zu ihr um und rang sich ein Lächeln ab. Dafür wurde er mit einem Lächeln von Frances belohnt. Er wartete, bis das Schlurfen ihrer Filzpantoffeln auf den Steinfliesen verklungen war, ehe er seinen Blick von der Straße losriss und auf die Inneneinrichtung des Gebäudes richtete. Es war das Einzige von Wert – so zweifelhaft dieser auch sein mochte – das er auf der Welt besaß.

Das Sinclair Hotel war genauso grau wie die Straße davor und fast ebenso kalt, trotz der Heizölrechnung, die ihm den geschäftlichen Garaus zu machen drohte. Ein Zimmer ging in das andere über. Die Räume waren nüchtern und farblos und mit abgewetzten Möbeln und zerschlissenen Teppichen eingerichtet. Seit seiner Kindheit hatte sich nur wenig verändert. Manchmal stellte er sich vor, dass das Hotel im achtzehnten Jahrhundert in genau diesem Zustand eröffnet worden war. In einem Moment war hier nur ein schmaler Streifen kargen Ackerlandes gewesen, und im nächsten Augenblick hatte sich das Sinclair Hotel, schäbig und verwittert, aus den steinigen Tiefen der Erde empor gehoben.

Hier hatte Duncan seine ersten Schritte gemacht, hatte stotternd seine ersten Sätze gelesen und in den engen Fluren Verstecken gespielt. Doch alles Gelächter und alle Freundschaft schienen keine Spuren hinterlassen zu haben. Jetzt konnte er sich nicht vorstellen, dass überhaupt jemand innerhalb dieser drei Fuß dicken Steinmauern lachte.

„Daddy?“

Duncan sah zum Treppenabsatz hinauf, der in den zweiten Stock führte. Eine kleine, dünne Gestalt kauerte auf der obersten Stufe, das Kinn auf die Hände gestützt. Prompt verspürte er die vertraute Mischung aus Liebe und Reue.

Er deutete mit dem Finger auf sie. „Ich dachte, du seiest schon im Bett. Ich wollte gerade hochkommen.“

„Ich war schon im Bett, aber ich habe mich so allein gefühlt.“

„Ich weiß schon, was du vorhast. Du suchst nach einer Ausrede, um noch ein bisschen aufbleiben zu dürfen.“

„Es ist keine sehr große Ausrede.“

„Aber groß genug, um dich aus dem Bett zu scheuchen.“ Er ging auf sie zu. „Sieh dich an. Du hast dir nicht einmal deinen Bademantel angezogen. Dabei ist es so kalt!“

„Mir ist nicht kalt. Ich friere nur, wenn ich allein in meinem Zimmer bin.“

Duncan hatte das Zimmer seiner Tochter sonnengelb gestrichen und geblümte Vorhänge, Decken und Kissen besorgt. In der Ecke stand eine kleine Heizung, um die ständige Kälte aus der Luft zu vertreiben, und in den Regalen standen Spielsachen, um die Kälte aus ihrem kleinen Herzen zu verjagen. Aber egal, was er tat, es schien nie genug zu sein.

Oben angekommen, drehte er ihr den Rücken zu, und sie kletterte bereitwillig hinauf, um auf ihm zum kleinen Apartment am Ende der Halle zu reiten. Sie war leichter als der dicke Highland-Nebel. Als er sie auf der zerwühlten Daunendecke in der Mitte des Bettes absetzte, nahm er kaum wahr, dass ihr Gewicht fehlte.

Duncan setzte sich auf die Bettkante, während sie sich in die Decke kuschelte.

„Hör zu, mein Frühlingskind. Du weißt, dass ich niemals weit weg bin. Ich bin immer irgendwo im Hotel, wenn du schläfst, und ich komme oft hoch, um nach dir zu schauen. Das Babyfon liegt direkt neben dem Bett, falls du mich brauchst. Und wenn ich doch einmal weggehen muss, ist da immer jemand, der auf dich aufpasst.“

Zaghaft lächelte sie ihn an. „Ich habe trotzdem manchmal Angst.“

„Ich weiß. Aber du wirst sehen, ich werde dich nie allein lassen.“

Ernste graue Augen, die seinen eigenen zum Verwechseln ähnlich waren, erwiderten seinen Blick. Er wusste, was sie dachte. Er nahm ihre Hand und küsste sie, dann stopfte er sie wieder unter die Decke. Dabei streiften seine Finger etwas Kaltes, Hartes. „Hast du dir schon ein Buch ausgesucht?“

Ihre grauen Augen wurden größer. „Nein.“

Er spürte Widerstand, als er versuchte, das Buch unter der Decke hervorzuziehen. Offensichtlich bemühte April sich nach Kräften, es vor ihm zu verstecken. Fragend hob er eine Augenbraue.

„Ich will das Buch mit den Bibern“, sagte sie.

Beinahe gab er nach, aber irgendetwas in ihrem Gesichtsausdruck warnte ihn, dass da mehr dahintersteckte, als sie zugeben wollte. „Lass mich zuerst sehen, was du hier hast.“

„Es ist nur ein Buch.“

„April …“

Sie wandte das Gesicht ab und ließ das Buch los. Er zog es unter der Decke hervor und las den Titel. „Duncan und die Feen.“ Er blätterte durch die Seiten. Das Buch war klein und wunderschön illustriert. Goldhaarige Feen, in durchscheinende grüne Gewänder gekleidet, schienen beinahe über die Seiten zu tanzen. Auch ohne den Text zu lesen begriff er, dass sein armer Namensvetter Duncan, ein tollpatschiger Junge, nicht zu ihnen passte. „Wo hast du das Buch her? Hat jemand vom Hotel es dir geschenkt?“

„Nein.“

Er wartete.

„Liest du mir jetzt aus dem Biberbuch vor?“

„Erst will ich wissen, wer dir das Buch gegeben hat.“

Sie sah ihn immer noch nicht an. „Mara.“

„Mara? Wer ist Mara?“

„Einfach eine Frau.“

Aber wenn die geheimnisvolle Mara irgendeine Frau gewesen wäre, hätte April längst von ihr erzählt, das wusste Duncan. Offensichtlich war Mara bereits jemand ganz Besonderes für sie, und deshalb wollte seine Tochter nicht mit ihm über sie reden. April hatte früh gelernt, die Dinge, die ihr wirklich wichtig waren, für sich zu behalten. „Wo hast du sie kennengelernt?“, hakte er nach.

„Sie wohnt neben Mrs. Gunn, am Ende der Straße. Jessie hat mich mitgenommen, als sie Milch geholt hat. Du bist doch nicht böse, oder? Bitte!“

„Böse?“ Er klappte das Buch zu. In Aprils umfangreicher Büchersammlung fand sich kein einziges Buch wie dieses. Sie hatte Bücher, die ihr die Welt um sie herum erklärten. Sie handelten von der Natur und den Wissenschaften, in einigen ging es um Scheidung und um Kinder, die in einer ganz ähnlichen Situation steckten wie sie selbst. Aber sie hatte kein einziges Märchenbuch.

Das war kein Zufall.

Er erhob sich und stellte das Buch ins Regal. „April, es gibt keine Feen. Und es gibt auch keine Geister oder Heinzelmännchen oder Hexen. Das ist alles Hokuspokus.“

„Aber Mara hat gesagt, dass sie gehört hat, wie die Feen singen!“ Sie setzte sich auf. „Sie leben im Boden, in der Nähe von ihrem Haus, und in der Nacht hört sie ihre Musik. Mara sieht aus wie eine Fee, wie die schönste Fee aus dem Buch, außer, dass sie noch schöner ist, und …“

„Diese Mara, wer auch immer das sein mag, hat dir einen Bären aufgebunden. Feen, Elfen und Gnome gibt es nicht wirklich.“ Er fand das Buch, nach dem er gesucht hatte. „Und Menschen, die so tun, als hätten sie welche gesehen, sollte man meiden.“

„Mommy hat mir immer Märchen vorgelesen.“

Er wusste nicht, was er sagen sollte. Es gab unzählige andere Dinge, die Mommy getan hatte, über die sie nicht reden konnten.

„Ich glaube, Mommy glaubt auch an Feen. Wie Mara“, sagte April.

„Trotzdem gibt es sie nicht, egal, ob jemand daran glaubt.“ Er setzte sich wieder neben sie aufs Bett. „Hast du jemals eine Fee gesehen?“ Er wartete, bis sie widerwillig den Kopf schüttelte. „Oder eine Hexe? Eine Elfe? Glaube an nichts, mein Frühlingskind, bevor du es nicht mit eigenen Augen gesehen hast. Und dann stell das, was du gesehen hast, infrage, denn selbst deine Augen können lügen.“

„Ich mag das Buch.“ Ihre Unterlippe sackte nach unten. „Mara hat es mir geschenkt. Und Mara mag ich auch.“

„Und wie oft hast du diese Mara schon gesehen?“

April zuckte die Achseln.

Mehr als einmal, das war offensichtlich. Duncan fragte sich, warum Frances Gunn ihm nichts von diesen Besuchen erzählt und April sie nie zuvor erwähnt hatte. Unmut stieg in ihm auf. April brauchte keine weitere unsichere Frau mit zu viel Fantasie in ihrem Leben. Sonst würde sich der Schaden, den ihre Mutter angerichtet hatte, niemals wiedergutmachen lassen.

Er lächelte seine Tochter an und gab sich Mühe, dass keines seiner Gefühle sich auf seinem Gesicht widerspiegelte. Um diese Mara konnte er sich später kümmern. Vorher waren ihm die Hände gebunden gewesen, aber dieses Mal stand ihm kein Gericht im Wege. April gehörte jetzt zu ihm, und er konnte sie beschützen. Und genau das würde er tun.

Er schlug das Buch über das Leben in einer Biberburg auf und begann, laut vorzulesen. Als April eingeschlafen war, deckte er sie sorgfältig zu und überprüfte, ob das Babyfon auch wirklich eingeschaltet war. Die Angestellte an der Rezeption würde jedes Geräusch aus diesem Zimmer hören und ihm Bescheid sagen, falls April aufwachte.

Dann ging er nach unten und machte sich auf die Suche nach Frances.

Eine Stunde später beobachtete Duncan, wie Iain Ross am besten Whiskey des Hotels nippte. Den Rücken hatte er der Bar zugewandt, und sein handgestrickter Pullover schimmerte wie ein Schinken in der rauchigen Luft.

„Was genau willst du über Mara wissen, Dunc?“

„Was weißt du über sie?“ Duncan gab Brian, dem Barkeeper, ein Zeichen, und dieser brachte ihm zuvorkommend ein Glas vom bittersten Ale, das sie hatten.

„So viel Zeit hast du nicht.“ Iain nahm einen weiteren Schluck und musterte dabei seinen Freund. Er beherrschte die Kunst perfekt, sein Gegenüber minutenlang zu betrachten, ohne einmal zu blinzeln, aber Duncan wusste, dass er sich einfach gerne Zeit ließ und seinen Whiskey in Ruhe genoss.

„Du führst mich an der Nase herum, Iain.“

Iain hob eine dunkle elegante Augenbraue. Mit jeder Faser war er der Lord of Druidheachd.

„Sie hat April ein Buch geschenkt“, sagte Duncan. „Und Frances Gunn sagt, dass niemand etwas über ihre Geschichte weiß oder warum sie nach Druidheachd gekommen ist.“

„Und das sind Verbrechen, für die man in Amerika bestraft wird?“

„Ich will einfach nur wissen, wer sie ist.“

„Sie kommt aus Perthshire und lebt seit zwei Jahren hier. Ich habe ihr ein Stückchen Land verkauft. Ich nehme an, du hast unsere Mara bisher noch nicht kennengelernt?“

„Wie kommst du darauf?“

„Dann würdest du ein anderes Gesicht machen.“ Nachdem er sein Glas geleert hatte, starrte Iain ihn an. Dann stellte er das Glas auf den Tresen. „Mara ist eine gute Frau, hübsch und mutig und viel zu nett, als dass ich mich auf sie einlassen könnte.“

Duncan wusste, dass das eine ganze Menge aussagte. Wie ein Seemann auf Weltreise segelte Iain von einer Liebesbeziehung zur nächsten. Er genoss die Zeit, die er im Hafen verbrachte, aber er schaute nie zurück, wenn sein Schiff ihn wieder hinaus aufs Meer mitnahm.

„Was weißt du noch?“, fragte Duncan.

„Dass du dir viel zu viel unnötige Sorgen machst. Mara würde April niemals etwas antun.“

„Wusstest du, dass Lisa genau dasselbe zu mir gesagt hat, als ich sie zum ersten Mal zur Rede gestellt habe?“ Dann ahmte er seine Exfrau nach: „Duncan, wie kannst du so etwas sagen? Du weißt, dass ich nie etwas tun würde, das meinem Baby schaden könnte.“

„Mara ist nicht Lisa. Und wir sind hier nicht in Kalifornien. Du warst so lange so weit weg, dass du vergessen hast, wie sehr wir in Druidheachd aufeinander achtgeben.“

„Ich habe es nicht vergessen. Es war einer der Gründe, warum ich so lange fortgeblieben bin.“

„Frag Andrew, was er von Mara hält.“ Mit einem Kopfnicken deutete Iain in Richtung Tür. Andrew MacDougall trat gerade ein. Regentropfen hingen an seinem dunklen Regenmantel und im strähnigen roten Haar. Er brauchte eine Weile, bis er den Raum durchquert hatte, denn die anderen Pubbesucher wollten alle das eine oder andere Wort mit ihm wechseln. Aber als die drei Männer zusammen an der Bar standen, hielten die anderen Stammkunden respektvoll Abstand. Duncan erinnerte sich, dass es schon immer so gewesen war. Wenn sie allein waren, waren sie ganz gewöhnliche Männer, doch sobald die drei Freunde zusammen waren, hielt man sie für etwas Besonderes.

Duncan spürte seine Irritation. Es war die Summe der Gefühle, die er dem Dorf, in dem er geboren worden war, entgegenbrachte. Er nickte Andrew zu. „Schaut euch das an! Keiner kommt zu uns. Was glauben sie, was passieren könnte? Dass wir sie mit einem Fluch belegen? Sie in Frösche oder Seehunde verwandeln?“

„So dramatisch ist es nicht gerade“, erwiderte Andrew. Er deutete auf Duncans Glas, und Brian brachte ihm das Gleiche. Aus zwei Metern Entfernung schob er ihm das Ale zu.

„Sieh dir das an! Nicht einmal Brian will uns stören“, sagte Duncan.

„Sei froh“, meinte Iain. „Wenn wir gewöhnliche Kinder gewesen wären und zu der Zeit und an den Orten auf die Welt gekommen wären, die unsere Eltern für uns geplant hatten, dann wären wir niemals zusammen aufgewachsen.“

„Wir hätten nicht hier in diesem Hotel unsere ersten Schritte gemeinsam geübt“, sagte Andrew. „Oder unsere ersten Worte an der feinen Tafel des Lords gesprochen.“

„Und wir hätten nie zusammen unseren ersten Ausflug auf dem See mit MacDougalls Boot gemacht“, fuhr Iain fort und schien sich bestens zu erinnern.

Duncan schüttelte den Kopf, und Andrew grinste. Er legte Duncan einen Arm um die Schulter. „Es bringt gar nichts, wenn du deine Gefühle für Druidheachd mit aller Macht unterdrückst. Oder deine Gefühle für uns, was das angeht. Es ist doch kein Verbrechen, seine Freunde zu lieben.“

Duncan schüttelte Andrews Hand ab, aber gegen seinen Willen musste er lächeln. „Was weißt du über eine Frau namens Mara MacTavish?“

Andrew zwinkerte ihm zu und pfiff leise.

„Wenn du sie selbst kennenlernen willst, brauchst du nur einmal über die Straße zu gehen. Sie ist gerade bei Cameron’s. Ich habe sie gerade hineingehen sehen.“

Duncan stellte das Glas auf den Tresen. Wenn er mehr über diese Ms. MacTravish erfahren wollte, musste er sie wohl wirklich selbst fragen. Seine Freunde waren ihm keine große Hilfe. „Genau das werde ich tun. Wie kann ich sie erkennen?“

Die anderen Männer tauschten Blicke und erklärten Duncan, dass es nicht nötig sei, ihr Aussehen zu beschreiben. Er ging, ohne noch ein Wort zu verlieren.

Draußen zog er seine Jacke eng an sich und verschränkte die Arme. Cameron’s war das Lebensmittelgeschäft, der Spirituosenladen, die Postfiliale und die inoffizielle Gerüchtetauschbörse des Dorfes. In den letzten hundert Jahren hat kein Mensch namens Cameron den Laden geführt, und immer wieder hatten die neuen Besitzer neue Schilder angebracht. Aber für die Menschen in Druidheachd hieß der Laden schlicht Cameron’s, und so würde es immer bleiben. Das Gebäude hatte nur ein Stockwerk, weißgetünchte Steinmauern und schwarze Holzbalken.

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