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Rübezahl

Rübezahl, der Berggeist und Herr des Riesengebirges

Rübezahl, der Berggeist und Herr des Riesengebirges.

Im Südosten unseres lieben deutschen Vaterlandes breitet sich ein Gebirge aus, das man seiner großartigen Naturbeschaffenheit und seiner Ausdehnung halber das Riesengebirge nennt. Es bildet einen Teil der Sudeten und scheidet Schlesien von Böhmen und Mähren. Mächtige Berge, wie die Riesen- oder Schneekoppe, das Hohe Rad und die Sturmhaube, ragen weit in die Wolken hinein, und zwischen den felsigen Höhen haben starke Flüsse, z. B. die Elbe und der Bober, ihren Ursprung. In diesem Gebirge haust, wie sich das Volk erzählt, ein Gnom oder Geist, der sich selbst als den „Herrn oder Berggeist des Gebirges“ bezeichnet, vom neckenden Volksmunde aber „Rübezahl“ genannt wird.

Der Fürst der Berggeister besitzt zwar auf der Oberfläche der Erde nur ein kleines Gebiet von wenig Meilen im Umfang, mit einer Kette von Bergen umschlossen; aber wenige Klafter unter der urbaren Erdrinde hebt seine Alleinherrschaft an, die ihm niemand schmälern kann, und erstreckt sich auf achthundertsechzig Meilen in die Tiefe bis zum Mittelpunkt der Erde. Zuweilen gefällt es dem unterirdischen Herrscher, seine weitgedehnten Gebiete der Unterwelt zu durchkreuzen, die unerschöpflichen Schatzkammern edler Metalle und Flötze zu beschauen, die Knappschaft der gnomenhaften Bergleute zu mustern und in Arbeit zu setzen, teils um die Gewalt der Feuerströme durch feste Dämme aufzuhalten, teils um taubes Gestein in edles umzuwandeln. Zuweilen entschlägt er sich aller unterirdischen Regierungssorgen, erhebt sich zur Erholung auf die Grenzfeste seines Gebietes und hat sein Wesen auf dem Riesengebirge. Dann treibt er in frohem Übermute sein Spiel und Spott mit den Menschenkindern; denn Freund Rübezahl, müßt ihr wissen, hat eine sonderbare Natur. Er ist bald launisch, ungestüm, unbescheiden; bald stolz, eitel, wankelmütig, heute der wärmste Freund, morgen fremd und kalt; zuzeiten gutmütig, edel und empfindsam, aber mit sich selbst in stetem Widerspruch, töricht und weise, oft weich und hart in zwei Augenblicken, wie ein Ei, das in siedendes Wasser fällt; schalkhaft und bieder, störrisch und beugsam, je nach der Stimmung, welche ihn gerade beherrscht.

Vor uralten Zeiten schon toste Rübezahl im wilden Gebirge, hetzte Bären und Auerochsen aufeinander, daß sie zusammen kämpften, oder scheuchte mit unheimlichem Getöse das scheue Wild vor sich her und stürzte es von den steilen Felsenklippen hinab ins tiefe Tal. Dieser Jagden müde, zog er wieder seine Straße durch die weiten Gebiete der Unterwelt und weilte da Jahrhunderte, bis ihn von neuem die Lust anwandelte, sich an die Sonne zu legen und sich des Anblicks der äußeren Schöpfung zu erfreuen. Wie nahm’s ihn wunder, als er einst bei seiner Rückkehr auf die Oberwelt, von dem beschneiten Gipfel des Riesengebirges umherschauend, die Gegend ganz verändert fand! Die düsteren, undurchdringlichen Wälder waren ausgerodet und in fruchtbare Ackerfelder verwandelt, wo reiche Ernten reiften. Zwischen den Pflanzungen blühender Obstbäume ragten die Strohdächer geselliger Dörfer hervor, aus deren Schornsteinen friedlicher Hausrauch in die Luft wirbelte; hier und da stand eine einsame Warte auf dem Abhange eines Berges zu Schutz und Schirm des Landes; in den blumenreichen Auen weideten Schaf- und Kuhherden und aus den lichtgrünen Wäldern tönten melodische Schalmeien.

Rübezahls erste Bekanntschaft mit den Menschen

Die Neuheit der Sache und die Annehmlichkeiten des ersten Anblicks ergötzten den verwunderten Landesherrn so sehr, daß er über die eigenmächtigen Ackerbauer, die ohne seine Erlaubnis und Einwilligung hier wirtschafteten, nicht unwillig ward, auch nicht in ihrem Tun und Treiben sie zu stören begehrte, sondern sie so ruhig im Besitz ihres angemaßten Eigentums ließ, wie ein gutmütiger Hausvater der geselligen Schwalbe oder selbst dem überlästigen Spatz unter seinem Obdach Aufenthalt gestattet. Er ward sogar willens, mit den Menschen Bekanntschaft zu machen, ihre Art und Natur zu erforschen und mit ihnen Umgang zu pflegen. Daher nahm er die Gestalt eines rüstigen Ackerknechtes an und verdingte sich bei dem ersten besten Landwirt in Arbeit. Alles, was er unternahm, gedieh wohl unter seiner Hand und Rips, der Ackerknecht, war für den besten Arbeiter im Dorfe bekannt. Aber sein Brotherr war ein Prasser und Schlemmer, der den Erwerb des treuen Knechtes verschwendete und für seine Mühe und Arbeit wenig Dank wußte; darum schied er von ihm und kam zu dessen Nachbar, der ihm seine Schafherde anvertraute; er wartete dieser fleißig, trieb sie in Einöden und auf steile Berge, wo gesunde Kräuter wuchsen. Die Herde gedieh gleichfalls unter seiner Hand, kein Schaf stürzte vom Felsen herab und keins zerriß der Wolf. Aber sein Brotherr war ein karger Filz, der seinen treuen Knecht nicht lohnte, wie er sollte; denn er stahl den besten Widder aus der Heide und kürzte dafür den Hirtenlohn. Darum entlief er dem Geizhals und diente dem Dorfrichter. Hier bewährte er sich bei Ergreifung der Diebe und Überwachung der Gesetze. Aber der Richter war ein ungerechter Mann, richtete nach Gunst und spottete der Gesetze. Weil Rips nun nicht das Werkzeug der Ungerechtigkeit sein wollte, kündigte er dem Richter den Dienst auf und ward in den Kerker geworfen, aus welchem er jedoch auf dem gewöhnlichen Wege der Geister, durchs Schlüsselloch, leicht einen Ausgang fand.

Dieser erste Versuch, die Menschen kennen zu lernen, konnte ihn unmöglich zur Menschenliebe erwärmen; er kehrte mit Verdruß auf seine Felsenzinne im Gebirge zurück, überschaute da die lachenden Gefilde, welche menschlicher Fleiß verschönert hatte, und wunderte sich, daß die Mutter Natur ihre Spenden an solche undankbaren Geschöpfe verlieh. Demungeachtet wagte er noch einen Versuch, die Menschen zu beobachten, schlich unsichtbar herab ins Tal und näherte sich den menschlichen Wohnstätten.

Wie Rübezahl zu seinem Namen kam

So lauschte eines Tages Rübezahl, hinter Busch und Hecken verborgen, als plötzlich die Gestalt eines anmutigen Mädchens vor ihm stand. Rings um sie hatten sich ihre Gespielinnen ins Gras gelagert an einen Wasserfall, der seine Silberflut in ein kunstloses Becken goß, und scherzten mit ihrer Gebieterin in unschuldvoller Fröhlichkeit. Dieser Anblick wirkte so wundersam auf den lauschenden Berggeist, daß er seiner geistigen Natur und Eigenschaft vergaß und das Los der Sterblichen wünschte, um nach Art der Menschen zu empfinden. Deshalb verwandelte er sich in einen schwarzen Kolkraben und schwang sich auf einen hohen Eschenbaum, der das Wasserbecken überschattete, um das anmutsvolle Schauspiel zu genießen. Doch dieser Plan war nicht zum besten ausgedacht; er sah alles mit Rabenaugen und empfand als Rabe; ein Nest Waldmäuse hatte jetzt für ihn mehr Anziehendes als das Mädchen, denn die Seele wirkt in ihrem Denken und Wollen nie anders als in Gemäßheit des Körpers, der sie umgibt.

Diese Bemerkung war ebenso schnell gemacht, als der Fehler auch verbessert war; der Rabe flog ins Gebüsch und verwandelte sich in einen blühenden Jüngling. Das war der rechte Weg.

Die schöne Maid war die Tochter des schlesischen Fürsten, der in der Gegend des Riesengebirges damals herrschte. Sie pflegte oft mit den Jungfrauen ihres Hofes in den Hainen und Gebüschen des Gebirges zu lustwandeln, Blumen und duftende Kräuter zu sammeln oder für die Tafel ihres Vaters ein Körbchen Waldkirschen oder Erdbeeren zu pflücken und, wenn der Tag heiß war, sich bei der Felsenquelle am Wasserfalle zu erfrischen und darin zu baden. Von diesem Augenblick an war der Berggeist an diesen Ort wie gebannt und täglich harrte er der Wiederkehr der fröhlichen Gesellschaft.

In der Mittagsstunde eines schwülen Sommertages besuchte sie wieder mit ihrem Gefolge die kühlen Schatten am Wasserfalle. Ihre Verwunderung war groß, als sie den Ort ganz verändert fand; die rohen Felsen waren mit Marmor und Alabaster bekleidet, das Wasser stürzte nicht mehr in einem wilden Strom von der steilen Bergwand, sondern rauschte, durch viele Abstufungen gebrochen, mit sanftem Gemurmel in ein weites Marmorbecken herunter, aus dessen Mitte ein rascher Wasserstrahl emporschoß und, in einen dichten Platzregen verwandelt, den ein laues Lüftchen bald auf diese, bald auf jene Seite warf, in den Wasserbehälter zurückplätscherte. Sternblumen, Lilien und Vergißmeinnicht blühten an dessen Rande, Rosenhecken, mit Jasmin und Silberblüten durchwunden, zogen sich in einiger Entfernung durch den Raum dahin. Rechts und links des Springbrunnens öffnete sich der doppelte Eingang einer prächtigen Grotte, deren Wände und Bogengewölbe in buntfarbiger Bekleidung prangten, von Bergkristall und Frauenglas, alles funkelnd und flimmernd, daß der Abglanz davon das Auge blendete. In verschiedenen Nischen waren die mannigfaltigsten Erfrischungen aufgetischt, deren Anblick zum Genuß einlud.

Die Prinzessin stand lange in stummer Verwunderung da und wußte nicht, ob sie ihren Augen trauen, diesen bezauberten Ort betreten oder fliehen sollte. Aber sie konnte der Begierde nicht widerstehen, alles zu beschauen und von den herrlichen Früchten zu kosten, die für sie aufgetragen zu sein schienen. Nachdem sie sich mit ihrem Gefolge genug belustigt und alles fleißig durchmustert hatte, kam sie Lust an, in dem Wasserbecken zu baden.

Kaum aber war die liebliche Prinzessin über den glatten Rand des Beckens hinabgeschlüpft, so sank sie in eine endlose Tiefe, obgleich  der betrügliche Silberkies, der aus dem seichten Grund hervorschien, keine Gefahr vermuten ließ. Schneller als die herzueilenden Jungfrauen das goldgelbe Haar der blonden Gebieterin erfassen konnten, hatte die gierige Flut sie schon in die Tiefe gezogen. Laut klagte die bange Schar der erschrockenen Mädchen, als die Herrin vor ihren sichtlichen Augen dahinschwand; sie rangen und wanden die schneeweißen Hände und liefen ängstlich am marmornen Gestade hin und her, indes der Springbrunnen sie recht geflissentlich mit einem Platzregen nach dem andern übergoß. Doch wagte es keine, der Entschwundenen nachzuspringen, außer Brünhild, ihrer liebsten Gespielin, die nicht säumte, sich in den grundlosen Wirbelstrom zu stürzen, gleiches Schicksal mit ihrer geliebten Gebieterin erwartend. Aber sie schwamm wie ein leichter Kork auf dem Wasser und trotz aller Versuche war sie nicht imstande, unterzutauchen.

Hier war kein anderer Rat, als dem König das Unglück seiner Tochter mitzuteilen. Wehklagend begegneten ihm die zagenden Mädchen, als er eben mit seinem Jagdgefolge in den Wald zog. Der König zerriß sein Kleid vor Betrübnis und Entsetzen, nahm die goldene Krone vom Haupte, verhüllte sein Angesicht mit dem Purpurmantel und beklagte laut den Verlust seiner schönen Tochter Emma.

Nachdem er der Vaterliebe den ersten Tränenzoll entrichtet hatte, stärkte er seinen Mut und machte sich auf, um den wunderbaren Wasserfall selbst zu beschauen. Aber der Zauber war verschwunden, die rohe Natur stand wieder da in ihrer vorherigen Wildheit; da war keine Grotte, kein Marmorbad, kein Rosengehege, keine Jasminlaube. Der gute König ahnte zum Glück nicht eine Verführung seiner Tochter, sondern er nahm den Bericht der Mädchen auf Treu und Glauben an und meinte, einer der Götter sei bei dieser wunderbaren Begebenheit mit im Spiel gewesen, setzte darauf die Jagd fort und tröstete sich bald über seinen Verlust. Unterdessen befand sich die liebreizende Emma in des Berggeistes Schlosse nicht übel. Er hatte sie durch eine geschickte Versenkung nur den Augen ihres Gefolges entzogen und führte sie durch einen unterirdischen Weg in einen prächtigen Palast, zu welchem die väterliche Residenz in keinem Vergleich stand. Als sich die Lebensgeister der Prinzessin wieder erholt hatten, befand sie sich auf einem gewöhnlichen Sofa, angetan mit einem Gewand von rosenfarbener Seide und einem glänzenden lichtblauen Gürtel. Ein Jüngling mit hübschem Antlitz lag zu ihren Füßen und gestand ihr seine Liebe. Der Berggeist — denn er war es — unterrichtete sie hierauf von seinem Stand und seiner Herkunft, von den unterirdischen Staaten, die er beherrschte, führte sie durch die Zimmer und Säle des Schlosses und zeigte ihr dessen Pracht und Reichtum. Ein herrlicher Lustgarten, der mit seinen Blumenanlagen und Rasenplätzen dem Fräulein ganz besonders zu behagen schien, umgab das Schloß von drei Seiten. Alle Obstbäume trugen purpurrote, mit Gold gesprenkelte oder zur Hälfte übergoldete Apfel, wie sie kein Gärtner zu ziehen vermag. Das Gebüsch war mit Singvögeln angefüllt, die ihre hundertstimmigen Lieder munter erschallen ließen. In den traulichen Bogengängen lustwandelte das Paar; sein Blick hing an ihren Lippen und mit Freuden hörte er ihre lieblichen Worte.

Nicht gleiche Wonne empfand die reizende Emma; ein gewisser Trübsinn lag auf ihrer Stirn und offenbarte genugsam, daß geheime Wünsche in ihrem Herzen verborgen lagen, die mit den seinigen nicht übereinstimmten. Er machte gar bald diese Entdeckung und bestrebte sich, durch tausend Liebesbeweise diese Wolken zu zerstreuen und die Prinzessin aufzuheitern; doch vergebens. Der Mensch — so dachte er bei sich selbst — ist gesellig wie die Biene und die Ameise, der schönen Sterblichen gebricht’s an Unterhaltung. Wem soll sich das Mädchen mitteilen? Für wen ihren Putz ordnen, mit wem darüber zu Rate gehen? Da kam ihm ein glücklicher Einfall. Flugs ging er hinaus auf das Feld, zog auf einem Acker ein Dutzend Rüben aus, legte sie in einen zierlich geflochtenen Korb und brachte diesen der schönen Emma, welche einsam in der schattigen Laube eine Rose entblätterte.

„Schönste der Erdentöchter,“ redete sie der Berggeist an, „verbanne allen Trübsinn aus deiner Seele und öffne dein Herz der geselligen  Freude, du sollst nicht mehr in meinem Heim einsam trauern. In diesem Korbe ist alles, was du bedarfst, diesen Aufenthalt dir angenehm zu machen. Nimm den kleinen buntgeschälten Stab und gib durch die Berührung mit ihm den Gewächsen im Korbe die Gestalten, welche dir gefallen.“

Hierauf verließ er die Prinzessin und sie zögerte nicht einen Augenblick, mit dem Zauberstabe nach Vorschrift zu verfahren, nachdem sie den Korb geöffnet hatte. „Brünhilde,“ rief sie, „liebe Brünhilde, erscheine!“ Und Brünhilde lag zu ihren Füßen, umfaßte die Knie ihrer Gebieterin, benetzte ihren Schoß mit Freudentränen und liebkoste sie freundlich, wie sie sonst zu tun pflegte. Die Täuschung war so vollkommen, daß Emma selbst nicht wußte, was sie von ihrer Schöpfung halten sollte; ob sie die wahre Brünhilde hingezaubert hatte, oder ob ein Blendwerk das Auge betrog. Sie überließ sich indessen ganz den Empfindungen der Freude, ihre liebste Gespielin um sich zu haben, lustwandelte mit ihr Hand in Hand im Garten, ließ sie dessen herrliche Anlagen bewundern und pflückte ihr goldgesprenkelte Äpfel von den Bäumen. Hierauf führte sie ihre Gespielin durch alle Zimmer im Palast, bis in die Kleiderkammer, wo sie soviel Unterhaltung fanden, daß sie bis zum Abend darin verweilten. Alle Schleier, Gürtel, Spangen wurden gemustert und anprobiert. Brünhilde wußte sich dabei so gut zu benehmen und zeigte so viel Geschmack in der Wahl und Anordnung des weiblichen Putzes, daß, wenn sie ihrer Natur und Wesen nach nichts als eine Rübe war, ihr niemand den Ruhm absprechen konnte, die Krone ihres Geschlechts zu sein.

Der spähende Berggeist war entzückt über den tiefen Blick, den er in das weibliche Herz getan hatte, und freute sich über den glücklichen Fortgang in der Menschenkenntnis. Die Prinzessin dünkte ihm jetzt schöner, freundlicher und heiterer zu sein als jemals. Sie unterließ nicht, ihren ganzen Rübenvorrat mit dem Zauberstabe zu beleben, gab ihnen die Gestalt der Jungfrauen, die ihr vordem aufzuwarten pflegten, und weil noch zwei Rüben übrig waren, so verwandelte sie die eine in eine Cyperkatze und aus der anderen schuf sie ein niedliches Hündchen.

Sie richtete nun ihren Hofstaat wieder ein, teilte einer jeden der aufwartenden Dienerinnen ein gewisses Geschäft zu und nie wurde eine Herrschaft besser bedient. Die Mädchen kamen ihren Wünschen zuvor, gehorchten auf den Wink und vollstreckten ihre Befehle ohne den mindesten Widerspruch. Einige Wochen genoß sie die Wonne des gesellschaftlichen Vergnügens ungestört; Reihentänze, Sang und Saitenspiel wechselten in dem Schlosse des Berggeistes vom Morgen bis zum Abend; nur merkte die Prinzessin nach Verlauf einiger Zeit, daß die frische Gesichtsfarbe ihrer Gesellschafterinnen etwas abbleichte. Der Spiegel im Marmorsaal ließ sie zuerst bemerken, daß sie allein wie eine Rose aus der Knospe hervorblühte, während die geliebte Brünhild und die übrigen Jungfrauen welkenden Blumen glichen; gleichwohl versicherten alle, daß sie sich wohl befänden, und der freigebige Berggeist ließ sie an seiner Tafel auch keinen Mangel leiden. Dennoch zehrten sie sichtbar ab, Leben und Tätigkeit schwand von Tag zu Tag mehr dahin und alles Jugendfeuer erlosch.

Als die Prinzessin an einem heiteren Morgen, durch gesunden Schlaf gestärkt, fröhlich ins Gesellschaftszimmer trat, wie schauderte sie zurück, als ihr ein Haufen eingeschrumpfter Matronen an Stäben und Krücken entgegenzitterte, mit Keuchhusten beladen, unvermögend, sich aufrecht zu erhalten. Das schäkernde Hündchen hatte alle viere von sich gestreckt und der schmeichelnde Cyper konnte sich vor Kraftlosigkeit kaum noch bewegen. Bestürzt eilte die Prinzessin aus dem Zimmer, der schaudervollen Gesellschaft zu entfliehen, trat hinaus auf den Söller und rief laut den Berggeist, welcher alsbald in demütiger Stellung auf ihr Geheiß erschien.

„Boshafter Geist,“ redete sie ihn zornig an, „warum mißgönnst du mir die einzige Freude meines harmlosen Lebens, die Gesellschaft meiner ehemaligen Gespielinnen? Ist die Einöde nicht genug, mich zu quälen, willst du sie noch in ein Krankenhaus verwandeln? Augenblicklich gib meinen Mädchen Jugend und Wohlgestalt wieder, oder Haß und Verachtung soll deinen Frevel rächen.“ „Schönste der Erdentöchter,“ erwiderte der Berggeist, „zürne nicht über die Gebühr. Alles, was in meiner Gewalt ist, steht in deiner Hand, aber das Unmögliche fordere nicht von mir. Die Kräfte der Natur gehorchen mir, doch vermag ich nichts gegen ihre unwandelbaren Gesetze. Solange Saft und Kraft in den Rüben war, konnte der Zauberstab ihr Pflanzenleben nach deinem Gefallen verwandeln; aber ihre Säfte sind nun vertrocknet und ihr Wesen neigt sich nach der Zerstörung hin, denn der belebende Geist ist verraucht. Jedoch das soll dich nicht kümmern: ein frisch gefüllter Korb kann den Schaden leicht ersetzen; du wirst daraus alle die Gestalten wieder hervorrufen, die du begehrst. Gib jetzt der Mutter Natur ihre Geschenke zurück, die dich so angenehm unterhalten haben, auf dem großen Rasenplatz im Garten wirst du bessere Gesellschaft finden.“ Der Berggeist entfernte sich darauf und Prinzessin Emma nahm ihren buntgeschälten Stab zur Hand, berührte damit die gerunzelten Weiber, las die eingeschrumpften Rüben zusammen und tat damit, was Kinder, die eines Spielzeuges müde sind, zu tun pflegen: sie warf den Plunder in den Kehricht und dachte nicht mehr daran. Leichtfüßig hüpfte sie über die grünen Matten dahin, den frisch gefüllten Korb in Empfang zu nehmen, den sie aber nirgends fand. Sie ging in dem Garten auf und nieder und spähte umher, aber es wollte kein Korb zum Vorschein kommen. Am Traubengeländer kam ihr der Berggeist entgegen mit so sichtbarer Verlegenheit, daß sie seine Bestürzung schon von ferne wahrnahm.

„Du hast mich getäuscht,“ sprach sie, „wo ist der Korb geblieben? Ich suche ihn schon seit einer Stunde vergebens.“

„Holde Gebieterin meines Herzens,“ antwortete der Geist, „wirst du mir meinen Unbedacht verzeihen? Ich versprach mehr, als ich geben konnte, ich habe das Land durchzogen, Rüben aufzusuchen, aber sie sind längst geerntet und welken in dumpfigen Kellern. Die Fluren trauern, unten im Tal ist’s Winter, nur deine Gegenwart hat den Frühling an diesen Felsen gefesselt und unter deinem Fußtritte sprossen Blumen hervor. Harre nur drei Monate in Geduld aus, dann soll dir’s nie an Gelegenheit gebrechen, mit deinen Puppen zu spielen.“

Ehe noch der Berggeist mit dieser Rede zu Ende war, drehte ihm Prinzessin Emma den Rücken zu und begab sich in ihr Zimmer, ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Er aber hob sich von dannen in die nächste Marktstadt innerhalb seines Gebietes, kaufte, als ein Pachter gestaltet, einen Esel, den er mit schweren Säcken Sämereien belud, und besäte damit einen ganzen Morgen Landes. Dabei bestellte er einen seiner dienstbaren Geister als Hüter, dem er aufgab, ein unterirdisches Feuer anzuschüren, um die Saat von unten herauf mit linder Wärme zu treiben, wie Ananaspflanzen in einem Treibhause.

Die Rübensaat schoß lustig auf und versprach in kurzer Zeit eine reiche Ernte; Fräulein Emma ging täglich hinaus auf ihr Ackerfeld, welches zu besehen sie mehr lüstete als die goldenen Äpfel in ihrem Garten. Aber Mißmut trübte ihre Augen. Sie weilte am liebsten in einem düsteren Tannenwäldchen am Rande eines Quellbaches, der sein silberhelles Gewässer ins Tal rauschen ließ, und warf Blumen hinein, die in den Odergrund hinabflossen.

Der Berggeist sah wohl, daß bei allem Bestreben, durch tausend kleine Gefälligkeiten der schönen Emma Herz zu gewinnen, kein Erfolg zu erwarten war. Trotzdem ermüdete seine hartnäckige Geduld nicht, ihren spröden Sinn zu überwinden. Er war zu unerfahren in der Menschenkenntnis, daß er sich keine Vorstellung von der wahren Ursache der Widerspenstigkeit der Prinzessin machen konnte. Er war der Meinung, sie gehöre nach allen Rechten ihm als dem ersten Besitznehmer.

Doch das war ein großer Irrtum. Ein junger Grenznachbar an den Gestaden der Oder, Fürst Ratibor, hatte bereits das Herz der holden Emma gewonnen. Schon sah das glückliche Paar dem Tage seiner Hochzeit entgegen, als die Braut mit einmal verschwand.

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