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Roy

Prolog

»Guten Morgen, Aylin! So früh heute?«, fragte Frau Schröder, die gerade ihren Briefkasten leerte, als Aylin die Straße hochgehetzt kam.

»Jaja, Morgen«, nuschelte sie flüchtig und sprang die Treppen hoch.

»Na, da hat es aber jemand eilig!«, rief ihr Frau Schröder hinterher.

Das kann man wohl sagen! Ich bin über ein Jahr zu spät dran! Als Aylin mit vor Nervosität zittrigen Fingern endlich die Wohnungstür aufgeschlossen hatte, kam ihr McMissile entgegen. Patrick schien nicht da zu sein, was Aylin insgeheim ganz recht war, dennoch wunderte sie sich.

»Wo ist der Papa?«, fragte sie McMissile und kraulte ihn hinter den Ohren, bevor sie Schuhe und Jacke auszog und in ihr Zimmer eilte. Ihren Rucksack kickte sie achtlos unter den Schreibtisch, warf aber einen raschen Blick auf ihr Handy. Und tatsächlich hatte Patrick ihr geschrieben: »Bin einkaufen. Soll ich dich von der Schule abholen?«

»Zu spät«, murmelte Aylin und schrieb: »Schon zu Hause.«

McMissile war auf ihr Bett gesprungen und hatte sich dort eingerollt. Aylin schloss ihre Tür und kniete sich vors Bett. Ihr Magen kribbelte unangenehm und ihr Herz klopfte bis zum Hals, als sie die Kartons und die Sporttasche mit einem ESC-Logo darunter hervorzog.

McMissile sprang neugierig wieder vom Bett und beschnupperte die Erbstücke.

»Das sind Sachen von meinem Opa, weißt du?«, erklärte Aylin ihm leise und schob ihn sanft beiseite, um die Sporttasche öffnen zu können. »Aber er ist ja jetzt nicht mehr da, darum habe ich diese Sachen hier bekommen – Opa!«, rutschte es ihr fassungslos heraus, als sie in der Sporttasche eine komplette Ausrüstung fand. Schutzausrüstung, Maske, Schlittschuhe, Blocker, Fanghandschuh, Trikot und Schläger. Aber nicht nur einer, sondern gleich eine ganze Sammlung. Aylin zog ehrfürchtig die Schlittschuhe heraus, die vor ihren Augen verschwammen.

Sie kannte diese Ausrüstung. Michael hatte sie bei seinem letzten Spiel für Deutschland getragen. Sie hatte immer in seinem Schlafzimmer gehangen. Die hast du mir vererbt? Ihr Herz raste, sie wischte die Tränen von ihren Wangen und kramte in den Schlägern herum. Auch die kannte sie. Sie stammten allesamt von bedeutsamen Spielen. Aylin hatte es geliebt Michael zuzuhören, wie er von all den Spielen erzählt hatte. Und nun gehörten sie alle ihr. Michael hatte sie ihr vererbt. Mitsamt einer Ausrüstung, die er einst getragen hatte, als er für Deutschland im Tor gestanden hatte. So etwas Kostbares hatte Aylin noch niemals besessen. Sie fing erneut an zu weinen, vor Überwältigung. Sie hatte Schläger und eine komplette Ausrüstung – die letzte Ausrüstung – von Michael Rahde, von ihrem Opa – und plötzlich war sie unglaublich stolz darauf, seine Enkelin zu sein.

»Opa wusste, dass er nach diesem WM-Spiel nie wieder für Deutschland das Tor hüten wird«, schluchzte Aylin und hielt das Trikot ausgebreitet vor sich. McMissile schnupperte schwanzwedelnd daran. Es tat Aylin gut, mit ihm darüber zu sprechen. Ein Hund konnte doch der beste Gesprächspartner sein. »Nach dem Spiel hat er eine Abschiedsrede gehalten, wurde geehrt und … und hat geweint«, fuhr sie zittrig fort. »Es war so ein emotionaler Moment …« Sie hatte sich Michaels Abschied früher etliche Male auf Youtube angesehen und oft hatte sie selbst dabei auch weinen müssen – weil sie gewusst hatte und nachvollziehen konnte, wie schwer Michael der Abschied gefallen war.

Aylin öffnete mit zitternden Händen den ersten Karton – und musste sofort wieder heulen. Darin befanden sich eingerahmte Auszeichnungen, Zeitungsartikel und Autogrammkarten. Und das gehörte jetzt alles ihr. Sie konnte gar nicht sagen, ob diese ganzen Papierstücke oder die Ausrüstung wertvoller für sie waren. Und Michael hatte beschlossen, dass sie das alles bekommen sollte! Das alles hätte auch Tom bekommen können oder einer seiner anderen Freunde oder Kollegen oder irgendein wichtiger Mann, um den ganzen Kram in Vitrinen auszustellen – aber Aylin hatte das alles erhalten, und Michael hatte gewusst, dass sie seine Sachen niemals abgeben, niemals an die Öffentlichkeit bringen würde.

»Oh, Opa!«, flüsterte sie und nahm ehrfürchtig ein paar Bilderrahmen mit Mannschaftsfotos heraus. Michael hatte ihr das alles vererbt, damit sie darauf aufpasste! Was war wohl in dem anderen Karton? Aylin legte die Fotos vorsichtig zurück und öffnete ihn. Sie musste lächeln und weinen zugleich. Zum Vorschein kamen Fanartikel, die sie aus seiner Wohnung kannte, alles mögliche von verschiedenen Mannschaften und vom Eishockey generell, ein Schal von den Geparden, Bücher und Videos über Eishockey und noch ein paar Bilderrahmen.

Aylin runzelte die Stirn und hob sie vorsichtig aus dem Karton. Es waren Fotos. Eins von einer jungen, hübschen Frau, die bestimmt blonde oder hellbraune Haare gehabt hatte, denn es war schwarz-weiß, und auf dem nächsten Foto sah Aylin sie wieder, diesmal etwas älter mit einem Baby auf dem Arm. Sie durchfuhr ein heißer Schauer.

»Schau mal, McMissile«, raunte sie und hielt ihm das Bild hin. »Das ist meine Oma, mit Papa auf dem Arm!«

Im nächsten Bilderrahmen befand sich ein Bild von einem jungen, lächelnden Michael, mit einem etwa sechsjährigen Jungen im Arm, der dasselbe Lachen hatte wie heute, als achtunddreißigjähriger Mann, immer noch. Du hast ihn nicht gehasst, Opa. Aber warum hast du ihm das nie deutlich gezeigt?

Aylin musste lächeln. Patrick sah tatsächlich ziemlich zierlich und schüchtern aus auf dem Bild. Sie legte es beiseite und zuckte zusammen. Das nächste Foto zeigte Michael und Tom, beide in Eishockeyausrüstung und deutlich jünger als Aylin sie kannte. So lange kennt ihr euch schon?

Und auf dem nächsten Bild war plötzlich sie selbst. Aylin starrte in ihr eigenes Gesicht, das damals etwa fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein musste, wie sie stolz einen Schläger in die Kamera hielt. »Das muss an meinem fünften Geburtstag gewesen sein«, erklärte sie McMissile, musste lachen und wischte sich gleichzeitig ein paar Tränen von der Wange, doch beim nächsten und letzten Bild war es schon wieder um sie geschehen. Sie stand in der Eishalle vor ihrem Tor, bis zur Hüfte zu sehen, die Maske unter dem Arm, und neben ihr stand Jake, ebenfalls mit Helm unter dem Arm, den anderen um Aylin gelegt, und sie lächelten beide. Was hat mich denn da geritten zu lächeln? Und Jakes Haare standen schon damals – Aylin schätzte, dass sie da sieben oder acht gewesen waren – verschwitzt vom Kopf ab. Und an seinem Kinn klaffte eine dicke Kruste – sie waren also sieben gewesen. Warum hattest du diese Bilder nie an der Wand hängen, Opa?

Aylin zog die Nase hoch und griff nach einem Briefumschlag, der ganz oben in dem Karton gelegen hatte und auf dem ihr Name stand. Sie öffnete ihn mit zitternden Händen und faltete das Papier auseinander.

Mein kleiner Goalie,

Ich habe nicht erwartet, dich jetzt schon zu verlassen. Ich hätte dir gerne noch beim Erwachsenwerden zugesehen. Aber während ich hier im Krankenhaus auf dich warte, bis du endlich aus der Schule kommst, möchte ich dir wenigstens noch diesen Brief mit auf den Weg zum Erwachsenwerden geben.

Du weißt, dass ich stolz auf dich bin, aber ich glaube, ich habe es dir nie so gesagt. Wir beide sind nicht besonders gut darin, uns mit Worten auszudrücken, nicht wahr? Ich versuche es jetzt trotzdem. Ich kann nur sagen, dass mir jeder andere Opa auf dieser Welt leidtut, weil er nicht dich als Enkelin hat. Jedes Mal, wenn ich zu jemandem sagen durfte: »Das ist meine Enkelin«, hat mein Herz dabei gepocht und Wärme ausgestrahlt, weil ich so glücklich über dich war. Du bist das bewundernswerteste, stärkste und tapferste Mädchen, das ich kenne, und darum weiß ich auch, dass du es ohne mich schaffst. Jetzt schon. Denn ich hätte dir wirklich noch so unglaublich vieles erklären wollen. Aber du brauchst mich gar nicht mehr.

Wenn du das hier liest, hast du meine Sachen von Tom bekommen. Ich schätze, du weißt schon längst, dass die Ausrüstung die ist, die ich bei meinem letzten Nationalspiel getragen habe. Die Schläger stammen allesamt von wichtigen Spielen, aber ich schätze, auch das weißt du. Und in den Kartons befinden sich all die Sachen, die mir sehr wichtig waren, mit denen ich etwas verbunden habe. Ich kenne nur eine einzige Person, der ich das alles vererben kann, und das bist du, kleiner Goalie.

Du hast mich mit allem, was du getan hast, stolz gemacht, und ich weiß, dass du diese Sachen ebenso zu würdigen weißt wie ich. Pass gut darauf auf.

Und was das Erbe angeht, das nicht materiell ist … vertraue dir selbst. Du brauchst mich schon lange nicht mehr, um da draußen ein Rahde zu sein. Sieh es als Chance, vor dir selbst zu bestehen. Ich habe dich lieb, mein Schatz, und ich kann mich bloß bei dir bedanken dafür, dass du meine letzten Jahre zu so etwas Besonderem gemacht hast. Und ich weiß, dass wir uns irgendwann wiedersehen werden. Nutze die Zeit bis dahin, um nicht nur mich, sondern auch dich selbst stolz zu machen. Und jetzt … raus mit dir, mach das, was du kannst.

Dein Opa

»Opa!«, schluchzte Aylin und schlug die Hände vor ihr Gesicht. »Ich brauche dich noch!« Und ich werde dich immer brauchen! Sie tastete nach der Sporttasche, zog fahrig das Trikot heraus, nahm es in den Arm wie ein Kuscheltier und vergrub ihr Gesicht darin. McMissile schmiegte sich tröstend an sie.

Und was das Erbe angeht, das nicht materiell ist … Es war ein Erbe. Aylin hätte es das ganze Jahr über wissen müssen! Sie musste wieder zum Training gehen, und sie wollte es auch. Nach diesem Brief wollte sie das erst recht. Es gab gar keine andere Wahl. Sie war dafür gemacht und von Michael all die Jahre darauf vorbereitet worden. Jake hatte recht gehabt mit dem, was er gesagt hatte. Sie musste die Zeit, die sie auf dieser Welt hatte, nutzen, und zwar um Michael zu ehren. Das war der Sinn in ihrem Leben. Wie konnte ich nur ein ganzes Jahr lang so blind sein?

»Aylin, ich bin da!«

Aylin zuckte zusammen. Warum nur musste Patrick ausgerechnet jetzt zurückkommen? Sie versuchte hektisch die Tränen abzuwischen, als die Tür aufging.

»Aylin, ich habe – hey, du hast dir die Sachen von Opa angesehen!«

Aylin ließ den Blick gesenkt und reagierte nicht auf ihren Vater.

»Aylin, ist alles okay?«, fragte Patrick vorsichtig und betrat langsam das Zimmer. Aylin wollte etwas sagen, doch sie brachte nur ein Schluchzen zustande. Sie streckte ihm einfach den Brief hin. Patrick setzte sich auf ihr Bett und begann zu lesen.

Aylin drückte das Trikot fest an sich und versuchte zur Ruhe zu kommen. Es war, als hätte Michael mit all den Sachen und mit dem Brief noch ein letztes Mal direkt zu ihr gesprochen, und sie würde diese letzten Dinge, die er ihr damit gesagt hatte, nie wieder unbeachtet lassen.

»Er hat gewusst, dass er stirbt«, schluchzte sie, als Patrick den Brief sinken ließ. »Ich habe bis zur letzten Sekunde daran geglaubt, dass er es irgendwie schafft …« Sie hatte sich daran geklammert.

»Du warst erst sein Kind für ihn, nicht ich«, sagte Patrick leise und mit verdächtig glitzernden Augen.

»Das stimmt nicht.« Aylin reichte ihm die Bilderrahmen von ihm und seinen Eltern.

Patrick musste lächeln und strich über das Bild, auf dem er mit Michael zu sehen war. »Ich dachte immer … ich dachte, er hätte das weggeschmissen«, murmelte er mit belegter Stimme.

Aylin schüttelte mit zugeschnürtem Hals den Kopf. »Er hat das all die Jahre aufbewahrt und bestimmt hat er es sich oft angeschaut. Und er hat das in diese Kiste hier getan, damit du es bekommst. Diese Fotos hat er dir vererbt.«

»Komm mal her«, murmelte Patrick, zog die Nase hoch und breitete die Arme aus.

Aylin stand mit schwachen Beinen auf und ließ sich von ihm in den Arm nehmen. Sie hatte Patrick noch nie zuvor richtig weinen sehen. Bei Michaels Beerdigung waren seine Augen nur ein bisschen feucht gewesen, aber jetzt schluchzte er leise.

»Ich hätte den Brief sofort lesen sollen«, flüsterte Aylin. »Ich habe ihn ein ganzes Jahr lang nicht stolz gemacht und sein Erbe nicht angenommen.«

»Nein, Aylin, das hast du. Opa hätte verstanden, dass du Zeit brauchtest. Und dadurch, dass du dir diese Zeit genommen hast, weißt du jetzt ganz genau, dass du es wirklich willst. Jetzt kannst du sein Erbe von ganzem Herzen antreten.«

Aylin schlang die Arme ganz fest um Patrick und war zum ersten Mal in ihrem Leben unendlich froh, dass er für sie da war. »Ich habe dich lieb, Papa!« Es kam aus tiefstem Herzen.

»Ich habe dich auch lieb, Aylin«, wisperte Patrick zurück und wiegte sie sanft hin und her.

»Und werden wir zwei mal zusammen Opa besuchen gehen?«

»Das werden wir. Ich muss endlich Frieden mit ihm schließen.«

»Papa? Kannst du mich heute Abend zum Training fahren?«

Patrick gab ihr lächelnd einen Kuss auf die Stirn. »Das kann ich.«

Kapitel 1

Aylin zuckte aus dem Schlaf und öffnete mit feuchten Wangen ihre Augen. Sie war nass geschwitzt und zitterte leicht. Ihre Hände hielten krampfhaft das Trikot ihres Großvaters umklammert, doch sie nahm es gar nicht richtig wahr. Das Trikot, das er bei seinem letzten Deutschlandspiel getragen hatte und das Aylin gestern erst aus der Sporttasche gezogen hatte, als sie sich all die Erbstücke angesehen hatte. Sie hatte es gestern Abend mit ins Bett genommen wie ein Kuscheltier. Früher hatte sie einen Plüschhund gehabt, der sich auch immer noch in einem ihrer Schränke befinden musste. Er hatte Aylin beim Einschlafen geholfen. Das Trikot hatte leider überhaupt nicht dabei geholfen.

Als Aylin gestern vom Training gekommen war, hatte sie die ganze Fahrt über geweint und war zu Hause ohne ein Abendbrot sofort ins Bett gegangen. Und nun war sie bestimmt schon zum fünften Mal völlig fertig aufgewacht. Sie befand sich in einem ganz seltsamen Halbschlaf, in dem sie von Michael träumte, aber es war kein wirklicher Traum.

Aylin zog die Nase hoch und drehte sich auf den Rücken. Ihr Kopf hämmerte und ihr war kalt, obwohl sie die Decke bis zum Hals gezogen hatte und gleichzeitig wie verrückt schwitzte.

Sie hatte gestern zum ersten Mal seit Michaels Tod ihre Maske wieder aufgesetzt und die Pads angeschnallt. Sie hatte zum ersten Mal seit Michaels Tod wieder trainiert. Eishockey. Seinen Sport. Er war eine Torhüter-Legende. Und Aylin war seine Enkelin, die sein Talent besaß und die er ihr Leben lang aufs Eishockeyspielen vorbereitet hatte. Und nun war er weg. Und gestern beim Training hatte sie sich ihm wieder so nah gefühlt wie in den ersten Tagen nach seinem Tod. Sie war so direkt und schmerzhaft an ihn erinnert worden, dass sie sich sogar zwischenzeitlich auf die Bank hatte setzen müssen, weil sie so sehr geweint hatte. Es war, als wäre diese Welle der Traurigkeit und Unsicherheit gestern wieder mit voller Kraft über sie hinweggerollt und hätte in ihr wieder etwas zum Einsturz gebracht.

Es ist mein Erbe. Ich muss Eishockey spielen. Das hatte Michael in den Brief geschrieben. Und dennoch tat es so unendlich weh und war so unendlich schwer. Weil sie währenddessen auf die härteste Weise daran erinnert wurde, dass Michael nicht mehr da war. Dass er nie wieder da sein würde. Aylin würde ihn nie wiedersehen.

Doch. Er hatte es doch in den Brief geschrieben. Und ich weiß, dass wir uns irgendwann wiedersehen werden. Hatte er das tatsächlich geglaubt? Wie sollte das denn funktionieren? Und wie würden sie sich dann wiedersehen? Als Menschen aus Fleisch und Blut, so wie sie sich gekannt hatten? Oder würden sich vielleicht nur ihre Seelen wiedersehen?

Aylin spürte, wie ihr ein Schauer den Rücken hinaufkroch. Das war ein schreckliches Thema und sie wollte überhaupt nicht daran denken, doch ihre Gedanken wanderten einfach immer wieder dorthin zurück. Wie spät war es denn eigentlich? Hatte Aylin diese grauenvolle Nacht nicht allmählich überstanden? Sie riskierte einen Blick auf ihren Wecker. Drei Uhr! Es war erst drei Uhr?

Wie sollte sie denn noch drei Stunden so hier liegen? Obwohl Aylins Kopf dröhnte, konnte sie einfach nicht stillliegen. Sie wollte nicht noch einmal einschlafen, weil sie nicht noch einmal Michael vor sich sehen wollte.

Aylin setzte sich in ihrem Bett auf und tastete nach ihrem Handy auf dem Nachttisch. Sie war gestern schon um zehn Uhr ins Bett gegangen, es lag also durchaus im Bereich des Möglichen, dass ihr noch jemand geschrieben hatte. Und tatsächlich! Sie hatte Nachrichten von Roy, Jake und Patrick.

Aylin las zuerst die Nachricht von Patrick, weil sie die am meisten interessierte. Eigentlich hatten sie sich ja gestern Abend noch Gute Nacht gesagt. »Du hast so fest geschlafen, da wollte ich dich nicht noch einmal wecken. Aber falls du aufwachst und es dir schlecht geht, kannst du mich ruhig wecken. Ich bin für dich da«, hatte er geschrieben.

Aylin fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen und musste lächeln. Patrick schien ihren Entschluss, dass sie beide an einer besseren Beziehung arbeiten wollten, wirklich ernst zu nehmen. Aber Aylin fühlte sich ihm noch immer so fremd, dass sie sich schwer damit tat, seine Hilfe so einfach anzunehmen. Sie hatte ihm auch gestern nicht erzählt, warum sie nach dem Training so fertig gewesen war. Vermutlich ahnte er das ohnehin.

Roy hatte ihr um halb elf geschrieben: »Na, wie war das Training? Bist du schon zurück?«

Sollte Aylin ihm jetzt, wo er ohnehin schlief, antworten? Außerdem konnte man so etwas doch nicht einfach über WhatsApp erklären! »Sage ich dir morgen in der Schule«, antwortete sie ihm darum nur und ging auf ihren Chat mit Jake. Sie spürte, wie ihr Herz doch tatsächlich einen kleinen Satz machen konnte.

Jake. Der seit zwei Wochen ihr Freund war! Und weil er mit ihr in derselben Mannschaft spielte, hatte er natürlich mitbekommen, wie fertig sie gewesen war. »Wie geht es dir?«, hatte er um kurz nach neun geschrieben, also gleich nach dem Training. Und dann war im Viertelstundentakt dazugekommen: »Geht es dir besser?«, »Bitte melde dich doch mal!«, »Ich mache mir echt Sorgen!«, »Goalie, was ist los?« Zuletzt hatte er dann um halb elf mit einem bösen Emoji geschrieben: »Ich werde heute Nacht nicht schlafen können.«

Aylin musste lächeln und schniefen zugleich und schrieb: »Sorry, ich bin nach dem Training sofort ins Bett gegangen. Ich bin einfach so fertig wegen Opa. Wir sehen uns ja heute Abend beim Training.« Aylin nahm ihr Handy in beide Hände und starrte seufzend in ihr Zimmer hinein. Sie hatte einen dicken Knoten im Magen, wenn sie daran dachte, heute Abend wieder zum Training zu müssen. Wie sollte sie das schaffen? Wie sollte sie psychisch damit klarkommen? Sie konnte doch jetzt nicht während jedes Trainings pausieren, weil sie eine Heulattacke bekam!

Da donnerte plötzlich ihr Klingelton in die Stille hinein und Aylin zuckte so heftig zusammen, dass ihr ihr Handy aus der Hand flog und auf dem Boden landete. Sie beugte sich hinunter, angelte panisch unter dem Bett danach und sah aufs Display. Jake ruft an. War der von allen guten Geistern verlassen? Aylin nahm den Anruf fahrig entgegen und wollte erst einmal in die Stille hinein lauschen, ob Patrick vielleicht aufgewacht war, aber da brabbelte Jake schon drauflos. »Goalie, ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht! Wie kannst du mir das antun! Ich dachte schon, du hättest einen Nervenzusammenbruch oder…«

»Jake, jetzt halt mal eine Sekunde die Klappe!«, zischte Aylin und als Jake daraufhin tatsächlich verstummte, lauschte sie angestrengt. Nichts zu hören. Patrick war scheinbar nicht aufgewacht. »Was fällt dir denn ein, mitten in der Nacht anzurufen?«, fauchte sie mit gedämpfter Stimme in den Hörer. »Erstens habe ich fast einen Herzinfarkt bekommen und zweitens hätte mein Vater aufwachen können!«

»Goalie, ich mache mir Sorgen!«, sagte Jake empört, aber immerhin sprach auch er jetzt leiser. »Du warst gestern so entsetzlich traurig und dann wollte ich dich nach dem Duschen in den Arm nehmen, aber du bist einfach abgehauen!«

Aylin seufzte. »Ich wollte einfach nur da weg. Das hat mich so sehr an Opa erinnert und … das tut einfach so weh. Und dann habt ihr mich schon wieder heulen sehen.«

»Aber das ist doch nicht schlimm! Du hast doch allen Grund dazu! Aber ich wollte dich trösten, für dich da sein … du bist doch meine Freundin!«

Aylin musste lächeln und ihr wurde ganz warm. »Ich wünschte, du wärst jetzt bei mir«, sagte sie leise.

»Ich auch, das kannst du mir glauben!«

»Aber sag mal … du hast doch jetzt nicht ernsthaft wach in deinem Zimmer gesessen und auf ein Lebenszeichen von mir gewartet, oder?«, fragte Aylin argwöhnisch.

»Na, was glaubst du denn? Du bist doch der wichtigste Mensch in meinem Leben!«

In Aylins Magen flatterten Schmetterlinge auf. »Sag das nicht«, murmelte sie. Sie hatte ihr Leben lang noch nie so etwas gehört, nicht einmal von Michael, von dem sie einfach gewusst hatte, dass es so war. Aber gesagt hatte er das nie. Es war seltsam, das nun zu hören. Es versetzte Aylin in ein Gefühl der Verunsicherung. Ob das wirklich sein konnte?

»Ich sage das aber«, grummelte Jake. »Und da kann mich auch niemand von abhalten. Mein Vater ist mir auch unendlich wichtig, aber bei dir ist es noch mal etwas anderes.«

Aylin seufzte. »Es ist mir unangenehm, wenn du das sagst.«

»Du wirst dich schon noch daran gewöhnen«, behauptete Jake und Aylin konnte an seiner Stimme hören, dass er grinste. »Am liebsten würde ich jetzt zu dir kommen.«

Aylin musste auch lächeln. »Ja, das wäre echt schön! Wenn ich mich jetzt an dich kuscheln könnte.«

»Du hättest gestern Abend noch eine Umarmung bekommen können«, klagte Jake. »Ich habe mich mit dem Duschen extra beeilt, aber dann warst du schon weg.«

Aylin seufzte erneut. »Ich wollte einfach nur … allein sein.« Weil das Alleinsein trotz der letzten Wochen, in denen sie Gesellschaft zu lieben gelernt hatte, noch immer Sicherheit und Entspannung für Aylin darstellte. Weil sie doch noch immer Lonely war und das in Teilen auch immer sein würde.

»Wenn wir uns heute Abend sehen, dann nehme ich dich als Erstes ganz fest in den Arm«, versprach Jake mit liebevoller Stimme.

»Ich freue mich darauf!«

»Und ich mich erst! Warum bist du jetzt überhaupt wach und hast mir geantwortet?«

»Ach … ich habe nur schlecht geträumt und bin die ganze Zeit immer wieder wach geworden.«

»Geht es dir jetzt besser?«, wollte Jake wissen.

»Ja«, sagte Aylin und meinte es ehrlich. Jake hatte einfach etwas sehr, sehr Tröstendes an sich. »Danke. War doch irgendwie gut, dass du angerufen hast.«

»Natürlich! Dann kann ich jetzt also doch noch ein bisschen schlafen?«

»Sollst du sogar!«

»Gut. Aber du schläfst jetzt auch noch mal, ja?«

»Ja.«

»Gut. Wenn du bei mir wärst, würde ich dir jetzt einen Kuss geben.«

»Das kannst du ja dann auch morgen nachholen«, lächelte Aylin.

»Ich freue mich schon darauf! Ich habe dich lieb, Mäuschen.«

»Ich dich auch«, hatte Aylin erwidert, bevor sie realisiert hatte, dass Jake sie Mäuschen genannt hatte.

»Bis morgen«, wisperte er noch einmal und klang schon sehr verschlafen, dann legte er auf.

Aylin saß da und starrte auf ihr Handy. Mäuschen. Sie hatte doch vor ein paar Wochen erst überhaupt Freundschaften geschlossen und zum ersten Mal für einen Jungen geschwärmt, und nun hörte sie plötzlich, dass sie für jemanden das Wichtigste war, und wurde sogar Mäuschen genannt. Jake war so süß und lieb! Aylin schwang die Beine unter der warmen Decke hervor und tapste mit entsetzlichem Muskelkater durch ihr Zimmer zu einem der beiden Kartons mit Michaels Erbstücken, die noch unausgepackt neben der Tür standen. Sie kramte in den Kartons nach dem Bild, das sie und Jake zusammen vor dem Tor zeigte. Es war zurzeit das einzige Bild von Jake, das Aylin besaß. Sie stellte es auf ihren Nachttisch und betrachtete es lächelnd einen Moment, dann fasste sie einen Entschluss. An Schlaf war heute ohnehin nicht mehr zu denken und so begann Aylin damit, ihre Erbstücke auszupacken und ihr Zimmer damit zu dekorieren.

Als es schließlich endlich Morgen war und Aylins Wecker klingelte, hatten all ihre Erbstücke einen Platz in ihrem Zimmer gefunden. Bloß Michaels Ausrüstung hatte sie noch nicht aufhängen können, weil sie keinen geeigneten Bügel hatte. Aylin klappte den Ordner zu, in dem sie die Papiere verstaut hatte, machte ihren Wecker aus und wankte aus ihrem Zimmer. Dass sie kaum geschlafen hatte, machte sich schon bemerkbar und mischte sich mit dem Muskelkater vom Training gestern.

McMissile saß vor seinem bereits geleerten Napf in der Küche und wedelte mit dem Schwanz, als Aylin auf den Flur trat. Sie sah durch die geöffnete Wohnzimmertür Patrick auf dem Balkon stehen und seine morgendliche Zigarette rauchen. Wie er da stand, dünn wie ein Streichholz, aber dennoch sehr attraktiv mit den markanten Zügen, den schwarzen Haaren und den dunklen Augen, eingehüllt in eine Jogginghose und einen seiner furchtbaren Strickpullover, wie er an seiner Kippe zog und dem Rauch zusah. Noch vor ein paar Wochen war da immer dieser leichte Widerwille, dieses abweisende Gefühl gewesen, wenn Aylin ihren Vater angesehen hatte. Doch das war weg. Aylin horchte in sich hinein, aber sie fand dieses Gefühl nicht mehr. Stattdessen war da jetzt eine sachte Wärme. Liebe. Zuneigung zu ihrem Vater. Und irgendwie auch Mitgefühl. So etwas wie Mitleid. Weil er so traurig und verlassen aussah, wie er da mit seiner Zigarette auf dem Balkon stand. Aylin hatte nie darüber nachgedacht, aber Patrick hatte, seit sie denken konnte, oft so traurig und verlassen ausgesehen. Irgendwie ein bisschen melancholisch. Weil er ohnehin ein eher stiller, nachdenklicher Typ war, hätte man dieses Erscheinungsbild nicht unbedingt damit in Verbindung gebracht, dass er wirklich traurig war, aber Aylin glaubte nun zu wissen, dass er es doch war.

Letzte Woche hatte er ihr von seinen Eltern und Aylins Mutter erzählt. Die hatten ihn alle verlassen oder ihm zumindest das Gefühl gegeben, ihn nicht zu lieben. Selbst ich als seine Tochter habe ihm dieses Gefühl gegeben. Ich habe ihn immer links liegen lassen, ihn angemeckert oder überhaupt nicht mit ihm geredet. Aber eigentlich hatte Papa mich immer lieb. Auf seine unbeholfene Art hat er mir das doch auch immer gezeigt. Aylin hatte es nicht sehen wollen. Weil sie immer nur Michael sehen wollte und niemanden sonst.

Sie schluckte und schlich ins Wohnzimmer zur Balkontür. »Guten Morgen, Papa.«

Patrick zuckte leicht zusammen und drehte sich um. »Aylin! Guten Morgen! Du bist ja früh aufgestanden!« Er stutzte und betrachtete sie genauer. »Wie siehst du denn aus? Du hast nicht gut geschlafen, oder?«

Aylin schüttele den Kopf. »Nein. Ich habe ständig von Opa geträumt … deshalb habe ich auch im Auto gestern geweint.«

Patrick seufzte und drückte seine Kippe im Aschenbecher aus. »Ach, Aylin! Wie war denn das Training?«

Aylin folgte ihrem Vater in die Küche. »Das Training an sich war schön«, gab sie zu. »Ehrlich. Ich habe es einfach genossen, auf dem Eis zu sein und endlich wieder Pucks abzuwehren. Es hat auch Spaß gemacht, aber … gleichzeitig hat es ziemlich wehgetan, weil ich so direkt daran erinnert wurde, dass Opa mich nie wieder trainieren wird.« Sie ließ sich an den Küchentisch fallen. »Ich musste mich sogar auf die Bank setzen, weil ich so geheult habe.« Der Gedanke daran verursachte ihr schon wieder einen Kloß im Hals und sie griff schnell nach der Müslischachtel.

Patrick schüttete Kaffeepulver in die Maschine und setzte sich dann seufzend zu Aylin an den Tisch. »Aber wenn es dir Spaß gemacht hat, dann solltest du nicht aufgeben, Aylin. Und irgendwann lässt der Schmerz dann auch nach.«

Aylin warf ihm einen Blick zu. »Das weiß ich ja. Und es ist ja auch mein Erbe … Aber leicht ist es nicht.« Wieder war da diese Frage, warum sie Michael Rahdes Enkelin sein musste, weil man als seine Erbin so viel kämpfen musste und so oft an seine Grenzen stieß.

»Du bist stark, Aylin«, drang Patricks Stimme leise an ihr Ohr. »Und du wirst das schaffen.«

Aylin musste lächeln und schüttete Milch über ihr Müsli. »Im Schmerzen ertragen bin ich ja geübt.«

»Hör mal, du musst heute nicht in die Schule«, sagte Patrick.

Aylin runzelte die Stirn. »Doch!«

»Du schreibst doch in diesem Halbjahr gar keine Klausuren mehr und außerdem siehst du wirklich übermüdet aus …«

»Ich muss aber Roy sehen«, fiel Aylin ihm ins Wort und hätte im nächsten Moment beinahe aufgelacht. Noch vor zwei Monaten hätte sie niemals geglaubt, jemals wegen einem Mitschüler freiwillig zur Schule zu gehen. Ihr Leben hatte sich auf eine so rasante Weise geändert, dass sie noch lange brauchen würde, um sich daran zu gewöhnen.

»Ach, Roy …«, murmelte Patrick lahm und wickelte eine Scheibe Brot aus. Er war auf Roy einfach nicht gut zu sprechen.

»Er ist mein bester Freund, Papa«, knurrte Aylin. »Freu dich doch einfach darüber, dass ich in der Schule Freunde gefunden habe!«

»Hmm«, brummte Patrick und schlug mit einem Knistern die Zeitung auf, um dahinter zu verschwinden.

Aylin lehnte sich zurück und matschte missmutig in ihrem Müsli herum. Ein wirklich gutes Verhältnis mit Patrick aufzubauen, das würde neben allem anderen auch nicht leicht werden.

Kapitel 2

»Hey, Lonely, warum hast du mir erst heute Nacht um drei Uhr geantwortet?«, begrüßte Roy Aylin, als sie sich in der ersten großen Pause auf dem Schulhof trafen. Aylin musste sich wieder einmal eingestehen, dass er wirklich gut aussah. Diese blonden Haare, die blauen Augen, die markanten Züge, der Dreitagebart … er war echt attraktiv und die schwarze Lederjacke war die Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Aylin liebte Jake von ganzem Herzen, doch auf eine ganz seltsame Weise fühlte sie sich trotzdem zu Roy hingezogen.

»Äh … ich bin gestern nach dem Training sofort ins Bett gegangen«, stammelte sie und musste sich geradezu dazu zwingen, nicht daran zu denken, wie attraktiv Roy war. Verdammt, du hast so einen lieben Freund! Du darfst so etwas über einen anderen Mann gar nicht denken!

Roy grinste. »Ach so. Na gut, wenn du schon um neun im Bett warst, dann macht es Sinn, dass du um drei Uhr aufgestanden bist.«

Aylin verdrehte die Augen und ließ sich auf einer der kalten Bänke nieder. »Von wegen. Ich habe zusammengerechnet vielleicht eine Stunde geschlafen.« Und dann erzählte sie ihm von ihrem Schmerz und der Traurigkeit und dass sie dann die Nacht lieber damit verbracht hatte, Michaels Sachen in ihrem Zimmer aufzustellen.

Roy hatte sich neben sie gesetzt und musterte sie von der Seite. »Hmm, du siehst wirklich ganz schön erledigt aus«, stellte er fest.

Aylin senkte den Blick. »Ich weiß. Da hat das Schminken leider auch nichts retten können. Weißt du, ich habe … Angst davor, heute Abend wieder zum Training zu gehen. Es ist zwar einerseits erfüllend, aber andererseits ist es so schwer. Wenn ich auch nur daran denke, dass Opa mir nie, nie wieder einen Tipp geben wird, mich nie wieder prüfend mit dieser steilen Falte auf der Stirn beobachten wird, mich nie mehr anschnauzen wird, weil ich mich angeblich nicht genug anstrenge …« Eishockey ohne Michael hatte Aylin sich nie vorstellen können.

»Das klingt aber ziemlich streng«, meinte Roy mit gerunzelter Stirn. »Ich dachte, er hätte dich … naja, irgendwie auf Händen getragen oder so.«

Aylin schob die Hände in ihre Jackentaschen. »Er hatte mich lieb. Aber er hat das nie wirklich gezeigt. Aber dadurch war er auch der beste Trainer auf der Welt. Streng, aber verdammt gut. Und jetzt ist er nicht mehr da …« In Aylins Kopf geisterte die Frage herum, ob Eishockey jemals wieder Eishockey für sie sein würde. Das Eishockey, das sie von früher kannte und liebte. Es hatte gestern zwar Spaß gemacht, aber es hatte sich anders angefühlt.

»Lonely?«, fragte Roy leise.

»Ja?«

»Bitte schmeiß jetzt nicht wieder alles hin! Du bist jetzt zu dem Entschluss gekommen, dass es ohne Eishockey nicht geht, und ich bitte dich darum, dich nicht wieder entmutigen zu lassen! Du musst stark sein, ich weiß, aber am Ende wird es sich lohnen.«

Aylin spürte ein Kribbeln in der Nase, drehte sich zu Roy und schlang einfach die Arme um ihn. Er legte seine Arme um sie und drückte sie an sich. »Danke, Roy«, wisperte Aylin in seine Lederjacke.

Er strich sanft ihren Rücken hoch und runter. »Ich möchte nur, dass es dir gut geht und du dir vertraust. Und … du kannst auch ohne deinen Opa Eishockey spielen!«, flüsterte er zurück. »Du musst nur mehr an dich selbst glauben.«

Aylin atmete seinen Geruch tief ein. Roy war einfach der beste Freund, den sie haben konnte. Er war etwas ganz Besonderes für sie. »Ich bin froh, dass ich dich habe«, murmelte sie und löste sich etwas von ihm, um ihn ansehen zu können.

Roy lächelte auf sie hinunter. »Ich auch, Lonely! Schon krass, dass wir uns erst vor ein paar Wochen angefreundet haben …«

Aylin nickte, als es zum Ende der Pause klingelte. »Ja, das ist wahr. Es kommt mir eher vor, als würden wir uns schon ewig kennen.«

»Das kann doch nur ein gutes Zeichen sein«, grinste Roy und erhob sich. »Was hast du jetzt für Unterricht?«

»Geschichte«, antwortete Aylin und stand ebenfalls auf. »Und du?«

»Englischvertiefung. Wenigstens ist Pablo in meinem Kurs.«

Aylin seufzte. »Ich habe Geschichte mit unserer lieben Desiree.«

Roy lachte. »Viel Spaß! Aber sie hat dir ja gestern von ihrem guten Vorsatz erzählt, dich in Zukunft anständig zu behandeln.«

Aylin verdrehte die Augen. »Mal sehen, wie lange das anhält.« Einen Moment liefen sie schweigend nebeneinander her über den Schulhof und Aylin überlegte, ob sie Roy von Jakes süßem Anruf erzählen sollte oder nicht. War das nicht eher ein Thema für eine kichernde beste Freundin? Aber Aylin hatte keine Freundin, schon gar keine beste, und mit irgendjemandem musste sie einfach darüber sprechen. »Roy? Darf ich dir noch etwas erzählen?«, nahm sie schließlich zaghaft ihren Mut zusammen.

Roy warf ihr einen Blick zu. »Klar, alles!«

»Jake hatte mir gestern Abend noch geschrieben, genau wie du. Und ihm habe ich dann auch um drei geantwortet und dann hat er mich keine Minute später angerufen!«

Roy runzelte die Stirn. »Mitten in der Nacht?«

Aylin nickte. »Er hat bis dahin kein Auge zugemacht, weil er sich Sorgen um mich gemacht hat. Und dann hat er gesagt, dass ich die wichtigste Person in seinem Leben bin.« Aylin musste lächeln, als sie daran zurückdachte. Sie hatte das zuvor noch nie gehört und etwas in ihr wurde ganz warm, wenn da auch immer noch dieser Zweifel war. Womit habe ich es verdient das zu hören? Ich bin doch nur Lonely. Mal abgesehen von Michael war ihr ihr Leben lang vor Augen geführt worden, dass sie eben alles andere als wichtig war. Und plötzlich hatte sie diesen liebevollen Freund, der ihr das sagte. Das konnte doch nicht sein!

»Kann es sein, dass Jake ziemlich romantisch ist?«, wollte Roy etwas lahm wissen.

Aylin wiegte den Kopf. »In mancher Hinsicht schon, fürchte ich. Er hat mich dann auch noch Mäuschen genannt. Aber … es ist einfach so schön, dass jemand das sagt, weißt du? Ich habe so etwas noch nie gehört. Aber ich bin auch irgendwie so verunsichert. Ich meine … glaubst du, Jake meint das wirklich ernst?«

Roy hielt Aylin die Tür zum Treppenhaus auf und schnaubte. »Lonely, wenn er das nicht so meinen würde, würde er das doch nicht sagen! Ich meine, ich kenne Jake ja nicht, aber ich vermute, du kannst ihm durchaus glauben. Also, ich meine … er hat ja recht mit dem, was er sagt. Über dich kann man doch gar nichts anderes sagen«, fügte er drucksend hinzu und klang plötzlich verwirrt.

Aylin warf ihm einen Blick zu und spürte, wie ihr Herz zu klopfen begann. Was hatte er da eben gesagt? Er würde Jake verstehen oder ihm gar … zustimmen?

»Äh … ich habe im zweiten Stock«, murmelte Roy, bevor Aylin irgendetwas erwidern konnte, und war schon hinter der Tür verschwunden.

Aylin blieb stehen und starrte die Tür an, die langsam wieder zufiel. Hatte Roy … eifersüchtig geklungen? Unsinn, Lonely! Das kann gar nicht sein! Wir sind doch beide nur zu deutlich zu dem Schluss gekommen, dass wir nur Freundschaft füreinander empfinden! War es taktlos gewesen, vor Roy so über Jake zu schwärmen?

»Lonely, du stehst im Weg«, wurde sie von einer nörgelnden, leicht überheblichen Stimme aus ihren Gedanken gerissen, die nur einer Person gehören konnte: und tatsächlich marschierte Desiree Rousseau an ihr vorbei und warf ihr einen ihrer abschätzenden Blicke zu. Es fehlte nur noch, dass sie »Hmmpf« machte wie das Känguru in Horton hört ein Huh.

Aylin verdrehte die Augen und musste ihr wohl oder übel folgen, weil sie zusammen Geschichte hatten. Desiree sah wieder einmal perfekt aus. Ihr schlanker Körper steckte in einem teuren Winterkleid und ihre langen, blonden, seidig schimmernden Haare fielen in leichten Wellen über ihren Rücken. Ihre Nägel waren glitzernd und makellos lackiert und sie sah so perfekt geschminkt aus, als käme sie geradewegs vom Kosmetiker.

Da konnte Aylin mit ihrer simplen Wimperntusche und dem Augenbrauenstift aus dem Drogeriemarkt nicht mithalten. Sie sah auf ihre Fingernägel hinunter, von denen der unregelmäßig aufgetragene Nagellack schon wieder abblätterte. Desiree war zwar wirklich auffallend schön, aber beileibe nicht das einzige Mädchen, das Aylin in allen Belangen weit übertraf. Und Jake war auch nicht von schlechten Eltern, hinzu kam sein Ausnahmetalent. Wie könnte er denn ausgerechnet Lonely mögen?

»Was standest du denn da so desorientiert mitten auf der Treppe?«, wollte Desiree wissen und sah sich über die Schulter zu Aylin um.

Aylin zuckte mit den Schultern. Ich musste überlegen, ob Roy da gerade etwa so etwas nach dem Motto Ich-stimme-Jake-zu-wenn-er-sagt-du-bist-wichtig-und-liebenswert-weil-ich-dich-insgeheim-auch-toll-finde angedeutet hat. Er hatte schon etwas ruppig auf ihre Schwärmerei reagiert … Aber vielleicht war das bei Jungs ja einfach so. Mit Desiree wollte sie jedenfalls nicht darüber reden, darum überging sie die Frage einfach, indem sie sagte: »Ich denke, du wolltest mich anständig behandeln.«

Desiree strich sich eine blonde Haarsträhne hinters Ohr. »Das heißt ja nicht, dass ich begeistert klatschen muss, wenn du mitten im Weg stehst! Weißt du … ich dachte nur, ich hätte dich vorhin mit Roy hochgehen sehen. Und plötzlich standest du alleine da.«

Sie waren im dritten Stock angekommen und gingen zum ersten Mal in ihrem Leben nebeneinander her zum Klassenraum. Aylin warf Desiree einen Blick zu und fühlte sich dabei doppelt so hässlich und dick wie ohnehin schon. »Wir müssen uns nicht wegen Roy streiten, Desiree«, sagte sie mit einem Anflug von Ermüdung. »Ich bin nicht mehr mit ihm zusammen als du. Okay?«

Über Desirees Gesicht huschte ein seltsam schmerzvoller Schatten, bevor sie wieder ihren überlegenen Blick aufsetzte. »Ach Lonely, das stand doch ohnehin nie zur Diskussion. Als wenn ich mir wegen dir Sorgen machen müsste!«

Aylin hob die Augenbrauen. »Na, dann ist ja gut.« Sie glaubte Desiree zwar kein Wort, aber sie hatte absolut keine Lust auf irgendeinen Zickenkrieg. Sie waren jetzt ohnehin vor ihrem Klassenraum angekommen und Aylin konnte sich in sicherer Entfernung zu Desiree an die Wand lehnen. Die steuerte natürlich gleich auf ihre Freunde Chris und Nils zu.

Aylin beobachtete unauffällig ihre Mitschüler. Niemand von ihnen stand alleine da. Die hatten in jedem Kurs irgendwen, mit dem sie sich gut verstanden. Aylin dagegen wurde wieder vollkommen zu Lonely, sobald sie nicht Roy oder Pablo in ihrem Kurs hatte. Wie unglaublich wäre es, jedes einzelne Fach mit Roy zu haben? Oder mit Jake! Aber der ging ja auf eine ganz andere Schule. Nicht einer ihrer Mannschaftskameraden ging auf Aylins Schule. Das war bestimmt auch wieder Lonely-Schicksal.

»Goalie!«, rief Jake, kaum dass Aylin die Beifahrertür geöffnet hatte, und kam mit ausgebreiteten Armen auf sie zu.

»Jake!« Aylin stieg aus dem Auto und ließ sich in den Arm nehmen. In ihrem Magen begann es zart zu kribbeln, als Jake sie fest an sich drückte und ihr einen Kuss gab – nicht nur einen, sondern gleich mehrere. »Jake!«, kicherte Aylin und versuchte ihr Gesicht wegzudrehen.

»Nachdem du gestern einfach abgehauen bist, muss ich das doch nachholen!«, raunte Jake, musste ebenfalls kichern und gab ihr noch einmal einen dicken Kuss auf die Lippen. »Ich habe mich den ganzen Tag darauf gefreut!«

Aylin sah in seine dunklen Augen und strich mit der Hand sanft durch seine dunkelbraunen Haare. Er war mit den markanten Zügen, der Narbe am Kinn, die er ihr höchstpersönlich zu verdanken hatte, und dem dunklen Teint genau ihr Typ und er war so süß. Aylin musste an heute Morgen denken, an die perfekte Desiree – wie konnte Jake Aylin – Lonely – überhaupt mögen? Bestimmt hatte er in seiner Schule Dutzende von Mädchen, die ihn umschwärmten. Woher sollte Aylin wissen, dass er in der Schule nicht auch mit der ein oder anderen flirtete? Lonely, du solltest das nicht denken!, schalt Aylin sich selbst, doch trotzdem war da mit einem Mal Misstrauen. Logisch betrachtet war das doch vollkommen unsinnig! Jake hatte sie mitten in der Nacht angerufen, weil er sich solche Sorgen gemacht hatte, und jetzt kam er gleich zu ihr, um sie in den Arm zu nehmen. So etwas tat man nicht, wenn man noch andere Mädchen toll fand.

»Ist alles klar?«, riss Jakes immer leicht heisere Stimme sie aus ihren Grübeleien.

Aylin zuckte leicht zusammen und sah zu ihm hoch. »Äh, ja, klar. Ich bin nervös wegen dem Training.« Das war nicht einmal gelogen.

»Du schaffst das, Mäuschen!«, raunte Jake und strich ihr über die Wange.

»Also wirklich, Jake, das ist das erste Mal in deinem Leben, dass du deine Sporttasche im Auto liegen lässt!«

Jake löste sich halb von Aylin und sah sich um. Jakes Vater Kay Thiel kam mit Jakes Sporttasche über den Parkplatz geächzt. Aylin kannte ihn von klein auf, weil sie ihn früher natürlich regelmäßig gesehen hatte. Er hatte Ähnlichkeit mit seinem Sohn, war ebenfalls sehr groß, hatte diese schönen, dunklen Augen und markanten Züge, allerdings waren seine mittlerweile angegrauten Haare blond und er hatte in den letzten Jahren etwas an Gewicht zugelegt. Vor Jakes Geburt hatte Kay selbst Eishockey gespielt und war sogar eine Zeitlang in der ersten Liga dabei gewesen. Und Jake hatte mit seinem Vater einfach einen Hauptgewinn gezogen. Er unterstützte ihn bei allem und war sein größter Fan.

Ein bisschen wie Opa für mich, dachte Aylin mit einem Druck auf dem Herzen. Bloß dass Kay dabei etwas netter und weniger streng und ruppig ist. Jake und Aylin waren sich in vielerlei Hinsicht unheimlich ähnlich. Bloß hatte Jake von Anfang an Liebe und Zärtlichkeit bekommen. Er hatte nicht nur gewusst, dass er geliebt wurde, er hatte das gezeigt und gesagt bekommen. Auf eine zärtliche Weise. Ihr seine Liebe zu zeigen, darin war Aylins Opa eine Niete gewesen. Aber trotzdem habe ich ihn so bedingungslos vergöttert.

»Ich musste erst mal zu Aylin«, erklärte Jake grinsend und streckte seine Hand, die nicht um Aylin lag, nach seiner Tasche aus.

Kay reichte sie ihm und sah belustigt zwischen Jake und Aylin hin und her. »Ach so, ich verstehe. Das hat natürlich oberste Priorität. Hallo, Aylin!« Er hob die Hand und tätschelte ihre Schulter. Aylin wollte sich anspannen, wie sie das immer tat, doch dann spürte sie, dass ihr die Berührung gar nicht so unangenehm war wie befürchtet. »Wie schön, dich mal wiederzusehen! Wir haben uns ja nach Michaels Tod gar nicht mehr gesehen! Ich muss dir noch mal von ganzem Herzen mein Beileid aussprechen.«

Aylin sah in Kays dunkle Augen, die liebevoll und einfühlsam zu ihr hinunterblickten, und spürte einen Kloß im Hals. »Danke«, krächzte sie und umschloss Jakes Jacke etwas fester.

Glücklicherweise stieg in diesem Moment Patrick aus und kam ums Auto herum. »Hallo«, begrüßte er Jakes Vater.

Kay stutzte einen Moment, dann grinste er. »Herr Rahde! Nein, Sie sehen haargenau aus wie Ihr Vater! Wahnsinn!« Er streckte ihm seine Hand hin. »Wie schön, Sie endlich einmal kennenzulernen!«

Patrick erwiderte den Händedruck leicht überfordert. Es schien ihm unangenehm zu sein, mit seinem Vater in Verbindung gebracht zu werden. »Und Sie sind Jakes Vater, schätze ich …«

»Der bin ich. Haben Sie meinen Sohn überhaupt schon kennengelernt?«

Patrick fuhr sich durch die schwarzen Haare. »Ähm … nein … Hallo, Jake.«

»Hallo«, erwiderte Jake und grinste genauso belustigt wie sein Vater.

Aylin tauschte einen Blick mit Patrick und wusste, dass sie in diesem Moment genauso rot war wie er.

»Tja, ich habe ja schon viel von dir gehört … du bist ja der Kapitän und alles …«, brabbelte Patrick weiter und vergrub die Hände in seinen Jackentaschen.

»Und ich habe Sie schon oft im Radio gehört«, erzählte Jake. »Sie machen das gut.«

Patrick lächelte schief. »Danke.«

»Ähm, wir sollten mal reingehen«, murmelte Aylin, bevor das Ganze noch peinlicher werden konnte, löste sich von Jake und ging zum Kofferraum, um ihre Tasche herauszuholen.

Jake nickte. »Stimmt.«

»Schauen Sie beim Training zu?«, wollte Kay von Patrick wissen.

Patrick starrte ihn einen Moment verwirrt an. »Ähm … hatte ich nicht vor …«, murmelte er dann kaum hörbar.

»Ich kenne hier in der Nähe ein gutes Café, in dem ich schon oft während des Trainings saß«, erzählte Kay.

Aylin zupfte an Jakes Ärmel. »Komm!«

»Jaja. Bis später, Papa!«

Kay nickte. »Viel Spaß, gebt alles! Bis nachher.«

Jake drehte sich noch einmal um, hielt einen Daumen hoch und schloss dann zu Aylin auf.

»Mein Vater hat wirklich ein Talent dafür, peinlich zu sein!«, stöhnte Aylin.

»Warum? Er ist doch nett! Und wenn unsere Väter jetzt einen Kaffee trinken gehen, dann können sie sich schon mal in Ruhe kennenlernen.«

Aylin wiegte den Kopf. »Stimmt. Es kann nicht schaden, wenn sie sich mögen.«

»Eben!«, grinste Jake. »Ich wollte dich übrigens zu meinem Geburtstag einladen. Ich werde ja nächsten Freitag sechzehn.«

Aylin schlug sich vor die Stirn. Daran hatte sie gar nicht gedacht. Du liebe Zeit, was soll ich ihm denn schenken? Sie wusste doch noch gar nicht, worüber er sich freuen würde! Sie kannten sich doch erst seit ein paar Wochen überhaupt näher.

»Am Sonntag feiere ich mit meiner Familie«, fuhr Jake fort und hielt ihr die Tür zur Eishalle auf. »Das ist der fünfte Februar.«

Aylin ging hindurch und warf ihm einen Blick zu. »Und du hättest gerne, dass ich dabei bin?« Sie kannte aus Jakes Familie niemanden außer seinen Vater und seinen großen Bruder. Und das hatte auch einen guten Grund, denn mit dem Rest seiner Familie hatte Jake entweder nicht viel am Hut oder nicht das beste Verhältnis.

»Das fände ich sehr schön«, sagte er leise. »Denn du gehörst ja jetzt auch zu meiner Familie.«

Aylin sah sich um, blickte in ein Paar wunderschöne dunkle Augen und musste seufzen. Sie hatte ja noch nicht einmal Katjas Familie kennengelernt. »Ich weiß nicht … ich mag nicht so viele Leute auf einmal …«

Jake öffnete die Tür zur Umkleide, in der ein Großteil der Mannschaft schon versammelt war, und verdrehte die Augen. »Es kommen nur meine Großeltern, die Freundin von meinem Bruder und Papas Bruder.«

Aylin stellte ihre Tasche mit einem Rums auf einer der Bänke ab. »Ja, und ich bin Lonely, falls du es vergessen haben solltest.«

»Oh, was ist denn hier los?«, fragte Felix. »Habt ihr euren ersten Ehestreit?«

Jake schlug ihm im Vorbeigehen auf den Hinterkopf und ließ sich neben Aylin nieder.

Geh doch zu Felix und Pascal, dachte Aylin bissig und streifte ihre schwarzen Chucks von den Füßen. Was musste Jake ihr das denn auch ausgerechnet vor dem Training sagen, wo sie ohnehin schon angespannt war?

»Goalie«, hörte sie ihn raunen. »Jetzt sei doch nicht sauer …«

»Wir sind wie lange zusammen? Zwei Wochen?«, knurrte Aylin gedämpft, aber da Pascal ohnehin mal wieder Musik laufen ließ, hörte ihnen sowieso niemand zu. »Ich bin noch dabei, mich an dich zu gewöhnen, und schon kommst du mit deinen vielen Verwandten um die Ecke.«

Jake zog sich seinen Pullover über den Kopf und seufzte gereizt. »Ach, vergiss es einfach.« Er winkte ab und zog energisch den Reißverschluss seiner Tasche auf. »Es war dumm, dich damit zu überfallen. Du musst ja auch nicht dabei sein. Vielleicht nächstes Jahr.«

Aylin zog mit einem dumpfen Gefühl ihre Pads aus ihrer Tasche. Jake war enttäuscht, das merkte sie. Nur weil du wieder zu feige bist, Lonely. Du könntest auch einfach mal über deinen Schatten springen. Seine Familie wird dich schon nicht fressen! »Tut mir leid«, hörte sie sich murmeln. »Ich … ich kann kommen, wenn du das möchtest.«

Jake schlackerte gerade mit schmolligem Mund seine Hose aus und sah auf. »Ehrlich? Du musst das nicht machen, wenn du dich nicht traust.«

Aylin schüttelte den Kopf. »Ich muss mich das doch irgendwann mal trauen. Ich meine, den Teil deiner Familie, der dir wichtig ist, kenne ich ja ohnehin schon.«

Da grinste Jake wieder. »Stimmt! Wie wäre es, wenn du schon vorher mal zu uns kommst? Dann lernst du meine Mutter und unser Zuhause schon mal kennen.«

Aylin war in ihrem ganzen Leben noch kaum bei jemandem zu Besuch gewesen, wenn man mal von dem Besuch bei Roy absah. Irgendwie war sie neugierig auf Jakes Zimmer und seine Hunde. Darauf, mal ein anderes Haus zu sehen, wie andere Menschen lebten. Sie könnte sich Jakes Leben dadurch auch viel besser vorstellen. »Okay. Wie wäre es mit Montag? Da haben wir ja kein Training.«

»Ich wollte auch Montag vorschlagen, weil meine Mutter da ihren halben Tag im Krankenhaus hat und Mittags zu Hause ist«, lachte Jake. »Wir könnten uns nach der Schule am Busbahnhof treffen.«

Aylin nickte und war ein bisschen ängstlich und aufgeregt zugleich.

»Guck mal, Rahde«, lenkte Phillip ihre Aufmerksamkeit auf sich und zog Schlittschuhe aus seiner Tasche. Aylin erkannte sofort, dass es sich nicht um Torwart-Schlittschuhe handelte, weil sie höher waren. »Ich habe gleich mal wieder meine alten Verteidiger-Klamotten rausgekramt. Die passen immer noch. Ich freue mich schon richtig, endlich mal wieder Eiszeit zu bekommen. So’n Backup-Job ist einfach nichts für mich. Das habe ich schon mit acht gewusst, deshalb wollte ich ja auch wieder aus dem Tor raus und in die Verteidigung.« Phillip hatte in ihrer Abwesenheit als Kevins Backup gespielt. Sie hatte sich zunächst ziemlich unwohl bei dem Gedanken gefühlt, jetzt Knall auf Fall hier hereinzuplatzen und ihm seinen Posten wegzunehmen. Er hatte zwar gestern sofort gesagt, dass er gerne wieder in der Verteidigung spielen würde wie früher, aber trotzdem hatte Aylin ein schlechtes Gewissen. Sie selbst hatte ja auch erst einmal als Stürmer gespielt, war dann aber schon früh ins Tor gewechselt und seitdem dort geblieben und konnte sich nicht mehr vorstellen, wieder in den Angriff zu gehen. Aber es hat nicht jeder einen Nationaltorhüter als Großvater, der einem die Position in die Wiege gelegt hat. Das vergaß sie oft.

»Wie edel, dass du den Job trotzdem gemacht hast«, neckte Felix Phillip.

Er klopfte sich auf die Brust. »Man muss fürs Team ja Opfer bringen, nicht wahr?«

Aylin lachte mit den anderen und spürte, wie sich ein Stein von ihrem Herzen löste.

Da ging die Tür auf und Tom kam in die Kabine. »Sind alle da?«, fragte er und ließ seinen Blick über die Bänke schweifen. »Gut. Zunächst einmal eine Nachricht, die euch alle interessiert:

Ich habe Aylin in die Meldeliste eintragen lassen und sie darf schon diesen Samstag mit uns nach Dresden.«

Ein begeistertes Raunen ging durch die Kabine und Aylin freute sich ebenfalls, hatte aber gleichzeitig auch ein seltsames Ziehen in der Brust. Das war schon übermorgen. Sie räusperte sich. »Ich … ich möchte dann aber erst mal Backup sein. Ich bin noch gar nicht richtig in Form.« Sowohl körperlich als auch seelisch.

Tom nickte. »Das habe ich sowieso so geplant. Kevin ist im Tor und du kannst ja vielleicht mal ein paar Minuten reinwechseln. Phillip spielt dann wieder in der Verteidigung, wahrscheinlich in der dritten Reihe. So … die zweite Sache ist die, dass Aylin dann auch mit uns im Hotel übernachten muss.«

Aylin biss sich auf die Unterlippe. Früher hatte Michael immer dafür gesorgt, dass sie beim Trainer schlafen durfte. Aber das fand sie jetzt doch zu albern. Müsste sie jetzt mit irgendwelchen von den Jungs in einem Zimmer schlafen? Ihr wurde schlecht bei dem Gedanken.

»Naja, sie kann doch mit Jake in einem Zimmer schlafen«, schlug Pascal vor. »Die sind doch eh zusammen.«

Tom kratzte sich am Kopf. »Ich kann mir vorstellen, dass eure Eltern möglicherweise nicht ganz so begeistert darüber sind. Früher wäre das ja noch in Ordnung gewesen, aber gerade in eurem Alter … Wir haben drei Viererzimmer, zwei Dreierzimmer und ein Zweierzimmer zur Verfügung.«

»Goalie und ich können im Zweierzimmer schlafen«, sagte Jake sofort. »Als ob ich mein Mäuschen mit irgendwelchen anderen Typen in einem Zimmer schlafen lassen würde! Hallo?«

Aylin spürte, wie sie rot wurde, als gleich ein paar Jungs kicherten.

Tom schnaubte. »So seht ihr aus!«

»Tom, du kennst doch meinen Papa! Der ist nicht so spießig!«, rief Jake.

»Und mit meinem Vater hast du doch auch Kontakt«, sagte Aylin und konnte einen spitzen Unterton nicht ganz unterdrücken. Sie musste daran denken, wie Tom und Patrick ein Jahr lang hinter ihrem Rücken darüber beratschlagt hatten, wie sie Aylin wieder aufs Eis bekommen könnten.

Tom seufzte. »Na schön, dann frage ich eure Eltern – explizit auf euren Wunsch hin. Und wenn sie doch etwas dagegen haben, muss ich mir noch was überlegen. So, und jetzt macht mal, dass ihr fertig werdet. Aylin, komm doch mal bitte für einen Augenblick mit nach draußen.« Damit verließ er die Umkleide wieder.

Aylin warf Jake einen Blick zu und folgte Tom. Hatte sie etwas verbrochen?

Er stand neben der Tür an der Wand und sah auf Aylin hinunter. Sie fühlte sich plötzlich wie bei einer Notenbesprechung in der Schule. Bloß, dass die Augen der Lehrer nie so stolz funkelten wie Toms. »Sagt dir der Name Kurt Hermann etwas?«, wollte er wissen.

Aylin runzelte die Stirn. Gehört hatte sie diesen Namen schon einmal. »Hat der nicht bei den Pinguinen gespielt, als ich klein war? Ich glaube, Opa und er waren befreundet.«

Tom stutzte einen Moment. »Oh … ja, richtig. Ich dachte eher, dass dir vielleicht bekannt ist, dass er seit drei Jahren Cheftrainer der Frauenmannschaft des ESC Heschbach ist.«

»Oh.« Doch, dunkel konnte Aylin sich daran erinnern.

»Ich habe heute morgen mit ihm über dich gesprochen und ihm mal deine Nummer gegeben. Er wollte sie unbedingt haben, weil er sich vorstellen kann, dich in der nächsten Saison ins Damenteam aufzunehmen.« Tom lächelte stolz. »Du bist ja nicht nur eine passable Torhüterin, sondern auch noch Michaels Enkelin. Gleich zwei Faktoren, die ihn scharf auf dich machen.«

Aylin musste lächeln und spürte ein Prickeln in ihrem Bauch. Die Frauenmannschaft des ESC Heschbach spielte in der DFEL, der höchsten deutschen Liga der Damen. Zwar konnte man als Frau mit dem Eishockey kein Geld verdienen, das konnte man nicht einmal in Amerika, obwohl die Damen dort mittlerweile teilweise sogar tatsächlich – mehr schlecht als recht – bezahlt wurden, und sie mussten sogar teilweise Reisekosten übernehmen, aber trotzdem bedeutete die DFEL etwas. Sie spielte immerhin um den DEB-Pokal der Damen und Aylins Chancen auf die Nationalmannschaft würden damit auch steigen. Und eine andere Wahl blieb ihr ohnehin nicht, denn bei den Jungs durfte sie bloß bis zum sechzehnten Lebensjahr spielen. »Das klingt toll«, brachte sie etwas überrumpelt heraus.

Tom lachte. »Ich dachte mir, dass du dich freust. Das war doch auch immer Michaels Traum für dich. Er wäre stolz auf dich, Aylin.«

Ja, das wäre er. Ich im weiblichen Pendant der DEL. Aylin konnte sich durchaus vorstellen, später mal in der Oberliga zu spielen, der dritthöchsten Profiliga der Männer, aber DFEL klang sehr gut. Ich muss mein Erbe antreten als Michael Rahdes Nachfolgerin. Wie du es mir in den Brief geschrieben hast, Opa.

»Na, dann mach dich mal fertig fürs Training«, riss Tom sie aus ihren Gedanken, zwinkerte ihr zu und ging Richtung Halle.

Aylin kehrte in die Umkleide zurück und wurde auf dem Weg zu ihrem Platz von allen Seiten neugierig beäugt. »Das Damenteam ist an mir interessiert«, sagte sie schließlich laut für alle und ließ sich auf ihren Platz fallen. Sie hätte es nicht zugegeben, aber sie genoss die Glückwünsche der anderen sehr.

Jake schien zu vergessen, dass er in seiner knallengen und jede noch so kleine Beule betonenden Skiunterhose dastand, als er Aylin um den Hals fiel und sie stürmisch abküsste. »Das ist ja geil! Dann kann ich ja demnächst sagen: Meine Freundin spielt in der ersten deutschen Liga!«

»Warte mal ab!«, murmelte Aylin bescheiden und schlüpfte aus ihrem Pullover. »Noch ist ja gar nichts entschieden!«

»Holst du denn mit uns noch den Meistertitel 2017?«, fragte Kevin eine Spur enttäuscht.

»Ich denke schon. Tom hat von nächster Saison gesprochen.« Aylin musste lachen. »Hey, in die Meisterrunde seid ihr doch auch ohne mich gekommen!« Die Hauptrunde hatte Aylin leider komplett verpasst. Samstag und Sonntag wären die letzten zwei Spiele der Hauptrunde, aber da die Heschbacher auf Platz zwei waren, waren sie im Grunde schon jetzt in der Meisterrunde, die eine Woche später begann und bis Mitte März dauerte. Und auch, wenn Aylin sich auf die DFEL freute, würde sie es auch genießen, noch diese für sie letzte Saison mit der Jugend zu spielen – und im schönsten Fall natürlich tatsächlich Meister zu werden.

Heute war es schon nicht mehr so schmerzhaft, als sie wenig später ihre Füße aufs Eis setzte. Ein kleiner Kloß war zwar in ihrem Hals, aber es war nicht so erdrückend wie gestern. Michael war nicht mehr hier, um Aylin zu trainieren. Irgendetwas fehlte. Das spürte Aylin trotz der Freude, die ihr das Eishockey noch immer bereitete. Und es dämpfte die Freude. Ob sie diese Leere irgendwann überwinden könnte? Irgendwann könnte sie über den Schmerz hinwegspielen, das hatte Jake gesagt.

Während sie sich aufwärmten, ließ Aylin ihren Blick über die Tribünen wandern und zuckte leicht zusammen, als sie zwei Gestalten dort sitzen sah, die sie sofort erkannte: es waren die Trainer der DEL-Mannschaft, der Heschbacher Geparden. Sie schloss zu Jake auf, der gerade mit Pascal über die Kompetenz der Lehrer auf ihrer gemeinsamen Schule diskutierte. »Was machen denn Kettler und Jänke hier?«, unterbrach sie Pascal in seiner ausführlichen Beschimpfung über eine gewisse Frau Sommer, die immer Dinge erklärte, um sie dann im nächsten Satz sofort wieder zu widerlegen.

»Was?« Jake blickte erst Aylin verwirrt an, dann sah er sich um. »Oh, ja, die haben in den letzten Wochen ein paar Mal beim Training zugesehen.«

»Vielleicht wollen sie ihren DEL-Kader mit selbst herangezüchteten Nachwuchsspielern auffüllen«, meinte Pascal nicht ganz ernsthaft. »Der hat ja in letzter Zeit gelitten.«

»Ach ja?« Aylin musste sich eingestehen, dass sie nicht einmal ansatzweise up to date war.

Jake nickte eilig, wie um Pascal abzuwürgen. »Die Saison ist echt verflucht. Krach und Bös haben sich kurz nacheinander üble Verletzungen zugezogen und Horvath ist aus persönlichen Gründen nach Hause nach Österreich geflogen.« Er sah plötzlich angespannt aus. »Also, ich finde Frau Sommer total nett …«

Aylin runzelte die Stirn. Was war denn mit Jake los? Hatte er gar nicht vor, wieder den Macho raushängen zu lassen von wegen: Na, wenn sie jemanden für den DEL-Kader suchen, sind sie hier, wo ich spiele, ja genau richtig?

Kapitel 3

»Und dann ist Jake auch noch damit um die Ecke gekommen, dass ich nächsten Sonntag zu ihm kommen muss, weil er seinen Geburtstag mit seiner Familie feiert«, beendete Lonely ihre Erzählung und seufzte. »Ich habe irgendwie Angst, mich von seinen ganzen Verwandten anstarrten zu lassen und irgendwelche blöden Fragen zu beantworten.«

Was sollte Roy darauf sagen? War er etwa ein Beziehungsratgeber? Er war jedenfalls kein kicherndes Mädchen, das sich gerne irgendwelche Schwärmereien anhörte. Und gerade hatte Lonely ihm schon wieder ausführlich vom süßen Jake erzählt, kaum dass er durch die Tür auf den Flur getreten war, in dem ihr Englischraum lag. »Naja, dann sag ihm doch, dass dir das zu früh ist«, hörte er sich lahm vorschlagen.

Lonely seufzte. »Das habe ich auch erst, aber dann war er so enttäuscht. Ich meine, Jake ist doch immer so lieb zu mir, und ich stelle mich an, nur weil er mich zu seinem Geburtstag einlädt. Das ist doch nicht fair.« Roy blickte in Lonelys dunkle Augen, die förmlich strahlten. »Er hat gesagt, dass ich ja jetzt auch zu seiner Familie gehöre.«

Roy zwang sich zu einem Lächeln. »Dann würde ich hingehen.«

»Mache ich ja auch. Aber wohl fühle ich mich bei dem Gedanken nicht. Vor ein paar Monaten war ich noch ganz alleine, und plötzlich gibt es so viele Menschen in meinem Leben … Und weißt du, was auch schön und beängstigend zugleich ist?«

»Nee.«

»Wir spielen ja Samstag und Sonntag in Dresden und eventuell können Jake und ich im Hotel in einem Zweierzimmer schlafen!«

»Das ist doch schön«, sagte Roy artig und fühlte sich mit einem Mal wie Daya, die sich immer alles anhören musste, was Desiree zu erzählen hatte, um dann brav »Schön!« zu sagen.

Lonelys Lächeln erlosch etwas. »Sag mal, ist alles okay bei dir?«, fragte sie zaghaft.

Roy schluckte und nickte. »Klar. Ich habe nur schlecht geschlafen.« Das war nicht einmal gelogen. Roy hatte lange wach gelegen. Und an Lonely gedacht. Er wusste, dass es Gift in einer Freundschaft war, dem anderen ein Glück nicht zu gönnen. Als Lonely ihm letzte Woche erzählt hatte, dass sie einen Freund hatte, hatte er sich noch für sie gefreut. Aber als sie gestern davon geschwärmt hatte, wie süß und lieb Jake doch war, hatte Roy sich plötzlich einfach nicht mehr freuen können. Er war eifersüchtig. Dabei war er nicht einmal verliebt in Lonely. Er wollte sie nicht noch einmal küssen, aber trotzdem wollte er, dass sie … zu ihm gehörte. Er wollte sie nicht mit Jake teilen. Er wollte mehr sein als ihr bester Freund. Weil Lonely – neben Pablo vielleicht – die erste und einzige Person in seinem Leben war, der er wirklich vertraute und bei der er sich zu Hause fühlte. Und es tat weh hören zu müssen, dass Lonely mit Jake jemanden hatte, zu dem sie gehörte, bei dem sie zu Hause war. In dessen Familie sie gehörte.

Sie hat das verdient, Roy. Mehr als jeder andere hat es Lonely verdient, einen solchen Freund zu haben. Lonely war doch noch viel einsamer als er. Aber Roy war eben auch schon sein ganzes Leben lang auf der Suche nach jemandem, zu dem er gehörte. In den Wochen vor Weihnachten hatte er so fest geglaubt, diesen Jemand endlich gefunden zu haben. Aber Lonely war das nicht. Und als würde diese Erkenntnis jetzt allmählich bei ihm ankommen, konnte Roy sich für sie nicht mehr freuen. Vielleicht wäre es einfacher gewesen, wenn Lonely einfach eine gute Freundin gefunden hätte und keinen festen Freund.

Obwohl Roy nicht verliebt war, fühlte er sich doch zu Lonely hingezogen und darum war Jake … ein Konkurrent für ihn. Der schon gewonnen hatte. So darfst du das nicht sehen, Roy!

»Guten Morgen!«, riss ihn eine zuckersüße Stimme aus seinen zermürbenden Gedanken und Desiree bog um die Ecke. Roy seufzte in sich hinein. Auch Desiree war nicht der Jemand, zu dem er gehörte, obwohl das noch vor einigen Monaten jeder geglaubt hatte. Desiree kam auf Roy und Aylin zustolziert, ihre Designerhandtasche – »ein ganz besonderes Exemplar aus Frankreich, sehr teuer und wertvoll« – über dem rechten Handgelenk. Aber immerhin hatte sie heute wieder die beiden unterschiedlichen Chucks an, die sie früher mit Daya getauscht hatte. »Na, wie geht’s?«

»Gut«, knurrte Roy. Lonely starrte auf ihre Schuhspitzen.

Desiree blieb vor ihm stehen. »Hör mal, du wirst am zwanzigsten Februar achtzehn. Das ist ja gar nicht mehr so lang.«

»Ob du es glaubst oder nicht, das wusste ich tatsächlich«, erwiderte Roy.

Desiree klimperte mit ihren langen Wimpern. »Ich habe mich gefragt, ob du gar nicht feierst. Oder habe ich etwas verpasst?«

Roy kratzte sich an der Nase. »Naja, ich habe jetzt noch nicht so konkret darüber nachgedacht …« Es war in letzter Zeit einfach so viel dazwischengekommen. Pablo hatte ihm zwar angeboten, dass Roy in seiner Villa feiern dürfte, aber irgendwie war ihm momentan absolut nicht nach feiern zumute.

Desiree riss ihre blauen Augen auf. »Noch nicht konkret darüber nachgedacht? Man wird nur einmal achtzehn! Achtzehn! Also, Roy, ich bin wirklich enttäuscht!«

»Damit kann ich leben«, brummte Roy.

Desiree hob die Hände. »Ist ja schon gut! Meine Güte, was hast du denn gefrühstückt für so eine schlechte Stimmung?« Sie drehte sich um und marschierte auf Benjamin zu.

Roy sah ihr grimmig nach, dann fiel sein Blick auf Lonely, die ihn mit hochgezogenen Augenbrauen musterte. »Bist du dir wirklich sicher, dass es dir gut geht?«

Roy seufzte. »Jaja. Erzähl mir mal lieber, wie denn das Training gestern geklappt hat.«

Lonely wiegte den Kopf. »Es war besser als vorgestern. Ich musste zwar ein bisschen weinen, aber wenigstens war es nicht so schlimm, dass ich mich auf die Bank setzen musste. Aber Opa fehlt mir einfach so sehr …«

Roy hob seinen Arm und strich über ihre Wange. Noch vor einem Monat hatte er das mit einem Kribbeln getan, von dem er geglaubt hatte, dass es Verliebtsein war. Verliebtsein war es letztendlich nicht, aber doch irgendwie Liebe. Eine andere Liebe.

»Ich bin froh, dass du für mich da bist«, sagte Lonely leise und lächelte zu ihm hoch.

»Ich auch.«

»Aber dass du deinen achtzehnten Geburtstag nicht feiern willst, hätte ich echt nicht gedacht!«, fuhr sie fort und mustere ihn argwöhnisch.

Roy zuckte mit den Schultern. »In letzter Zeit gab es so viel Hin und Her … Und irgendwie hat mir die Sache mit Desiree auch gereicht, weißt du?«

Lonely knuffte ihn in den Bauch. »Naja, ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn du nicht feierst. Ist der zwanzigste Februar ein Montag?«

»Ja.«

»Wie wäre es, wenn du nach der Schule einfach zu mir kommst und wir irgendetwas leckeres essen? Ich könnte einen Kuchen backen.«

Roy spürte, wie sich dieser seltsame Knoten in seinem Magen etwas löste. »Das wäre cool! Darf Pablo auch kommen? Dann hätte ich meine beiden besten Freunde bei mir.«

Lonely nickte. »Okay. Auch wenn es peinlich ist, ihm mit meiner kleinen Wohnung zu kommen.«

Roy konnte endlich wieder grinsen, was richtig gut tat. »Ach was, Pablo ist nicht so! Er heißt ja nicht Desiree«, fügte er mit gesenkter Stimme hinzu. Lonely musste auch lachen.

In diesem Moment kam Herr Mertens, ihr Englischlehrer, über den Flur. »Oh, wie schön, vor dem Englischunterricht schon so fröhliche Gesichter zu sehen!«, rief er und schloss den Raum auf.

Roy und Lonely tauschten noch ein Grinsen, bevor sie in der Schar der anderen Schüler den Raum betraten. Na schön, Lonely hatte vielleicht einen Freund, mit dem sie überglücklich sein konnte, aber trotzdem konnte sie doch noch seine Lonely für ihn sein.

Roy setzte sich nicht auf seinen alten Platz neben Desiree, sondern neben Lonely in die hinterste Reihe, wo sie so lange alleine gesessen hatte.

In der ersten Pause trafen Roy und Aylin auf Pablo, Roys besten Freund, und gingen gemeinsam in die Cafeteria. Pablo war ein süßer, lieber Junge aus reichem Elternhaus. Seine Eltern waren Geschäftsleute und nahezu nie zu Hause.

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