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Roxy Sauerteig

Über die Autorin

Katharina Reschke studierte Germanistik und Romanistik in Köln und ließ sich danach in den USA für das Drehbuchschreiben begeistern. Seit 1999 arbeitet sie als freie Autorin in Berlin und hat seitdem zahlreiche Drehbücher für Kino- und Fernsehfilme geschrieben (u.a. Hanni und Nanni). Für ihre Drehbücher wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet.

Über die Illustratorin

Susanne Göhlich studierte Kunstgeschichte in Leipzig und begann nebenher zu zeichnen. Seit 2004 arbeitet sie als freie Illustratorin und gestaltet Kinder- und Schulbücher, entwirft Plakate, leitet Zeichenkurse und betreut den Bleilaus-Verlag, in dem Kinder ihre eigenen Bücher herstellen können. Susanne Göhlich lebt mit ihrer Familie in Leipzig.

Katharina Reschke

Roxy Sauerteig

Das 4. Obergeheimnis links

mit Illustrationen von
Susanne Göhlich

Roxy Sauerteig

Inhalt

  1. 1. Das kanarienvogelgelbe Haus mit der delfinblauen Tür

  2. 2. Roter Rettich mit Taucherbrille

  3. 3. Das 4. Obergeheimnis links

  4. 4. Quietschgrüne Hoffnungen und rosa Schleimkugeln

  5. 5. Gelbe Gummistiefel mit Erdbeergeschmack

  6. 6. Russische Schokolade für blaue Stunden

  7. 7. Botanischer Zeltbewohner mit Feldmaus

  8. 8. Krötentee

  9. 9. Mit Bademantel und Pistole

  10. 10. Feldblumen für Millionen

  11. 11. Ein hoffnungsloser Scherbenhaufen

  12. 12. Trainingsanzug mit Blumenwiese

  13. 13. Bunt, blumig und undurchschaubar

  14. 14. Sparghetti am Puppentisch

  15. 15. Thussis kleben wie Kaugummi am Schuh

  16. 16. Fing van Lo mit Farbgeruch

  17. 17. Mit Saugnäpfen und Sauerstoffflasche

  18. 18. Alarm für eine Butterblume

  19. 19. Kunst im Müll

  20. 20. Der Fisch in der Taucherbrille

  21. 21. Abendteuerliche Aussichten

  22. Anhang: Roxys Lexikon

Vorsatz

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1. Kapitel
Das kanarienvogelgelbe Haus mit der delfinblauen Tür

Eigentlich sah die Ferdinand-Otto-Straße wie eine ganz gewöhnliche Straße aus. So wie sie in vielen Städten dieser Welt zu finden ist, nur dass sie eben in Berlin lag, ein wenig rechts oben von der Mitte und da am Rand. Am einen Ende sauste eine große Hauptstraße auf zwei Spuren vorbei, am anderen ruhte ein Park. Zwischendrin wurde sie von zwei Querstraßen durchkreuzt, die einfach nur quer lagen. Und alle paar Meter fand sich ein Abfalleimer, der, obwohl er nie geräumt wurde, meistens leer war. Dazwischen standen allerlei Bäume unterschiedlicher Herkunft, die sich gerne von einer vorbeifliegenden Windböe massieren ließen, jedoch meist nur einen stinkenden Hundehaufen vor die Füße bekamen.

An den Seiten der Ferdinand-Otto-Straße reihten sich von eins bis hundert meist fünfstöckige Häuser Wand an Wand, die sauber und pastellfarbig aufeinander abgestimmt waren. Nur das Haus mit der Nummer Drei fiel aus der Reihe. Es war kanarienvogelgelb und seine Eingangstür in Delfinblau gehalten. Das war schon ziemlich lange so, denn hier und da rollte bereits die Farbe von der Fassade ab und gab dem Haus das Aussehen eines vertrockneten Blätterteigs. Aber das allein war es noch nicht einmal. Auch sonst wirkte das Haus mit der Nummer Drei eigenwillig und besonders, wenn nicht gar geheimnisvoll. Das fand zumindest Roxy, die ihren Blick soeben an der gelben Fassade aufsteigen ließ und bemerkte, wie sich der Vorhang im vierten Stock bewegte. Ein Schatten verschwand dahinter.

»Da ist jemand …«, flüsterte sie.

Sogleich machte sich ein verheißungsvolles Kribbeln in ihr breit und sie kniff die Augen unter ihrer auf die Stirn geschobenen Taucherbrille zusammen. Doch der Schatten war weg und kam nicht wieder.

Roxy trug ihre Unterwasserbrille wie andere Menschen Mützen. An dem quietschgrünen Plastikding baumelte ein Schnorchel an der Seite und das Gummiband ließ ihre rote Mähne wie eine verwilderte Grasinsel in die Höhe sprießen. So komisch es vielleicht auch aussah, aber mit der Brille fühlte sich Roxy für jede Situation gewappnet. Die Scheibe auf ihrer Stirn sorgte nicht nur dafür, dass ihre kreuz und quer zischenden Gedanken stets beisammenblieben, sondern sie gab ihr auch ein Gefühl von Schutz und Sicherheit (ein bisschen Mut war auch dabei).

»Wir sind hier falsch. Das kann nicht sein!«, rief ihre Mutter. »Dieser Mensch am Telefon hat mir eine exquisite Dachgeschosswohnung in vornehmster Lage versprochen. Nicht so ein heruntergekommenes …« Frau Sauerteig mochte es gar nicht aussprechen und ihren Mund damit beschmutzen, so entsetzt war sie von dem kanarienvogelgelben Blätterteig mit der delfinblauen Tür. »Sofort zurück zum Wagen!«, gab sie ihren Kommandoruf in Richtung der Möbelpacker ab, die startklar auf dem Bürgersteig standen. »Ich kläre das.«

Eilig zückte sie aus ihrer weißen Handtasche, die farblich auf Kostüm und Schuhe abgestimmt war, ihr Telefon und wählte die Nummer des Wohnungsvermittlers.

Roxy blickte sich erschrocken zu ihr um. »Aber Mama, hier ist’s doch schön!«, widersprach sie.

Doch Frau Sauerteig hörte gar nicht mehr hin.

»Herr Möhrchen, hier Sauerteig. Amalie Benedikta Clementine Hortensie Sauerteig, geborene von Holzschuh. Sie wissen. – Wir sind soeben in Berlin angekommen. Nach einer wirklich höchst anstrengenden Reise. Immerhin kommen wir aus Paris. Und nun stehen wir vor diesem … Haus. Das muss die falsche Adresse sein. Ich …«

»Hier steht unser Name«, rief Roxy. »Sauerteig!«

Begeistert wies sie auf das Klingelbrett. Über Heinrich, Lofing, Feudel, Rasedorn, Radke und Grindelmann standen sie. Ganz oben.

Frau Sauerteig wurde kalkbleich und ließ den Hörer sinken. So hatte sie sich das nicht vorgestellt.

»Guck mal, wie viele Leute hier wohnen. Die müssen wir alle kennenlernen!«, rief Roxy und begann sogleich die Klingelknöpfe zu bedienen. Unten, oben, kreuz und quer, Hauptsache, es machte jemand auf. Mit ihrer Brille auf der Stirn sah sie dabei aus wie eine virtuose Pianistin auf Tauchstation.

Abbildung

Ihre Mutter lief erschrocken zu ihr. »Roxana Esmeralda Jule Babette Sauerteig!« So hieß Roxy nämlich eigentlich, denn ihre Mutter hatte von ihren eigenen Eltern – also Roxys Großeltern – gelernt, dass besonders viele Vornamen einen besonders feinen Menschen aus einem machen. Roxana Esmeralda Jule Babette Sauerteig nannte sich aber lieber nur Roxy, denn sie hatte es nicht so mit der Vornehmheit. Viel lieber mochte sie das, was ihre Mutter so gut es ging von ihr fernzuhalten suchte: kribbelige Spannung und geheimnisvolle Überraschungen.

»Komm sooofort von dem … Dingsda weg und hör auf, da rumzudrücken. Du machst dir nur die Finger schmutzig!«, stöhnte ihre Mutter und versuchte, sie von der Tür wegzuziehen. Doch Roxy hielt sich mit aller Kraft am Türknauf fest und bekam im nächsten Moment von dem angenehmen Summen des elektronischen Türöffners Unterstützung.

»Hallihallo! – Frau Sauerteig, sind Sie das? Ich habe Sie schon erwartet!«, flötete es durch die Sprechanlage.

Roxys Mutter schluckte und trat einen Schritt zurück. Im nächsten Augenblick quoll über ihnen im ersten Stock ein »Hu- hu!« aus dem Fenster, gefolgt von einer dicken Dame in einer lila geblümten Kittelschürze.

»Hier oben. Ich bin Frau Lofing, die Hauswartsfrau.« Aufgeregt beugte sie sich über ihr buntes Blumenkissen zu ihnen hinunter und zog mit ihren fleischigen Armen winkend Kreise. »Ihr Wohnungsvermittler hat mir Bescheid gegeben. Er hatte leider keine Zeit. Ich hab Ihre Schlüssel hier bei mir.«

Bevor Amalie Sauerteig etwas einwenden konnte, schwang sich die Dame schon zurück und verschwand in ihrer Wohnung. Roxy schaute zu ihrer Mutter auf. Sie kannte diesen Blick. Dieses kurze Hin-und-her-Zucken der Augen, die einem panischen Gedanken folgten. Weglaufen oder bleiben? Was tun?, fragte sich Frau Sauerteig ganz offensichtlich.