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Roxy Sauerteig – Alles löst sich in Luft auf

Über dieses Buch

Seit Roxy in die Ferdinand-Otto-Straße 3 gezogen ist, wird das Leben immer kribbeliger! Ihr Nachbar Herr Grindelmann steckt in der Klemme und nur ein waghalsiger Einbruch kann ihn retten. Aber ob das gut geht? Roxy verspricht ihre Hilfe, wenn er im Gegenzug mit ihr die weissagende Eule von Frau Feudel findet. Seit die gestohlen wurde, wimmelt‘s nämlich nur so von merkwürdigen Ereignissen! Oder ist die alte Dame verrückt und die Eule gibt es gar nicht?

Eine erfrischend originelle Detektivgeschichte, in der nichts so ist, wie es scheint!

Über die Autorin

Katharina Reschke studierte Germanistik und Romanistik in Köln und ließ sich danach in den USA für das Drehbuchschreiben begeistern. Seit 1999 arbeitet sie als freie Autorin für Buch und Film in Berlin und hat u.a. Kinofilme wie Hanni und Nanni geschrieben. Für ihre Drehbücher wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet. Ihr erstes Roxy Sauerteig-Buch erschien im Herbst 2012 im Baumhaus-Verlag, Roxy Sauerteig – Das 4. Obergeheimnis links.

Mehr unter www.katharinareschke.de

Über die Illustratorin

Susanne Göhlich studierte Kunstgeschichte in Leipzig und begann nebenher zu zeichnen. Seit 2004 arbeitet sie als freie Illustratorin und gestaltet Kinder- und Schulbücher, entwirft Plakate, leitet Zeichenkurse und betreut den Bleilaus-Verlag, in dem Kinder ihre eigenen Bücher herstellen können. Susanne Göhlich lebt mit ihrer Familie in Leipzig.

Katharina Reschke

Roxy
Sauerteig

Alles löst sich in Luft auf

mit Illustrationen von
Susanne Göhlich

017.tif

Inhalt

1. Ungezogenes Stück Brot!

2. Katastrophe

3. Roxy, Hilfe!

4. Schlechtes Karma mit roten Haaren

5. Unglücksfee

6. Fliegender Angler mit Tüte

7. Ast ohne Eule

8. Der Ruf der Eule

9. Unerwartete Tualitäten

10. Mäusealarm!

11. Spionage am Faden

12. Explosiver Geburtstag

13. Allesimeimer

14. Peter Feudel

15. Glücksfee

16. Da hilft auch keine Friedenspfeife

17. Kimimela

18. Herr Radke und Herr Grindelmann

19. Thussihafte Aussichten

Anhang: Roxys Lexikon

Vorsatz

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1. Kapitel
Ungezogenes Stück Brot!

Die Stadt lag in sanftes Mondlicht getaucht und schöpfte still nach Atem. Seit Wochen schon hatte es keinen Tropfen geregnet, und die Wetterberichte versprachen auch nichts, das auf eine Änderung schließen ließ. Was für die einen eine Beschwernis war, war für die anderen ein Sommer, der wunschlos glücklich machte.

Sommerzeit hieß Ferienzeit, und so war ein Großteil der Stadtbevölkerung in ferne Landstriche ausgeflogen. Die Zurückgebliebenen durften die entspannte Stille genießen. Gerade nachts bedeutete das, die Fenster weit offen stehen zu lassen und vom feinen Blätterrascheln im lauen Nachtwind in den Schlaf gewogen zu werden.

Auch in der Ferdinand-Otto-Straße, die rechts oben von der Stadtmitte lag, schienen alle zu schlafen. In den pastellfarbigen Häusern, die sich harmonisch aneinanderreihten, herrschte friedliche Dunkelheit. Nur in dem Haus mit der Nummer Drei, das als einziges in Kanarienvogelgelb gestrichen war und eine delfinblaue Tür besaß, leuchtete soeben ein blasser Lichtschein in den weit geöffneten Dachfenstern auf. Er kam aus einer Taschenlampe. Roxy Sauerteigs Taschenlampe. Sie hatte sie eingeschaltet, kaum, dass ihr Wecker sie pünktlich um Mitternacht geweckt hatte.

047.tif

Nun sprang sie eilig aus dem Bett und zog sich die Gummistiefel mit den Krokodilgesichtern über ihre nackten Füße. Die grüne Taucherbrille auf der Stirn gerade geschoben, machte sie sich auf den Weg.

Ganz still und heimlich.

Ihre Schritte entfachten auf dem blank polierten Holzfußboden im Flur ein leises Quietschgeräusch. Auf Zehenspitzen tapste sie an den von ihrer Mutter am Vortag noch aufgehängten Bildern vorbei.

Die Ölgemälde in den goldenen Rahmen zeigten lauter strenge Gesichter. Es waren Roxys Urgroßeltern sowie ferne Onkel und Tanten. Fast schien es, als sei die feine Verwandtschaft ihrer Mutter so gar nicht einverstanden mit dem, was sie da mitten in der Nacht an sich vorbeischleichen sah.

Wie immer ragte Roxys rote Haarmähne hinter der Taucherbrille wie eine Grasinsel aus ihrem Kopf heraus, und ihr gepunkteter Schlafanzug hatte hier und da Schokoladenflecken.

Mit einem verschmitzten Grinsen zog sie an den spitzmündigen Damen und Herren vorbei und war nur froh, dass sie sie nicht verpetzen konnten. Immerhin begab sie sich auf eine geheime Mission, von der ihre Mutter auf keinen Fall erfahren durfte.

»Liebe Roxy Hefeteig«, hatte ihre Nachbarin Frau Feudel am Vorabend geschrieben, »Kimimela hat mir vorausgesagt, dass du mir bei etwas helfen könntest. Es ist ziemlich wichtig. Komm doch mal schnell vorbei, bevor ich es wieder vergessen habe.«

Der Brief hatte außen an Roxys Dachfenster gesteckt. Wie er dorthin gelangt war, wusste sie nicht. Einzig dieses feine, kribbelige Gefühl in ihrem Bauch, das wie zehn Brausetabletten bitzelte, verriet ihr, dass ein Rätsel dahinter verborgen lag. Wenn nicht gar ein Abendteuer.

011.tif Abendteuer, so stand es in Roxys Lexikon, wurden mit einem d zwischen dem n und dem t geschrieben, weil sie meistens abends stattfinden, wenn es bereits dunkel ist.

Das Wort hatte sie sich wie viele andere in ihrem grünen Lederbuch notiert, das ihr Vater Bernd Sauerteig ihr kurz vor ihrem Umzug von Paris nach Berlin geschenkt hatte. In dem Buch schrieb sie die Worte so, wie es für sie einen Sinn ergab. Ganz nach dem Erfinder sinnvoller Rechtschreibung: 011.tif Otto Graf Hie.

Die letzten Seiten des Lexikons waren für Roxys Abendteuer reserviert. Sie hoffte, hier schon bald einen ganzen Haufen spannender Geheimerlebnisse versammeln zu können. Ein Vorhaben, das alles andere als leicht war, denn ihre Mutter Amalie Benedikta Clementine Hortensie Sauerteig, geborene von Holzschuh, tat alles, um kribbelige Überraschungen und große Spannung aus ihrem Leben fernzuhalten. Im Gegensatz zu Roxys Vater, der im Moment noch in Sibirien nach verschwundenen Pässen von Touristen suchen musste, bevorzugte Frau Sauerteig eher eine Tasse Tee in vornehmer Gesellschaft, als allzu aufregende Ereignisse.

»Es ist wichtig, meine liebe Roxana Esmeralda Jule Babette Sauerteig, dass du dich zu benehmen weißt«, betonte Frau Sauerteig immer wieder. Denn sie fand, dass gutes Benehmen (ebenso wie viele Vornamen) auf eine besonders feine Herkunft verwies. »Das willst du doch auch – einen guuuten Eindruck machen, nicht wahr, Roxanalein?!«

In der Tat wollte Roxy, dass ihre Mutter mit ihr zufrieden war, doch nannte sie sich lieber nur Roxy und schlich sich nun gaaanz leise an Amalie Benedikta Clementine Hortensie Sauerteigs Zimmer vorbei.

Von drinnen drang das vornehme Schnarchen ihrer Mutter gleichmäßig bis auf den Flur hinaus. Wie gut, dass es diese besonders feiiine, französische Watte für die Ohren gab!

Noch ein paar Schritte, dann war Roxy an der kleinen Tür angelangt, hinter der sich die Ganz-sicher-nicht-Treppe verbarg. Ihre Mutter hatte sie gleich nach ihrer Ankunft mehrfach verriegelt, denn schließlich besaßen sie ja ihren eigenen Lift. Der beförderte sie an allen Mietern vorbei vom Dach direkt ins Erdgeschoss und wieder hinauf. Da brauchte man »gaaanz sicher« keine vergammelte Hintertreppe, die auch sonst so gut wie niemand benutzte. »Außer … Ach, egal«, wie die Hauswartsfrau, Frau Lofing, ihnen bei ihrem Einzug mit vielsagender Miene erklärte.

Roxy fand schon da, dass »Außer – Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen – Ach, egal« nach weit mehr als nur einer verlassenen Treppe klang, und war deshalb auch sofort in der ersten Nacht heimlich hinuntergestiegen, um sie zu erkunden. Was sie dabei gefunden hatte, war ihr erstes echtes Abendteuer gewesen, das nun auf den letzten Seiten ihres grünen Buches stand. Es war die Entdeckung einer ihr bisher unbekannten Welt, in der sich lauter spannende Rätsel verbargen.

Denn gleich unter ihnen im 4. Stock wohnte Herr Grindelmann. Er selbst nannte sich ganz einfach und unbesonders einen »Sammler«. Doch Roxy ahnte sofort, dass er weit mehr war als das.

In seiner Wohnung türmten sich Berge von Dingen, in denen lauter spannende Geheimnisse steckten. Eins davon hatten sie bereits gelöst. Es war ein Code, den Roxy in einem Schokoladenspringbrunnen gefunden hatte und der die 011.tif Nachtbarin Jana Rasedorn aus dem zweiten Stock links und den Mann von Frau Lofing als Gauner entlarvte. Jetzt saßen sie im Gefängnis. Dass Roxy und Herr Grindelmann hinter der Enthüllung standen, wusste natürlich keiner. Und das sollte auch tunlichst so bleiben.

Leise knarrend bewegte sich die Klinke in Roxys Hand und öffnete die Tür. Mit einem Wusch flog ihr wie in der ersten Nacht eine kühle Windböe entgegen, die einen süßlich moderigen Duft in sich trug.

Sich mit der Taschenlampe den Weg leuchtend, stieg Roxy die alten Holzstufen hinab.

Im vierten Stockwerk blieb sie stehen. Herrn Grindelmanns Hintertür war nach wie vor angelehnt.

»Komisch«, flüsterte sie. Schließlich hatte sie dem Nachtbarn doch am Vortag seinen Schlüssel aus dem Parkteich gefischt und zurückgebracht, damit er endlich wieder abschließen konnte. Roxy überlegte kurz, ob sie hineingehen und ihn dazu befragen sollte, doch sie entschied sich weiterzugehen. Schließlich hatte Frau Feudel um Eile gebeten.

Als Roxy keine Minute später den ersten Stock erreichte, dämpfte sie mit der Hand ihr Licht. Aufmerksam lauschte sie in das Treppenhaus und hielt den Atem an. Alles war still. Nur ihr Herz pochte bis in ihre Ohren hinauf.

Pock, pock, pock.

Aufgeregt schluckte sie dagegen an und trat an die Hintertür. Was würde sie dahinter erwarten? Alles, was sie wusste, war, dass die alte Dame behauptete, eine 011.tif weißsagende Eule bei sich wohnen zu haben, die Kimimela hieß und aus einem Indianerstamm in Virginia kommen sollte. Doch ob das wirklich stimmte, war nicht klar. Denn niemand im Haus hatte die Eule je mit eigenen Augen gesehen. Stattdessen hielten die meisten Frau Feudel für verrückt und rieten Roxy, besser einen Bogen um sie zu machen – so wie um Herrn Grindelmann.

Tock, tock, tock, pochte Roxy an die Tür und horchte.

Außer ihrem eigenen Atem blieb alles still.

Tock, tock, tock, klopfte sie erneut – diesmal etwas lauter. Ein paar Sekunden vergingen, da wurde eine Tür im Inneren der Wohnung geöffnet. Schritte näherten sich auf dem Dielenboden.

»Hallo?«, drang Frau Feudels Stimme durch die Tür. Sie klang alarmiert.

»Ich bin’s: Roxy Sauerteig«, flüsterte Roxy.

Es dauerte einen Moment, dann wurde die Tür einen Spalt geöffnet. Die Nachbarin lugte nach draußen. In ihrem weiten weißen Nachthemd sah die zarte, alte Dame wie ein Wäscheständer mit einem übergeworfenen Laken aus. Ihre silbernen Haare wurden von einem Netz umspannt. Und auf ihrer schmalen Nase saß eine große Brille mit Lupengläsern, die ihre Augen zu riesigen Murmeln werden ließ.

»Wer bist du?«, fragte Frau Feudel erstaunt und musterte Roxy, als habe sie sie noch nie zuvor gesehen.

»Äh … Roxy«, stotterte die und hielt ihr höflich die Hand entgegen. »Von oben. Sie hatten mir doch einen Brief geschrieben.«

Genauso wie bei ihrem ersten Treffen machte die alte Nachbarin auch diesmal keine Anstalt, die Hand zu ergreifen. Stattdessen zog sie unter ihrem Fischernetz die Stirn in Falten.