Logo weiterlesen.de
Roxannia

INHALTSVERZEICHNIS

Kap 01

die Taufe

Kap 02

die Akte „DIE LISTE“

Kap 03

die erste Lebensgeschichte

Kap 04

Inspirationen

Kap 05

Roxannia schreibt eigenmächtig

Kap 06

Machtbewusstsein

Kap 07

das Versteckspiel

Kap 08

„unser“ erster Todesfall

Kap 09

wie kann eine Maschine „leben“?

Kap 10

unerklärliche Mädchennamen

Kap 11

Cornelias Einsicht

Kap 12

Cornelia wird eingeweiht

Kap 13

was weiß Roxannia wirklich?

Kap 14

das Schreibmaschinenmuseum

Kap 15

die ersten Bestattungen

Kap 16

die Akte füllt sich

Kap 17

erste Veränderungen

Kap 18

weitere, unerklärliche Mädchennamen

Kap 19

Albert, du bist zu weich!

Kap 20

Suizide oder Morde?

Kap 21

Cornelia liebt Roxannia

Kap 22

ich vernichte eine Geschichte

Kap 23

wehe dem, der in der Akte steht

Kap 24

Cornelias „Freund“

Kap 25

meine Veränderung

Kap 26

Omas Beerdigung

Kap 27

Roxannias Vergangenheit

Kap 28

Simones Geschichte

Kap 29

Roxannias Konsequenz

Kap 30

das Verhör

Kap 31

ich werde alt...

Kap 32

der Kommissar bohrt...

Kap 33

innige Gedanken

Kap 34

unser guter Pfarrer Herrler

Kap 35

eine weitere Konfrontation

Kap 36

Simone

Kap 37

das Ende der Geschichte

VORWORT

Dieses Geschenk ist genial. Ja, das kann man wohl behaupten. In meinen Augen ist es geradezu einmalig! Einfach grandios. Ja! Ich kann mich kaum mehr einkriegen. Nichts hätte mich mehr erfreuen können, als diese alte, wunderbar gearbeitete Schreibmaschine geschenkt zu bekommen.

Ich stehe gerade vor diesem wahren Prunkstück aus dem 19. Jahrhundert und kann es immer noch nicht fassen, dass es nun mir gehört. Es handelt sich bei diesem raren Modell um eine TRIUMPH-ADLER Schreibmaschine Typ SE 1041 - eine Speicherschreibmaschine, die eine Tastatur, Speichergerät und Zubehör besitzt. Solange ich zurückdenken kann, hatte ich mir eine solch auserlesene Maschine gewünscht. Jedoch ich konnte suchen, wo immer ich wollte - auf Flohmärkten, Versteigerungen und sogar bei Haushaltsauflösungen: Ich hatte kein solch überaus seltenes Exemplar gefunden.

Und nun steht dieses Präsent vor mir auf der edlen Anrichte: Herrlich schwarz, generalüberholt und natürlich frisch aufpoliert - fast wie neu, könnte man getrost sagen.

Meine Augen glänzen...

01 die Taufe

„Prost, Albert!" Josefs dunkle, sonore Stimme durchdringt die gesamte Runde. Sie übertönt mühelos all die anderen Geräusche, wie das übermütige Lachen und Gurren der Frauen, das wirre Reden der Gäste, und sogar die heiße Musik der Sechziger Jahre aus unserer alten, aber voll intakten Stereoanlage. Er, der alte Schreihals, schwenkt sein halbvolles Bierglas wie eine Fahne hin und her, so dass es leicht überschwappt, und auf den teueren Teppich tropft. Aber er darf das! Schließlich war er es, wie ich hörte, der dieses besondere Präsent auf einer Auktion in München ersteigert hatte.

Meine kleine, aber wertvolle Sammlung enthält u. a. auch eine DISCRET Zeigefingerschreibmaschine von 1899 mit 76 Schriftzeichen ohne Umschaltung, eine BEROLINA von 1901 mit Sprossenrädern und eine HAMANN Manus A von 1924 mit Schaltklinkenrädern. Dies sind wohl meine wertvollsten Stücke, die ich besitze.

Unser Wohnzimmer ist festlich geschmückt. All unsere engsten Freunde sind heute zu Gast bei uns, hier in unserem kleinen, bescheidenen Häuschen in der winzigen Ortschaft Wald.

Es regnete schon den ganzen Tag über und auch jetzt, abends, pfeift ein äußerst kalter Wind um unser kleines Haus. Das kann uns aber natürlich nicht stören: Es wird zu dieser vorgerückten Stunde anständig gefeiert und die Stimmung befindet sich auf dem absoluten Höhepunkt. Ich kann mich jedoch kaum auf die unterschiedlichen Gespräche meiner Gäste, die an mich herangetragen werden, konzentrieren. Erstens habe ich schon zu viel des guten Bieres intus, und zweitens muss ich immer und immer wieder diese herrliche Rarität, die so still und bescheiden auf der Anrichte steht, betrachten. Man könnte fast annehmen, dass sie geradezu darauf wartet, von meinen gut trainierten Fingern bearbeitet zu werden. Ich freue mich schon jetzt auf den Augenblick, wenn sie auf meinem alten, verschnörkelten Schreibtisch stehen wird und ich einen Bogen Papier in sie einspannen werde.

Einspannen darf.

Welch eine Ehre!

Diese alten Lettern!

Diese perfekte Verarbeitung!

Einfach einzigartig!

Gut, vielleicht mag mich der Ein oder Andere in unserem Bekanntenkreis (oder auch im engsten Familienkreis!) wegen meiner Besessenheit hinsichtlich alter Schreibmaschinen auslachen, aber für mich persönlich gibt es nichts Schöneres, als der Anblick einer alten, gut erhaltenen Schreibmaschine, die noch perfekt funktioniert.

Es ist schon weit nach Mitternacht und unsere Geburtstagsparty erreicht ihren absoluten Höhepunkt. Der Lärmpegel ist enorm. Simone, meine Frau, flüstert mir klammheimlich zu, dass ihre Augen aufgrund des starken Rauchens der Freunde und Freundinnen sehr tränen würden und ich rate ihr, sich doch zwischendurch auf die kleine Terrasse in die frische Luft zurückzuziehen. Was soll ich ihr auch sonst empfehlen? Schließlich kann man niemanden auffordern, das Rauchen einzustellen!

Ich stelle mich in Pose, wie sich das für einen guten Gastgeber gehört:

„Leute!“, rufe ich quer durchs geräumige Wohnzimmer, „ich muss Leider etwas lüften!“

„Tu dir keinen Zwang an!“, meint Renate lachend. Sie ist Bernhards Ehefrau.

„Gefällt dir das gute Stück?“, will Stefan von mir wissen, während ich die Terrassentüre weit aufreiße. Eine halbgerauchte Zigarette hängt in seinem Mundwinkel und unser Blick wandert automatisch zu meiner Frau, die dort draußen steht und friert.

„Meinst du Simone oder die Schreibmaschine?“

Lautes Lachen begleitet meine Rede. Sie alle kennen meinen etwas sonderbaren, schwarz angehauchten Humor.

Als um halb vier Uhr morgens endlich die letzten Gäste das Fest verlassen, sieht es im Erdgeschoss aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte.

„Na? Was sagst du?“ Forschend sieht sie mich von der Seite an. Sie zieht dabei ihre Augenbrauen hoch.

„Was meinst du, Simone?“

„Jetzt hast du ja deine Schreibmaschine, die du dir immer so sehr gewünscht hast!“

„Ich möchte nicht wissen, was sie dafür bezahlt haben.“

„Nun, immerhin haben zwölf Leute zusammengesteuert, Albert. Schließlich war es dein 50. Geburtstag! Ein halbes Jahrhundert!“

„So alt wird kein Schwein!“, meckere ich, gespielt entrüstet. Aber ich würde natürlich gerne von ihr hören, dass fünfzig Jahre noch kein Alter ist.

„Auf die nächsten fünfzig!“, spöttelt sie.

„Warte nur, wenn du deinen Fünfzigsten feiern wirst! Dann wird dir das Lachen schon vergehen, Simone!“

„Bis dahin werden aber noch einige Jahre vergehen! Genauer gesagt ein ganzes Jahrzehnt!“

„Musst du mir denn immer so deutlich auftischen, wie jung du noch bist?“, stänkere ich.

„Wieso? Du hast doch mit diesem Thema angefangen.“

Unser allgemeiner Umgangston ist trotz der kleinen Neckereien sehr liebevoll. Unser Familienleben ist, so könnte man getrost sagen, intakt.

Noch.

Ich helfe ihr natürlich dabei, zumindest die gröbste Unordnung aufzuräumen: Aschenbecher ausleeren, Gläser, Teller, Schälchen und sonstigen Krimskrams in der Geschirrspülmaschine verstauen, leere Flaschen und Fläschchen in den Müll bringen und die Kleinmöbel wieder zurechtrücken.

„Du bist sicher auch müde. Den Rest erledige ich morgen, Albert. Komm. Lass uns ins Bett gehen.“ Sie gähnt laut und hemmungslos.

„Schläft die Kleine schon, Simone?“

„Die kleine Cornelia ist inzwischen zwanzig Jahre alt, du Witzbold!“

„Du weißt doch, dass sie für mich immer unsere Kleine bleiben wird.“

„Ja, ich weiß. Ich glaube, sie schläft schon tief und fest.“

Die Feier war gelungen. Es hatte offensichtlich jedem gefallen. Und genau dies war natürlich die Hauptsache. Wir sind hundemüde und schon sehr bald befinden wir uns im Reich der Träume. In dieser sternenklaren Nacht träume ich von meiner „neuen“ Schreibmaschine. Wie alle meine Maschinen bekommt sie einen Namen:

Ich taufe sie...

... ROXANNIA.

Ein wirklich schöner Name. Wie ich auf diesen Namen kam? Ich würde sagen, es war so etwas wie eine Eingebung.

Ja, eine innere Eingebung.

So könnte man es getrost nennen.

Denn wenn ich nicht von ihr und ihrem neuen Namen geträumt hätte, wäre ich sicherlich nicht auf diesen außergewöhnlichen Namen gekommen.

02 die Akte „DIE LISTE“

Als wir Drei am nächsten Mittag (!) in der Küche am Frühstückstisch sitzen, erzähle ich meinen beiden Frauen, dass ich mein Geburtstagsgeschenk Roxannia getauft habe. Cornelia lächelt mich hintergründig an und lästert:

„Du bist ja ausschließlich von Damen umgeben. Warum gibst du eigentlich all deinen Schreibmaschinen immer nur weibliche Namen, Paps?“

„Das ist doch völlig logisch! Das Wort Schreibmaschine ist weiblich. Die Schreibmaschine. Kapiert?“

„Also, ich finde es auch schöner, wenn sie alle weibliche Namen tragen.“, mischt Simone sich ein. „Wie würde sich das denn anhören: Rudolf, die Schreibmaschine. Einfach lächerlich!“

Meine göttliche Roxannia steht immer noch auf der Anrichte im Wohnzimmer. Ich kann es kaum noch erwarten, sie mit nach oben in mein kleines, geliebtes Schreibzimmer zu nehmen. Hin zu all den anderen Artgenossinnen, die nur darauf warten, eine „neue“ Maschine mit in ihren Kreis aufnehmen zu dürfen.

Für mich ist sie ein Unikat!

Roxannia.

Mit halbvollem Mund stehe ich auf und entschuldige mich bei den Damen:

„Ich muss mich jetzt um die Maschine kümmern.“

„Hältst du es nicht mehr aus?“, stichelt Cornelia leise.

„Du kennst mich doch, oder?“

„Ja, ja. Geh mal hinüber zu deiner neuen Errungenschaft und bringe sie nach oben unters Dach - in dein kleines Heiligtum!“, lacht Simone und zwinkert Cornelia verschwörerisch zu.

Ich marschiere aus der Küche durch den langen, dunklen Flur, hinein ins halb aufgeräumte Wohnzimmer. Kalter Rauch steht noch deutlich im Raum, und ich öffne zuerst einmal die breite Terrassentüre.

„Es zieht!“, schreit Simone.

„Ich muss hier durchlüften! Es riecht immer noch sehr nach Rauch!“

Ist es wirklich kalter Rauch?

Oder ist etwas Anderes?

Etwas ganz Anderes?

Mit glänzenden Augen betrachte ich meine heiß geliebte Schreibmaschine:

„Hast du gut geschlafen, Roxannia?“

Ich nehme sie hoch (mein Gott! Ist die schwer!) und trage sie langsam und behutsam die Treppe nach oben. Vom ersten Obergeschoss geht es eine schmale, siebenstufige Treppe, die kein Geländer besitzt, hoch, hinauf zu meinem kleinen, aber sehr gemütlichen Schreibzimmer. Mit dem Ellbogen drücke ich die Türklinke nach unten und die Tür schwingt nach innen auf. Ich stelle die Maschine direkt neben meinen PC auf den schwarzen Schreibtisch, der an der rechten Wand steht. Danach schiebe ich sowohl den Bildschirm, als auch die Tastatur inklusive Maus und Pad zur Seite und stelle Roxannia exakt in die Mitte der Schreibtischoberfläche. Nun gehe ich zwei Schritte zurück und betrachte das gesamte Bild. Es ist ein echtes Stilleben. Es kommt mir so vor, als ob der alte, wurmstichige Schreibtisch, den ich vor vielen Jahren von meinem Uronkel Günter geerbt hatte, nur darauf gewartet hatte, diese einmalige Schreibmaschine tragen zu dürfen.

Auf meinem Schreibtisch befinden sich des Weiteren eine herrlich, geschwungene Lampe, die ich mit rotem Fingernagellack verschönert habe. In der Mitte des Zimmers hängt zwar zusätzlich noch eine große Lampe mit drei Strahlern, aber ich bevorzuge meistens, um die allgemeine Atmosphäre zu bereichern, lediglich meine kleine Tischlampe, in der sich eine 40-Watt-Lampe befindet. In dieser halbdüsteren Beleuchtung habe ich die besten Einfälle. Jedenfalls bilde ich mir das ein! Außerdem stehen noch - einer links, der andere rechts - aus Gips hergestellte, ebenfalls rot lackierte Geisterfiguren, die ich auf einem Flohmarkt in Nürnberg erstehen konnte. All diese ungewöhnlichen Dinge bereichern meine Phantasie. Sie regen mich sozusagen an.

Rechts neben dem Tisch hinter der Türe (das Zimmer habe ich übrigens selbst in Handarbeit ausgebaut), steht ein altes, stabiles Holzregal mit vier gleich hohen Fächern, in dem ich zwölf alte Schreibmaschinen platziert habe. Dieses Regal reicht bis hinauf zur Zimmerdecke, besser gesagt, zum Dach des Hauses. Wenn man den Raum betritt, sieht man genau vor sich, auf der gegenüberliegenden Seite, also unter dem schrägen Dach, das quadratische Fensterchen, das meistens gekippt ist. Nur wenn es stark regnet oder schneit, schließe ich es. Die frische Luft macht meinen Kopf frei. Frei für, meiner Meinung nach, gute Texte...

An der linken Wandseite befindet sich ein riesiger Spiegel mit den Maßen 2x1 Meter. Wenn ich davor stehe, kann ich meine gesamte Gestalt sehen. Auch diesen wunderschönen, mit Ebenholz verzierten Spiegel hatte ich von einer Tante geerbt, deren Name Kunigunde war. Danke, liebe Tante! Links neben dem alten Spiegel steht ein weiteres, hohes Holzregal, in dem sich neun alte Schreibmaschinen (die meisten sind Marke Adler) befinden. Der hochmoderne, höhenverstellbare Ledersessel mit Armlehnen, der an meinem Schreibtisch steht, passt zwar nicht so recht in die urige Umgebung, aber dafür ist er ungemein bequem. Ich liebe ihn und möchte ihn gegen keinen Anderen eintauschen.

„Solange man über dich spricht, Albert, lebst du noch!“, pflegt Simone zu sagen, wenn ich wieder einmal irgendwo im Dorf eine Geschichte über mich höre. Eine Story, die man sich hinter vorgehaltener Hand erzählt, und die mir dann doch zufällig zu Ohren kommt. (Diese Erzählungen basieren natürlich ausschließlich aus den locker-flockigen Sprüchen meiner lieben Ehefrau und Cornelia, wenn sie zum Einkaufen oder zum Friseur gehen):

„Schaut ihn euch an! Da hockt er mutterseelenallein in seinem Zimmerchen und schreibt groteske Geschichten!“

Oder: „Was schreibt er denn für Horrorgeschichten, dieser verschrobene Typ?“

Oder: „Hat er schon etwas veröffentlicht?“

Oder: „Ob wohl irgendein Verlag seine furchtbaren Geschichten annehmen wird?“

Oder: „Man müsste sich mal in einer Buchhandlung nach seinem Namen erkundigen!“

Oder: „Vielleicht schreibt er auch unter einem Pseudonym?“

Oder: „Seine Frau Simone wird heilfroh sein, wenn er den ganzen Tag da oben sitzt.“

Oder: „Ich hätte auch gerne einen Mann, der die ganze Zeit über nur in seinem Zimmer sitzt und schreibt.“

Dies sind wahrscheinlich die üblichen Frotzeleien unserer Mitbürger in Wald. So - oder so ähnlich.

Die wirklich kleine Ortschaft Wald, die etwa zweihundertundfünfzig Einwohner zählt, liegt knapp einen Kilometer vom (künstlich angelegten) Altmühlsee entfernt. Die direkte Nachbarortschaft heißt Schweina in der Gemeinde Gunzenhausen. Auf unserem See schippern sogar einige Schiffe, die Personen befördern, von Hafen zu Hafen. Viele Segler haben hier ihre Boote liegen. Man kann sich als Besucher Tretboote, Kajaks und auf dem Festland Fahrräder ausleihen. Es gibt fest angelegte Nord- bzw. Südufer mit kleinen Jachthäfen. Wenn man im See schwimmen will, kann man sich auf so genannten Schwimminseln ausruhen. Die Gemeinde hat auch noch kleine Strände, die mit Sand angereichert wurden, für die Leute angelegt. Soweit zu unserem Dorf und zu unserem geliebten See.

Zurück zu mir: Seit ich in Frühpension bin, befasse ich mich mit dem laienhaften Schreiben. Ich, der frühere Geographie- und Geschichtslehrer, hat dieses herrliche Hobby für sich entdeckt. Und ich bin sehr froh darüber. Zuerst schrieb ich amüsante und auch zum Nachdenken anregende Kurzgeschichten, aber dann, nach etwa einem Jahr, machte ich mich an meinen ersten Roman heran. Mittlerweile sind vier oder fünf Jahre vergangen und ich habe sieben fertige Romane verfasst. Es handelt sich um zwei Psychothriller sowie um fünf Horrorthriller. Letzteres ist mein Spezialgebiet. Unter Horror verstehe ich persönlich nicht einen entsprungenen Irren, der mit der großen Gartenschere durch die Gegend rennt und irgendwelche unschuldigen Menschen die Köpfe abschneidet, dazu dementsprechend riesige Blutlachen, sondern vielmehr kalte, grauenhafte Angst, völlige Hilf- und Machtlosigkeit gegenüber ungeheuerlichen und schier unabwendbaren Situationen. Ich stehe auf hintergründige und undurchsichtige Szenen. Am meisten liebe ich die alten Schinken von Edgar Allen Poe. Seine Ausdruckskraft war enorm. Und die Filme, die aus seinen Büchern entstanden, so finde ich, waren einzigartig. Ich habe jedes dieser Wunderwerke mehrere Male gelesen.

Jedes!

Ich selbst sehe mich aber nicht als professionellen Schriftsteller. Keineswegs! Ich bin ja auch kein solcher! Das freie Schreiben ist, wie schon erwähnt, neben dem halbprofessionellen Sammeln von alten Schreibmaschinen mein absolutes Lieblingshobby, und das soll es auch bleiben. Gut, vielleicht werde ich irgendwann versuchen, meine Arbeiten über eine Literaturagentur vermarkten zu lassen, aber momentan verschwende ich keinen einzigen Gedanken daran. Schließlich möchte ich mich nicht selbst unter Druck setzen oder mich bei Verlagen in der sicherlich endlos langen Reihe der angehenden, hoffnungsvollen Autoren anstellen müssen!

Als ich mit diesem einzigartigen Hobby begann, war es mein alleiniges Ziel, mich mit Hilfe des freien Schreibens gedanklich und geistig auszuleben bzw. mein Gehirn zu trainieren. Es bedeutet für mich höchste Entspannung, wenn ich an meinem IBM Think Pad Computer sitze und mich über einen neuen Roman, der mir gerade durch den Kopf spukt, heranmache. All meine Manuskripte begannen mit einer Blitzidee. Zwei, drei Wörter, die ich aufschnappe (meist von Simone) genügen, um in meinem Kopf eine Geschichte entstehen zu lassen. Ich finde, es ist immer wieder ein kleines Wunder, wenn es soweit ist. Wie die Geschichte wächst und wächst und schließlich gewisse Formen annimmt. Es ist fast mit dem Entstehen menschlichen Lebens - sinnbildlich gesehen - zu vergleichen. Eine schriftliche Kettenreaktion entsteht.

Nun ja...

Soweit, so gut.

Der Rest des zweiten Obergeschosses ist nicht ausgebaut. Auf dem Speicher türmen sich alte und zum Teil kaputte Möbel sowie tausend andere Gegenstände. Simone trennt sich äußerst ungern von alten Dingen (somit auch nicht von mir!) und so kommt es, dass der Speicher übervoll ist.

Ich betrachte stolz meine gesamte Sammlung und komme zu dem Schluss, dass sie einzigartig ist. Gut, sie ist nicht allzu groß bzw. umfangreich, aber dafür hoch konzentriert. Was würde sie wohl wert sein, geht es mir unwillkürlich durch den Kopf. Jedoch nichts auf dieser Welt könnte mich dazu bringen, auch nur eine einzige Maschine herzugeben.

Nichts!

Ich schließe die Tür, setze mich in meinen Sessel und streiche vorsichtig und liebevoll über die neue (alte) Maschine. Dann zünde ich mir eine Zigarette an und paffe genussvoll über Roxannia hinweg.

Wem sie wohl gehört hatte, überlege ich. Sicher hatte sie nur einen, höchstens zwei Besitzer. Wie gepflegt sie doch ist! Fast wie neu, könnte man getrost sagen. Nicht den geringsten Defekt kann ich an ihr erkennen. Ich greife in die linke Schublade meines Schreibtisches, in der ich wahre Mengen von losem Papier im DIN-A-4-Format liegen habe und spanne vorsichtig einen Bogen ein. Ich drehe ein wenig und schließlich tippe ich die ersten Lettern:

R O X A N N I A.

Wie hart, aber wie gut die Tasten zu bewegen sind! Wie gleichmäßig sie tickert, die kleine Roxannia, wenn man auf ihr schreibt! Und wie hervorragend die leicht nach innen gewölbten, kalten Tasten in den Fingern liegen!

Plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, habe ich eine wunderbare Idee: Ich werde den Computer etwas schonen und auf Roxannia einige kurze Geschichten schreiben. Geschichten über die Menschen, die hier in Wald - zusammen mit uns - seit langer Zeit leben. Das Flair dieser einzigartigen Maschine wird mich in meiner Ausdruckskraft beflügeln. Ich spüre es bereits jetzt sehr deutlich. Mein Computer ist zwar hochprofessionell und sehr schnell, aber mit diesem Prachtstück nicht zu vergleichen. Roxannia ist eine völlig andere Dimension. Ich werde mir Zeit lassen, mir Zeit nehmen, um auf Roxannia eine Anzahl von guten Kurzgeschichten entstehen zu lassen. Ich werde nicht sehr schnell vorankommen, weil ich ja seit einiger Zeit an den PC gewöhnt bin, aber das wird mich nicht weiter stören. Im Gegenteil! In der Bedachtheit liegt die Kraft!

Ich tippe noch folgenden Text:

DU BIST EINZIGARTIG, ROXANNIA!

Sie ist laut, die Maschine. Aber auch dies stört mich nicht. Die leicht geschwungenen Lettern zeichnen sich gleichmäßig und ohne die geringsten Fehler von dem weißen Papier ab.

Diese Maschine - so bilde ich mir in diesem Moment ein - wird mir helfen, all das auszudrücken, was mir schon lange im Kopf herumspukt: Die exakte Beschreibung der Charaktere meiner Freunde und Bekannten mit all ihren Vorzügen und Nachteilen.

Ihren Eigenarten.

Ihren Bösartigkeiten.

Ihren innersten, wahren...

... ICHS.

Ich werde sie analysieren, sie einstufen und auf dem Papier verewigen. Und Roxannia wird mein Werkzeug sein. Unsichtbare Rauchschwaden strömen aus meinem Gehirn und verflüchtigen sich aus dem halboffenen Fensterchen.

Ich wundere mich plötzlich, in diesem Moment, über mich selbst: Wie war ich eigentlich auf die sonderbare Idee gekommen, all meine Freunde und Bekannten in einzelnen Kurzgeschichten festzuhalten? Ich selber war sicherlich nicht auf diese grandiose Idee gekommen!

Es durchzuckt mich: Aber natürlich!

Es war der Einfluss von Roxannia!

Diese herrliche Maschine hatte mich auf diesen wunderbaren Einfall gebracht, als ich mit den Fingern zärtlich über ihr Gehäuse gestrichen hatte.

Was für ein verrückter Hund bin ich doch, lache ich innerlich. Alte Schreibmaschinen! Warum mussten es ausgerechnet solche sein? Es hätten doch auch Rechenmaschinen sein können? Nein. Aber natürlich! Es war mein damaliger Entschluss gewesen, mit dem Schreiben zu beginnen. Daraus resultierend war meine große Schwäche zu diesen wunderbaren Geräten entstanden.

Egal.

Sei es, wie es wolle.

Zurück zu meinem Entschluss: Über wen von meinen Bekannten soll ich die erste Geschichte schreiben? Soll ich Prioritäten setzen, oder mache ich es nach dem Zufallsprinzip? Soll ich Freunde vor Bekannte setzen, oder umgekehrt? Mit wem soll meine „Sammlung“ beginnen?

Etwa mit mir selbst?

Was für ein Unsinn!

Ich überlege lange, sehr lange, und komme zu dem Schluss, dass ich es nach Gefühl machen werde. Genau. Das wird wohl das Beste sein. Ich kann die einzelnen Storys ja hinterher nach Alphabet, Bekanntheitsgrad oder Wichtigkeit sortieren.

Ich lege ein neues Blatt Papier ein. Kerzengerade - die Luft etwas angehalten - beide Hände auf der ungewohnten Tastatur, beginne ich mit meiner außergewöhnlichen Arbeit:

“D I E L I S T E”

(Eine Serie von heiteren Geschichten)

Ob sie wirklich so heiter werden?

Mal sehen.

Hart tickern die Typen auf das geduldige Papier. Roxannia tritt in Aktion. Ein gutes, ungewohntes Gefühl durchströmt mich, als ich hier vor dieser Maschine sitze, und unwillkürlich gleiten meine Augen immer wieder über die elegante Form des Gehäuses. Diese Einzigartigkeit! Sie versucht wohl, mich mit ihren eleganten Formen abzulenken? Will sie mit mir flirten? Ob man heutzutage solch eine Maschine noch fertigen könnte? Ich denke, nicht.

Sie ist ein absolutes Meisterwerk.

Bildschön.

Für mich ein absolutes Einzelstück.

Roxannia.

03 die erste Lebensgeschichte

Meine erste Geschichte beschreibt Bernd Beinrieder, unseren netten Lebensmitteleinzelhändler. Ich hatte damals mit ihm vier Jahre lang in der Grundschule die Bank gedrückt, bevor ich ins Knabengymnasium gewechselt war. Mit ihm hatte ich viele Jungenstreiche erlebt, und ich muss sagen, dass wir uns damals recht gut verstanden hatten. Das war aber auch schon alles. Inzwischen sind knapp vierzig Jahre vergangen. Er hatte, soviel mir bekannt war, die Mittlere Reife gemacht und später das ansässige Lebensmittelgeschäft seines mittlerweile verstorbenen Vaters in unserem winzigen Ort übernommen. Bernd hatte sich im Laufe der Jahrzehnte recht negativ entwickelt: Vor einem oder vor zwei Jahren war er von seiner Frau geschieden worden, weil er sie angeblich regelmäßig verdroschen hatte. Grund: Eifersucht. Begründet? Nein. Bernd ist heute ein gieriger, etwas heruntergekommener Mensch, der seine Kundschaft halbwegs freundlich bedient. Da er in Wald das Monopol besitzt, hat er es natürlich nicht nötig, die Preise im Rahmen zu halten. Gut, viele Leute fahren nach Gunzenhausen, das nur einige Kilometer von Wald entfernt liegt, oder auch nach Weißenburg, aber dennoch kaufen die meisten Einwohner bei ihm die Dinge, die schnell nötig sind, wie z. B. Alkohol, Brot und Zigaretten. Auch wir machen es uns oft leicht und verzichten auf den Preisvorteil in den Kleinstädten, nur um uns aus reiner Bequemlichkeit die Fahrt dorthin zu sparen. Bernd weiß darum, und er nützt es aus.

Der Gierschlund.

Die Typen rasen über das Papier. Der Text entsteht. Er fließt mir aus den Fingern, als ob ihn mir jemand zuflüstern - ihn mir diktieren - würde. Gleichmäßig und schnell geht dieses eigentümliche Stakkato der Typen vonstatten. Ich befinde mich wie in einem Rausch, als ich über die Person Bernd Beinrieder schreibe. Mir ist nicht bewusst, was ich da alles zu Papier bringe. Es geht wie von selbst und ich wundere mich nun gar nicht mehr.

Wahrscheinlich, so sage ich mir insgeheim, liegt es daran, dass ich ihn so gut kenne! Aber es ist trotzdem seltsam: Mir war gar nicht klar, dass ich ihn...

... so gut kenne!

So genau!

So deutlich!

Und so präzise!

Je mehr ich über den Unglücklichen verfasse, desto intensiver wird der Text. Dieser gibt sich nun nicht mehr mit irgendwelchen Äußerlichkeiten ab, nein, nun geht es übergangslos ans Eingemachte. Immer mehr Einzelheiten über Bernds miesen Charakter, seine innersten Gedanken fließen aus meiner symbolischen Feder.

Aus meinem Werkzeug Roxannia.

Ich versuche, aufzuhören, den Text zu beenden, jedoch es gelingt mir nicht. Wie ein ferngesteuerter Roboter dresche ich die Worte und Sätze aufs Papier. Schon ist die erste Seite voll geschrieben und mit fliegenden Fingern wechsle ich das Papier. Schnell, sehr schnell und ohne Unterbrechung geht es weiter, und es will einfach nicht enden...

Verdammt!

Was soll das alles bedeuten?

Bin ich noch Herr meiner Sinne?

Schließlich, nach drei vollen Seiten verklingt dieser eigentümliche Anfall. Die Geschichte über Bernd Beinrieder ist zu Ende.

Ich atme tief durch.

Meine Finger zittern.

Und mein Atem geht hastig.

Er fliegt!

Was war nur los mit mir?

Ich wollte völlig entspannt und gelassen die erste Geschichte auf Roxannia schreiben. Aber irgendetwas Unbekanntes hatte mich vorangetrieben. Erbarmungslos. Es hatte mich nicht mehr losgelassen, und nun sitze ich vor der kompletten Geschichte über meinen ehemaligen Schulkameraden und schwitze.

Was habe ich da eigentlich geschrieben, geht es mir durch den Kopf. Normalerweise hätte ich über Bernd höchstens eine knappe DIN-A-4-Seite verfassen können. Denn mein Wissen über ihn ist begrenzt!

Innerlich unruhig beschließe ich, den gesamten Text noch einmal zu lesen, ihn zu korrigieren. Ausschau zu halten nach Tipp- und Formfehlern. Ob die Geschichte auch Hand und Fuß hat? Mir wird in diesem Augenblick bewusst, dass es mir normalerweise ganz einfach nicht möglich gewesen wäre, so schnell und ausführlich über diesen Mann zu schreiben. Woher war dieses plötzliche Wissen gekommen? Woher diese Insiderinformationen? Was waren das für ungewöhnliche Eingebungen, die mich anhielten, dies alles zu schreiben?

Ich lehne mich zurück, die drei komplett voll geschriebenen Blätter übereinander liegend, und beginne zu lesen:

GESCHICHTE 01: Bernd Beinrieder, Lebensmittelhänd-ler, geb. am 20.09.1954 in Nürnberg, geschieden, keine Kinder...

Verflucht! Das habe ich doch gar nicht geschrieben! Ich schrieb lediglich seinen Vor- und Zunamen, jedoch keine Silbe von Geburtsdatum und Familienstand! Auch von Kindern erwähnte ich nichts! Was wird hier gespielt? Ich kenne weder sein Geburtsdatum, noch den Geburtsort! Ich muss mich über Roxannia schon sehr wundern. Ja, sie verblüfft mich absolut.

Das hatte sie geschrieben!

Sie - Roxannia!

Wie aber konnte sie wissen, welchen Bernd Beinrieder ich meinte? Schließlich gibt es Hunderte oder gar noch mehr Männer, die exakt diesen Vor- und Zunamen haben. Aber wahrscheinlich weiß Roxannia in dem Moment, in dem ich über jemanden schreibe, wen ich damit meine. Ja, so wird es wohl sein. Ich bin nun völlig verwirrt und weiß gar nicht, wie mir geschieht. Wie kann so etwas passieren? Völlig ratlos und innerlich sehr aufgeregt lese ich weiter...

Die gesamte Erzählung ist wesentlich negativer, grausamer und brutaler, als ich geglaubt hatte, sie geschrieben zu haben. Ich bezeichnete ihn auch nicht als herzlosen, gierigen Kleinkaufmann, der aus grundloser Eifersucht seine Frau zusammengeschlagen hatte! Ich dachte, ich hätte es völlig anders formuliert: Mehr durch die Blume, nicht so direkt. Aber hier steht es schwarz auf weiß:

Bernd entpuppte sich als hinterhältiger, gemeiner Ehemann, der seiner Frau Emma chronische Untreue vorgehalten hatte. In Wirklichkeit jedoch wollte er nur von sich ablenken, sie, die gute Ehefrau loswerden, um endlich frei zu sein für seine geile Geliebte, die direkt neben ihm im Nachbarhaus wohnt und schon lange geschieden ist. Es war ihm jedes Mittel recht, seine Frau loszuwerden usw.

Ich kann es immer noch nicht fassen: Ich hatte auch nie etwas von einer Geliebten gewusst! Das soll ich geschrieben haben? Niemals! Wie kann ich über etwas schreiben, was mir nicht bekannt ist?

Ich blicke mich in meinem Zimmerchen um und frage mich insgeheim, ob es hier wohl mit rechten Dingen zugeht. Was ist denn in mich gefahren, verdammt noch mal? Ich starre auf die losen Blätter - meine Handinnenflächen sind nass vor Aufregung - und lese weiter.

Im Laufe des folgenden Textes stellt sich heraus, dass ich über ihn, diesen Bernd, weitere Dinge geschrieben habe, die mir zuvor völlig unbekannt waren. Ich bezeichne ihn als äußerst negativen Gesellen, als miesen Charakter, der sehr viel Dreck am Stecken hat. Wenn dies alles stimmt, überlege ich, als ich mit dem Lesen fertig bin, dann ist dieser Mann eine Bestie! Ein kleines, unscheinbares Monster!

Nein, das kann nicht sein.

Es ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Oder?

Ich zünde mir eine Zigarette an und beschließe, nachdem ich einen Schluck kalten Kaffees genossen habe, den gesamten Text noch einmal durchzugehen. Ich kann es einfach nicht verstehen, was ich da zu Papier gebracht habe.

Sehr, sehr langsam lese ich den Text ein zweites Mal. Und ein drittes Mal. Je länger ich mir den Stoff reinziehe, desto mehr bin ich doch davon überzeugt, dass der gesamte Inhalt die Wahrheit ist. Ich weiß zwar nicht warum, aber ich werde mir immer sicherer, dass all diese Anschuldigungen gegen ihn, den Bastard, stimmen.

Obwohl ich es zuerst gar nicht glauben konnte!

Und ich es nun auch gar nicht glauben möchte!

Ich wehre mich dagegen zwar, aber sie ist einfach stärker.

Wer?

Die Erkenntnis, dass diese Geschichte stimmen muss!

Klingeling!

Ich höre unser kleines Glöckchen klingeln: Da ich ein sehr schreckhafter Mensch bin, brachte ich kürzlich dieses Glöckchen vor der Türe meines Zimmers an. Simone läutet mir nun, wenn das Mittag- oder Abendessen fertig ist. Schon oft hatte sie mich zuvor unbewusst und ungewollt erschreckt, wenn sie die Türe aufgerissen hatte und ich - vom Schreiben abgelenkt - in Gedanken vertieft war.

Behutsam stehe ich auf und öffne die Türe. Simone ist schon wieder nach unten gegangen. Frischer Bratenduft zieht in meine Nase.

Als wir Drei dann am Abendtisch in der Küche sitzen, erzählt uns Cornelia von ihrer Arbeit:

„Ich bin jetzt die rechte Hand des Chefs, Paps!“ Wie freudig sie strahlt!

„Ist ja phantastisch, Kleines!“

„Sag nicht immer Kleines zu mir.“

„Ist ja recht, Cornelia.“

„Und wo ist deine Kollegin Maria?“, will ihre Mutter von ihr wissen.

„Sie ist im Mutterschutzurlaub!“

„Ist es schon so weit?“

„Ja, in den nächsten Tagen.“

„Und jetzt seid ihr Zwei alleine in der Praxis?“, bohre ich nach.

„Ja, nur Hugo und ich.“

„Nur... Hugo... und du?“ Simones Augen sind weit aufgerissen.

„Ja, wieso auch nicht?“, schnippisch ist ihre Antwort.

„Und seit wann duzt ihr euch?“, stichelt Simone weiter.

„Seit wann wir uns duzen?“

„Keine Gegenfragen, bitte!“, mische ich mich ein.

„Das geht euch gar nichts an!“ Jetzt ist sie eingeschnappt, die Kleine.

„Du hast ja recht, Kind. Es geht uns wirklich nichts an.“

„Mutti, wie oft soll ich es dir noch sagen: Ich bin kein Kind mehr! Ich bin eine Frau! Genau wie du!“

Jetzt hat sie also die Katze aus dem Sack gelassen: Zwar nicht bewusst, aber doch. Sie ist also kein Kind mehr. Hat sie etwa dieser verfluchte Zahnarzt... - mir wird bei diesem Gedanken ganz heiß. Er, ihr Chef, treibt es mit ihr. Dieser Drecksack. Er ist seit zwanzig Jahren verheiratet und hat selber eine Tochter in Cornelias Alter. Er, der Herr Doktor, ist gerade mal drei oder vier Jahre jünger als ich! Er hat sich also an ihr vergriffen. Und sie ist auch noch stolz darauf, das dumme Kind! Was soll ich nur tun? Mich einmischen? Ihn zur Rede stellen? In diesem Falle wird er sie wahrscheinlich entlassen. Immer noch besser, als ein solch abartiger Dauerzustand, überlege ich.

Cornelia kaut auf ihrem Fleisch herum, das ihr offensichtlich überhaupt nicht mehr schmeckt. Vorwurfsvoll klagt sie:

„Euch kann man aber schon gar nichts erzählen!“

„Das soll gar nichts sein?“, keift ihre Mutter zurück.

Sicherlich denkt sie jetzt das Gleiche, wie ich.

„Ich weiß schon, was ihr euch denkt!“

„Und das wäre?“ Bohrend ist mein Blick.

„Dass ich mit meinem Boss ein Verhältnis habe!“

„Und? Ist es nicht so?“

„Aber nein. Was ihr euch immer einbildet.“

„Er ist doch dein Typ, oder?“, knurre ich.

„Paps, du bist mein Typ. Und sonst Keiner.“

Will sie mich beruhigen oder gar verarschen? Es hört sich jedenfalls nach beidem an. Dieses Früchtchen!

„Ich ziehe mich jetzt um und fahre noch auf ein Eis nach Gunzenhausen.“

„Mit wem denn, Cornelia?“ Neugierig ist Simones Blick.

„Mit meinem neuen Freund natürlich!“

„Kennen wir ihn?“

„Nein. Noch nicht. Ich kenne ihn selber erst ein paar Tage. Er ist Patient bei uns!“

Mir fallen hundert Steine vom Herzen. Ihr traue ihr nämlich nicht zu, dass sie uns - ihre Eltern - so offensichtlich anlügt. Dieser Kelch ging also an uns beiden noch einmal vorüber. Ich weiß wirklich nicht, was ich getan hätte, wenn es ihr Chef Dr. Hugo Schramm gewesen wäre, der sie...

Oder war es nur eine Notlüge von ihr?

Nur dem Zwecke dienlich, uns zu beruhigen?

Simone schaut mich kurz an und ihr Blick sagt mir alles: Auch sie ist sich nicht sicher, ob uns Cornelia die Wahrheit gesagt hat, oder nicht. Wir werden diesbezüglich momentan gar nichts tun können. Abwarten und Tee trinken, heißt die Devise.

„Du könntest uns, wenn du wieder zurückkommst, von der Eisdiele zwei Portionen mitbringen! Machst du das für uns, Cornelia?“

„Ja, Mutti. Kein Problem. Ich weiß nur nicht, wann genau ich wieder heimkomme.“

„Das macht gar nichts. Wir sind auf jeden Fall wach.“

„Mit oder ohne Sahne?“

„Mit natürlich!“, lacht sie.

Das aufregende Dreiergespräch ist zu Ende. Cornelia zieht sich nach oben in ihr Zimmer zurück, um sich zu schminken, und wir zwei Alten sitzen im Wohnzimmer und diskutieren leise über unser kleines Problem:

„Meinst du, dass sie uns ansingt, Albert?“

„Ich traue es ihr eigentlich nicht zu.“

„Aber wir haben sie ja so in die Enge getrieben! Es könnte doch sein, dass sie sich eine Notlüge hat einfallen lassen.“

„Lass uns abwarten, Simone. Es bringt jetzt nichts, wenn wir weiter in sie bohren oder sie gar kontrollieren.“

„Wie willst du sie denn kontrollieren?“

Verdutzt schaue ich sie an: „Du hast natürlich recht. Was für eine unsinnige Idee von mir.“

Wir lassen die Sache also dahingestellt. Gerade, als Simone den Fernseher einschaltet, schweifen meine Gedanken zurück zu meiner Kurzgeschichte, die ich heute geschrieben hatte. Wie, so frage ich mich zum wiederholten Male, konnte ich solche Details über ihn, den alt eingesessenen Lebensmittelhändler, wissen? Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer werde ich mir, dass das, was ich über ihn, Bernd Beinrieder, geschrieben habe, kein Unsinn sein kann. Wie gesagt. Ich bin aber trotzdem immer noch ein wenig hin- und her gerissen, und genau das ärgert mich. Ich hasse unentschlossene Menschen!

Wie kam es, dass ich all diese Anklagen gegen ihn einfach so aus dem Hemdsärmel geschüttelt hatte? Wie kann es sein, dass man Dinge schreibt, an die man nicht im Entferntesten denkt bzw. dachte? Gut, wenn ich irgendwelche harten Drogen zu mir nehmen würde, hätte ich natürlich meine Erklärungen. Es wäre ein typischer Fall von Bewusstseinserweiterung.

Im Grunde genommen, bin ich nicht der Typ, der für alles - ja, für alles - eine plausible Erklärung braucht. Auch lehne ich Menschen mit Scheuklappen ab, die nur das glauben, was sie auch sehen! Es gibt bestimmte Dinge, die ich einfach akzeptiere, Dinge, die für uns alle unerklärlich sind. Aber im Endeffekt kann man von mir nicht behaupten, dass ich ein Träumer wäre.

Ich bin also kein absoluter Realist.

Punkt.

Ja, und dann diese Sache dort oben in meinem Zimmer... - sie verunsichert mich doch sehr. Diese Ungewissheit macht mich völlig kirre. Je länger ich darüber nachdenke, umso fahriger werde ich. Die Vernunft kämpft gegen die Akzeptanz des Ungewissen. Trotz meiner Lebenseinstellung.

„Was hast du denn, Albert?“

„Ich?“

„Ist sonst noch jemand hier?“

„Nein. Natürlich nicht.“

„Warum versuchst du abzulenken?“

„Ich? Ablenken? Unsinn.“

„Irgendetwas bedrückt dich doch.“

„Nein, nein. Es ist alles in Ordnung.“

„Wie du meinst.“

Der Abendfilm läuft. Es ist wieder einer dieser 0815-Filme, wie dies bei dem heutigen Fernsehprogramm Gang und Gebe ist. Gelangweilt verfolge ich die wahnsinnig idiotische Handlung des Möchtegern-Krimis und auch Simone döst, auf der Couch liegend, träge vor sich hin.

„Simone?“

„Ja?“

„Kann man über etwas schreiben - etwas behaupten - was man gar nicht weiß?“

„Wie bitte?“

„Ich habe heute über Bernd Beinrieder eine Kurzgeschichte verfasst.“

„Wieso das denn?“

„Nun, ich möchte auf der neuen, alten Maschine über Jeden, den wir kennen, eine Kurzgeschichte schreiben. Sozusagen eine kleine Sammlung anlegen.“

„Wie bist du denn auf diese Schnapsidee gekommen?“

„Das ist keine Schnapsidee.“

„Wie du meinst.“

„Und?“

„Und was?“ Sie dreht ihren Kopf zu mir herüber. Offensichtlich fühlt sie sich in ihrem Film nicht sehr gestört.

„Na, ich habe dir doch eine Frage gestellt!“

„Ach so. Du meinst, ob man über Jemanden etwas schreiben kann, was man gar nicht weiß.“

„Ja, genau.“

„Normalerweise nicht.“

„Was heißt normalerweise, Simone?“

„Nun, es gibt ja Dinge, die man bei Jemandem vermutet.“

„Aber vermuten ist doch etwas ganz anderes als wissen!“

„Ja, ja.“ Sie ist genervt. Ich sehe es ihr deutlich an.

„Man kann also nicht über Jemanden etwas schreiben, was einem nicht bekannt ist.“

„Ja. So würde ich wohl auch sagen.“

„Ich habe aber über diesen Bernd Dinge geschrieben, die ich gar nicht wusste!“

„Vielleicht stimmen sie ja gar nicht!“

„Nun, ganz sicher bin ich mir nicht.“

„Deine künstlerische Ader...“ Sie lacht. Laut, und wie mir scheint, gehässig.

„Was willst du damit sagen, Simone?“

„Nun, der kleine Vogel in deinem...“

„Ich habe einen Vogel?“

„Aber sicher! Das weißt du doch selbst am besten!“

Jetzt reicht es. Ich stehe auf und verlasse das Wohnzimmer. Das muss ich mir ja wirklich nicht anhören! Eine Unverschämtheit ist das! Ich beschließe, mich für den restlichen Abend in mein kleines Zimmer zurückzuziehen. Dort oben habe ich wenigstens meine selige Ruhe.

Als ich mich in meinem gemütlichen Sessel, vor dem Schreibtisch sitzend, gerade entspannen will, kommt Simone leise ins Zimmer:

„Dürfte ich diese Geschichte lesen?“

Weiber...

04 Inspirationen

Die Atmosphäre in meinem gemütlichen Dachzimmer ist geradezu einzigartig. Hier oben fühle ich mich mit Abstand am wohlsten. Zurückgezogen, ungestört und ganz für mich alleine kann ich hier oben genau das tun, was ich so gerne mache:

Schreiben.

Und nachdenken.

Mit einem verträumten Blick sitze ich erneut an meinem geliebten, handgearbeiteten Schreibtisch und betrachte dieses Prachtstück von Roxannia. Super sieht sie aus! Ja, wirklich! Was hatten die Produzenten dieser Schreibmaschinen doch für einen ungeheueren Aufwand betrieben! Heute zählt dies alles ja nicht mehr: Die PCs in ihren schlichten Gehäusen vermitteln keinerlei Nostalgie. Hier kommt einfach keine Freude auf. Supertechnik ist gefragt - sonst nichts. Gut, es gibt mittlerweile einige Hersteller, die sich mit der optischen Verschönerung von Bildschirmgehäusen, Rechnern und Tastaturen beschäftigen, aber vergleichbar mit dieser so schönen, alten Maschine sind diese Bemühungen sicherlich nicht. Wie heißt es so schön: Das Auge isst mit! Ja, es stimmt: Es macht ganz einfach viel mehr Spaß, ein schönes Gerät zu bedienen als einen kalten, grauen Computer.

Mein anfänglicher Entschluss festigt sich in diesen Minuten: Ja, ich werde es hinnehmen, mit meinen Geschichten, die ich verfassen werde, nur langsam und bedächtig vorwärts zu kommen. Roxannia hat eben das Zeug dazu, mich zu inspirieren. Mich zu stimulieren. Die erste Geschichte über Bernd Beinrieder hatte es ja bewiesen.

Wenn ich seine Story auf dem Computer geschrieben hätte, wäre sie sicherlich nicht auch nur annähernd so umfangreich und intensiv ausgefallen, wie auf Roxannia.

Diese Maschine weckt das Tier in mir!

Sie beschleunigt mein Denken!

Sie macht mich wendig und ideenreich!

Ich muss innerlich unwillkürlich lachen: Was ich mir alles einbilde! Welch seltsame Einfälle ich doch habe!

Die Finger auf der kühlen Tastatur, überlege ich, über wen ich als Nächsten schreiben könnte: Am besten gleich über Cornelias Chef Dr. Hugo Schramm. Soll ich, oder soll ich nicht? Nein. Lieber nicht. So interessant ist dieser Plombenrestaurator ja nun auch wieder nicht. Aber aufschlussreich wäre es sicherlich schon! Gerade hinsichtlich Cornelia!

Es ist schon tiefe Nacht, und ich kann mich einfach nicht entschließen, wer der Nächste sein soll. Ein guter Freund oder nur ein Bekannter? Einer oder Eine aus dem Dorf, die ich nur vom Grüßen kenne? Laut gähnend beschließe ich, es für heute gut sein zu lassen. Es muss ja nicht alles auf einmal geschrieben werden. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag.

Jawohl.

Rechtschaffen müde knipse ich die kleine, rote Tischlampe aus, streiche noch einmal zärtlich über die tollen Kurven von Roxannia und sage:

„Gute Nacht, mein Prachtstück. Bis morgen!“

Ich rücke noch meinen Sessel ordentlich an den Tisch und verlasse das Zimmer. Simone schläft schon tief und fest, als ich ins gemeinsame Schlafzimmer eintrete. Leise lege ich mich in mein Bett und bin innerhalb von wenigen Minuten eingeschlafen. Die Türe habe ich nur angelehnt.

Plötzlich:

Sehr, sehr tief in meinem Unterbewusstsein höre ich, schlafender Weise, leichtes Tackern. Ich werde prompt wach, und dieses Geräusch wird plötzlich lauter. Aber genau! Es kommt von oben!

Verflucht!

Was tickert denn da so komisch?

(Ich bin noch etwas schlaftrunken)

Urplötzlich bin ich hellwach: Es ist die Schreibmaschine, die da gleichmäßig und aufdringlich laut vor sich hin-hämmert. Das darf doch nicht wahr sein! Von einer Sekunde auf die andere werde ich unsicher. Wie kann sie von selbst schreiben? Mein Verdacht, nein, meine feste Annahme, dass Roxannia mit den Ausführungen in meiner ersten Geschichte über diesen Bernd etwas zu tun hatte, erhärtet sich.

Das ist keine normale Schreibmaschine!

Mir ist richtig heiß, als ich mich in meinem Bett aufsetze, in meine Pantoffeln steige und beschließe oben nach dem Rechten zu sehen. Ich sehe Roxannia vor meinem geistigen Auge: Wie sie - leuchtend und in verschiedenen Farbtönen schimmernd - von sich aus schreibt.

Geheimnisvolle Texte.

Ohne Irgendjemanden, der sie bedient.

Völlig alleine.

Verflucht! Nicht einmal mein hoch technisierter Computer kann das! Wie kann das also möglich sein?

Simone schläft tief und fest. Ich lasse sie natürlich in Ruhe und schleiche mich leise wie eine Katze die Treppe hoch zu meinem Zimmer. Je näher ich dem Raum komme, desto lauter werden die Typengeräusche. Ja, eindeutig: Es dürfte Roxannia sein, die da fleißig vor sich hinhämmert...

Ich schwitze plötzlich. Und ich halte unbewusst die Luft an. Zentimeter für Zentimeter drücke ich die Türklinke nach unten. Es brennt sogar Licht! Ich werfe einen vorsichtigen Blick durch den Türspalt und denke, mich tritt ein Pferd (aber natürlich bin ich sehr erleichtert):

Cornelia sitzt in meinem Sessel und schreibt auf Roxannia einen Brief. Was sagt meine Armbanduhr? Es ist exakt 02.00 Uhr am Morgen.

„Hallo, Paps!“ Sie hat mich offensichtlich aus den Augenwinkeln erspäht.

„Sag mal, was machst du denn da?“

„Das siehst du doch: Ich schreibe!“

„Ja, natürlich sehe ich das, Kind.“

„Ich bin nicht dein Kind!“

„Bist du doch.“

„Ich wollte deine Superordnung, hier auf dem Schreibtisch, nicht durcheinander bringen, weil ich ja weiß, wie pingelig du bist!“ Frech lacht sie mich an.

„Aber du hättest doch auf meinem PC schreiben können!“

„Nein, ich wollte lieber Roxannia ausprobieren.“

„Es ging dir also nicht um die Ordnung?“

„Ich wollte erstens nichts umräumen, und zweitens wollte ich diese neue Maschine testen.“, wiederholt sie.

„Verstehe.“

„Gut.“

Cornelia hat die Angewohnheit, all meine Maschinen, die ich kaufe, zu testen. Es bereitet ihr großen Spaß, genau wie mir, auf diesen in die Jahre gekommenen Maschinen zu schreiben. In meiner Sammlung befindet sich kein einziges Stück, das sie noch nicht getestet hätte. Nun gut, wieso auch nicht? Auch Simone macht sich oft einen Spaß daraus, auf einer der alten Geräte zu schreiben. Meist handelt es sich um kurze Briefe, die sie damit verfasst.

Als ich Cornelia gerade vorhin dort sitzen sah, war ich ungemein erleichtert. Natürlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass sie, unsere Kleine, um diese Uhrzeit dort oben in meinem Allerheiligsten sitzen und schreiben würde. Nein, damit hatte ich nicht gerechnet.

Aber womit hatte ich eigentlich gerechnet?

Hatte ich wirklich gedacht...

Ich bin mir nun überhaupt nicht mehr sicher, worauf ich mich innerlich eingestellt hatte. Auf Roxannia, die selbständig geschrieben hätte? Vielleicht. Aber eine weitere Möglichkeit hätte es ja meines Dafürhaltens nicht gegeben.

Welche auch?

„Ich habe das Eis in den Kühlschrank gelegt!“

„Danke, Cornelia.“

Ich hole meine Geldbörse aus der Schreibtischschublade und gebe ihr die zehn Euro, die sie ausgelegt hat. Sie bedankt sich und macht überhaupt keine Anstalten, mit dem Schreiben aufzuhören.

„Sag mal, was schreibst du denn da?“

„Nur einen Brief an eine Bekannte.“

„So, so.“

Da ich sie nicht länger stören will, gehe ich wieder nach unten. Ich schließe die Schlafzimmertür, die sehr stark isoliert ist, und somit ist auch kein Hämmern mehr zu vernehmen.

05 Roxannia schreibt eigenmächtig

 

 

Es ist früher Nachmittag. Cornelia ist in der Zahnarztpraxis bei ihrem Chef Hugo und assistiert, und Simone rumort in der Küche herum. Ich liege faul auf unserer bequemen Wohnzimmercouch und döse ein wenig. Immer wieder kreisen meine Gedanken um diese überaus ominöse Geschichte, die ich auf Roxannia geschrieben hatte. Je länger ich darüber nachdenke, desto müder werde ich. Während ich unsere schönen Apfel- und Kirschbäume betrachte, die kreuz und quer im Garten herumstehen, nicke ich ein.

 

Ein gleichmäßiges Hämmern weckt mich aus meinem kurzen Schlaf. Aha, geht es mir durch den Kopf: Simone sitzt wohl vor Roxannia und schreibt auf ihr einen Brief an eine ihrer Freundinnen. Nun gut, wie sie meint.

 

Wie schnell Simone doch schreibt!

Das bin ich von ihr gar nicht gewöhnt!

Wie kann es sein, dass sie plötzlich so schnell schreiben kann?

 

Plötzlich, ohne die geringste Vorwarnung, steht Simone neben mir und starrt mich durchdringend an. Sie schaut völlig entgeistert und mir wird langsam klar, wieso dem so ist:

 

„Wer schreibt denn da oben, Simone?“

„Woher soll ich das denn wissen?“

„Ich dachte, dass du es wärst, die in meinem Zimmer einen Brief verfasst!“

„Aber ich war doch heute noch gar nicht in deinem Arbeitszimmer, Albert.“

„Die Maschine hämmert doch! Hörst du es denn nicht?“

„Natürlich höre ich es! Ich bin doch nicht taub! Ich dachte, du wärst nach oben gegangen!“

 

Ich sehe ihr an, dass ihr plötzlich klar wird, dass hier etwas nicht stimmt. Mir selbst ergeht es nicht anders.

 

„Cornelia ist in der Arbeit?“ Es ist mehr eine Feststellung, als eine Frage, die ich ihr stelle.

„Aber sicher. Sie ist in der Praxis.“

„Dann frage ich mich, wer...“

„Das möchte ich auch gerne wissen. Dieses unheimliche, stakkatoartige Hämmern macht mir Angst, Albert.“

„Irgendwer muss doch dort oben sitzen und schreiben, oder?“

„Ja, aber wer könnte es wohl sein?“ Ihre grünen Augen sind weit aufgerissen.

 

Eine Gänsehaut jagt über meinen Rücken: Verdammt! Wer könnte dort oben sein? Ja, wer? Gut, ich gebe es ja zu: Ich bin nicht der Mutigste, aber wir können nicht einfach hier herumsitzen und abwarten, bis das Hämmern endlich wieder aufhört. Am liebsten würde ich ja Simone nach oben schicken, aber das wäre dann doch zu viel des Guten. Was würde sie von mir denken?

 

„Was sollen wir tun?“, fragt sie völlig verunsichert. Wie hilflos sie mich ansieht! Sie hat sicherlich genauso viel Angst wie ich.

„Ich gehe nach oben, Simone.“

„Aber sei vorsichtig! Nimm deinen Revolver mit!“

„Der liegt aber leider in meinem Schreibtisch. Genauer gesagt, in der rechten Schublade.“

„Dann nimm dir ein großes Küchenmesser!“

„Ja, das mache ich.“

 

Langsam begebe ich mich in die sitzende Haltung. Ich stehe auf - das Hämmern ist nach wie vor deutlich zu hören - und gehe in die Wohnküche. Dort packe ich eines der großen Tranchiermesser, die allesamt in einem Holzblock stecken, und mache mich auf den Weg nach oben. Ich spüre, wie meine Beine leicht zittern, als ich die Treppe hochsteige. Natürlich schäme ich mich vor mir selbst, dass ich eine solche Heidenangst habe, aber ich kann dagegen nichts tun: Dieses starke Angstgefühl ist vorhanden und ich spüre sehr deutlich, wie sehr es sich steigert, je näher ich meinem Zimmer komme. Jetzt tapse ich die kleine Treppe, die vom ersten Stock direkt in mein Zimmer führt, hinauf. Gerade möchte ich die Tür öffnen, als die Geräusche der Schreibmaschine verstummen. Abrupt und übergangslos wird es plötzlich ruhig.

 

Sehr ruhig.

Zu ruhig.

 

Es ist nun so still, dass ich deutlich meinen eigenen, etwas ruckartigen Atem vernehmen kann. Auch höre ich sehr intensiv mein Herz klopfen: Bum, bum, bum. Wie leichte Trommelschläge, geht es mir durch den Kopf.

 

Hat mich der Unbekannte gehört?

Wer könnte dort oben stehen und auf mich warten?

Hält er vielleicht meinen Revolver in der Hand?

Durchgeladen und entsichert?

Wartet er nur darauf, dass ich eintrete?

 

Eine verfluchte Situation!

Das kann man wohl sagen!

 

Dicke Schweißperlen stehen auf meiner hohen Denkerstirn. Ein winziger Tropfen sickert gerade in mein rechtes Auge, und dieses beginnt unverzüglich, ganz fürchterlich zu brennen. Ich wische mit den Fingern über das Auge und fahre mit der Zunge unbewusst über meine Lippen: Ich schmecke Salz. Pfui Teufel. Ekelhaft. Plötzlich müsste ich niesen, jedoch halte ich mir im letzten Moment die Nase zu.

 

Mit einer wütenden Bewegung greife ich an die Klinke und reiße die Tür mit einem Ruck auf: Wild blicke ich mich um, das blitzende Messer stoßbereit in der Hand.

 

Es ist niemand hier.

Keine Seele.

 

Hinter mir spüre ich eine leichte Bewegung: Blitzschnell drehe ich mich um und kann im allerletzten Moment die Ausholbewegung meine Armes stoppen: Simone steht dort auf dem Treppenabsatz, keinen Meter von mir entfernt. Sie keucht plötzlich.

 

„Wer ist da?“, haucht sie voller Angst.

„Niemand.“

 

Innerhalb von Bruchteilen von Sekunden verändert sich ihr Gesichtsausdruck. Ich sehe sehr deutlich, wie alle Angst von ihr abfällt:

 

„Dann muss es sich bei Roxannia wohl um eine Automatik-Schreibmaschine handeln, die von selbst schreiben kann!“

„Was erzählst du denn da für einen Unsinn?“, fauche ich sie an. Meine Nerven sind immer noch aufs Äußerste angespannt. Jedoch ich verstehe ihre ungeheuere Erleichterung.

„Nun, wie kannst du es dir denn erklären?“

„Gar nicht.“

„Es muss ja nicht sie gewesen sein, die von alleine getippt hat, Albert!“

„Bisher hat noch keine einzige meiner Schreibmaschinen hier oben von sich aus getippt.“

„Du denkst also, dass Roxannia es gewesen sein muss?“

„Ja. Ich werde ab sofort jedes Mal, wenn ich das Zimmer verlasse, vorsichtshalber ein Blatt Papier einlegen. Dann wissen wir wenigstens, was sie geschrieben hat.“

„Du meinst, sie schreibt richtige Texte?“

„Ja. Da bin ich mir fast sicher, Simone. Denke an meine Kurzgeschichte von Bernd Beinrieder. Das war zum Großteil ihr Werk!“

„Du wirst wahrscheinlich recht haben.“

 

Nimmt sie mich ernst, oder will sie nur einen Streit verhindern? Wie heißt es so schön: Verrückten muss man immer recht geben!

 

Immer noch innerlich unsicher, drehe ich mich um und durchforste das gesamte Zimmer mit misstrauischen Blicken. Nichts ist anders, als sonst. Alles steht an seinem gewohnten Platz. Und Keiner ist hier, der auf der Maschine hätte schreiben können. Ich würde es jetzt, in diesem makaberen Augenblick, sofort bemerken, wenn jemand hier gewesen oder irgendetwas anders wäre.

 

A

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Roxannia" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen