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Rousseaus Traum

Die Autorin

dankt E. M., die ihr erlaubt hat, beim Schreiben dieses Romans gelegentlich an ihre Geschichte zu denken.

Cordelia Schmidt-Hellerau studierte Deutsche Literatur, Philosphie und Psychologie und arbeitet als Psychoanalytikerin in eigener Praxis. Sie interessiert sich für alles, was Menschen denken, fühlen, phantasieren und erleben und erzählt davon in ihren literarischen Reisen, die die Welt als Wirklichkeit und Vorstellung durchstreifen.

1

Nur flüchtig fragte ich mich an diesem Tag, als ich durch die hohen Fenster unserer Veranda in den Garten hinausschaute, wie es wohl wäre, wenn jetzt – gerade jetzt – ein Tiger dort vorüberginge: langsam, gelassen, stark und mysteriös, sein Fell hell leuchtend in der Abendsonne, gelb, schwarz, orange – da, nur für einen Augenblick, und dann fort, hinter den Büschen verschwunden. Ein Tiger, ein Phantom – schrecklich und schön! Ich mag was-wäre-wenn-Gedanken. Sie kommen und gehen. Nur dieser eine kam immer wieder – ein Tiger in meinem Garten …

2

Die Kleine im Nachbarhaus brüllt. Eine Wilde stört meine Träume. Hast Du vorhergesehen, dass ich mich eines Tages wieder auf Deine Couch legen würde? Als wir übereinkamen, meine Analyse zu beenden, sagtest Du, sie sei kurz gewesen, aber ich könne ja, wenn nötig, wiederkommen. Es war ein gutes Ende, einfach und offen. Es ging mir gut. Jetzt komme ich zurück. Es geht mir nicht gut, aber daran möchte ich jetzt nicht denken. Ich möchte nur wieder hier sein … Dieses Licht in Deinem Raum – am Nachmittag scheint die Sonne durch das Fenster hinter Deinem Sessel und erreicht die Couch, die immer noch dieselbe ist: bezogen mit einem hellgrünen Wollstoff, der straff um die Matratze gespannt ist, solide und fest, klar und geradeaus. Rousseaus Traum hängt immer noch an der Wand gegenüber. Was für ein stiller Ort das ist! Manchmal, wenn ich mich kurz vor dem Ende meiner Stunde aufsetzte, konnte ich einen Blick auf Dich erhaschen, wie Du da in Deinem schwarzen Eames Sessel saßest, ruhig, wie in einer sicheren Höhle. Dann fragte ich mich, was Du wohl dachtest, nachdem Du mir eine ganze Stunde lang zugehört hattest. Ich vermisse Dich. Manchmal hast Du lange geschwiegen, und doch wusste ich, dass Du bei mir warst.

Nach unserer Stunde verließ ich Deine Praxis und ging durch diese stille Straße zu meinem Café. Die Kellnerin brachte mir unaufgefordert meinen Espresso. Im Sommer saß ich dort draußen auf den niedrigen Korbstühlen im lichten Schatten der Akazien. Oft habe ich dann, vielleicht ähnlich wie jetzt, in Gedanken noch ein wenig mit Dir weitergesprochen … Und nun erinnere ich mich an eine Sommernacht, eine Bootsfahrt, von der ich aufschaute, in den dunklen Nachthimmel hinein, und dachte: wenn ich jetzt eine Sternschnuppe sehe, wünsche ich mir, dass wir eines Tages zusammen sein werden. Ich wusste, das war nicht möglich, und es gab keine Sternschnuppen in dieser Nacht. Wir alle haben unsere Träume, aber dieser Traum sollte nicht erfüllt werden. Jedenfalls nicht von Dir. Von wem träumte ich nur? Später dachte ich, es war ein Traum von Johan. Dann verlor ich ihn. Sternschnuppen sind schön, ein Aufleuchten im All, und schon sind sie erloschen und lassen uns zurück mit dem Wissen um einen Wunsch – ein Sehnen, das eines Tages erfüllt werden soll.

3

Es tut gut, wieder hier zu sein. So viel ist geschehen, seit ich vor fünfzehn Jahren von Dir fortgegangen bin. Ich habe Markus nicht geheiratet. Etwa ein Jahr nachdem wir die Analyse beendet hatten, habe ich mich von ihm getrennt. Ich habe ihn geliebt, und ich glaube, er liebte mich auch. Aber er hatte dieses riesige Bauprojekt in Abu Dhabi, wo sein Architekturbüro einen Teil des Campus mit Institutsgebäuden und Wohnanlagen für die Professoren und Studenten der Universität in kurzer Zeit aus dem Boden stampfen sollte, und diesem Projekt stellte er alles hintan. Sein Entwurf hatte den Wettbewerb gewonnen, und ich verstand, dass diese Arbeit für ihn ungeheuer wichtig war. Wochenlang war er fort. Und dann wollte er, dass wir dorthin ziehen, weil da in den kommenden Jahren noch viel zu bauen wäre. Ich konnte mir das überhaupt nicht vorstellen. Er fand mich engstirnig. Ich schlug vor, ein Jahr lang hin- und herzupendeln, um auszuprobieren, wie sich ein Leben dort anfühlen würde. Das lehnte er ab. Ich bin kein Zigeuner, sagte er, und außerdem will ich Kinder, und das erfordert ein stabiles Zuhause. Und ich will nicht, dass meine Kinder in Abu Dhabi aufwachsen, hielt ich ihm entgegen. So ging das hin und her. In den wenigen Stunden, die er noch für mich erübrigen konnte, stritten wir uns. Er war gereizt, und ich war deprimiert. Und dann kamen auch noch alte Geschichten auf den Tisch, von denen ich gedacht hatte, dass wir sie schon längst vergessen hätten. Es gab nur noch Probleme. Wir konnten uns nicht mehr aneinander freuen. Wären wir zusammengeblieben, wenn ich mit ihm nach Abu Dhabi gezogen wäre? Wie hätte mein Leben dann ausgesehen, und was wäre beruflich aus mir geworden? Das dauernde Kämpfen erschöpfte mich. Ich beschloss, ihn zu verlassen. Zögernd willigte er ein. Es tat uns beiden weh. Trotzdem half er mir. So war er, großzügig und eigensinnig. Damals dachte ich zum ersten Mal daran, mich wieder auf Deine Couch zu legen. Aber ich wollte allein meinen Weg finden …

Diese vielen Abschiede! Nach unserer letzten Stunde verließ ich Deine Praxis und ging die sonnige Straße entlang, und alles schien mir überdeutlich und wie verfremdet. Ich dachte: das ist es, ich habe es beendet, es ist getan, und jetzt gehe ich, von hier aus immer weiter, immer weiter. Als ich mich dann von Markus trennte, war der Schmerz viel größer, vielleicht weil ich ihm nicht auf Wiedersehen sagen konnte. Er hatte sich dem schrecklichen Moment entzogen. Du warst da. Wir gaben uns die Hände, wir sahen uns an und lächelten. Du würdest für mich da sein, wann immer ich Dich brauchen würde. Markus war nach Abu Dhabi geflogen, bevor ich auszog. Allein packte ich meine Sachen. Als der Umzugswagen abgefahren war, ruhte ich mich noch eine Weile im Garten aus, dort, wo wir – er und ich – in den vergangenen Jahren so oft gesessen hatten …

4

Manchmal denke ich: es ist nicht wahr! Ich muß nur nach Hause gehen, und da sitzt Johan in seinem Lieblingssessel und liest die Zeitung. Hallo, sagt er und deutet an, daß er eine Überraschung für mich hat. Hallo, sage auch ich, was ist? Er lächelt und wartet, bis ich mir den Mantel ausgezogen habe und neben ihm sitze. Dann sagt er: Am Sonntag haben wir unseren elften Hochzeitstag. Mein Seminar ist abgeschlossen. Ich habe in Deine Agenda geschaut und gesehen, dass Du in den nächsten Tagen frei bist. Also dachte ich, wir machen etwas Besonderes: wir überqueren den Atlantik auf der Queen Mary, von New York via Southampton nach Hamburg. Wir bleiben ein paar Tage in Hamburg, und dann fliegen wir zurück nach New York. Was hältst Du davon? Ich bin total überrascht. Nie hätte ich daran gedacht, eine Kreuzfahrt zu machen – das ist fantastisch! Ja, sage ich, ja! Aber das ist unmöglich! Ich kann sehen, wie Johann sich freut, dass seine Überraschung gelungen ist. Ich habe heute morgen angerufen und ein Last-Minute-Ticket bekommen, eine Kabine auf dem oberen Deck für einen stark reduzierten Preis. Was sagst Du jetzt? Unglaublich! Wir werfen ein paar Jeans und Pullover und für den Abend etwas Elegantes in einen Rucksack und los geht’s mit dem Taxis direkt vor die Queen Mary. Wie aufregend! Der weiße Ozeanriese ragt hoch hinauf in den Himmel meiner schönsten Träume, ein schwimmender Eisberg, der nur mit zwei dünnen Fäden leichthin an den Pollern festgehalten wird. Interessant, all die Leute zu beobachten, die hier am Hafen herumwuseln. Fang bitte nicht an, über all das hier zu schreiben, sagt Johan. Für diese nächsten Tage bist Du keine Journalistin, Du bist ganz privat, meine transatlantische Liebe. Nebeneinander lehnen wir an der Reling auf dem obersten Deck und beobachten, was da unten an der Anlegestelle vor sich geht. Ich habe Lust auf Austern, sage ich und Johan sagt: Ich auch. Willst Du meine Frau werden? Wir lachen. Ja, ich will, ich will! Wir essen sonst nie Austern, aber heute, heute essen wir Austern! Wir haben Glück und bekommen einen Tisch am Fenster, sodass wir ungehindert auf die See hinausschauen und nach der anderen Seite hin auch alles beobachten können, was im Board-Restaurant vor sich geht – aber letztlich wollen wir uns ja doch nur tief in die Augen schauen.

So ein schöner Kitsch! In Hamburg haben wir uns kennengelernt. Johan hielt den Eröffnungsvortrag für ein neues Kulturzentrum. Gescheit, humorvoll und auf charmante Weise bescheiden hatte er aus der Perspektive des Jahres 2090 einen Rückblick auf seine hundertjährige Geschichte präsentiert. Was für eine wunderbare Idee, dachte ich, er kann träumen, über die Realität hinausdenken – er kann fliegen! An diesem Abend sprachen wir lange miteinander. Wir verstanden uns. Später setzten wir unsere Gespräche am Telefon fort, jeden Abend. Schließlich merkte ich, dass ich mich in ihn verliebt hatte. Er wusste es schon die ganze Zeit, wie er mir später sagte. Dann besuchte er mich in Heidelberg, in meiner Wohnung gegenüber dem Schloss. Könntest Du Dir vorstellen, dass ich hier mit Dir zusammen leben würde? fragte er mich, als wir bei unserem ersten Frühstück auf meinem Küchenbalkon saßen. Zu meiner eigenen Überraschung sagte ich: das würde mir gefallen. Also bewarb sich Johan an der Philosophischen Fakultät und hatte Erfolg. Ein Jahr später heirateten wir. So schnell ging das! Johan unterrichtete zeitgenössische Literatur, und ich machte meine Reportagen. Was für schöne Jahre das waren!

Auf einer Vortragsreise nach New York erhielt er ein Angebot von der Columbia Universität. Johan war begeistert. Für mich war die Vorstellung, nach New York zu ziehen, nicht leicht; trotzdem stimmte ich zu. Irgendwie war alles, was wir zusammen unternahmen, möglich und spannend. Ich diskutierte mit ihm seine Aufsätze und Seminare, und er interessierte sich für die Themen, an denen ich gerade arbeitete. Jetzt ist er nicht mehr an mir interessiert. Er fragt mich nichts, er will nichts mehr wissen, und wenn ich trotzdem etwas sage, wendet er sich ab. Sag mir, warum? schreie ich ihn an, wenn ich es nicht mehr aushalten kann. Ich weiß es nicht, sagt er dann und geht. Ich kann einfach nicht verstehen, warum alles zu Ende ist, ohne Vorwarnung, ohne Grund. Darum bin zu Dir ich zurückgekommen.

5

Neulich habe ich eine Geschichte gelesen, an die ich immer wieder denken muss. Der Autor, ein Journalist, reist durch die Welt und berichtet über die Menschen, denen er begegnet. Er setzt sich zu ihnen, fragt sie, hört zu, und dann schreibt er seine Porträts. Die Geschichte, die mir nicht aus dem Kopf geht, handelt von Robert G. einem amerikanischen Produzenten von Sportartikeln. Er hatte eine kleine Firma in Albany, er hatte eine Frau, drei Kinder, ein Haus und einen Hund. Er sagte, er hatte ein glückliches Leben. Sein Geschäft lief nicht gerade hervorragend, aber es warf doch ein anständiges Einkommen ab. Leider blieb es nicht aus, dass die größeren Firmen ihm seine Kunden stahlen, seine Absatzmärkte einschränkten und sein Ein- und Auskommen beschnitten. Darum war er eines Tages nach Brasilien gereist, um nach Möglichkeiten für eine billigere Produktion seiner Sportbekleidung zu suchen. Er flog nach Rio de Janeiro, mietete ein Auto, fuhr nordostwärts ins Land, und hielt Ausschau nach einem kleinen Betrieb, der sauber, sparsam und verlässlich seine Produktion betreiben könnte.

Nach einer Woche entdeckte er in Ponto Novo eine ordentlich geführte Baumwollspinnerei. Die Eigentümerin dieses Betriebs, Juanita C., war eine junge Witwe, deren Mann vor nicht langer Zeit von aufgebrachten Farmern erschlagen worden war, weil sie die geringe Entlohnung ihrer Ernte nicht mehr hinnehmen wollten. Juanita erklärte, dass die Löhne in dieser Gegend niedrig seien, und dass ihr Mann sogar etwas mehr als den ortsüblichen Preis für die Baumwolle gezahlt hatte. Sie bot Robert weiße und gefärbte Baumwolle zu ungeheuer niedrigen Preisen und sehr günstigen Bedingungen an. Robert telefonierte nach Hause und sagte seiner Frau, dass er einen Betrieb für seine T-Shirt-Produktion gefunden habe; er müsse noch etwas bleiben, um die Sache in Gang zu bringen.

Selbstverständlich gab es in dem Dorf – wenn man diese Ansammlung von fünfzehn Häusern überhaupt ein Dorf nennen wollte – kein Hotel, weshalb Robert ein Gästezimmer im Haus der Betriebsbesitzerin akzeptierte. Sie war nicht besonders schön, sagte er, und doch habe er sich eigentümlich angezogen gefühlt von ihrer lasziven Ruhe, der Langsamkeit ihrer Bewegungen und ihrer dunkelsingenden Stimme, die ihn so unglaublich entspannte. Er habe sich mit ihr so frei gefühlt, sagte er, so frei wie nie zuvor. Am Morgen besprachen sie die Details der neuen Produktion. Sie konnte nur schlecht Englisch sprechen, und sein Portugiesisch war auch nicht besser, aber sie verstanden sich. Zu Mittag aßen sie in Juanitas offener, winddurchstreifter Küche, was die Haushälterin für sie gekochte hatte: Hühnchen mit einem süßen Kartoffelkuchen. Dazu tranken sie Bier. Es war heiß, und die Arbeiterinnen würden eh nicht vor dem späten Nachmittag zurückkehren. Juanita schlug vor, dass er sich einen Mittagsschlaf in ihrer Hängematte genehmigte. Robert schlief augenblicklich ein und schlief einen Schlaf, so tief und schwer, wie er ihn noch nie geschlafen hatte. Es war heiß. Am nächsten Tag legte sich Juanita zu ihm in die Hängematte. Was soll’s, dachte Robert, und weit weg von Zuhause war er auch. So begann seine Affäre mit Juanita.

Langsam und gemächlich verstrichen die Tage. In Brasilien lässt man sich Zeit, und es gab immer etwas zu tun. Deshalb konnte Robert noch nicht nach Albany zurückkehren. Nach drei Wochen wollte er dann aber doch seine Frau anrufen. Er musste wieder diese dreißig Meilen auf der Schotterstraße nach Vila Sombra fahren, um das nächste Postamt mit internationalen Telefonverbindungen zu erreichen. Zu der Zeit – es war in den frühen siebziger Jahren – war die Telekommunikation noch nicht weit in die ländlichen Teile Brasiliens vorgedrungen. Er teilte seiner Frau mit, dass sein Projekt Fortschritte mache. Wann kommst Du nach Hause, fragte sie. Sobald ich hier unten alles erledigt habe, antwortete Robert und kehrte zu Juanita zurück. Zusammen schmiedeten sie Pläne. Juanita versicherte ihm, dass er mit ihr zusammen groß herauskommen könne. Sie hatte die Idee, mehr Baumwolle zu niedrigeren Preisen von weiter entfernten Baumwollfeldern zu kaufen, billig, sagte sie, ganz billig. Sie schlug vor, die Frauen von den Baumwollfarmern als Näherinnen für die T-Shirt und Sport-Shorts-Produktion anzustellen. Zusammen wollten sie ein neues Label kreieren, das sie in den großen Städten vertreiben könnten. Juanita sagte: Rio de Janeiro! São Paolo! Belo Horizonte! Recife! Porto Alegre! Was für eine magische Welt! Sie machte ihm klar, dass er in diesem Land einen Haufen Geld verdienen könne. Ich helfe dir, und du hilfst mir, es wird gut gehen, versprach sie. Die Idee klang verlockend. Robert dachte an all die Schwierigkeiten, mit denen er in der letzten Zeit in Albany zu kämpfen hatte. Vielleicht lag hier seine Zukunft, genau hier und nirgendwo anders? Und so stellte er sich vor, wie er in Ponto Novo groß und größer werden würde, während er sanft in der Hängematte schaukelte. Die Wochen zogen ins Land, und dann bemerkte er eines Tages, daß er schon eine ganze Weile nicht mehr an Albany gedacht hatte. Robert sagte, er habe nicht eigentlich entschieden, in Brasilien zu bleiben, es habe sich einfach so ergeben. Nach drei weiteren Monaten, als die Bauarbeiten zur Erweiterung der Baumwollfabrik schon voll im Gange waren, fuhr Robert wieder die dreißig Meilen auf dem Schotterweg zum Postamt, um seine Frau anzurufen. Er wollte ihr mitteilen, dass er noch etwas länger bleiben wolle, wie lange, konnte er nicht sagen, also unbestimmt länger, auf jeden Fall aber lange genug, um die Dinge in Brasilien auszuprobieren. Natürlich fühlte er sich ungemütlich in Anbetracht des bevorstehenden Telefonats mit seiner Frau, aber er fand, dass er ihr das schuldete. Nachdem er das Postamt erreicht hatte, lungerte er noch eine Stunde im Schatten des Vordaches herum, bevor er ihre Telefonnummer eingab. Die Verbindung ging auch sogleich durch, aber seine Frau war gerade nicht zu Hause, und als der Anrufbeantworter klickte, legte er auf, weil er ihr diese Nachricht so dann doch nicht zukommen lassen wollte. Er versuchte es danach nicht wieder.

Mit der Zeit ließen seine Gewissensbisse nach. Er war einfach bei Juanita, und zusammen träumten sie davon, groß rauszukommen. Sie waren auch einigermaßen erfolgreich. Die Produktion wurde gesteigert, obwohl es anfangs nicht leicht war, sie abzusetzen, aber schließlich fanden sie eine Warenhauskette, die ihnen die T-Shirts und Sport-Shorts abkaufte. Robert hatte sich an sein Leben in Ponto Novo gewöhnt. Sie hatten einen kleinen Hausaffen, Pucco genannt. Robert schlief neben Juanita, mochte Mango und Papaya und weißen Rum, und es machte ihm nichts aus, dass sie nicht viel miteinander reden konnten. Seine Tage waren unkompliziert. Und dann, an einem schönen Abend im siebten Jahr seines Brasilianischen Lebens, als Robert von der Fabrik nach Hause kam, lag Juanita zusammen mit einem Brasilianer, einem großen, dunklen Mann, den er nie zuvor gesehen hatte, in der Hängematte. Er wurde wütend, aber Juanita lachte ihn bloß aus. Sie sagte Robert, dass sie nun mit Tiago leben wolle. He speak me, Portugiese, erklärte sie in ihrem schlechten Englisch, he funny, I like Tiago. Das war alles. Robert hatte keine Rechte, er war nicht mit Juanita verheiratet, es war ihre Firma. Juanita wollte ihn loshaben. Sie holte den alten Koffer, mit dem er damals angekommen war, aus der Garage, legte seine wenigen Hemden und Hosen hinein, vergaß auch nicht, ein Foto von sich selbst obenauf zu legen – for Souvenir, sagte sie – gab ihm etwas Geld für die Bus- und Bootsfahrt, und das war’s dann.

Robert sprach mit dem Reporter nicht über seine Gefühle, und vielleicht erinnerte er sich auch nicht mehr an seine Gefühle. Er sagte nur, dass sein Pass und sein Visum längst abgelaufen waren. Natürlich hätte er zu einer amerikanischen Botschaft gehen können, sagte er, und er hätte auch zurück nach Albany gehen können, aber er konnte sich nicht mehr nach Albany zurückdenken. Also ging er nach Rio. Er kannte dort niemanden, außer dem einen Angestellten der Warenhauskette, mit dem er damals den Preis für seine Sport-Artikel verhandelt hatte. Der bot ihm einen Job an. Er stellte ihm einen Handkarren zur Verfügung, mit dem er Juanitas T-Shirts und Shorts an der Copacabana verkaufen konnte. Der Handkarren hatte ein kleines Sonnendach, was ganz hübsch war. Robert verdiente drei Real für das verkaufte Stück, genug für alles, was er brauchte, denn er brauchte nicht viel. Tagsüber war die glänzende Weite der Copacabana sein Wohnraum, nachts bettete er sich auf den weichen, noch warmen Sand, und am Morgen nahm er eine Dusche am Strand bevor die Badelustigen kamen. Also benötigte er nur ein wenig Geld für Kaffee und Wein, etwas zu essen und ein paar Extras. Ein kleiner braun-weiß-gescheckter Hund gesellte sich eines Tages zu ihm und blieb bei ihm, auch wenn Robert ihn nie als sein eigen betrachtete. Mit der Zeit vergaß er Juanita. Ihr vergilbtes Foto klebt immer noch unter dem Sonnendach seines Handkarrens. Er machte keine Freunde, auch nicht unter denen, die täglich seinen Weg kreuzten. Wenn überhaupt, dann war der Zeitungsverkäufer, bei dem Robert jeden Morgen seine Herald Tribune kaufte, sein Freund. Dort entdeckte ihn der Reporter. Er war überrascht, einen Amerikaner zu sehen, der wie einer von Rio wirkte, gebräunt und verwittert, aber doch aristokratisch. Robert war sauber wiewohl unbehaust, artikuliert und dennoch unbeteiligt. Er wusste alles über die New York Yankees, aber es schien ihm völlig gleichgültig zu sein. Der Reporter lud ihn zu Meeresfrüchten und einer Flasche Wein ein, und beide verbrachten einen angenehmen Nachmittag. Bevor sie sich trennten sagte Robert: In gewisser Weise kann ich mich an gar nichts erinnern. Ich habe dir das alles erzählt, als ob es nicht meine Geschichte wäre. Ich habe meine Geschichte vor vielen Jahren verloren. Jetzt habe ich nichts mehr. Ich bin ohne Erinnerung und ohne Wunsch.

6

Als ich damals in Hamburg am Abreisetag in die Hotelhalle kam, sah ich Johan draußen in der Nähe der Taxis an einen Pfosten gelehnt telefonieren. Vielleicht sprach er gerade mit seiner Mutter. Zu dem Zeitpunkt hatten wir noch nicht einmal unsere Adressen ausgetauscht. Alles hätte noch dort in Hamburg enden können. Wenn ich ein paar Minuten früher oder später in die Hotelhalle gekommen wäre, hätten wir uns vielleicht nie wieder gesehen, uns nicht ineinander verliebt, nicht geheiratet, und ich wäre nicht nach Amerika gezogen. Das ist so ein was-wäre-wenn-Gedanke. Was wäre, wenn ich an dem Tag verschlafen hätte? Vielleicht hätte ich einen anderen Mann kennengelernt, einen, der Kinder gewollt hätte. Als Johan mir sagte, dass er keine Kinder wolle, akzeptierte ich das. Ich liebte meinen Beruf, das schien mir genug. Ich hätte darüber nachdenken sollen. Meine Kinder wären jetzt Teenager, wir hätten ein ganz normales Leben. Aber vielleicht gibt es das gar nicht, ein ganz normales Leben.

Johan bot mir an, das Taxi zum Flughafen mit ihm zu teilen. Während der Fahrt sprach er über seine Mutter. Er erzählte mir, dass sie allein in Berlin lebte. Sie hatte ihre Familie bei der Bombardierung Dresdens verloren und die Familie seines Vaters nie kennengelernt. Sein Vater war 1944 in Machatschkala am Kaspischen Meer gestorben, noch bevor Johan geboren wurde. Es wurde nie geklärt, ob er ertrank oder von Russen erschossen wurde. Sein Kollege gab zu Protokoll, dass er aus einiger Entfernung eine Gruppe betrunkener russischer Soldaten gesehen habe, die grölend den Strand entlangtorkelten und seinen Vater anscheinend einfach zum Spaß erschossen, so wie man aus einiger Entfernung auf eine Blechbüchse ballern würde. Dagegen berichtete ein Ortsansässiger, dass er gesehen habe, wie der Mann, den er als seinen Vater beschrieb, ins Wasser gegangen sei, obwohl es zu der Zeit doch eiskalt gewesen war, und wie er kurz darauf untergegangen und verschwunden sei. Johan sagte, dass seine Mutter dennoch unerschütterlich an ihrer Überzeugung festhielt, dass sein Vater wiederkommen würde, dass er eines Tages heimkäme und einfach dastünde, wenn sie die Tür öffnen würde. Noch Jahrzehnte später stellte sie sich ihn vor, genauso wie sie ihn zuletzt am Bahnhof gesehen hatte, unbestimmt jung, nur etwas mehr von der Sonne verbrannt. Immer wieder sagte sie: von der Sonne verbrannt, weißt du, wie nach unserer unglaublich schönen Reise durch die Wüste Marokkos. Dort wurdest du gezeugt – ja, ich habe Dich im Sand der Sahara empfangen. Nie werde ich diese Nacht vergessen. Für seine Mutter war und blieb sein Vater ein Held, ihr Lawrence von Arabien, der aus der Wüste kommen und eines Tages einfach an ihrer Tür läuten würde. Meine Mutter trug meist Khakis, sagte Johan, und ich glaube, das war es, was sie beide in der Sahara trugen, Khakis. Vielleicht trug sie Khakis, weil sie ja für mich Vater und Mutter sein mußte – und das war sie auch für mich.

7

Ich sitze auf unserer Terrasse, dort, wo Johan und ich im Sommer immer zusammen das Abendessen eingenommen haben. Heute möchte ich meine analytische Sitzung hier mit Dir auf der Terrasse halten. Eine späte Möwe fliegt schreiend durch den Nachthimmel. Art Tatum spielt mit Ben Webster zum silbernen Schlag der Zikaden. Wenn ich sie höre, fühle ich mich nicht mehr so allein. Ich habe mir Lachssalat zubereitet, dazu ein Glas Chardonnay eingeschenkt, zwei Kerzen angezündet: ein schöner Anblick, dieser gedeckte Tisch, mit dem ich mir das Gefühl gebe, mit mir selbst auszugehen.

Sarah rief an und fragte mich, wie es mir geht. Sie will morgen vorbeikommen. Sechs Monate sind vergangen, seit Johan mich verlassen hat – oder denkt er, dass ich ihn verlassen habe? Zwei Tage bevor er erstmals nach Kapstadt reiste, musste ich zu meiner Mutter nach Frankfurt fliegen. Da schickte er mir noch eines seiner kleinen liebevollen Emails: Meine liebe Klara, ich vermisse Dich. Du hast mein Leben so bereichert, es ist schwer, auch nur einen Tag ohne Dich zu sein. Aber in meinen Gedanken bist Du ja immer bei mir. Ich liebe Dich. Johan. Nach meiner Ankunft in Frankfurt sprachen wir noch am Telefon, wir sprachen ja jeden Tag miteinander – und jetzt haben wir schon seit Tagen nicht mehr miteinander gesprochen. Dann reiste er ab. Er flog nach Kapstadt und kam nicht mehr zurück – jedenfalls nicht als der, der er gewesen war …

Das Licht aus dem Haus beleuchtet die Terrasse wie eine in die Dunkelheit vorgeschobene Landzunge. Wie wäre es, wenn jetzt der Tiger käme? Zuerst würde ich ihn gar nicht bemerken. Ich würde hier sitzen, umgeben von all diesen exotischen Blumen, die sich gerade geöffnet haben, erst jetzt im Spätsommer, hier im Dschungel meines New Yorker Gartens, in dem ich vielleicht zwei Löwen entdecken würde, oder meinen Tiger, der mich durch die aufgefächerten Blätter des Buschwerks beobachten würde. Was tun? Einfach hier sitzen bleiben und bewegungslos ausharren? Der Tiger würde mich ansehen, wie bereit zum Sprung aber auch zögernd, so als ob er ein bißchen verwirrt wäre. Können Tiger verwirrt sein? Ich würde riskieren, von diesem Tiger getötet zu werden. Das wäre nicht angenehm. Ich hätte Angst, nicht vor dem Tod, aber vor dem Schmerz.

Vor Jahren habe ich in einer Zeitung gelesen, dass eine Frau, die allein durch den Wald joggte, von einem Puma getötet wurde. Leise hatte er sich von hinten an sie herangepirscht. Sie rannte einfach aus Freude an der Bewegung und war natürlich ganz unvorbereitet auf so einen Überfall gewesen. Hatte sie noch realisiert, was ihr geschah? Es heißt, dass Pumas und Tiger auf kluge Weise töten; mit einem Biss brechen sie dem Beutetier den Hals, sodass es gleich tot ist. Wahrscheinlich hat die Natur sie gelehrt, dass es effizienter ist, wenn das Opfer nicht erst noch um sein Leben strampelt. Der Puma zog die Joggerin in die Büsche. Er suchte Deckung während er den Körper sorgfältig zerlegte. Einige Teile verschlang er sofort, den Rest verscharrte er an einem Platz, der ihm als Speisekammer diente. Ein paar Tage später, als er wieder hungrig war, kehrte er dorthin zurück, um das Verbliebene zu verzehren. Sie haben ihm da aufgelauert um ihn zu töten.

Eigentlich stelle ich mir einen magischen Dialog mit dem Tiger vor. Er würde mich anblicken, und ich würde zurückblicken. Da ich keine Angst hätte, wäre ich ganz ruhig, und darum wäre auch er ganz ruhig. Zu meiner Überraschung würde er sich in einiger Entfernung von mir niederlegen. In dieser Stellung würden wir lange verharren. Wie groß er ist! Ich sehe wie sich die Streifen auf seinem Fell beim Atmen auf und ab bewegen. Er schaut mich an. Denkt er etwas? Ich habe meinen Laptop auf den Knien und schreibe, während ich ihn ansehe. Ich bewege meine Finger beim Schreiben, ich stelle mich nicht tot. Dann habe ich einen komischen Einfall: der Tiger würde gähnen. Und als ob er sich schämte, sein Bedürfnis nach einer gemütlichen Kuschelecke offenbart zu haben, würde er sich erheben, sich umdrehen und weggehen. Und ich würde immer noch hier sitzen und auf die Stelle starren, wo er einen Augenblick zuvor noch gelegen hatte, und wo jetzt nichts mehr ist, nicht einmal ein feuchter Fleck, nicht eine Spur seines scharfen Geruchs, nichts, gar nichts …

Die Musik ist verklungen. Es ist still geworden auf der Terrasse.

8

Übers Wochenende war ich nach Frankfurt geflogen. Meine Mutter war an der Hüfte operiert worden. Sie lag im Bett, eine Fusion auf der einen Seite, die Drainage auf der anderen, und lächelte. Wie fühlst Du Dich? fragte ich sie. Gut, antwortete sie, hast Du schon den Vater gesehen? Ja, wir haben zusammen gegessen. Er wird Dich später besuchen kommen. Die Hand meiner Mutter wanderte über die Bettdecke, so als suche sie etwas. Sie haben mir hier so einen kleinen Apparat gegeben, erklärte sie mir, mit dem ich mir per Knopfdruck eine Portion Morphin verpassen kann; aber ich brauche das nicht, ich kann Schmerzen aushalten. Eine Schwester, die im Hintergrund gearbeitet hatte, schaltete sich ein und erklärte, dass es wichtig sei, das Morphin zu nutzen, damit sich keine Schmerzzyklen bilden könnten, die man, wenn sie sich erst einmal etabliert hätten, kaum noch auflösen könne. Meine Mutter nickte, aber sie würde dem Rat nicht folgen. Sie lässt sich nicht gern von anderen überzeugen. Vor vielen Jahren hat sich in ihr so etwas wie ein seelischer Schmerzzyklus etabliert. Vielleicht geschah das schon ganz früh, damals als ihre Eltern mit ihrer Schwester und ihren zwei großen Brüdern verreisten, während sie, die Vierjährige, wegen ihrer Windpocken allein mit der Großmutter daheim bleiben musste. Wie sie uns immer wieder erzählte, hatte sie lange am Gartenzaun gestanden und den Fortreisenden nachgeschaut. Vielleicht hatte sie zuerst geschaut, ob sie sich umbesinnen, zurückkommen und sie doch noch mitnehmen würden; und nachdem das nicht geschah, hatte sie vielleicht einfach die leere Straße entlanggeschaut, träumerisch und traurig, und sich im Stich gelassen gefühlt. Vielleicht ist dieses frühe Verlassenwerden eine bleibende Gefahr in ihrem Leben geworden. Es war dann doch ein gutes Leben. Auf den Fotos aus der Zeit, als meine Eltern frisch verliebt waren, lacht sie so glücklich in das Auge der Kamera, durch das mein Vater sie anblitzt. Ich kann mich an einen Samstag erinnern, als meine Eltern ganz ausgelassen waren. Wir waren gerade umgezogen. Mein Vater hatte sich beruflich verbessern können. Alles schien aufwärts zu gehen. Ich war damals fünf Jahre alt, und ich erinnere mich, wie glücklich ich war, weil sie sich so sehr liebten. Mein Vater hatte ein hinreißendes Lächeln. Er legte seinen Arm um sie, und sie schaute ihn überrascht an. Küsste er sie? Fand sie da, wonach sie sich sehnte? Mein Vater war nicht einfach, aber er wollte sie glücklich machen, und das war sie manchmal auch, aber diese Glücksmomente fügten sich nie zu einem Grundton wirklicher Zufriedenheit in ihrem Leben. Was fehlte ihr nur? Waren es ihre beiden Brüder, die im Krieg an der Ostfront gefallen und begraben waren, keiner weiß wo? Oder war es eine nie endende Trauer um ihr erstgeborenes Kind, das so unselig durch eine Schlinge seiner Nabelschnur geschlüpft war, dass es tot zur Welt kam? Später habe ich erfahren, dass es ein Junge war. Ich hätte gern einen Bruder gehabt. Wie leben wir mit dem Verlorenen? Wie lebt es in uns weiter? Mein Vater machte manchmal Bemerkungen, die andeuteten, dass auch er diesen Sohn vermisste. Aber vielleicht vermisste er nur die ungebrochene Freude, mit der sich meine Mutter ihm früher zugewendet hatte? Meine Mutter war eingeschlafen. Ich saß neben ihrem Bett und streichelte ihre Hand, die weiß und ein bisschen hart auf der Decke lag, weit entfernt vom schmerzstillenden MorphiumGriff. Träumte sie? Wovon würde sie wohl träumen – oder welche Träume soll ich für sie träumen?

9

Ein Taxi hielt vor unserem Haus. Ich ging und öffnete die Tür. Johan war zurückgekommen. Er stieg aus und stand da, groß, schlank, sein wirres Haar weiß leuchtendend über seinem dunkelgebräunten Gesicht. Ich beobachtete ihn, wie er das Geld aus seiner Jackentasche heraussuchte, während der Taxifahrer das Gepäck aus dem Kofferraum hievte. Johan ist zurück! Ich bin zurück, sagte er, aus und fertig mit Kapstadt! Wir umarmten uns, hielten uns lange, spürten die Wärme unserer Körper, endlich! Später schlief Johan ein, seinen Kopf an meine Schulter gelehnt, und ein Bild erschien in meinen Gedanken: Johan am Strand, wie er da steht, in einiger Entfernung, in seinen Jeans und seinem blauen T-Shirt vor einem grauen Himmel, grau von schwerem Wetter. Niemand sonst ist am Strand, noch nicht einmal ich, oder vielleicht bin ich da, aber bloß wie ein Schatten in seinen Gedanken. Er schaut hinaus auf die bewegte See. Der Wind lässt ihn leicht erschauern. Er fühlt sich allein und verloren. In einer seltsam vagen Hebung der Sinne fragt er sich, was er mit dem Rest seines Lebens anfangen soll, so als müsse er unbedingt jetzt eine schlüssige Antwort darauf finden. Er ist konfus. Er ist am Kap der guten Hoffnung, aber er kann nicht herausfinden, ob dies der Strand östlich oder westlich von Kapstadt ist. Dann plötzlich ein Bild, eine Erinnerung, ein Traum: Long Beach, da steht er und vermisst seinen Sohn. Seinen Sohn? Johan hat keinen Sohn, aber er hat das bestimmte Gefühl, dort seinen Sohn vermisst zu haben. Es ist, als verschwinde er in diesem Moment, und für den Bruchteil einer Sekunde verliert er alle Orientierung. Er würde sich gern setzen, wagt es aber nicht, weil er sicher sein muss, dass er gesehen wird, für den Fall dass je irgendjemand in diesen entlegensten Winkel der Welt käme. Verzweiflung wallt in ihm auf, packt ihn an der Kehle. Er sollte sich entspannen, kann aber nicht. Ein Drang erfasst ihn, jetzt geradewegs ins Wasser zu gehen, hinaus und noch weiter hinaus, anzufangen zu schwimmen, weiter und weiter hinaus mit kräftigen Zügen gegen die Wellen ankämpfend, die sich höher und höher erheben und ihn schaukeln und schlagen, schaukeln und schlagen, während er verzweifelt vorankämpft, so als müsse er ein Ziel erreichen, ja, ein unbekanntes Ziel, auf das er zuschwimmt, bis er sich seltsam losgelöst fühlt von seinem Körper und seine Arme von alleine weiterarbeiten, während er schon fliegt, angstvoll dort oben in der Gefahr, in den weißen Winden, in diesen bösen Himmel hinein fliegt, ohne sich auch nur einmal umzudrehen nach der durchlöcherten, blutigen Hülle seines kleinen Körpers, der immer noch und unermüdlich gegen alle Fluten ankämpfen muss. Dann sehe ich eine Möwe aus dem Himmel direkt vor seine Füße fallen; sie pickt etwas auf und rennt fort mit den Wellen, die in steter Linie an den Strand rollen. Die Möwe hat ihn aus seinen Gedanken gerissen, ein Ruck erschüttert seine Haltung, und während sein Blick jetzt dem rasenden Vogel folgt, fühlt er sich plötzlich auf grausame Weise verlassen. Ein Schmerz füllt seine Brust, durchdringt seinen Oberkörper, steigt in seinen Kopf, brennt in seinen Augen und macht ihn schwindlig, wie betrunken. Er schwankt vor und zurück, und im Versuch, den Verlust seiner Standfestigkeit auszubalancieren, öffnet er die Arme, fast als wolle er sich am Wind halten, an etwas, irgendetwas – aber da ist nichts. Und ich kann nichts für ihn tun, weil ich nicht da bin, obwohl ich ihn doch sehen kann, aber halten, halten kann ich ihn nicht.

10

Die längste Zeit schon schaue ich zum Fenster hinaus. Das ist so eine Bewegung, bei der ich nicht von der Stelle komme. Vielleicht ändern sich die Dinge von selbst, so wie sich jetzt überall die Blätter röten. Es geht mir besser, seit ich wieder mit Dir spreche. Aber wer bist Du? Wenn ich an Dich denke, betrete ich einen unbekannten Raum, der so dunkel ist, dass ich Dich kaum sehen kann. Du lehnst an einer Wand, ein schwaches Licht scheint auf Deine kahle Stirn herunter. Was machst Du hier? Vielleicht wartest Du. Einmal sah ich Dich an einer Bushaltestelle stehen. Ich fuhr mit meinem Auto vorbei. Wärst Du nicht mein Analytiker gewesen, hätte ich Dich mitgenommen. Wann immer ich seither an dieser Bushaltestelle vorbeifahre, denke ich an Dich. Deine Abwesenheit ist dort sichtbar geblieben. Und jetzt lehnst Du an dieser Wand und wartest auf nichts mehr, so als ob die Dinge für Dich aus der Zeit gefallen wären. Eine Tür öffnet sich auf der anderen Seite. Eine alte Frau schlurrt durch den Raum. Sie trägt eine zerbrochene Lampe. Ich möchte ihr folgen, um zu sehen, was es hier sonst noch gibt, aber ich will auch bei Dir bleiben. Dann bist Du verschwunden. Ich folge dem Geräusch ihrer schlurfenden Schritte in einen anderen Raum. Die Alte kauert sich dort in einen Winkel, ihre Knie leicht geöffnet, den Kopf gesenkt – wie eine dieser fünfhundertjährigen Mumien, die man im Hochland der Anden gefunden hat. Neben ihr liegt ein Lumpenbündel, nur lose aufgerollt und mit einer Kordel zusammengehalten. Was ist in diesem Bündel? Ich möchte mich gern hinunterbeugen um es zu berühren, zu fühlen, ob es noch warm ist, aber ich habe Angst, ein Verbrechen aufzudecken. Ich kann mich nicht bewegen. Alles ist wie in einem Stillleben. Werde ich je wieder von hier fortgehen? In diesem Moment spüre ich einen Luftzug, und ein Tiger streicht vorbei, langsam und stetig an mir und der Alten und dem schäbigen Bündel, als gäbe es uns gar nicht. Er schreitet mit der Würde seiner Welt quer durch den Raum, durch eine offene Tür und durch einen langen Flur, an dessen Ende er sich umdreht und zu mir zurückblickt, als ob er mir ein Zeichen geben wolle, bevor er verschwindet. Ich muss ihm folgen, er will mich hier herausführen, nach oben und ins Freie. Und ich halte mein Herz und hebe meinen Fuß und gehe, ohne mich noch einmal umzudrehen, gehe durch den langen Korridor, der länger und länger zu werden scheint, je länger ich gehe – aber letztlich erreiche ich doch den Ausgang und trete hinaus in eine ausgeträumte Herbstnacht, durch die ein großer, roter Herbstmond langsam über die Hügel rollt.

11

Johan sitzt neben mir und arbeitet an unseren Steuern. Beim Abendessen hatten wir eine schwierige Auseinandersetzung, die mich aufgewühlt hat. Ich muss etwas verändern, aber mein Bild von Johan will ich behalten. Ich will nicht, dass er daraus etwas macht, was mir nicht gefällt! Erst rebellierte ich offen, dann schrie ich nur noch innerlich, nach außen hin bin ich verstummt. Lange war ich sein ein-und-alles, jetzt bin ich niemand mehr – oder höchstens noch ein unbedeutender Bestandteil seiner Umgebung. Aber darüber will ich heute nicht nachdenken.

Also versuche ich etwas anderes: Wie wäre es, wenn ich über match.com einen Mann kennenlernen würde. Ich würde ihm schreiben, dass ich nur an einer Affäre interessiert sei. Bin ich das? Wir würden uns zum Abendessen treffen. Ich nenne ihn Jean. Er ist etwas älter als ich, Mitte fünfzig, Franzose, ist aber in New York aufgewachsen. Jean erforscht Säugetiere, vielleicht Tiger, das wäre spannend! Er ist belesen, herausfordernd, amüsant. Er erzählt mir, dass er geschieden ist, sogar dreimal. Jetzt bin ich darauf gefasst, alles über die Fehler seiner geschiedenen Frauen zu hören. Aber zu meiner Überraschung sagt er: Es fällt mir schwer, in einer Beziehung zu bleiben. Wenn ich mich von einer Frau angezogen fühle, bin ich begeistert, ich denke: die ist es! Wir sind Tag und Nacht zusammen, und bald schon sind wir verheiratet. Eine Weile noch genießen wir das Leben zu zweit. Aber schon bald machen sich die unheimlichen Anzeichen einer fatalen Erosion bemerkbar: Ich verliere meine Frau, etwa so, wie einem unbemerkt etwas aus einer Tasche rutscht, wenn die ein Loch hat. Sie verblasst in mir, und eines Tages ist sie verschwunden. Wir leben weiterhin zusammen, gehen ins Kino, sehen Freunde, schlafen miteinander. Aber für mich ist das belanglos. Natürlich haben meine Frauen das früher oder später alle gespürt. Erst äußeren sie Besorgnis, sagen, dass ich zu viel arbeite, wollen mehr Zeit mit mir verbringen. Das treibt mich noch weiter von ihnen weg. Mein Labor war immer meine Zuflucht. Dann schlagen sie Strandferien vor, Paartherapie, oder, noch schlimmer, der Kinderwunsch wird vorgebracht. Sie kämpfen um unsere Ehe. Aber zu dem Zeitpunkt gibt es nur noch eine Lösung: die Scheidung macht sie frei für einen besseren Mann und ein besseres Leben. Und auch mir erscheint die Scheidung wie eine Befreiung! Ich atme auf, kann wieder tun was ich will, muss nichts mehr vortäuschen oder über mich ergehen lassen … Aber damit falle ich zurück in meine alte Schale, werde wieder zum Gefangenen meiner selbst. Ich bin verheerend im Leben einer Frau.

Übrigens bin ich nicht selber zu dieser Einsicht gekommen. Vielmehr war es in Paris, in einem kleinen Café, wo mir diese Analyse präsentiert wurde. Ich saß da, verärgert, dass ich einen Tag früher hatte anreisen müssen, weil ich meinen Flug nicht rechtzeitig gebucht hatte. Ich nutzte diesen Extratag nicht zu einem Gang durch den Louvre oder den Jardin du Luxembourg, nein, ich klemmte mir meinen Laptop mit meinen Konferenzmaterialien und die beiden letzten Nummern von Nature unter den Arm und ging in dieses Café. Ich hatte dort schon eine ganze Weile über meinen Unterlagen gebrütet, einen Kaffee nach dem anderen getrunken und einen Aschenbecher voll geraucht, als sich plötzlich eine junge Frau an meinen Tisch setzte. Ich habe Dich beobachtet, sagte sie. Zuerst hatte ich den Eindruck, dass Du völlig von Deiner Arbeit absorbiert bist. Aber das scheint nicht der Fall zu sein, denn Du wirkst ganz unbeteiligt, egal ob Du etwas schreibst oder nur herumschaust. Du merkst nicht, was für ein schöner Tag heute ist, merkst nicht, dass der Kellner kleine Späßchen macht, wenn er Dir einen Kaffee hinstellt. Du kannst Dich für niemanden wirklich interessieren, auch nicht für eine Frau, obwohl Du vielen Frauen hier ungeniert nachschaust. Ich glaube, Du bist ein Graf Dracula, einer, der das Blut schöner Frauen trinkt und sie langsam zu Vampiren macht, die an diese Draculas gebunden bleiben. Ich war auch einmal so eine Frau und musste lange nachdenken, bevor ich verstand, was mit mir geschehen war. Seither kämpfe ich um meine Unabhängigkeit. Darum bleibe ich allein. Ich bin zu Dir an den Tisch gekommen, weil Du so bleich und hungrig ausschaust, weil ich Dich füttern will mit der einzigen Nahrung, die Du erträgst, Koffein und Nikotin. Ich könnte Dir auch Sex geben, wenn Du das wolltest, aber nur einmal, denn mehr könnte mich ins Verderben stürzen. So, und hier ist Dein Kaffee!

Und wie verabredet kam genau in dem Augenblick der Kellner und brachte mir einen frischen Espresso. Ich war völlig verwirrt, aber es war mir klar, dass sie den Kern meiner Misere getroffen hatte. Um ihr zu danken, streckte ich meine Hand aus und stieß dabei die Espressotasse um: der heiße Kaffee ergoss sich über meinen Laptops mit all meine Daten! Ich sprang auf, versuchte mit Servietten zu retten was nicht mehr zu retten war, und bemerkte in meiner Bestürzung gar nicht, dass die Frau meinen Tisch und das Café verlassen hatte. Ich verbrachte einen hektischen Nachmittags damit, mir eine neue Ausrüstung und meine Daten zu organisieren, was bis weit in die Nacht hinein dauerte. Erst dann ließ der Sturm in meinem Kopf nach. Um zwei Uhr früh lag ich in meinem Hotelbett, erschöpft und tief verstört und dachte an diese Frau, und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass sie bei mir wäre und ich in ihre Arme kriechen könnte. Noch nie hatte ich mich so nach jemandem gesehnt! Sie hatte mich verstanden! Das empfand ich als ein großes Geschenk. Ich habe sie nie wiedergesehen. Aber seither sehe ich sie überall, wann immer ich durch Paris gehe, oder sogar hier in New York. Mein Blick fällt auf eine Frau, und ich denke: da ist sie! Ich würde auf sie zu gehen und zu sagen: Ich bin Graf Dracula, erinnerst Du Dich? Als ich in Deinem match.com Porträt las, dass Du nur an einer Affäre interessiert seist, dachte ich, Du könntest diese Französin sein … Die Rechnung ist bezahlt, das Restaurant schließt. Wir stehen auf der Straße vor seinem Wagen. Willst Du trotzdem mit zu mir nach Hause kommen, fragt er.

12

Warum nur stelle ich mir vor, einen Mann zu treffen, der von einer Frau träumt, die er nie wiedersehen wird? Ich kenne keinen Mann mit einer solchen Geschichte. Er ist ein Mann ohne Gesicht. Ich habe ihm einen französischen Namen gegeben. Als ich klein war, reiste mein Vater viel in Frankreich. Damals schrieb ich eine Art Tagebuch, Briefe an Marcel. Ich kannte keinen Marcel, ich habe ihn erfunden. Vielleicht ist die Person, die wir lieben, immer zum Teil erfunden. Ich brauchte jemanden, dem ich schreiben konnte. Dir zu schreiben, ist vielleicht ähnlich, obwohl ich Dich nicht erfunden habe. Du warst mein Analytiker, und wenn ich jetzt mit Dir spreche, geht es mir darum, dass Du mich verstehst, damit ich mich selber wieder verstehen kann …

Ein Bild ist aufgetaucht, ich wollte es unterdrücken, weil es mich schockiert hat und weil ich glaube, dass ich kein Recht habe, dieses Bild in irgendeinen Zusammenhang mit irgendetwas in meinem Leben zu bringen. Ich denke an ein Foto aus der New York Times, das zu dem Buch Purple Hearts: Back from Iraque gehört. Das Foto trägt den Titel Marine Wedding und zeigt ein Hochzeitspaar. Der Bräutigam war der Schulschatz der Braut. Als Sergeant überlebte er ein Attentat, aber die Bombe, die unter seinem Auto explodierte, produzierte eine so große Hitze, dass sein Gesicht in der Glut zerschmolz. Mit viel Geschick flickten plastische Chirurgen etwas zusammen, was wie der rohe Entwurf eines Männerkopfes ausschaut, etwa wie ein Schneemann, oder wie ein weißer Gipsklumpen mit ein paar Löchern für die Augen und die Nase – die Lippen wirkten noch am natürlichsten unter allen Bestandteilen seines neuen Gesichts. Neben ihm steht die Braut, 21 Jahre jung, in einem wunderschönen, langen weißen Kleid, das von einem dunkelroten Band mit einer Schleife über ihrer Brust gefasst ist, das Rot passend zu den dunkelroten Rosen. Rot wie Blut, blutige Rosen, rosiges Blutband. Ihre nackten Schultern sind so weich und rund wie ihr schönes Gesicht, das von einer unendlichen Traurigkeit und Süße erfüllt scheint, von Liebe und Sorge, aber auch von dem vollständigen Bewusstsein des vernichtenden Anschlags, den der Attentäter auf ihr junges Leben verübt hatte. In mancher Hinsicht hätte man ihr wünschen mögen, dass sie ihre Jugend und Schönheit nicht einem Mann ohne Gesicht zum Opfer gebracht hätte, dass sie einfach gegangen wäre, weil sie es nicht hätte ertragen können, ihren Geliebten so grausam zugerichtet zu sehen. Wer hätte ihr das verübeln können? Aber das tat sie nicht! Sie war in der Lage, ihre Liebe für ihren Schulschatz zu bewahren und ihn zu heiraten. Sie war bereit, für immer sein schönes, unversehrtes Gesicht, das sie vor seiner Zerstörung so gern angeschaut hatte, in Erinnerung zu behalten. Was für eine riesige Aufgabe! Und er, der um einiges grösser ist als sie, er, mit seinem nur rudimentär menschlichen Gesicht, schaut auf sie, seine Braut, hinunter, mit so viel Liebe, Traurigkeit und Dankbarkeit, dass es mir die Tränen in die Augen trieb. Ich dachte, dieses Bild könnte eine Ikone dieses Kriegs, eine Ikone aller AntiKriegsbewegungen, vielleicht sogar eine Ikone des 21. Jahrhunderts sein. Es berührte mich zutiefst, ähnlich wie Michelangelos Piéta, eine der schönsten Skulpturen, die ich je gesehen habe.

13

Es ist neun Uhr abends. Johan müsste jetzt in Kapstadt angekommen sein. Das ist alles so unwirklich! Er hat ein Auto gemietet, irgendeine Art von Jeep, und ist jetzt unterwegs zu Louma. Ich habe Angst um ihn. Er hatte Angst sie zu verlieren, war in heller Aufregung. Er sagte, sie habe Kapstadt verlassen, um ihren Ex-Freund zu besuchen, der in Jammerdrif, einem kleinen Ort in der Nähe von Lesotho, lebt – etwa 500 Meilen östlich von Kapstadt. Ich sagte: Vergiss sie! Er sagte: Ich kann nicht! Ich versuchte ihn zurückzuhalten. Erst sprach ich ganz ruhig, dann lauter, und schließlich brüllte ich ihn an, schleuderte ihm entgegen, wie gefährlich das sei, was ihm alles passieren könnte, so allein in einem Land, das er nicht kennt, das explosiv ist, voller Rassenunruhen und sozialer Spannungen..! Nichts half. Er schnappte sich seinen kleinen Handkoffer, warf Kleidung und Toilettenartikel hinein, und fort war er. Am Morgen hatte er seinen Flug gebucht. Seine Sekretärin musste alle Verabredungen für die ganze Woche streichen. Sein Taxi wartete schon vor unserem Haus. Ich muss gehen, sagte er, es tut mir leid. Ich bin in einer Woche wieder zurück. Ich konnte es nicht fassen! Er nimmt diesen langen Flug nach Kapstadt auf sich, setzt sich in ein Auto und fährt 500 Meilen ostwärts in ein Niemandsland? Er rast durch gefährliches Gelände, riskiert sein Leben, seine Karriere und unsere Ehe.

Er fährt einen wer-weiß-wie unzuverlässigen Jeep. Es wird schon dunkel in den Vororten von Kapstadt. Er nimmt seine Sonnenbrille ab, um die staubigen Hinweistafeln entlang des Highways besser lesen zu können. Er fährt schnell, weil er Louma noch vor Ende der Nacht sehen will. Seine Mappe mit den Straßenkarten und dem Adressbuch ist auf den Boden vor dem Beifahrersitz gerutscht. Das Radio ist tot. Der Wind heult und jault am halb offenen Fenster. Johan denkt an Louma wie sie da bei ihrem früheren Freund sitzt, bei Rag, diesem Grundschullehrer und Rugby Coach, der sie wütend verlassen hatte, nachdem sie ihm von Johan erzählt hatte. Rag hatte gesagt, er gehe zurück zu seiner Mutter, sonst bringe ich Dich noch um! Und jetzt besucht Louma ihn – wie kann sie nur!

Sie sitzt in dieser Küche, eine schwache Petroleumlampe flackert über dem Tisch, Rags Mutter zieht ein Kartoffelgericht aus dem Ofen und sagt kein Wort. Ihr verächtlicher Blick auf Loumas weiße Schulter raubt ihr jedes Gefühl von Sicherheit. Louma sagt Rag, dass sie schwanger sei, und Rag schlägt ihr mitten ins Gesicht. Oder er packt sie und hat Sex mit ihr die ganze Nacht. Es wird meins sein, meins! keucht er während er sie bearbeitet, schwitzend und dampfend, und als Louma müde wird und aufhören will, zwingt er sie, weiterzumachen, immer weiterzumachen. Es muss schwarz sein, ich muss es schwarz machen – sonst bringe ich Dich um. Johan spürt, wie der Wahnsinn seinen Blick trübt, aber er kann seine Augen nicht von Louma lassen, die unter Rags hitzigen Schlägen keucht.

Plötzlich ist die Straße gesperrt. Der Highway endet an einer Holzschranke. Ein Schild schreit DANGER. Johann tritt auf die Bremse und schafft es gerade noch, das Auto davon abzuhalten, in eine Sandgrube zu schliddern. Er steigt aus. Kein Licht, nirgendwo, und die Nacht ist schwarz. Ein heftiger Wind rasselt an dem zerbeulten Schild DANGER. Johan uriniert und atmet auf. Sein Kopf ist müde. Er hat wohl die Umleitung verpasst, oder vielleicht gab es gar kein Umleitungszeichen. Er muss zurückfahren und auf Hinweistafeln achten. Zum Glück hat sein Auto Vierradantrieb. Johan lenkt es zurück auf die Straße und fährt jetzt langsamer, während er nach Verkehrsschildern Ausschau hält. Zehn Minuten später bemerkt er einen orangefarbenen Wegweiser, der nach links zeigt. Johan verlässt den Highway und folgt der Abzweigung durch eine schier endlose Graslandschaft, in der nur wenige Büsche und Bäume auszumachen sind. Er hofft, dass diese Straße ihn zu einer Anschlussstelle führt. Er denkt, dass es hier keine Tankstelle geben wird. Die Benzinnadel zeigt auf das letzte Viertel. Wenn das so weitergeht, wird er bald in Schwierigkeiten sein. Nach einer Weile gabelt sich die Straße. Kein Hinweis darauf, wo es langgeht. Er fährt nach links, weil die linke Straße breiter erscheint als die rechte, und setzt seine Fahrt fort. Er passiert eine schmale Ansammlung von Häusern. Kein Zeichen, kein Licht, nichts. Außerhalb der Ansiedlung wieder eine Straßengablung. Wieder wendet sich Johan nach links. Er hat das Gefühl, dass das die Richtung ist, die ihn zum Highway nach Jammerdrif führen wird. Nach ein paar Meilen ist die Straße überflutet. Er gibt Vollgas, prescht durch die riesige Pfütze und bremst dann scharf, um an einem umgestürzten, seinen Weg versperrenden Baumstamm vorbeizukommen. Es ist nach Mitternacht. Der Asphalt ist jetzt aufgebrochen, und Johan muss noch langsamer fahren, weil große Löcher Abgründe in die Straße gerissen haben. Er kann sich keinen platten Reifen leisten. Er drosselt seine Geschwindigkeit noch weiter. Akazienzweige peitschen seine Windschutzscheibe. Dann signalisiert eine verrostete Tafel Straßenarbeiten, und von da an befindet Johan sich auf einem Sand- und Schotterweg. Seine Hände krallen sich um das Lenkrad. Soll er weiterfahren oder umkehren? Ein unheimliches Gefühl beschleicht ihn: er ist verloren.

14

Immer wenn ich mich in den vergangenen Monaten fragte, was ich Dir denn sagen will – kam mir dieser eine Satz in den Sinn: Eines Tages ging Johan nach Kapstadt und kam nicht mehr zurück. Er, der sein halbes Leben lang durch die Welt gereist war, verlor sich in den Schatten des afrikanischen Urwaldes. So war das. Er ging – verirrte sich – kam nicht mehr zurück. Etwas von ihm kam ja wieder, aber es war ein anderer – oder etwas von ihm, das ich nicht kannte. Ganz zu Anfang bemerkte ich es nicht, weil ich mich so freute, ihn wiederzusehen. Alles schien wie immer. Am zweiten Tag wollte er mit mir schlafen, aber er konnte nicht. Das war noch nie vorgekommen. Ich nahm seinen Penis in meine Hand, und da lag er sanft und weich wie ein toter Vogel. Ich verstand nicht, was das bedeutete. Ich dachte, dass er einfach müde ist von der langen Reise.

Aber Johan blieb auf Distanz, und er machte diese seltsamen Telefonate. Eines Nachts wachte ich auf, und er lag nicht neben mir. Ich ging die Treppe hinunter zu seinem Arbeitszimmer – da hörte ich ihn am Telefon sprechen. Als ich eintrat, hatte er schon aufgelegt. Ich habe nur rasch nach meinem Manuskript geschaut, sagte er, ich wusste nicht, ob ich es in Tims Auto vergessen hatte, aber hier ist es! Und wie zum Beweis hob er ein Manuskript hoch und löschte das Licht. Klamm folgte ich ihm durch das dunkle Treppenhaus. Hast Du gerade telefoniert? fragte ich leise in seinen Rücken hinein. Sofort gab er zurück: Wen sollte ich denn um diese Nachtzeit anrufen? Ja, wen würde er um diese Zeit anrufen? Schweigend krochen wir ins Bett und schliefen dicht nebeneinander ein.

In der folgenden Nacht wachte ich kurz nach zwei Uhr auf, und wieder war Johan nicht neben mir. Leise ging ich die Treppe hinunter. Die Tür zu Johans Arbeitszimmer war geschlossen. Ich wollte gerade meine Hand nach dem Türknopf ausstrecken, als ich seine Stimme hörte und mitten in der Bewegung erstarrte. Ich weiß … sagte er, ich auch … hör auf, sei doch nicht so … ich verstehe, ich muss das ja auch … ich weiß noch nicht … ich rufe dich morgen wieder an …Bye, …bye! Ich hörte ihn den Hörer auflegen. Mein Herz hämmerte, als wollte es mich auf einen Anschlag vorbereiten. Johan hat eine Affäre! Sofort drehte ich mich um und eilte leise die Treppe hinauf. Ich hatte ihn belauscht, und ich wollte auf keinen Fall, dass er das bemerkte. Ich war nicht in der Lage, mit ihm darüber zu sprechen, nicht jetzt, noch nicht, ich war zu aufgewühlt, zu schockiert. Es dauerte lange, bis Johan zurück ins Schlafzimmer kam und neben mir unter die Decke schlüpfte, Hallo! sagte ich leise. Einen Moment lang war es still. Dann sagte er: Oh, tut mir leid, dass ich Dich geweckt habe. Ich konnte nicht schlafen und bin hinuntergegangen und habe ein bisschen für mein morgiges Seminar gearbeitet. Meine Hand suchte unter der Decke nach der seinigen, und er nahm sie, und das beruhigte mich, so als wäre alles davor gar nicht gewesen. Kein Problem, sagte ich. Bald darauf war er eingeschlafen. Lange lag ich wach und konnte seine Hand nicht loslassen.

15

Johan machte weiterhin seine nächtlichen Telefonate, und mich warf eine schwere Grippe ins Bett. Ich fühlte mich elend, außerstand für so eine heikle Unterredung. Morgens brachte Johan mir Tee und sagte, wie leid es ihm täte, dass es mir so schlecht ginge. Nachts führte er seine Telefongespräche. Eines Tages ging ich, nachdem Johan das Haus verlassen hatte, in sein Arbeitszimmer und drückte die Wiederwahltaste an seinem Telefon. Eine internationale Nummer, beginnend mit 27 21 leuchtete im Anzeigefenster auf. Ich wusste, dass das die Vorwahl für Kapstadt war. Ich hatte ihn dort während seiner Konferenz täglich angerufen. Ich schrieb die Nummer in meine Agenda. Danach rief ich von seinem Telefon aus meinen Zahnarzt an. Die Wiederwahltaste zeigte danach die lokale Nummer. Aber am nächsten Morgen tauchte erneut die Kapstadt Nummer auf. Es war kein Zweifel möglich: Johan telefonierte allnächtlich mit Kapstadt. Ich beschloss, ihn zu konfrontieren.

Ich war gerade in der Eingangshalle, als Johan die Haustür öffnete und mich strahlend anlächelte, so als ob alles in Ordnung sei. Hallo Klärchen! sagte er, wie er das manchmal tat, wenn er guter Laune war. Rate, wen ich heute getroffen habe! Ich war fest entschlossen, mich nicht auf einen Schwatz mit ihm einlassen, und sehnte mich doch danach, wieder dieses Klärchen für ihn zu sein. Erinnerst Du Dich an meine Berliner Kollegin Dora Sennberger? Sie wird für ein Jahr eine Gastprofessur bei uns haben. Ich habe ihr gesagt, dass ich Dich fragen werde, ob sie heute Abend zum Essen zu uns kommen kann – nur etwas Einfaches, es ...

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