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Rotes Haar – Liebesgefahr!

1. KAPITEL

Und noch eine Sekretärin zum Vorstellungsgespräch …

Zach Delaney beobachtete aus dem Fenster seiner Ranch in Texas, wie das Auto näher kam. Diese Kandidatin war wenigstens pünktlich. Sie lebte in Dallas, war unverheiratet, erst vierundzwanzig und wollte die Wochenenden freihaben, um nach Hause fahren zu können. Die Woche vor Weihnachten und zwei Tage danach wollte sie ebenfalls freihaben. Wenn sie ihre Arbeit gut machte, sollte ihm das egal sein.

Er hatte sie nie persönlich kennengelernt, aber sie arbeitete schon über zwei Jahre in seinem Büro in Dallas, wo der Sitz des Abbruchunternehmens, des Architekturbüros und des Fuhrparks war, die ihm gehörten. Dort hatte sie schnell Karriere gemacht und kam mit besten Zeugnissen.

Während Zach den Wagen beobachtete, dachte er an die anderen Sekretärinnen, die sich schon vorgestellt hatten, und an seinen Bruder Will, der vor einer Stunde da gewesen war.

Will hatte gelacht. „Ich kenne dich doch – du wirst hier vor Langeweile verrückt.“

„Stimmt, ich komme mir vor wie ein Gefangener mit lebenslänglich.“ Zach fuhr sich durch die braunen Haare.

Will nickte. „Trotzdem, du musst den Fuß unbedingt schonen.“

„Das tue ich doch. Niemand will eher als ich, dass der Fuß heilt.“

Will grinste. „Warum bist du nach Garretts Hochzeit auch nicht in Dallas geblieben. Das letzte Mal habe ich dich so lahmgelegt erlebt, als du fünf warst und Mumps hattest.“

Zach verzog das Gesicht. „Erinnere mich bloß nicht daran.“

„Das ist siebenundzwanzig Jahre her. Eigentlich ist es ein Wunder, dass du so lange Häuser abreißen konntest, ohne dich zu verletzen.“

„Ich hatte eben Glück.“

„Wenn du heute niemanden findest, schicke ich dir eine passende Kandidatin. Ich hatte ja keine Ahnung, wie schwer du dich damit tust, eine geeignete Sekretärin zu finden, sonst hätte ich das längst getan.“

„Danke. Es ist schwieriger, als ich dachte. Die eine hat nach ein paar Tagen festgestellt, dass ihr die Ranch zu abgelegen ist. Eine andere hat nicht aufgehört zu quasseln.“

Will lachte.

„Und dann war da eine, die saß mir ständig im Nacken und gab Anweisungen, wie ich auf mich aufpassen soll. Weißt du was, Will? Statt eine Sekretärin anzustellen, die mit mir Dads Papiere durchgeht, sollten wir den ganzen Kram einfach wegschmeißen. Dad ist seit über einem Jahr tot. Die Sachen sind nicht wichtig, sie haben höchstens sentimentalen Wert.“

„Das können wir nicht wissen“, gab Will zu bedenken.

Zach nickte. „Es sähe Dad ähnlich, dass er etwas Kostbares in den Papieren versteckt hat, nur damit wir alles durchsehen müssen.“

„Du hast dich nach deinem Sturz freiwillig dafür gemeldet, also beschwer dich jetzt nicht.“

„Schon gut, die Sekretärin soll die Sachen ja durchgehen. Immerhin hast du schon Caroline aufgenommen. Ryan hat alle Hände voll damit zu tun, seine Scheune neu aufzubauen, wenn er zwischen all seinen Reisen mal hier ist. Außerdem habe ich im Moment viel zu viel Zeit. Ich weiß gar nicht, was Dad geritten hat, all die Papiere aufzuheben – er wollte doch nicht etwa eine Familiengeschichte schreiben?“

„Keine Ahnung, was Dad vorhatte. Vielleicht ist er mit den Jahren nostalgisch geworden.“ Will ging zur Tür und hielt inne. „Willst du Thanksgiving wirklich nicht zu uns kommen?“

Zach war gerührt. „Danke, aber lieber nicht. Feiere du mit Avas Familie, Ryan wird bei einer seiner Frauen sein – ich habe längst den Überblick verloren –, und ich komme gut alleine klar.“

„Falls du es dir anders überlegst, sag Bescheid. In sechs Wochen ist Weihnachten, da fahren wir nach Colorado. Möchtest du nicht mitkommen?“

„Danke.“ Zach grinste seinen Bruder an. „Aber ich will gleich nach dem Fest in mein Haus nach Italien, du weißt doch, dass ich Weihnachten nicht mag.“

„Und, wie heißt die schöne Italienerin?“

„Wieso nur eine? Außerdem hast du mit Weihnachten auch nie viel am Hut gehabt, bis Caroline zu euch kam. Jetzt musst du natürlich feiern.“

„Seit Caroline da ist, macht es auch Spaß. Komm zu uns, dann kannst du es selbst erleben.“

„Nichts gegen euer glückliches Familienleben, aber der Arzt hat mir Ruhe verordnet, und die habe ich in Italien eher als auf der Skipiste.“

„Na gut. Sag mir, wie es mit der Sekretärin läuft, ich kann dir jederzeit eine exzellente Kraft besorgen.“ Dann war er gegangen.

Zach wandte sich jetzt vom Fenster ab und betrachtete missmutig seinen Fuß. Ein Haufen Schutt war abgerutscht, und Zach hatte sich den Knöchel gebrochen und ein paar Dinge verstaucht. Nicht herumlaufen zu können, war die Hölle für ihn, er war ein Mensch, der ständig in Bewegung sein musste. Aber vorerst saß er auf der Ranch fest.

Zach seufzte, als ein Wagen vor dem Haus hielt. Emma Hillman stieg aus und ging zur Tür.

Zach betrachtete sie verblüfft. Sie war eine schöne, langbeinige Rothaarige, nach der jeder Mann sich umdrehen würde. Eine solche Frau hätte als Model Chancen, warum plagte sie sich als Sekretärin ab? Trotz grünem Kostüm und Blazermantel strahlte sie etwas Ungezähmtes aus.

Der Wind blies ihr die Haare aus dem Gesicht, und Zach konnte den Blick nicht abwenden. Er hatte noch nie eine solche Sekretärin gesehen. Wahrscheinlich basierten die guten Zeugnisse auf ihrem Äußeren. Sein Herz sank. Will musste ihm jemanden besorgen, der auf der Ranch blieb. Diese Frau hatte schon im Vorfeld angekündigt, dass sie dauernd nach Hause wollte. Wie sollte sie da gute Arbeit leisten? Wahrscheinlich würde sie nach zwei Tagen aufgeben, so wie ihre Vorgängerinnen.

Es klingelte, und Nigel, der sich im Haus um alles kümmerte, öffnete, während Zach zu einem Sessel humpelte. Ehe er ihr absagte, konnte er ja noch nach ihrer Telefonnummer fragen. Andererseits arbeitete sie in Dallas für ihn, da kam das wohl doch nicht infrage. Immerhin bot sie eine angenehme Ablenkung von seiner Langeweile.

Emma Hillman drückte auf den Klingelknopf. Die Ranch hatte sie sich anders vorgestellt, eher wie ein großes Blockhaus und nicht wie ein Herrenhaus. Als die Tür aufging, stand ihr ein schlanker, grauhaariger Mann gegenüber.

„Guten Tag. Miss Hillman?“

„Ja.“ Emma trat ein.

„Ich bin Nigel Smith. Mr Delaney erwartet Sie.“

Emma folgte ihm und sah sich um. Die Halle war mit dunklem Holz ausgelegt und wirkte äußerst edel.

Rasch fuhr sie sich durchs Haar. Sie hatte schon gehört, dass Zach schwierig war – kurz angebunden, anspruchsvoll und ganz Geschäftsmann. Andererseits war er ihr auch als attraktiver Schuft und als eigenwilliger Dickkopf beschrieben worden. Die Geschichten über ihre drei Vorgängerinnen, die es nur ein paar Tage ausgehalten hatten, hingen ihr schon zum Hals heraus.

Ihr war das egal. Der Job hier war eine gute Gelegenheit, Karriere zu machen, außerdem war er gut bezahlt. Sie würde ihre Familie in Dallas zwar vermissen, andererseits war sie fest entschlossen, nicht so schnell aufzugeben wie ihre Vorgänge­r­innen.

Nigel führte sie in einen gemütlichen Raum voller Bücherregale, in dem ein Kaminfeuer brannte. Aber Emmas Blick blieb an dem großen, dunkelhaarigen Mann mit den verblüffend blauen Augen hängen. Er trug ein schwarzes Oberhemd und enge Jeans, die seinen muskulösen Körper gut zur Geltung brachten. Er sah fit und gesund aus, wenn man von dem Gipsverband am Fuß einmal absah, und er strahlte Autorität aus.

Ihre Blicke trafen sich. Emma atmete schneller, ihre Handflächen wurden feucht, und ihr Herzschlag beschleunigte sich. Irgendetwas zog sie zu ihm hin, und sie konnte nicht wegsehen. Schweigend schauten sie sich an.

Schließlich riss Emma sich zusammen und reichte Zach die Hand. „Schön, Sie kennenzulernen, Mr Delaney“, erklärte sie. Ihre Stimme kam ihr selber schwach vor.

Zach drückte ihr die Hand. „Willkommen auf der Delaney-Ranch. Sagen Sie doch Zach. Wir werden eng zusammenarbeiten, da stört Förmlichkeit nur. Bitte setzen Sie sich.“ Er hatte eine tiefe, warme und sehr aufregende Stimme.

Emma war unsicher, weil sie so intensiv auf ihn reagierte. Rasch nahm sie in einem Ledersessel Platz. Zach zog sich einen Stuhl heran und setzte sich zu ihr. „Sie haben ausgezeichnete Empfehlungen. Wenn Sie die Stelle haben möchten, müssen Sie für fünf, sechs Wochen hier wohnen. Freitagnachmittags bis Montag früh um neun Uhr haben Sie frei.“

„Klingt gut“, sagte Emma und dachte, dass jemand sie vor Zachs Ausstrahlung hätte warnen sollen. In seinem Büro in Dallas war sie ihm noch nie über den Weg gelaufen. Sie hätte nie gedacht, dass sie so heftig auf ihn reagieren würde.

„Um Weihnachten rum müssten wir fertig sein, dann sollte auch mein Fuß wieder in Ordnung sein. Danach können Sie nach Dallas zurück und ich wieder auf die Baustellen.“

„Gut.“ Sie versank in seinen blauen Augen. Er mochte noch so sachlich reden, seine Blicke sprachen eine andere Sprache. Das tiefe Blau verriet ein Interesse, das ihr warme Schauer über die Haut jagte. Emma riss sich zusammen. „Wie am Telefon schon erwähnt, hätte ich gerne die Woche vor Weihnachten und zwei Tage danach frei, falls der Job dann nicht ohnehin erledigt ist.“

„Das geht in Ordnung. Sie sollen hier bei der Korrespondenz und bei Geschäftsakten helfen. Außerdem muss ich ein paar Familien-Papiere durchsehen. Mein Vater hatte offenbar vor, eine Familiengeschichte zu schreiben, und dafür hat er alles Mögliche von Generationen von Delaneys aufgehoben, darunter zahlreiche Briefe. Ich habe mich bereit erklärt, die Sachen durchzusehen, solange mein Fuß mich an den Stuhl fesselt.“ Er deutete auf einen Haufen Papiere in Pappkartons.

„Das klingt spannend“, bemerkte Emma. „Wenn das Briefe von Ihren Vorfahren sind, wie sind Sie dann da dran gekommen?“

„Offenbar hat jeder jedem geschrieben. Es ist eine Unmenge an Korrespondenz. Keine Ahnung, warum sie die aufgehoben haben.“

„Wahrscheinlich gab es noch viel mehr, wenn Ihre Vorfahren solche Vielschreiber waren.“

„Wenn es nach mir ginge, würde ich den ganzen Kram schreddern. Einige Briefe stammen noch von 1800.“

Entsetzt sah Emma ihn an. „1800? Aber das ist doch faszinierend!“, rief sie, ehe ihr aufging, dass sie gerade ihren Chef kritisierte.

Zach lächelte. „Gut, dass Sie es so sehen, denn Sie sind diejenige, die das Zeug lesen wird. Das wäre für die nächste Zeit Ihr Job. Haben Sie Lust?“

„Oh ja, ich freue mich darauf.“

„Großartig. Und wenn Sie Fragen haben, immer heraus damit. Nigel wird Ihre Sachen aus dem Auto holen.“

„Gut, ich habe alles dabei.“

„Sehr schön. Die Schufterei, die auf Sie zukommt, wird durch das Gehalt wettgemacht.“

Emma nickte.

„Nigel unterstützt mich, Sie können auch ihn jederzeit fragen.“

„Sicher muss ich mich oft nach dem Weg zu den einzelnen Zimmern erkundigen.“ Sie sah in die Halle hinaus – das Haus war riesig.

„Nigel hat einen Grundriss. Es gibt ein Schwimmbad, einen Außenpool und einen Fitness-Raum. Sie können alles benutzen.“

„Eine sehr moderne Ranch.“

„Sie stammt auch von 1800, ist aber von jeder Generation umgebaut worden. Weil es einen Fahrstuhl gibt, wohne ich zurzeit hier. Können Sie schon in einer Stunde anfangen?“

„Ja.“

Emma folgte ihm zur Tür, wo Zach ihre Hand ergriff. „Willkommen auf der Delaney-Ranch“, sagte er warm. Emma blickte in die blauesten Augen, die sie je gesehen hatte, und zwischen ihnen knisterte die Luft.

„Ich hoffe, Ihr Aufenthalt wird sich für Sie lohnen“, bemerkte Zach, und Emma dachte unwillkürlich an heiße Küsse und leidenschaftliche Umarmungen. Als sie merkte, dass sie ihn anstarrte, zog sie rasch ihre Hand zurück und ging.

In der nächsten Stunde packte sie aus und bewunderte die Suite mit Wohn- und Schlafzimmer und einem eigenen Bad, das so groß war wie ihre ganze Wohnung. Rasch machte sie ein paar Fotos, um sie ihren Schwestern zu senden. Aber ihre Hauptsorge war, wie sie es aushalten sollte, immerzu in Zachs Nähe zu sein. Er war einfach höllisch attraktiv!

Eine der Sekretärinnen hatte allerdings erzählt, er habe ihr in den zwei Tagen, die sie für ihn gearbeitet hatte, so viel Arbeit aufgehalst, dass es unmöglich zu schaffen gewesen war. Eine andere hatte sich beklagt, dass er schweigsam und schlecht gelaunt war.

Emma steckte ihre Haare hoch und machte sich auf den Weg nach unten. Als sie in Zachs Wohnzimmer trat, stand er auf. Er sah gesund und fit aus, auch wenn er sich momentan nur an Krücken fortbewegen konnte. „Kommen Sie mit“, wies er sie an und ging voraus.

Sie betraten ein großes Büro, und Emma holte tief Luft. Der Raum war überwältigend. Drei Seiten waren von Bücherregalen gesäumt, die vierte Wand war aus Glas und gab den Blick auf einen Teich, Koppeln und Stallanlagen frei. Zwei große Schreibtische standen einander gegenüber.

„Das ist mein Arbeitsplatz“, erklärte Zach und zeigte auf den größeren Tisch. Daneben stand ein zweiter aus Glas. Zach setzte sich hinter seinen Schreibtisch, Emma nahm ihm gegenüber in einem Ledersessel Platz. Als sie aufblickte, merkte sie, dass er ihre Beine musterte. Zwischen ihnen bestand eindeutig eine starke erotische Anziehungskraft, aber daraus konnte nichts werden. Er war ihr Chef, und sie wollte ihren Job nicht aufs Spiel setzen. Sie brauchte das Geld, weil sie zu Ende studieren und Lehrerin werden wollte. Das hohe Gehalt für die paar Wochen würde sie ein ganzes Stück weiterbringen.

„Hier sind nur Sie und ich und meine Angestellten, also können Sie zur Arbeit ruhig Jeans tragen.“

Emma nickte.

„Ihrer ist der Glastisch. Dort liegen Papiere, die kopiert und abgeschickt werden müssen.“ Er lehnte sich zurück und streckte die langen Beine aus.

Emma merkte, dass sie sich besser konzentrieren musste, sein Aussehen lenkte sie zu sehr ab.

„Ich hoffe, dass Sie meine Schrift lesen können, Sie werden ab und zu ein Dokument abtippen müssen. Der zweite Stapel muss weggeheftet werden. Dort steht der Eingangskorb, wenn Sie alles fertig haben, legen Sie es dort hinein. Wenn Sie Fragen haben, jederzeit. Machen Sie Pause, wann immer Sie wollen, und in der Küche gibt es Snacks. Haben Sie meine Köchin Rosie schon kennengelernt?“

„Ja, habe ich.“ Emma hatte die Köchin auf dem Weg nach unten getroffen und war freundlich von ihr begrüßt worden.

„Gut. Arbeiten Sie von acht bis sechzehn Uhr oder von neun bis siebzehn Uhr, wie Sie wollen. Mittag müssen Sie hier essen.“

„Acht Uhr ist mir lieber“, sagte Emma.

Zach nickte. „Noch Fragen?“ Sein direkter Blick ließ ihr Herz schneller schlagen.

„Eine – wohin soll ich die fertige Post legen?“

„Auf Ihrem Schreibtisch ist ein Kasten dafür.“

Emma nickte und ging zu ihrem Schreibtisch, wobei sie seine Blicke spürte. Sie setzte sich, betrachtete die Papiere und dachte an Brennas Klage, dass Zach sie mit Arbeit überhäuft hatte. Es waren in der Tat große Stapel, und sie hoffte, dass sie genug wegschaffen würde, um den Job zu behalten.

Sie griff nach dem ersten Blatt und begann zu lesen. Bald waren alle Gedanken an Zach vergessen. Sobald sie fertig war, sortierte sie die Schriftstücke in die passenden Fächer ein. Ab und zu legte sie etwas in Zachs Eingangskorb. Sie sah auf, und ihr Blick blieb an seinen dunklen Haaren hängen.

Sie hatte nicht erwartet, mit ihm in einem Zimmer zu arbeiten. Sie hatte auch nicht damit gerechnet, für jemanden zu arbeiten, dessen blaue Augen ihr den Atem verschlugen.

Seufzend legte sie die Post in seinen Kasten und wandte sich dem nächsten Stapel zu. Als sie aufsah, trafen sich ihre Blicke. Rasch schaltete Emma den Computer ein und arbeitete weiter. Irgendwann sah sie auf und begegnete wieder seinem Blick. Beobachtete Zach sie?

Zach nahm ihr die Post ab. „Sie arbeiten schnell und zuverlässig.“

„Danke, das ist mein Ziel.“

„Ich dachte, wenn Sie die Stapel sehen, sind Sie so schnell weg wie Ihre Vorgängerinnen.“

„Ich habe vor zu bleiben“, erwiderte sie amüsiert. Hatte er sie etwa auf die Probe stellen wollen? Sie arbeiteten schweigend weiter.

Wer war der Mann, für den sie arbeitete? Im Büro in Dallas war es ihr egal gewesen, sie hatte nur gewusst, dass er ein großes Unternehmen leitete, das Büros in der ganzen Welt hatte. Zachary Delaney reiste ständig umher, was ihr persönlich gar nicht gefallen würde, mehr wusste sie nicht. Es gab in der Tat viel zu tun, aber dadurch verging die Zeit wie im Flug. Zu ihr war er sehr freundlich, egal, was die anderen gesagt hatten.

Zach stand auf und streckte sich. Er sah Emma an. „Lust auf einen Imbiss?“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, ging er zur Tür. „Kommen Sie, Rosie wird etwas vorbereitet haben.“

„Danke, aber hier sind noch ein paar Briefe, die ich erledigen möchte.“

„Die haben Zeit, enttäuschen Sie Rosie nicht.“

Überrascht sah Emma jetzt erst, dass es bereits halb eins war. „Oh, schon so spät?“

„Die Zeit vergeht schnell, wenn man Spaß hat.“ Zach grinste sie so gewinnend an, dass sie zurücklächeln musste.

„Erzählen Sie mir was über sich, Emma, wir werden die nächsten Wochen eng zusammenarbeiten.“

Emma freute sich, sie durfte also bleiben. „Da gibt es nicht viel zu erzählen. Ich arbeite seit zwei Jahren für Sie, habe eine Wohnung in Dallas, zwei Schwestern und zwei Brüder. Beide Schwestern und ein Bruder sind verheiratet, Bobby und ich nicht. Und Sie?“

„Ich habe zwei Brüder. Es waren mal drei, aber einer ist verunglückt. Mein ältester Bruder ist der Vormund unserer Nichte Caroline.“

„Wie traurig. Ist ihre Mutter auch tot?“

„Nein, sie ist ausgezogen, als Caroline noch ein Baby war. Sie wollte keine Verantwortung übernehmen.“

„Kaum zu glauben!“ Emma war entsetzt.

Zach zuckte die Achseln. „Eine Sache mehr, die gegen die Ehe spricht. Mein Bruder dachte auch so, aber im September hat er geheiratet.“

„Und für Sie ist das nichts?“

Er verzog spöttisch den Mund. „Ich würde nicht im Traum daran denken. Die Wochen jetzt sind die längste Zeit, die ich mal am Stück an einem Ort bin, und das auch nur gezwungenermaßen.“ Er zeigte auf seinen Knöchel.

„Ich habe gehört, dass Sie weltweit unterwegs sind. Ich bin das genaue Gegenteil, ich möchte kein Wochenende mit meiner Familie verpassen.“

Zach führte sie in die Küche. „Was gibt es zu Mittag, Rosie?“, fragte er und hob einen Topfdeckel. Eine grauhaarige Frau in Schürze eilte herbei. „Das ist Hühnersuppe, und danach gibt es Quesadillas mit Käse oder Puten-Sandwich – wie Sie wollen.“

„Suppe und dann …“ Er sah Emma fragend an.

„Quesadillas, bitte“, sagte sie.

„Danke, Rosie, wir nehmen uns selbst.“ Zach zog Emma den Stuhl zurück, und Rosie brachte Kaffee. Emma lehnte ab, aber Zach ließ sich einen großen Becher eingießen.

„Was hat Sie zu einem Abrissunternehmer gemacht?“, fragte Emma.

„Wahrscheinlich der Wunsch, den jedes Kind hat: Sachen einreißen können. Ich bin Ingenieur und wollte zunächst Architektur studieren. Jetzt habe ich einen Architekten eingestellt und baue dort neu, wo wir Gebäude abreißen. Die Arbeit ist faszinierend.“

Emma wusste, dass er so reich war, dass er gar nicht hätte arbeiten müssen. Seine Einstellung zu Familie und Ehe war ihr unverständlich. Während Familie für sie alles bedeutete, war er ständig unterwegs und fern von seinen Lieben. Er führte ein Leben, das sie sich nicht vorstellen konnte.

Rosie stellte das dampfende Essen auf den Tisch. „Was ist Ihr Lieblingsort?“, fragte Emma.

„Es gibt viele. Ich liebe Paris, Torres del Paine, Iguazu Falls, New York … alle sind interessant. Und wo sind Sie am liebsten?“

„Bei meiner Familie.“ Emma lächelte, als Zach den Kopf schüttelte.

„Okay, anders gefragt: Welche Stadt außerhalb von Texas mögen Sie am liebsten?“

Emma ließ die Gabel sinken. „Ich war noch nie außerhalb von Texas.“

Zach sah sie so überrascht an, als wenn sie zwei Köpfe hätte. „Noch nie?“

„Nein, mir gefällt es hier.“

„Sie wissen doch gar nicht, was Sie verpassen.“

„Ich mag es so.“ Emma war sich sicher, dass sein Interesse damit befriedigt war.

„Sie verpassen so viel und sind sich dessen nicht mal bewusst.“

Emma dachte, dass das auch auf ihn zutraf. „Hauptsache, ich bin zufrieden.“

„Was macht Ihre Familie so?“

„Wir leben in Dallas. Mein Vater ist Buchhalter, meine Mutter Sekretärin. Mein jüngerer Bruder studiert und jobbt nebenbei, und ich setze gerade ein paar Semester aus. Ich will Lehrerin werden.“

„In welchem Semester sind Sie denn?“

„Etwas über die Hälfte habe ich schon geschafft. Aber zurück zu meiner Familie – ich habe auch noch fünf Nichten und zwei Neffen. Nicht zu vergessen die Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen.“

„Große Familie, was?“

„Wir besuchen meine Eltern an den Wochenenden“, erklärte Emma, „und die Onkel und Tanten kommen meist auch. Oft sind wir um die dreißig Leute.“

Zach trank einen Schluck Wasser und lächelte höflich. „Meine Familie ist ganz anders“, erklärte er dann. „Jeder geht seiner Wege. Dad ist tot, und meine Mutter hat schon vor Jahren entschieden, dass sie lieber unabhängig sein will.“

„Wir haben völlig verschiedene Lebensstile“, stellte Emma fest und dachte, dass sie so einem Mann nie nahestehen könnte. Ihre Familie bedeutete ihr alles, seine ihm nichts. Dass die Mutter ihn verlassen hatte, hatte ihn sicher geprägt …

Aber warum dachte sie überhaupt darüber nach? In ein paar Wochen würde sie Zach wahrscheinlich nie wiedersehen. „Die Quesadilla schmeckt sehr lecker.“

„Ja, Rosie kann gut kochen. Haben Sie einen Freund?“

Sie zuckte bei dem abrupten Themenwechsel unmerklich zusammen. „Im Moment nicht.“

„Ich habe noch nie eine Freundin gehabt, die so an ihrer Familie hängt.“

„Ich bin Ihre Sekretärin – das ist etwas anderes als eine Freundin“, erwiderte sie steif.

„Wir können auch Freunde sein“, gab er amüsiert zurück, und Emma lief ein Schauer über den Rücken. Fast unmerklich brachte er ihre Beziehung auf eine persönliche Ebene, und das wollte sie nicht. Bei jedem Wort, das er sagte, erkannte sie neue Unterschiede zwischen ihnen. Er war kein Mann, der in ihr Leben passte, wenn man von der körperlichen Anziehung absah. Und sie passte ganz sicher nicht in seins.

Emma überlegte. Sie hatte noch nie gehört, dass Zach sich mit einer Angestellten eingelassen hätte. Im Gegenteil, neue Mitarbeiterinnen waren gewarnt worden, dass sie bei ihm vergebens auf mehr hofften.

„Auf geschäftlicher Ebene können wir sicher Freunde sein“, sagte Emma und fragte sich, ob sie zu prüde klang.

„Ruhig Blut, Emma, wir werden wochenlang miteinander arbeiten, essen und wohnen. Wir müssen nicht die ganze Zeit so förmlich sein. Wenn ich etwas auf dem Herzen habe, sage ich Ihnen Bescheid.“

„In Ordnung.“ Emma fragte sich, wo das hinführen sollte. Oder bildete sie sich das nur ein, weil sie ihn so attraktiv fand? „Sie reisen also viel – was tun Sie noch?“

„Hauptsächlich arbeiten. Ich habe eine Yacht, aber selten Zeit zum Segeln. Ich habe ein Haus in Italien, eine Wohnung in Chicago und eine in New York, aber meist fliege ich zwischen Paris und Chicago hin und her, wo wir Firmensitze haben. Ich mag Großstädte.“

Emma stand auf. „Ich muss weitermachen. Das Essen war sehr gut.“

„Setzen Sie sich, die Briefe haben Zeit. Ich unterhalte mich gern mit Ihnen. Und es gibt noch Dessert.“

Emma setzte sich wieder. „Sie sind der Boss. Aber Dessert schaffe ich nicht mehr, ich esse sonst viel weniger zu Mittag.“

„Verwöhnen Sie sich, solange Sie die Gelegenheit haben.“ Er schob seinen Teller weg und beugte sich vor. „Das hier ist Mittagessen, Emma, nicht Arbeit. Jetzt sind wir nicht Boss und Sekretärin, sondern zwei Menschen, die gemeinsam essen.“ Seine Stimme klang warm, und er sah sie an. „Schöne grüne Augen, herrliche rote Haare“, ergänzte er leise, „da kann man die Arbeit schon mal vergessen.“

„Diese Grenze sollten wir nicht überschreiten“, warnte Emma atemlos.

„Das haben wir schon getan, als Sie zur Tür reinkamen.“

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