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Rote Sonne - heiße Küsse

1. KAPITEL

Sydney, Australien

„Miss Rossini …“

Schon wieder jemand, der sie mit dem falschen Namen ansprach.

Jenny gab sich Mühe, ihr Gegenüber zu verstehen. Aber sie vermochte sich nicht zu konzentrieren und verstand nur Bruchstücke. Die Worte, die sie hörte, ergaben einfach keinen Sinn. Sie war wie in einem Nebel gefangen, der sich in manchen Momenten beinahe zu lichten schien, sie dann aber wieder in einem großen Nichts zu verschlingen drohte. War es ein Albtraum, der sich auflöste, nur um immer wiederzukehren? Sie musste aufwachen, die Realität in den Griff bekommen, aber ihre Lider waren so schrecklich schwer.

„Miss Rossini …“

Schon wieder. Was sollte das? Wo war Bella? Warum sprachen diese Leute sie mit dem Namen ihrer Freundin an? Das war doch ganz verkehrt. Ihr Kopf schmerzte. Der Nebel umhüllte sie. Es war um so vieles leichter, sich dem Vergessen hinzugeben, an einen Ort zu verschwinden, wo diese schmerzhaften Verwechslungen nicht existierten. Trotz allem aber wollte sie Antworten, sie wollte, dass dieser qualvolle Albtraum ein Ende nahm. Und deshalb musste sie sich jetzt auch mit aller Macht darauf konzentrieren, die Augen zu öffnen.

„Oh, du lieber Gott! Sie ist aufgewacht!“

Der Ausruf tat ihren Ohren weh. Das gleißende Licht schmerzte, und sie wünschte, die Augen wieder schließen zu können. Aber sie kämpfte gegen den Impuls an, weil sie befürchtete, nicht noch einmal die Kraft aufzubringen, sie wieder zu öffnen. Sie sah nur Schemen, doch plötzlich ließ sich eine rasche Bewegung irgendwo vor ihr ausmachen.

„Ich hole den Arzt!“

Ein Arzt … ein weißes Bett … weiße Stellwände … Schläuche, die an ihren Armen befestigt waren. Sie musste in einem Krankenhaus sein. Eine Art Schlinge war um ihren anderen Arm gebunden. Sie versuchte, ihre Beine zu bewegen, aber es gelang ihr nicht. Es rührte sich gar nichts. Eiskalte Furcht ergriff sie. War sie gelähmt?

Eine Krankenschwester erschien am Fuß des Bettes, eine hübsche blonde Frau mit blauen Augen. „Hallo! Ich heiße Alison. Ich habe Dr. Farrell schon angepiept. Er wird in einer Minute hier sein, Miss Rossini.“

Jenny wollte sagen, dass dies nicht ihr Name war – vergeblich. Ihre Lippen und ihre Kehle waren staubtrocken.

„Ich hole Ihnen kühlendes Eis“, sagte Alison und huschte davon.

Als sie zurückkehrte, wurde sie von einem Mann begleitet, der sich als Dr. Farrell vorstellte. Alison gab ihr einen Eiswürfel, den Jenny langsam im Mund zergehen ließ und der ihre Kehle befeuchtete.

„Schön, dass Sie wieder bei uns sind, Miss Rossini“, sagte der Arzt, ein kleiner, untersetzter Mann, etwa Mitte dreißig, fröhlich. Der Blick seiner hellbraunen Augen signalisierte, dass er sich über ihren Wachzustand freute. „Sie haben die letzten beiden Wochen im Koma gelegen.“

Warum? Was ist mit mir los? Panik erfasste sie, während sie versuchte, ihm diese Frage mit Blicken mitzuteilen.

„Sie hatten einen Autounfall.“ Er verstand offensichtlich, dass sie wissen musste, was mit ihr geschehen war. „Aus irgendwelchen Gründen hatten Sie keinen Sicherheitsgurt angelegt und wurden direkt aus dem brennenden Wrack geschleudert. Sie haben eine schwere Gehirnerschütterung erlitten. Außerdem hatten Sie drei gebrochene Rippen, einen gebrochenen Arm und schwere Fleischwunden an einem Bein. Der Gipsverband an Ihrem anderen Bein war notwendig, weil Sie sich den Knöchel gebrochen haben. Die gute Nachricht ist, dass alles prima verheilt. Sie werden bestimmt bald wieder auf den Beinen sein.“

Eine Welle der Erleichterung durchströmte sie. Sie war nicht gelähmt. Trotzdem schien ihr verletztes Gehirn nicht richtig zu funktionieren. An einen Autounfall konnte sie sich gar nicht erinnern. Außerdem war es unmöglich, dass sie keinen Sicherheitsgurt getragen hatte. Sie legte ihn immer ganz automatisch an, wenn sie in ein Auto stieg.

„Sie runzeln die Stirn, Miss Rossini. Was wollen Sie mir damit sagen?“, fragte der Arzt freundlich.

Ich bin nicht Bella. Warum wissen Sie das nicht?

Sie leckte sich über die Lippen und brachte ein Krächzen zustande. „Mein Name …“

„Gut! Sie kennen Ihren Namen.“

Nein!

Sie versuchte es erneut. „Meine Freundin …“

Der Arzt seufzte und verzog das Gesicht. Sein Blick war voller Mitgefühl. „Es tut mir sehr leid, aber ich muss Ihnen mitteilen, dass Ihre Freundin bei dem Unfall ums Leben gekommen ist. Wir konnten nichts mehr für sie tun. Das Auto ging in Flammen auf, bevor Hilfe eintraf. Wenn Sie nicht aus dem Wagen geschleudert worden wären …“

Bella … tot? Verbrannt? Die entsetzliche Vorstellung ließ sie in Tränen ausbrechen. Der Arzt nahm ihre Hand und tätschelte sie. Dabei sprach er beruhigend auf sie ein, aber Jenny registrierte nur den Ton seiner Stimme. Die arme Bella! Sie war immer so nett zu ihr gewesen, hatte sie bei sich aufgenommen und ihr sogar ihren Namen geliehen, damit sie im Venedig-Forum arbeiten konnte. Dort wurden nämlich nur Italiener eingestellt. Oder man musste wenigstens italienische Vorfahren haben.

Waren ihre Identitäten auf diese Weise verwechselt worden?

Der Arzt verabschiedete sich und beauftragte die Schwester, an ihrem Bett zu sitzen und mit ihr zu sprechen. Aber Jenny konnte nicht reden. Sie war überwältigt vom Schock und dem schrecklichen Verlust ihrer Freundin. Ihrer einzigen Freundin. Auch Bella hatte niemanden. Keine Familie, keine Angehörigen. Beide waren sie Waisen – eine Gemeinsamkeit, die sie große Sympathie füreinander hatte empfinden lassen.

Wer würde sie begraben? Was passierte mit ihrer Wohnung und all ihren Sachen … dem Heim, das sie geschaffen hatte und das auf sie wartete … nur dass sie jetzt nie wieder dorthin zurückkehren würde.

Schließlich fiel Jenny vor Erschöpfung und Kummer in den Schlaf. Als sie wieder erwachte, hatte eine andere Krankenschwester Alison ersetzt. „Hallo. Mein Name ist Jill“, sagte die junge Pflegerin ermutigend. „Kann ich Ihnen irgendetwas holen, Miss Rossini?“

Nicht Rossini. Die Krankenschwester machte den gleichen Fehler wie die anderen auch. Kent. Jenny Kent. Aber jetzt, da Bella tot war, kümmerte es niemanden, wer oder was sie war.

Die Angst schoss wie ein Pfeil durch das düstere Chaos in ihrem Kopf.

Wohin sollte sie gehen, wenn man sie schließlich aus dem Krankenhaus entließ? Wahrscheinlich würde ihr das Sozialamt eine Unterkunft besorgen, so wie in ihrer Kindheit und in ihrer frühen Jugend – Orte, die sie gehasst hatte. Und wenn sie wegen ihrer Verletzungen wieder staatliche Hilfe in Anspruch nehmen musste, erfuhr es bestimmt dieser Mistkerl, der sie damals missbraucht hatte.

Vor lauter Ekel zog sich ihr Magen zusammen. Die Polizeibeamten hatten ihr damals nicht geglaubt, als sie Anzeige gegen ihren ach so kompetenten Sozialarbeiter erstattet hatte, der für seine Unterstützung von den hilfsbedürftigen Mädchen sexuelle Gefälligkeiten verlangt hatte. Er war schon so viele Jahre dabei, dass die Polizei und seine Vorgesetzten ihm vertrauten. Die anderen Mädchen hatten zu viel Angst vor seiner Rache gehabt und geschwiegen. Sie war als niederträchtige Lügnerin dargestellt worden, die von ihm nicht das bekommen hatte, was sie sich gewünscht hatte. Bestimmt würde er sie liebend gern wieder schikanieren, wenn er erfuhr, in welcher Lage sie sich befand.

Aber welche Wahl blieb ihr schon? Sie würde von der Sozialfürsorge leben müssen, bis sie wieder in der Lage war, auf eigenen Füßen zu stehen und ihre Bilder auf der Straße zu verkaufen – wie sie es getan hatte, bevor sie Bella kennengelernt hatte. Ohne den Namen Rossini würde sie im Venedig-Forum sofort rausfliegen.

Plötzlich schoss ihr ein verwegener Gedanke durch den Kopf – musste sie den Namen überhaupt aufgeben?

Alle dachten schließlich, Jenny Kent sei tot.

Es gab niemanden, dem sie am Herzen lag, niemanden, der sie vermissen würde. War es dann so schlimm, wenn sie eine Weile lang die Identität ihrer Freundin annahm … in ihrer Wohnung blieb … weiter im Venedig-Forum arbeitete … Geld sparte … wenn sie sich ein wenig Zeit zum Nachdenken nahm, um zu planen, wie es weiterging, bis sie wieder auf eigenen Füßen stehen konnte?

Hätte ihre Freundin sich nicht genau das für sie gewünscht, anstatt dass alles so … endete?

2. KAPITEL

Rom, Italien
Sechs Monate später

Dante Rossini löste sich aus Anyas weichen Armen und griff nach seinem Handy.

„Lass das doch!“, fuhr sie ihn an. „Die Nachricht kannst du auch später abhören.“

„Sie ist von meinem Großvater“, sagte er und ignorierte ihren Protest.

„Na, prima! Er ruft dich an, und du springst!“

Ihr Ausbruch von Gereiztheit ärgerte ihn. Er warf ihr einen unwirschen Blick zu und klappte das Handy auf. Es konnte nur sein Großvater sein, denn sonst kannte niemand seine Privatnummer – das war ihre direkte Verbindung. Dafür hatte er das Handy extra gekauft, und ja, er war tatsächlich bereit zu springen, wenn es klingelte. Höchstens drei Monate hatten die Ärzte seinem Großvater noch gegeben, und nun war schon fast ein Monat vergangen. Die Zeit wurde langsam knapp für Marco Rossini.

„Dante hier“, sagte er schnell und spürte den Schmerz in seiner Brust. „Was kann ich für dich tun, Nonno?“

Wütend, weil ihre stichelnde Bemerkung keine Wirkung gehabt hatte, sprang Anya aus dem Bett und stapfte ins Badezimmer.

Auch für Anya Michaelson wird die Zeit langsam knapp, entschied Dante. Sie wollte, dass man ihren Launen immer nachgab, wogegen er in der Vergangenheit auch nichts einzuwenden gehabt hatte. Schließlich besaß sie einen fantastischen Körper und ein ausgesprochen großes Talent für erotische Spiele. Aber ihre Selbstbezogenheit fing an, ihm auf den Wecker zu gehen.

Er hörte seinen Großvater keuchen und um Atem ringen. „Es geht um eine Familienangelegenheit.“

Familie? Meistens handelte es sich um geschäftliche Angelegenheiten, die geklärt werden mussten. „Was ist das Problem?“.

„Das erkläre ich dir, wenn du hier bist.“

„Soll ich sofort kommen?“

„Ja. Wir dürfen keine Zeit verschwenden.“

„Ich werde noch vor dem Mittagessen da sein“, versprach Dante.

„Guter Junge!“

Junge … Dante lächelte, als er das Telefon wieder zuklappte. Er war jetzt dreißig und kurz davor, das Management eines internationalen Konzerns zu übernehmen. Seit seinen Teenagerjahren hatte sein Großvater ihn auf diese Aufgabe vorbereitet. Nur Marco Rossini wagte es, ihn immer noch einen Jungen zu nennen. Dante war erst sechs Jahre alt gewesen, als seine Eltern bei einem Unfall mit einem Speedboat ums Leben gekommen waren. Seitdem war er für Nonno immer sein Junge gewesen.

„Und was ist mit mir?“, fragte Anya, als er aus dem Bett stieg.

Sie lehnte in einer provozierenden Pose an der Badezimmertür. Ihre üppigen Kurven waren nicht zu übersehen, das lange blonde Haar fiel ihr zerzaust über die Schultern, die vollen Lippen waren zum Schmollmund verzogen. Aber das Begehren, das sie vorher in ihm ausgelöst hatte, war verschwunden. Jetzt verspürte er nur noch Ungeduld ihr gegenüber.

„Tut mir leid. Ich muss gehen.“

„Du hast doch versprochen, du würdest heute mit mir einkaufen gehen.“

„Einkaufen ist unwichtig.“

Sie versperrte ihm den Weg ins Bad. Er schob sie zur Seite.

Sie schlang die Arme um seinen Nacken und schmiegte sich an ihn. Ihre grünen Augen versprühten Feuer. „Für mich ist es aber nicht unwichtig, Dante. Du hast mir versprochen …“

„Ein anderes Mal, Anya. Ich werde auf Capri gebraucht. Und jetzt lass mich los.“

Seine Stimme war kalt. Seine Augen waren kalt. Sie ließ ihn los, verärgert über seinen Befehl, aber sie gehorchte trotzdem. Er ging an ihr vorbei und stellte sich unter die Dusche, ohne sich noch einmal nach ihr umzuschauen.

„Ich hasse die Art, wie du dich immer aus der Affäre ziehst“, schrie sie. „Ich hasse es!“

„Dann such dir einen anderen Mann, Anya“, sagte er beiläufig und stellte das Wasser an, das jedes andere Geräusch übertönte. Einen Wutanfall konnte er jetzt bestimmt nicht brauchen, und es war ihm auch ziemlich egal, ob Anya einen anderen Mann fand, der ihr Kleider und Schmuck schenkte. Es gab genug schöne Frauen, die jederzeit gern mit ihm ins Bett gingen.

Als er aus dem Bad kam, war sie verschwunden. Er verschwendete keinen weiteren Gedanken an sie. Während er sich auf die Abreise vorbereitete – dem Hubschrauberpiloten über Handy mitteilte, sich für den Flug nach Capri bereit zu halten, sich umzog und hastig frühstückte –, dachte er über seine Familie nach und fragte sich, wer seinem Großvater Grund zur Sorge geben mochte.

Onkel Roberto war zurzeit in London, wo er die Renovierung und neue Ausgestaltung seines Hotels überwachte. Solche kreativen Arbeiten machten ihm immer sehr viel Spaß. Er hatte sein Leben als schwuler Mann immer mit sehr viel Diskretion geführt. Marco tolerierte die Homosexualität seines Sohnes unter der Voraussetzung, dass er nicht zu viel davon mitbekam. War in London vielleicht etwas Inakzeptables passiert?

Tante Sophia hatte sich ihres dritten, geldgierigen Ehemannes vor drei Jahren entledigt. Allerdings hatte sie das einige Millionen Dollar gekostet. Marco war über die geringe Menschenkenntnis seiner eigensinnigen Tochter mehr als entsetzt gewesen. Sie hatte hintereinander einen amerikanischen Prediger, einen Pariser Playboy und einen argentinischen Polospieler geheiratet. Hatte sie jetzt vielleicht eine weitere unpassende Liaison angefangen?

Dann gab es da noch seine Cousine Lucia, die vierundzwanzigjährige Tochter von Tante Sophia und ihrem französischen Playboy, ein durchtriebenes Luder, das Dante nie gemocht hatte. Schon als kleines Mädchen hatte sie hinter anderen herspioniert. Sie liebte Klatsch und Tratsch, wenn er ihr einen Vorteil verschaffte. Zu Marco hingegen war sie immer zuckersüß. Dante konnte sich nicht vorstellen, dass sie ihrem Großvater irgendwelche Probleme bereitete. Lucia würde es tunlichst vermeiden, ihren Großvater zu verärgern, denn sie rechnete natürlich vor allem mit einer großen Erbschaft.

Marco selbst war nur einmal verheiratet gewesen. Seine Frau war jung gestorben, und über die Jahre hatte er sich mit einer Reihe von Geliebten begnügt. Er hatte sie immer gut behandelt und ihnen am Ende jedes ‚Arrangements‘ eine beträchtliche Abfindung gezahlt. Keine dieser Frauen würde Ärger machen.

Wahrscheinlich ist es sinnlos, sich über die verschiedenen Möglichkeiten den Kopf zu zerbrechen, dachte Dante. Allerdings hätte er sich gern darauf vorbereitet, die Anweisungen seines Großvaters zu befolgen. Marco hatte ihm Zeit seines Lebens eingepaukt, dass Wissen Macht bedeutete. Dante war auf Konferenzen stets gut vorbereitet, und es gab wenig, was ihn überraschte. Allerdings hatte ihn der Wunsch seines Großvaters gewundert, die letzten Monate seines Lebens in der Villa auf Capri zu verbringen.

Warum nicht in seinem Palast in Venedig? Die weltweite Kette der Gondola Hotels, die Venedig-Foren, die in den italienischen Vierteln zahlreicher Großstädte gebaut worden waren … alle waren von diesem Palazzo inspiriert worden, den Marco sein Zuhause nannte. Natürlich war die Luft in Venedig nicht so mild wie auf der Insel, der Blick nicht so frei, und es schien nicht so oft die Sonne, wie es für einen sehr kranken Mann gut war. Aber immerhin war sein Großvater in Venedig geboren worden. Dante hatte erwartet, dass er dort auch sterben wollte.

Dante dachte erneut über diese Entscheidung nach, während ihn der Hubschrauber nach Capri flog. Sein Blick schweifte über die hohen, grauen, mit Buschwerk bewachsenen Klippen, über die kleinen Felsen, die aus dem Wasser ragten, über die weiße Hauptstadt im nördlichen Teil der Insel und das türkisfarbene Meer unter ihm. Wie jedes Mal, wenn er hierherkam, begeisterte ihn die idyllische Szenerie.

Der Hubschrauber landete im hinteren Teil des Villengrundstücks. Inzwischen war es fast Mittag, und Hitze schlug Dante beim Aussteigen entgegen. Er war froh, als er den schattigen Steinpfad zum Haus erreichte. Breit gefächerte Pinien spendeten willkommenen Schatten, die Säulen der Pergola waren über und über mit Bougainvillea bewachsen. Seine Freude wurde beträchtlich geschmälert, als er Lucia am Ende des Laubengangs entdeckte. Sie ging direkt auf ihn zu.

Äußerlich kam sie nach ihrem Vater, sie sah eher französisch als italienisch aus, trug das dunkelbraune Haar zu einem schicken Bob geschnitten, hatte ebenmäßige Züge, einen sinnlichen Mund und hellbraune Augen, denen nichts entging. Ihr neckisches Jungmädchenkleid stammte bestimmt von einem teuren französischen Designer. Der Minirock gab ihre langen, schlanken Beine frei.

Nonno wartet auf dich im Innenhof“, sagte sie, drehte sich um und begleitete ihn.

„Danke. Du brauchst mich nicht zu eskortieren, Lucia.“

Sie blieb an seiner Seite. „Ich will wissen, was los ist.“

„Er hat mich gerufen, nicht dich.“

Sie warf ihm einen gekränkten Blick zu. „Ich gehöre genauso zur Familie wie du, Dante.“

Sie hatte das Gespräch seines Großvaters also belauscht. Er ging wortlos weiter und ließ sie schmoren. Zusammen betraten sie die Villa und schlugen den Weg zum Atrium ein.

Frustriert lieferte Lucia selbst ein paar Informationen, die ihr zu Spekulationen Anlass gaben. „Gestern Nachmittag erschien ein Mann, der seinen Namen nicht genannt hat. Er hatte eine Aktentasche dabei und hat sich mit Nonno unter vier Augen unterhalten. Danach sah Nonno noch viel kränker aus.

Ich mache mir wirklich große Sorgen um ihn.“

„Bestimmt wirst du dein Bestes tun, um ihn aufzuheitern, Lucia“, sagte er höflich.

„Wenn ich weiß, was das Problem ist …“

„Ich weiß es selbst nicht.“

„Verkauf mich nicht für dumm, Dante. Du weißt doch immer, was los ist.“ Die Bissigkeit in ihrer Stimme wich einem einschmeichelnden Betteln. „Ich will ihm ja nur helfen. Was Nonno gestern von diesem Mann gehört hat, hat ihn total geschwächt. Ich finde, es ist ganz schlimm, ihn so am Ende zu sehen.“

Schlechte Nachrichten, dachte Dante und wappnete sich schon jetzt für den drohenden Verlust. „Tut mir leid, das zu hören“, sagte er, „aber ich weiß wirklich nicht, worum es geht. Du musst einfach abwarten, bis Nonno sich entschließt, mir mitzuteilen, was ihn beschäftigt.“

„Erzählst du es mir denn, wenn du mit ihm gesprochen hast?“, bedrängte sie ihn.

Er zuckte die Schultern. „Das hängt davon ab, ob es vertraulich ist oder nicht.“

„Aber ich kümmere mich hier schließlich um ihn. Ich muss es wissen.“

Sein Großvater hatte eine eigene Krankenschwester und einen Stamm von Personal, die alle um sein Wohl besorgt waren. Dante warf seiner Cousine einen spöttischen Blick zu. „Du kümmerst dich nur um deine eigenen Interessen, Lucia. Da sollten wir uns nichts vormachen.“

„Oh, du … du …“ Leider fiel ihr kein geeignetes Schimpfwort für ihn ein.

Dante wusste, dass sie ihn hasste, weil er ihre Lügen durchschaute. Sie hatte ihn immer gehasst, aber eine offene Feindschaft war nicht ihr Stil.

„Ich liebe Nonno, und er liebt mich“, erklärte sie fest. „Das solltest du nie vergessen, Dante.“

Eine leere Drohung, aber es verschaffte Lucia wahrscheinlich Befriedigung, ihm diese Worte mit auf den Weg zu geben. Sie näherten sich dem Patio, und sie schlug den Weg nach rechts ein. Dort lag das große Fernsehzimmer, das einen guten Blick auf den Innenhof bot. Lucia würde von dort zwar alles sehen, aber nichts von dem Gespräch hören können.

Dante ging weiter und blieb erst stehen, als er ins Freie trat. Er sah sich um, bevor er sich bemerkbar machte. Sein Großvater lag unter einem Sonnenschirm auf einer bequemen, mit vielen Kissen bestückten Chaiselongue. Er trug einen marineblauen Seidenpyjama, der so locker um seinen Körper fiel, dass der Verlust seiner einst so kräftigen Statur dadurch noch stärker betont wurde. Seine Augen waren geschlossen. Trotz seines Zustands hatte er noch immer einen unbeugsamen Zug um das ausladende Kinn.

Die Krankenschwester saß neben ihm auf einem Stuhl, bereit, jeden seiner Wünsche zu erfüllen. Sie las ein Buch. Eine Karaffe mit Obstsaft und mehrere Gläser standen auf einem Tisch daneben. Kübel mit bunten Blumen sorgten für Farbenpracht. Aber Dante wusste, dass die Idylle trügerisch war. Etwas war schiefgegangen, und er würde es in Ordnung bringen müssen.

Das Geräusch seiner Schritte auf den Steinplatten des Innenhofs ließ die Krankenschwester aufblicken, und sein Großvater schlug die Augen auf. Die Schwester erhob sich. Carlo bedeutete ihr, sich zu entfernen, und forderte Dante mit einer Geste auf, ihren Platz einzunehmen. Er sprach erst, als sie verschwunden war und sein Enkel neben ihm saß.

Willkommensgrüße waren unnötig, und Nonno schätzte es auch nicht, wenn man sich nach seiner Gesundheit erkundigte. Deshalb wartete Dante schweigend ab, was sein Großvater ihm zu sagen hatte.

„Ich habe viele Dinge von dir ferngehalten, Junge. Private Angelegenheiten, persönliche Geschichten, schwierige Dinge.“ Carlos Miene ließ erkennen, wie sehr es ihm widerstrebte, über all dies zu sprechen. „Aber jetzt ist die Zeit gekommen, dir alles zu erzählen.“

„Ganz wie du willst, Nonno“, erwiderte Dante ruhig. Der Schmerz seines Großvaters berührte ihn tief.

Die sonst so glänzenden dunklen Augen waren getrübt, als sein Großvater ohne Umschweife erklärte: „Deine Großmutter, die einzige Frau, die ich jemals wirklich geliebt habe, meine schöne Isabella, ist in dieser Villa gestorben.“

Seine Stimme brach, er konnte vor Rührung nicht sprechen. Dante wartete, bis er sich wieder erholt hatte. Er war etwas verlegen angesichts der starken Gefühle, die sein Großvater nie zuvor geäußert hatte. Über seine Großmutter hatte er nur hin und wieder in den Zeitungen gelesen, die berichtet hatten, dass Marcos einzige Frau an einer Überdosis Drogen gestorben war. Als er seinen Großvater einmal nach der Geschichte gefragt hatte, hatte ihm dieser strikt verboten, je wieder darüber zu sprechen.

Dante vermutete, dass er sich am frühzeitigen, skandalösen Tod seiner Frau schuldig fühlte. Wenn sie wirklich die einzige Frau war, die er je geliebt hatte, war sein Kummer vielleicht so groß gewesen, dass er nicht darüber hatte sprechen können. Doch selbst dieses Leid erklärte nicht, warum Nonno hier sterben wollte.

Marco seufzte tief und verzog erneut das Gesicht. „Wie du weißt, hatten wir einen dritten Sohn.“

Der verschollene Rossini – auch das war eine Sensationsstory, die hin und wieder in den Zeitungen auftauchte und in denen heftig über das rebellische schwarze Schaf der Familie spekuliert wurde. Irgendwann war dieser Sohn dann völlig aus der Welt seines Vaters ausgestiegen – alles Spekulationen, die von den Rossinis nie bestätigt wurden. Es handelte sich dabei um ein Familiengeheimnis, das hochgradig tabu war. Sogar Dantes Neugier in Bezug auf den Onkel, den er nicht gekannt hatte, war nie befriedigt worden. Auf seine überraschte Miene reagierte sein Großvater mit einer abschätzigen Geste.

„Hör einfach nur zu.“ Dieser Befehl ließ keinen Raum für Fragen. „Ich habe Antonio aus unserem Leben verbannt. Niemand in der Familie durfte seinen Namen überhaupt erwähnen.

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