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Rote lippen muss man küssen

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1. KAPITEL

„Ich will Ihren Körper.“

Callie Matthews fuhr herum. Ihr Chef, der ausgesprochen attraktive Schönheitschirurg aus Hollywood, stand ganz in ihrer Nähe im Foyer seiner Praxis. Er griff hinter sich und verschloss die Eingangstür mit einer schnellen Drehung des Handgelenks.

„Wie bitte?“

Noah Foster schenkte ihr jenes umwerfende Lächeln, das Frauen unweigerlich weiche Knie bescherte, wenn sie sich auszogen. Nicht, dass Callie sich je vor ihrem Chef ausgezogen hätte, aber trotzdem.

Erbarmen. Sie war derart oberflächlich! Er hätte bloß einen Finger krümmen müssen, damit sie ihm in die Teeküche folgte und …

„Lassen Sie mich ausreden.“ Noah hob beide Hände. „Ich weiß, Sie wollen den Durchbruch als Schauspielerin schaffen …“

Ach so. Im Gegensatz zu ihr dachte er nicht daran, ihr in der Teeküche die Unterwäsche vom Leib zu reißen. Jammerschade.

„Aber ich möchte Ihnen etwas vorschlagen“, fuhr er fort, ohne ihre unanständigen Gedanken zu erraten.

Die letzten drei Worte klangen wie Musik in ihren Ohren. Vielleicht wurde die Teeküchen-Fantasie doch noch Wirklichkeit?

„Ich plane eine Anzeigenkampagne und möchte Sie als Model dafür.“

Sie schüttelte den Kopf. „Verzeihung. Wie war das doch gleich?“

Model? Der pummelige Teenager, den Callie eigentlich längst in Kansas zurückgelassen hatte und der doch noch immer in ihr lebte, hätte fast gelacht.

Noah kam auf sie zu, ohne den Blickkontakt zu lösen oder sein berühmtes Lächeln abzuschwächen. „Ich möchte, dass Sie für die Anzeige modeln, mit der ich meine neue Praxis am anderen Ende der Stadt vorstelle.“

Callie stand auf und ging um den Schreibtisch herum. „Offenbar haben Sie es nicht gründlich durchdacht.“

Sein Blick wanderte über ihren Körper und löste allerlei reizvolle Vorstellungen aus. „Doch, habe ich. Und ich will Sie.“

Oh, Baby. Wenn er diese Worte nur in einem anderen Zusammenhang gesagt hätte.

„Es gibt etliche Patientinnen, die Sie darum bitten könnten.“ Sie drehte sich um und marschierte den Flur entlang zum Wartezimmer, um ihre Handtasche zu holen. „Ich habe noch nie gemodelt.“

Wie die meisten Zugezogenen war Callie in der Erwartung nach Los Angeles gekommen, die nächste Schauspielerin zu sein, die Hollywoods Regisseure und Produzenten durch erstaunliches Talent aufhorchen ließ. Leider konnte ihre Agentin ihr kein Casting vermitteln, das nicht peinlich war. Bisher hatte Callie Werbespots für Pickelsalbe und für ein Medikament gegen sexuell übertragbare Krankheiten gedreht. Nicht gerade Stufen zu jener Berühmtheit, die sie anstrebte. Aber irgendwo musste sie schließlich anfangen, richtig?

Vielleicht lag es an dem Spot über sexuell übertragbare Krankheiten, dass Noah nicht scharf darauf war, Callie außerhalb der Praxis zu treffen. Er musste doch wissen, dass sie nur geschauspielert hatte … oder? Sie war kerngesund, vor allem wegen ihrer mangelnden sexuellen Erfahrung. Nicht, dass sie eine Jungfrau gewesen wäre, obwohl das angesichts ihrer beiden ernüchternden Erlebnisse auf diesem Gebiet kaum einen Unterschied gemacht hätte.

„Ich will nur ein paar Fotos von Ihnen, Callie.“ Noah folgte ihr und lehnte sich mit einer beeindruckend breiten Schulter gegen den Türrahmen. „Die Anzeigen sollen die natürliche Seite der Chirurgie betonen. Zeigen, wie man jung und frisch bleibt.“

Callie imitierte seine Haltung, verschränkte ihre Arme vor der Brust und lehnte sich an den hohen Tisch am Empfang. „Aber außer der kleinen Narbe am Kinn, die Sie abgeschält haben, ist bei mir nichts gemacht worden. Wäre das nicht irreführende Werbung?“

„Keineswegs. Wären Sie nie meine Patientin gewesen, dann schon. Aber Sie sind perfekt, Callie. Sie sind schön, die Kamera wird Sie lieben, und Ihr Foto wird auf Reklamewänden in der ganzen Stadt kleben. Erzählen Sie mir bitte nicht, dass Sie diese Art Aufsehen nicht wollen.“

Es wäre in der Tat ein Riesenschritt weg von Pickelsalbe und sexuell übertragbaren Krankheiten. „Glauben Sie, dass mir die Kampagne beim Schauspielern weiterhilft?“

Er zuckte die Schultern. „Schaden kann sie nicht.“

Da gab es diese Rolle in einem Film, den Anthony Price bald drehen wollte. Callie hätte alles dafür getan, doch ihre Agentin hatte noch kein Casting vermitteln können. Vielleicht, wenn Callie die richtigen Kontakte knüpfte … „Ich möchte Ihnen auch etwas vorschlagen“, konterte sie.

Seine Augen wurden schmal, wobei sich die dunklen Brauen zusammenzogen. „Sie machen mich nervös, wenn Sie so gucken. Ihr letzter Geistesblitz hat uns eine Cappuccinomaschine beschert, die eine mysteriöse Flüssigkeit auf sämtliche Wände und den Boden gespritzt hat.“

Sie winkte ab. „Das war ein kleiner technischer Defekt.“

Noah seufzte. „Heraus damit, Callie.“

„Sie reden mit Olivia Dane über ein Casting für mich für den nächsten Film von Anthony Price, und ich posiere für Sie.“ Wenn Noah die große Dame von Hollywood anrief, seine wichtigste Patientin und Mutter des mächtigen Produzenten jenes Films, in dem Callie unbedingt eine Rolle ergattern wollte, würde sie ewig dankbar sein.

„Ich bitte Sie nicht, dafür zu sorgen, dass Olivia Dane mir eine Rolle verschafft“, fuhr sie fort, als er schwieg. „Ich möchte bloß vorsprechen und zeigen, was ich kann.“ Callie hasste es, so zu klingen, als würde sie betteln, aber, tja … Genau das tat sie. Sie war nach Los Angeles gezogen, um einen Traum zu verwirklichen. Nicht, um kurz vor dem Ziel die Tür vor der Nase zugeschlagen zu bekommen.

Sie glaubte an das Schicksal. Es war kein Zufall, dass sie für den Schönheitschirurgen arbeitete, der sich um die Belange der angesehensten Frau Hollywoods kümmerte. „Bitte“, sagte sie mit einem reizenden Lächeln.

Seine Brauen senkten sich, als er den Kopf neigte. Er hatte den glutvollen Blick von George Clooney wirklich gut drauf. „Kann Ihre Agentin Ihnen kein Casting vermitteln?“

„Sie sagt, dies sei nicht die richtige Rolle für mich. Aber ich kann mich nicht beweisen, wenn ich keine Chance kriege.“

Noah streckte beide Arme aus und legte ihr die großen starken Hände auf die Schultern. Prompt begann Callies Haut zu kribbeln. Sie wollte diese Hände auf sich spüren, ohne Kleidung dazwischen.

Einen Traum nach dem anderen, Callie.

„Ihre Agentin arbeitet schon länger in dieser Branche.“ Seine Stimme wurde weicher, als würde er einem Kleinkind etwas erklären. „Vielleicht weiß sie, wovon sie redet.“

„Ich sehe nicht, warum es schaden könnte“, beharrte sie. „Kriege ich die Rolle nicht, bin ich nicht schlechter dran als jetzt. Aber es gibt die Chance, dass ich Erfolg habe und etwas tun kann, wovon ich schon mein ganzes Leben träume.“

Dunkelgraue Augen sahen sie forschend an. „Ich kann sie nicht anrufen. Mir ist klar, wie sehr Sie es wollen. Aber ich könnte nicht mehr in den Spiegel schauen, wenn ich Ihnen zu einem Leben verhelfen würde, das weniger glamourös ist, als Sie denken. Sie sind erst so kurz hier, Callie. Warum lassen Sie sich nicht Zeit? Anthony Price ist ein dicker Fisch.“

Egal, wie sexy Noah war, sie würde ihn nicht ihren Traum zerstören lassen. „Gut. Ich werde auf meine Weise an dieses Casting kommen.“

Er ließ die Hände sinken und stützte sie auf seine schmalen Hüften. „Überlassen Sie das Ihrer Agentin, Callie. Stars werden nicht über Nacht geboren. Sie sind eine schöne Frau. Sie werden kein Problem damit haben, Aufmerksamkeit zu erregen.“

Etwas sehr Warmes durchflutete Callie bei diesen Worten. Der Gedanke, dass ein Mann wie Noah Foster sie für schön hielt, ein Mann, der davon lebte, Schönheit zu erschaffen … Dieses Kompliment würde sie bis an ihr Lebensende im Herzen bewahren.

„Ich zahle Ihnen 50.000 Dollar für den Modeljob.“

Das unvermittelte Angebot ließ Callie erstarren. „50.000? Haben Sie nicht mehr alle Tassen im Schrank?“

Er lachte leise. „Wenn Sie schockiert sind, wird Ihr Akzent richtig stark.“

„Ich habe keinen Akzent. Zurück zu dem Angebot. Machen Sie Witze?“

Sein Lächeln verschwand. „Wenn es um Beruf oder Geld geht, mache ich nie Witze.“

Mit 50.000 ließ sich so viel bewerkstelligen. Ihre Eltern brauchten dringend ein neues Dach, und sie könnte ihnen ein zweites Auto kaufen, ein zuverlässiges. Wie sollte sie dieses Angebot ablehnen?

Während sie im Geiste die Vor- und Nachteile durchging – es gab deutlich mehr Vorteile –, musterte Noah sie auf jene Weise, die Callie stets nervös machte. Erstens war er der Schönheitschirurg vieler berühmter Hollywoodstars, und sie hatte immer das Gefühl, er würde sie kritisch mustern und mit ihnen vergleichen. Zweitens, nun, sie fand ihren Boss unglaublich sexy. Sie hatte keine Ahnung, warum der Mann noch Junggeselle war. Vielleicht konnte er nicht küssen. Das wäre ein absoluter Stimmungstöter. Oder er war mies im Bett.

Sie betrachtete ihn und entschied, dass Noah unmöglich eine Niete im Bett sein konnte. Dieser Mann verströmte förmlich Sex-Appeal, und schon angezogen wirkte er dermaßen perfekt, dass sie ihn sich lieber nicht nackt vorstellte.

Noah schenkte ihr sein umwerfendes Lächeln mit den Grübchen. Es war unfair, diese verflixten Grübchen einzusetzen. Sie ahnte, dass sich ihre Entschlossenheit ebenso schnell verflüchtigen würde wie ihre Kleidung, falls er anbieten sollte, ihre Teeküchen-Fantasie zu verwirklichen.

Callie wusste, dass sie das Geld nicht ablehnen konnte. Ja, sie wünschte sich sehr, Noah würde mit Olivia Dane reden. Gleichzeitig war sie überaus dankbar, weil er genug Vertrauen in sie setzte, um ihr so eine hohe Summe anzubieten. „Ich mache die Kampagne“, sagte sie. „Vorausgesetzt, Sie sind sicher, dass Sie meinen Look auf den Reklamewänden wollen.“

„Genau den, Callie. Ich will Ihre Jugendlichkeit einfangen, Ihre Unschuld.“

„So unschuldig bin ich auch wieder nicht“, lachte sie.

„Sie sind auf dem Land aufgewachsen und wohnen noch kein Jahr hier.“ Seine Lider schlossen sich ein wenig über den dunklen Augen, als er sich vorbeugte – gerade weit genug, um in ihren persönlichen Bereich einzudringen. „Sie sind praktisch noch Jungfrau.“

Ihr Mund fühlte sich wie ausgetrocknet an, weil das Wort Jungfrau sie sofort an Sex denken ließ. Das Wort Sex wiederum überlagerte alles andere in Callies Hirn, während Noah so dicht vor ihr stand und sie mit seinem Schlafzimmerblick ansah. „Jungfrau bin ich nicht, da können Sie ganz sicher sein.“

Halt die Klappe, Callie.

„Gut zu wissen“, sagte er mit seinem jungenhaften Lächeln. „Aber es freut mich, dass Sie den Fotos zustimmen.“

„Mussten Sie schon mal für etwas kämpfen, das Sie wollten, oder knipsen Sie nur Ihr strahlendes Lächeln an?“

Ein Schatten schien über sein Gesicht zu ziehen. Das Lächeln verschwand, und er schluckte. Doch so schnell dieser Schatten gekommen war, so schnell verschwand er wieder. „Sie wären überrascht, wenn Sie wüssten, wofür ich kämpfen musste und was ich verloren habe.“

Es geht mich nichts an, sagte sie sich. Jeder hatte eine Vergangenheit, und nur, weil er ein wohlhabender, einflussreicher Chirurg war, musste er es nicht leicht gehabt haben. Aber dies war das erste Mal, dass sie etwas wie Schmerz hinter dem Milliarden-Dollar-Lächeln erspäht hatte.

Sie ist keine Jungfrau.

Noah seufzte im Stillen. Im eigentlichen Sinne mochte Callie Matthews keine Jungfrau sein, doch sie war sehr unschuldig. Hätte sie gewusst, in welche Richtung seine Überlegungen drifteten, wenn er an seine Mitarbeiterin dachte, hätte sie ihn wegen sexueller Belästigung verklagt.

Er weigerte sich, dem Klischee zu entsprechen und mit seiner Empfangsdame auszugehen, obwohl er sich sehr gern auf einer intimeren Ebene mit ihr getroffen hätte. Vorgestern hatte er mit dem Feuer gespielt und sie im Wartezimmer regelrecht in eine Ecke gedrängt. Als er ihr näher gekommen war, hatte er bemerkt, wie sich ihre strahlend grünen Augen weiteten und sie sich nervös mit der Zungenspitze über die Lippen fuhr … Diese reizvollen, von Natur aus üppigen Lippen, die regelrecht dazu aufforderten, sie zu küssen. Seine Patientinnen zahlten ein kleines Vermögen für einen Mund wie Callies.

Noah lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück. Sie würde jeden Moment hereinkommen, und er wollte die Beziehung professionell halten. Er nahm sich vor, Callie nicht mehr zu berühren, sich nie wieder von ihrem hoffnungsvollen Blick und ihren kindlichen Träumen beeindrucken zu lassen.

Hätte sie geahnt, was sie in dieser Welt der Möchtegern-Schauspielerinnen erwartete, wäre sie zu dem Weizenfeld zurückgerannt, von dem sie stammte. Nicht alles war Glitzer und Glamour. Noah wollte auf keinen Fall zusehen, wie eine weitere Frau, an der ihm etwas lag, den Schattenseiten Hollywoods zum Opfer fiel.

Die Narben, die seine Verlobte ihm beigebracht hatte, waren noch zu frisch. Tag für Tag musste er zurückkehren in das Haus, das er mit ihr bewohnt hatte. Tag für Tag kümmerte er sich um ihre pflegebedürftige Großmutter. Noah hatte das ungute Gefühl, dass seine Wunden niemals heilen würden.

Manchmal erinnerte Callie ihn so sehr an Malinda, dass allein der Gedanke an die Begeisterung, mit der seine Verlobte von ihrer künftigen Karriere erzählt hatte, schmerzte. Bei Callie erlebte er diese Seite von Malinda zum zweiten Mal … Nur weigerte er sich diesmal, Gefühle zu investieren.

Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare und versuchte, den Albtraum abzuschütteln, der ihn noch immer plagte. Seine Verlobte hatte ihm alles bedeutet. Er hätte alles getan, um sie zu retten, und doch war er gescheitert. Bei der einzigen Frau, die er von ganzem Herzen liebte und mit der er den Rest seines Lebens verbringen wollte, hatte er versagt. Noah weigerte sich, erneut eine derart starke Bindung einzugehen. Er glaubte nicht, dass er den niederschmetternden Verlust ein zweites Mal durchstand.

Deshalb konnte er unmöglich mit Olivia über eine Rolle für Callie reden. Genau genommen benutzte er den Modelauftrag, um Callie davon abzuhalten, den dunklen Seiten Hollywoods zu erliegen, von denen sie nichts wusste. Wenn er sie zufriedenstellen konnte mit Geld und Aufmerksamkeit durch das Modeln, erreichte sie vielleicht in ihren eigenen Augen die Sterne, nach denen sie griff. Dann würde sie möglicherweise nicht mehr davon besessen sein, Filmstar zu werden.

Er musste eingreifen, und es machte ihm nichts aus, unaufrichtig zu sein. Schließlich konnte er nicht tatenlos dastehen, während das schmutzige Geschäft eine weitere unschuldige Frau zerstörte.

Noah sorgte sich um seine schöne, naive Empfangsdame. Er wusste, was er ihr zahlte, aber er wusste auch, dass sie nur eben so über die Runden kam. Die paar Werbespots hatten sie doch gewiss nicht in den Abgrund gezogen, vor dem er sie schützen wollte … oder?

Zynismus war ihm fremd gewesen, bis er mit einer Süchtigen gelebt hatte, und er verabscheute die negative Stimmung, die sich ständig in ihm auszubreiten schien.

Die Hintertür zur Praxis wurde geöffnet und geschlossen. Er hörte das Klicken von Absätzen auf dem gekachelten Flur, das vor seinem Büro langsamer wurde. Noah lächelte die junge Frau an, die auf der Schwelle stoppte.

„Alles in Ordnung?“, fragte Callie, eine Hand am Schulterriemen ihrer Tasche, die Tüte mit dem Mittagessen in der anderen Hand.

„Sicher. Warum sollte es das nicht sein?“

Sie blickte ihn von der Seite an und grinste verhalten. „Weil Sie sonst nie vor mir in der Praxis sind.“

Das blaue Kleid ließ sie seriös und sexy zugleich wirken. Noah musste sich zwingen, bei der Sache zu bleiben und nicht daran zu denken, wie es wäre, Callie das Kleid auszuziehen … Oder zu überlegen, was sie unter dem Kleid trug. Entweder einen Tanga oder gar nichts. Falls sie keine Unterwäsche trug … Verdammt, die Frage durfte er sich nicht stellen.

„Ich musste etwas erledigen, bevor die erste Patientin kommt“, sagte er, um Sachlichkeit bemüht. „Ein Junge, der seit einem Hausbrand Narben hat, wird vielleicht an mich überwiesen. Eben habe ich mit einem Kollegen wegen der Optionen telefoniert.“

„An den Fall erinnere ich mich.“ Callie lächelte. „Deshalb sind Sie so ein bemerkenswerter Arzt. Ich war ganz aufgeregt, als Sie zugestimmt haben, den Jungen zu behandeln.“

Noah wollte nicht, dass sie ihn als eine Art Retter betrachtete. Und erst recht wollte er seine Gefühle außen vor lassen, wenn es um ein Kind ging. Kinder waren verletzlich, und er befürchtete, dass er nicht mehr zu einer engen emotionalen Bindung fähig war. „Die Tante des Jungen ist meine Patientin und hat mich gebeten, ihn anzusehen. Das heißt nicht, dass ich ihm helfen kann. Ich muss ein paar Wochen warten, denn seine Wunden sind noch frisch.“

„Wenigstens geben Sie ihm eine Chance und Hoffnung.“ Callie lächelte noch immer und sah ihn an, als wäre er mehr als ein Arzt. „Das ist viel, Noah. Stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel.“

„Ich bin nur realistisch. Vielleicht kann ich nichts bewirken, aber ich werde alles tun, um dem Jungen zu helfen.“

Noah kannte seine Fähigkeiten ebenso wie seine Grenzen. Vor Herausforderungen drückte er sich nicht, und er würde sicher keinen Zehnjährigen abweisen, egal, ob dessen Tante seine Patientin war oder nicht.

„Sie sind so still“, meinte er. „Das heißt, Sie denken nach. Sollte mich das nervös machen?“

Callie lächelte breit. „Nun, ich habe Neuigkeiten wegen des Castings.“

Oh nein. Dieses Lächeln konnte nur eins bedeuten …

„Ich werde vorsprechen!“ Sie machte ein paar Schritte in Noahs Büro, ließ Handtasche und Mittagessen auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch plumpsen. „Ist das nicht toll? Gestern auf dem Heimweg hat meine Agentin angerufen. Sie konnte einen Termin für kommenden Montag arrangieren.“

In ihm keimte das bedrückende Gefühl auf, diese Situation schon einmal erlebt zu haben. „Ich freue mich für Sie“, log er. „Denken Sie bitte daran, Marie zu fragen, ob sie für Sie einspringen kann.“

„Mach ich.“ Sie lächelte, blickte zu Boden, schlug beide Hände vor das Gesicht und brach in Tränen aus.

Was zum Teufel …? „Callie?“ Er kam um den Schreibtisch herum. Was war los? In einer Sekunde strahlte sie vor Glück, und in der nächsten weinte sie. „Callie?“, wiederholte er leise. „Alles in Ordnung?“

Kopfschüttelnd wischte sie sich über die Wangen. „Es tut mir so leid, Noah. Es ist bloß …“

Die feuchten Augen richteten sich auf ihn. Sogar mit verwischter Wimperntusche sah diese Frau noch bezaubernd aus.

„Sie würden es nicht verstehen“, meinte sie.

Nicht verstehen? Was denn?

„Ich wollte eine Chance, und dies ist sie.“ Callie hickste. „Nachdem ich Olivia angerufen hatte …“

„Warten Sie.“ Er hob eine Hand. „Sie haben Olivia angerufen?“

Callie schniefte. „Gestern früh, um sie an ihren Botoxtermin nächste Woche zu erinnern. Ich musste einfach die Gelegenheit beim Schopf packen und sie wegen des Castings fragen. Im schlimmsten Fall hätte sie ablehnt.“

Ausgeschlossen. Das kann nicht wahr sein.

„Sie war beeindruckt von meiner Initiative und wollte schauen, was sich machen lässt.“ Callie lächelte durch die Tränen. „Abends hat meine Agentin angerufen, also ist es geritzt.“

Noah war davon überzeugt, dass sie nicht wusste, worauf sie sich einließ. In ihrer Verblendung stellte sie sich gewiss vor, in Hollywood drehe sich alles um rote Teppiche und Cocktailpartys.

Aber sie sah dermaßen glücklich aus. Wie hätte er ihre Freude dämpfen können? Ihre Verwandten wohnten nicht in der Gegend, und da sie ihre Nachbarn kaum erwähnte, ging Noah davon aus, dass sie nicht viele Freunde besaß. Nur ein Mistkerl hätte ihr nicht wenigstens ein bisschen Rückhalt gegeben. Innerlich verfluchte er die Tatsache, dass seine Mutter ihn zu einem Gentleman erzogen hatte.

„Ich fasse es nicht, dass Sie einen Patientenkontakt genutzt haben“, sagte er. „Finden Sie nicht, dass Sie ein bisschen zu weit gegangen sind?“

Callie zuckte die Schultern, doch ihr Lächeln blieb an Ort und Stelle. „Nein. Ms Dane und ich kommen gut miteinander aus. Ich glaube nicht, dass ich meine Position missbraucht habe. Offen gestanden würde ich es wieder tun.“

Er musterte sie und erkannte, dass sie für einen Traum kämpfte, den sie ihrer Meinung nach verdiente. Wenn sie ihn auf diese Weise anlächelte, hätte er ihr alles verziehen. „Großartig, Callie.“ Er rang sich zu einem Lächeln durch, um ihr zu zeigen, dass er sich freute. Dann zeigte er auf ihr Gesicht. „Vielleicht möchten Sie vor der Sprechstunde Ihr Make-up auffrischen.“

Callie schnappte nach Luft und betupfte die Haut unter ihren Augen. „Oh nein!“, rief sie angesichts der schwarzen Spuren auf ihren Fingerspitzen. „Ich muss grässlich aussehen.“

„Nichts, was Sie tun könnten, würde Ihre Schönheit schmälern.“ Unwillkürlich hob er eine Hand, um eine Träne von Callies porzellanfarbener Wange zu wischen.

Als sein Daumen ihre Haut streifte, stockte ihr der Atem. Ihr Blick schien in Noahs zu tauchen. Wie waren sie sich so nahe gekommen? War er auf sie zugetreten oder sie auf ihn? Mit feuchten Augen schaute sie kurz auf seinen Mund und gleich wieder hoch.

Er hätte viel dafür gegeben, sie an sich zu ziehen und ihre vollen Lippen zu küssen. Nur ein einziges Mal. Warum eigentlich nicht?

Ach ja. Wegen ihres Arbeitsverhältnisses.

„Ich mache mich besser zurecht.“ Callie nahm ihre Sachen vom Stuhl. Auf dem Weg aus dem Büro blickte sie noch einmal zurück. „Danke, Noah. Es bedeutet mir viel, dass mir jemand die Daumen drückt.“

Jetzt war er ein Heuchler. Aber was hätte er tun sollen, als sie ihn verweint angelächelt hatte? Ihr die Träume ins Gesicht zurückschleudern?

Was zur Hölle hatte er sich gedacht? Callie zu berühren, ihr Komplimente zu machen und sich ihr zu nähern, bis er den dunkelgrünen Rand ihrer Iris sehen konnte? Sich von ihrem blumigen Duft in den Bann ziehen zu lassen, der überall in der Praxis zu schweben schien? Sie hatte ihn doch schon angeschaut, als wäre er ein Heiliger. Das passte ihm nicht. Er wollte Callie, aber nur körperlich. Eine andere Ebene wäre Wahnsinn. Dummerweise begriffen seine Hormone das nicht.

Verdammt, er musste sich in den Griff kriegen. Schöne Frauen traf er in seinem Beruf täglich, doch Callie besaß etwas faszinierend Unschuldiges, Lebhaftes. Sie war nicht abgestumpft oder verbittert wie die meisten Frauen, die er kannte. Vielleicht wollte er deswegen, dass sie blieb, wie sie war.

Jetzt kam es darauf an, sich das Arbeitsverhältnis zwischen ihnen in Erinnerung zu rufen. Vielleicht konnte er dann aufhören, sich vorzustellen, wie Callie ihren nackten Körper um seinen schlang. Er durfte ihr nicht zu nahekommen. Schließlich hatte er geschworen, sich nie wieder mit einer Frau einzulassen. Außerdem arbeitete sie für ihn. War das nicht Grund genug, auf Distanz zu bleiben?

Zugegeben, er wollte sie verführen. Noch nie hatte er sich sexuell so von einer Frau angezogen gefühlt. Alles deutete darauf hin, dass sie wie er empfand. Trotzdem musste er Abstand halten. Es gab zu viele Parallelen zwischen Malinda und Callie. Der Starrsinn, die hochfliegenden Träume, die Naivität, mit der sie ihre Ziele verfolgten. Ganz zu schweigen von den feuerroten Haaren und dem Porzellanteint. Noah durfte nicht zulassen, dass sein Herz erneut Schaden nahm oder gar gebrochen wurde. Ebenso wenig konnte er allerdings untätig zuschauen, wie Callie ihr Leben ruinierte.

Er würde in ihrer Nähe bleiben, um sicherzugehen, dass sie keine Entscheidungen traf, die sie zerstören konnten.

Callie Matthews vor ihrer eigenen Naivität zu retten, bedeutete, sich selbst zu foltern. Mochte der Himmel ihm beistehen.

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