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Rote Lippen – jede Sünde wert

Heidi Betts

Rote Lippen – jede Sünde wert

1. KAPITEL

Bevor Trevor Jarrod das prächtige Herrenhaus des Ferienresorts Jarrod Ridge betrat, stampfte er ein paar Mal kräftig auf, um den Schnee von den schweren Skistiefeln abzuschütteln. Er ging durch den Seiteneingang, den langen Flur entlang, vorbei an den Büros seiner Brüder. Einige Türen standen offen, andere waren geschlossen, Stimmen und Tastengeklapper waren zu hören, Telefone klingelten – ein typischer Arbeitstag.

Auf schmalen hohen Tischchen gegenüber den Büros standen normalerweise tiefblaue Vasen, die im Sommer verschwenderisch mit frischen Blumen gefüllt wurden. Jetzt waren sie durch große Töpfe mit leuchtend roten Weihnachtssternen ersetzt worden.

Naturstein und Holz herrschten als Baumaterialien in dem wuchtigen alten Haus vor, das vor mehr als hundert Jahren gebaut worden war. Nach und nach war das Anwesen erweitert und immer mehr Land dazugekauft worden, sodass das Resort Jarrod Ridge mit seinen vielen Lodges, Läden, Wellness-Center und Tagungsräumen wie eine kleine Stadt wirkte. Aber die Büros der Jarrods waren immer noch im Hauptgebäude, und die meisten Familienmitglieder wohnten im obersten Stockwerk des Herrenhauses. So standen sie gezwungenermaßen in engem Kontakt.

Trevor stieß die Tür zu seinem Vorzimmer auf, nickte seiner Assistentin Diana kurz zu und verstaute seine Ski in dem Wandschrank hinter ihrem Schreibtisch.

„Wie war das Skilaufen heute Morgen?“ Mit leicht zur Seite geneigtem Kopf sah Diana ihn an, sodass ihr das dunkle glänzende Haar über eine Schulter fiel.

„Nicht besonders“, erwiderte er missmutig, während er sich den dunkelblauen Skianzug abstreifte und die schweren Stiefel gegen ein Paar Timberland tauschte. Unter der Skikleidung trug er Jeans und einen hellen Kaschmirpullover, nicht gerade die übliche Bürokleidung. Doch es war genauso unüblich, gleich nach ein paar Abfahrten direkt ins Büro zu gehen. Trevor war allerdings der Meinung, dass es nicht schaden konnte, den Gästen zu zeigen, dass auch die Besitzer des Resorts Freude am Skilaufen hatten. Skilaufen im Winter und Wandern und Reiten im Sommer.

Trevor seufzte. „Ich glaube, ich werde alt.“

„Ach was, Sie sind nur ein bisschen aus der Übung, weil Sie nicht mehr so viel Zeit haben wie früher.“

Wie recht sie hatte. Seit dem Tod seines Vaters hatte Trevor quasi zwei Ganztagsjobs. Denn Donald Jarrod hatte seine sechs Kinder testamentarisch gezwungen, ins Jarrod Ridge zurückzukehren, wo sie aufgewachsen waren. Wer sich sträubte, verlor seinen Rechtsanspruch an dem nicht gerade kleinen Erbteil. Da Trevor bereits eine sehr erfolgreiche Marketingfirma in Aspen besaß, hatte er hier sofort die Leitung der Marketingabteilung übernommen, was ihm im Grunde sehr gelegen kam.

Leider blieb ihm allerdings nicht viel Zeit für das, was er am liebsten tat: im Sommer Wandern, Klettern, Reiten und Kajak fahren. Und im Winter wäre er am liebsten den ganzen Tag auf Skiern oder dem Snowboard unterwegs gewesen. Er war gern in der Natur. Besonders aber liebte er das Abenteuer. Für ihn gab es nichts Schöneres, als einen Berg hinunterzurasen, den kalten Wind im Gesicht, und dabei geschickt jedem Hindernis auszuweichen. Oder aus viertausend Metern Höhe mit dem Fallschirm abzuspringen und gerade noch rechtzeitig die Reißleine zu ziehen. Doch seine Zeit war knapp bemessen. Er musste unbedingt versuchen, die Arbeit so zu organisieren, dass er häufiger draußen sein konnte. Noch besser wäre es, jemanden zu finden, der seinen Job hier im Jarrod Ridge übernahm. Aber das würde nicht einfach sein. Er stellte hohe Ansprüche.

„Hat jemand angerufen?“ Fragend sah er Diana an, während er sich das fast schwarze Haar zurückstrich.

„Ja.“ Sie stand auf und hielt ihm einen Stapel Telefonnotizen hin. „Aber bevor Sie in Ihr Büro gehen, sollten Sie wissen …“ Sie biss sich nervös auf die Unterlippe.

„Ja? Was denn?“

„Da ist … also, in Ihrem Büro wartet eine junge Frau auf Sie. Sie hat angerufen und darauf bestanden, mit Ihnen persönlich zu sprechen. Ich wollte sie schon abwimmeln, aber dann hatte ich irgendwie doch nicht das Herz … Ich glaube, Sie sollten sie anhören.“

Erstaunt schüttelte Trevor den Kopf. Diana war zwar eine kleine, zierliche Person, aber sie konnte hart wie Stahl sein. Die Frau, die in seinem Büro auf ihn wartete, musste schon sehr überzeugend gewesen sein, um an Diana vorbeizukommen. „Wer ist es denn? Eine Vertreterin? Oder jemand, der hier eine Tagung ausrichten will?“

„Das müssen Sie sie schon selbst fragen. Mir hat sie nichts gesagt, sie wirkte nur sehr entschlossen.“

Seufzend nahm Trevor seiner Sekretärin die Zettel aus der Hand und steckte sie in die Hosentasche. „Na gut. Ich kümmere mich darum.“ Er stieß die schwere Holztür auf und sah sich um. Zwar war er Luxus gewohnt, aber es war das erste Mal, dass er ein Büro mit einem schweren Orientteppich und einem Kamin aus Natursteinen hatte. Und wo war nun diese geheimnisvolle Frau, die ihn unbedingt sprechen wollte? Die beiden Besucherstühle vor dem geschnitzten Eichenschreibtisch waren leer.

Er schloss die Tür hinter sich und trat in den Raum. Bei dem „Klick“, mit dem die Tür ins Schloss fiel, wurde sein großer lederner Schreibtischsessel umgedreht, und Trevor blickte direkt in die blauen Augen einer jungen Frau mit hellblondem Haar. Auf ihrem Schoß saß ein Säugling, der vergeblich versuchte, sich die kleine dicke Hand in den Mund zu stopfen.

Was war das? Trevor runzelte die Stirn. Auf die Frau war er zwar vorbereitet, aber Diana hatte nicht erwähnt, dass ein Kind dabei war. Das war ja ein merkwürdiger Geschäftsbesuch. Wer kam schon mit einem Kind zu einer Besprechung? „Meine Sekretärin hat mir gesagt, dass Sie mich sehen wollen?“, begann er das Gespräch und ging um den Schreibtisch herum. Sie wird doch wohl aufstehen!

Sie blieb einfach sitzen, in seinem Schreibtischsessel, und ließ das Kind auf ihrem Schoß auf und nieder hopsen.

Als sie weiterhin schwieg, sagte er, schon etwas ungehalten: „Ich bin Trevor Jarrod.“

„Ich weiß, wer Sie sind. Seit zwei Monaten versuche ich, Sie zu erreichen.“ Ihre Stimme klang dunkel und rau, aber auch leicht verärgert. Dabei strich sie sich eine glatte blonde Haarsträhne hinter das linke Ohr. Der tiefrote Ohrstecker hatte die gleiche Farbe wie ihr Pullover, zu dem sie eine schwarze Hose trug. Das Baby auf ihrem Schoß trug einen Jeansoverall. Auf den Latz war eine Lokomotive gestickt, und auch das kleine weiße T-Shirt, das es darunter trug, war mit Zügen bedruckt. Offenbar ein Junge, dachte Trevor. Für ein Mädchen hätte sie sicher ein T-Shirt mit bunten Schmetterlingen ausgesucht.

Als bemerke es Trevors Interesse, lächelte das Baby ihn an und strampelte mit den Beinen. Das war erstaunlich, aber Trevor konzentrierte sich lieber wieder auf die junge Frau, der es irgendwie die Sprache verschlagen hatte. Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Und Sie sind …?“

Schnell sprang sie auf und hob sich das Baby auf die Hüfte. Trevor betrachtete sie verblüfft. Wie machten die Frauen das? Wieso wussten sie instinktiv, wie man mit einem Säugling umging? Und wie konnten sie unterscheiden, aus welchen Gründen das Kind schrie? Er hatte fünf Geschwister, und nur Melissa und Erica waren jünger als er. Das bedeutete, dass er nicht viel Erfahrung mit Babys hatte. Er fühlte sich nicht wohl in der Gegenwart von Säuglingen, auch wenn die Mutter dabei war und sich bestimmt um alles kümmern würde.

Abwartend blieb er stehen. Schließlich hatte die Fremde ihm noch nicht ihren Namen genannt und auch nicht gesagt, weshalb sie gekommen war.

„Ich heiße Haylie Smith.“

„Und …?“

Leicht irritiert sah sie ihn an, als habe sie eine andere Reaktion erwartet. „Haylie Smith“, wiederholte sie mit Nachdruck. „Aus Denver.“

„Das habe ich verstanden, Miss Smith.“ Er hatte Mühe, ein Lächeln zu unterdrücken. Es passierte nicht oft, dass ihn jemand wie einen dummen Schuljungen behandelte. Denn obwohl er dafür bekannt war, dass er alles etwas gelassener sah, und einen Ruf als Frauenheld hatte, der sich gern amüsierte, so war er doch immer noch ein Jarrod. Einer der Erben von Donald Jarrod und selbst erfolgreicher Unternehmer. Er war reich und mächtig, und so schnell würde keiner es wagen, sich mit ihm anzulegen.

Dass diese Frau von alldem offenbar völlig unbeeindruckt war, war nicht nur ungewöhnlich, sondern auch irgendwie erregend. Er musterte sie genauer. Sie war ungefähr einen Meter fünfundsechzig groß und damit etwa zwanzig Zentimeter kleiner als er, nicht gerade dünn, aber keinesfalls dick. Sie hatte eine gut proportionierte Figur, das war deutlich zu sehen, und sofort musste er daran denken, wie warm und weich es sich anfühlen würde, sie in den Armen zu halten. Schnell verwarf er diesen Gedanken und betrachtete jetzt ihr Gesicht etwas genauer. Das glatte hellblonde Haar bot einen reizvollen Kontrast zu den klaren blauen Augen und dem Mund mit den vollen rosa Lippen. Irgendwie wirkte sie unschuldig und sinnlich zugleich, eine sehr reizvolle Mischung. Und in der Art und Weise, wie sie das Baby hielt, strahlte sie Selbstvertrauen, ja, ein starkes Selbstbewusstsein aus.

All das sollte keine besondere Wirkung auf ihn haben, denn er war schöne Frauen gewohnt und sollte diese Miss Smith möglichst schnell loswerden. Und dennoch spürte er, wie sein Herz schneller schlug und sein Verlangen erwachte.

Leider aber oder vielleicht auch glücklicherweise schien sie auf ihn nicht so zu reagieren wie er auf sie. „Seit zwei Monaten versuche ich, Sie telefonisch zu erreichen“, sagte sie verärgert. „Aber offenbar darf ein Trevor Jarrod nicht mit solchen Lappalien belästigt werden.“

Er wies mit einer Kopfbewegung auf einen der Besucherstühle und nahm hinter dem Schreibtisch Platz. „Meine Sekretärin hat so etwas erwähnt. Allerdings weiß ich nicht, was so wichtig sein kann, dass Sie keine Nachricht hinterlassen wollten. Warum Sie unbedingt mit mir persönlich sprechen wollten.“

Zu seiner Überraschung hatte sie sich nicht gesetzt, sondern war direkt vor dem Schreibtisch stehen geblieben und wiegte sich sanft in den Hüften. Wahrscheinlich um das Baby zu beruhigen … „Manches sollte man lieber persönlich erledigen. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass es Ihnen recht wäre, wenn Ihre Sekretärin zu genau über Ihr Privatleben Bescheid weiß.“

Jetzt endlich hob er den Blick und sah ihr in die Augen. „Tut mir leid, aber ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Ich kenne Sie nicht. Was haben Sie mit meinem Privatleben zu tun?“ Was wollte diese junge Frau von ihm? Bildete sie sich etwa ein, eine bislang verschollene Jarrod-Erbin zu sein? Oder wollte sie ihm am Ende weismachen, mal was mit ihm gehabt zu haben?

Trevor war kurz davor, den Sicherheitsdienst zu rufen, als sie das Kind auf die andere Hüfte setzte und mit langsamen Schritten um den Schreibtisch herum auf ihn zukam. „Stimmt, Sie kennen mich nicht. Wir sind uns nie begegnet. Aber vor über einem Jahr haben Sie meine Schwester kennengelernt, und wie ich hörte, hatten Sie viel Spaß miteinander.“ Sie blieb vor ihm stehen und überragte ihn jetzt in einer Art und Weise, die ihm überhaupt nicht gefiel. Schon wollte er aufstehen, blieb bei ihren nächsten Worten aber wie erstarrt sitzen.

„Und wenn Sie sich nicht geweigert hätten zurückzurufen, hätte ich Sie schon viel früher mit Ihrem Sohn bekannt machen können.“ Damit hob sie das Baby hoch, setzte es Trevor auf den Schoß, verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn triumphierend lächelnd an.

2. KAPITEL

Eigentlich war es ein bisschen schäbig, sich über Trevors entsetztes Gesicht zu amüsieren, aber Haylie genoss die Situation. Ihm war buchstäblich der Unterkiefer heruntergefallen, die Augen hatte er weit aufgerissen, und er hielt das Kind so vorsichtig auf dem Schoß, als balanciere er keinen Säugling, sondern eine Bombe, die jeden Augenblick explodieren konnte. Eins allerdings musste sie ihm lassen: Sowie sie ihm das Kind auf den Schoß gesetzt hatte, hielt er es fest, sodass es nicht vornüberfallen konnte.

Nach den ersten Schrecksekunden hatte Trevor sich wieder gefangen. Er stand auf und hielt das Kind mit weit ausgestreckten Armen von sich ab. Bradley strampelte unglücklich mit den Beinen, verzog das Gesicht, das im Nu puterrot wurde. Schnell trat Haylie vor. Fest drückte sie den Kleinen an die Brust und strich ihm tröstend über den Rücken. Sofort beruhigte er sich wieder und schloss die Augen.

Ganz im Gegensatz zu Trevor. Er war wütend, das war nicht zu übersehen. Eine steile Falte hatte sich zwischen seinen Augenbrauen gebildet, und er sah Haylie kalt und abschätzig an. „Ich weiß nicht, was Sie damit bezwecken“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Oder was für ein Spiel Sie hier spielen. Aber ich kann Ihnen sagen, dass ich dazu keine Lust habe. Bitte, gehen Sie, bevor ich gezwungen bin, den Sicherheitsdienst zu rufen.“ Er war bereits auf die schwere Eichentür zugegangen, sodass er nicht sehen konnte, wie Haylie die Augen verdrehte.

Dieser aufgeblasene Kerl! Als ob mir das Ganze Spaß macht.

Wenn sie nicht der Meinung wäre, dass ein Kind das Recht hatte, seinen Vater kennenzulernen, vor allem wenn die Mutter nicht mehr am Leben war, dann hätte sie diese Reise gar nicht auf sich genommen. Dann wäre sie in Denver geblieben und hätte ihren Neffen allein aufgezogen. Warum war ihre leichtsinnige Schwester auch so unverantwortlich mit ihrem Leben umgegangen! Es wäre Heathers Aufgabe gewesen, Trevor zu finden und ihm mitzuteilen, dass sie nach ihrer kurzen Affäre schwanger geworden war. Spätestens nach Bradleys Geburt hätte sie ihm sagen müssen, dass er einen Sohn hatte.

Aber natürlich war Heather das gar nicht in den Sinn gekommen. Das hätte ja bedeutet, dass sie erwachsen geworden wäre und Verantwortung übernommen hätte. Haylie hatte keine Ahnung, was ihrer Schwester in den langen Monaten der Schwangerschaft durch den Kopf gegangen war. Vielleicht gar nichts, denn sie hatte den Eindruck gehabt, dass Heather den Gedanken weit von sich geschoben hatte. Sie hatte ihr Leben weiterhin so geführt, als wäre nichts geschehen, auch wenn sie allmählich einen dicken Bauch bekommen hatte.

Immerhin hatte sie aufgehört zu rauchen und Alkohol zu trinken. Im Übrigen war sie weiterhin zu Partys gegangen, zumindest solange ihr Körperumfang es zugelassen hatte. Als die Wehen einsetzten, schien Heather total überrascht zu sein, so als hätte sie nie damit gerechnet. Doch dann, in den ersten Wochen nach der Geburt, schien sie sich gefangen zu haben, und Haylie hatte die Hoffnung gehegt, dass ihre Schwester sich doch noch zu einer liebevollen, verantwortungsvollen Mutter entwickeln würde. Doch schon nach einem Monat hatte sie ihr altes Leben wieder aufgenommen. Sie war die ganze Nacht weggeblieben, hatte bis weit in den Nachmittag hinein geschlafen, sich geweigert, Rechnungen zu bezahlen, und sich nicht um Bradley gekümmert.

Das war das Schlimmste. Sosehr Haylie ihre Schwester trotz ihrer Fehler liebte, das konnte sie ihr nicht verzeihen. Denn obwohl Bradley nicht ihr Sohn war, liebte sie den kleinen Kerl und wusste, sie würde alles für ihn tun und ihn beschützen wie eine Löwenmutter ihr Junges. Ihr war absolut unverständlich, dass Bradleys leibliche Mutter nicht diese Gefühle für ihren Sohn entwickelt hatte.

Aber das spielte jetzt alles keine Rolle mehr. Es war ihre Aufgabe, für den Neffen zu sorgen. Und wenn sie den Kleinen nicht so lieben würde und so fest davon überzeugt wäre, dass er ein Recht hatte, seinen Vater kennenzulernen, wie auch der Vater das Recht hatte, seinen Sohn zu sehen, dann wäre sie jetzt nicht hier. Dann wäre sie nie ins Jarrod Ridge gekommen und würde jetzt nicht in diesem Büro sein und einem Mann gegenüberstehen, der damit drohte, sie hinauswerfen zu lassen.

„Sie können rufen, wen Sie wollen“, sagte sie ruhig, obwohl sie innerlich bebte. „Das ändert nichts an dem Grund, aus dem ich gekommen bin.“ Mit festen Schritten ging sie zu einem der Besucherstühle und wühlte mit der freien Hand in ihrer Handtasche. Dann zog sie ein paar Fotos heraus, ging auf Trevor zu, der immer noch die Hand auf dem schweren Messingtürknauf hatte, und reichte ihm die Bilder.

„Das ist meine Schwester Heather“, erklärte sie leise, und die Tränen traten ihr in die Augen.

Immerhin betrachtete Trevor jetzt die Fotos, sogar sehr genau, hob dann aber den Kopf und sah Haylie an. Und sie wusste: Er konnte sich nicht erinnern, Heather jemals begegnet zu sein – und erst recht nicht, je mit ihr geschlafen zu haben. Haylie seufzte leise. „Offenbar haben Sie sie in irgendeiner Bar in Denver getroffen, wo Sie auf Geschäftsreise waren. Meine Schwester war sehr hübsch, und sie liebte Partys. Aber sie hasste es, allein nach Hause zu gehen.“

„Sie war sehr hübsch? Was wollen Sie damit sagen?“

Schweigend reichte Haylie ihm einen Zeitungsausschnitt. „Vor zwei Monaten ist sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen“, stieß sie kaum hörbar hervor.

„Das tut mir leid.“ Mitfühlend sah er sie an, was Haylie überraschte. Dann hatte er doch so etwas wie ein Herz in der Brust, auch wenn er sich nicht an Heather erinnern konnte und wahrscheinlich glaubte, ihm solle ein Kind untergeschoben werden.

„Ich kann mir vorstellen“, sprach sie ihren Verdacht gleich aus, „dass Sie glauben, ich will mir einen bösen Scherz mit Ihnen erlauben. Oder, schlimmer noch, ich hätte es auf das Vermögen der Jarrods abgesehen. Aber das ist wirklich nicht der Fall.“

Bradley wurde unruhig, und sie setzte ihn auf die andere Hüfte. „Ich bin nur gekommen, weil Heather mir gesagt hat, dass Sie der Vater sind. Und da sie selbst nicht mehr dazu gekommen ist, Ihnen das mitzuteilen, sah ich es als meine Pflicht an, Sie zu informieren. Auch darüber, dass Bradleys Mutter tot ist. Außerdem bin ich der Meinung“, sie hob das Kind hoch und hielt es Trevor hin, „dass er wissen muss, wer sein Vater ist und aus welcher Familie er kommt.“

Als Trevor schwieg, nahm sie ihm den Zeitungsausschnitt und die Fotos wieder aus der Hand. „Es steht Ihnen frei, zu überprüfen, ob ich die Wahrheit sage. Aber lassen Sie Ihren Sohn nicht für die Fehler seiner Mutter büßen.“

Nachdenklich betrachtete Trevor die junge Blondine vor sich. Er hatte reichlich Erfahrung mit Frauen, die es nur auf sein Geld abgesehen hatten, und mit der Zeit hatte er gelernt, die Spreu vom Weizen zu trennen. Aber bei Haylie Smith hatten seine Alarmglocken nicht geschrillt, und irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie ehrlich war. Selbst wenn sie sich irrte, was seine Vaterschaft betraf, sie schien zu glauben, was ihre Schwester ihr erzählt hatte.

Wieder warf er einen Blick auf das Foto in Haylies Hand, aber sosehr er sich auch anstrengte, er konnte sich nicht an die Frau erinnern, mit der er eine Nacht verbracht haben sollte. An die Reise nach Denver, ja, und er wusste jetzt auch wieder, dass er verschiedene Bars aufgesucht hatte. Denn die Verhandlungen tagsüber waren nicht so gelaufen, wie er es sich vorgestellt hatte, und er war enttäuscht und frustriert gewesen. In einer Bar war ohrenbetäubende Techno-Musik gespielt worden, er hatte am Tresen gesessen und einige Drinks zu sich genommen. Viele junge Frauen in kurzen Röcken und mit High Heels waren da gewesen, das fiel ihm jetzt wieder ein. Sie hatten ihn angemacht, aber er war nicht in Stimmung gewesen.

Zumindest anfangs nicht, aber nach ein paar Drinks vielleicht schon?

Dennoch, er konnte sich nicht an diese Heather auf dem Foto erinnern. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Schwestern war jedoch verblüffend. Sie hatten beide blaue Augen und hellblondes Haar, außerdem lange dunkle Wimpern und volle Lippen. Allerdings war Heathers Haar mit orangeroten Strähnen aufgestylt gewesen, während Haylies ihr glatt und weich auf die Schultern fiel. Und im Gegensatz zu Heathers grellrot geschminkten Lippen hatte Haylie nur Lipgloss aufgelegt. Heather hatte die Augen kräftig geschminkt, wodurch ihr Blick hart und zynisch wirkte, anders als Haylie, deren Blick warm und ernst war.

Erstaunlich, dachte er, dass zwei Frauen, die die gleichen Gesichtszüge haben, dennoch so unterschiedlich sein können. So ließ die eine neun Monate verstreichen, ohne sich mit dem Vater ihres Kindes in Verbindung zu setzen, während die andere nicht nur zwei Monate intensiv versuchte, mit ihm zu sprechen, sondern auch noch die fast vier Stunden Autofahrt mit einem Baby auf sich genommen hatte, um ihn persönlich über seine Vaterschaft zu informieren.

Schon allein deshalb wollte er gern wissen, ob Haylies Behauptung wahr war. Und falls ja … Sollte das wirklich sein Kind sein? Das musste er unbedingt herausbekommen. Bei dem Gedanken, Vater zu sein, verengte sich sein Brustkorb, und er bekam ein flaues Gefühl in der Magengegend. Aber nicht wegen irgendwelcher spontanen Vatergefühle. Nein, eher aus Panik und blankem Entsetzen. Er war jetzt siebenundzwanzig und hatte noch nie daran gedacht, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Und dass ihm eines Tages aus heiterem Himmel sein Kind auf den Schoß gesetzt würde, dieser Gedanke wäre ihm nie gekommen.

Bisher hatte er sein Leben in vollen Zügen genossen und außerdem viel Zeit und Kraft in den Aufbau seines Marketing-Unternehmens gesteckt. Seit er Chef der Marketing-Abteilung vom Jarrod Ridge war, hatte er kaum mehr Zeit, bergzusteigen oder Ski zu laufen. Wie sollte er da noch ein Kind aufziehen können? Aber es war sinnlos, sich jetzt schon Gedanken darüber zu machen. Noch stand nicht fest, dass dies hier wirklich sein Sohn war. Entschlossen ging er zu seinem Schreibtisch zurück.

Während er sich in seinem Sessel niederließ und nach dem Telefonhörer griff, bedeutete er Haylie, sich zu setzen. „Diana, bitte verbinden Sie mich mit Dr. Lazlo.“ Er legte den Hörer wieder auf, beugte sich vor und musterte den Säugling auf Haylies Schoß eindringlich. Doch vergebens suchte er nach einer gewissen Familienähnlichkeit. Dies war einfach nur ein Baby wie viele andere auch. Bedeutete das, dass dieses Kind, Bradley hieß es wohl, dass dieser Bradley nicht sein Sohn war? Oder war es zu früh, bei einem vier Monate alten Säugling nach vertrauten Zügen zu suchen?

Er blickte hoch. „Wir werden umgehend einen Vaterschaftstest machen lassen. Und wenn Ihre Geschichte nicht der Wahrheit entspricht, wenn Sie mich angelogen haben, möchte ich nicht in Ihrer Haut stecken.“ Was genau dann mit ihr geschehen würde, wusste er nicht. Aber der bloße Gedanke, dass sie ihn hereinlegen wollte, machte ihn wütend. Wenn sie mit dieser Scharade versuchte, Geld aus ihm herauszuholen oder den Namen seiner Familie zu beschmutzen, dann würde sich Christian, der langjährige Familienanwalt und Verlobte seiner Halbschwester Erica, schon darum kümmern. Er und die anderen Rechtsberater des Unternehmens würden dafür sorgen, dass Haylie Smith bedauerte, jemals einen Schritt in dieses Haus gesetzt zu haben.

Irgendwie hatte er erwartet, dass sie unter seinem kalten Blick zusammenzucken würde. Dass ihr klar werden würde, dass es ausgesprochen ...

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