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Rote Fahne Schwarzes Herz

Klaus Röder wurde in der Mitte des letzten Jahrhunderts an Ferragosto, dem Höhepunkt des italienischen Sommers, im Schulhaus eines Westerwälder Dorfes geboren, dessen Name auf der Landkarte nicht mehr zu finden ist. Er studierte Psychologie in Hessen und die Kunst des Lebens unter italienischer Sonne, wo er westlich des Gardasees im Hinterland von Salò eine zweite Heimat gefunden hat.

Dort, im Schatten der Repubblica di Salò, ist ein wesentlicher Teil dieses Romans entstanden.

Aus der Partisanenhymne „Bella Ciao“

Wenn ich als Partisan sterbe musst Du mich begraben.

Begrab mich oben in den Bergen im Schatten einer schönen Blume.

Die Leute, die vorüber gehen, werden sagen: „Welch eine schöne Blume.“

Es ist die Blume des Partisanen, der für die Freiheit starb.

Aus der Faschistenhymne „Giovinezza“

Jugend, Jugend

Schönheitsfrühling

Vom Leben im Rausch

Kündet dein weithin schallender Gesang

Ich bin jung und ich bin stark

Das Herz zittert mir nicht in der Brust

Lieber gehe ich lächelnd in den Tod

Als meine Ehre zu verlieren

Unsere einzige Fahne

Bist du, aus nur einer Farbe

Bist eine tiefschwarze Flamme

Die in jedem Herzen auflodert

Jugend, Jugend

Schönheitsfrühling

Im Faschismus liegt die Rettung

Unserer Zivilisation

Inhaltsverzeichnis

1. Der König desertiert

2. Donna Rachele schimpft

3. Narrenkappe

4. Von Löwen, Leoparden und anderen wilden Tieren

5. Pritschenficker

6. Die kleine Hilde aus Obernissa

7. Genosse Maurizio

8. Der Hiob von Esperia

9. Die Sonnenfinsternis von Gargnano

10. Du riechst nach Soldatenmantel, Mama!

11. Margherita und der Schwarze Held

12. Mord, Gewalt und Größenwahn

13. Wer sind die beiden Toten in Maderno?

14. Engel am Benaco

15. Rachele, Claretta und das Luftschloss von Mailand

16. Edgardo Sogno Rata del Vallino begibt sich in Gefahr

17. Wotan

18. Baron Parrilli raucht nur toskanische Zigarren

19. Der Komet

20. Ich sehne mich und weiß nicht recht nach was

21. Ildefonso und die letzten Stunden eines Regimes

22. Personen- und Sachregister, Übersetzungen

1.

Der König desertiert

Sommer 1943

Im Frühling des Jahres 1943 lief in die Häfen des westlichen Maghreb die größte Kriegsflotte ein, die das Mittelmeer je befahren hatte. Ihr Auftrag war es, ein Loch in die Sohle des italienischen Stiefels zu schießen und den faschistischen Koloss, der durch Europa trampelte, ins Taumeln zu bringen. An den englischen Geheimdienst erteilte das alliierte Hauptquartier die Order, den deutschen Heerführern und ihren italienischen Verbündeten einen falschen Landungsort vorzugaukeln. Die Engländer steckten ihre Pfeifen an, rückten enger ans Torffeuer und nippten an ihren Whiskygläsern. Zuerst mussten sie einen guten Decknamen für die Operation finden. Nach einigen Pfeifen entschieden sie sich für Hackfleisch und beschlossen böse lächelnd, dass die Operation am 30. April 1943 als ein verspätetes Geschenk an den obersten Feldherrn der deutschen Streitkräfte durchgeführt werden sollte, der zehn Tage zuvor seinen 54sten Geburtstag feiern würde.

Ende April wurde nach einer stürmischen Nacht die Leiche eines britischen Offiziers bei Huelva an die spanische Küste geschwemmt, an dessen Handgelenk eine Aktentasche gekettet war. Ihr Inhalt entlockte den spanischen Geheimdienstleuten ein Olè! und bescherte dem deutschen Agenten, dem die Spanier Kopien der Dokumente überlassen hatten, eine schlaflose Nacht. Aufgeregt telegrafierte er in die Wolfsschanze, dass aus den Dokumenten eindeutig hervor ging, wo die Landung der Alliierten erfolgen sollte, nämlich auf Sardinien. Die Herren in der Wolfsschanze beugten sich mit überlegenem Lachen über die Europakarten. Man würde gewappnet sein, wenn das perfide Albion mit seinen Verbündeten gegen den deutschen Landser heranziehen würde. Truppen wurden umgelegt, Befehle neu geschrieben. Das Glück lag eben doch bei den Tüchtigen, und gab es eine Tugend, die deutscher war als diese?

Am 8.7.1943 verließ die alliierte Armada Nordafrika und nahm Kurs auf Sizilien. 478.000 amerikanische, britische und französisch-marokkanische Soldaten trieben die deutschen und italienischen Verteidiger vor sich her. Sie brauchten nur einige Wochen, um sich den Weg durch die Insel zu bomben und den Sprung aufs Festland vorzubereiten.

*

An der Spitze der italienischen Regierung stand ein Schullehrer, ein lauter und pompöser Mensch, der im Oktober 1922 eine große Zahl unzufriedener Männer um sich versammelt und auf einen putschartigen Marsch gegen Rom geschickt hatte. Die Männer, die sich nach einem altrömischen Machtsymbol Faschisten nannten, hatten alle wichtigen Punkte im Land besetzt und übellaunig und hungrig vor den Toren der Hauptstadt kampiert, denn der Proviant war schnell verbraucht gewesen. Von Ostia her war Regen aufgezogen, hatte die schwarzen Hemden mit den gestickten Totenköpfen aufgeweicht, die Jagdgewehre durchnässt und die rote Farbe abgewaschen, mit der die Männer ihre Stahlhelme verziert hatten, um ihren Gegnern, den Sozialisten, blutige Köpfe zu prophezeien.

König Vittorio Emanuele III hatte beim Frühstück von dem Putschversuch erfahren. Ein kleiner Mann war der König gewesen, misstrauisch hatte er jedes Lächeln beäugt, fürchtete er doch, es könnte dem Gespött seiner Gegner entsprungen sein, die behaupteten, seine Füße würden den Boden nicht berühren, wenn er auf seinem Thron säße. Die frierenden Schwarzhemden im Oktoberregen hatten ihm den Frühstücksappetit verdorben, und er hatte sich beeilt, dem Schullehrer die Regierungsgewalt anzutragen. Der hatte sich nicht zweimal bitten lassen und die Macht so entschlossen ergriffen wie ein Spieler die Karten. Wie ein operettenhafter Tyrann hatte er regiert, beseelt von dem Traum, Italien zu antiker Größe zu verhelfen und das Mittelmeer wieder zum Mare Nostrum zu machen als wäre er ein römischer Kaiser. Die Italiener hatte er wie eine große Schulklasse behandelt, die auf ihn hören musste als den großen Lehrer und Lenker. Uniformen allenthalben, Märsche und Gesänge, und wer nicht mitmachen wollte bekam den Rohrstock zu spüren bis aufs Blut oder musste sich in die Ecke der Verbannung stellen. Als die deutschen Soldaten 1939 die Nachbarländer überfallen hatten, hatte er kurz gezögert, dann aber den Kreuzbuben gezogen und sein Land an der Seite des siegreichen Deutschen Reiches in den Krieg gezwungen.

„Acht Millionen Bajonette halten unsere Soldaten in den Händen, um damit die Brust des Feindes zu durchbohren“, hatte er geprahlt. Aber dass die Gewehre auf denen die Bajonette steckten, im Jahr 1891 hergestellt worden waren, dass die Munition nur für 60 Tage reichte und die Luftabwehr nur über zwei Scheinwerfer verfügte, das hatte er nicht verkündet. Seine Soldaten waren in Albanien eingefallen und in Griechenland, aber die Griechen hatten den westlichen Invasoren den Weg verstellt wie 2300 Jahre zuvor den östlichen, und die römischen Krieger hatten die Flucht ergriffen. Noch schlechter war es den 110.000 italienischen Soldaten ergangen, die auf der Seite Deutschlands in Russland gekämpft hatten. Mehr als die Hälfte der Soldaten war schon erfroren oder in den Kämpfen getötet worden.

Kaum hatten im Juli 1943 die Alliierten Sizilien erobert, kaum lag das Scheitern des Schullehrers offen vor aller Welt, intrigierten einige Gerarchi der Faschistischen Partei mit dem König, weil sie nicht von dem Unheil erfasst werden wollten, das der Schullehrer mit seinem Krieg heraufbeschworen hatte. Einer von ihnen war Graf Ciano, der Schwiegersohn des Schullehrers und sein früherer Außenminister. Auf einer Sitzung des Faschistischen Großrats verabschiedeten sie eine Erklärung, mit der sie erreichen wollten, dass dem Schullehrer der Oberbefehl über die Streitkräfte entzogen und dem König übertragen werden sollte.

Der König fand die Gelegenheit günstig, sich des glücklosen Schullehrers und mit ihm der ganzen Faschistenbrut zu entledigen. Am Tag nach der Sitzung des Großrats - es war der 23.7.1943, drei Tage zuvor hatten die Alliierten Palermo eingenommen - empfing er den Schullehrer in der Villa Ada und überreichte ihm die Entlassungsurkunde. Er verabschiedete ihn in aller Freundschaft und trat ans Fenster. Der kleine Mann sah in den Hof der Villa und beobachtete, wie das Großmaul aus der Romagna ohne Gegenwehr zu leisten von einigen Carabinieri in einen Krankenwagen gestoßen und abtransportiert wurde. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und formte aus den Runzeln und Falten der königlichen Haut eine Landkarte, deren verschlungene Wege keinen Anfang und kein Ende kannten. Als neuen Regierungschef setzte er Marschall Badoglio ein, der die faschistische Partei verbot und im Rundfunk verkündete:

„Der Krieg geht weiter.“

Als König Vittorio Emanuele III aber erfuhr, dass deutsche Soldaten in endlosen Kolonnen über den Brenner zogen mit der festen Absicht, die neue Regierung aus dem Weg zu räumen und die faschistischen Verhältnisse wieder herzustellen, packte er heimlich seine Koffer. Immer enger schloss sich die Garotte der deutschen Landser um Rom, jener Männer, die fast ganz Europa unterworfen hatten. An der Porta San Paolo kam es zu einem Gefecht mit italienischen Einheiten und einigen Partisanen, die es wagten, sich den Soldaten aus dem Norden in den Weg zu stellen, aber der König machte sich keine Illusion über die Kampfmoral der Truppe. Er war sicher, in die Hände der Deutschen zu fallen, würde er in Rom bleiben. Er dachte an die Lager im Deutschen Reich, von denen gemunkelt wurde. Dass den Schullehrer und den Reichskanzler der Deutschen eine merkwürdige Anziehung verband, dass sie einander die Treue geschworen hatten, dass sie sogar von Freundschaft sprachen, wenn sie übereinander redeten, würde seine Sache nicht besser aussehen lassen, wäre er Gefangener der Deutschen. Also floh er von seinem Thron und desertierte von der Angst um seine Krone und sein Leben getrieben zusammen mit Marschall Badoglio, dem neuen Regierungschef, nach Süden in den Herrschaftsbereich der Alliierten.

Er quartierte sich in der Residenz der Bourbonenkönige ein, die Karl VII im 18. Jahrhundert in Caserta unweit von Neapel hatte errichten lassen. Auch die Alliierten hatten Gefallen an dem Bourbonenschloss gefunden, hinter dessen 5 m dicken Mauern sie sich sicher fühlten, und dort ihr Hauptquartier errichtet, aber da die Anlage über 1500 Zimmer verfügte, war genug Platz für den geflohenen König, seinen Hofstaat und die hastig gepackten Koffer. Der König begeisterte sich an der amerikanischen Leichtigkeit, die so anders war als die deklamatorische Leere der Faschisten, und beschloss, an der Seite der GIs als Sieger nach Rom zurückzukehren und wieder auf seinen Thron zu klettern. Die Schuld an der Misere würde er dem Schullehrer, diesem Prahlhans, in die Schuhe schieben, dessen kriegslüsternes Imperatorengehabe das Land ruiniert hatte. Heimlich ließ er seinen Mitflüchtling Badoglio Verhandlungen mit dem amerikanischen General Eisenhower aufnehmen, dessen Name Mut und Tatkraft und eine deutsche Abstammung verriet.

Am 8.9.1943 erfuhr die verblüffte italienische Bevölkerung durch eine Rundfunkansprache Badoglios, dass die Verhandlungen erfolgreich verlaufen waren und die beiden Deserteure einen Waffenstillstand mit den Alliierten ausgehandelt hatten. Der Marine, dem Stolz des ganzen Landes, wurde befohlen, Kurs auf Malta zu nehmen, wo sie sich der britischen Flotte ergeben sollte. Die italienischen Soldaten, überrascht von dem plötzlichen Waffenstillstand und verwirrt, wessen Befehle sie zu befolgen und auf welchen Feind sie nun zu schießen hatten, fürchteten die Rache der Deutschen, die von ihren faschistischen Waffenbrüdern verraten worden waren. Zitternd vor Wut erließ Feldmarschall Kesselring, der deutsche Oberbefehlshaber in Italien, an seine Truppen die Order, die italienischen Soldaten zu entwaffnen und zu internieren, aber die Italiener kamen ihnen zuvor. Sie plünderten die Kasernen und desertierten wie ihr König. Nur wenige leisteten Widerstand oder zogen in die Berge und bildeten Partisaneneinheiten, um gegen die Deutschen zu kämpfen, deren Verbündete sie gestern noch gewesen waren.

Die heißen Sommertage des Jahres 1943 schmolzen in Ungewissheit dahin. Sogar am Strand, wo sich die Wellen brachen, redete man im Flüsterton. Die Gewitter, die sich dann und wann entluden, bauten die Spannung nicht ab, die sich über das Land gelegt hatte. Die Zeit des Schullehrers war abgelaufen, aber niemand wusste, was mit ihm geschehen sollte. Er lebte einige Wochen als Gefangener einer Regierung, die daran arbeitete, sich selbst aufzulösen. Niemand traute sich jedoch, ihn in Ketten zu legen und in einem seiner eigenen Verliese den Rohrstock spüren zu lassen. Er war noch immer der Gigant, der Italien geformt und aus einem bedeutungslosen südlichen Wurmfortsatz am großen Europa zu einem Kolonialstaat gemacht hatte. Als ginge es darum, ihm ein paar Mußestunden zu gönnen, quartierte man ihn schließlich in einer Bergfrische am Gran Sasso ein. 250 Militärpolizisten wurden in dem Hotel stationiert, das nur mit einer Seilbahn zu erreichen war. Sie standen entspannt unter Bäumen und plauderten mit den übrigen Gästen, die bald entdeckt hatten, welch bedeutende Persönlichkeit in dem Zimmer, dessen Tür sich nie öffnete, Tag und Nacht im Kreis lief. Gelegentlich bauten sich die Militärpolizisten unter dem Fenster des Schullehrers auf, reihten sich in die Buchstaben M oder H und feixten zum Fenster.

Der germanische Freund des Schullehrers, der keinen Beruf erlernt, sich aber als Kunstmaler über Wasser gehalten hatte, bis er zum Parteiführer aufgestiegen und Reichskanzler geworden war, sorgte sich um den Fortgang des Krieges und das Schicksal seines Freundes. Er brauchte ihn für seinen Kampf am Mittelmeer, aber in Zukunft sollte seine Freundschaft eine brutale sein. Zu nachgiebig war er mit dem Südländer umgegangen, das war ein Fehler gewesen. Es war an der Zeit, ihm neue Sohlen aufzunageln, damit er besser nach seiner Pfeife tanzen würde, dachte er und schickte einen Sturmbannführer der SS nach Italien mit der Aufgabe, seinen Freund zu befreien und zu ihm zu bringen.

Der Mann begab sich sofort nach Rom, wo Geld schon immer alles möglich gemacht hatte, und wusste bald, wo Marschall Badoglio den Schullehrer versteckt hatte. Er entführte einen General der Militärpolizei, setzte ihm die Pistole an die Schläfe und sagte ihm, was er zu tun habe. Sie stiegen in einen Fieseler Storch und landeten am 12.9.1943 mit einem Schwarm Segelflugzeuge auf der Liegewiese der Bergfrische. Der General sprang auf seine Leute zu und befahl den 250 Militärpolizisten im Schatten nicht zu schießen, während SS-Männer aus den Segelflugzeugen kletterten und sich des Schullehrers bemächtigten.

Es war der letzte Coup, der den Deutschen in diesem Krieg gelang.

2.

Donna Rachele schimpft

Oktober 1943

Sie brachten den Schullehrer nach München, wohin Donna Rachele, seine Frau, mit einem ihrer Söhne geflohen und wo sie von den Deutschen im Hotel Vier Jahreszeiten untergebracht worden war. Rachele sorgte dafür, dass er neue Kleider bekam, dass er sich rasierte. Dass er nicht länger so theatralische Worte murmeln sollte vom Tod und von der Schande, rief sie aus, als sie alleine waren, sondern dass er sich gefälligst Gedanken darüber machen sollte, dass in Rom ein Palast auf sie wartete. Der Schullehrer zog den kahlen Kopf zwischen die Schultern, er antwortete nicht, warf dunkle Blicke in das Hotelzimmer und knöpfte seinen Soldatenmantel zu, denn ihm war kalt.

„Wenn ein Mann mit seinem System zusammenbricht, Rachele, ist der Sturz endgültig, besonders wenn der Mann über 60 Jahre alt ist“, brachte er schließlich über die Lippen.

„Und wo hat der Mann, der über 60 Jahre alt ist, seine Kraft gelassen? Etwa in den Sitzungen mit diesen anderen alten Männern? Oder bei mir in meinem Bett, wie? Ich sag Dir eins, Ben, es ist Schluss mit Deiner Hurerei! Meinst Du, ich würde nichts mitkriegen von dem Getuschel Deiner Sekretäre, wenn ich in den Palazzo Venezia komme? Wenn Du Dich nicht von dieser Nutte trennst, von dieser Petacci, ist es aus mit uns, hast Du verstanden? Und komm mir nicht wieder mit ‚Staatskrise‘ und ‚öffentliche Meinung‘ und diesem Quatsch wie damals, als Du noch mit der Sarfatti rumgegeigt hast, mit Deiner reichen Geliebten, diesem jüdischen Flittchen aus Venedig. Ja, Jüdin“, schrie sie so laut, dass es in den letzten Ecken des Vier Jahreszeiten widerhallte, „Jüdin, Jüdin, Jüdin! Er hat’s mit einer Jüdin getrieben!“, und das Grau ihrer Haare nahm die Zornesröte ihres Gesichts auf. Erschrocken wich der Schullehrer zurück.

„Glaub nur nicht, dass ich nicht weiß, wo und wann Du die Petacci flachlegst, ich hab meine Leute.“

Donna Rachele fischte einen Zettel aus ihrer Handtasche, ein kleines Stück Papier, das sie von einem großen Stück abgeschnitten hatte, denn sie war eine sparsame Frau. Der Schullehrer sah, dass der Zettel eine lange Liste von Daten und Uhrzeiten enthielt.

„Täglich, Benito, täglich und pünktlich um fünf Uhr nachmittags bringt ein Wagen sie zum Palazzo Venezia. Sie läuft ins Zodiacozimmer, schau nicht so unwissend, Du kennst den Raum genau, gegenüber von Deinem Büro, Du Trottel. Fünf Minuten später bist Du bei ihr. Nach 15 oder manchmal auch 30 oder 40 Minuten sitzt Du wieder hinter deinem Schreibtisch! Bläst Dir das Flittchen die Magenentzündung weg, ja?“

„Rachele, bitte, mach Dich nicht lustig über mich“, sagte der Schullehrer und presste die Hand auf seinen Bauch.

„Ich? Wenn sich einer lustig über Dich macht, dann ist es Dein deutscher Freund. Merkst Du denn nicht, dass er Dich schon seit Jahren um den Finger wickelt? Und dieser Hänfling ist nicht mal verheiratet und traut sich auch nicht, sich mit diesem blonden Fräulein Gretchen in der Öffentlichkeit zu zeigen, der tätschelt lieber seinen Schäferhund, so einer ist das, wenn Du verstehst, was ich meine, aber daran muss ich ja ernsthaft zweifeln, weil Du nämlich gar nichts verstehst. Du warst mit Deinen Gegnern immer zu nachsichtig: Pertini, Parri, Longo, der Sogno, Vassalli, Kardinal Schuster, die Schlangenbrut, die Du nicht zertreten hast. Die Kommunisten und die Sozialisten laufen wieder frei herum!“

„Sie sind Italiener, sollte ich alle Italiener umbringen?“, sagte der Schullehrer und dachte an Carlo Scorza, seinen Generalsekretär, der ihm vor drei Monaten eine lange Liste seiner Gegner vorgelegt hatte, die einmal populäre Vertreter der alten, zerschlagenen Parteien gewesen waren. Diese Leute hatten hinter dicken Mauern gesessen. Sie waren krank gewesen, isoliert, und der Tod hatte auf sie gewartet. Sicher, er hätte sich ihrer entledigen können. Aber mit ruhiger Stimme, die seine wachsende Unsicherheit kaschierte, hatte er gesagt:

„Willst Du mir Angst machen mit diesen Leichen?“

Er hatte das Papier zusammengeknüllt und Carlo Scorza mit einem Zucken seines Kinns aus dem Raum gewiesen. 16 Tage später waren die Alliierten auf Sizilien gelandet und drei Wochen danach hatte der König ihn entlassen und eingesperrt und die Gefängnistore für seine Gegner geöffnet.

„Sie sind keine Italiener mehr, sie sind Verräter wie unser Herr Schwiegersohn und der Viktor Emanuel! Wie oft hab ich Dir gesagt, dass Du Dich vor ihm in Acht nehmen sollst, kleine Männer haben alle Komplexe, und weil dieser Mensch sich nicht an die Frauen ran traut, muss er die anpissen, die größer sind als er und vor allen Dingen dümmer, solche Leute wie Du eben, die meinen, über allem zu stehen. Was hab ich Dir denn am 23. Juli gesagt? Geh nicht zu diesem Laurin, hab ich gesagt, zu diesem Zwergenkönig, und was machst Du, na? Läufst sehenden Auges in Dein Verderben! Du stehst nicht über allem, Ben, glaub mir, Du stehst mitten in der Scheiße. Und schieb nicht wieder die Schuld auf andere, Du bist es selbst, der da rein getreten ist“, rief Rachele und dabei zupfte sie ihm hier und da Flusen vom Soldatenmantel und Haare, blonde, braune, die von wer weiß wem stammten, sicher nicht von ihrem Marito, denn dessen Granitschädel war blank wie ein Kinderpopo.

„Also, Du kannst Dich ja zurückziehen aufs Land und Carducci ins Deutsche übersetzen oder eine Zeitung herausgeben wie früher in Mailand, als Du mir die Kinder gemacht hast und ich Deine schmutzige Wäsche waschen durfte. Aber vergiss nicht, dass ich nach Rom gehöre und dass ich keine Sekunde daran denke, die Villa Torlina aufzugeben!“

Sie senkte die Stimme.

„Wo sie uns doch nur eine Lira Miete pro Jahr abverlangen, Benito, eine einzige Lira für ein ganzes Jahr! Denk mal, was wir früher für diese Dreckslöcher gezahlt haben, in denen ich mit Dir leben musste!“

Der Schullehrer schwieg brummend, seine Ohren glühten. Sie pickte weiter mit spitzen Fingern hier und da Fussel aus dem festen Gewebe seines Mantels und wünschte sich, sie könnte auf die gleiche Weise ihrem Benito die vielen Flausen aus dem Pelz pflücken, mit denen er sie schon seit fast einem halben Jahrhundert verzweifeln ließ, seine Nachgiebigkeit, seine Inkonsequenz und seine unerklärliche Passivität, in die er so oft verfiel. Sie zog plötzlich sein Ohr an ihren Mund und flüsterte:

„Nicola Bombacci hat sich gemeldet, er ist auf deiner Seite. Aber pass auf den Farinacci auf. Der hat hier schon in jedes Klo geschissen und auch schon ein paar Mal daneben gekackt, verstehst Du? Er hat immer versucht, Dir zu schaden. Er will seinen Arsch auf Deinem Stuhl wetzen, das Aas. Gib ihm eins zwischen seine stinkigen Kuhhörner, ja, versprichst Du mir das? Und dann schleimt auch noch dieser Preziosi herum und haucht jedem seinen schlechten Atem ins Gesicht. Er macht Dich mies, wo er nur kann. Aber sogar die Deutschen meinen, dass er schlimmer ist als ein Pickel am Arsch.“

Als SS-Männer den Schullehrer abholten, schlich er hinter ihnen aus dem Zimmer. Auf dem Flur stritten sich drei Männer, sein Sohn Vittorio der eine, Farinacci und Preziosi die anderen. Drei oder vier Deutsche, die nichts von dem Geschimpfe verstanden, hielten sich abseits. Farinacci ging sofort auf den Schullehrer los, den Rücken grade und steif als hätte er einen der Knüppel ans Kreuz gebunden, mit denen er in der Nachkriegszeit den Sozialisten das Gehirn aus dem Schädel geprügelt hatte - er war der heimliche Held der faschistischen Partei.

„Erstens“, rief er, als er noch 20 Meter entfernt war, „der König ist ein Verräter, er ist es schon immer gewesen. Es war ein unverzeihlicher Fehler ihm zu vertrauen. Ein wahrer Faschist hängt den König auf, statt sich von ihm absetzen zu lassen!“

„Er hat sich mit Freimaurern und Judenfreunden umgeben“, rief Preziosi dazwischen.

„Mit Freimaurern und Judenfreunden“, echote Farinacci. „Zweitens“, fuhr er fort, jetzt stand er vor dem Schullehrer, die Linke erhoben, die Finger zum Zählen gespreizt, denn die rechte Hand war ihm im Abessinischen Krieg von einer Handgranate abgerissen worden, als er Fische fangen wollte für die Offiziersmesse, „zweitens hättest Du die Verräter sofort nach der Abstimmung verhaften lassen müssen. Aber Du hast geschwiegen, Du hast wieder einmal nichts getan. Du hast den Gegnern des Faschismus das Feld überlassen und warst in dieser Situation unfähig, wie ein Faschist zu reagieren: schnell, hart und unbarmherzig!“

„Farinacci!“, dröhnte der Schullehrer plötzlich und nahm seine Diktatorenpose ein, das Kinn gestreckt, den Blick starr in eine hypnotische Zukunft gerichtet, deren Nebel nur er durchdringen konnte, „Roberto Farinacci, ich sehe Dich hier im Deutschen Reich sicher und unversehrt und höre Dich Unsinn reden, während Badoglio in meiner Abwesenheit versucht, den Faschismus in die Scheiße zu treten. Ich habe keine Zeit für Dein wirres Geschwätz, mich erwartet jemand, der größer ist als Du und auch als Du, Preziosi. Ich werde jetzt nach Rastenburg fliegen und an der Zukunft Italiens arbeiten wie Pavolini und Buffarini Guidi, die Größe zeigen und die Parteizentrale in Rom wieder eröffnet haben. Ich brauche Männer, die handeln, und nicht Männer wie Ihr, die schwätzen“, rief er und legte seine schweren Hände sehr eng um den geschwollenen Hals Farinaccis. Er spürte Farinaccis Wut in den Schlagadern pochen, aber er achtete nicht darauf, zog ihn an sich und stützte sich eine oder zwei Sekunden auf seine Schultern, weil er dabei die Müdigkeit nicht spürte und nicht die Ratlosigkeit, die ihn erfasst hatte, seitdem der König ihn von seinem Diktatorenthron gestoßen hatte.

Er ging weiter ohne Gruß, nach Norden würden sie fliegen, nach Osten, zu dem Schreihals von Rastenburg. Dort in Ostpreußen befand sich das Hauptquartier der germanischen Armeen, vorgeschoben in die Richtung, in der der Kunstmaler den Raum erobern wollte, aus dem heraus die germanische Rasse einst die Welt beherrschen sollte. Aber die Kriegsnachrichten, die aus den russischen Weiten nach Rastenburg drangen, klangen noch viel blutiger und hoffnungsloser als die Berichte über die fortgesetzten Niederlagen, die dem Schullehrer das Amt gekostet hatten. Trotzdem hielt der Kunstmaler die Zügel der Macht fest in seinen dünnen Händen, die den fleischliebenden Schullehrer an die dünnen Gemüsesüppchen erinnerten, die sein Freund bei ihren Begegnungen in Venedig und in der Toskana gelöffelt hatte, Kartoffelsuppe vor allem, aber ohne Fleischeinlage, denn er war Vegetarier. Die Wildschweinwürste, das in Rotwein zart gekochte Lamm, die Ochsenbrust, alle toskanischen Köstlichkeiten hatte er verschmäht und immer nur Minestrone verlangt mit vielen, vielen Kartoffeln darin. Die Kartoffeln wurden seit Kriegsbeginn von den Feldern geerntet, in denen seine Soldaten begraben lagen, wurden geschält, gekocht und dem Kunstmaler serviert, der daraus Kraft schöpfte für seine Kriegspläne.

Wenn er nicht bald selber dem Österreicher zum Fraß vorgeworfen werden sollte, so musste er sich stark zeigen, dachte der Schullehrer, übermenschlich, musste ihm versichern, dass er die Lage unter Kontrolle hatte, dass er die Macht zurückerobern und den deutschen Armeen den Rücken stärken wollte. Er könnte an den gemeinsamen Kampf erinnern, an die Panzer vor Kairo, an die Siegesfeier in Ägypten, die sie geplant hatten und wegen der er am 29.7.1942 nach Libyen gereist war - porca miseria, nur ein Jahr war seitdem vergangen! Er hatte einen Schimmel einfliegen lassen, auf dem er an der Spitze der siegreichen Legionen durch Kairo reiten wollte als neuer Imperator und Herrscher über das Mare Nostrum. Aber die Engländer hatten die Panzer abgeschossen, hatten das Afrikakorps zerschlagen und waren auf Sizilien gelandet. Der Schimmel war bei einem Bombenangriff ausgebrochen und in der Wüste verschwunden. Mit der Absetzung hatte der König ihn endgültig von seinem hohen Ross geholt, jetzt war er nur noch ein Fußsoldat und statt Beute brachte er Magenschmerzen mit nach Rastenburg und ein Gefühl, als müsste er nackt vor die Menschen treten mit einem Penis so eklig wie ein Rattenschwanz.

Es war nicht seine Schuld, dass das Schicksal ihm nicht mehr hold war - Verräter hatten ihn umgeben, der König, der Marschall Badoglio, sein Schwiegersohn, der gegen ihn gestimmt hatte im Faschistischen Großrat, die Carabinieri, die ihn in den Krankenwagen gesteckt hatten! Verrat, er war verraten worden, natürlich, aber wer sich verraten ließ, hatte Schwäche gezeigt, war nicht wachsam gewesen. Er würde dem Kunstmaler als ein Schwächling entgegen treten, als ein Versager. Der Mann, der seit Jahren gezeigt hatte, dass er das Wort Gnade nicht kannte, würde keine Sekunde zögern, ihn zu Kartoffeldünger zu verarbeiten, wenn es seinen Plänen dienlich war.

Es gab nur einen Ausweg. Er würde ihm anbieten, zu seinen Soldaten zu gehen und mit ihnen im russischen Eis zu kämpfen, wollte sich und dem Kunstmaler zeigen, dass er noch zu etwas nütze war. Der verratene General, der sich an der Front bewährt und wieder das Vertrauen seiner Männer gewinnt - in dieser Rolle wollte er ihm begegnen.

Die friedliche Landschaft, die unter dem Schullehrer dahin glitt, die grauen Dörfer, die Pferdefuhrwerke auf den staubigen Landstraßen, die Bäuerinnen auf den Feldern, die zusehen mussten, wie sie die Kartoffelernte ohne die Hilfe ihrer Männer einfuhren, ließen den Schullehrer an die Friedenzeiten denken. Mit blanker Brust war er zum Ernteeinsatz gezogen, hatte mit den Bauern geschwitzt und mit den Bäuerinnen getanzt. Er liebte den Duft der Felder, die heiße, staubige Luft, das Zirpen der Grillen, er kam vom Land und wusste, was eine üppige, was eine Hungerernte bedeutete. Für ihn hatten die sieben mageren Jahre begonnen, denen er nur das eine abgewinnen konnte, nämlich dass er nicht mehr die Regierungsgeschäfte führte und sich einreden konnte, eine Privatperson zu sein, ein Mann der Geschichte, um den sich die Männer der Zukunft nicht kümmern würden. Der Gedanke, wieder vor sein Volk zu treten, sich mit den Parteifreunden zu zanken, diesen verlorenen Krieg weiterzuführen, drückte ihn zu Boden. Als die Carabinieri ihn in den Krankenwagen geschoben hatten, war die Hoffnung in ihm aufgekeimt, man würde ihn in ein Sanatorium bringen, wo er Wasser trinken, maßvoll essen, sich der Frauen enthalten und die Aussicht in die Ebene genießen könnte. Die Deutschen hatten eine Methode entwickelt, bei der man mit nackten Beinen in kalten Gewässern waten musste, als ginge es durch den russischen Schnee einer paradiesischen Zukunft entgegen. Durch kalte Gewässer wollte er waten, immer im Kreis herum, in einem Kreuzgang der Gesundheit, und dieser Gedanke beruhigte ihn so, dass er einschlief.

Er nickte erschrocken, als man ihn aufweckte und ihm zurief, dass das Flugzeug zur Landung ansetzte. Er mühte sich, er straffte sich, er stieg mit großen Schritten aus der Maschine, als wollte er direkt durchmarschieren zur Front. Aus den Bäumen jenseits des Flugplatzes, zwischen denen das Hauptquartier der germanischen Armeen aufgeschlagen worden war, wehte die ostpreußische Luft so frisch und kühl, dass ihn ein kalter Schauer überlief. Schon nahmen ihn zwei SS-Männer mit gut durchbluteten Gesichtern sehr eng in die Mitte und führten ihn mit noch längeren Schritten als den seinen zum Wagen, so dass er zwischen ihnen her trippeln musste. Aber daran war er gewohnt, dass er, der es geliebt hatte zu befehlen, von Männern, die sich nicht trauten, ihm in die Augen zu blicken, zu Schiffen, Flugzeugen oder Automobilen gebracht wurde.

3.

Narrenkappe

Oktober 1943

Das Hauptquartier der germanischen Rasse bestand aus meterdicken Betonbunkern und zahlreichen Holzbaracken, durch morastige Wege verbunden, von Soldaten bewacht, eine triste, farblose Waldsiedlung, die mehr einem Arbeitslager obdachloser Männer glich, als der zentralen Kommandostelle über eine der mächtigsten Armeen, die die Welt je gesehen hatte. Sie passierten den ersten, zweiten und dritten Sicherheitsring, schließlich führten die Männer den Schullehrer in einen spärlich möblierten Raum, der so blass und fleischlos wirkte wie eine wässrige Gemüsesuppe. Vor der Tür bezogen sie Stellung, schweigsame Germanen mit Haaren hell wie Stroh, Maschinenpistolen über ihren Schultern, die nach frischem Öl rochen. Der Schullehrer, der ein verständliches Deutsch sprach, hakte die Daumen in den Gürtel, und sagte, den Blick in die ostpreußische Weite gerichtet:

„Kameraden, dieses blutige Rangeln werden wir für unsere Dinge entscheiden. Ich werde persönlich die Befehl über die italienisches Truppen übernehmen und wir werden mächtigste Schläge auf das Bolschewismus niederhacken lassen. Gemeinsam werden ihn tiefst hineinschieben in sibirisches Sumpf, aus welches er gegangen ist.“

Dazu hob er den rechten Arm und schlug mit der geballten Faust durch die Luft, wie er es gerne gemacht hatte, wenn er vor Soldaten sprach. Es war immer eine kraftvolle Geste gewesen, die Schwung und Entschlossenheit ausgedrückt hatte. Seine Stimme war lauter geworden mit jedem Luftschlag, den er ausgeteilt hatte, und immer schneller war seine Rechte niedergesaust, die Linke war eingefallen, ein Wirbel aus Schlägen und Worten war von ihm ausgegangen, bis die Zuhörer begeistert den Sturm aufgenommen hatten, den er entfesselt hatte, und in Ergebenheitsrufe ausgebrochen waren.

Die Wachen reagierten nicht. Der Schullehrer wippte auf seinen Zehenspitzen, so dass er ein paar Zentimeter wuchs, ließ sich wieder zurückfallen auf die Fersen, wippte wieder hoch, höher noch, aber er kam mit seinem Kinn nicht bis zu den germanischen Schultern. Hin und her, immer kürzer wurden seine Versuche an Größe zu gewinnen. Noch ein paar Mal wippte er, dann zog er sich in das karge, ausweglose Zimmer zurück, dessen Fenster vergittert war.

Still stand er in der Mitte, den Kopf leicht geneigt, als lauschte er auf eine ferne Stimme, die ihm etwas sagen wollte. Seit der Invasion Siziliens hatte er viele Stunden so verbracht, bis er sicher war, aus welcher Richtung die Stimme zu hören sein musste, die ihm seine Zukunft verkünden würde: rechts, wo seine Augenbraue endete, einige Grad über den Horizont erhoben, tiefer jedenfalls als seine Hand wies, wenn er sie zum römischen Gruß reckte. Dort würde er eine Stimme hören, ein Zeichen erkennen, er war sich sicher. Schon bald nach der Landung der Alliierten hatte er im Kreis seiner Minister gesessen und so getan, als würde er konzentriert zuhören, während er sich zu öffnen versucht hatte für die Botschaft, die er so sehnlich erwartet hatte. 20 Jahre lang hatte er geredet, gepredigt, geschrieben, befohlen und gebrüllt - jetzt wollte er hören. Wenn das Wort an ihn gerichtet und er um seine Meinung gefragt wurde, waren die Silben aus seinem Mund gekrümelt, als hätte er trockenes Brot gegessen, das er wieder aushusten musste. Seine Gesten waren so lebendig gewesen wie ein Händeringen, das man einem Blinden anerzogen hatte. Nur sein Lauschen, sein dunkler Blick waren ihm noch gelungen, aber niemand hatte ihn so haben wollen.

In den Stunden seiner Gefangenschaft vermisste er seine Minister und die vielen Speichellecker. Er spürte, dass er nur lebte, wenn er Menschen um sich hatte, die ihn bewunderten und in deren Augen er sich spiegeln konnte. Endlos kreisten seine Gedanken um die Frage, die ihn nicht mehr losließ: warum liebte und bewunderte ihn sein Volk nicht mehr, warum hatte es ihn verlassen? Er wusste es nicht. Aber er wusste: der Kunstmaler war ihm treu geblieben! Er hatte ihn gerettet, obwohl es von Anfang an Spannungen zwischen ihnen gegeben hatte.

Er erinnerte sich an ihre erste Begegnung in Venedig. Sie hatten über Nietzsche gesprochen. Seine Visionen waren die ihren gewesen, Übermenschen waren sie, Übermenschen wollten sie schaffen, die vom Berg herabstiegen und die Wahrheit verkündeten wie Zarathustra es getan hatte. Und über Wagner hatten sie gesprochen, natürlich, als sie den Palazzo Vendramin besichtigt hatten, wo der Komponist in den Armen seiner Geliebten verstorben war. Der Kunstmaler hatte den Musiker Wagner verehrt, sein Leben eines egozentrischen Bankrotteurs hatte ihn beflügelt, sein Judenhass befriedigt. Er hatte darauf bestanden, Wagner als den größten aller Komponisten zu preisen, obwohl der Schullehrer ihm immer wieder zu verstehen gegeben hatte, dass er Wagner nicht für würdig hielt, den Pisspott der italienischen Komponisten zu schwenken. Aber der Kunstmaler hatte alle Einwände in diesem schwer verständlichen Dialekt fortgeredet, bis der Schullehrer eine kleine, ganz kleine Neugierde verspürt hatte, sich die Musik dieses egomanischen deutschen Musikers anzuhören.

Wieder in Rom, wieder auf dem Kapitol, hatte er sich Schallplatten besorgt, Wagner gelangte in italienischen Häusern nur selten zur Aufführung, und es sich auf einem Diwan bequem gemacht. Die Musik war durch sein Arbeitszimmer gebraust, die Stimmen um ihn herum geschwebt wie Nebelgeister aus dem Dampf der germanischen Wälder, aus dessen mystischem Licht Wagner seine Bilder auf die Bühne geholt hatte. Von barbarischen Göttern und barbarischen Helden hatte er sich zu einem Klanginferno hinreißen lassen, zu einer gewaltigen, wühlenden Kraft. Der Schullehrer hatte sich vorgestellt, wie der noch junge Kunstmaler auf den billigen Plätzen der Opernhäuser in Linz und Wien der Musik gelauscht hatte. So tief war sie in ihn gefahren, dass sogar seine Fürze nach Wagner geklungen haben mussten, wenn er den Abort in seinem Obdachlosenasyl aufgesucht hatte, dachte er.

Mit den nordischen Göttern war der Schullehrer vertraut, er hatte sie studiert, ihr Wesen verglichen mit den Göttern des Südens, die an den sonnenverwöhnten Gestaden des Mare Nostrum gelebt und geliebt hatten. Seiner Erstgeborenen hatte er einen nordischen Namen gegeben, Edda, und Edda war eine eigenwillige, starke Persönlichkeit geworden. Eine Göttin der Schönheit hatten die Nordmänner nicht gekannt, bestenfalls eine Göttin der Fruchtbarkeit, aber das war nicht das Gleiche! Sicher, auch im Norden wurde die Sonne auf einem Pferdewagen über den Himmel gezogen, aber was mochte eine Sonne schon ausrichten über einem waldbestandenen Land, dessen moosigen Boden sie nie bescheinen würde? Die Bewohner dieses Landes jubelten dem Kunstmaler zu und zogen für ihn in den Krieg, dabei war er, der Schullehrer, es gewesen, der sein Volk in Aufmärschen versammelt und sein blödes Blöken in einen einzigen Schrei gebündelt hatte, als der Kunstmaler noch in bayrischen Bierkellern an knabenhaften Putschplänen gebastelt hatte, die gescheitert waren. Aber mit diesem Krieg hatte er ihm mehr als einmal gezeigt, wer nun brüllte und wer strammstehen musste.

Plötzlich riss der Kunstmaler die Tür auf, sofort tobte er über dem Schullehrer, der schwitzend und gekrümmt unverständliche Worte stammelte. Sein fleischiges Kinn zitterte. Er flehte den Kunstmaler an, ihn von allen Aufgaben zu entbinden. Er sei nur ein einfacher Soldat, wimmerte er, der Schützengraben seine Heimat, sein Schicksal der Tod. Er wollte die Hand des Kunstmalers greifen und an seine stoppelige Wange legen, aber der Kunstmaler rannte wütend auf und ab. Sein Bärtchen vibrierte verächtlich, das Tränen nasse Gesicht des Schullehrers ekelte ihn an. Lange hatten sie miteinander konkurriert, wessen Visionen am weitesten tragen, wessen Fabriken die besten Waffen produzieren, wessen Völker sich am leichtesten lenken und in den Krieg schicken lassen würden. Von ihrer ersten Begegnung an war es dem Kunstmaler eine ersehnte Genugtuung gewesen, den Schullehrer seine Überlegenheit spüren zu lassen, denn als Jugendlicher hatte er unter seinen Lehrern zu leiden gehabt. Sie hatten ihn verhöhnt, seine schlechten Deutschaufsätze mit zahlreichen roten Strichen und bösen Kommentaren verziert und ihm vor der Klasse prophezeit, er werde nie eine Anstellung im Staatsdienst erlangen wie die Klassenkameraden, die allesamt Kinder der besseren Linzer Gesellschaft gewesen waren. Als er die Schule verlassen hatte um Künstler zu werden, war ihm die Aufnahme an die Wiener Kunstakademie von engstirnigen Ignoranten verwehrt worden, die seine Genialität nicht hatten sehen wollen.

Aber jetzt triumphierte er, blieb machtvoll und zornig, während der Schullehrer sabberte und seinen Speichel nicht einmal vom Kinn wischte. Er hatte Schwäche gezeigt, dieser Südländer, hatte sich von einem König und seiner Bagage übertölpeln lassen. Und warum? Weil die italische Rasse zum Verrat neigte, zur Weichlichkeit, zur Ausschweifung, zur Schlamperei. Er brüllte heraus, die italienische Uniform sei nur ein Karnevalskostüm, um die Niedertracht eines rassisch minderwertigen Charakters zu verdecken! Dass diese Rasse der Führung bedürfe, dass sie zu gehorchen habe! Seine Stimme peitschte, selten schmeichelte sie, sprach von den glücklichen Tagen ihrer Freundschaft, die er nicht vergessen könne, von seinem Aufenthalt in der Toskana, in Florenz, von den guten Suppen dort, aber das sei vor dem Krieg gewesen, vor der Zeit der Bewährung.

Der Kunstmaler ließ seinem Freund keine Wahl als die, sich seinen Befehlen unterzuordnen. Er hatte entschieden, die italienische Regierung neu auferstehen zu lassen, aber er wollte sie näher am Deutschen Reich wissen, um ihre Krebsschritte besser kontrollieren zu können. Seine Armeen kämpften auf der Halbinsel gegen die jüdischbolschewistische Verschwörung, die alles daran setzte, die germanische Rasse zu vernichten. Durch Tod oder, schlimmer noch, durch minderwertiges Blut, das das reine, heilige Blut des deutschen Volkes vergiften würde. Deswegen brandeten sie alle heran: amerikanische Negerbataillone, indische Turbansoldaten, australische, englische, amerikanische und marokkanische Rasseschänder. Und nun mussten seine Armeen auch gegen italischen Verrat kämpfen. Gegen Verräter half nur der Tod, schon die Absichten mussten zunichte gemacht werden, mussten ausgehorcht, verfolgt, ausgemerzt werden!

Der Kunstmaler verstummte plötzlich, wischte sich die Haare aus der Stirn und teilte dem Schullehrer in bürokratischer Knappheit mit, dass SS-General Wolff und der Diplomat Rahn sich in Zukunft um sein Schicksal und das Schicksal Italiens wie auch des italienischen Volkes kümmern würden. Seine Aufgabe würde darin bestehen, eine Regierung zu bilden und alle Anstrengungen zu unternehmen, um die deutschen Soldaten in ihrem Kampf gegen die Feinde des Reichs zu unterstützen. Er habe einen Arzt abkommandiert, Dr. Zachariae, sein italienischer Freund wirke gesundheitlich angegriffen, und er brauche alle Kräfte für die Aufgabe, die er ihm zuerteilt habe, sagte er und schlug die Tür zu.

Wenig später betrat der Diplomat Rahn die Zelle. Er zog die buschigen Brauen zusammen, als wollte er den Blick von seinen Augen wischen, der sich ihm darbot. Er komplimentierte den Schullehrer in eine etwas geräumigere Holzbude, in der es nach Café roch, nach Espresso, den er dem Italiener einschenkte und mit einem guten Schluck Grappa weltmännisch würzte. Er plauderte von seiner Zeit in Tunesien, von den Sternen am nächtlichen Wüstenhimmel, von den 43 kg Gold, das der SS-Standartenführer Rauff von den Juden Djerbas erpresst hatte - wenigstens Geschichten hatte dieser Krieg produziert wenn schon keine Siege, die ein 1000-jähriges Reich begründeten. Der Schullehrer kippte den schwarzen Schluck hinunter, über den er in den Tagen des abessinischen Krieges immer als Negerblut gewitzelt hatte, und wartete auf den Stich in seinem Magen. Der Schmerz war weniger heftig, als er befürchtet hatte, und es gelang ihm, die Krämpfe vor dem Diplomaten zu verbergen. Rahn plauderte von den Tonnagen, die deutsche U-Boote in den letzten Monaten versenkt hatten, von den Kämpfen in China und der Stimmung in der arabischen Welt, wo sich die Gläubigen vor den Radioapparaten versammelten, um den Reden ihres Führers, des Großmufti von Jerusalem, zu lauschen. Der Schullehrer kannte den Großmufti, der Araber hatte ihn besucht und war ihm mit seiner spitznasigen, hartnäckigen Bettelei um Unterstützung für seinen Kampf gegen die Engländer und die Juden auf die Nerven gegangen. Er hatte ihn nach Berlin geschickt, sollten die Deutschen sich mit ihm herum schlagen. Rahn erzählte, dass der Großmufti inzwischen in der Hauptstadt lebte, dass er SS-Mitglied geworden war und unermüdlich auf dem Balkan unter der muslimischen Bevölkerung Freiwillige für eine muslimische SS rekrutierte. Von Damaskus bis Mekka würden sich die gläubigen Muselmänner auf die Teppiche werfen, um für den Sieg des Nationalsozialismus zu beten, sagte er.

Der Schullehrer nickte, er knurrte Unverständliches und mied den Blick dieses Mannes, dessen Mitgefühl er nicht spüren wollte. Er war dem Diplomaten begegnet, als er den Stahlpakt mit den Deutschen geschmiedet hatte, das Bündnis seines Italiens mit dem Deutschen Reich des Kunstmalers. Der Stahlpakt war schon lange zu einer rostigen Kette an seinen Fußgelenken geworden, die er mit sich schleppen würde bis zu seinem Tod. Sich seiner Freundlichkeit zu unterwerfen hätte bedeutet, in dem Spiel der Deutschen mitzuspielen, das für ihn nur die Narrenkappe bereit hielt, dachte der Schullehrer und bereute, dass er das Negerblut getrunken hatte. Er bereute es umso mehr, als seine Gedärme plötzlich und stürmisch verlangten, die Toilette aufzusuchen. Der Soldat, der ihn zu einer abseits gelegenen Baracke führte, sagte: „Italien bene, Wein bene, Krieg bene, italienisch Frauen bene fickificki. Kopf hoch, alles gut“, und öffnete ihm den Verschlag.

In seiner Kindheit hatte er sich über einem stinkigen Loch in einem Holzverhau entleert oder auf dem Misthaufen, hatte später die verschmierten Latrinen Mailands aufgesucht, die toten Enden der Schützengräben des Ersten Weltkriegs, und erst seit seiner Machtergreifung die Bequemlichkeit des Sitzklos mit einer funktionierenden Wasserspülung genossen. Wenn er gesprochen hatte zu den Massen unter seinem Balkon, wenn die Sätze wie Maschinengewehrsalven aus ihm herausgeschossen waren, wenn er sich wieder zurückgezogen und die Huldigung seiner Schwarzhemden entgegengenommen hatte, war er gerne zu diesem sauberen Ort entschwunden, den nur er betreten durfte, der verschlossen war und dessen Schlüssel in seinem Schreibtisch lag. Sitzend hatte er sich einen Ruhemoment gegönnt, zufrieden mit seinem Auftritt und zufrieden mit der Entleerung, die ihm ebenso gewaltig und geräuschvoll gelungen war.

Aber in Rastenburg glichen auch die Latrinen denen eines Männerasyls, und der Landserausdruck Donnerbalken hatte nur noch solchen ein Lächeln entlockt, die in diesem Krieg noch frei von dem Gefühl der Angst geblieben waren, das in die Därme kroch. Der Schullehrer vermied die Vorrichtung und hockte sich in eine Ecke. Das Klopapier bestand aus russischen Zeitungen, die jemand peinlich genau in immer gleiche Rechtecke gerissen hatte. Seine Därme gaben nur eine schmale Masse ab, die er geräuschlos unter sich fallen ließ und mit kyrillischen Buchstaben bedeckte.

Dort in Rastenburg, in der Ecke eines stinkigen Germanenklos, ergab sich der Schullehrer in sein Schicksal. Wie ein einsamer Soldat im Schützengraben, der mit zitternden Därmen auf den Befehl wartete, durch vermintes Gelände in die Gewehrsalven des Feindes zu stürmen, wartete er auf den Tod. Sein Leben würde nur noch Essen und Ausscheiden sein, und wenn er Glück hatte würde seine Geliebte ihn gelegentlich aufnehmen in sich, damit er seine Hoden entleeren konnte. Sein Leben würde dem eines Todkranken in einem Hospiz gleichen, umgeben von verlogenen Stimmen, die wie er wussten, dass es hoffnungslos war, die aber so taten, als würden sie auf den neuen Tag setzen.

Schon bald erfüllte sich seine Prophezeiung. Umgeben von Spitzeln und rassereinen SS-Männern kehrte der Schullehrer nach Italien zurück. Der Kunstmaler hatte seinem italienischen Freund die Gegend um Salò am Westufer des Benaco zugewiesen - es war dieses an einer schönen Bucht gelegene Städtchen, das ganz unfreiwillig zum Namensgeber einer Republik werden sollte, deren einziger Sinn darin bestanden hatte unterzugehen: die Repubblica di Salò.

Italienische Faschisten und deutsche Nationalsozialisten hatten zwischen Desenzano und Gargnano bereits Villen beschlagnahmt, um Ministerien, Mannschaften und Mätressen unterzubringen. Der Schullehrer residierte in der Villa Feltrinelli am Nordende Gargnanos, seine Amtsgeschäfte führte er im Palazzo Feltrinelli im Ortszentrum. Beide Gebäude waren so gebaut, dass der Blick auf den See fiel, dessen zeitlose Schönheit ihm Unbehagen bereitete. Er war es gewohnt, über das Forum Romanum zu schauen, über die heiligen Hügel der Ewigen Stadt, und sich an dem Gedanken zu begeistern, dass es keine Grenze für seinen Willen gab, der die Macht hatte zu formen. Aber hier plätscherten Wellen harmlos über kleine Kiesel, zogen Wölkchen, hier mochten Rentner sich ergehen, aber für Menschen, deren Bestimmung es war, über andere zu herrschen, bot diese ewige Landschaft nichts. Als Naturgebilde hasste er den See, dessen Geplätscher unablässig in seine Ohren drang und ihn verhöhnte, der nichts war als ein Kompromiss aus Strom und Meer, frei von dem mitreißenden Schwung des einen und der gewaltigen Ruhe des anderen. Er zog die Vorhänge zu, er achtete nicht darauf, wenn Möbel gestellt, Akten geschichtet, Telefonleitungen verlegt wurden. In den Sitzungen mit seinen Parteifreunden, die sich um Regierungsposten stritten, murmelte er schwermütige Worte, zitierte Schiller auf Deutsch oder erhob seine Stimme ins Pathetische, ins Phrasenhafte, um bald wieder zu verstummen und verstohlen in die Gegend rechts über seiner Augenbraue zu schauen und darauf zu warten, dass er wieder den Platz hinter seinem Schreibtisch einnehmen konnte.

Dort war er zu finden, Tag für Tag, Papier vor sich. Er schrieb ein Buch über seine Gefangenschaft. Seinem Volk sei er es schuldig, erklärte er, das ihn so lange vermisst habe. Er begann mit der Niederlage in Nordafrika und endete mit seinem Flug nach Rastenburg. Es klagte den Verrat Frankreichs an, dem das italienische Volk die Schmach der alliierten Eroberungen im Süden zu verdanken hatte, fantasierte er. Denn es war Frankreich gewesen, das den Alliierten erlaubt hatte, die maghrebinischen Häfen als Basis für den Angriff auf Italien zu nutzen, ein Verrat, der dem des Königs und des Marschalls Badoglio nicht nachstand. Er knüpfte Kontakt zu dem Chefredakteur des Corriere della Sera, und hatte in diesen Kriegstagen nichts wichtigeres zu tun, als mit dem Zeitungsmann zu besprechen, dass sein Werk als Zeitungsbeilage erscheinen sollte, damit sich jedermann Rechenschaft über die Ereignisse und seine Schuldlosigkeit ablegen konnte. Kaum hob er den Kopf, wenn der Diplomat Rahn, inzwischen zum Generalbevollmächtigten des Deutschen Reiches in Italien ernannt, ihn höflich an seine Rede erinnerte, die er am 18. September 1943 über Radio München in ganz Italien hatte ausstrahlen lassen und in der er drei Postulate seiner neuen Regierung aufgestellt hatte:

„1. Die Fortsetzung des Krieges an der Seite des Deutschen Reiches. 2. Der Wiederaufbau der Streitkräfte. 3. Die Vernichtung der Verräter, die sich bis zum 25. Juli 1943 viele Jahre lang in den Reihen der Faschisten bewegt haben und dann zum Feind übergewechselt sind,“ zitierte Rahn ihn mit leiser, schneidend - freundlicher Stimme. Er zählte die drei Postulate an den Fingern seiner linken Hand ab, als hätte der Schullehrer einen Gedächtnisverlust erlitten und benötigte die Finger bei dieser Rechenaufgabe, deren Ergebnis im letzten Postulat ergab, keine Schwäche mehr zu zeigen, sondern die Verräter so schnell wie möglich vom Leben zum Tod zu befördern. Wenn Alessandro Pavolini, der neue Parteisekretär, Listen der Delegierten des Parteikongresses vor ihm ausbreitete, der schon bald in Verona abgehalten werden sollte, und ungeduldig auf ihn einredete, er müsse an dem Kongress teilnehmen, blieb der Schullehrer eisig. Er fuhr nicht nach Verona, er hockte stundenlang in seinem Arbeitszimmer oder inmitten seiner lärmenden Familie in der morbiden Schönheit der Villa Feltrinelli, zu der er sich tagsüber sehnte und vor der er am späten Nachmittag der alten Gewohnheit treu pünktlich um 17 Uhr in die Arme seiner Geliebten floh, die ihm an den Benaco nachgereist war. Die Deutschen ließen ihn in den Sandkastenspielen seiner Regierung Besprechungen abhalten und Befehle erteilen, die nichts galten, wenn sie nicht von ihnen autorisiert waren. Er durfte mit dem SS-General Wolff nach Gardone fahren und verwundete Soldaten im Hotel Bellevue besuchen, das die Wehrmacht in ein Militärlazarett umfunktioniert hatte, und die Kriegsproduktion in den Tunneln der Gardesana zwischen Gargnano und Limone besichtigen. Mehr trauten ihm die Deutschen nicht zu, denn wo er auftauchte verbreitete er ein Gefühl der Leere und des Unbehagens, das Menschen ausstrahlten, die viel versprochen aber nichts gehalten hatten und nun andere für ihr Versagen verantwortlich machten.

Ab und zu kamen grauhaarige Kameraden auf einen Grappa vorbei und schwärmten vom Marsch auf Rom. Sie vergaßen nie, den Tag zu beschwören, an dem den Verrätern aus dem Faschistischen Großrat, die gegen den Schullehrer gestimmt hatten, die Köpfe vor die Füße gelegt werden würden. Allen voran müsse der Schnösel Ciano sterben, brüllten sie und knallten die leeren Grappagläser auf den Tisch, sein Schwiegersohn.

4.

Von Löwen, Leoparden und anderen wilden Tieren

August 1943 – Januar 1944

Maria Muzio Pertini hatte dreizehn Kindern das Leben geschenkt, aber acht von ihnen war es gleich wieder genommen worden. Auf dem Kunstmarmor des Kreißsaals und dem Kiesweg des Engelsfriedhofs war sie gealtert, das Beugen über Kinderbettchen und Kindergräber hatte sie gekrümmt, und als die Kleinen groß geworden waren und sie dachte, der Herr würde ihr für die fünf Kinder, die sie aufgezogen hatte, fünf Minuten Zufriedenheit und Ruhe gönnen, starb ihr Mann. Er hinterließ Geld und Ländereien, die der Aufsicht bedurften und derer sie sich annahm, während ihre Tochter sich auf ihr eigenes Mutterleben vorbereitete und ihre vier Söhne gegen Österreich in den Krieg zogen. Ihr Mut ließ Maria an die Grablegungen und Totenmessen der acht anderen Kinder denken, und vorsorglich richtete sie ihre Trauerkleider für die Ehrung der toten Pertinisöhne in San Giovanni Battista her, der größten Kirche von Savona, ihrer Heimatstadt.

Aber ihre Vorahnungen bewahrheiteten sich nicht. Die Vier kehrten zurück, doch nur, um sie wieder zu verlassen. Eugenio, der Jüngste, ging nach Amerika. Gigi, der Älteste, wurde Künstler. Pippo, der Berufssoldat, schloss sich den Faschisten an und Sandro, der Rechtsanwalt und Sozialwissenschaftler, den Sozialisten. Der Graben zwischen Pippo und Sandro war breiter als das Meer, das Eugenio von allen trennte. Wo der eine den Fuß hinsetzte, konnte der andere nicht sein, und Marias Freude darüber, dass ihre Söhne den Krieg überlebt hatten, war bald der Gewissheit gewichen, dass das Leben für Maria Muzio Pertini immer nur neuen Kummer bereithalten würde.

Sandro ließ sich als Anwalt nieder, hatte Mati, seine Verlobte, die er heiraten wollte, und fast hätte seine Mutter stolz und beruhigt sein können, aber Sandro wollte die Welt verbessern mit seinem Sozialismus, und das bedeutete, den Faschismus herauszufordern wie David mit nichts in der Hand außer einem Stein und einer Schleuder. Sandros Stein war die Denkschrift Unter der barbarischen Herrschaft des Faschismus, die er unters Volk schleuderte.

Das traf den italienischen Goliath, das ärgerte ihn, er wollte sich David schnappen und ins Gefängnis stecken, damit der Heißsporn auf andere Gedanken käme, aber er konnte ihn nicht ausfindig machen. Pippo, der Faschist in der Familie Pertini, kannte Sandros Aufenthalt. Er hasste die Sozialisten und das Durcheinander, dass sie vor und nach dem Krieg angezettelt hatten. Er hasste sie, weil sie das Ansehen des Königs und der Soldaten in den Dreck zogen, die in einem blutigen Krieg ihr Leben riskiert hatten. Und er verachtete sie, weil sie unfähig gewesen waren, die Macht zu ergreifen, die vor ihnen gehangen hatte wie eine reife Frucht an einem Baum. Die Faschisten hingegen, von denen viele einmal Sozialisten gewesen waren, hatten gierig zugepackt, hatten die Frucht beinahe zerquetscht, aber sie hatten gesiegt. Nun empörten sich die Sozialisten, jammerten und machten sich lächerlich. Es würde das beste sein für den Besserwisser Sandro und für die Ängste ihrer Mutter, wenn auch sein Bruder möglichst schnell seinen sozialistischen Irrtum einsehen, wenn er ein wenig Ruhe finden und büßen würde für den Kummer, den er seiner Mutter bereitet hatte.

Pippo gab Hinweise und wartete ab. Als Sandro verhaftet und verurteilt worden war und seine Mutter sich Sorgen machte um seine Gesundheit, besuchte Pippo ihn ihr zuliebe im Gefängnis. Zwei Jahre hatten sich die Brüder nicht gesehen.

Sandro saß ihm gegenüber, den Kopf bandagiert, den Arm noch immer etwas schräg haltend. Den Arm hatten ihm die Faschisten gebrochen, den Schädel hätten sie ihm beinahe zertrümmert, trotzdem ...

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