Logo weiterlesen.de
Rosenduft und Sinneslust

Kate Hardy

Rosenduft und Sinneslust

1. KAPITEL

Guy legte auf und steckte das Handy in die Tasche. Wir müssen abwarten. Er konnte diesen Satz mittlerweile nicht mehr hören. Wie konnte er abwarten, wenn die Sache drohte, sein ganzes Leben auf den Kopf zu stellen?

Aber dies war schon der zweite Spezialist, der ihm diesen Rat gab. Die dritte ärztliche Meinung in drei Monaten. Auch wenn die Aussage „Wir müssen abwarten, ob Ihr Geruchssinn sich erholt“ für normale Menschen wenig dramatisch klang – für einen Parfumeur war sie völlig unakzeptabel. Ohne Geruchssinn war er beruflich am Ende.

Seit drei Monaten hielt er die Diagnose nun schon geheim, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand dahinterkam. Und dann würden die Dinge kompliziert. Wie es aussah, wollte sein Geschäftspartner das Angebot eines großen Konzerns akzeptieren, der ihr Parfumunternehmen aufkaufen wollte. Guy hatte sich diesem Plan widersetzen können – bislang zumindest. Er zog es vor, sich auch weiterhin auf die individuellen Wünsche seiner Kunden konzentrieren zu können und Zulieferer aus der Region zu bevorzugen. Doch der Verlust seines Geruchssinns war genau die Art von Argument, die Philippe brauchte, um den Verkauf durchzusetzen. Denn wie sollte es mit der Firma GL Parfums weitergehen, wenn der Leiter der Duftentwicklung seine „feine Nase“ verloren hatte?

Es war zum Verrücktwerden!

Guy hatte all seine Hoffnung in diesen letzten Spezialisten gesetzt. Die Hoffnung, dass er ihm helfen konnte und mehr anzubieten hatte als nur den Rat, abzuwarten, bis der Geruchssinn von allein zurückkehrte, denn die einzig mögliche Erklärung sei nun einmal eine Virusinfektion. Er hatte stillgehalten und die unangenehme Prozedur über sich ergehen lassen, bei der ein Schlauch mit einer Kamera durch die Nase bis hinauf in die Nebenhöhlen geschoben wurde. Er hatte es mit Vitaminpräparaten versucht, hatte Stunden im Internet damit verbracht, jedes Selbsthilfeforum nach einer Lösung zu durchforsten. Und dennoch bekam er immer nur zu hören: „Wir müssen abwarten.“

Schlimmer noch – der Arzt hatte ihm gesagt, dass es bis zu drei Jahre dauern könnte, bis sein Geruchssinn zurückkehrte. Und selbst dann würde er möglicherweise nur teilweise wieder funktionieren.

Drei Jahre?

Die letzten drei Monate waren schon schlimm genug gewesen.

Die Aussicht, drei Jahre in diesem Zustand verbringen zu müssen, war unerträglich.

Abgesehen davon, dass er nicht so lange warten konnte. Seine Firma konnte es sich nicht erlauben stillzustehen. Wenn sie keine neuen Parfums entwickelten und ihre Produktlinien erweiterten, hätten sie keine Chance gegen die Konkurrenz. Dann müssten sie schließen, und alle würden ihre Arbeit verlieren. Die Angestellten hatten ihn unterstützt und glaubten an ihn und seine Träume. So sehr, dass sie in der Anfangszeit sogar Lohnkürzungen akzeptiert hatten, damit es mit dem Unternehmen weiterging. Er durfte sie nicht enttäuschen.

Natürlich könnte er einen anderen Parfumeur einstellen, der seine Rolle als nez, als „Nase“, übernahm, aber dann würden sich seine eigenen Aufgaben im Betrieb ändern. Er würde mehr Verwaltungs- und Marketingarbeit übernehmen müssen – Dinge, die er bislang stets mit Vorliebe anderen Mitarbeitern überlassen hatte, da er selbst am liebsten im Labor arbeitete und neue Düfte kreierte. Mit einem anderen Parfumeur wäre die Firma gerettet – aber sie wäre nicht mehr sein Traum. Sie wäre nur noch ein Job für ihn. Ohne die Arbeit im Labor, die er so liebte, wäre sein Leben nur noch halb so erfüllt.

Gott sei Dank hatte er die Formel für das neue Parfum noch fertigstellen können, bevor sein Geruchssinn ihn verlassen hatte. Das verschaffte ihm ein paar Monate Aufschub. Danach blieb ihm nur noch, zu beten und zu hoffen, dass was auch immer mit seiner Nase nicht stimmte, wieder in Ordnung gebracht werden konnte. Dass es doch einen Spezialisten gab, der ihm helfen konnte.

Vorläufig jedoch musste er sich zusammenreißen und wie gewohnt den lächelnden, weltgewandten, zuvorkommenden Guy Lefèvre spielen, den Trauzeugen seines Bruders. Kein Wort würde er darüber verlieren, dass sein Leben im Begriff war, sich in einen Albtraum zu verwandeln. Auf keinen Fall durfte er Xaviers und Allegras Glück mit seinem eigenen Unglück zerstören.

„Lächeln!“, befahl er sich selbst. Er war hier draußen, um Rosen für die Tischdekoration zu schneiden, und nicht, um geheime Handygespräche mit HNO-Ärzten zu führen und in düsteren Grübeleien zu versinken. Er sollte besser weitermachen, bevor jemand kam und ihn suchte.

„Sheryl, es ist fantastisch! Genau so habe ich mir ein französisches Château vorgestellt. Hast du das Foto bekommen?“, fragte Amber euphorisch.

„Ja, danke“, antwortete die Stimme ihrer besten Freundin aus dem Handy. „Die alte Steinfassade und die hohen Fenster sehen wirklich edel aus.“

„Im Haus selbst ist es ein bisschen heruntergekommen“, räumte Amber ein, „aber das wäre mit wenig Aufwand schnell behoben. Die ausgeblichenen dicken Vorhänge könnte man durch Voile und leichten Damast ersetzen, die Wände bräuchten frische Farbe – Weiß mit einem Hauch Rosa vielleicht –, und das Parkett und die Wandvertäfelungen müssten mal wieder ordentlich poliert werden. Und im Flur hängt dieser unglaubliche Kronleuchter. Der müsste zwar auch geputzt werden, aber trotzdem: ein echtes Prachtstück.“

Sheryl lachte. „Du willst Allie doch nicht überreden, dir das Haus für eine Party zu leihen, oder?“

„Ich muss gestehen, ich habe daran gedacht“, gab Amber zu. „Wie viel würden die Leute wohl für eine Wochenendparty in Frankreich zahlen? Oder ein historisches Dinner à la Marie Antoinette?“

„Du bist unglaublich! Du bist dort, um dich auf Allies Hochzeit zu amüsieren, aber stattdessen begutachtest du mögliche Räumlichkeiten für deine Wohltätigkeitsbälle.“

„Ja, ich weiß. Aber es ist so schön hier. Und die Küche erst! Riesengroß, mit alten Terrakottafliesen, einem riesigen massiven Holztisch in der Mitte und cremefarbenen, handgeschreinerten Schränken.“ Genau die Art von Küche, die sie sich selbst eines Tages wünschte.

„Ich hoffe nur, dich hören keine Paparazzi“, warnte sie Sheryl. „Die würden Augen machen: Bambi Wynne, das Partygirl, ist in Wirklichkeit eine häusliche graue Maus, die für Küchen schwärmt!“

„Und wie gut, dass sie es von dir nicht erfahren werden“, gab Amber zurück, wohl wissend, dass sie ihrer besten Freundin absolut vertrauen konnte. Sie verdrängte den Gedanken, dass sie sich in der Tat etwas mehr Häuslichkeit in ihrem Leben wünschte. Ein schönes Zuhause. Eine Familie. Einen liebevollen Mann.

Wie lächerlich.

Ihr jetziges Leben ließ absolut nichts zu wünschen übrig – die meisten Menschen würden sie darum beneiden. Sie besaß eine schöne Wohnung in einem angesagten Stadtteil Londons, hatte viele Freunde, mit denen man essen und shoppen gehen konnte, und bekam haufenweise Einladungen zu Partys von berühmten Leuten und Kinopremieren. Wenn sie Lust hatte, in Mailand, Paris oder New York bummeln zu gehen, musste sie sich nur ins Flugzeug setzen. Sie war ihr eigener Herr und brauchte auf niemanden Rücksicht zu nehmen. Also warum um alles in der Welt sehnte sie sich so danach, dass ihr jemand Fesseln anlegte?

Sie schüttelte den Kopf und fuhr fort: „Und dann dieser Rosengarten. Ich habe noch nie so viele Rosen auf einem Fleck gesehen. Kennst du den Seifenladen in Covent Garden, den mit den Seifen aus eigener Herstellung? Ich dachte immer, dort würde es herrlich duften – aber der Duft hier ist noch tausendmal besser! Es ist fast so, als würde man Rosen trinken.“ Einem plötzlichen Impuls folgend, brach sie eine besonders schöne Blüte ab. Sie hielt sie sich dicht unter die Nase und seufzte. „Einen köstlicheren Duft gibt es einfach nicht!“

Guy umrundete die Ecke des Hauses und blieb wie angewurzelt stehen. Ungläubig starrte er auf das, was er sah.

Véra?

Doch dann schaltete sich sein Verstand ein. Nein, auf keinen Fall hätte Xavier seine Exfrau zur Hochzeit eingeladen. Und selbst wenn Allegra sie durch die Arbeit kennen sollte, bezweifelte er stark, dass die beiden befreundet waren. Allegra war alles andere als verwöhnt und zickig, während Véra eine stets unzufriedene und selbstsüchtige Diva war, wie er schmerzvoll hatte herausfinden müssen – leider erst nach der Hochzeit. Bis heute machte es ihn zornig, wie er sich damals von seiner Liebe zu ihr so hatte blenden lassen können. Véras wahren Charakter hatte er erst viel zu spät erkannt.

Unvermittelt drehte die Frau sich um.

Es war nicht Véra.

Obwohl diese Frau ihr äußerlich sehr ähnelte: Sie war groß und schlank, mit Beinen, die kein Ende zu nehmen schienen. Auch ihre langen dunklen Locken erinnerten ihn an Véra. Erstaunt spürte er, wie seine Fingerspitzen vor Verlangen kribbelten. Er wollte durch dieses Haar fahren und herausfinden, ob es sich tatsächlich so seidig anfühlte, wie es aussah.

Offensichtlich gehörte die Frau zu den Hochzeitsgästen. Wahrscheinlich war sie eine von Allegras Freundinnen. Auf ihn wirkte sie wie eine von diesen Prominenten, die ständig in irgendwelchen Magazinen zu sehen waren. Eine von denen, die sich selbst dann noch aufstylten, wenn sie nur Jeans und T-Shirt trugen. Hinter der dunklen Brille – da hätte er wetten mögen – verbargen sich große blaue Augen, die durch getönte Kontaktlinsen und Mascara übertrieben zur Geltung gebracht wurden. Unablässig plapperte sie in ihr Handy, während sie zwischen den Rosen entlangschlenderte und mit ihrer freien Hand übertriebene Gesten machte. Sie wirkte völlig unbeschwert, als hätte sie ihr Lebtag noch keine Sorgen gehabt. Dann – zu seinem großen Schrecken – bückte sie sich plötzlich und brach eine Rose ab.

Das ging entschieden zu weit. Es störte ihn nicht, wenn Leute in seinem Garten spazieren gingen, aber von seinen Rosen hatten sie gefälligst die Finger zu lassen. Was käme als Nächstes? Würde sie die Blume auf den Boden werfen und darauftreten, sobald ihre plötzliche Laune vorbei war und sie das Interesse verlor?

Entschlossenen Schrittes ging er auf sie zu. „Entschuldigen Sie bitte, aber es würde mich interessieren …“

Sie sah auf. „Oh. Ich muss los. Ich rufe dich später an“, sagte sie rasch in ihr Handy und beendete das Gespräch. Dann schenkte sie Guy ein strahlendes Lächeln. „Pardon, was sagten Sie?“

Er zeigte auf die Rose in ihrer Hand. „Meinen Sie nicht, dass Sie um Erlaubnis fragen sollten?“

Sie runzelte die Stirn. „Die Rose ist so wunderschön … Und man soll Blumen doch mit anderen Menschen teilen, oder nicht? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Allie und Xav etwas dagegen hätten, wenn ich mir eine Rose für mein Zimmer pflücke.“

„Nur leider gehört der Garten nicht Allie und Xav“, erwiderte er, „sondern mir.“

„Oh.“ Ein zartes Rot legte sich über ihre Wangen und verlieh ihnen die Farbe der Rose in ihrer Hand. „In dem Fall muss ich mich entschuldigen.“ Sie zuckte hilflos mit den Schultern und lächelte ihn entwaffnend an. „Jetzt ist es wohl ein bisschen spät, um die Erlaubnis einzuholen.“

Sie schob die Sonnenbrille nach oben in die Haare. Guys Körper spannte sich schlagartig an. Ihre Augen waren keineswegs blau. Sie schimmerten in einem tiefen warmen Braun. Und sie waren beeindruckend groß. Von Make-up konnte kaum die Rede sein: Nicht einmal Mascara trug sie, um die Linien dieser herrlichen Augen zu betonen. Nur ein leichter Schimmer von Lippenstift war zu sehen. Allerdings hatte sie Make-up auch wirklich nicht nötig. Sie war eindeutig die hübscheste Frau, der er je begegnet war. Und das, obwohl er selbst mit einem Supermodel verheiratet gewesen war und so einige der attraktivsten Frauen der Welt kennengelernt hatte.

Ohne Zweifel wusste sie nur zu gut, wie attraktiv sie war. Sie neigte den Kopf leicht zur Seite, roch verträumt an der Rose und blinzelte von unten zu ihm auf. Die kokette Pose ließ ihn unwillkürlich an seine Exfrau denken.

„Der Duft ist umwerfend“, sagte sie.

Das brauchte sie ihm nicht zu sagen, es waren schließlich seine Rosen. Nur leider konnte er sie selbst nicht mehr riechen. Was er wahrnahm, war höchstens noch der vage Schatten eines Dufts. Der wirkliche Geruch existierte nur noch in seiner Erinnerung. Aber das war bei Weitem nicht ausreichend, nicht für einen Parfumeur.

„Ich hätte nie gedacht, dass Ende September noch Rosen blühen“, bemerkte die Frau. „Das muss wohl am Mittelmeer liegen. Es kann ja nicht allzu weit weg sein.“

Guy wusste, dass er freundlich zu ihr sein sollte. Sie war schließlich zu Gast in seinem Haus. Außerdem war es nicht ihre Schuld, dass er nichts mehr roch, genauso wenig, wie es ihre Schuld war, dass sie ihn an Véra erinnerte. Aber die Begegnung mir ihr warf ihn völlig aus dem Gleichgewicht. Der Frust darüber, dass er die zwei größten Probleme seines Lebens einfach nicht in den Griff bekam, machte ihn halb wahnsinnig. Und die Tatsache, dass er den Menschen, die er am meisten liebte, nichts davon erzählen durfte, machte es nicht leichter für ihn. Aber es kam nicht in Frage, dass er sie mit seinen Problemen belastete – sie hatten ihr eigenes Päckchen im Leben zu tragen.

„Wenn Sie nicht wissen, wo wir sind, sollten Sie vielleicht einen Blick in den Atlas werfen“, schlug er bissig vor. „Und bitte seien Sie so gut, die Finger von den Rosen zu lassen.“ Damit machte er auf dem Absatz kehrt und ging, ohne sich umzuschauen. Er musste hier weg. Jetzt. Die Rosen für die Dekoration mussten warten.

Amber starrte dem Mann hinterher.

Wow.

Was hatte sie getan? War er der Gärtner? Hatten diese Rosen einen Preis gewonnen und waren deshalb sein Allerheiligstes? Aber besaßen Rosenzüchter, die etwas auf sich hielten, nicht viele verschiedene Arten und waren stolz auf ihre eigenen Züchtungen? Hier sahen alle Rosen gleich aus – ihre Blüten waren in der Mitte cremefarben und gingen nach außen in ein kräftiges Rosa über.

Und was wollte er damit sagen, dass dies sein Garten sei? Der Garten gehörte doch wohl zum Château und zum Weingut, und damit Allegra und Xavier. Aber vielleicht arbeitete er schon so lange hier, dass er den Rosengarten insgeheim als sein Eigentum betrachtete.

Wieso war er nur so wütend geworden? Wegen einer einzigen winzigen Rose?

Das war doch verrückt.

Trotzdem fühlte sie sich schuldig. In einer Sache hatte er recht: Sie war hier zu Gast und hätte sich den Wunsch verkneifen sollen, eine Rose für ihr Zimmer zu pflücken. Zumindest hätte sie vorher fragen sollen.

Wie dem auch sei. Sie würde Allegra nach diesem höchst attraktiven Gärtner fragen – und danach, ob er auch manchmal lächelte. Trotz seiner mürrischen und unfreundlichen Art war ihr nicht entgangen, wie gut er aussah: dichtes blondes Haar, Augen so tiefblau wie der Abendhimmel nach einem heißen Sommertag, ein sinnlicher Mund, der heiße Leidenschaft versprach – und zudem ein ziemlich erotischer Körper.

Energisch schüttelte sie den Kopf. Nein, Rosen zu stehlen, reichte als Fauxpas für einen Gast völlig aus. Sie musste nicht noch alles dadurch verschlimmern, dass sie den Gärtner verführte. Ganz abgesehen davon, dass sie Männern vorläufig abgeschworen hatte, nachdem in der letzten Ausgabe von Celebrity Life ein peinlicher Artikel über sie erschienen war. Darin waren ihre sämtlichen Liebhaber und Freunde des letzten Jahres aufgelistet worden, einschließlich detaillierter Angaben, wie lange sie mit ihr zusammen gewesen waren und wie sie mit ihr Schluss gemacht hatten.

Sie ging zurück in ihr Zimmer und füllte im Bad ein Glas mit Wasser für die Rose. Dann stellte sie die Blume auf das Tischchen neben dem Bett.

Dieses Haus war einfach umwerfend! Ihr Bett mit dem kleinen Baldachin sah aus, als gehörte es einer Märchenprinzessin. Alles hier verströmte altehrwürdigen Charme und leicht verwohnten Chic. Und von ihrem Zimmer aus hatte man einen herrlichen Blick über den Rosengarten. Das morgendliche Bild der aufgehenden Sonne über den duftenden Rosen versüßte selbst das Aufstehen zu früher Stunde.

Was Allegra für ein Glück hatte, von nun an hier leben zu dürfen.

Und was für ein Glück für Amber, dass sie eine Freundin hatte, die sie an diesem herrlichen Ort besuchen konnte.

Sie schlenderte hinunter in die Küche. Allegra saß am Küchentisch, neben ihr eine junge Frau, die Amber seit Ewigkeiten nicht gesehen hatte, aber sofort erkannte. „Gina!“ Sie umarmte die Designerin herzlich und küsste sie auf beide Wangen. „Wann bist du denn angekommen?“

„Vor zehn Minuten, mit dem Taxi.“

Amber verdrehte die Augen. „Du hättest mir eine SMS schicken sollen. Dann hätte ich am Flughafen gewartet und dich mitgenommen … Na, egal.“ Sie umarmte Gina erneut. „Es ist wirklich schön, dich wiederzusehen.“

„Da ist noch frischer Kaffee, wenn du möchtest“, sagte Allegra lächelnd.

„Ja, danke“, gab Amber zurück. Sie goss sich eine große Tasse aus der cafetière ein und gab einen Spritzer Milch hinzu. „Übrigens, Allie, ich befürchte, ich habe deinen Gärtner verärgert.“

„Meinen Gärtner?“, erwiderte Allegra erstaunt.

„Er hat mich dabei erwischt, wie ich eine Rose gepflückt habe. Er schien ein bisschen sauer zu sein.“

Allegra sah verwirrt aus. „Ich habe keinen Gärt… Oh, warte … War er groß, blond und gut aussehend?“

„Groß und blond, ja.“ Amber zuckte mit den Achseln. „Gut aussehend – ich weiß nicht …“ Und wie! widersprach eine Stimme in ihrem Kopf. „Vielleicht wäre er es, wenn er nicht so grimmig dreinblicken würde.“

„Guy sieht eigentlich nie grimmig aus“, wunderte sich Allegra.

„Wer ist Guy?“, fragte Amber.

„Xavs Bruder. Ihm gehört das Château.“

Verflixt. Also war es tatsächlich sein Garten. Amber biss sich auf die Lippe. „In dem Fall muss ich mich wohl bei ihm entschuldigen.“

„Tut mir leid“, sagte Allegra, „es ist meine Schuld. Ich hätte dich warnen müssen, dass er mit seinen Rosen sehr empfindlich ist und man sie besser in Ruhe lässt.“

„Ist er Rosenzüchter oder so etwas?“

„Nein, Parfumeur“, sagte Allegra. „Kennst du GL Parfums? Das ist er: Guy Lefèvre. Die Firma gehört zur Hälfte ihm.“

„GL Parfums? Machen die nicht dieses tolle Duschgel? Das mit dem Zitrusaroma?“, fragte Gina. „Vor ein paar Wochen wurde es in der Celebrity Life als wahres Vitalisierungswunder gepriesen.“

Amber stöhnte auf und verdrehte die Augen. „Erwähn bloß nicht dieses Magazin!“

Tröstend streichelte Gina ihr über den Arm. „Die haben dich letzten Monat ganz schön in die Mangel genommen, oder?“

„Das kann man wohl sagen! Woher wussten die bloß, dass Raoul, diese Ratte, per SMS mit mir Schluss gemacht hat? Ich könnte schwören, dass mein Handy abgehört wird.“ Sie bemühte sich, ihre Stimme unbeschwert klingen zu lassen, aber der Artikel hatte sie tief getroffen. Und Raoul hatte sie mit seinem Verhalten tief verletzt. Sie war überzeugt gewesen, er sei anders, hatte geglaubt, dass er vielleicht der Eine, der Richtige sei, aber dann hatte auch er sich als Lügner und Idiot entpuppt – wie anscheinend alle Männer, mit denen sie ausging. Manchmal fragte sie sich, ob da nicht ein Schriftzug auf ihrer Stirn stand, den sie beim Blick in den Spiegel selbst nicht sah, der allen anderen aber in grellen Neonfarben entgegenleuchtete: Suche oberflächlichen und gefühllosen Kerl. Bitte ansprechen!

Sie schüttelte sich. „Lasst uns über etwas Angenehmeres sprechen. Also Guy hat diesen Duft kreiert?“

Allegra nickte. „Es war der erste Duft, den er für die Firma kreiert hat. Ursprünglich war es ein Aftershave, aber sie haben die Produktlinie erweitert.

Xavier kam in die Küche, trat hinter seine zukünftige Frau, umarmte sie und gab ihr einen Kuss. „Hast du Guy gesehen, ma belle?“

„Nein, aber wir sprachen gerade von ihm und seinen genialen Fähigkeiten als Parfumeur“, antwortete Allegra.

„Dann hat er sich bestimmt wieder in seinem Labor verbarrikadiert“, sagte Xavier. „Mal sehen, ob ich ihn herauslocken kann. Wir haben ein heißes Date – mit dem Grill.“

„Du hast auch schon bessere Witze gemacht“, erwiderte Allegra, lachte aber trotzdem. Dann blickte sie auf die Uhr. „Du hast recht. Wir sollten langsam anfangen, die Salate zu machen.“

„Ich helfe dir in der Küche“, bot sich Amber an, nachdem Xavier gegangen war. „Was gibt es eigentlich zum Nachtisch?“

„Nachtisch?“ Allegras Augen weiteten sich. „Das habe ich völlig vergessen! Verflixt, wie konnte mir das nur passieren?“

„Weil du morgen heiratest und ein Dutzend wichtigere Dinge im Kopf hast?“, fragte Amber augenzwinkernd.

Allegra seufzte. „Dann werde ich wohl ins Dorf fahren müssen und bei Nicole etwas kaufen. Eine Tarte Tatin vielleicht – sie macht die beste weit und breit.“

Doch Amber konnte sich die Gelegenheit, in dieser herrlichen Küche zu kochen, unmöglich entgehen lassen. „Ich könnte ja den Nachtisch machen“, schlug sie vor. „Letzten Monat habe ich das hier für einen Gala-Ball gemacht.“ Sie zeigte Allegra und Gina einige Fotos auf ihrem Handy.

„Oh, wow, das sieht großartig aus“, bemerkte Gina bewundernd.

„Und schmecken tut es noch viel besser“, sagte Amber. „Kann man im Dorf irgendwo Himbeeren und Maracujas kaufen?“

„Ja, in Nicoles Hofladen“, antwortete Allegra.

„Gut, dann fahre ich jetzt einkaufen. Allie, könntest du vielleicht in der Zwischenzeit deinen schlecht gelaunten Schwager überreden, mir drei Rosen zu überlassen? Ich bin gleich zurück.“

„Macht es dir wirklich nichts aus?“

„Nein, kein Problem. Brauchst du sonst noch etwas?“

„Nein.“

Aber Amber sah es Allegra an, dass sie furchtbar angespannt und nervös war. Hoffentlich verkaufte diese Nicole auch Schokolade in ihrem Laden. Gute Schokolade. Oder im Notfall wenigstens Schokokuchen.

Der Einkauf der Zutaten dauerte nicht lange. Bald war Amber mit den Sachen zurück im Château bei den anderen. „Ach, bevor ich es vergesse: Ich habe dir Nervennahrung mitgebracht“, sagte sie lächelnd zu Allegra und gab ihr die Schokolade.

„Wie lieb von dir. Danke! Ich habe meinen Auftrag auch erledigt.“ Allegra reichte ihr die drei Rosen.

„Prima. Dann kann es ja losgehen …“ Während Allegra und Gina sich um die Salate kümmerten, bestrich Amber die Rosen vorsichtig mit Eiweiß, bestreute sie mit Puderzucker und legte sie zum Trocknen zur Seite. Dann backte sie Meringue und bereitete die Füllung vor. „Ich kann die Meringue erst ganz zum Schluss füllen, sonst weicht sie auf“, erklärte sie. „Das mache ich dann erst, wenn wir fast fertig sind mit essen, okay?“

„Mehr als okay“, sagte Allegra und umarmte sie. „Ich weiß wirklich nicht, warum Celebrity Life dich immer als dumme Zicke darstellt. Sie haben keine Ahnung, wie du wirklich bist.“

Amber wusste es sehr wohl. Sie hatte einem der Redakteure einen Korb gegeben. Zwar fand sie, dass sie ihn sehr respektvoll und freundlich abgewiesen hatte, dennoch schien er es ihr offensichtlich übel genommen zu haben. Die Folge war, dass das Magazin größten Gefallen daran fand, sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit schlechtzumachen. Zwar bemühte sie sich, die abfälligen Überschriften zu ignorieren – Arme Bambi: Keine Ge-wynne-rin in Sachen Liebe –, aber mittlerweile war sie wirklich genervt. Nach dem letzten Artikel hatte sie kurz davor gestanden, zur Redaktion zu fahren und besagtem Schmierfink ins Gesicht zu schlagen. Aber das Beste war wohl, sie ignorierte ihn einfach. Abwarten und durchhalten. Sicher würde bald ein anderer Prominenter eine unvorsichtige Dummheit begehen und das schlüpfrige Interesse der Zeitschrift auf sich ziehen.

„Wen interessiert schon Celebrity Life?“, sagte sie betont unbekümmert und nahm eine Schale mit Brot, um sie auf die Terrasse zu tragen.

Xavier hatte bereits mit dem Grillen begonnen, während Guy Wein für die Hochzeitsgäste einschenkte, die im Château übernachteten.

Wortlos reichte er Amber ein Glas.

Zeit, die Dinge wieder ins Lot zu bringen, dachte sie. Die Rose abzubrechen, war ein dummer Fehler gewesen. Auf keinen Fall durfte die Stimmung auf der Hochzeit darunter leiden, das wäre Allie und Xavier ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Rosenduft und Sinneslust" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen