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Rosarot in Seattle

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

PROLOG

Liebes Tagebuch,

ich werde nie verstehen, warum die Leute ihre Wände weiß streichen. Wenn ich könnte, würde ich die ganze Welt bunt malen.

13. Juni 1992

Na, was denkst du?“
Die dreizehnjährige Poppy Calloway hakte sich mit dem Fuß an der oberen Stufe der Leiter fest. Erst dann sah sie zu ihrer Freundin Jane, die die Frage gestellt hatte. Jane versank fast in einem riesigen Malerkittel. Ihr glattes braunes Haar hatte sich aus der Haarspange gelöst. Hinter den Scheiben des zweiflügeligen Fensters, dessen Rahmen sie sorgfältig gestrichen hatte, schoben sich dunkle Regenwolken über den Himmel. Oberhalb der Space Needle aber hatte sich ein purpurblauer Lichthof gebildet.

„Sieht toll aus, Janie.“ Poppy bewunderte das samtige Cremeweiß vor der melonengrünen Wand. „Die Fensterrahmen sind am schwierigsten.“ Sie blies sich eine blonde Locke aus der Stirn und warf Jane ein Grinsen zu. „Darum habe ich dir die Aufgabe überlassen.“

Ein schiefes Lächeln erhellte Janes ernstes Gesicht. „Also bin ich die Dumme in unserer Schwesternschaft?“

„Nö. Ich wusste nur, dass du es gut machen würdest.“ Poppy wandte sich an die Dritte im Bunde. Die rothaarige Ava verspeiste gerade ein Milky Way und tanzte zu Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“. Sie hatten einen Ghettoblaster mit zu Miss Agnes gebracht. „Und? Hast du eigentlich vor, uns irgendwann heute noch mal zu helfen?“

Mit schwingenden Hüften und sich rhythmisch dazu bewegenden Armen warf Ava Poppy einen Blick quer durch den Raum zu. „Gleich. Ich kommuniziere gerade mit Kurt Cobain.“

„Du kommunizierst mit ihm, seit du diese Nevermind-Kassette mitgebracht hast. Wie lange ist das her? Sechs Monate? Mach das doch mit einem Pinsel in der Hand.“

„Ach, Pop. Du weißt doch, dass ich diesen körperlichen Kram nicht so gut drauf habe.“

Poppy beäugte Avas fließende Bewegungen. „Du bist doch diejenige, die gut genug tanzt, um bei einem MTV-Video mitzumachen.“

Tiefe Grübchen zeigten sich auf Avas Wangen, als sie entzückt lächelte. Doch fast gleichzeitig gab sie ein spöttisches Geräusch von sich. „Ja, klar. Als ob die ausgerechnet meinen fetten Hintern in einem ihrer Videos brauchen könnten. Da gibt’s doch nur dünne Mädchen wie dich und Jane.“

„Dann leg den Schokoriegel weg und schnapp dir einen Pinsel – vielleicht verbrennst du so ein paar Kalorien.“

„Poppy“, protestierte Jane.

Schulterzuckend wandte Poppy sich wieder ihrer Malerarbeit zu, zugleich reumütig und ungeduldig. Sie wusste, dass sie gemein gewesen war. Doch es war einfach schwer, immer und immer wieder echtes Mitgefühl aufzubringen. Ihr Gewicht war für Ava ein ständiger Quell des Unglücks. Trotzdem tat sie nie etwas dagegen.

Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie Ava zu einer leeren Farbwanne stapfte und dann in die Hocke ging, um Farbe einzufüllen.

„Tanzen verbrennt Kalorien“, murrte Ava, während sie begann, den unteren Teil der Wand zu streichen. Bis hier war Poppy mit ihrem Roller nicht gekommen.

„Das ist wahr. Aber auf diese Weise werden Wände nicht gestrichen.“ Und doch hatte Ava nicht ganz unrecht, daher machte Poppy ihr das erstbeste Friedensangebot, das ihr in den Sinn kam. „Diese Courtney Love ist echt nicht die Richtige für Cobain.“

„Ich weiß!“ Ava rieb die Wange an ihrer Schulter, um eine Haarsträhne wegzuwischen, die sich in ihrem Mundwinkel verfangen hatte. Wieder blitzten Grübchen in ihren prallen Wangen auf, als sie zu Poppy hinaufsah. „Ich glaube, er schlägt mit ihr nur die Zeit tot, bis ich alt genug bin, um ihn zu heiraten.“ Sie nickte weise. „Männer brauchen Sex, weißt du?“

„Ganz bestimmt ist das der Grund.“

„Zweifellos“, stimmte Jane zu.

„Aber du kannst Cobain ruhig haben“, fügte Poppy hinzu. „Ich warte weiter auf meinen Scheich.“

Als sie den Scheich erwähnte, den sie sich letztes Jahr beim Zelten im Garten ausgedacht hatten, kreischten Ava und Jane los. Insgeheim musste Poppy einen Schauder unterdrücken. Denn der dunkle, überlebensgroße schlanke Mann ihrer gemeinsamen Fantasien entsprach tatsächlich ihrer ganz persönlichen Vorstellung vom Traummann. Aber ein stinknormaler Freund wäre erst mal auch nicht zu verachten.

„Seid ihr Mädchen bereit für eine Pause?“

Beim Klang von Agnes Bell Wolcotts dunkler, markanter Stimme drehten sich alle drei zur Tür. Dort stand Miss A., vom todschick frisierten Scheitel bis zu den teuren Schuhen in Haute Couture gekleidet. Sie hatten Miss A. bei einer Feier von Avas Eltern vor zwei Jahren kennengelernt. Kurz darauf waren die drei zum Tee auf das berühmte Wolcott-Anwesen eingeladen worden, als Dankeschön dafür, dass sie etwas Zeit mit einer exzentrischen alten Dame verbracht hatten. In bestimmten Kreisen war Miss Agnes für ihre abenteuerlichen Reisen, wunderschönen Kleider und auserlesenen Sammlungen bekannt. Beim Tee hatte sie den Mädchen ihre ersten Tagebücher geschenkt und erklärt, dass ihre Freundschaft sie an eine Schwesternschaft erinnerte. Seitdem kamen sie mindestens einmal im Monat zum Tee und schauten auch einfach so regelmäßig vorbei – entweder alle zusammen oder jede für sich –, nur um mit Miss A. zu sprechen.

Wenn Poppy mit Miss Agnes allein war, waren ihre Gespräche oft philanthropisch. Die Dame glaubte daran, Gutes „zurückzugeben“, was großen Eindruck auf Poppy machte. Miss A. hatte etwas an sich, das einen dazu brachte, auf eine Art und Weise über Dinge nachzudenken, wie man es nie zuvor gewagt hatte. Poppy vermutete jetzt, dass sie denselben albernen, erfreuten Gesichtsausdruck hatte wie Jane und Ava. Zum Ausgleich – in letzter Zeit war ihr ihre Würde besonders wichtig – sagte sie streng: „Wenn Sie hier reinwollen, müssen Sie einen Kittel anziehen.“ Dabei deutete sie mit dem Kinn auf den Haufen, den ihre Eltern ihr mitgegeben hatten. „Ich will nicht dafür verantwortlich sein, wenn Sie sich Ihre Garderobe ruinieren.“

„Und ich werde den herrlichen Stoff meines Chanel-Kostüms ganz sicher nicht mit einem farbbeklecksten Kittel ruinieren“, erwiderte Miss A. ein wenig scharf. Sie trat einen Schritt zurück, bis sie in Sicherheit vor der feuchten Farbe, aber noch immer zu sehen war.

Poppy grinste über den herben Ton der alten Dame. Ganz besonders schätzte sie an Miss A., dass die ältere Frau niemals die Intelligenz der Mädchen beleidigte. „Auf dem Sideboard im Esszimmer steht ein Teller mit selbst gebackenen Hafer-Schokoladen-Rosinen-Plätzchen für Sie“, verkündete Poppy. „Mom meinte, wenn ich Sie schon zwinge, uns diesen Raum streichen zu lassen, dann würde sie gern etwas Zucker zum Ausgleich beisteuern.“

„Wie lieb von ihr. Und offenbar kennt sie dich gut.“ Der zweite Satz kam ziemlich trocken über Miss A.’s Lippen. „Ich sage Evelyn, dass sie ein paar für euch auf einen Teller legen soll. Wo wir gerade übers Essen sprechen, seid ihr bereit für eine Mittagspause, oder wollt ihr erst eure Wand streichen?“ Mit einem anerkennenden Nicken musterte sie die bereits gestrichene Wand, die in einem tieferen, dramatischeren Ton leuchtete als die Wand, die Poppy und Ava gerade mit einem blassen Melonengrün ausmalten. „Göttliche Farbe, übrigens. Das wird mit den Vorhängen fantastisch aussehen. Du hast ein sehr gutes Auge für solche Dinge, nicht wahr?“

„Sie hat das beste Auge“, bestätigte Ava. „Und wenn es Ihnen nichts ausmacht, Miss. A., dann streichen wir die Wand erst noch fertig.“

Prompt verpasste Poppy ihrer Freundin einen freundschaftlichen Tritt. Sie wusste, wie sehr Ava Miss A.’s Mittagessen liebte und dass sie es nur Poppy zuliebe verschob. „Sollte nicht länger als zehn oder fünfzehn Minuten dauern, wenn das okay ist“, erklärte Poppy entschuldigend.

„Liebling, ich bekomme wunderschöne neue Wände ganz umsonst. Nehmt euch also so viel Zeit, wie ihr wollt. Ich sag nur schnell Evelyn Bescheid.“

Als sie im Flur verschwunden war, wandte Poppy sich mit neuer Energie ihren Malerarbeiten zu. Sie wusste, dass die alte Dame ihr einen Gefallen tat, indem sie ihr erlaubte, das Zimmer zu streichen. Wenn sie wollte, könnte sie das Haus halbjährlich von Profis renovieren lassen. Doch genau da lag ja der Hund begraben. Miss A. scheute die Mühe. Ihr waren ihre Sammlungen wichtig, nicht die Zimmer, in denen sie sie aufbewahrte.

„Ich werde sie dazu überreden, als Nächstes den Salon streichen zu dürfen“, murmelte Poppy zufrieden.

„Viel Glück“, erwiderte Jane, die auf dem Boden kniete und die Fußbodenleisten strich. Sie stand auf und streckte sich. „Dort steht der Großteil von Miss A.’s Sammlungen. Was für ein mörderischer Aufwand, das alles auszuräumen.“

„Trotzdem. Ich schaffe das. Ich mache sie mürbe – warte es nur ab. Dad sagt, dass es das ist, was ich am besten kann. Und wenn es so weit ist ...“ Sie lächelte verträumt. „... streichen wir es in einem hübschen hellen Gelb.“

Jane und Ava wechselten einen Blick. „Wir?“, fragte Jane. „Was sind wir nur für Glückspilze.“

„Ich kann euch sagen“, murrte Ava. „Dieses ganze Schwesternschaftsding hat echt einige Nachteile.“

Und doch nahmen Poppys beste Freundinnen wieder ihre Pinsel in die Hand und fuhren mit ihrer Arbeit fort.

1. KAPITEL

Von allen Räumen in allen Sporthallen in ganz Seattle musste er ausgerechnet in diesen reinspazieren?

Was zum Teufel hat er hier zu suchen?
Poppy bemühte sich, ihr Gespräch mit dem Inhaber vom Ace Eisenwarenladen fortzuführen. Doch der Mann neigte dazu, äußerst eintönig zu sprechen, was die Sache nicht gerade erleichterte. Außerdem schlängelte der Neuankömmling sich durch die Menschenmenge, als ob die Sporthalle ihm gehörte. Ihr Blick wanderte immer wieder zu ihm. Das war doch de Sanges, oder nicht?

Angestrengt unterdrückte sie ein Zischen, das hinten in ihrem Hals kitzelte. Denn dies war der letzte Ort, an dem sie ihn erwartet hätte – aber natürlich war er es.

Wenn sie allerdings an ihr bisher einziges Aufeinandertreffen dachte, fand sie es durchaus verständlich, dass sie versuchte sich einzureden, ihn nicht zu erkennen.

In Wahrheit aber hatte ein Blick gereicht, um den großen, schlanken, muskulösen Körper wiederzuerkennen. Sie hatte sich diese knochige Nase eingeprägt, die scharfen Wangenknochen und das kohlrabenschwarze Haar. Kannte die langen Finger und die olivbraune Haut.

Und.

Oh.

Mein.

Gott!

Besonders gut erinnerte Poppy sich an die dunklen kühlen Augen. Genau diese Augen hatte sie letzten Herbst, als sie sich in Miss A.’s Salon direkt gegenüberstanden, ein paar Sekunden lang erregt aufglühen sehen.

Halt! Entschlossen schob sie die Gedanken zur Seite. Fang nicht einmal damit an, Mädchen. Okay, vielleicht war er Detective Scheich, wie Janie ihn nannte. Na und. Doch ihr Gesicht wurde heiß und ihr Mund trocken, und sie musste sich äußerst zusammenreißen, um nicht zu erschaudern. Damals hatte Ava befürchtet, dass Poppy und de Sanges – ein Mann, den keine von ihnen vor diesem Nachmittag je gesehen hatte – direkt im Salon übereinander herfallen würden.

Ihre Freundin hatte recht gehabt. Noch nie im Leben hatte Poppy eine so irrationale Anziehungskraft verspürt wie bei der Begegnung mit dem großen dunklen Polizisten.

„Nun scheinen alle hier zu sein“, sagte Garret Johnson, der Vorsitzende der Einzelhandelsvereinigung, über das Geplapper im Konferenzraum hinweg. „Bitte nehmen Sie Ihre Plätze ein, dann können wir anfangen.“

Sie stieß einen erleichterten Seufzer aus, weil sie aus ihrer Erinnerung gerissen wurde. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie de Sanges einen Stuhl an den rechteckigen Tisch heranzog. Poppy wählte einen Platz am anderen Ende. Noch besser wäre es gewesen, wenn sie sich einen Platz auf derselben Seite hätte sichern können. Doch Penny, die Besitzerin von Slice of Heaven Pies, schnappte ihr den letzten Stuhl auf de Sanges’ Seite weg. Tja, zu blöd, wirklich schade.

„Okay, wie alle wissen, sind wir hier, um zu entscheiden, was wir mit den drei Jungs machen, die beim Taggen unserer Geschäfte erwischt wurden, wie man das in der Graffiti-Szene nennt“, begann der Vorsitzende, kaum dass das letzte Gespräch verstummt war. „Aber bevor ich weiter darauf eingehe, möchte ich Ihnen Detective Jason de Sanges vom Seattle Police Department vorstellen. Er arbeitet für das vom Bürgermeister ins Leben gerufene Einsatzkommando gegen Einbrüche und Überfälle. Mr. de Sanges war so freundlich, heute hierherzukommen. Detective.“ Damit wandte er sich an den Polizisten. Auch Poppy drehte sich automatisch auf ihrem Sitz herum, um de Sanges anzusehen. „Erlauben Sie, dass ich Ihnen unsere bunt gemischte Gruppe vorstelle.“ Johnson ging der Reihe nach vor, und als er zu Poppy kam, sagte er: „Das ist Poppy Calloway. Sie ist zwar keine Ladenbesitzerin, arbeitet aber mit so vielen von uns zusammen, dass wir sie als ehrenamtliches Mitglied betrachten.“

De Sanges nickte und musterte sie einen Moment mit seinen dunklen ernsten Augen. „Ms. Calloway und ich kennen uns bereits.“

Alle Anwesenden starrten sie an. Ihre Neugier stand ihnen in die Gesichter geschrieben. „Stieren Sie mich nicht an, als ob ich eine Verdächtige in einem seiner Fälle wäre“, bemerkte Poppy trocken. „Sie alle haben von dem Einbruch vor ein paar Monaten in der Wolcott-Villa gehört. Detective de Sanges hat damals den Fall übernommen, weil wir mit der ersten Polizistin am Tatort nicht glücklich waren.“

De Sanges war ebenfalls nicht glücklich gewesen, denn er war nicht freiwillig gekommen. Ava hatte ihre Kontakte spielen lassen, damit er den Fall bekam. Erst kurz zuvor hatten die drei Freundinnen die Villa von Miss Agnes geerbt. Wie wenig den Polizisten der Einbruch in die Villa ganz offensichtlich kümmerte, ärgerte Poppy damals maßlos. Und das konnte man ihr auch kaum vorwerfen. Schließlich behauptete de Sanges von einem richtigen Fall abgezogen worden zu sein, nur um sich ihrer geklauten Silberlöffel anzunehmen.

Die Bemerkung des Polizisten war ein echter Witz, wenn man bedachte, dass nur Ava aus einer wohlhabenden Familie stammte. Die drei Mädchen hatten sich in der vierten Klasse der Country Day School kennengelernt. Janie bekam damals ein Stipendium. Poppys Schulgeld zahlte Grandma Ingles, die selbst früher dort zur Schule gegangen war. Auch heute noch war Ava die Einzige von ihnen, die Geld besaß. Denn Miss Agnes’ Erbe umfasste weniger Bargeld als unschätzbar wertvolle Sammlerstücke und eine teure Immobilie. Jane war noch immer dabei, die Sammlung zu sichten. Und die Villa war noch weit davon entfernt, verkäuflich zu sein.

Erst viel später hatten die Freundinnen herausgefunden, dass de Sanges sich tatsächlich um den Fall gekümmert hatte. Er hatte Janes Kollegen im Metropolitan Museum befragt – vor allem Gordon Ives. Und da Gordon Ives am Ende für den Einbruch in der Villa ins Gefängnis gewandert war, war Poppy jetzt nachsichtiger mit dem Detective und konnte anerkennen, dass er gute Arbeit geleistet hatte.

„Ich würde gern die Diskussionsrunde eröffnen“, sagte Garret. „Ich weiß, dass jeder hier erstaunt darüber ist, wie jung unsere sogenannten Graffiti-Künstler sind. Nicht zuletzt darum wollen wir besprechen, ob wir sie anzeigen sollen oder nicht. Jeder, dessen Laden getagged wurde, kann das natürlich jederzeit sowieso tun. Hier geht es um keinen Mehrheitsbeschluss. Aber wir sind hier, um uns alle vernünftigen Vorschläge anzuhören, die Pros und die Kontras. Also lassen Sie uns mit der Diskussion loslegen.“

Einen Moment sagte niemand etwas, dann meldete sich Jerry Harvey zu Wort, dessen H & A am meisten betroffen war: „Ich würde gern wissen, wer die Fassade meines Ladens reinigt.“ Er hatte die Kids eines Abends beim Sprühen erwischt, als er gerade seinen schicken Einrichtungsladen schließen wollte.

Einige der Ladenbesitzer grummelten zustimmend. Der Ace-Hardware-Besitzer wollte Anzeige erstatten. Poppy holte Atem, bevor sie sich einschaltete. „Ich habe einen Vorschlag“, sagte sie. „Ich weiß, dass für mich nicht so viel vom Ergebnis dieser Diskussion abhängt wie für Sie alle. Aber ich war dabei, als Jerry die Kids geschnappt hat. Ehrlich gesagt, war ich erstaunt darüber, wie jung sie sind. Und von der Polizei wissen wir, dass sie zum ersten Mal mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind. Statt sie jetzt also dem Rechtssystem zu überlassen, würde ich Ihnen lieber eine andere Lösung vorschlagen, die sich direkt auf Ihre Frage bezieht.“

Alle betroffenen Ladenbesitzer schenkten ihr nun ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. De Sanges kniff die Augen zusammen.

„Ich denke, es könnte für alle Läden von Vorteil sein, wenn wir die Kids auf andere Weise beschäftigen“, fuhr Poppy fort. „Indem wir ihnen die Möglichkeit geben, sich auf eine Weise künstlerisch auszudrücken, die wir alle sehr viel schöner finden als diese Tags. Gleichzeitig können wir ihnen beibringen, Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen.“

„Wie soll das funktionieren?“, fragte Garret.

„Zunächst lassen wir sie die Tags mit frischer Farbe übermalen, die sie entweder selbst kaufen oder abarbeiten müssen. Sie könnten beispielsweise fegen oder andere kleinere Arbeiten in den Läden übernehmen, die sie verunstaltet haben.“

„Bis dahin gefällt mir der Vorschlag“, sagte Penny nachdenklich. „Außer dass Marlenes Laden aus Backstein ist. Was hätte sie also davon?“

„Es gibt Gels und Pasten, die Farbe von Backsteinen entfernen. Auch in dem Fall müssten die Kids für die Reinigungsmittel selbst aufkommen.“

Fast alle nickten – auch Jerry. Aber er durchbohrte sie trotzdem mit einem argwöhnischen Blick. „Und was ist das mit der Möglichkeit, sich ‚künstlerisch auszudrücken‘?“

Nun könnte alles den Bach runtergehen, das wusste Poppy. Aber nicht umsonst war sie von Eltern großgezogen worden, die sich beinahe täglich irgendwo einmischten. Ganz zu schweigen davon, dass ihre Idee eng mit ihrer eigenen Leidenschaft zusammenhing: gefährdeten Kindern Kunst nahezubringen. Noch einmal holte sie tief Luft und schenkte Jerry ihr vertrauenerweckendstes Lächeln. „Ich schlage vor, dass wir sie von der Straße holen, indem wir sie ein Wandbild auf die südliche Mauer Ihres Hauses malen lassen.“

Um Himmels willen! Jase lehnte sich in seinem Stuhl zurück und fixierte die Frau, die er insgeheim „das Babe“ nannte. Zugegebenermaßen war diese Musterung nicht gerade unangenehm, denn das ganze Paket – der schlanke Körper, die exotischen braunen Augen und die Wolke von lockigem nordisch hellem Haar – war durchaus sehenswert.

Allerdings wusste er aus Erfahrung, dass sie ein schrecklicher Quälgeist war. Und obendrein war sie auch noch eine verdammte und unbelehrbare Liberale. Als er sie bei seiner Ankunft gesehen hatte, hatte ihn fast der Schlag getroffen.

Nach der Begegnung im letzten Herbst verspürte er kein gesteigertes Bedürfnis, sich wieder mit dieser Frau anzulegen. Sie und ihre beiden reichen Freundinnen hatten ihre Beziehungen genutzt, um ihn von einem Fall abzuziehen, bei dem eine alte Dame von einem Einbrecher schwer verletzt worden war. Und das alles nur, um sich um ein paar geklaute Geschirrtücher zu kümmern.

Gut, wie sich herausgestellt hatte, war es um mehr gegangen – sogar um viel mehr.

Was alles überhaupt nichts mit der momentanen Situation zu tun hatte. Einen Moment hörte er zu, wie Calloway ihre verrückte Idee skizzierte. Ganz selbstverständlich wartete er darauf, dass jemand sie abschmettern würde. Als er jedoch sah, dass einige der Ladenbesitzer mit den Köpfen nickten, hielt er es nicht länger aus. „Das soll ein Scherz sein, richtig?“, unterbrach er Poppy.

Langsam drehte sie den Kopf in seine Richtung. „Wie bitte?“

„Das können Sie unmöglich ernst meinen. Diese Kids haben das Gesetz gebrochen. Und dafür wollen Sie sie noch belohnen?“

Ihre Augen sprühten Funken. Exakt so hatte sie ihn angesehen, als sie sich damals über den Stuhl im Salon gebeugt hatte, als er die Aussagen aufnahm. In dem Moment hatte es ernsthaft zwischen ihnen gefunkt. Aber er wollte verdammt sein, wenn er sich davon noch einmal beeindrucken ließ.

Vielleicht dachte sie etwas Ähnliches, denn sie kletterte nicht wie beim letzten Mal auf den Tisch, um ihm ins Gesicht zu springen, sondern erwiderte nur kühl: „Nein, Detective, ich scherze nicht. Ich meine es sogar verdammt ernst, um genau zu sein. Hier handelt es sich nicht um Schwerkriminelle, sondern um Jugendliche. Der Älteste ist gerade mal siebzehn.“

„Tja, die fangen heutzutage früh an“, stimmte er ihr zu.

„Sie haben doch keine Gewalttat begangen. Sie haben keine alte Dame überfallen oder jemandem am Geldautomaten eine Pistole in den Rücken gedrückt.“ Ihre Augen wurden schmal. „Oder einen wie auch immer gearteten Einbruch verübt“, fuhr sie fort.

„Sie haben keinen Einbruch verübt“, wiederholte sie und sah die anderen Anwesenden der Reihe nach an. Um ihm gleich darauf gerade in die Augen zu schauen. „Warum genau sind Sie überhaupt hier?“

Das allerdings war eine sehr gute Frage. Als Greer angeboten hatte, seinen Namen auf die Sonderkommandoliste des Bürgermeisters zu setzen, hatte Jason umgehend und fest „Sehr schmeichelhaft, aber nein danke“ entgegnet. Und dann hatte er sich wie ein Idiot von Murphy überreden lassen. Der alte Cop hatte ihn vor Jahren unter seine Fittiche genommen, bevor die de-Sanges-Gene Jasons Leben endgültig verpfuschten. Murph fand, dass zu einer steilen Karriere bei der Polizei gehörte, dass die entsprechenden Stellen wussten, wer man war. Zu einer Sondereinheit zu gehören, hielt er dabei für einen guten Schachzug. Auch wenn diese spezielle wohl eher der Werbung für die diesjährigen Wahlen und weniger der Verbrechensbekämpfung diente.

Darum also saß er hier: als lebender Beweis dafür, dass keine gute Tat jemals ungestraft blieb.

Doch er ließ sich von alledem nichts anmerken, sondern begegnete ihrem misstrauischen Blick mit seiner üblichen kühlen Direktheit. Damit verbarg er, dass er überhaupt keine Lust auf diesen ganzen Zirkus hatte. „Weil es häufig genau so anfängt. Babystraßenpunks wachsen sich zu vollwertigen Straßenpunks aus. Heute sprühen sie ihre Tags oder klauen einem anderen Schüler das Geld fürs Pausenbrot – wenn sie überhaupt in der Schule auftauchen, versteht sich.“

„Dann sollten wir das vielleicht zu einer Bedingung unseres Angebots machen. Keine Schule, keine Teilnahme an dem Kunstprojekt“, warf Poppy ein.

Clever, dachte er mit unfreiwilligem Respekt, fuhr jedoch fort, als ob sie nichts gesagt hätte: „Morgen überfallen sie dann eine alte Dame auf dem Parkplatz von Northgate.“ Er riss den Blick vom Babe los und bezog nun den ganzen Tisch in das Gespräch ein. „Oder direkt hier bei Ihnen.“

Darauf begannen die Ladenbesitzer gleichzeitig durcheinander zu reden. Lautstark diskutierten sie, welche Auswirkungen es haben könnte, wenn man knallharte Kriminelle in die Nachbarschaft ließ.

Moment mal. Er kniff die Augenbrauen zusammen. Hatte er vielleicht den Eindruck erweckt, dass diese Jungs knallharte Kriminelle waren? Himmel, de Sanges, das Babe hat zumindest in dieser Hinsicht recht. Es sind Kids, die vorher noch nie etwas angestellt haben.

Als ob sie seine Gedanken lesen könnte, rief sie in die Runde: „Es sind Jugendliche. Pubertierende Teenager ohne jeglichen kriminellen Hintergrund. Bitte bedenken Sie das.“

„Ich bedenke, was Detective de Sanges gesagt hat. Nämlich, dass alle Verbrecher so anfangen“, konterte der Besitzer von Ace Hardware.

„Ich sagte nicht alle“, protestierte Jase. „Aber ich sehe genug jugendliche Gewalttäter, um diesen Punkt zumindest anmerken zu wollen.“

„Aber ganz bestimmt sind die meisten Jugendlichen, die Sie erwischen, in einen Überfall oder etwas in der Art verwickelt“, rief Poppy.

„Das ist wahr. Die meisten – aber nicht alle – räumen eher Läden aus“, gab Jason zu.

„Hat noch jemand ein Argument dafür oder dagegen, das er gern in die Diskussion einbringen würde?“, fragte Garret.

„Ich möchte nur noch einmal betonen, dass diese Jugendlichen noch nie Probleme mit dem Gesetz hatten“, bemerkte Poppy. „Und ich sage auch nicht, dass man sie aus der Verantwortung entlassen soll. Aber wir sollten nicht daran schuld sein, dass sie eine Vorstrafe bekommen.“

„Sonst noch jemand?“, fragte Garret. Als niemand antwortete, fuhr er fort: „Hat irgendjemand vor, Anzeige zu erstatten?“

Als auch jetzt sich niemand äußerte, sagte er: „Das nehme ich als ein einstweiliges Nein.“ Er wandte sich an Poppy. „Können Sie mir einen offiziellen Vorschlag machen?“

„Ich schlage vor, dass wir den drei Jungs Verantwortungsgefühl beibringen, indem wir sie ihre Tags entfernen oder überstreichen lassen. Die Farbe oder den Farbentferner müssen sie aus der eigenen Tasche zahlen. Weiterhin schlage ich vor ...“

„Moment, ein Schritt nach dem anderen“, unterbrach Garret sie und sah sich um. „Wer unterstützt diesen Vorschlag?“

„Sie können diesen Kids nicht einfach Farbeimer und ein paar Pinsel in die Hand drücken und das Beste hoffen“, wandte Jerry sich an Poppy. „Wären Sie bereit, das Projekt zu betreuen?“

Insgeheim vermutete Jason, dass ihr Idealismus an dieser Stelle mit der Realität zusammenprallte, die in ihrem Fall aus Partys und Benefizveranstaltungen oder woraus auch immer bestand.

Gespannt setzte er sich zurück und wartete darauf, wie sie sich herausreden würde.

Doch sie nickte nur feierlich.

„Dann unterstütze ich diesen ersten Schritt“, bemerkte Jerry.

Garret sah Jason an. „Da wir Sie und Poppy eingeladen haben, um mit zu entscheiden, können auch Sie Ihre Stimme abgeben.“

Doch Jase war noch zu erstaunt darüber, dass Poppy Calloway seine Erwartungen so ganz und gar enttäuscht hatte, und enthielt sich.

Der Vorsitzende konzentrierte seine Aufmerksamkeit wieder auf die Gruppe. „Wer ist dafür?“

Poppy und sieben der elf Ladenbesitzer hoben die Hand.

„Wer ist dagegen?“

Die übrigen vier meldeten sich.

„Die Jastimmen überwiegen also.“ Garret schenkte Poppy, deren Lächeln so strahlend war, dass Jase am liebsten seine Sonnenbrille aus der Tasche gezerrt hätte, einen aufmunternden Blick. „Ich nehme an, Sie haben noch mehr zu sagen?“

„Ja. Ich schlage außerdem vor, dass wir diese Gelegenheit nutzen, um den Jungs einen konstruktiveren Weg zu zeigen, die Gebäude in ihrer Nachbarschaft zu schmücken. Einen Weg, von dem wir alle profitieren, weil am Ende ein Kunstwerk entsteht, das man gern anschaut. Gleichzeitig werden wir ihnen das Selbstbewusstsein geben, ihre kreativen Ideen in eine akzeptablere Richtung zu lenken.“

„Würden Sie auch diese Arbeit betreuen?“, vergewisserte sich Garret.

„Ja.“

„Wer ist dafür?“

Poppy und fünf Ladenbesitzer – darunter auch Jerry, dessen Gebäude die Kids bemalen sollten – hoben die Hände.

„Dagegen?“

Die sechs übrigen Ladenbesitzer hoben die Hand, woraufhin alle Augen sich auf Jase richteten.

Was zum Teufel interessierte es ihn, ob sie die Kids auch noch belohnten? Er sollte sich der Stimme enthalten, damit die Ladenbesitzer die Sache unter sich ausmachen konnten.

Nur ...

Er wusste aus persönlicher Erfahrung, welch ein Chaos entstehen konnte, wenn man die Regeln dermaßen verbog. Früher hatte er selbst Tag für Tag gegen solche Verführungen ankämpfen müssen. Jason vertrat die Ansicht, dass man Jugendlichen so früh wie möglich beibringen musste, den rechten Weg nicht zu verlassen.

Er hob die Hand.

2. KAPITEL

Na, und so löst sich mal wieder eine großartige Idee in Wohlgefallen auf.

Ich kann nicht fassen, dass ich mich zu diesem Stock auch nur eine Sekunde lang hingezogen gefühlt habe!“ Poppy schleuderte ihre große Tragetasche auf den Boden des Brouwer’s Café. Sie zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor, den Ava in der Nähe der langen Holztheke ergattert hatte, und ließ sich darauf sinken.

„Was für ein Stock?“, fragte Ava über das laute Stimmengewirr der Gäste hinweg.

„Poppy!“ Jane, die ihrer Freundin auf den Fersen gefolgt war, warf ihr einen ungläubigen Blick zu. „Du bist vor mir hier gewesen! Was ist passiert? Du bist doch nie pünktlich.“

„Sie ist sauer auf irgendeinen Stock“, informierte Ava sie. „Das muss sie motiviert haben.“

„Ja, so viel habe ich mitbekommen, als du angerufen hast.“ Jane hängte ihre Tasche über die Stuhllehne und setzte sich. Dann musterte sie Poppy eingehend. „Dass du echt genervt bist, meine ich. Was gibt’s?“

Bei dem Gedanken, was – oder besser wen – es „gab“, beschleunigte sich Poppys Herzschlag mit der Geschwindigkeit eines Düsenjets. „Ratet mal, wer mit mir in dem Komitee saß?“

Ava beugte sich vor. „Was für ein Komitee?“

„Das wegen der Jugendlichen, die ihre Tags auf die Läden geschmiert haben, für die Poppy Schilder und Tafeln beschriftet“, erklärte Jane.

„Ach so, ja. Entschuldige. Ich habe momentan so viel um die Ohren, dass ich das einen Moment lang ganz vergessen hatte. Wie ist es gelaufen? Nicht gut, wie es aussieht?“

„Nicht gut.“ Poppys unfreiwilliges Lachen klang bitter, sie verkrampfte die Finger. „Es war eine verdammt beschiss...“

Die Bedienung, die sich einen Weg durch die Happy-Hour-Trinker gebahnt hatte, kam genau in dem Moment zum Tisch, in dem sie ihrem Ärger ziemlich heftig Luft machen wollte. „Kann ich euch Ladies was bringen?“

„Ich hätte gern das Leavenworth Blind Pig Dunkelzeugs“, sagte Ava.

„Weizen“, erläuterte die Bedienung. „Dunkelweizen.“

„Ja, danke. Eins davon.“

„Ich nehme ein Fuller’s.“ Poppy atmete tief ein und wieder aus. Aber sie war noch immer so sauer, dass sie kaum von ihren Händen aufsah, die sie fest auf die Tischplatte presste. Ihre Fingerkuppen waren weiß von der Anstrengung, keine Faust zu ballen. „Und eine große Portion Pommes mit Pesto Aioli.“

„Oh. Wir essen auch?“ Ava strahlte. „Dann nehme ich den Lembeck Salat.“

„Für mich nur eine Cola Light mit Zitrone, bitte“, sagte Jane.

Da riss Ava den Kopf herum und starrte ihre Freundin an. „Das ist alles?“, fragte sie, als die Bedienung nickte und zum nächsten Tisch ging. „Bitte sag mir, dass du deinen mageren Hintern nicht auf Diät gesetzt hast.“

„Ich habe meinen mageren Hintern nicht auf Diät gesetzt“, plapperte Jane gehorsam nach. Dann grinste sie, und ihr Gesicht leuchtete vor Glück auf. „Um genau zu sein, ist heute Wurst-und-Kartoffel-Abend bei Devs Familie. Mama K. hasst es, wenn ich mich nicht bis zum Platzen vollstopfe. Also reserviere ich einfach so viel Platz wie möglich in meinem Bauch.“

Das holte Poppy endlich aus ihrer zornigen Versenkung. „Du bist bei deinen Schwiegereltern zum Abendessen eingeladen und trotzdem meinetwegen hierhergekommen?“

„Ja ... na klar. Wir sind doch eine Schwesternschaft, oder nicht?“ Jane strich sich das schimmernde braune Haar hinter die Ohren und lachte. „Davon abgesehen ist das nicht ganz und gar uneigennützig. Die Kavanaghs essen sowieso nie vor acht, und Devlin fährt mit seinem Bruder hinüber.“

„Mit welchem? Mit Bern? Wie geht es ihm?“, fragte Poppy.

Janes Mann Dev war letztes Jahr aus Europa zurückgekehrt, um im familieneigenen Unternehmen Kavanagh Construction für seinen ältesten Bruder einzuspringen, der an einer Krebserkrankung litt. Jane und Dev hatten sich beim Umbau der Wolcott-Villa kennengelernt, den Dev leitete. Sie hatten einen ziemlich wackligen Start hingelegt, darum war Poppy heilfroh, ihre Freundin jetzt so glücklich zu sehen.

„Nein, Finn. Aber Bren geht es gut. Er hat endlich die Chemo hinter sich. Sein Arzt ist sehr optimistisch, und seine Haare beginnen auch schon wieder zu wachsen.“

„Das ist ja fantastisch!“, rief Poppy.

Ava ließ ein Lächeln aufblitzen. „Ich habe ihn gestern gesehen, er hat überall Flaum auf dem Kopf. Wenn er nicht so riesig wäre, würde er wie ein frisch geschlüpftes Küken aussehen.“ Sie drückte sich vom Tisch hoch. „Ich muss kurz verschwinden.“ Sie warf Poppy einen strengen Blick zu. „Wage es ja nicht, auch nur ein einziges pikantes Detail zu verraten, bevor ich wieder zurück bin.“

„Es gibt keine pikanten Details“, murrte Poppy dem Rücken ihrer Freundin zu. Dabei wanderten ihre Gedanken wieder zu der Versammlung zurück. Sie bemerkte nicht einmal, dass sie Ava hinterhersah. Nur ganz vage registrierte sie, dass alle Männer die Köpfe nach ihrer rothaarigen Freundin umdrehten.

„Ich kann nie genug von diesem Anblick bekommen“, sagte Jane.

„Wie?“ Dann erst begriff sie und nickte. „Oh. Das. Ja, ich weiß.“

Die beiden grinsten sich an. Angestachelt von verzehrenden Rachegelüsten, weil sie als Achtzehnjährige Thema einer beschämenden Wette geworden war, hatte Ava ihre lebenslangen Essgewohnheiten radikal geändert. Zwar hatte sie sich geweigert, von einer Diät zu sprechen, und auch nicht den Fehler so vieler wohlbeleibter Frauen gemacht, sich auf den Umfang eines Zahnstochers herunterzuhungern, der gar nicht zu ihrem etwas kräftigeren Knochenbau gepasst hätte. Ava hörte auf, Gewicht zu verlieren, als sie Größe 40 erreicht hatte. In Wahrheit wäre es wohl eher Größe 42 gewesen, wenn sie in weniger teuren Boutiquen einkaufen würde – damit zogen Poppy und Jane Ava immer auf.

Doch um die wirkliche Größe ging es ja gar nicht. Ava hatte Kurven, und sie schämte sich nicht, sie zu betonen. Was zur Folge hatte, dass so ziemlich allen Männern die Zunge aus dem Mund hing, wenn sie vorbeiging.

Weil sich ein spannendes Klatschthema abgezeichnet hatte, verlor Ava keine Zeit. In weniger als fünf Minuten kehrte sie zurück und sagte bereits beim Hinsetzen: „Also, lass hören. Wer ist der Stock? Und was in aller Welt hat dich an ihm so aufgeregt? Das passt doch gar nicht zu dir.“

„Tja, für meine miese Laune kannst du dich bei Jason de Sanges bedanken“, stieß Poppy zwischen den Zähnen hervor. „Diese miese Ratte hat meinen Vorschlag ...“

„Detective Scheich?“ Janes Kopf schnellte in die Höhe. „Das ist der Typ in deinem Komitee?“

„Oh, nein, nicht mehr.“ Poppys Augen verengten sich zu Schlitzen. „Denn ihm haben wir es zu verdanken, dass ein Komitee überhaupt nicht mehr nötig ist. Er hat meinen wunderbaren Plan torpediert.“ Sie erzählte, wie er dafür gesorgt hatte, dass die drei Teenager wie hartgesottene Kriminelle dastanden.

Die Bedienung brachte die Getränke. Nach einigen Schlucken ihres British Ale spürte Poppy, wie die Verspannungen in ihrem Nacken sich langsam lockerten. Sie sollte Ava und Jane dafür danken. Denn indem sie ihr gestatteten, ihren Ärger bei ihnen abzuladen, löste sich umgehend ein Großteil davon in Luft auf. „Ich schätze, ich sollte mich davon wirklich nicht so aus der Fassung bringen lassen“, gestand sie. „Es ist ja auch nicht so, dass ich mit meiner Zeit nichts anzufangen wüsste. Zwischen meiner Arbeit mit den Schülern, den Grußkartenentwürfen und der Überlegung, was zum Teufel ich mit den Räumen anfangen soll, mit denen die Kavanaghs inzwischen fertig sind, hätte ich das Projekt sowieso kaum noch untergebracht. Es ist nur ...“

„Es war eine gute Idee“, sagte Ava.

„Eben! Keine perfekte, ich weiß, aber viel besser, als Kids beim ersten kleinen Fehlverhalten in die Fänge des Gesetzes zu werfen. Vielleicht hätte ich etwas in ihrem Leben verändern können.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht auch nicht. Aber ich hätte es zumindest gern herausgefunden. Jetzt werde ich es nie wissen.“

„Du kannst doch zumindest während der Reinigungsarbeiten ein Auge auf sie haben, oder?“, fragte Jane.

„Ja, aber wir wissen doch alle, dass sie darüber nicht besonders begeistert sein werden. Es wäre eine super Gelegenheit gewesen, an sie ranzukommen, wenn sie sich ganz offiziell mit ihren Farben hätten austoben dürfen.“

Ava runzelte die Stirn. „Weißt du was? Detective Scheich hat letzten Herbst vielleicht viel mehr getan, als wir zuerst gedacht haben – aber er ist trotzdem nur ein Cop.“

„Genau“, stimmte Jane ihr zu. „Und von jetzt an ist er für uns nur noch Detective de Sanges. Er hat es gar nicht verdient, der Scheich genannt zu werden.“

„Sag bloß.“ Poppy trank noch einen Schluck Bier und schob dann ihr Glas zur Seite, um Platz für die dampfenden Pommes frites zu machen. Sie seufzte, als sie sich einen nahm und durch den kleinen Topf mit Aioli zog. „Aber wie kann jemand, der mich auf den ersten Blick so heiß gemacht hat, in Wahrheit nur so ein kalter Fisch sein?“

Der Duft von frittiertem Fisch stieg aus dem mit Bindfaden umwickelten Papierpäckchen auf. Jase jonglierte es kunstvoll in der Hand, mit der er an die Tür ein Stockwerk unter seinem eigenen Apartment klopfte. „Murph! Bist du da? Hey, ich hab was zum Abendessen besorgt. Mach auf, bevor mir das verdammte Zeug auf den Teppich fällt.“

„Immer mit der Ruhe!“ Er hörte die schroffe Stimme. „Bin nich mehr so jung wie ich mal war, weißte.“

„Ach was“, spottete Jase, als die Tür aufging. „Kann mich nicht erinnern, dass du jemals jung warst.“

„Witzig“, sagte Murphy und nahm Jase das Sixpack St. Pauli Girl ab, das er unterm Arm trug.

„Ich versuche gar nicht, witzig zu sein. Ich kann mich wirklich nicht erinnern. Wie alt war ich, als wir uns trafen? Vierzehn? Damals dachte ich, du wärst mindestens hundert.“

„Ich war vierundfünfzig!“

„Was dasselbe ist wie hundert, wenn man vierzehn ist.“

Murphy lachte. „Ich schätze, der Punkt geht an dich.“ Er warf einen Blick auf das blauweiße Papier, in das ihr Abendessen eingewickelt war, während er zu dem kleinen Tisch in seiner fast ebenso kleinen Küche ging. „Spud’s Fish and Chips“, brummte er, während er ein paar von den langhalsigen Bierflaschen aus dem Sixpack nahm und auf den Tisch stellte. „Was ist der Anlass?“

„Dieses Scheinkomitee, zu dem du mich überredet hast, gibt es nicht mehr.“ Jason weigerte sich, wegen der Enttäuschung in Babes großen braunen Augen irgendwelche Schuldgefühle zu empfinden. „Dachte, das ist ein Grund zum Feiern.“

Nachdem Murphy die restlichen Bierflaschen in den Kühlschrank geräumt hatte, richtete er sich langsam auf und nahm Jase ins Visier seiner zwar etwas verblichenen, aber noch immer scharfen blauen Augen. „Ich weiß ja, dass du von Anfang an nicht wild auf dieses Komitee warst. Aber wie zum Teufel hast du das hingekriegt?“

„Indem ich ein bisschen Realität in dieses total weltfremde Modell gebracht habe.“ Er deutete mit dem Kopf auf das Päckchen, das er inzwischen ausgewickelt hatte. „Ich erzähl dir gleich alles, aber jetzt setz dich erst mal. Lass uns essen, bevor es kalt wird.“

Jeder von ihnen schnappte sich ein kleines Bündel Servietten und begann, mit den Fingern zu essen. Sie tunkten den panierten Fisch in kleine Plastikbehälter mit Remoulade, kratzten mit Plastiklöffeln dicke Muschelsuppe aus winzigen Pappbechern, stippten ihre Pommes in Ketchup und spülten das Ganze mit Bier hinunter.

Binnen kurzer Zeit war abgesehen von ein paar Fettflecken und einem Spritzer Knoblauchessig nichts mehr auf ihren Papptellern zu sehen. Murphy stellte sie übereinander, warf die leeren Plastikbehälter darauf, knüllte das Einschlagpapier zusammen und legte es auf den Stapel. Dann schob er seinen Stuhl zurück, tätschelte seinen Bauch und sah Jase an. „Gutes Abendessen. Danke.“

„Gern geschehen.“

„Dann erzähl mir mal von diesem weltfremden Modell.“

„Weißt du noch, wie ich dir von diesem Babe erzählt habe?“

„Sicher. Reiches Mädchen, das dich vor ein paar Monaten total heiß und sauer gemacht hat.“

„Sie hat mich überhaupt nicht ...“ Er schluckte die Lüge hinunter. „Okay, vielleicht hat sie. Aber das ist lange her.“

„Und was ist jetzt?“

„Wie sich rausstellte, war sie auch in dem Komitee. Und sie hat die anderen beinahe dazu überredet, diese Kids auch noch zu belohnen.“

„Wie das?“

„Sie wollte ihnen erlauben, eine freie Wand zu bemalen.“

„Das ist nicht dein Ernst. Die sollten ihre Schmierereien nicht entfernen, sondern einfach nur ihren Spaß haben?“

„Nun, nein. Sie hat vorgeschlagen, dass sie vorher ihren Kram mit Farbe übermalen sollen, die sie selbst bezahlen.“

Murph nickte. „Okay, gut. Das ist verantwortungsbewusst. Aber – warum dann die Zerschlagung des Komitees? Haben die Kids sich schon zu viel zuschulden kommen lassen?“

„Ah, nicht direkt.“ Jase rutschte auf seinem Stuhl herum und trank den letzten Schluck aus seiner Flasche. Denn er wusste, dass seine schöne Selbstgerechtigkeit gerade mächtig ins Wanken geriet. „Das war ihr erster Zusammenstoß mit der Polizei.“

„Moment mal, verstehe ich dich richtig? Die Kids haben noch nie vorher Probleme gemacht? Und das Babe wollte, dass sie ihre Schmierereien auf eigene Kosten entfernen? Dann wollte sie noch einen Schritt weitergehen und sie ein Wandbild malen lassen. Und weiter? Hat sie den Vorschlag einfach so auf den Tisch gebracht, damit jemand anders sich drum kümmert?“

Mist. „Nein, sie hat angeboten, das Projekt zu betreuen. Sie will helfen, dass sich in ihrem Leben was ändert.“

Der alte Mann schnaubte. „Klar. Als ob so was funktionieren könnte. Aber trotzdem, wenn sie bereit ist, die ganze Arbeit zu übernehmen, warum hat das Komitee sich dann dagegen entschieden? Es würde sie nich mal das Schwarze unter den Fingernägeln kosten.“

Mistverdammtescheiße. „Ich habe vielleicht ein bisschen mit meiner ‚Graffiti-ist-der-erste-Schritt-ins-Verbrechen’-Rede übertrieben. Könnte sein, dass ich dem einen oder anderen Angst gemacht habe.“

„Um Himmels willen, Junge.“ Murphy kratzte sich den eisengrauen Kopf. „Aber wieso?“

Mit geradem Rücken sah Jase Murph in die Augen. „Du weißt verdammt gut, wieso. Sobald man anfängt, die Regeln zu lockern, kann man ganz schön ins Schlingern geraten. Zuerst belohnt man die Kids dafür, dass sie den Leuten ihre hart erarbeiteten Läden verschandeln. Und als Nächstes erwischt man dieselben Kids dabei, wie sie eine alte Lady ausrauben, und drückt ihnen die Dienstwaffe an die Schläfe, damit sie gestehen.“

Einen Moment breitete sich Schweigen aus, während Jasons Worte in seinem Kopf widerhallten wie Kugeln, die gegen eine Stahlplatte geschossen worden waren. Er wünschte, er könnte die letzten Sekunden zurückdrehen und sich die Zunge abschneiden.

Dann sagte Murphy trocken: „Ich werde jetzt einfach mal wild spekulieren und behaupten, dass wir gar nicht mehr über ein paar Ladenbesitzer sprechen, die Babes Vorschlag abgeschmettert haben.“

Das Gesicht in den Händen vergraben, stöhnte Jase.

Er spürte raue Finger über sein Haar streichen.

„Ich würde es wirklich zu gern erleben, dass du irgendwann mal nett zu dir selbst bist und kapierst, dass du anders bist als dein Vater oder Opa oder Joe“, brummte der alte Mann.

„Das wird nicht passieren ... weil ich nicht anders bin.“ Er ließ die Hände auf den Tisch sinken, hob den Kopf und sah seinen alten Freund und Mentor an. „Ich bin ein verdammter de Sanges, was ungefähr dasselbe bedeutet wie ein trockener Alkoholiker zu sein. Ich bin nur einen kleinen Schritt davon entfernt, genauso zu werden wie alle anderen Männer in meiner Familie.“

„Das ist totaler Blödsinn, und das weißt du auch verdammt genau. Aber nein – du bist ja viel zu dickköpfig, um mal über deinen Schatten zu springen. Du hast nie irgendwelche Supermärkte überfallen. Du hast nie ungedeckte Schecks ausgefüllt oder dich betrunken in Bars geprügelt. Und vermutlich ist jetzt nicht der beste Zeitpunkt, es dir zu sagen, aber ich sag’s trotzdem. Ich habe heute einen Anruf von deinem Bruder bekommen, der nach dir sucht.“

Alles in Jase erstarrte. „Joe ist auf Bewährung draußen?“

„Sieht so aus“, nickte Murph.

„Scheiße.“ Jase lachte freudlos auf, beugte sich vor und schlug mit dem Kopf ein, zwei, drei Mal auf die Kunstholztischplatte. „Dann sollte ich wohl schnell mit ihm sprechen, wie? Denn er wird bei Gott nicht lange draußen bleiben.“

3. KAPITEL

Heiliger Strohsack, dieses „Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünschst, denn es könnte in Erfüllung gehen“ ist wirklich nicht nur ein Spruch. Gerade wenn die Dinge sich wieder beruhigen und ich endlich diesen Mann aus dem Kopf habe ... passiert das!

Sharon, möchten Sie mal einen Blick drauf werfen?“ Poppy drehte sich auf der Leiter nach der Besitzerin des Coffeeshops um.

Die Frau streckte den Kopf aus der Küche und wischte sich an der weißen Schürze das Mehl von den Händen. Sie trat in den Verkaufsraum, musterte die Tafel mit den aktualisierten Angeboten und lächelte. „Das sieht gut aus.“

„Freut mich.“ Poppy packte die Farbkreide in das Kästchen und kletterte die Leiter hinunter. Unten verstaute sie die Kreide in ihrer großen Umhängetasche und klappte die Leiter zusammen. Während sie durch die Tür sah, wie der Himmel im Osten langsam hell wurde, sagte sie: „Ich stelle die nur noch zurück in den Schrank, mache sauber und verschwinde dann.“

„Ich habe vor ungefähr zehn Minuten einen Blaubeerkuchen aus dem Ofen geholt“, sagte Sharon. „Haben Sie Zeit für ein Stück und ein Tässchen Kaffee? Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich könnte jetzt eine Pause vertragen.“

„Das wäre toll.“ Wie um seine Zustimmung zu demonstrieren, begann Poppys Magen zu knurren. Sie tätschelte ihn lachend. „Verraten Sie es nicht meiner Mutter, aber ich habe heute das Frühstück ausfallen lassen.“

Sie brachte die Leiter in den großen Werkzeugschrank neben der Hintertür und schloss sie weg. Dann wusch sie sich die Kreidefarben von den Händen und setzte sich zu Sharon an den Tisch, wo sie mehrere Tassen starken Kaffee tranken und genüsslich saftigen, noch warmen Kuchen verspeisten.

Aber viel Zeit blieb Poppy nicht. Denn sie musste an diesem Morgen noch drei weitere Tafeln zwischen Madison Park, Phiney Ridge und Ballard beschriften, bevor die Läden öffneten.

Nach dem letzten Auftrag in einem Deli in der Nähe der Market Street sah sie auf die Uhr. Am liebsten wäre sie noch bei ihren Eltern vorbeigefahren, doch die Schulen waren heute wegen eines „Lehrer-Entwicklungstages“ geschlossen, und sie hatte eine Verabredung mit einigen Jugendlichen. Sie trafen sich im Central District, oder CD, wie die Bewohner Seattles sagten, und Poppy musste vorher noch zur Villa fahren. Mit einem bedauernden Blick in Richtung ihres Elternhauses lenkte sie ihren Wagen zur Ballard Brücke.

Vor der Villa blieb sie einen Moment stehen, um das Gebäude zu betrachten.

Den angebauten Wintergarten vorn am Haus hatten die Kavanaghs so verkleinert und saniert, dass er wieder zum Stil der Villa passte. Ihre Künstlerseele begann beim Anblick der eleganten wiederhergestellten Linien aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert zu lächeln. Die Mischung aus Gehämmer, markigen Flüchen und Männerlachen, die durch das Küchenfenster drang, lockte ein weiteres Lächeln hervor.

Drinnen stelle Poppy fest, dass nur einer der vier Männer in der leergeräumten Küche tatsächlich mit einem Werkzeug herumhantierte. Dev Kavanaghs Bohrer jaulte durch die Stille, während alle sie ansahen. Poppy holte tief Luft und stieß sie theatralisch wieder aus.

„Ich liebe den Geruch von Testosteron am Morgen!“, witzelte sie.

Die schwarzen Augenbrauen bis an den Ansatz seiner Irish-Setter-roten Haare hochziehend, erwiderte Dev gedehnt: „Laut Jane wüsstest du gar nicht, was du mit Testosteron am Morgen überhaupt anfangen solltest.“

„Du bist so ein Trottel, Kavanagh. Janie würde mir niemals in den Rücken fallen – nicht einmal dir gegenüber. Und wenn ich diese ganzen Werkzeuggürtel-Aktivitäten hier sehe, schlägt mein Herz Purzelbäume. Das. Ist. So ...“ Sie klimperte mit den Wimpern. „Männlich.“

Lachend gingen die Männer zurück an die Arbeit. Poppy lief nach oben. Während sie durch die fertigen Räume spazierte, dachte sie an das Videoband, das Miss Agnes Ava, Jane und ihr ebenfalls hinterlassen hatte. Darauf hatte die alte Dame gesagt, wie sehr die drei ihr im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen seien. Und sie hatte ihnen mit ihrer Nebelhornstimme erklärt, dass sie die Villa natürlich verkaufen sollten. Vorher aber bat sie jede von ihnen darum, ihr einen letzten Wunsch zu erfüllen. Poppy hätte zu gern gewusst, was Miss A. sich dabei gedacht hatte, als sie Poppy bat, die Renovierung zu übernehmen.

Die alte Frau war immer so gut zu ihnen gewesen, sie hatte immer genau erkannt, was jede von ihnen brauchte, und dafür gesorgt, dass sie es erhielt. Jane und Ava beispielsweise hungerten geradezu nach einem Mindestmaß an Familienleben, um die ewige dramatische Selbstbezogenheit von Janies Eltern und die liebevolle Gleichgültigkeit von Avas Eltern auszugleichen. Und bei Poppy hatte Miss A. die Leidenschaft für Farben gefördert. Nicht viele Erwachsene hätten einem jungen Mädchen einen Pinsel und einen Farbeimer in die Hand gedrückt und es bei der Gestaltung der Wände frei entscheiden lassen. Die alte Dame hatte Poppy sogar erlaubt, die Vorhänge für die Fenster auszusuchen, an denen jahrzehntelang schwere lichtundurchlässige Stoffe gehangen hatten. Doch das war nichts im Vergleich zu der Aufgabe, gleich einen kompletten Umbau zu leiten.

„Oh, mein Gott.“ Mitten im Flur blieb Poppy stehen. „Das ist es.“

Sie zerrte ihr Handy aus der Handtasche. Während sie die Treppe hinunter und aus dem Haus stürmte, drückte sie auf die Schnellwähltaste. „Ich hab’s endlich kapiert“, schrie sie auf dem Weg zum Auto ins Telefon. Sie klemmte das Handy unters Kinn und stolperte fast über eine Steinplatte, die von der Wurzel einer alten Douglastanne aufgesprengt worden war.

„Ich habe Miss A.’s Bitte viel zu kompliziert interpretiert. Ich dachte, dass sie mein Talent total überschätzt hat und wollte, dass ich mich wie eine grandiose Innenarchitektin aufführe.“

„Du könntest das“, versicherte ihr Ava.

„Du bist eine wahre Freundin, und dafür liebe ich dich. Aber ich entwerfe Menütafeln und gelegentlich Grußkarten“, lachte Poppy.

„Von denen Shoebox eine genommen hat!“

Das war ein riesiger Glücksfall gewesen, den Poppy noch immer kaum fassen konnte. Seitdem musste sie sich nicht mehr jeden Monat krumm machen, um die Miete zu bezahlen. „Aber, seien wir ehrlich, ich nehme jeden noch so simplen Auftrag an, den ich an Land ziehen kann. Und ich habe mir ein paar Zuschüsse zusammengebettelt, um unterprivilegierten Schülern Lust auf Kunst zu machen. Aber ich bin keine Innenarchitektin, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.“ Sie grinste wie eine Geistesgestörte. „Aber gerade habe ich kapiert, dass Miss A. das auch gar nicht meinte. Jane hat schon im Herbst versucht, mir das klarzumachen, aber damals bin ich gleich die Palme hochgegangen, weil ich dachte, sie wollte die Vereinbarung mit den Kavanaghs abblasen.

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