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RosaSchleife

Für meine Tochter.

Du bist mein größtes Glück. Du bist wunderschön und unheimlich klug. Du besitzt viele Gaben und Talente. Du bist stark.

Trau dich auch zu weinen. Sag, wie du dich fühlst.

Schenke anderen Menschen ein Lächeln. Sei offen, aber glaub nicht Alles.

Hab ein Herz voller Liebe.

Wenn du einmal nicht weiter weißt, streiche einer Katze liebevoll übers Fell.

Gib deinem Leben einen Sinn.

Du kannst Großes vollbringen.

Dennoch, das Glück wird im Kleinen auf dich warten.

Deine Mama

„Das Gras kitzelt mich. Die Handflächen zeigen auf den Boden und fühlen die kalte, schwarze Erde, die nur oberflächlich erwärmt ist. Im Ohr das Plätschern des Springbrunnens und das Klappern von Geschirr und Besteck aus dem Nachbargarten. Die Glocken der Dorfkirche schlagen kurz an. Warum nur? Eine Beerdigung? Ein Test? Es riecht immer noch nach Sommer, obwohl wir mittlerweile den September zur Hälfte hinter uns haben. Meine Augen blinzeln bemüht in ein endloses Blau. Himmelblau. Ein lauer Wind weht und streift über meine nackte Haut. Meine Haut, die einigermaßen makellos zu seien scheint. Für diese Woche wurden wiederholt Temperaturen von bis zu dreißig Grad angekündigt. Was für ein schöner Sommer. Eine Belohnung, eine Genugtuung nach all den verregneten, letzten Sommern hier, nahe Berlin. Natürlich, die Rekordtemperaturen über diesen langen Zeitraum fordern ihren Tribut. Ernteverluste und riesige Waldbrände mit weitreichenden Folgen, gehören sicherlich nicht zu den besten Begleiterscheinungen für dieses Jahr. Eigentlich aber ein schönes Jahr. Bisher. 2018. Ich setze es in meinem persönlichen Ranking sogar vor 2016 und 2017. Denke ich. Meine Finger fahren die Unterlippe entlang und meine Gedanken hängen frei und versunken fest. Mein Blick ist starr auf die bunten Blüten im Garten gerichtet, um die sich Schmetterlinge tummeln. Die Nachbarskatze liegt neben mir. Friedlich geht alles seinen Gang. Nimmt alles seinen Lauf. Tut, was es immer tut. Gibt mir ein Gefühl von Geborgenheit. Heimat. Heimat meines Herzen. Angekommen sein. Es ist so bezaubernd schön hier, unter meiner Käseglocke. Es ist unmöglich Unfrieden zu stiften und alles bewegt sich in einem eigenen Rhythmus, fernab von Straßenlärm und Realitätsbrutalität. Ebenso ist es unmöglich in Tränen auszubrechen oder Schlechtes anzuerkennen, während ich hier sitze und mit all meinen Sinnen die Perfektion dieser Welt spüren kann.

Es ist wie ein Lied, vielleicht sogar das Lieblingslied, das im Radio läuft, während man bei Glatteis die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert und ungebremst auf den Baum einer Allee zurast. Es knallt, man verliert sein Leben. Blut und Qualm. Und aus dem Radio tönt immer noch das Lieblingslied. Die CD springt und spielt immer wieder diese eine besondere Stelle, wegen der man dieses Lied so mag. Und sie spielt und spielt grausam weiter, während die Rettungskräfte eintreffen und der Notarzt nur noch den Tod feststellt.

Tragisch. Unvorhersehbar. Aber möglich.

Das Bestehen der Welt hängt nie von einem Leben ab. Das Bestehen einer Welt hingegen schon. Nämlich der Welt meiner Tochter. Der meiner Familie. Und auch in der Welt der Menschen, die mir nahe sind, würde es wohl mindestens ein Erdbeben geben. Oder Stille. So ist es. Die Grausamkeiten, die Tragödien. Das Leben an sich. Es endet. Immer. Mit dem Tod. Für jeden Einzelnen von uns. Fair ist es nicht. Und wir müssen es annehmen.“

“Ich hoffe nicht auf ein Wunder.“

18. September 2018

Die Tasten ihres Laptops klickten. Julie saß im Garten. Es war der Tag, nach der Diagnose. Und immer noch unwirklich, gestand sie sich fassungslos.

Freitagnacht, vor knapp einer Woche, nach einem langen Arbeitstag, lag Julie auf dem Rücken im Bett. Sie starrte an die Decke und fühlte sich ausgebrannt. Die Arbeitstage waren länger als gewohnt und der kürzlich erlangte Erholungseffekt des Urlaubs, dem sie solang entgegengesehnt hatte, schon wieder völlig verpufft. Sie atmete tief ein und dachte an das was sie glücklich machte. An ihre Tochter Mia. An die Pferde.

Und obwohl der Job, den sie ausübte, keinerlei Herausforderung für sie darstellte oder überhaupt ihrer Qualifikation entsprach, versuchte sie ihren Frieden damit zu machen. Schon fast zwei Jahre lang.

Sie wollte sich motivieren. Immerhin hatte sie so die Möglichkeit, ihre Aufmerksamkeit für Herzensangelegenheiten zu nutzen. Die Arbeit mit den Pferden.

Das war es, was sie, solange sie denken konnte, eigentlich tun wollte.

Sie holte noch einmal tief Luft und streckte sich. Dann rollte sie sich zur Seite, um endlich schlafen zu können. Ihr Oberarm streifte mit der Innenseite über ihre Brust und ließ sie etwas Hartes spüren. Etwas, das dort nicht hart hätte sein sollen.

In Bruchteilen von Sekunden schoss ihr die Panik in den Körper. Der Speichel drückte sich dünnflüssig in ihren Mund. Der Puls raste und ihre Schläfen bebten. Ihr Pulsschlag war in jeder Faser ihres Körpers spürbar. Vorsichtig legte sie die linkte Hand auf ihre rechte Brust und fühlte nach. Ein Ei. Ziemlich mittig über ihrer Brustwarze lag ein kleines Ei unter ihrer Haut. Sie tastete etwas genauer hin und nahm die rechte Hand dazu. Befühlte dann die ganze Brust.

Es war eindeutig und anders. Fremdartig.

Sie versuchte sich zu beruhigen. Sätze wie „Bestimmt vom Brustmuskel.“ oder „Einfach eine entzündete Milchdrüse, falls das Möglich ist.“ sprach sie wie ein Mantra vor sich her. „Montag rufst du sofort bei deiner Gynäkologin an!“, befahl sie sich selbst.

Sie machte sich Mut und dachte daran, dass sie schon öfter wegen Zysten in der Brust beim Arzt war und es immer harmlos ausgegangen ist.

Nach einer kurzen Nacht gab der Wecker erbarmungslose Geräusche von sich und zwang sie zurück in den Alltag. Frühschicht.

Ihre Augen öffneten sich langsam und sofort war er wieder da. Dieser Gedanke. Schnell fasste sie an ihre Brust und enttäuscht ließ sie die Hand wieder sinken. Es war Wirklichkeit. Es war real. Kein Traum. Er ist da, dieser Knoten. Zerknittert quälte sie sich aus dem Bett und stieg unter die Dusche. Das Gedankenkarussell drehte sich fleißig mit.

Die Sache mit der Tür und dem Fenster.

08. September 2018

„Man muss die Feste feiern, wie sie fallen, solange man noch was zu feiern hat.“ sagte Julie. Es war Samstagabend und sie hatte sich mit einer Freundin zum Stadtfest verabredet. Julie freute sich darauf durch die Kneipen zu ziehen und die Detailverliebtheit der nahegelegenen Kleinstadt zu erleben. Seit der Trennung von Justus hatte Julie den gemeinsamen Freundeskreis etwas vernachlässigt und hoffte nun darauf, einige bekannte Gesichter wieder zu sehen.

Gegen fünf Uhr morgens fiel sie schließlich sturzbetrunken in ihr Bett. Sie war glücklich. In ihrem Kopf ging sie den Abend noch einmal durch.

So viele Menschen, die sie gern hatte, begleiteten sie durch den Abend. Die Stimmung war ausgelassen. Sie lachte, führte Gespräche und lernte neue Leute kennen. Julie war schön. Im Nachtlicht der Kleinstadt sogar noch ein bisschen schöner. Justus musste ein Vollidiot sein, sagten ihr die Leute. „Wie konnte er sich von dir trennen?“, wurde sie gefragt. „Du bist wunderschön und klug.“ Julies Augen wurden groß. Und auch wenn es nicht das erste Mal war, das sie solche Sätze hörte, kam es ihr dennoch komisch vor. Immer.

Ja, sie hatte auch ihre Probleme damit vollends zu verstehen, warum Justus kein Leben mit ihr wollte. Warum er Familienidylle gegen das Leben in einer WG eintauschte. Mit Fußball, Alkohol und Fernsehen in HD verbrachte er nun seine Freizeit. Das alte Chippendalesofa, welches er aus der gemeinsamen Wohnung mitgenommen hatte, passte nicht zu der selbstgebauten Bar aus Europaletten und dem Poster mit nackten Frauen hinter der Eingangstür seiner neuen Wohnung. Immerhin war er mittlerweile dreißig. Und nun wohnte er mit einem Anfang zwanzigjährigen in einer WG, der einen Kühlschrank im Wohnzimmer hatte. Sie dachte an das Gespräch, als Justus und sein Mitbewohner darüber sprachen, sich von dem Geld für einen Trockner, den Justus Vater sponsern wollte, lieber eine Zapfanlage zu kaufen. Sie schüttelte den Gedanken ab und wandte sich anschließend wieder ihrem Gesprächspartner, einem alten Bekannten, zu.

Mittlerweile saßen sie in einer kleinen Eckkneipe. Auf nackten Holzbänken und mit einer Lampe direkt über dem Tisch.

Zigarettenrauch hing in der Luft.

„Weißt du“ sagte sie „es ist nicht so, dass die Liebe nicht da war. Wir haben uns immer gut verstanden. Gut funktioniert als Team. Aber wenn die Perspektive fehlt?“ Ihr Gesprächspartner sah sie verwundert an. „Naja“ sprach sie dann weiter „ich wollte mit Themen wie zweites Kind, Haus und Hochzeit noch nicht abschließen. Also nicht alles auf einmal.“ lächelte Julie. „Aber nach fast fünf Jahren Beziehung, hätte ich mir einen nächsten Schritt gewünscht. Ich meine, ich bin Anfang dreißig. Ich möchte einfach mehr vom Leben, als zwei Mal im Jahr in den Urlaub zu fahren, Dienst nach Vorschrift zu machen und Sonntag Tatort zu schauen.“

„Aber wenn er kein Haus, keine Kinder will, was will er denn dann?“ fragte ihr Gegenüber.

Julie nahm ein Schluck von ihrem Gin Tonic und zog die Achseln zu den Ohren.

„Ich weiß es nicht. Und er vermutlich auch nicht. Es ist sehr schade um die Zeit. Um all die schönen und perfekten Momente. Möglichkeiten hätte es viele gegeben. Aber ich würde ihn zu nichts zwingen, dass er nicht will. Es ist sein Leben und jeder sollte das Recht haben alle Entscheidungen frei zu treffen. Ich habe etwas gegen Frauen, die Männern Kinder gebären, nur um sie an sich zu binden. Gegen Halbwahrheiten und Manipulation. Ich glaube an Aufrichtigkeit und würde auch gern aus freiem Willen gefragt werden, ob ich jemanden heirate.“ Dann wurde Julies Stimme wieder etwas trauriger. „ Also mussten wir wohl eine Entscheidung treffen. Und er hat sich dagegen entschieden. Es ist ok. Und ich verstehe ihn.“

Von Gegenüber erklang eine ruhige Antwort: „Also ich finde, du hast damit etwas getan, was vermutlich nicht viele Menschen getan hätten. Du warst fair. Und auch wenn es nicht das Leben ist, welches er wollte, kann er froh sein, dass du dich so verhalten hast. Ich hoffe sehr für ihn, dass er diese Entscheidung nie bereut.“

Julie war verdutzt über diese Aussage. So hatte sie es noch nie gesehen. Sie versuchte es gewohnt runterzuspielen, dennoch gingen ihr diese Worte immer wieder durch den Kopf. Sie sah sich selbst in einem anderen Licht. Mit all ihren Macken und Gespenstern, die auch Justus aushalten musste. Dann bestellte sie noch einen Gin Tonic.

Justus

Sie dachte noch häufig an ihn. An den sportlichen, witzigen und unbeschwerten Typ mit Basecap und Bart. Und daran, ob die Entscheidung, ihre Beziehung zu beenden, richtig gewesen ist. Sie fragte sich, ob sie Demut hätte walten lassen sollen und sie sich einfach mit dem zufrieden hätte geben sollen, was gewesen ist. Aber wie lange hätte sie es aufrechterhalten können? Julie war nicht so gestrickt. Sie war nicht der Typ Frau dafür. Sie sagte immer, was sie dachte. Mal hart und geradeheraus und mal höflich und hübsch verpackt. Und wenn ihr Mund nicht sprach, dann ihr Gesicht. Niemals hätte sie es geschafft, für den Rest eines gemeinsamen Lebens die Situation ihres Zusammenlebens so weiterzuführen.

Justus konnte mit Veränderungen eher schlecht umgehen. Er brauchte ein festes Gerüst an Alltäglichkeiten, um sich sicher zu bewegen. Das nötige Adrenalin, um sich nicht zu langweilen beschaffte er sich beim Sport, im Stadion oder auf Kneipentouren mit Freunden. Und während diese Geschichten oft legendär waren, war die Beziehung zu Julie eher durchschnittlich.

Julie wollte mehr. Sie hatte ihre eigene, zum Teil sehr detailgetreue, Vorstellung vom Leben. Die Pferde hinterm Haus. Die Kinder spielen im Garten. Sie hätte sich vorstellen können, mit Justus Kinder zu haben. Zu Mia war er großartig. Mia hatte ihn über die Jahre voll als Vaterfigur akzeptiert, ohne zu ihm „Papa“ zu sagen.

Justus hingegen machte sich kein Bild.

Er fand, sie lebten gut. Er verstand nichts von Julies Träumen. Und wollte es auch nicht. Für ihn gab es keinen Anlass, etwas an der bestehenden Situation zu verändern.

Julie sah sich wie so oft am Esstisch sitzend. Als Inhaberin zweier Rollen. Der eigenen, in der sie versuchte ihren Standpunt, Wünsche und Träume, inklusive Plan und Strategie an Justus zu verkaufen. Und der Rolle der Moderatorin oder der Therapeutin. Justus indifferente Haltung zum Leben machte Julie wütend. Sie wollte das weder für sich noch für Mia und machte sich klar, dass all die Liebe an dieser Stelle auf keinen fruchtbaren Boden fallen würde. Sie waren einfach in unterschiedlichen Welten unterwegs.

Unverhofft

09. September 2018

Ihr Handy gab ein rhythmisches Summen von sich. Neue Nachricht von Christian. Ihr Herz machte einen kleinen Sprung.

Im Urlaub hatten sie sich kennengelernt. Ganz unverhofft und fast ein bisschen romantisch.

Mitte August war Julie mit ihrer Tochter Mia und ihrer Mutter Ruth in die Ferienwohnung von Ruths Freunden ans Meer gefahren. Sie freute sich sehr auf eine Auszeit und darauf, endlich auszuschlafen. Nach drei entspannten Tagen geriet Julie allerdings mit ihrer Mutter aneinander. Es ging um Mia.

Julie machte ihrem Ärger nach dem Abendessen Luft. Mia war bereits im Bett. Ruth fühlte sich unverstanden und ihrer Mühen rund um die Organisation des Urlaubs nicht gewürdigt. Die beiden Frauen diskutierten auf Augenhöhe aneinander vorbei.

Obwohl sie Mutter und Tochter waren, hätten sie unterschiedlicher nicht sein können.

Wie so oft, kamen sie zu keinem vernünftigen Ergebnis, wussten aber beide, dass am nächsten Tag alles wieder gut sein würde. Dennoch beschloss Julie am Tag darauf, nur allein mit Mia zum Strand zu fahren. Sie liehen sich zwei Fahrräder aus einem Verleih und legten die fünf Kilometer zum Strand in bester Laune zurück. Endlich angekommen, breiteten die beiden ihre Decke aus und genossen das Mittelmeerfeeling an der Ostseeküste. Julie dachte darüber nach, wie oft Mia in ihrem Leben zurückstecken musste. Mit knappen zehn Monaten brachte Julie Mia bereits zur Tagesmutter. Da konnte Mia gerade mal richtig sitzen. Während der gesamten Kindergartenzeit ging Julie mehr als Vollzeit arbeiten und hielt sich nach der Trennung von Mias Vater mit diversen Zweitjobs über Wasser.

Nun wurde ihr klar, dass es an der Zeit war, etwas daran zu verändern. Sonst wäre Mia eines Tages einfach groß.

Am frühen Nachmittag ging Julie gemeinsam mit Mia die Strandpromenade entlang. Beide verhandelten über das Mittagessen. Schließlich bestellten sie Pizza und setzten sich in den Außenbereich eines Bistros, als ein Mann mit Hund vorbeikam.

Der kleine wuselige Hund sprang Mia von der Seite an und erfreute sich an ein paar Streicheleinheiten. Der Mann zog an der Leine und lächelte verlegen. Er versuchte seinen Hund zu beruhigen und ihn zum Gehorsam zu rufen. Vergebens. Julie war amüsiert. Sie bat den gutaussehenden Mann einfach mit an den Tisch. Und da sich der Hund nicht von ihrer Tochter und Mia sich nicht von dem Hund lösen wollte, verbrachten die vier den Nachmittag gemeinsam am Strand.

Christian. Er wirkte sehr bei sich. Ruhig. Dafür hatte er Mühe seine kleine Hündin Pepper im Zaum zu halten. Er unterhielt sich gern mit Julie. Er empfand sie als anders, als die Frauen, die er bisher kannte. Ihre langen, blonden Haare waren zu einem Zopf gebunden und sie trug eine große Brille. Er vermutete, dass sie Lehrerin war. Vielleicht machte sie aber auch etwas im medizinischen Bereich. Er wusste nicht so recht, was er sagen sollte und so war er dankbar über ihre kommunikative Art. Und auch wenn sie vielleicht fast ein bisschen zu viel redete, mochte er es, wie sie sich ausdrückt. Gewählt und gebildet und dennoch frech und frisch. Er mochte ihr Lachen, die Form ihres Mundes, wenn sie lachte. Irgendwann blickte Julie auf ihre Füße. Krebsrot. Vergessen einzucremen. Sie fragte sich, ob wirklich jemand daran denkt, seine Füße einzucremen?! Sie stand auf und der Sand scheuerte auf der gereizten Haut. Gemeinsam mit Christian und Pepper schlenderte sie in Richtung Strandpromenade um Getränkenachschub für sich und Mia zu besorgen. Christian wollte zurück zum Hotel. Die zwei stellten schnell fest, dass sie kaum eine Autostunde auseinander wohnten und beschlossen, nach dem Austausch der Telefonnummern, sich wieder zu treffen, in Berlin. Drei Wochen und einige Dates später schrieb Christian an Julie: „Na hübsche Frau, wie geht es Ihnen?“

„Hey…. Na. Ja soweit alles ok. Arbeit nervt. Ich bin etwas beunruhigt …. Habe gestern Abend einen Knoten in meiner Brust ertastet … muss übermorgen erstmal bei der Ärztin anrufen. Und bei dir so?“

Noch während Julie die Nachricht versendete, fragte sie sich, ob sie so offen zu Christian sein sollte. Er gab ihr aber von Anfang an ein vertrautes Gefühl. Dann plagten sie dennoch die Gewissensbisse. Eigentlich ist es ja auch etwas unfair, jemanden in Sorge zu stürzen, dachte sie. Abschließend hielt sie die Distanz und das kurze Kennen aber schließlich für gut. Besser als wenn sie es gleich ihrer Mutter oder ihrer besten Freundin erzählt hätte. Die könnten vermutlich dann gar nicht mehr schlafen vor Sorge, dachte sie.

„Oha, mach das mal!“

„Bei mir ist es heute ganz entspannt.“

„Wann sehen wir uns wieder? Das letzte Mal ist schon zwei Tage her ;-)?!“

„Na klar, ruhig bleiben. Alles wird gut.“

„Ich weiß nicht, was hältst du von Donnerstag? Da ist Mia bei ihrem Vater.“

„Klingt gut. Ich schaue, dass ich meine Termine ein bisschen umlege, dann passt das. Komm ich zu dir?“

„Gern.“

Läuft!

11. September 2018

Wie vorgenommen und mit viel Zuversicht vereinbarte Julie einen Termin bei ihrer Gynäkologin. Auf Julies Drängen gab man ihr einen Untersuchungstermin für den Folgetag.

An der Anmeldung musste Julie schmunzeln.

„Wann war der erste Tag Ihrer letzten Periode?“ fragte die Schwester standardmäßig.

„Heute“ sagte Julie, „läuft quasi aus.“ Und noch während die Worte ihren Mund verließen, hätte sie sich am liebsten auf die Lippe gebissen, dann musste sie doch lachen. Leider lachte niemand mit ihr. Ist mein Humor eigentlich wirklich so speziell, fragte sie sich. Lustig ist es doch vor allem, wenn man selber lacht, oder? Dann beschloss sie, dass es ihr eigentlich egal sein sollte und verzog sich mit einem Grinsen im Gesicht ins Wartezimmer.

Das Zimmer war klein. Acht Stühle wurden bereichert durch einen kleinen Beistelltisch mit Broschüren und Infoblättern, einer Garderobe und einem Radio. Die Wände waren in einem warmen Gelborangeton gestrichen und in einer Ecke des Raumes standen Aufsteller mit unzähligen Bildern von Babys mit dazugehöriger Danksagung an die Praxis. Sie konnte sich vorstellen, noch ein Kind zu bekommen. Irgendwann. Nun wollte sie aber erst einmal ihr Leben neu aufstellen. Mit Mia. Mit den Pferden. Endlich Prioritäten setzen. Finanziell unabhängig und mit der Worklifebalance zufrieden sein. All die Karriereambitionen haben unterm Strich wenig genützt, so fand sie. Natürlich hätte sie weiterhin einen Job im Management machen können oder sie wäre einfach den Auftragsanfragen als Kommunikations- und Vertriebstrainerin nachgekommen. Aber der Preis dafür war hoch. Angemessen viel Geld zu verdienen war immer gekoppelt an familiärer Abwesenheit. Keine Zeit für Mia. Keine Zeit, um gemeinsam Hausaufgaben zu machen. Zu kaputt von der Arbeit, um am Abend zu kochen und den Haushalt zu organisieren. Und wenn Julie an manchen Tagen lange arbeitete, musste Mia sich mit einem Gutenachtkuss am späten Abend zufrieden geben. Als Dozentin oder Trainerin war Julie sogar in Hotels untergebracht und meistens mehrere Autostunden weit weg von ihrem geliebten Zuhause. Weshalb Mia dann auf Abendrituale mit ihrer Mutter verzichten musste. In dieser Zeit nahm Justus sich dieser Aufgabe an.

Jetzt hatte Julie sich gefangen. Die längst überfällige Trennung von Justus überstanden. Sich gegen die alten, neue Gewohnheiten zugelegt. Sie fühlte sich bereit. Bereit für einen neuen Lebensabschnitt. Zu keinem anderen Zeitpunkt in ihrem Leben war sie mehr bei sich. Erwartungsvoll und motiviert durch die vielen schönen Momente dieses Sommers, malte sie sich ihre Zukunft aus.

Sie dachte zurück an den Urlaub mit Mia und Ruth. Sie dachte an Christian und nahm sich fest vor, die Beziehung zu ihm langsam angehen zu lassen.

Sie erinnerte sich, wie dieser Sommer begann. Im Frühjahr, schon ziemlich warm. Am Abend saß sie bei Vero, Veit und ihren Nachbarn auf dem Hof. Es war immer so gesellig dort. Sie tranken Wein und unterhielten sich über Musik. Die Cubebox gab dann die Wunschliste aller Lieder wieder und es wurde mitgesungen und mitgetanzt. Im Garten brannte ein Lagerfeuer und das noch kurze Gras war von Tau überzogen. Julie zog ihre Schuhe aus und tanzte barfuß über den nassen Teppich aus energiegeladenen Halmen. Sie liebte es. Ihr Leben. Barfuß zu tanzen. Lagerfeuer. Den Himmel voller Sterne. Sie liebte Vero. Vor allem dafür, dass sie diese Momente mit ihr teilte. Sie liebte den Ort an dem sie wohnte, ihr Dorf, ihre Käseglocke. Sie atmete tief ein und aus und war dankbar für diesen Moment.

Nach eineinhalb Stunden Wartezeit wurde sie schließlich aus ihren Gedanken gerissen und endlich aufgerufen. Julie ging mit festen Schritten durch die Tür der Kabine 1. Sie straffte ihre Schultern und machte sich bewusst, weshalb sie gekommen war. Sie biss die Zähne aufeinander und fokussierte einen imaginären Punkt an der Tür zum Behandlungszimmer. Automatisch verengten sich ihre Augen. Mit der absoluten Entschlossenheit jedem Untersuchungsresultat tapfer gegenüber zutreten, öffnete sie die Tür.

Ihre Ärztin war super. Eine sehr taffe Frau, vielleicht acht Jahre älter als sie. Nach allen routinemäßigen Untersuchungen, sollte sie sich oberkörperfrei auf die Liege legen, um die Brust im Ultraschall zu untersuchen. Als die Ärztin an die Liege trat, machte sie einen besorgten Gesichtsausdruck. „Ich sehe es schon. Aber wir schauen uns das mal genauer an.“

12. September 2018

„Sie verstehen mich nicht!“ brüllte Julies Gynäkologin in den Telefonhörer, als Sie mit dem Brustzentrum sprach. „Ich will, dass sofort eine Stanze gemacht wird. Wenn ich etwas Anderes gewollt hätte, hätte ich etwas Anderes aufgeschrieben!“ Sie knallte den Hörer auf den Telefonapparat. „Also morgen sieben Uhr!“ ordnete sie Julie an. „Nüchtern! Die Oberärztin aus dem Brustzentrum wird Sie anschauen. Möglicherweise müssen Sie dann doch erst zur Mammographie, aber vielleicht macht Sie auch gleich die Stanzbiopsie. Das wird sie vor Ort entscheiden.“

„Vielen Dank Frau Doktor.“ bedankte sich Julie aufrichtig und verließ die Praxis. Alles kam ihr vor, wie ein Film. So unreal.

Jetzt wäre es wohl an der Zeit, meine Mutter zu informieren, dachte sie und machte sich auf den Weg nach Hause. Sie wollte Ruhe bewahren. Erstmal Gedanken ordnen. Ihrer Chefin Bescheid geben.

Ruth

Julies Mutter lebte in direkter Nachbarschaft zu ihrer Tochter. Ruth war Pädagogin und das mit Leib und Seele. In ihrem Leben gab es nie einen anderen Berufswunsch und sie hat auch nie etwas anderes getan. Sie sah es als ihre Berufung an und setzte sich auch fortlaufend für beispielsweise den Kinderschutz ein. Julie bewunderte ihre Mutter dafür.

Die Nachricht von Julies Erkrankung traf Ruth mit voller Wucht. Mutig stand sie der Situation gegenüber und kategorisch ging sie die nächsten Schritte durch. Biopsie, Mammographie, Gespräch bei der Krankenkasse, usw.

Sie kannte den Verlauf, wusste um die notwendige Organisation, war bereit, ihre Tochter zu unterstützen und auf diesem schweren Weg zu begleiten.

All die alten Erinnerungen, der Schmerz, den sie damals selber fühlte, die Angst, waren sofort wieder präsent. Vor neunzehn Jahren, fast auf den Tag genau, bekam auch Ruth die Diagnose Brutkrebs. Sie hatte gekämpft und ihn überlebt. Sie lebte. Immer noch. Und das wollte sie auch für ihre Tochter.

Die Gefühle rauschten durch Ruths Körper, als Julie ihr die Nachricht überbrachte. Nach einem kurzen Moment der Ungläubigkeit fing sie sich wieder und umarmte ihre Tochter. Sie machte ihr Mut. Erstmal die Biopsie abwarten. Noch gibt es keinen eindeutigen Befund, sprach sie ihrer Tochter aufmunternd zu.

Julie nickte stumm. Sie teilte die Ansicht ihrer Mutter.

Ruth lebte allein. Und so war sie auch allein mit ihren Gedanken, als Julie ihre Wohnung wieder verlassen hatte.

Sie wurde auf einmal mit tief sitzenden und unverarbeiteten Emotionen überschüttet. Sie fühlte sich schwach.

Sie wünschte sich ein anderes Leben für ihre Tochter.

Und auch ihr eigenes hatte sie sich immer anders ausgemalt.

Seite an Seite alt werden, mit dem Mann den sie seit ihrer Jugend liebte. Mit dem Vater von Julie, Caroline und Max. Sie litt auch nach Jahren der Scheidung noch stark darunter, dass sich dieser Wunsch nie erfüllen würde.

Stefan war ein Querdenker. Ein Querulant für manch einen. Ruth hatte sich mit sechszehn hoffnungslos in den gutaussehenden, großen Mann mit den roten Haaren verliebt. Mit achtzehn wurde sie schwanger. Als Julie drei Jahre alt und Caroline frisch geboren war, kauften Ruth und Stefan ein abbruchreifes Haus am Rande der Stadt in der sie damals lebten. Stefan war handwerklich unheimlich begabt und beide hatten viel Unterstützung von ihren Familien. Dennoch glich auch ihr Leben damals eher einem Drahtseilakt zwischen Haussanierung, Umbau und Erweiterung, der Erziehung und Fürsorge für die Kinder und der Ausübung ihrer eigenen Interessen als junge Erwachsene, sowie als Ehepaar. Sie arbeiteten ständig, um die finanziellen Belastungen bewältigen zu können. Sie träumten von einem Leben in einem fertiggestellten Haus. Stefan sah sich malend auf der Veranda und Ruth wollte für ihre Enkelkinder da sein. Nun, so viele Jahre später war nichts mehr davon übrig. Die Häuser waren verkauft, die Kinder groß. Mehrere tausend Euro wurden an die Scheidungsanwälte gezahlt. So wohnten sie, jeder für sich, in einer kleinen Mietwohnung.

Die Götter wissen, was sie tun.

13. September 2018

Es herrschte Stille. Julie konnte das monotone Motorengeräusch des Mercedes völlig ausblenden. Dann lag die Abfahrt vor ihnen. Bis zum Krankenhaus war es nun nicht mehr weit. Julies Mutter Ruth brach das Schweigen. „Erinnerst du dich noch daran? Wie war das damals für euch? Hat Papa mit euch darüber gesprochen?“ fragte Ruth.

Julie sah sie fragend an. „Weißt du, ehrlich gesagt erinnere ich mich wenig. Ich habe einzelne Situationen im Kopf und die Bilder, die im Album kleben. Aber so richtig?!“

Ruth schwieg und schaute weiter auf die Straße. Julie wandte ihren Kopf von ihr ab und sagte: „Es war eine krasse Zeit damals.

Als ich so alt war, wie Mia jetzt, kam Max auf die Welt. Als ich zwölf war, hattest du Brustkrebs, als ich fast vierzehn war starb Oma an Lungenkrebs und danach sind wir umgezogen. Zwischendurch bin ich einfach irgendwie erwachsen geworden. Da hatte ich zum ersten Mal meine Tage, war die Sommerferien über wenig zuhause und habe mir auf der Reeperbahn in Hamburg die Nase piercen lassen.“

Ruth lächelte müde. „Ja.“ sagte sie. „Es tut mir alles so leid. Ich wünschte, ich hätte mehr für euch da sein können. Aber ich war froh, dass ihr es für mich gewesen seid. Ohne euch hätte ich das alles nicht geschafft. Es tut mir wirklich leid, Julie.“

Julie lächelte sie an. „Alles wird gut, Mama. Die Götter wissen, was sie tun.“

Die junge, blonde Stationsärztin, die eine witzige Art an sich hatte, klärte Julie vor der Untersuchung auf. Die Stimmung war locker, das war gut, empfand Julie. Als wenig später die zart wirkende, dunkelhaarige Oberärztin hinzukam, schallte diese erst einmal Julies Brust. „Dass es nicht gut aussieht, hat Ihnen die Gynäkologin bestimmt schon gesagt, oder?“ „Ja, natürlich.“ antwortete Julie. Die junge Stationsärztin tätschelte derweil Julies Knie und lächelte. „Also wir machen gleich eine Biopsie.“ sprach die Oberärztin straff weiter. „Die Kollegin hat Sie ja bereits aufgeklärt und umso schneller wissen wir, was Sache ist. Ich möchte, dass Sie am Montag zur Auswertung kommen. Dann besprechen wir den Befund und sehen wie es weitergeht.“

Die Untersuchung war durchaus unangenehm. Eine Spritze sollte die Brust betäuben. Julie spürte allerdings schnell, dass die Wirkung vorzeitig nachließ und konnte den Druck, der durch das Herausstanzen von Gewebe in ihrer Brust entstand, ab der zweiten Probenentnahme deutlich spüren. Es folgte ein Brennen. Sie lag etwas schräg auf dem Rücken.

Als Julie sich aufsetzen durfte, schossen ihr die Tränen in die Augen. Die Anspannung löste sich und sie war froh, diese Untersuchung hinter sich zu haben. Ohne, dass sie verstand, was geschah, wurde ihr klar, dass ihr Leben ab dem kommenden Montagnachmittag nicht mehr das Gleiche sein würde. Egal, wie der Befund ausfiel.

Bei Regen verließen Ruth und Julie das Krankenhaus.

„Nicht, dass wir jetzt alle zwanzig Jahre hier sitzen.“ sagte Ruth mit gerunzelter Stirn.

„Weißt du Mama, Vero sagt immer, es regnet auf jeden Fall, die Frage ist nur, welche Farbe der Schirm hat.“ Julie grinste.

Familie ist Alles

17. September 2018

Es war Montag. Julie saß erneut in dem blauen Sessel auf dem Krankenhausflur. Ruth saß neben ihr. Eine Schwester steckte den Kopf aus der Tür und sah sich nach Julie um. „Frau Richter? Frau Doktor musste in den OP.“ sagte sie. „Sie wird erst in einer Stunde wieder auf der Station sein. Gehen Sie doch solang in die Cafeteria.“

Julie lehnte sich in den Sessel zurück. Ihre Anspannung schlug deutlich auf ihren Magen, sodass sie kein Frühstück zu sich nehmen konnte. Mittlerweile war es nach 13.00 Uhr und sie fühlte sich unterzuckert, schlapp und wie betäubt. Also raffte sie sich auf und folgte Ruth auf die Außenterrasse des Krankenhausbistros. Es war herrlicher Sonnenschein.

Wieder zurück auf der Station, nahm Julie wiederholt im blauen Sessel Platz.

Kurz darauf wurde sie von der Oberärztin aufgerufen. Wieder ins gleiche Zimmer, wie vor einer Woche.

Ehemals Zimmer 13, dachte Julie zurück. Vor fast zwanzig Jahren, bevor diese Station zum Brustzentrum umgebaut wurde. Dort lag Ruth. Damals. Julie war ungefähr zwölf. Sie versuchte sich zu erinnern.

Sie sah ihre Mutter. Schwach. Im Bett liegend. In der gestreiften, leicht gelblichen Krankenhausbettwäsche. Ruth war damals sehr froh, ihre Kinder zu sehen.

Julie hatte auch zu diesem Zeitpunkt schon nicht viel übrig für Krankenhäuser und bewegte sich in einer Art Schockstarre durch die Flure. Zu sehr zog es ihr die Energie aus dem Körper. Alle ihre Sinne nahmen diese Räume wahr. Gruselig. Dem Tod so nah.

„Also, Zimmer 13.“ Ruth sagte es, als wäre es ein gutes Zeichen. Julie erahnte ihr Schicksal. Sie hoffte inständig, sie würde sich täuschen. Sie war stark, gefasst und aufgeräumt. Zumindest ein Teil von ihr. Sie konnte ihre Stärke spüren. Und hegte keinen Gedanken daran zu sterben, als die zierliche Frau Dr. Oberärztin ihr ohne Umschweife den Befund mitteilte.

Die Oberärztin war bemüht, die Situation richtig einzuschätzen. So fragte sie vorsichtig: „Sie haben damit gerechnet, oder?“

Julie ließ die Frage auf sich wirken.

Wie sollte sie antworten? Die Götter wissen was sie tun? Ich habe meine Katze gefragt? Nur in dieser Variante macht alles einen Sinn? Was sollte sie sagen?

„Die Antwort kennen wir, jeder einzelne von uns weiß um sein Schicksal. Aber wir schauen nicht hin und hören nicht zu. Ertränken uns im Konsum und üben uns in Vergessenheit. Wir streuen Glitzer drauf und legen einen Filter darüber, um es leichter zu ertragen und schöner aussehen zu lassen.“ … diese Worte sagte sie jedoch nicht laut.

„Wissen Sie?“ sprach Julie stattdessen, „Ehrlich gesagt habe ich mir nicht viele Gedanken gemacht. Ich wollte das Ergebnis abwarten. Alles andere wäre Energieverschwendung.“

Die Oberärztin machte große Augen. Mit dieser Reaktion hatte sie scheinbar nicht gerechnet. Und auch Ruth war etwas unsicher und streichelte Julies Knie.

Nun war es amtlich. Schwarz auf weiß stand der Befund in ihrer Krankenakte.

Invasiv-duktales Mammakarzinom (IDC) rechts. Eine schemenhafte Zeichnung sollte die genaue Lage des Tumors darstellen. Triple positiv. Wie bei Ruth damals. Zeit und Raum lösten sich auf. Nicht überrascht, dennoch wenig froh darüber, diesen Weg jetzt gehen zu müssen, ließ sie sich die Worte immer wieder durch den Kopf gehen.

„Brustkrebs. Ich habe Brustkrebs.“ sagte Julie in Gedanken unaufhörlich zu sich selbst und immer fühlte es sich wie die Geschichte von jemand anderem an. Die Todesangst blieb aus. Stattdessen fielen ihr gute Geschichten ein. Oder zumindest eine. Die Geschichte einer jungen alleinerziehenden Frau, die noch nicht bereit war, zu sterben. Die eine Tochter hatte, die sie liebte. Die, die Pferde liebte und ihr Leben. Mit all dem Chaos und dem Drama. Eine junge Frau, deren Mutter im gleichen Alter an Brustkrebs erkrankte. Eine Geschichte über eine junge Frau, die am Strand einen Mann kennenlernte und sich verliebte.

Julie fand, es wäre Stoff für drei Hollywoodstreifen.

Zurück im Wagen begann Julie eine Nachricht zu tippen. Es war an der Zeit auch ihre jüngeren Geschwister Caroline und Max an ihrem Schicksal teilhaben zu lassen.

„Hallo ihr Lieben. Ich komme gerade aus dem Krankenhaus. Mit dem Verdacht auf Brustkrebs wurde vor ein paar Tagen eine Biopsie gemacht. Heute war Befundbesprechung. Leider muss ich euch sagen, dass sich der Verdacht bestätigt hat. In zwei Tagen muss ich also erneut zum Gespräch, um den weiteren Behandlungsverlauf zu planen. Macht euch bitte erstmal keine Sorgen. Ich melde mich sobald ich mehr weiß. Hab euch lieb.“

Kurze Zeit später klingelte Julies Handy. Caroline schluchzte fragend ins Telefon. Julie hatte ein schlechtes Gewissen. Sie wollte ihre kleine Schwester nicht so hören. Es tat ihr unendlich leid. Julie beantwortete alle Carolines Fragen und versuchte, sie zu beruhigen.

„Wir schaffen das! Wir haben schon ganz andere Dinge geschafft.“ Damit beendete Julie das Telefonat mit ihrer Schwester.

Caroline war knapp drei Jahre jünger als Julie. Und obwohl sie ein ganz anderer Typ war, sah man, dass sie Schwestern waren. Carolines Haare waren rot, wie die ihres Vaters. Ihre Nase war viel spitzer, als die von Julie.

Wie Hund und Katze sagte Onkel Peter immer über die Zwei, als sie noch Kinder waren. Julie und Caro stritten wegen jeder Kleinigkeit und so wurden Haare ausgerissen und blaue Flecken verteilt. Das Verhältnis der Schwestern änderte sich schlagartig mit Julies Auszug.

Sie waren für einander da und standen für einander ein. Und auch wenn sie wochenlang keinen Kontakt hatten, verlor sich die Vertrautheit nie.

Mit Max war das anders. Julies Bruder war fast zehn Jahre jünger als sie selbst, weshalb die Bindung in ihrer gemeinsamen kurzen Zeit als Kinder viel weniger intensiv war. Max war ein liebenswerter Chaot. Unstrukturiert und undiszipliniert aber dennoch ein guter Mensch. Er bekam sein Leben einfach nicht so richtig in den Griff. Aus Familienangelegenheiten hielt er sich weitestgehend raus. Es schien ihn scheinbar nicht zu interessieren. Und so gab es auch für ihn keinen Anlass auf Julies Nachricht im Familienchat zu reagieren. Er machte es wie immer mit sich selber aus.

Am Abend brachte Julie ihre Tochter Mia ins Bett. Sie betrachtete Mias Gesicht und Liebe erfüllte ihren Blick. Mia war weit. Weit in ihrer körperlichen Entwicklung, aber auch weit im Geist. In Julies Gedanken war es unvorstellbar, ihre Tochter mit einer solchen Diagnose zu konfrontieren. Ihre Welt würde nicht mehr dieselbe sein. Mia war sehr empathisch und würde den Schmerz ihrer Mutter nachempfinden. Sie würde mitleiden, auf allen Wegen. Julie dachte daran, wie wichtig es wäre, Lehrer und Horterzieher darüber zu informieren. Ihr war klar, sie würde den Moment des Gesprächs so lang wie möglich hinauszögern. Denn die unbeschwerte Zeit in Mias Leben wäre damit vorbei.

Leben oder Sterben?

18. September 2018

„Ich habe Brustkrebs.“ sagte Julie immer und immer wieder vor sich her. Unwirklich, unecht fühlte es sich an. Sie konnte ihn spüren. Ihren Tumor. Er lag warm gebettet in ihrer Brust. Er tat weh, ab und an. Ein Ziehen, ein Pieken, ein Spannungsgefühl. Aber irgendwie gehörte er ja auch zu ihr, dachte sie. Aber er muss gehen, sagte sie sich. Sie versuchte ihn zu hassen. Ihn nicht zu mögen. Er war bösartig, aggressiv und schnell wachsend. Er würde dafür sorgen, dass sie stirbt. Er würde wachsen und schmerzen. Er würde sich in ihrem Körper ausbreiten und ihre Organe lahmlegen. Ganz langsam, ganz schmerzhaft und ganz qualvoll würde sie sich ihrer Schwäche beugen müssen, wenn sie sich nicht behandeln lassen würde. Wenn sie es doch täte, wird er Schuld daran haben, dass sie ihre Haare verliert. Ihre wunderschönen, hellen, langen Haare.

„Das Gras kitzelt mich. Die Handflächen zeigen auf den Boden und fühlen die kalte, schwarze Erde, die nur oberflächlich erwärmt ist. Im Ohr das Plätschern des Springbrunnens und das Klappern von Geschirr und Besteck aus dem Nachbargarten. Die Glocken der Dorfkirche schlagen kurz an. Warum nur? Eine Beerdigung? Ein Test? Es riecht immer noch nach Sommer, obwohl wir mittlerweile den September zur Hälfte hinter uns haben. Meine Augen blinzeln bemüht in ein endloses Blau. Himmelblau. Ein lauer Wind weht und streift über meine nackte Haut. Meine Haut, die einigermaßen makellos zu seien scheint. Für diese Woche wurden wiederholt Temperaturen von bis zu dreißig Grad angekündigt. Was für ein schöner Sommer. Eine Belohnung, eine Genugtuung nach all den verregneten, letzten Sommern hier, nahe Berlin. Natürlich, die Rekordtemperaturen über diesen langen Zeitraum fordern ihren Tribut. Ernteverluste und riesige Waldbrände mit weitreichenden Folgen, gehören sicherlich nicht zu den besten Begleiterscheinungen für dieses Jahr. Eigentlich aber ein schönes Jahr. Bisher. 2018. Ich setze es in meinem persönlichen Ranking sogar vor 2016 und 2017. Denke ich. Meine Finger fahren die Unterlippe entlang und meine Gedanken hängen frei und versunken fest. Mein Blick ist starr auf die bunten Blüten im Garten gerichtet, um die sich Schmetterlinge tummeln. Die Nachbarskatze liegt neben mir. Friedlich geht alles seinen Gang. Nimmt alles seinen Lauf. Tut, was es immer tut. Gibt mir ein Gefühl von Geborgenheit. Heimat. Heimat meines Herzen. Angekommen sein. Es ist so bezaubernd schön hier, unter meiner Käseglocke. Es ist unmöglich Unfrieden zu stiften und alles bewegt sich in einem eigenen Rhythmus, fernab von Straßenlärm und Realitätsbrutalität. Ebenso ist es unmöglich in Tränen auszubrechen oder Schlechtes anzuerkennen, während ich hier sitze und mit all meinen Sinnen die Perfektion dieser Welt spüren kann.

Es ist wie ein Lied, vielleicht sogar das Lieblingslied, das im Radio läuft, während man bei Glatteis die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert und ungebremst auf den Baum einer Allee zurast. Es knallt, man verliert sein Leben. Blut und Qualm. Und aus dem Radio tönt immer noch das Lieblingslied. Die CD springt und spielt immer wieder diese eine besondere Stelle, wegen der man dieses Lied so mag. Und sie spielt und spielt grausam weiter, während die Rettungskräfte eintreffen und der Notarzt nur noch den Tod feststellt.

Tragisch. Unvorhersehbar. Aber möglich.

Das Bestehen der Welt hängt nie von einem Leben ab. Das Bestehen einer Welt hingegen schon. Nämlich der Welt meiner Tochter. Der meiner Familie. Und auch in der Welt der Menschen, die mir nahe sind, würde es wohl mindestens ein Erdbeben geben. Oder Stille. So ist es. Die Grausamkeiten, die Tragödien. Das Leben an sich. Es endet. Immer. Mit dem Tod. Für jeden Einzelnen von uns. Fair ist es nicht. Und wir müssen es annehmen.“

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