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Im Lebensrausch, trotz alledem Rosa Luxemburg

VORWORT

Rosa Luxemburg gehört zu den interessantesten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Klein, dunkelhaarig, eher unauffällig, faszinierte sie durch sprechende Augen, natürlichen Charme, mitreißendes Temperament und den Geist ihrer originären Publizistik und massenwirksamen Rhetorik. Sie sprühte vor Ideen, war außergewöhnlich gebildet, vielseitig talentiert und – ehrgeizig. Das ermöglichte es ihr, sich als emanzipierte Frau zu behaupten, ohne an Situationen der Ohnmacht und persönlichen Niederlagen zu zerbrechen. Ihr Wunsch nach einer Familie blieb unerfüllt.

Rosa Luxemburgs Leben war aufreibend und konfliktreich. Sie kämpfte für eine bessere Welt. Ihr Ideal war ein Sozialismus, der vom Volk mitgestaltet wird, auf uneingeschränkter Freiheit und Demokratie basiert und einen dauerhaften Frieden garantiert. Die selbstbewußte Marxistin beeindruckte durch umfassende Geschichtskenntnisse und gründliche Gesellschaftsanalysen. In den von ihr mitbegründeten oder beeinflußten Parteien der internationalen sozialistischen Bewegung trat sie entschieden gegen Dogmatismus und Formalismus auf. Der Oppositionskraft ihrer Anhänger vertrauend, attackierte sie den Kapitalismus unablässig als Quelle der sozialen Ungerechtigkeit und politischen Reaktion, der nationalen Zwietracht und des Krieges. Ihre scharfe Polemik forderte Widerspruch und Haß heraus. Doch außergewöhnlicher Realitätssinn und kreative Kritik verhalfen Rosa Luxemburg zu Prognosen, die sich bewahrheitet haben. Im Widerspruch dazu stehen einzelne grundsätzliche Irrtümer und manche von ihr vehement verteidigte Illusion.

Auf der Suche nach Glück und Erfolg gewann und verlor sie Freunde und Geliebte, erfuhr Zuneigung, Enttäuschung und Mißachtung – auch in den eigenen Reihen. Im privaten wie im politischen Leben stellte sie an sich und andere hohe Ansprüche. Obgleich sie Geselligkeit liebte, flüchtete Rosa Luxemburg doch oft in die Einsamkeit. Sie konnte freundlich und grob, verständnisvoll und jähzornig, heiter und trübsinnig, bescheiden und überheblich, einsichtig und streitbar, nüchtern und beseelt sein. Literatur, Malerei und Musik waren ihr ebenso unverzichtbar wie Reisen in ferne Länder. Sie vertiefte sich in fremde Kulturen wie in die heimische Pflanzen- und Tierwelt. In vielen ihrer zum Teil mit schonungsloser Offenheit geschriebenen poetischen Briefe suchte sie Zuflucht aus täglicher Bedrängnis und führte Zwiegespräche mit Freunden und Gegnern nach der Maxime: »Wer innerlich wirklich reich und frei ist, kann sich doch jederzeit natürlich geben und von seiner Leidenschaft mit fortreißen lassen, ohne sich untreu zu werden.«1

Persönlichkeit und Erbe Rosa Luxemburgs haben viele Biographen in ihren Bann gezogen.2 Die einen wollten wie Elz-. bieta Ettinger »einen weithin unbekannten Menschen, dreifach stigmatisiert: als Frau, als Jüdin und als Krüppel«3 porträtieren. Andere wie Peter Nettl, Gilbert Badia oder Georg W. Strobel fesselte zwar die ganze Rosa Luxemburg, dennoch setzten sie zeitgeschichtlich bedingte Schwerpunkte. Peter Nettl, der sich 1968 über den »Mischmasch aus Ideen von Lenin, Mao, Castro, Sartre, Marcuse und Rosa Luxemburg« in den oppositionellen Bewegungen Ost- und Westeuropas wunderte, orientierte sich z. B. auf die »Prophetin par excellence der uninstitutionalisierten Revolution«.4 Wieder andere, so Lelio Basso, Ossip K. Flechtheim, Iring Fetscher, Georges Haupt, Oskar Negt, Ernest Mandel und Christel Neusüß, konzentrierten sich auf Rosa Luxemburgs Theorien oder einzelne ihrer Axiome, die sie ins Verhältnis zu Marx und anderen Gelehrten setzten. Luise Kautsky und Henriette Roland Holst-van der Schalk formten ihre stimmigen Porträts aus persönlichen Erinnerungen an Rosa Luxemburg. Paul Frölich, Feliks Tych, Helmut Hirsch, Aleksander Kochański, Narihiko Ito, Frederik Hetmann vermittelten einem breiten Publikum Zugang zu ihr. Max Gallo huldigte der »Märtyrerin für eine Utopie«5. Selektiv verfuhren in der Regel jene, die Rosa Luxemburg ideologielastig in die kommunistische oder in die sozialdemokratische Parteitradition integrierten.6

Manche, die wie Günter Radczun und ich Rosa Luxemburg anläßlich ihres 100. Geburtstags dem Verdammungsurteil Stalins über den »Luxemburgismus« entrissen, verstrickten sich in Widersprüche, weil Rosa Luxemburgs Denken und Handeln vorwiegend an Lenin gemessen und formalem Heroenkult nicht genügend Paroli geboten wurde.

Das hier vorgelegte neue Lebensbild soll Einseitigkeiten in der Luxemburg-Biographik überwinden helfen. Mein Hauptanliegen ist es, auf der Grundlage umfangreicher Archivalien, edierter Quellen und neuer Forschungsresultate Rosa Luxemburgs Entwicklung authentisch und umfassend darzustellen. Die Biographie folgt den Stationen ihres Lebens. Sie will die Einheit von Persönlichkeit, theoretischen Arbeiten, politischen und pädagogischen Tätigkeiten nacherlebbar machen. Um Konflikte zu charakterisieren und Ursachen für Erfolg wie Niederlage zu erklären, wird auch das private und geistig-politische Milieu ihrer Freunde und Widersacher beleuchtet.

Rosa Luxemburg, die sich den Problemen ihrer Zeit mit einzigartigem Engagement stellte und anregende Antworten auf neue Fragen fand, hat ein vielseitiges Lebenswerk hinterlassen. Als besonders brisant erweisen sich ihre Ansichten zu Reform und Revolution, Demokratie und Diktatur, zu nationaler Selbstbestimmung und Internationalismus sowie zu Kapitalismus und Sozialismus. Zu entdecken sind in ihren Schriften nach wie vor aktuelle Gedanken über Nationalismus, den Kampf gegen politische Willkür und soziale Ungerechtigkeit, über Gewerkschaftsarbeit, kommunale Interessenvertretung und Parlamentarismus in der bürgerlichen Demokratie. Ihr unbedingtes, doch mehrfach enttäuschtes Vertrauen in die Politikfähigkeit der Massen, Parteien und Autoritäten ist ebenso bemerkenswert wie ihre prophetische Warnung vor der Entartung sozialer und nationaler Befreiungsbewegungen. Ihr konsequentes Auftreten gegen Militarismus, Chauvinismus und Krieg sowie für den Schutz der Menschenrechte ist uneingeschränkt zu bejahen. Sie hat sich zu allen wesentlichen Themen in Politik und Ökonomie geäußert, auch zu den »Vereinigten Staaten von Europa«, zur »Weltpolitik« der Großmächte, zu den Ressourcen und Grenzen kapitalistischen Wachstums und nicht zuletzt über den Mut der Aufrechten, trotz mancher Niederlage Sozialisten zu bleiben und für ihre Ideen einzustehen.

Zu dieser neuen Biographie wurde ich herausgefordert durch das nicht nachlassende Interesse an Rosa Luxemburg und ihrem Werk sowie durch Dispute der in der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft vereinten Wissenschaftler, an deren Tagungen in Paris (1983), Tokio (1991) und Beijing (1994) ich teilnahm. Recherchen meiner Kolleginnen und Kollegen im Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung in Berlin, das am 31. März 1992 geschlossen worden ist, waren mir ebenso hilfreich wie der Rosa-Luxemburg-Verein e. V. in Leipzig, der Brandenburger Verein für politische Bildung e. V. »Rosa Luxemburg« in Potsdam, meine Familie und Freunde. Als besonders anregend empfand ich die Resonanz auf Vorlesungen und Referate, die ich 1991/92 und 1994 über Rosa Luxemburg und das 20. Jahrhundert an den Universitäten in Bremen und Hannover gehalten habe.

Den Mitarbeitern der Archive und Bibliotheken, die mir Zugang zu unveröffentlichten Briefen und Dokumenten sowie zu spezieller Literatur ermöglichten, danke ich ebenso wie den Kolleginnen, die mir Übersetzungen aus dem Polnischen zur Verfügung stellten. Mein besonderer Dank gilt den Mitarbeitern des Aufbau-Verlages für mannigfache Unterstützung.

Dieses Buch widme ich Rosa Luxemburg zum 125. Geburtstag, einer beeindruckenden Frau, für die zu einer Persönlichkeit Talent, Charakter, Individualität und eine feste Weltanschauung gehörten. Sie wußte: »Ergreifen und erschüttern kann nur, wer selbst ergriffen und erschüttert ist.«7

 

Berlin, im November 1995

Annelies Laschitza

HERKUNFT

1871–1888

 

Rosa Luxemburg verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Warschau und die Studentenzeit in Zürich, Genf und Paris. Sie lebte über zwanzig Jahre in Deutschland, die längste Zeit davon in Berlin. Ihre Wege führten sie nach Amsterdam, Basel, Brüssel, Kopenhagen, London; wiederholt war sie in Paris und Zürich; sie hielt sich illegal in Warschau, Petersburg und Kuokkala auf. Sie erholte sich in der Schweiz und in Italien. Sie interessierten Lebensräume von Eingeborenen in Afrika, und sie träumte von Reisen in den Kaukasus, nach Buchara und Samarkand. Über Ägypten und Indien, über den Vorderen Orient, Regionen in Amerika, Asien und Australien schrieb sie in ihren Büchern und Artikeln, als wäre sie dort gewesen. Rosa Luxemburg fühlte sich in der ganzen Welt zu Hause, und sie wollte die Welt verändern.

Geboren wurde die temperamentvolle Frau am 5. März 1871 in dem kleinen Städtchen Zamość im Gouvernement Lublin in Polen, das vom zaristischen Rußland besetzt war. Dieses Datum gab sie jedenfalls im Februar/März 1897 im Curriculum vitae, ihrem Lebenslauf für das Promotionsverfahren an der Universität Zürich, an.1 Sie erhob aber auch keine Einwände, wenn in anderen Dokumenten z. B. 1870 als Geburtsjahr oder der 25. Dezember als Geburtstag vermerkt wurde,2 denn ihr selbst war das nicht so wichtig. Daher lohnt sich kein Streit darüber, wenn die Biographen nach wie vor das Geburtsdatum unterschiedlich angeben. Ihren Geburtstag feierte Rosa Luxemburg immer am 5. März; auch der Vater gratulierte ihr 1900 zum 5. März, obwohl er drei Jahre zuvor den »25. Dezember 1870« als Geburtstag seiner Tochter bezeugt hatte.3

Rosa Luxemburg freute sich über jeden Glückwunsch und war für Überraschungen dankbar, vor allem für Blumen und Bücher. Wenn allerdings allzuviel Wesen darum gemacht wurde, bezeichnete sie solche »historischen Daten« gleich als Lappalien. In einem Brief an ihre holländische Freundin Henriette Roland Holst amüsierte sie sich 1907: »Ich danke Dir und Rik herzlich für die Geburtstagskarte, über die ich gelacht habe: mein ›offizielles‹ Geburtsdatum ist nämlich falsch (ganz so alt bin ich nicht!), ich habe doch, als anständiger Mensch, keinen echten Geburtsschein, sondern einen ›angeeigneten‹ und ›korrigierten‹. Aber der Glückwunsch war ja echt …«4

Rosa (Rosalie, Rosalia, Róża) Luxemburg kam auf die Welt, als in Europa der Feuerschein der Pariser Kommune leuchtete und zwischen Deutschland und Frankreich der vorläufig letzte Krieg ausgetragen wurde. Durch die Bismarcksche Reichsgründung begann neben dem Königreich Großbritannien, dem Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn unter Kaiser Franz Josef I. und dem russischen Zarenreich unter Alexander II. eine neue Großmacht zu entstehen. Sie sollte nicht nur durch den besonders reaktionären preußischen Militarismus und durch Rüstungswettlauf mit den europäischen Großmächten, sondern auch infolge wachsender Herrschaftsansprüche eines erstarkenden Industrie- und Finanzkapitals weit über Europa hinaus die Gefahr neuer kriegerischer Konflikte steigern. Als Gegenkraft entwickelten sich in vielen europäischen Ländern Organisationen der Arbeiterbewegung, die für die Durchsetzung antimilitaristischer Forderungen stritten, soziale und politische Rechte erkämpften und Bilder von einem Zukunftsstaat entwarfen, der freiheitlich, demokratisch, friedliebend und sozialistisch sein sollte.

Polen litt seit einem Jahrhundert unter der Teilung und unter der Fremdherrschaft Rußlands, Österreich-Ungarns und Preußens. Auch hier fanden tiefgreifende ökonomische und soziale Veränderungen statt. »Die ganze äußere Erscheinung des Landes hat sich in 25 Jahren von Grund aus verändert«, stellte Rosa Luxemburg 1897 in ihrer Dissertationsschrift fest. »In der Mitte wuchs das kleine Städtchen Łódź rasch zu einem großen Textilindustriezentrum, zum ›polnischen Manchester‹, auf mit dem typischen Aussehen einer modernen Fabrikstadt […]. Man findet hier eine Reihe Riesenetablissements, unter denen die Manufaktur Scheibler mit ihren 15 Mill. jährlicher Produktion und 7000 Arbeitern den ersten Platz behauptet. Im südwestlichen Winkel des Landes, an der preußischen Grenze, schoß, wie aus der Erde hervorgezaubert, ein ganzer neuer Industrierayon auf, wobei Fabriken inmitten von Wald und Flur auftauchten, der Bildung von Städten vorausgehend und von vornherein alles um sich gruppierend. In der alten Hauptstadt Warschau, dem Sammelpunkt aller Handwerke, hob sich das Handwerk mächtig empor. Zugleich fällt es aber vielfach unter die Herrschaft des Kaufmannskapitals. Kleine und mittlere selbständige Betriebe lösen sich in Hausindustrie auf, und in den Vordergrund treten als Sammelbecken für die Kleinproduktion große Magazine fertiger Handwerkswaren. Der Handel des ganzen Landes konzentriert sich auf der Börse und in zahlreichen Bank- und Kommissionsgeschäften. Die Vorstadt von Warschau, Praga, wurde zum Zentrum einer großen Metallindustrie, und die riesige Leinwandfabrik Zyrardów bei Warschau mit ihren 8000 Arbeitern verwandelte sich in ein eigenes Städtchen. […] Die Industrie ist jetzt derjenige Stamm geworden, aus dem alle übrigen Zweige des materiellen Lebens des Landes ihre Säfte ziehen. Oder richtiger gesagt, sie ist diejenige Triebfeder, die alle Gebiete des materiellen Lebens revolutioniert und sich unterordnet: die Landwirtschaft, das Handwerk, den Handel und die Verkehrsmittel.«5

Zamość, das Mitte des 19. Jahrhunderts mehr als 6000 Einwohner zählte, hatte seitdem wirtschaftlich immer mehr an Bedeutung verloren. »Zamość in der Mitte zwischen zwei großen Industriestandorten, Lublin und Lwów, wurde im sechzehnten Jahrhundert zum bedeutenden internationalen Handelszentrum am Transportweg und am Kreuzweg verschiedener Kulturen. Armenier, Türken, Griechen, Perser und Juden, Deutsche, Schotten und Engländer, alle genossen Vorzugsbehandlung und fanden die Stadt sehr angenehm. Die örtliche Aristokratie entwickelte Sinn für Bildung und Luxus. Die Zamoyski-Akademie, 1595 gegründet, bereicherte das kulturelle Leben der Stadt weiter.«6 Im Schwedenkrieg blieb Zamość unversehrt, doch wurde es von Seuchen, Feuersbrünsten und Flüchtlingsströmen heimgesucht.

An der Grenze von polnischem und ukrainischem Gebiet gelegen, ereilte die Stadt ein wechselvolles Schicksal. Bei der dritten Teilung Polens 1795 fiel Zamość an Österreich. 1809 wurde die Festung im Auftrage Napoleons von polnischen Truppen verteidigt, nach dem Friedensschluß ging sie an das Großherzogtum Warschau und 1820/21, als die Zamoyskis ihr Majorat über die Stadt aufgaben, an das 1815 geschaffene Königreich Polen. Es vereinte 82 Prozent des ehemaligen Staatsterritoriums und wurde auch Kongreß-Polen oder Russisch-Polen genannt, denn es war mit Rußland in Personalunion verbunden. Das Zentrum von Zamość bildeten ein majestätisches Rathaus und ein arkadengeschmückter Platz im Spätrenaissancestil, an dem die Luxemburgs gegenüber dem Rathaus wohnten. Wegen seiner einzigartigen, nach italienischem Vorbild von Bernardo Morando gestalteten Anlage und Architektur blieb Zamość weit über die Grenzen des Landes hinaus als »Padua des Nordens« bekannt. Der jiddische Schriftsteller Isaac Leib Peretz, mit dem die Familie Luxemburg befreundet war, nannte die Stadt in seinen Memoiren humorvoll »Klein-Paris«.7

Rosa Luxemburg entstammte einer jüdischen Familie, die sich der jüdischen Aufklärung verbunden fühlte. Väterlicherseits geht ihre Herkunft auf Landschaftsarchitekten zurück, die Graf Zamoyski in seine Stadt holte, und mütterlicherseits in 17 Generationen auf Rabbiner und hebräische Gelehrte. Ihr Vater, ein Kaufmann, hieß Eliasch Luksenburg, Rosa Luxemburg nannte ihn Eduard und schrieb den Familiennamen mit »m«, was ihre Schwester noch 1897 verwunderte.8 Der Vater lebte von 1830 bis 1900. Ihre Mutter Lina, geb. Löwenstein, wurde 1835 in Zamość geboren und starb 1897.

Rosa war die Jüngste von fünf Kindern. Ihre Schwester Anna (1857–1934) sorgte sich lange Zeit mit um den elterlichen Haushalt und soll auch im Geschäft ihres Bruders Maksymilian mitgearbeitet haben. Sie heiratete 1909 den Baumeister Nikodem Bresler. Der älteste Bruder, Natan/Mikolaj (1855 bis 192?), setzte als Kaufmann die Familientradition fort und ließ sich in London nieder. Der Bruder Maksymilian/Munio (1860–1943) wurde Mitinhaber eines polnisch-französischen pharmazeutischen Unternehmens in Warschau. Józef (1866 bis 1934), der jüngste Bruder, studierte Medizin.9 Der Internist und Neuropathologe praktizierte in Warschau und veröffentlichte mehrere wissenschaftliche Arbeiten. Von der Familie kümmerte er sich am meisten um das Erbe von Rosa Luxemburg.

Über die Kindheit äußerte sich Rosa Luxemburg selten, es gibt auch darüber wenig authentische Quellen. So ist aus den Jahren vor 1897 kein familiärer Briefwechsel erhalten geblieben. Luise Kautsky hat in ihrem »Gedenkbuch« festgehalten, was die Geschwister erzählten: »Die Aufschlüsse über Rosas erste Kindheit, die ich den Mitteilungen von Rosas Bruder, Dr. Josef Luxemburg, verdanke, und die ich zum Teil in seinen eigenen Worten wiedergebe, waren mir daher sehr willkommen, denn sie ließen mir manche Charakterzüge Rosas in viel klarerem Lichte erscheinen. […] Ihr Vater, Eduard Luxemburg, besaß ein eigenes Haus und war ein in der Stadt angesehener Kaufmann, der ebenfalls einer wohlhabenden kaufmännischen Familie entstammte. Rosas Großvater hatte in ständigem Handelsverkehr mit Deutschland gestanden und war in Berlin gestorben. Allen seinen Kindern, sieben Söhnen und einer Tochter, hatte er eine gründliche Bildung angedeihen lassen, sie hatten die Schulen und Handelsakademien in Berlin und Bromberg besucht. Rosas Vater gehörte also der jüdischen Intelligenz der Stadt an, war aber zugleich polnisch gesinnt. Er war daher nicht nur ein eifriger Förderer aller Kulturbestrebungen seiner Glaubensgenossen, sondern kämpfte auch in deren Kreisen für das polnische Schulwesen, dessen damaliges tiefes Niveau er möglichst heben wollte. Er selbst ging mit gutem Beispiel voran […]. Wo immer er Bildungsbestrebungen unterstützen konnte, tat er es mit Freuden, so z. B. hatten die polnischen Volksschullehrer wie auch die polnischen wandernden Theatertruppen an ihm einen großen Gönner.

Rosas Mutter, Lina, geborene Löwenstein, brachte allen diesen Betätigungen ebenfalls vollstes Verständnis entgegen, so daß der ganze Ton des Hauses in kultureller Beziehung auf sehr hoher Stufe stand. Auch sie stammte aus hochintellektuellen Kreisen […]. Sie schwärmte für schöne Literatur und war ebenso zu Hause in den Werken von Schiller wie in denen von Mickiewicz. Sie hatte einen ungewöhnlich sanften, milden Charakter, und aus dem Munde dieser geliebten Mutter vernahm die aufnahmefähige kleine Rosa die ersten Märchen und Fabeln. Aus Rosas spärlichen Erzählungen gewann man den Eindruck, als sei die Mutter eine von jenen selbstaufopfernden Frauen gewesen, wie sie gerade in jüdischen Familien so ungemein oft vorkommen, die ihr ganzes Sein auf Mann und Kinder einstellen.«10

Die Mutter war gütig, still und bescheiden; sie kannte keine anderen Freuden als die der Familie.11 Wie Rosa Luxemburg sich erinnerte, galt in ihrer Familie als »unverbrüchliches Naturgesetz […], daß die Mutter ausschließlich dazu auf der Welt sei, um unsere ewig aufgerissenen Schnäbel (den des Paterfamilias vor allem!) nach jeglicher Richtung und Dimension zu stopfen«12. Als sie im gleichen Jahr in Beobachtungen über die Vogelwelt versank, schweiften ihre Gedanken zurück: »Meine Mutter, die nebst Schiller die Bibel für der höchsten Weisheit Quell hielt, glaubte steif und fest, daß König Salomo die Sprache der Vögel verstand. Ich lächelte damals mit der ganzen Überlegenheit meiner fünfzehn Jahre und einer modernen naturwissenschaftlichen Bildung über diese mütterliche Naivität. Jetzt bin ich selbst wie König Salomo: Ich verstehe auch die Sprache der Vögel und aller Tiere.«13

Über die finanziellen bzw. materiellen Lebensbedingungen existieren keine Quellen. »Mein armer Vater ist leider kein Bankier, um nach Belieben Ferien zu machen«, erklärte Rosa Luxemburg Leo Jogiches 1899, »er ist völlig von seinen armseligen Groschengeschäften abhängig.«14 Als der Vater 1899/ 1900 ernstlich erkrankte, mußte er von Verwandten ein Darlehen annehmen. Da er nicht arbeiten könne, bleibe ihm nichts anderes übrig, stellte er verbittert fest.15 Ihn plagten Sorgen um Annas Mitgift, und er interessierte sich für die Vermögenslage der Familie Jogiches. Danach zu urteilen, mußte im elterlichen Haushalt mit den Mitteln sehr sparsam umgegangen werden. Später schrieb Rosa Luxemburg, sie habe in der Schule nie eigene Bücher, Karten etc. gehabt und sich immer erst in den Pausen schnell mit geliehenen Büchern vorbereiten müssen.16

»Die Familie hatte oft Mangel zu leiden«, berichtete Julian Marchlewski, mit dem Rosa Luxemburg seit ihrer Jugendzeit befreundet war, »und nicht selten wurde sogar das Bett zum Wucherer getragen, um es für einige Rubel zu verpfänden; doch das rief nicht, wie es oft geschieht, Bitterkeit und Niedergedrücktheit hervor. Ich erinnere mich, wie Rosa erzählte, sie hätte einst mit einem Papierfetzen die Lampe angezündet, später jedoch erwies sich, daß es das letzte Geld im Hause gewesen war, das der Vater mit Mühe erworben hatte; der Alte bestrafte seine Tochter nicht, sondern tröstete sie, nachdem er sich von dem ersten Eindruck erholt hatte, mit Scherzen über das teure Streichhölzchen.«17

Im Jahre 1873 zog Familie Luxemburg nach Warschau um. Die Gründe für die Übersiedelung sind nicht authentisch bezeugt. Vater Luxemburg mag sich von der Entwicklung Warschaus zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum des Landes eine bessere Geschäftstätigkeit und für seine Kinder eine gediegenere Ausbildung erhofft haben. Ein Neffe von Rosa will aus Erinnerungen seines Vaters Józef wissen, daß Verdächtigungen über illegalen Waffenhandel Eliasch Luxemburg, der am Aufstand 1863/64 teilgenommen hatte, Hals über Kopf zum Fortgang aus Zamość zwangen.18 Der Annahme von Elżbieta Ettinger, die Luxemburgs hätten unter den Juden von Zamość keine festen Freunde gefunden,19 widerspricht Jack Jacobs aufgrund seiner neuesten Forschungsergebnisse. Er hebt die Verbundenheit von Eliasch Luxemburg mit den polnischen Maskilim hervor.

Die Haskala, die Bewegung der jüdischen Aufklärung, besaß in Zamośść mit einem relativ kleinen jüdischen Bevölkerungsanteil seit Ende des 2. Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts die zweitgrößte Konzentration von Maskilim in Polen. Die Luxemburgs gehörten dazu; Eduard war eine gewählte Persönlichkeit der jüdischen Gemeinde. Er teilte vermutlich die Auffassungen von Abraham Paprocki, Lehrer für jüdische Geschichte am Warschauer Rabbinerseminar, an dem Rosas Vater einige Zeit studiert hatte. Paprocki behauptete: »Nur in ihren Verpflichtungen gegenüber Gott bilden die Juden eine Einheit, aber im Hinblick auf die Gesellschaft sind sie weder eine Nation, noch eine besondere soziale Gruppe.«20 Doch Anfang der 70er Jahre gewannen durch Tod oder Weggang aller bekannten Maskilim in der jüdischen Gemeinde von Zamośćungeliebte Orthodoxe die Oberhand. Auch I. L. Peretz verließ etwa 1873 die Stadt. Jacobs sieht den Umzug nach Warschau, der durch die Choleraepidemie in der Provinz Lublin beschleunigt worden sein kann, auch als Versuch, aufs neue »eine maskilische Umgebung zu finden, die mit der vergleichbar war, die zu früherer Zeit in Zamość existiert hatte«21. Die Familie Luxemburg wollte in einer Umgebung leben, in der sie nicht ausschließlich jiddisch sprechen und sich den Bräuchen osteuropäischer Juden fügen mußte. Sie wollte sich weiter assimilieren können, ohne daß ihre Aufgeschlossenheit gegenüber der polnischen Kultur, ihre Vorliebe für die polnische Sprache und ihre geistige Weltoffenheit von orthodoxen Widersachern in einer relativ kleinen Gemeinde mit Mißgunst bedacht wurden.

Nach dem Erlaß des Zaren von 1862, der die Aufenthaltsbeschränkung für Juden formal abschaffte, so daß diese nicht mehr gezwungen waren, in dem seit 1809 existierenden Ghetto zu leben, war Warschau für Maskilim bei weitem zugänglicher als das Zamość der 70er Jahre; damit war es eine Stufe auf dem Weg zur Assimilation.22 Wie Elżbieta Ettinger anschaulich schildert, wählten die Luxemburgs das Viertel, in das sie zogen, sorgfältig aus. »Es war kurz zuvor für Juden geöffnet worden und wurde von Polen halbwegs akzeptiert. Es beherbergte auch polnische Intellektuelle und lag nicht weit, aber weit genug ab von dem Bezirk, den die armen und orthodoxen Juden bewohnten. Dieser Judenbezirk – mit seiner exotischen Atmosphäre, den gestikulierenden Männern mit Schläfenlocken und Jarmulkas (Käppchen) in flatternden Kaftans wie große schwarze Vögel, den Frauen mit Perücke, den Bettlern und Straßenhändlern – glich mehr einer mittelalterlichen Szenerie als einer westlichen Kapitale. Er war eine ständige Peinlichkeit, ein Stein des Anstoßes für assimilierte Juden, die sich der Rückständigkeit ihres Volkes schämten und sich wünschten, nicht damit identifiziert zu werden. Sie reformierten ihren Glauben; sie sprachen ›vor den Kindern‹ nicht mehr Jiddisch; sie milderten ihr semitisches Äußeres ab, indem sie sich westlich kleideten. Und dennoch – nur wenige Straßen weiter war diese andere Welt, das Haupthindernis für sie, akzeptiert zu werden: lärmende Leute in bizarren Kostümen; Arbeiter, die sich weigerten, samstags zu arbeiten; Zaddikim, chassidische Sektenprediger, die Wunder vollbrachten; Rabbiner, die Gesetze erließen. Durch Zarenerlaß angewiesen, ihre Bärte und Gewänder abzulegen, fanden sie Mittel und Wege, beides zu behalten; aus einem Stadtteil vertrieben, tauchten sie in einem anderen wieder auf; zum Erlernen des Polnischen gezwungen, erhoben sie das Jiddische zur Literatursprache.«23

Die siebenköpfige Familie Luxemburg zog in ein Mietshaus in der Zlotastraße. Die nach vorn gelegene Wohnung mit drei Zimmern gehörte zu den besseren und teureren. In den zum Hof gehenden Quartieren und in den Hinterhäusern lebten die Leute ärmlicher und beengter. »Das Haus Zlotastraße 16 lag inmitten eines kurzen Blocks, der zwei Straßen verband, die Brackastraße und die große Durchgangsstraße Marszalkowska. Die Zlotastraße überquerte die Marszalkowska und wurde auf ihrer Fortsetzung nach Westen ärmlicher, aber der kurze Abschnitt, in dem die Luksenburgs wohnten, war eine gute Gegend. Über die Brackastraße hatte Jahrzehnte zuvor der tägliche Weg des russischen Großherzogs Konstantin geführt, des Oberkommandierenden der polnischen Armee. Hoch zu Roß hatte er sich von seiner Residenz im Schloß Belvedere zu den berüchtigten, demütigenden Inspektionen seiner polnischen Untergebenen auf den Saskiplatz begeben. Der eine unbestreitbare Vorteil der großherzoglichen Ausritte über die Brackastraße war, daß man die Straßenfläche mit solidem Stein gepflastert hatte. In der Marszalkowskastraße herrschte geschäftiges Treiben. Nach neuester Pariser Mode gekleidete Damen, Ladengeschäfte mit reichem Angebot an Importwaren, Cafés, Restaurants und Buchhandlungen gaben der Metropole einen Hauch von europäischem Schick. Sie war multinational, vielsprachig, lebendig und bunt. Schnittige Pferdekutschen brachten die eleganten Damen zu ihren karitativen Aufgaben und die Herren zu intimen Diners; glitzernde russische Uniformen mengten sich unter priesterliche Soutanen und die Schulschürzen kleiner Mädchen; Stutzer und Nonnen, Chassidim mit breitkrempigen Filzhüten und Laufburschen mit leuchtend roten Mützen, Gouvernanten in dunklen Capes und Straßenmusikanten, sie alle unter dem wachsamen Blick schnauzbärtiger russischer Polizisten, gaben der Straße eine Aura des Glanzes. Gleich außerhalb des Stadtzentrums bot sich ein drastisch verwandeltes Bild.«24

Die Eltern und Geschwister Rosa Luxemburgs standen der Assimilation wohlwollend gegenüber und hatten sich kulturell stärker angepaßt als die meisten osteuropäischen Juden.25 Sie verleugneten aber keineswegs ihre jüdische Identität. Der Vater war ein Pole mosaischen Glaubens, auf den nach Jack Jacobs die Beschreibung von Ezra Mendelsohn weitgehend zuträfe: »Die ›Polen mosaischen Glaubens‹ waren weniger geneigt, eine Ideologie ihrer Assimilation zu finden. Sie verkündeten nicht, daß die jüdische Geschichte am Ende sei, auch identifizierten sie sich nicht ständig mit Polens heiligem Kampf. Sie hatten die Grenzen des Ghettos hinter sich gelassen und betrachteten sich jetzt als Polen, genau wie sich ihre deutschen Glaubensgenossen als Deutsche betrachteten. Sie wehrten sich energisch gegen den jüdischen Nationalismus und verhielten sich feindselig gegenüber der jiddischen Sprache, sie hatten kein klares Programm für die Zukunft des jüdischen Volkes. Nichtsdestoweniger spielten die ›Polen mosaischen Glaubens‹ eine bedeutende Rolle im jüdischen Leben. Man konnte sie sowohl im Kongreß-Polen als auch in Galizien finden, in wichtigen Funktionen der offiziellen jüdischen Gemeinde, wo sie mit den Orthodoxen zusammenarbeiteten und die Juden gegenüber den nichtjüdischen Behörden vertraten. Sie unterstützten die jüdisch-polnische Presse, die seit den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts den Kampf für die jüdische Aufklärung und die Polonisierung der polnischen Juden führte.«26 Fast sicher sei, Eduard Luxemburg lehrte seine Kinder, »daß die Barrieren zwischen Polen und Juden aufgehoben werden sollten, daß die Kultur der Familie Luksenburg die polnische Kultur sei, daß die westeuropäischen Bräuche kultivierter seien als die des osteuropäischen Judentums […] und daß die Juden eine religiöse Gruppe seien und nicht eine Nation oder Nationalität. Er kann auch Skepsis gegenüber dem Wunsch nach polnischer Unabhängigkeit geäußert haben.«27

Die Mutter sympathisierte ebenfalls mit den Ideen der Maskilim. Ihr Bruder war seit 1862 Prediger einer nichtorthodoxen Gemeinde in Lemberg. Sie war allerdings streng religiös. Sie gestaltete die jüdischen Feiertage, achtete auf die Pflege jüdischer religiöser Traditionen und bereitete die speziellen Speisen. Zum Neujahrstag durften z. B. Blintzes nicht fehlen. Die siebentägige Totenwache einzuhalten war für die Familie ebenso selbstverständlich, wie am Ende der Trauerzeit Kaddisch zu singen.

An Rosa soll die Mutter jiddisch geschrieben haben; es konnte bis jetzt allerdings kein solcher Brief aufgefunden werden. Auch hat bisher noch kein Luxemburgforscher eine jiddische Handschrift Rosa Luxemburgs entdeckt.28 Rosa Luxemburg verstand Jiddisch, betrachtete jedoch diese Sprache als Jargon und gebrauchte sie relativ selten, und dann zumeist als Schimpfwort oder zur Selbstironie. Józef-Szloma Mil (John Mill), der Rosa gut kannte, behauptet sogar, sie hätte Jiddisch gehaßt.29 Zur polnischen Sprache, die sie liebte, hatte sie eine ungewöhnlich emotionale Beziehung.

Rosa Luxemburg wuchs in einem behaglichen Familienkreis auf, in dem vorwiegend polnisch gesprochen wurde und großes Interesse an anderen Sprachen, Religionen und Kulturen geweckt und gefördert wurde. Die Familie verstand Deutsch und las auch deutsche Literatur. Trotz strenger Zensur besorgte der freisinnige Vater, die Respektsperson der Familie, insgeheim ausländische Zeitungen, die gelesen und besprochen wurden.30 Jedes Kind konnte seinen Neigungen nachgehen und sich nach Herzenslust ausleben. »Ich erinnerte mich gestern«, schrieb Rosa Luxemburg 1907, »daß ich einmal zu Hause als Kind partout sehen wollte, wie eine Rosenknospe sich entfaltet, und stand einen ganzen Tag am Blumentopf, unverwandt die Knospe betrachtend. Natürlich rührte sie sich nicht, und ich mußte verdrossen schlafen gehen. Am anderen Morgen fand ich sie schon entfaltet. […] Noch eine Erinnerung kam plötzlich, ich weiß nicht, wie: von einem Schirm, den ich im Schnee zerbrach, und da mußte ich viel lachen.«31 Ein Kind wie jedes andere, begann Rosa Luxemburg ihr Leben froh und heiter.

In ihren Erinnerungen verklärten sich die Kindheitserlebnisse mitunter, in einem Brief an Luise Kautsky sind sie sogar zu Literatur geworden: »Damals zu Hause schlich ich mich in der frühesten Morgenstunde ans Fenster – es war ja streng verboten, vor dem Vater aufzustehen –, öffnete es leise und spähte hinaus in den großen Hof. Da war freilich nicht viel zu sehen. Alles schlief noch, eine Katze strich auf weichen Sohlen über den Hof, ein paar Spatzen balgten sich mit frechem Gezwitscher, und der lange Antoni in seinem kurzen Schafpelz, den er Sommer und Winter trug, stand an der Pumpe, beide Hände und Kinn auf den Stiel seines Besens gestützt, tiefes Nachdenken im verschlafenen, ungewaschenen Gesicht. Dieser Antoni war nämlich ein Mensch von höheren Neigungen. Jeden Abend nach Torschluß saß er im Hausflur auf seiner Schlafbank und buchstabierte laut im Zwielicht der Laterne die offiziellen ›Polizeinachrichten‹, daß es sich im ganzen Hause wie eine dumpfe Litanei anhörte. Und dabei leitete ihn nur das reine Interesse für Literatur, denn er verstand kein Wort und liebte nur die Buchstaben an und für sich. Trotzdem war er nicht leicht zu befriedigen. Und als ich ihm einmal auf seine Bitte um Lektüre Lubbocks ›Anfänge der Zivilisation‹ gab, die ich gerade als mein erstes ›ernstes‹ Buch mit heißer Mühe durchgenommen hatte, da retournierte er es mir nach zwei Tagen mit der Erklärung, das Buch sei ›nichts wert‹. Ich meinerseits bin erst mehrere Jahre später dahintergekommen, wie recht Antoni hatte. – Also Antoni stand immer erst einige Zeit in tiefes Grübeln versunken, aus dem er unvermittelt zu einem erschütternden, krachenden, weithallenden Gähnen ausholte, und dieses befreiende Gähnen bedeutete jedesmal: Nun geht’s an die Arbeit. Ich höre jetzt noch den schlürfenden, klatschenden Ton, womit Antoni seinen nassen, schiefgedrückten Besen über die Pflastersteine führte und dabei, immer ästhetisch, am Rande sorgfältig zierliche, ebenmäßige Bogen beschrieb, die sich wie eine Brüsseler Spitzenborte ausnehmen mochten. Sein Hofkehren, das war ein Dichten. Und das war auch der schönste Augenblick, bevor noch das öde, lärmende, klopfende, hämmernde Leben der großen Mietskaserne erwachte. Es lag eine weihevolle Stille der Morgenstunde über der Trivialität des Pflasters; oben in den Fensterscheiben glitzerte das Frühgold der jungen Sonne, und ganz oben schwammen rosig angehauchte duftige Wölklein, bevor sie im grauen Großstadthimmel zerflossen. Damals glaubte ich fest, daß das ›Leben‹, das ›richtige‹ Leben, irgendwo weit ist, dort über die Dächer hinweg. Seitdem reise ich ihm nach. Aber es versteckt sich immer hinter irgendwelchen Dächern. Am Ende war alles ein frevelhaftes Spiel mit mir, und das wirkliche Leben ist gerade dort im Hofe geblieben, wo wir mit Antoni die ›Anfänge der Zivilisation‹ zum ersten Male lasen?«32

Ich möchte alle Leiden …

den Satten auf ihr Gewissen laden

Als Nesthäkchen wurde Rosa von ihren Geschwistern verwöhnt, besonders als sie mit fünf Jahren von einem Hüftleiden befallen und in Gips gelegt wurde. Etwa ein Jahr mußte sie die meiste Zeit im Bett oder im Zimmer verbringen, und sie behielt zeitlebens einen schleppenden Gang zurück. Aus dieser für ein lebhaftes und aufgewecktes Kind fast unerträglichen Situation machte sie das Beste: Sie lernte mit fünf Jahren lesen und schreiben, unterstützt von ihrer Mutter, die wahrscheinlich bereits damals spürte, was sie später einmal gesagt haben soll: »Róża ist klüger als wir alle zusammen.«33 Bücherlesen und Briefeschreiben waren seither Leidenschaften, mit denen Rosa Luxemburg Freunde gewann, manche Menschen aber auch quälen konnte. Ihre Familie überhäufte sie mit Briefen und erwartete ungeduldig Antworten. »Kaum vermochte sie selbst zu lesen«, wird berichtet, »als sie auch schon begann, es die Hausmädchen zu lehren, die damals in Russisch-Polen fast alle Analphabeten waren. […] Ein rastloser Tätigkeitsdrang beseelte sie, und zu jeder Beschäftigung stellte sie sich sehr geschickt an, ob sie nun Puppenkleider nähte, Handarbeiten machte oder neben dem Schreiben und Lesen ihrer vor allem geliebten Zeichenkunst oblag. […] Mit sechs Jahren las und schrieb sie geläufig und war Leserin und fleißige Mitarbeiterin einer Kinderzeitung. Nicht viel später versuchte sie sich im Übersetzen von russischen Gedichten ins Polnische und dichtete selbst in dieser Sprache.«34 Den »Pan Tadeusz«, das polnische Nationalepos von Adam Mickiewicz, konnte Rosa Luxemburg bereits als Kind deklamieren.

Bis zum 9. Lebensjahr wurde Rosa Luxemburg zu Hause unterrichtet. Ab 1880 besuchte sie in Warschau das II. Mädchengymnasium. Das war eine gewisse Auszeichnung, da die höheren staatlichen Lehranstalten vorwiegend Kindern aus russischen Beamten- und Offiziersfamilien vorbehalten waren. Für Angehörige polnischer und jüdischer Familien bestand ein besonders enger numerus clausus. Das Bildungswesen beherrschten antisemitische und antipolnische Reglements zugunsten der Zöglinge der Teilungsmacht Rußland, die nach der Niederschlagung des polnischen Aufstandes von 1863/64 durch weitere Russifizierungsmaßnahmen verschärft wurden. Die Unterrichts- und Behördensprache war Russisch. Auch untereinander durften die Schülerinnen nicht polnisch sprechen. Für den Religionsunterricht wurden sie nach Bekenntnissen in römisch-katholische, russisch-orthodoxe und jüdische Gruppen getrennt. Die wenigen jüdischen Schülerinnen erfuhren dadurch eine zusätzlich demütigende Isolierung.

Ein Gedicht, das Rosa Luxemburg in polnischer Sprache verfaßt hatte, ging dennoch unter ihren Mitschülerinnen und auch in anderen Lehranstalten von Hand zu Hand und rief heiße Dispute hervor. Es wurde von ihrer Mitschülerin Jadwiga Sikorska wie auch von deren Schwester Helena aufbewahrt.

Für diejenigen fordere ich Strafe,

die heute satt sind, die in Wollust leben,

die nicht wissen, nicht fühlen,

unter welchen Qualen Millionen ihr Brot verdienen.

 

Ich empfinde Schmerzen beim Anblick eines frohen Gesichtes,

eines frohen Lachens,

weil diejenigen, die der Armut und

der Unwissenheit preisgegeben, weder Lachen noch Frohsinn kennen.

 

Ich möchte alle Leiden, alle verborgenen, bitteren Tränen

den Satten auf ihr Gewissen laden,

ihnen alles mit schrecklicher Rache heimzahlen.35

 

Als 1884 ein Besuch des deutschen Kaisers Wilhelm I. in Warschau bevorstand, schrieb sie in polnischer Sprache ein Spottgedicht:

Zu Kaiser Wilhelms Ankunft.

Endlich werden wir Dich sehen, Mächtiger des Westens,

Das heißt, solltest Du in des Sachsen Garten kommen,

Denn ich besuche Euere Höfe nicht.

Es liegt mir nämlich an Eueren Ehrenbezeigungen gar nichts.

Doch wissen möchte ich, was Ihr dort schwatzt.

Mit dem »Unserigen« sollst Du ja »per Du« sein.

In bezug auf Politik bin ich noch ein dummes Schaf,

Drum will ich überhaupt mit Dir nicht viel reden.

Nur eines möchte ich Dir, lieber Wilhelm, sagen:

Sage Deinem listigen Lumpen Bismarck,

Tue es für Europa, Kaiser des Westens,

Befiehl ihm, daß er die Friedenshose nicht zuschanden macht.36

Der vielseitig begabten Róża fiel das Lernen leicht. Während der gesamten Schulzeit war sie stets die beste Schülerin. »Doch wurde ihr trotzdem nach der Absolvierung die ihr dafür gebührende goldene Medaille nicht zuerkannt, weil ihr Oppositionsgeist die Direktion gegen sie aufgebracht hatte.«37 Über einen dieser »Skandale«, der sich zwischen Rosa Luxemburg und dem Lehrer für russische Literatur und Sprache, Afanasjew, ereignet hatte, berichtete Jadwiga Sikorska: Rosa »schrieb eine sehr gute Übung, wahrlich von einem ungewöhnlich geistigem Flug der Gedanken. Diese Übung bestand aus drei, wörtlich drei, Versen, während uns das diktierte Schema eine ganze Heftseite umfaßte! Man muß Afanasjew damals gesehen haben, als er diese Übung laut in der Klasse vorlas, um die kühne und aufsässige Schülerin zu rügen, die gewagt hatte, selbständig zu denken und damit ihren Mitschülerinnen ein sehr schlechtes Beispiel gab, und gleichzeitig ihren Lehrer mißachtete. Er brüllte vom Katheder, war wütend. Auf seiner Stirn zeigten sich wie gewöhnlich grimmige Falten. Er verlor einfach die Fassung! Und das um so mehr, als die Delinquentin sich nicht aus der Fassung bringen ließ. Sie verteidigte ihre Thesen ganz ruhig, sogar mit einem Lächeln, und antwortete mit treffenden Argumenten, die jedoch das Gehirn Afanasjews überhaupt nicht erreichten. Wir alle haben dagegen unsere Bewunderung für diese Übung nicht verhehlt.«38

Im Sommer 1887 hielt Rosa Luxemburg ihr Abschlußzeugnis in der Hand: »Der pädagogische Rat des II. Frauengymnasiums […] stellte der Schülerin des genannten Gymnasiums, Rosalie Luxenburg, 17 Jahre alt, von mosaischer Konfession, das Attest aus, daß sie in die 1. Klasse dieses Gymnasiums eingetreten, bis zur vollständigen Beendigung des Schulkursus (7 Klassen) und zwar bis zum 14. Juni 1887 darin blieb. Sie hat bei ausgezeichnetem Betragen am endgültigen Examen folgende Noten erhalten: Religion – 5; Russische Sprache – 4; Pädagogik – 5; Polnische Sprache – 5; Deutsche Sprache – 4; Französisch – 4; Arithmetik – 5; Algebra – 5; Geometrie – 5; Allgem. Geographie – 4; Geographie Rußlands – 5; Naturwissenschaften – 5; Allgem. Geschichte – 5; Russische Geschichte – 4; Physik – 5; Kosmographie – 5; Kalligraphie – 5; Zeichnen – 5; Weibl. Arbeiten – 5. (5 = ausgezeichnet; 4 = sehr gut).

Da Rosalie Luxenburg mit sehr guten Leistungen im Allgemeinen den vollständigen Kursus absolviert hat, so hat der pädagogische Rat bestimmt, ihr dieses, mit den nötigen Stempeln und Unterschriften versehene Attest zu gewähren.«39

Nach den Erinnerungen von Julian Marchlewski bekam Rosa Luxemburg die goldene Medaille nicht, weil die Vorsteherin des Warschauer Mädchengymnasiums ihre »politische Zuverlässigkeit« bezweifelte. Rosa Luxemburg gehörte einem Kreis von Gymnasiasten und Studenten an, in dem »man von der Partei ›Proletariat‹ herausgegebene Broschüren las und von der Tätigkeit unter den Arbeitern schwärmte«40. Die Sozialrevolutionäre Partei »Proletariat«, bekannt geworden als »I. Proletariat« oder »Großes Proletariat«, war im Herbst 1882 in Warschau unter Leitung Ludwik Waryńskis gegründet worden. Ihr Programm war marxistisch orientiert; es rief zum Kampf gegen die Bourgeoisie und den Zarismus auf und ging davon aus, daß dieser Kampf um die Befreiung in engem Bündnis mit der Arbeiterklasse anderer Länder, insbesondere Rußlands, geführt werden mußte. Die Partei gab in Polen illegal die Zeitschrift »Proletariat« heraus, in der Schweiz erschienen »Przedświt« (Morgenröte) und »Walka Klas« (Klassenkampf), die ins Land geschmuggelt und illegal vertrieben wurden. Die Partei wurde durch eine Verhaftungswelle in den Jahren 1883/84 geschwächt und 1886 von den zaristischen Behörden endgültig zerschlagen. Vier Funktionäre wurden im Januar 1886 auf den Festungswällen der Warschauer Zitadelle gehängt, viele Verhaftete zu langjähriger Zwangsarbeit oder Verbannung verurteilt, die mancher von ihnen nicht überlebte. Auch Ludwik Waryński wurde 1883 verhaftet und starb 1889 im Kerker.

In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts bildeten Jugendliche in fast allen größeren Lehranstalten Warschaus illegale Zirkel, die gegen die Russifizierung des Schulwesens und andere Repressalien gegen die polnische Bevölkerung opponierten. In diesen Zirkeln eignete man sich Wissen über die nationale Geschichte an, las verbotene Werke polnischer Dichter und auch sozialistische Schriften. »Man las zu viel […], und vor allem las man viel zu chaotisch, ohne System, so daß man nicht alles zu ›verdauen‹ imstande war«41, erinnerte sich Adolf Warski, der zusammen mit Julian Marchlewski einem solchen Zirkel angehörte und wie dieser einige Jahre später zu den politischen Weggefährten Rosa Luxemburgs zählte.

Wie Julian Marchlewski und Adolf Warski gewann auch Rosa Luxemburg durch das Studium verbotener Literatur erste Anregungen zum kritischen Nachdenken über die politisch und sozial unerträglichen Zustände in ihrer Heimat, in der in den achtziger Jahren erneut Judenpogrome furchtbare Angst und Schrecken verbreiteten. Mit zehn Jahren hatte sie Weihnachten 1881 das erste Mal einen Pogrom erlebt, der tagelang im Warschauer Ghetto wütete, viele Juden wurden verletzt und getötet, Tausende Familien erlitten Verluste und wurden gedemütigt. Auch die Zlotastraße, in der die Luxemburgs wohnten, wurde von einer großen schreienden und plündernden Horde heimgesucht.

Dieses schreckliche Kindheitserlebnis vergrub Rosa Luxemburg tief in sich; sie verdrängte es vermutlich, indem sie sich schon in jungen Jahren stolz und ehrgeizig vornahm, sich für ein Leben einzusetzen, in dem solche unmenschlichen Exzesse unmöglich sein sollten. Selbstbewußt schrieb sie in einer Widmung für eine Schulfreundin: »Mein Ideal ist eine solche Gesellschaftsordnung, in der es mir vergönnt sein wird, alle zu lieben. Im Streben danach und im Namen dieses Ideals werde ich vielleicht einmal imstande sein zu hassen. Du wirst das nie können und bist ganz umsonst so früh zur Welt gekommen.«42

Ob sich Rosa Luxemburg schon während ihrer Gymnasialzeit oder erst nach Abschluß der Schule einem illegalen Zirkel anschloß, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Verbürgt ist, daß sie zu einem Kreis von Gymnasiasten, Studenten und Arbeitern gehörte, der der Gruppe Kazimierz Szczepańskis und Ludwik Kulczyckis an der Handelsschule von Kronenberg nahestand.43 Diese wiederum besaß Kontakte zu einigen nach Genf emigrierten Mitgliedern der Partei »Proletariat I« und besorgte sich von dort sozialistische Schriften.

Um die Jahreswende 1887/88 versuchten junge polnische Sozialisten wie Szczepański und Kulczycki, die Partei »Proletariat« wieder aufzubauen. Nach der Rückkehr von Ludwik Kulczycki aus Genf im Januar 1888 vereinte sich der »Kronenberger« Intelligenzzirkel mit einem von Adam Dabrowski, einem Mitstreiter Ludwik Waryńskis, geleiteten Arbeiterzirkel, dem Julian Marchlewski angehörte. Damit entstand der Grundstein für eine neue sozialistische Organisation, die sich wie ihre Vorgängerin »Proletariat« nannte und als »II. Proletariat« in die Geschichte eingegangen ist. Zum Entstehen dieser neuen Partei trug auch eine weitere Gruppe Warschauer Arbeiter bei, die als Arbeiterkomitee vom Dachdecker Marcin Kasprzak geleitet wurde, der aus dem Posener Gefängnis geflohen und konspirativ nach Warschau gekommen war.

Über die Orientierung der neuen Partei gab es natürlich Auseinandersetzungen. Kulczycki strebte eine illegale terroristische Kampforganisation ähnlich der »Narodnaja Wolja« an, während Kasprzak den individuellen Terror ablehnte und eine Massenorganisation etwa nach dem Vorbild der deutschen Sozialdemokratie schaffen wollte, von der er in Posen beeinflußt worden war. Zudem standen sich extremer Nationalismus und proletarischer Internationalismus, wie ihn Kasprzak verfocht, gegenüber.

Rosa Luxemburg fühlte sich wie Adolf Warski und Julian Marchlewski zur Gruppe um Marcin Kasprzak hingezogen. Die Partei wuchs und gewann dank reger Agitation an Einfluß. 1888 organisierte sie einige Streiks in Warschau. Die zaristische Geheimpolizei kam ihr jedoch bald auf die Spur. Im Herbst 1888 setzten Verhaftungen ein, denen bis zum Dezember ca. 40 Mitglieder der Partei »II. Proletariat«, darunter Ludwik Kulczycki und Kazimierz Szczepański, zum Opfer fielen. Die Verhaftungs- und Verfolgungswelle bedrohte auch Rosa Luxemburg. Sie mußte sich eine gewisse Zeit in der Provinz verstecken. »Von dort ging sie nach einer schweren Lungenentzündung im Frühjahr 1889 mit Hilfe Kasprzaks […] illegal über die Grenze.«44

Der Weg in die politische Emigration fiel ihr gewiß nicht leicht, war jedoch ein entscheidender Schritt zu ihrer Emanzipation als Frau. Wie ihre älteren Brüder, die höhere Schulen absolvierten, vor allem wie Józef, der Medizin studierte, wollte auch sie einen akademischen Beruf ausüben und ein selbstbestimmtes Leben führen. Während an den Universitäten ihres Landes keine Frauen zugelassen waren, bot sich in Westeuropa die Chance, ein Studium aufzunehmen. Um diese wahrnehmen zu können, hatte sie sich bereits am 15. März 1888 einen polnischen Paß ausstellen lassen.

AUFBRUCH

1889–1897

Ich bin wirklich schon ganz erwachsen

Rosa Luxemburg wählte als Emigrationsland die Schweiz, eine föderative demokratische Republik mit voller Glaubens- und Kultusfreiheit. Wie sie dorthin gelangte, ist nicht belegt. Am häufigsten taucht in der Literatur die Version aus Paul Frölichs Biographie auf. Danach organisierte Marcin Kasprzak die Flucht. Ein katholischer Pfarrer soll Rosa Luxemburg in einem Bauernwagen, im Stroh versteckt, über die russischdeutsche Grenze geschmuggelt haben, nachdem Kasprzak ihm versicherte, das jüdische Mädchen wolle ohne Wissen ihrer Angehörigen im Ausland Christin werden.1

Am 18. Februar 1889 meldete sich Rosa Luxemburg in Oberstrass, das 1893 von Zürich eingemeindet wurde, an und bezog ein Zimmer in der Nelkenstraße 5. In den folgenden Jahren wechselte sie öfter das Quartier, von 1892 bis 1896 wohnte sie in der Gemeinde Hottingen, u. a. in der Plattenstraße, 1896 zog sie wieder zurück nach Oberstrass, dieses Mal in die Universitätsstraße 77.2

Zürich, an der Limmat und an dem sich weit ins Land erstreckenden See gelegen, umgeben von bewaldeten Höhen und imposanten Bergketten, hatte Ende des 19. Jahrhunderts 115 000 Einwohner. Neben den etwa 30 000 Ausländern, darunter 22 000 Deutsche, gaben mehr als 500 Professoren und Studenten und zahlreiche Künstler aus verschiedenen Ländern der bürgerlichen Idylle ein besonderes Flair. Poeten und Literaten wie Conrad Ferdinand Meyer, Gottfried Keller, Ricarda Huch oder der weithin bekannte Historiker Jacob Burckhardt belebten die Kulturszene, die sich sowohl eidgenössisch eng als auch kosmopolitisch weit präsentierte. Theater, Museen, Bibliotheken, Lesehallen und Klubs boten vielfältige Möglichkeiten für erbaulichen und kritischen Kunstgenuß. Vom »heiteren, gottbegnadeten Zürich« schrieb Rosa Luxemburg später in bester Erinnerung an dort lebende Freunde.3

Die »Neue Zürcher Zeitung« mit Gustav Vogt als Chefredakteur galt als »vornehmstes Organ der deutschen Schweiz«4. Ihr Pendant war die »Arbeiterstimme« der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz. Viele emigrierte deutsche Sozialdemokraten fanden bei den Züricher Genossen solidarische Unterstützung. Das Vereins- und Kosthaus »Eintracht« am Neumarkt5 war das Zentrum der gesellschaftlichen, kulturellen und karitativen Aktivitäten des gleichnamigen Arbeiter-Bildungsvereins.

In diesem Sozialistenklub gab es eine gut ausgestattete Bibliothek, einen Lese- und einen Hörsaal. Hier begegnete Rosa Luxemburg deutschen Sozialdemokraten. Robert Seidel und Frau Mathilde, Carl und Olympia Lübeck mit Sohn Gustav oder Jakob Heusser, der Geschäftsführer der Buchhandlung des Schweizerischen Grütlivereins, zählten bald zu ihren nahen Bekannten und Freunden. Robert Seidel war bereits 1870 aus Sachsen in die Schweiz übergesiedelt und wurde 1890 Redakteur der »Arbeiterstimme«.

Zürich war ein Sammelpunkt für politische Emigranten. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts lebten hier zahlreiche russische Revolutionäre. Sie waren in Rußland schon des öfteren eingekerkert oder verbannt gewesen und wollten nun von der Schweiz aus den Sturz des Zarenregimes gründlich vorbereiten. Die Zentralfigur der russischen Kolonie in Zürich war Pawel Axelrod. 1850 geboren, hatte er in den 70er Jahren an der Volkstümlerbewegung teilgenommen, zählte 1883 zu den Mitbegründern der marxistischen Gruppe »Befreiung der Arbeit«, an deren Spitze Georgi Plechanow stand. Seinen Lebensunterhalt verdiente sich Axelrod u. a. mit der Herstellung von Kefir, der später vom Eidgenossenschaftlichen Amt für geistiges Eigentum als »Axelrods Joghurt« patentiert wurde. Zu Pawel Axelrod und der russischen Kolonie fand Rosa Luxemburg rasch Kontakt.

In der Bibliothek des Polenmuseums im Schloß Rapperswil bei Zürich, die eine umfangreiche Sammlung polnischen Schriftguts besaß, traf Rosa Luxemburg gewiß auf Landsleute. Bereits vor ihr hatten z. B. Zofia Daszyńska und Mieczyslaw Hartmann in Zürich Zuflucht gesucht. Seit 1887 existierte ein polnischer Studentenverein.

Zürich zerfiel damals »in zwei ganz scharf geschiedene Teile: die alte Stadt liegt am See, und die Universität mit Studenten- und Professorenviertel oben am Berge. Und beide haben sehr wenig Gemeinsames. Unten am See wohnt der Züricher Groß- und Kleinhandel, hält sich der Schweizer Patrizier reich und ablehnend in schönen, alten Häusern; oben am Berg wohnt ein buntes internationales Völkchen in Mietshäusern, und selbst der Verkehr der Universitätsprofessoren – sofern sie nicht eingesessene Schweizer sind – geht selten in das untere Zürich hinab, […] in Zürich-Oberstrass wohnt ja in fast jedem Haus ein studierendes Männlein oder Fräulein, wo nicht gar eine ganze Colonie, und viele der Zimmervermieter hier wie anderswo lassen – solange die Einwohner nur zahlen und nicht alles auf den Kopf stellen – fünf und sieben und sogar neun gerade sein.«5

Die Universität und das Polytechnikum waren besondere Anziehungspunkte, weil sie Männern und Frauen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, ihrer Nationalität, ihrem Heimatland oder ihrer politischen Bindung günstige Ausbildungsmöglichkeiten boten. Hier lehrten international ausgewiesene Professoren der Natur-, Staats- und Sozialwissenschaften, gediehen in einem liberalen Klima Innovationen für Kultur, Wirtschaft und Technik.

Am 19. Oktober 1889 schrieb sich Rosa Luxemburg an der Universität zum Studium der Naturwissenschaften ein. Im Wintersemester 1889/90 belegte sie Vorlesungen in Allgemeiner Zoologie und einen zoologisch-mikroskopischen Übungskurs. Sie besaß von klein auf eine Vorliebe für Pflanzen und Tiere.

Die gerade achtzehnjährige war vielseitig begabt und interessiert und stillte mit Feuereifer ihren ungestümen Bildungsdrang. Neben einem umfangreichen Allgemeinwissen im Gymnasium hatte sie in der Familie und in illegalen Zirkeln Kenntnisse über die Geschichte und die Literatur des polnischen Volkes erworben. Besonders liebte sie die Dichtung von Adam Mieckiewcz und die Musik von Fryderyk Chopin. Sie beherrschte mehrere Sprachen und war mit der Geschichte und Kultur jener Länder vertraut, in denen russisch, deutsch, französisch und englisch gesprochen wurde. Den erhalten gebliebenen Quellen zufolge schrieb sie perfekt polnisch, russisch und französisch, ihr Deutsch war fast fehlerfrei. Auch der englischen Sprache war sie mächtig.

Rosa Luxemburg zählte sich mit Witz und Humor zu den kleinen Leuten, wenngleich ihr die etwas unproportionierte Gestalt manchen Kummer bereitete. Auch engste Freundinnen schilderten sie als klein. Fürs erste falle sie höchstens durch ihre etwas hinkende Gangart auf, die sie in der Öffentlichkeit krampfhaft zu vermeiden suchte, schrieb Henriette Roland Holst.6 Sie wäre unscheinbar gewesen, meint Luise Kautsky, »hätten nicht ihre schönen, leuchtenden Augen, das feine Oval des Gesichts, der schöne Teint und das reiche dunkle Haar sowie hauptsächlich der Ausdruck von Intelligenz sie verschönt«7. Sie hatte einen unverhältnismäßig großen Kopf und ein »typisch jüdisches Gesicht mit einer dicken Nase«, bemerkte der jüdische Sozialistenführer John Mill; »auf den ersten Blick machte sie keinen günstigen Eindruck, aber man brauchte nur kurze Zeit bei ihr zu sein, da sah man schon, wieviel Leben und Energie in der Frau steckte, wie klug und scharfsinnig sie war, auf welch hohem geistigen Niveau sie sich bewegte«8. Dank ihres Intellekts, ihres Charmes und ihres Temperaments nahm sie fast alle ihre Mitmenschen schlagartig für sich ein.

Rosa Luxemburg dürfte es nicht schwergefallen sein, sich im Kreis der Studenten und Emigranten in Zürich einzuleben. Im Oktober 1889 zog sie in der Nelkenstraße von der Nr. 5 in die Nr. 12, zur Familie Lübeck, wo sie sich schnell heimisch fühlte. Carl Lübeck war als Redakteur u. a. an Dr. Johann Jacobys »Zukunft« tätig gewesen und dann in die Sozialdemokratie eingetreten. Er hatte Deutschland 1872 während des Leipziger Hochverratsprozesses gegen die Führer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei August Bebel und Wilhelm Liebknecht sowie den Redakteur des »Volksstaats« Adolf Hepner verlassen müssen, da er bei seinem angegriffenen Gesundheitszustand eine Inhaftierung nicht überstanden hätte. In der Schweiz war er als freier Schriftsteller und Journalist für verschiedene Zeitungen tätig. Durch eine Lähmung an den Rollstuhl gefesselt, fiel es ihm immer schwerer, den Unterhalt für seine Familie aufzubringen. Der gute Geist des Hauses war Frau Olympia. »Ebenso fleißig und gewissenhaft als er, war sie dabei energisch, lebhaft und witzig«, erinnerte sich Karl Kautsky. »Eine leidenschaftliche, revolutionäre Polin, verstand es Frau Olympia, ihr Haus zu einem geselligen Zentrum der polnischen und darüber hinaus der slawischen Emigration in der Schweiz zu machen. Diese Gesellschaft interessierte mich und zog mich an. Es war ein sehr lebhaftes, oft lautes Treiben, das sich da im Lübeckschen Hause entwickelte, neben dem stillen Hausvater, der in eine Ecke geschoben schweigend zusah, aber durchaus nicht verdrossen, sondern stets mit einem befriedigten, gütigen Lächeln. Denn er liebte den Frohsinn in seinem Hause, und je weniger er selbst dazu beitragen konnte, um so mehr freute er sich, wenn andere durch ihre zuversichtliche Heiterkeit es erfüllten.«9 Diese Atmosphäre half Rosa Luxemburg, in der Fremde zurechtzukommen. Sie plauderte gern mit dem Hausherrn, der ihr zudem Kenntnisse über die deutsche Arbeiterbewegung vermittelte, und sie schrieb nach seinem Diktat Artikel, mit denen der Kranke Geld verdienen konnte.

Ihre Studien betrieb Rosa Luxemburg in der Universitätsbibliothek und in der Bibliothek im Vereinshaus »Eintracht«, in der Polen-Bibliothek in Rapperswil, bald auch in Genf und anderen Orten der Schweiz. Im Frühjahr 1892 weilte sie auch bereits einmal in Berlin, weil sie in der Preußischen Staatsbibliothek recherchieren wollte.

In Warschau hatte Rosa Luxemburg durch illegale Agitation und Zirkeltätigkeit erste Anhaltspunkte über die Ziele der sozialistischen Partei »II. Proletariat« erhalten. Schriften und Diskussionen regten sie an, sich intensiver für sozialistische Theoretiker und für die Organisationspraxis in der Arbeiterbewegung zu interessieren. Welche Werke von Marx und Engels sie in den ersten Studienjahren kannte und wieviel sie über die Entwicklung der internationalen Arbeiterbewegung wissen konnte, wird nicht selten überschätzt. Für ihren weiteren Lebensweg war entscheidend, daß sie sich gegenüber Neuem aufgeschlossen zeigte, ein Gespür für Widersprüche in der Gesellschaft besaß und willens war, sich für ihre Ideale zu engagieren.

Beeile Dich, teures Gold, so schnell wie möglich

Im Jahre 1890 trat mit Leo Jogiches ein Mann in ihr Leben, der ihr mit dem durchdringenden Blick seiner blauen Augen, dem schmalen, markant profilierten Gesicht unter rotblondem Lockenschopf, mit seiner Selbstsicherheit und dem sinnlichen Reiz seines männlichen Charmes von der ersten Begegnung an gefiel. Leo Jogiches nahm ab Dezember 1890 seinen festen Wohnsitz in Zürich und schrieb sich im Wintersemester an der Universität für Allgemeine Botanik und Allgemeine Zoologie ein. Neugierig beobachtete Rosa Luxemburg den vier Jahre älteren interessanten Mann, der Russisch sprach, darauf bedacht war, sich sehr präzis auszudrücken, in Gesprächen aber lieber zuhörte, seine Partner musterte und seltener durch besondere Lebhaftigkeit fesselte. Dennoch schien er voller Tatendrang und bereits durch besondere Erfahrungen geprägt.

Leo Jogiches lebte in der Schweiz unter dem Pseudonym Grosowski (Grozowski, Grosovski). Er stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Familie und hatte sich bereits seit einigen Jahren darum bemüht, jüdische Arbeiter und Intellektuelle für den Kampf gegen den Zarismus zu gewinnen und zu organisieren. Aus seiner Heimatstadt Wilna mußte er fliehen, da ihm die zaristische Gendarmerie auf den Fersen war. Im Rundschreiben des Petersburger Polizeidepartements vom 11. (23.) Juni 1890 hieß es: »Der Wilnaer Bürger Lew Samuilow Jogiches, der als Angeklagter zur Untersuchung eines Staatsverbrechens herangezogen und auf höchsten Befehl am 26. April (8. Mai) 1889 mit vier Monaten Gefängnis bestraft wurde und anschließend für ein Jahr in seinem Heimatort unter öffentliche Polizeiaufsicht gestellt war, wurde zum Militärdienst einberufen und sollte zu den Truppen des Turkestaner Militärbezirks beordert werden. Am 27. Mai (8. Juni) dieses Jahres flüchtete er jedoch von dem Sammelpunkt in Wilna und konnte durch die eingeleiteten Maßnahmen bis jetzt nicht aufgegriffen werden.

Von der genannten Person verfügt das Polizeidepartement über folgende Angaben, die für die Ergreifung dienlich sein können: Jogiches, Lew Samuilow, geboren 1867 in der Stadt Wilna, jüdischen Glaubens, Bürger von Wilna, besuchte das I. Wilnaer Gymnasium, das er ohne Abschluß aus der 6. Klasse verließ; danach befaßte er sich mit der Verwaltung des Hauses und einer Mühle in der Stadt Wilna, die unteilbar ihm und seiner Mutter sowie zwei Brüdern gehören; er ist unverheiratet, seine Mutter ist Witwe und heißt Sofia Pawlowa, seine Brüder sind: Pawel, der wegen Krankheit ohne Beschäftigung ist, und Ossip, der Apothekergehilfe ist, sowie die Schwester Emilia; sie leben alle zusammen in der Stadt Wilna auf der Poplawskaja-Straße im Hause von Gordon.«10

Daß sich an seiner Seite ständig eine junge, attraktive Frau befand, beunruhigte Rosa Luxemburg. Es war Anna Gordon, die als Mitglied der sozialistischen Bewegung ebenfalls aus Wilna nach Zürich geflüchtet war und zu studieren begann. Überhaupt umgab Leo etwas Geheimnisvolles, das Rosa zunächst rätseln ließ. In ihrem Wesen, ihren Veranlagungen und speziellen Neigungen unterschieden sich beide; im leidenschaftlichen Engagement für die Befreiung von sozialer und nationaler Unterdrückung, von rassischer, religiöser und geistiger Intoleranz wiederum ähnelten sie sich. Gegensätze wie Gemeinsamkeiten sorgten dafür, sich gegenseitig im Auge zu behalten. Es dauerte nicht lange, und Rosa Luxemburg war in den stattlichen, selbstbewußten und klugen Mann verliebt. Auch Leo Jogiches fing bald Feuer für sie. Durch seine weit günstigere finanzielle Situation erleichterte er ihr das studentische Leben, da sie von zu Hause kaum unterstützt werden konnte.

Er war der erste, der Rosa Luxemburg auf ganz natürliche Weise politische Erfahrungen vermittelte, ohne wie die älteren Emigranten Erlebtes legendär zu überhöhen oder belehrend zu verklären. Leo Jogiches gab ihr auch früh einen Begriff von der Kunst und den Gefahren der Konspiration, die er dank seines Organisationstalents schon in jungen Jahren meisterte. Es faszinierte sie, wenn er berichtete, wie man mit Geheimschrift und unsichtbarer Tinte umgeht, Pässe fälscht, Streiks organisiert, den Druck und Vertrieb von Agitationsmaterialien bewerkstelligt, Literatur und Leute über die Grenze schmuggelt, Menschen im Untergrund aufmuntert, wie es gelingen kann, aus der Armee oder aus Gefängnissen zu fliehen, und was es im Ernstfall heißt, schweigen zu können bzw. zu müssen. Von vornherein bestand er darauf, auch ihre Liebesbeziehungen geheimzuhalten. Rosa Luxemburg ging darauf ein und spielte mit; bis Ende der 90er Jahre betonte sie gegenüber ihren Angehörigen und Freunden stets, völlig allein und selbständig zu leben. Vielleicht war sie zunächst froh, Vater und Mutter nicht begreiflich machen zu müssen, wider alle Konventionen eine Lebensgemeinschaft ohne Trauschein zu führen. Aber die Verschwiegenheit beschwor mit den Jahren auch manche Unannehmlichkeit und manchen Konflikt herauf.

Das erste Mal verliebt zu sein und innig geliebt zu werden machte Rosa so glücklich, daß sie Nadina und Boris Kritschewski aus Genf übermütig mit »kleine Freunde« anschrieb. Sie konnte sich sofort deren boshaftes Lachen vorstellen, denn die beiden älteren Freunde waren größer als sie, und beteuerte, sie sei »wirklich schon ganz erwachsen« und »stolz darauf«.11 Dieser Jubel entsprang dem Lebensrausch der Liebe, der sie im Sommer 1891 beglückte, als sie sich mit Leo – fernab von allen Bekannten – in Genf aufhielt. Die Erinnerung an jene herrliche Zeit ließ sie auch später immer wieder besonders für den Genfer See und seine Gestade schwärmen. Wie Balsam gösse sich hier jedesmal die Luft und Ruhe und Heiterkeit in ihre Seele.12

»Über Genf im allgemeinen werde ich Ihnen nicht schreiben«, bemerkte Rosa Luxemburg in ihrem Brief an die Kritschewskis. »Sie kennen es selbst. Mir gefällt es 1. als eine schöne Stadt von europäischem Aussehen, 2. durch das Fehlen von etwas in der Art der Oberstrass. Es geht mir hier im großen und ganzen sehr gut – ich arbeite fleißig und pflege die Bekanntschaft mit interessanten Leuten. Nur an den Sonntagen wandern meine ›sehnsuchtsvollen Gedanken‹ zur Oberstrass und ich ›begleite‹ Euch alle, meine Lieben, gegen Abend zu Axelrods – zu Kefir und Hering. […] Ich war in Mornex, aber ich gehe nicht wieder hin, weil Plechanow mir zu entwickelt, d. h. besser gesagt zu gebildet ist. Was kann ihm ein Gespräch mit mir geben? Er weiß alles besser als ich, und solche originellen, spontanen ›Ideen‹, wissen Sie, die kann ich nicht hervorbringen, und ehrlich gesagt, ich lege auch keinen großen Wert darauf. Ich habe Pl[echanow] gern bei den Axelrods aus der Ecke angesehen, einfach nur sehen, wie er spricht, wie er sich bewegt, sein Gesicht zu betrachten – es gefällt mir außerordentlich. Aber nach Mornex fahren und mich in die Ecke setzen und ihn bewundern, das geht nicht. – Und Wera [Sassulitsch] kann irgendwie nicht reden. Aber sie ist ein prachtvoller Mensch.«13

Georgi Plechanow und Wera Sassulitsch mußten sich in dem kleinen französischen Grenzort Mornex aufhalten, weil sie nach einer Bombenexplosion in den Bergen bei Zürich im März 1889 als unerwünschte Ausländer aus der Schweiz ausgewiesen worden waren, ohne in den Vorfall verwickelt gewesen zu sein. Plechanows Frau durfte in Genf wohnen bleiben. Das Ehepaar war 1880 aus Rußland nach Genf emigriert. Hier hatte Georgi Plechanow 1883 zusammen mit Pawel Axelrod, Wera Sassulitsch, Lew Deutsch und Wassili Ignatow die erste Organisation russischer Marxisten, die Gruppe »Befreiung der Arbeit«, gegründet. Inzwischen war er ein international geachteter Theoretiker, der sich obendrein durch die Übersetzung und Verbreitung mehrerer Schriften von Marx und Engels sowie von Sozialisten u. a. aus Deutschland und Frankreich Anerkennung erwarb. Für seine »Bibliothek des modernen Sozialismus« und seine »Arbeiterbibliothek« fehlte es ihm jedoch häufig an Geld.

Rosa Luxemburg zollte Plechanow großen Respekt, seit sie ihn persönlich kennengelernt hatte. Leo Jogiches führte der Weg 1891 zu ihm, weil er in der Gruppe »Befreiung der Arbeit« mitarbeiten und auf die Gründung einer Arbeiterpartei in Rußland energisch hinwirken wollte. Im Unterschied zu Plechanow, der seinen Lebensunterhalt zuweilen mit Adressenschreiben verdienen mußte und für die Herausgabe von Publikationen auf Spenden angewiesen war, besaß Jogiches 15 000 Rubel. Er wollte jedoch nicht nur Geld einbringen dürfen, sondern verlangte, als Parteimitglied gleichberechtigt gehört zu werden und auch in inhaltlichen Fragen mitbestimmen zu können. Der zehn Jahre ältere und auf seine Autorität eitel bedachte Plechanow lehnte Jogiches’ Forderungen strikt ab. Er fand es von diesem »Emporkömmling«, diesem »Ehrgeizling« arrogant und empörend, sein politisches Ansinnen mit dem finanziellen Druckmittel durchsetzen zu wollen.14 Die gegenseitigen Vorbehalte wurden nie abgebaut. Leo Jogiches begründete nach der ersten unersprießlichen Begegnung mit dem »Alten« das Verlagsunternehmen »Sozialdemokratische Bibliothek«, das von 1892 bis 1895 bestand. Es brachte Plechanow noch mehr in Harnisch, denn Jogiches gab »Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte«, übersetzt von Boris Kritschewski, und einige andere Schriften von Marx heraus, druckte in russisch von Karl Kautsky »Das Erfurter Programm« sowie Schriften über Arbeiterkämpfe in England und Belgien.

Ab dem Sommersemester 1892 widmeten sich Rosa Luxemburg und Leo Jogiches ihrem Studium an der Universität Zürich. Rosa hatte 1891/92 zwei Semester ausgesetzt; kurioserweise trug sie sich am 7. Mai 1892 das zweite Mal in die Matrikelbücher der Züricher Universität ein, und seit dem Sommersemester 1893 wurde sie als Studentin der Staatswissenschaften geführt.15 Sie belegte Vorlesungen über Nationalökonomie, Philosophie, Geschichte, Staats- und Verwaltungsrecht.

Ihr besonderes Interesse galt der klassischen politischen Ökonomie von Adam Smith, David Ricardo und anderen und nicht zuletzt dem »Kapital« von Karl Marx. Sie bevorzugte die Lehrveranstaltungen von Julius Wolf, der Geschichte und Theorie der Nationalökonomie, Finanzwissenschaft, Praktische Nationalökonomie, Wirtschafts- und Börsenkrisen und auch ausgewählte Texte von Marx behandelte. 1892 erschien sein Buch »Sozialismus und kapitalistische Gesellschaftsordnung«, das nach seinen eigenen Worten »die schärfste Zurückweisung der wirtschaftlichen Evolutionstheorie des Marx« war und in Rezensionen heftig kritisiert wurde.16

Rosa Luxemburg schätzte den Professor, hatte jedoch, da sie Marx’ Theorie für richtiger hielt, an seiner Lehr- und Forschungsmethode viel auszusetzen. Er zerpflückte ihr die soziale Wirklichkeit zu stark und ordnete sie zu willkürlich und zu schematisch. Es bereitete ihr folglich im Seminar Vergnügen, den Gelehrten z. B. zusammen mit ihrem Studienkollegen Julian Marchlewski in Dispute zu verwickeln. Anatoli Lunatscharski, der ebenfalls bei Wolf studierte, erinnerte sich, wie sie »mit ihrer bissigen und ironischen Beredsamkeit die bürgerlichen Spitzfindigkeiten Wolfs zerschlug, so daß er trotz seiner unbestreitbaren Schlagfertigkeit und außergewöhnlichen Gelehrsamkeit vor all seinen entsetzten schweizerischen Zöglingen plötzlich in der Klemme saß, an den Worten kaute und aus dem Konzept kam. Ich brachte Rosa damals große Achtung entgegen und schwärmte sogar gewissermaßen für sie. […] Schon zu jener Zeit war sie voll und ganz ausgestattet mit gesellschaftswissenschaftlichen Kenntnissen und mit ihrem glänzenden, kühlen Verstand, der sich mit einem feurigen revolutionären Temperament vereinte.«17

Offensichtlich exponierte sie sich mit so viel Können und Charme, daß Wolf ihr seine Anerkennung nicht versagen konnte. »In Zürich lebte ich«, schrieb er 1924, »ganz dem Vorlesungsbetrieb, hielt dem begabtesten der Schüler meiner Züricher Jahre, Rosa Luxemburg, die freilich fertig als Marxistin aus Polen und Rußland zu mir gekommen war, die akademischen Steigbügel, sie machte ihren staatswissenschaftlichen Doktor (mit einer trefflichen Arbeit über die industrielle Entwicklung Polens) bei mir, wie auch die Daszyńska und der später zu politischen Ehren gekommene Marchlewski.«18

Ernsthaftigkeit, Fleiß und Eifer wurden auch Leo Jogiches bescheinigt, der wie Rosa Luxemburg von naturwissenschaftlichen Studien zu ökonomischen und juristisch-staatswissenschaftlichen übergewechselt war. Die meisten Vorlesungen belegten Jogiches, Marchlewski und Rosa Luxemburg bei Julius Wolf und Gustav Vogt, dem ehemaligen Chefredakteur der »Neuen Zürcher Zeitung«. Sie hörten gemeinsam theoretische und praktische Nationalökonomie, Allgemeines Staatsrecht, Allgemeine Verwaltungslehre und Diplomatische Geschichte seit 1815.19

Bronislawa Gutman, Studentin der Biochemie und Mitarbeiterin in einer internationalen Studentenvereinigung, erinnerte sich, wie rührend sich Genossen mit der Bitte an sie wandten, Rosa Luxemburg ein Stipendium zu verschaffen, da sie keine Geldmittel und auch keinen Arbeitsverdienst hätte.20

Ricarda Huch, ebenfalls Studentin an der Züricher Universität und Präsidentin einer Studentinnenvereinigung, imponierte der selbstverständliche Zusammenhalt unter den politischen Emigranten. Sie spürte Vorbehalte russischer Studentinnen ihr gegenüber. »Diese wünschten, daß Vorträge gehalten würden, an die sich Diskussionen knüpften, während ich für zwangloses Zusammensein war. […] Wir wußten, daß die meisten russischen Studenten sehr arm waren und ohne viel Wesen daraus zu machen, sich jede Bequemlichkeit versagten, um studieren zu können, ferner daß diejenigen, die mehr Mittel besaßen oder reich waren, den Bedürftigen mitteilten, als verstehe sich das von selbst. Ich bewunderte das, ohne mich zu einem näheren Verkehr gedrängt zu fühlen. Mir fehlte damals jedes Verständnis für die Russen und ihre Nöte.«21

Leo Jogiches dagegen verstand Rosa Luxemburg ausgezeichnet. Er unterstützte sie finanziell; rasch sprach er polnisch, auch sein Interesse an einer Mitarbeit in der polnischen sozialistischen Bewegung wuchs. Da sie in den ersten Jahren ihrer Liebe die meiste Zeit gemeinsam in Zürich und anderswo verbrachten, gibt es nur wenige Briefe Rosa Luxemburgs an ihn und leider keinen Brief von ihm an sie. Die erhalten gebliebenen Schriftstücke bezeugen, daß sich beide leidenschaftlich liebten und ungeduldig aufeinander warteten, wenn sie sich vorübergehend trennen mußten. »Sowie Du am Mittwoch nicht kommst, flitze ich mit dem Frühzug nach Genf, Du wirst sehen!« schrieb sie am Montag, dem 20. März 1893, aus Clarens, wo sie wunderbare Wochen miteinander verlebt hatten: »Heute nacht weckte mich irgendeine Stimme. Ich horchte – aber ich bin es selbst, die spricht. […] Wach geworden durch die eigene Stimme, wurde mir bewußt, daß es ein Traum war, und ich wurde der traurigen Wirklichkeit gewahr, daß mein Dziodzio weit, weit ist und ich mutterseelenallein bin. Aber in dem Augenblick stieg jemand laut die Treppe nach oben. Noch von dem Traum befangen, kombinierte ich, daß Du da gehst, daß Du mit dem letzten Zug um 1 Uhr nachts gekommen bist (im Traum änderte ich den Fahrplan ein bißchen) und daß Du, um mich nicht zu wecken, zu Dir nach oben schlafen gehst und mir morgen früh eine Überraschung bereitest. Ich lächelte zufrieden und schlief ein. Heute früh stehe ich auf, fliege zu Dir nach oben und – sehe, daß meine nächtlichen Kombinationen nur Traum waren.«22

Vorangestellt hatte sie eines ihrer typischen Stimmungsbilder: »Heute ist es seit dem Morgen ganz grau – zum ersten Mal. Von Regen keine Spur. Der ganze Himmel ist mit Wolken unterschiedlicher Größe und unterschiedlicher Schattierung bedeckt und sieht wie ein tiefes, stürmisches Meer aus. Der See glitzert mit stahlfarbener glatter Oberfläche. Die Berge, vom Dunst verhüllt, sind traurig, der Dent du Midi ist wie im Nebel zu sehen. Die Luft ist mild, frisch und erfüllt vom Duft der Apfelbäume und Gräser. Ringsum Stille, die Vögel zwitschern wie im Traum – leise und gleichmäßig. Ich sitze in der Nähe des Hauses im Gras, unter einem Baum, an dem kleinen Weg, der am Brunnen vorbeiführt. Das Gras wuchert ganz üppig; Blumen, besonders diese großen gelben, in Fülle. Darüber schwirren Bienen in solchen Massen, daß um mich herum ein unaufhörliches Summen. Es duftet auch nach Honig. Ab und zu fliegt ein großer Brummer mit lautem Gesumm drüber hinweg. Mir ist traurig zumute, und gleichzeitig ist mir sehr wohl in der Seele, denn ich liebe solch ein stilles, versonnenes Wetter ungemein. Nur schade, daß es mich eher zum Träumen als zur Arbeit einstimmt. Dziodzio, beeile Dich!«23

Wir haben Nachrichten aus unserem Lande erhalten – wieder sehr gute

Rosa Luxemburg war sehr darauf bedacht, sich aus persönlichen Querelen, die unter den besonderen Lebensbedingungen von Emigranten auch zwischen politischen Flüchtlingen nicht ausbleiben, herauszuhalten. »Es war für mich eine wahre politische Schule, als Verlobte Marchlewskis und als ehemalige Mitschülerin Rosas im II. Warschauer Gymnasium drei Jahre in dieser Gruppe zu sein«, schrieb Bronislawa Gutman. »Von Rosa wurde ich in einen Zirkel von Studentinnen gezogen, mit dem sie politisch arbeitete. Meine Aufgabe war es, unter den emigrierten polnischen Arbeitern, die in Schweizer Fabriken arbeiteten, zu lehren.«24 Den regelmäßigen Informationsaustausch zwischen polnischen und russischen Studenten und Emigranten über Ereignisse in ihren Ländern hielt Rosa Luxemburg für sehr wichtig. Auch an Boris Kritschewski, der in Paris lebte, schrieb sie begeistert, wenn sie neue Nachrichten aus polnischen Gebieten erreicht hatten. Deren gab es viele, denn die polnische Arbeiterbewegung nahm Anfang der 90er Jahre einen Aufschwung. Das imposanteste Beispiel dafür war der 1. Mai 1892, an dem es in einigen Arbeiterzentren zu Demonstrationen und Aktionen kam. Der »Aufstand von Łódź« stand ganz im Zeichen des Kampftages. Etwa 60 000 Arbeiter streikten vom 2. bis 6. Mai 1892 gegen Ausbeutung und nationale Unterdrückung. Zaristisches Militär schlug die Aktionen brutal nieder. Sechs Menschen wurden getötet, etwa 300 verletzt und 350 verhaftet. Rosa Luxemburg verfaßte darüber einen Bericht, der 1893 unter dem Titel »Święto 1 Maja 1892 w Łódźi« gedruckt wurde. Bereits 1892 war in Jogiches’ »Sozialdemokratischer Bibliothek« in Paris »Święto pierwszego maja«, eine Broschüre mit Reden, erschienen, die auf Versammlungen zum 1. Mai 1892 in Wilna und Warschau gehalten worden waren; unter dem Pseudonym R. Kruszyńska hatte Rosa Luxemburg dazu ein Vorwort beigesteuert. Dies war die erste politische Publikation in ihrem Leben; dank Leos Findigkeit und des selbstlosen Einsatzes von Genossen gelangten beide Broschüren in polnische Gebiete, wo sie die Bildung neuer sozialistischer Organisationen und die Vorbereitung weiterer Aktionen unterstützten.

Seit Rosa Luxemburgs Flucht aus Warschau hatte es verschiedene Versuche zur Schaffung proletarischer Organisationen gegeben. Marcin Kasprzak und einige andere nicht eingekerkerte Mitglieder der zerschlagenen Partei »II. Proletariat« setzten den Kampf fort. Kasprzak arbeitete eng mit Julian Marchlewski zusammen, der 1889 den »Związek Robotników Polskich« (ZRP), den Verband polnischer Arbeiter, ins Leben gerufen hatte, 1891/92 aber inhaftiert wurde und danach emigrieren mußte. Rosa Luxemburg bezeichnete diesen Verband später seinem Wesen nach als eine sozialdemokratische Organisation, als »eine gesunde und an Perspektiven reiche Erscheinung, die dem Sozialismus in Polen einen neuen und breiten Entwicklungsweg bahnte«25. Bemühungen polnischer Sozialisten, sich mit russischen und deutschen Klassengenossen zu verbünden, wurden durch Emigrantengruppen in Paris und London erschwert, denen das polnische Volk für Führungsaufgaben in ganz Osteuropa prädestiniert schien, da es zivilisatorisch reifer sei als das russische. Edward Abramowski, der »Grundsätze des Programms der Polnischen Sozialistischen Arbeiterpartei im russischen Okkupationsgebiet« ausgearbeitet hatte, erklärte z. B. in einer Versammlung 1893 in Zürich: Je größer das Land, desto größer der Markt, daher »Polen von der Oder bis zum Dnjepr und von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer«26. Emigranten wie er hatten den Glauben an die revolutionären Kräfte in Rußland verloren und meinten, die polnische Arbeiterklasse müsse zunächst einen unabhängigen polnischen Staat erkämpfen. Diese Überbetonung des Kampfes um die nationale Souveränität lief auf eine Abkehr von der sozialen Revolution und von der Zusammenarbeit mit der Arbeiterklasse der Okkupationsländer, insbesondere Rußlands, hinaus. Im November 1892 gründeten 18 Vertreter verschiedener polnischer Gruppierungen in Paris den »Związek Zagraniczny Socjalistów Polskich« (ZZSP), den Auslandsverband polnischer Sozialisten. Er entsandte Emissäre wie den tonangebenden Stanislaw Mendelson nach Kongreß-Polen, unter deren Einfluß sich im Frühjahr 1893 vor allem in Warschau die Reste des ZRP und des »II. Proletariat« zur »Polska Partia Socjalistyczna« (PPS), zur Polnischen Sozialistischen Partei, zusammenschlossen. Zahlreiche Mitglieder dieser neuen Organisation, insbesondere aus Arbeiterkreisen, bestanden darauf, auch soziale Forderungen zu erheben. Sie lehnten die nationalistischen Losungen in Flugblättern und einer Maifeierbroschüre ab, die durch die Emissäre des Auslandsverbandes polnischer Sozialisten (ZZSP) verbreitet wurden. Statt dessen orientierten sie sich an den Maibroschüren Rosa Luxemburgs. Diejenigen, die für den sozialen Klassenkampf und für die Opposition gegen die Zarenherrschaft eintraten, sprachen sich für eine Kampfgemeinschaft mit den Arbeitern der Okkupationsländer aus, grenzten sich vom Nationalismus der PPS ab und nannten sich »Socjal-Demokracja Polska«, Sozialdemokratie Polens. Sie bildeten den Kern für die Gründung der »Socjaldemokracja Królestwa Polskiego« SDKP, der Sozialdemokratie des Königreiches Polen.

Rosa Luxemburg, Leo Jogiches, Julian Marchlewski und Adolf Warski – die Begründer der SDKP – verständigten sich über die Herausgabe eines Presseorgans für ihre Partei, das illegal nach Polen transportiert werden mußte. Als Verantwortlicher schien Adolf Warski am besten geeignet. Ihn kannte Rosa Luxemburg aus der Zirkeltätigkeit in Warschau; seine Frau Jadwiga war eine ehemalige Schulfreundin. Beide lebten seit Ende 1892 in Paris, nachdem Adolf Warski gegen Kaution aus dem X. Pavillon der Warschauer Zitadelle freigelassen worden war. Er bewerkstelligte, daß im Juli 1893 in Paris die erste Nummer der »Sprawa Robotnicza«, der ersten polnischen sozialistischen Zeitung, erschien. International sofort beachtet, grenzte sie sich entschieden von der PPS und deren nationalistischen Anschauungen ab. Am 30. Juli 1893 wurde sie von der Warschauer Versammlung, die als Gründungsdatum der SDKP in die Geschichte eingegangen ist, als ihre Zeitung anerkannt.

Rosa Luxemburg schrieb für die »Sprawa Robotnicza« anonym oder unter dem Pseudonym R. Kruszyńska zahlreiche Artikel über die polnische Arbeiterbewegung sowie programmatische Beiträge.

Unter den Emigranten in der Züricher polnischen Kolonie existierten ähnlich wie in Polen und in anderen Emigrationszentren unterschiedliche Meinungen über die Lösung nationaler und sozialer Probleme im Kampf um die Befreiung vom Zarismus. Am meisten wurde auch hier über die nationale Frage gestritten. So kam es 1893 im Saal des Vereinshauses »Eintracht« zu einem heftigen Disput zwischen Rosa Luxemburg und W. Jodko-Narkiewicz, einem Wortführer der besonders patriotisch argumentierenden Sozialisten und Freund von Stanislaw Mendelson. Ihre Rede sei »scharf wie ein Rasiermesser und glänzend wie Silber« gewesen, berichtete Anatoli Lunatscharski, während Plechanow »aus politischen Erwägungen heraus eine Zwischenstellung« bezog.27

Rosa Luxemburg fiel es nicht leicht, ihren Standpunkt zu formulieren, zumal es ihr darum ging, den Erfahrungen und Aktionen der Arbeiter in Polen gebührend gerecht zu werden. Nähere Auskünfte holte sie sich daher immer wieder von Julian Marchlewski ein, dem führenden Vertreter des mitgliederstarken Verbandes polnischer Arbeiter (ZRP), der jüngst nach Zürich gekommen war.

Wenn man schweigt – meint der Freund, daß er recht hat

Vom 6. bis 12. August 1893 tagte im Tonhallesaal in Zürich der III. Internationale Sozialistische Arbeiterkongreß, an dem über 400 Delegierte aus 20 Ländern Europas, Amerikas und Australiens teilnahmen. Seine Tagesordnung umfaßte die ganze Phalanx der in der internationalen Arbeiterbewegung diskutierten Belange: Maßgaben zur internationalen Durchführung des Achtstundentages (A. Fauquez), gemeinsame Bestimmungen über die Maifeier (V. Adler), die politische Taktik der Sozialdemokraten, a) Parlamentarismus und Wahlagitation, b) direkte Gesetzgebung durch das Volk (É. Vandervelde, W. H. Vliegen, W. Liebknecht u. a.), Haltung der Sozialdemokratie im Kriegsfalle (G. Plechanow, F. Nieuwenhuis, St. Mendelson, W. Liebknecht u. a.), Schutz der Arbeiterinnen (Luise Kautsky), nationale und internationale Ausgestaltung der Gewerkschaften (A. v. Elm u. a.), die Agrarfrage (C.-V. Jaclard).

Für Rosa Luxemburg wurden es die politisch aufregendsten Tage seit ihrem Eintreffen in Zürich. Sie hatte ihr Mandat von der Redaktion der »Sprawa Robotnicza« erhalten. Julian Marchlewski war Delegierter des »Verbandes polnischer Arbeiter« (ZRP) und der »Sprawa Robotnicza«. Auf den bisherigen internationalen Kongressen waren die Polen vor allem von Stanislaw Mendelson und Ignacy Daszyński vertreten worden. Daszyński hatte 1892 zusammen mit Samuel Haecker u. a. die Galizische Sozialdemokratische Partei gegründet, die der österreichischen Sozialdemokratie angegliedert war. Die neun Mitglieder zählende PPS-Delegation wollte die SDKP und die »Sprawa Robotnicza« nicht anerkennen und sah durch sie ihr Monopol auf die Auslandsvertretung der polnischen sozialistischen Bewegung gefährdet. Mit Verleumdungen versuchten sie die Anerkennung der Mandate Rosa Luxemburgs und Julian Marchlewskis zu hintertreiben, z. B. verbreiteten sie das Gerücht, hinter der »Sprawa Robotnicza« stecke die zaristische Geheimpolizei. Laut »Neuer Zürcher Zeitung« vom 10. August 1893 protestierte Rosa Luxemburg – »eine hübsche, junge Dame in eleganter Toilette, […] in ziemlich gutem Deutsch gegen ihre und ihres Kollegen Ausschließung […]. Sie seien eben solche gute Sozialisten wie alle andern Delegierten und kämpfen täglich für die Befreiung des Proletariats …«28

Mutig und selbstbewußt hatte die zweiundzwanzigjährige Studentin am 8. August 1893 das erste Mal das Podium eines internationalen Kongresses betreten. Unter den Delegierten waren viele in der Arbeiterbewegung geachtete Persönlichkeiten: Friedrich Engels, Eleanor Marx-Aveling, August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Karl Kautsky, Clara Zetkin. Alle kleinlichen Intrigen über die Mandatsfrage beiseite schiebend, hob sie die politischen Streitfragen hervor und erläuterte Differenzpunkte zwischen PPS und SDKP.

Rosa Luxemburg erklärte: »Diejenigen, die Euch gegen uns aufwiegeln, wollen keine sozialdemokratische Vertretung zulassen, um Euch unsere Bewegung in einem anderen Licht darzustellen! Sie wollen uns nicht zulassen, weil wir uns als heutiges Ziel den politischen Kampf nicht um einen unabhängigen polnischen Staat, sondern um die politische Freiheit gestellt haben, und wir haben für diesen Kampf den russischen Genossen die brüderliche Hand entgegengestreckt. Das ist eigentlich das Programm unserer Zeitung. Wenn sie uns sagen, daß die Zeitung anonym ist, so deshalb, weil ihr Redakteur ein legaler Mensch ist und ins Königreich zurückkehren möchte, um sich dort unserer Sache hinzugeben. Wir schreiben für unsere Arbeiter, und sie kennen uns. Letztendlich wird jeder eine Zeitung nach ihrem Inhalt und nicht nach dem Namen des Redakteurs beurteilen. Wenn Ihr Eure brüderliche Sympathie für unsere sozialdemokratische Bewegung zeigen wollt, so rufe ich Euch auf, für unsere Mandate zu stimmen.«29 Mit ihrer »geradezu fabelhaften Unerschrockenheit und Respektlosigkeit, die sich vor niemand beugte«, erwarb sie sich die Sympathie von Delegierten wie Karl Kautsky. Nach seinen Erinnerungen »erregte sie schon bei ihrem ersten Auftreten allgemeine Aufmerksamkeit und gewann sie begeisterte Zustimmung, ja stellenweise geradezu schwärmerische Bewunderung derjenigen, deren Sache sie vertrat, sowie den bittersten Haß derjenigen, gegen die sie den Kampf aufnahm«30. Auch der belgische Sozialist Émile Vandervelde meinte, die den meisten unbekannte Rosa Luxemburg habe »ihre Sache mit einem solchen Magnetismus im Blick und mit so flammenden Worten« verfochten, daß eine Wirkung auf den Kongreß unverkennbar gewesen sei.31

Trotz aller Sympathie wurde das Mandat Rosa Luxemburgs mit Stimmenmehrheit abgelehnt. Daraufhin verlas Julian Marchlewski, dessen Mandat nicht annulliert wurde, weil es die Unterschriften von Arbeiterorganisationen in Polen trug, den von ihr verfaßten Bericht der »Sprawa Robotnicza« über die sozialdemokratische Bewegung während der letzten vier Jahre in Russisch-Polen und weckte das Interesse für die SDKP als neue Erscheinung in der polnischen Parteienlandschaft.

In den Schlußfolgerungen des Berichtes kritisierte Rosa Luxemburg blanquistische Traditionen der früheren Partei »Proletariat« und ökonomistische Tendenzen, die im ZRP aufgekommen waren. Sie wandte sich gegen die Unterschätzung der Arbeitermassen, vor allem gegen Konzepte, die auf eine Verschwörertaktik und terroristische Einzeltaten hinausliefen. Aus den Lehren des Wirkens der »Narodnaja Wolja« und anderer Organisationen, die deren Ideologie folgten, ergebe sich als vordringliche Aufgabe, sich als sozialistische Bewegung in Osteuropa auf den Boden der westeuropäischen Arbeiterbewegung zu stellen, d. h. eine marxistisch und international orientierte sozialdemokratische Massenpartei anzustreben. Damit hätten die Sozialisten in den polnischen Gebieten 1889 begonnen; inzwischen sei eine selbständige sozialdemokratische Bewegung entstanden. »Man sah endlich ein, daß die Rolle der sozialdemokratischen Partei darin besteht, den im Kapitalismus mit elementarer Gewalt sich entwickelnden Kampf des Proletariats gegen die bestehende Gesellschaftsordnung zielbewußt zu leiten, daß der Kampf auf ökonomischem Gebiet um die alltäglichen Interessen der arbeitenden Klassen, der Kampf um demokratische Regierungsformen die Schule ist, welche das Proletariat unbedingt durchmachen muß, ehe es imstande ist, die heutige Gesellschaft zu stürzen. Diesen Gesichtspunkt behielt die neue Organisation bei ihrer Tätigkeit beständig im Auge.«32

Rosa Luxemburg wies die nationalistischen Vorstellungen der PPS zurück. Es könne angesichts der Entwicklungstendenzen des Kapitalismus lediglich um die »organische Eingliederung« der polnischen Gebiete in das wirtschaftliche Gefüge der Staaten gehen, die Polen aufgeteilt hatten. Die Gründung eines kleinen unabhängigen Staates widerspräche der objektiven ökonomischen Entwicklung und wäre gegen den Willen der drei Teilungs- und Okkupationsmächte nicht durchzusetzen.

Auf die verleumderischen Angriffe, denen Rosa Luxemburg daraufhin durch den Vorstand der PPS ausgesetzt war, erwiderte sie am 10. September 1893: »1. Wir stehen voll und ganz auf dem Boden der internationalen Sozialdemokratie. Um dies zu konstatieren genügt es, unseren dem Züricher Kongreß unterbreiteten Bericht oder eine Nummer unserer Zeitung zur Hand zu nehmen. Übrigens hat der ›Vorwärts‹ davon in seiner Nummer vom 8. August bereits Notiz genommen.

2. Was unser politisches Programm betrifft, so erachten wir Hand in Hand mit dem russischen Proletariat den Sturz des Zarentums und die Erkämpfung einer demokratischen Verfassung als unsere nächste und wichtigste politische Aufgabe und als die dringendste Notwendigkeit im Interesse des polnischen und des internationalen Proletariats. Der Verstärkung und Leitung des politischen Kampfes in Russisch-Polen in dieser Richtung haben wir gerade unsere Zeitung hauptsächlich gewidmet.«33

Dieser Bericht der »Sprawa Robotnicza« weckte auf dem Kongreß das Interesse für die SDKP. Alle Exemplare waren vergriffen. Viele Delegierte aus anderen Ländern wandten sich an Julian Marchlewski und Rosa Luxemburg, um weitere Informationen zu erhalten. »Die deutschen Genossen aus schlesischen Gebieten fragten, ob unsere Zeitung ihnen nicht bei der Agitation unter der polnischen Arbeiterbevölkerung behilflich sein könne, da sie an einem schrecklichen Mangel an Agitationsmaterial litten.«34 Die »Sprawa Robotnicza« werde die Ehre haben, »die ganze Welt über das alles in Kenntnis zu setzen«35. An Leo Jogiches schrieb Rosa Luxemburg 1895, die Schläge, die sie im Streit mit der PPS abbekomme, schmerzten sie weit weniger, »wären wir die einzige Partei«36.

Auf Wiedersehen – hier in Paris!

Von der Richtigkeit ihres Standpunktes überzeugt, setzte sich Rosa Luxemburg für das Erstarken der sozialdemokratischen Bewegung in Russisch-Polen ein. Nach ihrem Verständnis stand die SDKP und nicht die PPS in der Tradition der Partei »II. Proletariat«.

In Warschau tagte am 10. und 11. März 1894 illegal der erste Parteitag der SDKP. Inhaltlich war er durch die »Sprawa Robotnicza« vorbereitet worden. Bereits im Januar 1894 hatte die Redaktion mitgeteilt: »Auf Wunsch des Vorstandes unserer Partei ändern wir die Bezeichnung ›Organ der Sozialdemokraten des Königreichs Polen‹ in ›Organ der Sozialdemokratie des Königreichs Polen‹. Gleichzeitig geben wir unseren Genossen bekannt, daß unsere Zeitschrift, die bis zur Nummer 3–4 von einem aus drei Personen bestehenden Komitee geleitet wurde, von diesem Zeitpunkt an aus praktischen Gründen der alleinigen Redaktion von Genn. R. Kruszyńska untersteht.«37

Auch die Beschlußvorlagen für den Parteitag waren unter Rosa Luxemburgs Federführung ausgearbeitet worden. Sie mußten durch Emissäre überbracht werden, da kein Mitglied der Redaktion wegen drohender Verhaftung nach Warschau fahren konnte. Im Mittelpunkt der Debatten standen Programmatik und Organisationsprinzipien. Die Forderung nach Sturz des Zarismus und Errichtung einer demokratischen Republik wurde eng mit dem Kampf gegen die kapitalistische Ausbeutung und Unterdrückung verbunden. Zur nationalen Problematik dominierte ebenfalls Rosa Luxemburgs Auffassung. Die Veröffentlichung des Protokolls und vieler Artikel zu den verschiedenen Punkten der programmatischen Grundsätze waren nach Abschluß des Parteitages die wichtigsten Aufgaben der »Sprawa Robotnicza«.

Zum ersten Mal leitete Rosa Luxemburg die Herausgabe eines Presseorgans. In den nächsten Jahren hielt sie sich mehrfach mit und ohne Leo Jogiches längere Zeit in Paris auf. Freie Stunden nutzte sie zum Studieren in der Bibliothèque Nationale und in der dortigen Polnischen Bibliothek.

»Bin heute um 10 angekommen«, schrieb sie am 11. März 1894 an Leo Jogiches. »Ich bin müde, aber es geht. Jetzt gehen die Jadzios [Warskis] weg, und ich lege mich schlafen. Ein Zimmer habe ich schon – nicht schlecht und nicht weit, im 4. Stock für 30 F (mit Bedienung). Noch heute mache ich mich an die Arbeit, wenn ich ausgeschlafen habe. […] Endlich kann ich Dir schreiben. Jetzt ist es 11 Uhr nachts. Gerade eben bin ich von Adolfs [Warskis] zurückgekehrt […]. Eigentlich wollte ich jetzt nur an Dich und über Dich schreiben, aber vor Müdigkeit dreht sich mir der Kopf. […] Was ich heute gemacht habe? Nichts. Ich habe etwa drei Stunden geschlafen. Dann kamen zu den Adolfs [Warskis] Morek [Warszawski] und noch ein Arbeiter, ein Pole. Ich konnte also nichts tun. Übrigens habe ich auch einen solchen Lärm im Kopf, daß ich zu nichts fähig bin. Ach, mein Gold, wenn ich Dich jetzt hier bei mir hätte! Nun, später fuhren wir mit der Staßenbahn in den Bois de Boulogne und zurück. Ich sah das Trocadero, den Arc de Triomphe, den Eiffelturm und die Grand Opéra. Ich bin von dem Lärm betäubt.«38

Die Metropole Paris verwirrte Rosa Luxemburg. Romantisch veranlagt, schwärmte sie viel mehr für die bizarre Natur, die Kontraste der Berge und Seen der Schweiz oder die beruhigende Kraft der unendlichen Felder, Wiesen und Wälder ihrer polnischen Heimat. Ihr Zimmerchen im Faubourg St.-Denis7 fand sie für Pariser Verhältnisse recht annehmbar. Es gäbe erstaunlich viele schöne Frauen in Paris, Leo möge ruhig in Zürich bleiben. Um Mitternacht wie zu Mittag ringsherum Geschrei und Getöse. Auch zwei Wochen später klagte sie: Dieser »wahnsinnige Lärm und das Gedränge führen bei mir zur Ohnmacht und zur Migräne. Nach einem Aufenthalt von einer halben Stunde im Bon Marché [großes Warenhaus] konnte ich kaum wieder auf die Straße hinausgehen.«39 Ständig wurde sie von schrecklichem Katarrh und von Kopfschmerzen gequält. Im »miesen, lärmenden Paris« erschien ihr das ferne Zürich mit dem Zürichberg wie ein Paradies, so still, sauber und duftend.40

Rosa Luxemburg war in Paris nicht einsam. Hier lebten Nadina und Boris Kritschewski mit ihren Töchtern, eine aufgeschlossene und gebildete russische Familie, mit der sie seit 1891 im Briefwechsel stand und der sie unverblümt ihre Empfindungen und Entdeckungen mitteilte. Sie verkehrte mit Adolf Warski und seiner Frau Jadwiga, dessen Bruder Morek und weiteren Polen. Bei Warskis aß sie und fühlte sie sich wohl. Außerdem konnte sie berichten: »Die Wojnarowska habe ich gestern kennengelernt, sie kam zu den Adolfs. Sie ist sehr hübsch, herzlich und intelligent. Das übrige werden wir sehen. Jedenfalls nutze ich ihre Nachbarschaft dazu aus, daß ich Bekanntschaften mit Franzosen schließe, da Guesde leider nicht da ist. […] Wir haben auch vor, alle zusammen Lawrow zu besuchen.«41 Die 1858 geborene Cezaryna Wojnarowska, seit den 70er Jahren in der revolutionären Bewegung in Rußland und Polen tätig, war öfter verhaftet gewesen, lebte seit 1883 in der Emigration und wurde 1893 Mitglied der SDKP. Sie besorgte Rosa Luxemburg 1895 ein Zimmer in dem Haus, in dem sie wohnte. Es lag in der Nähe von Warskis Wohnung, aber dafür weit von der Druckerei und der Nationalbibliothek entfernt. Doch bestimmte Nachteile mußten aus Kostengründen ertragen werden.

Einige in Paris lebende Mitglieder der PPS und des Auslandsverbandes Polnischer Sozialisten erwähnte sie gelegentlich namentlich, alles ohnmächtige Patrioten, wie sie meinte, ein »Hornissennest«42, in das sie mit Vorträgen hineinstechen wolle. Kaum hatte sie solche Urteile und Vorsätze geäußert, bedrückten sie die Konsequenzen derart, daß sie am liebsten zu Leo Jogiches zurückgekehrt wäre, mit dem die Zusammenarbeit für die Partei zwischen Paris und Zürich bestens klappte. »Ich habe noch nichts vorbereitet«, schrieb sie ihm. »Bisher beschäftigt mich noch die ›Sprawa‹ ständig, den ganzen Tag, die Fahrten zu Reiff, das Abschicken. Abends aber spreche ich mit Adolf. Es scheint, daß wir uns einig werden. Und der Vortrag muß an einem Sonntag sein […]. Und jetzt soll ich schon wieder einen Aufruf schreiben und drucken. Wann soll ich mich denn auf den Vortrag vorbereiten? Ich werde wohl eine Ewigkeit hier sitzen. Oj, mein liebstes Gold, ich möchte schon so schnell wie möglich aufhören, eine ›erwachsene‹, ›verantwortliche‹ Person zu sein (um so mehr, als es mir damit nicht gut geht), und zu Dir zurückkehren, in Deine Arme, damit mich alles völlig unberührt läßt, ich mich nicht ewig fürchte, daß in einer Stunde ein Telegramm alles zunichte machen kann, was ich schaffe.«43

Rosa Luxemburg hielt sich noch keine drei Wochen in Paris auf, als sie von dieser Trübsal erfaßt wurde. Vier Tage zuvor hatte sie schon einmal in einem ellenlangen Brief ihr Herz ausgeschüttet und Leo Jogiches mit Vorwürfen überhäuft: Wie wenig lasse er sie seine Liebe spüren, er schreibe immer nur, was sie tun, anders oder besser machen soll: »Mach es mit Adolf so und so, benimm Dich, wenn Du Lawrow besuchst, so oder so, halte Dich an dies und an das – nimmt man das alles zusammen, so gibt das einen einzigen unauslöschlichen Eindruck von Mißbehagen, Ermattung, Erschöpfung und Unrast, der mich in Augenblicken befällt, wo ich Zeit habe, daran zu denken.«44 Sie müsse nun einmal alles sagen, was sie empfinde. Gerade nahestehenden Menschen schreibe man über Kleinigkeiten. Er aber käme ihr in dieser Hinsicht überhaupt nicht entgegen. Das störe sie sehr. »Es regt mich auf, sobald ich irgendeinen Brief von anderen oder von Dir in die Hand nehme – überall das gleiche –, es ist die Nummer, es ist die Broschüre, da ist dieser Artikel, da ist jener. Das wäre alles gut, wenn wenigstens neben dem da, außer dem da ein wenig der Mensch, die Seele, das Individuum zu sehen wäre. Und bei Dir gibt es nichts, nichts außer dem da. Hast Du in dieser Zeit keine Eindrücke empfangen, keine Gedanken gehabt, hast Du nichts gelesen, nichts wahrgenommen, was Du mir mitteilen könntest.?! Vielleicht möchtest Du mir die gleichen Fragen stellen? Oh, ich habe, ganz im Gegenteil, trotz der ›Sprawa‹ auf Schritt und Tritt eine Menge Eindrücke und Gedanken – nur habe ich niemand, mit dem ich sie teilen könnte! Mit Dir? Oh, ich schätze mich zu hoch ein, um das zu tun.«45 Leo irre sich, wenn er meine, sie putschten einander auf. Ihr einziges Glück sei das Wiedersehen mit ihm, sie wisse vor Sehnsucht nicht, was sie machen solle.46 Der Geliebte reagierte vermutlich verständnisvoll, denn Rosa Luxemburg schlug sehr bald wieder zärtlichere Töne an: »Mein Engel, Teuerster, wie lieb, herzlich, süß Du jetzt bist. Woher kommt das bei Dir? Du mein Gold, glaube mir völlig, vertraue mir, denn Du weißt, wie ich ganz zu Dir gehöre, wie ich in Dir und durch Dich lebe und für Dich alles tue. Du sagst, ob ›das nicht Müdigkeit, nicht der Wunsch nach Erholung ist‹. Gold, ich könnte doppelt soviel arbeiten und mich aufregen wie jetzt – wenn nur Du in meinen Armen wärst. Mich hat die Arbeit kein bißchen ermüdet. Nur das eine hat mich gequält und quält mich – Deine Abwesenheit! Ich spüre in meiner Seele eine Dürre und eine Sehnsucht – nach Dir, als würde ich an einem glutheißen Tag lange in einer öden Gegend umherirren. Ich spüre buchstäblich, wie meine Seele welkt ohne Dich. Du mein Einziger – was wird das für ein Glück sein, wenn ich Dich sehe. Wann wird das nur sein!«47

Rosa Luxemburg war gereizt und nervös. Zu viele neue Aufgaben stürmten auf sie ein. In einem Ritt erlebte sie täglich von der Pike auf die Mühsal des Redakteurs einer Zeitung, die für eine illegal tätige Partei im weit abgelegenen und schwer drangsalierten Land gestaltet und auf oft unsicheren Umwegen an die Bestimmungsorte transportiert werden mußte. Nicht nur einmal klagte sie, sie sei völlig erschöpft, wisse nicht mehr aus noch ein und verliere die Geduld. Da sie polizeiliche Durchsuchungen fürchtete, vernichtete sie schweren Herzens Leo Jogiches’ Briefe.48

Viele Artikel schrieb sie selbst, oder sie arbeitete Beiträge anderer um. Bei Kürzungen und Übersetzungen von Beiträgen erfahrener Autoren hatte sie große Skrupel. Immerzu war sie bemüht, neue Autoren zu gewinnen. Sie feilschte mit dem Drucker Reiff um Papier und Satzkosten, achtete auf exakten Druck und auf gefälligen Umbruch. Interessiert verfolgte sie, welches Echo die »Sprawa Robotnicza« in der polnischen Arbeiterbewegung fand. Zufrieden registrierte sie, daß die Zeitung durch die enge Verbindung mit Organisationen im Königreich Polen und durch den Abdruck von Korrespondenzen polnischer Arbeiter bei ihren Lesern ankam. Dies mußte sogar von Widersachern in der PPS anerkannt werden. So hob Kazimierz Kelles-Krauz in einem Brief nach London am 6. April 1895 besonders hervor, sämtliche Artikel der zum Parteitag der SDKP erschienenen »Sprawa Robotnicza« seien einwandfrei und von Arbeitern in Polen verfaßt worden.49

Rosa Luxemburg kümmerte sich auch ständig um Broschüren und anderes Agitationsmaterial. Beim Transport ergaben sich schnell einmal Schwierigkeiten, die Kopfzerbrechen verursachten. Sorgen bereitete die Finanzierung aller Vorhaben und ihres persönlichen Lebens, zu der Leo Jogiches viel beisteuerte. »Ich schicke Dir Reiffs Quittung und die Rechnungen«, begann z. B. ein langer Brief vom 25. März 1894 an ihn. »Zusammen mit den 100, die ich heute erhalte, habe ich für unsere Sache 118. Davon wird die Broschüre sicher 90 oder 100 kosten (das Papier ist teuer, anscheinend 7 F für tausend kleine Bogen und die Broschur). Das übrige Geld werde ich inzwischen für mich nehmen. Leider gebe ich hier sehr viel Geld aus – ich weiß selbst nicht, wofür.«50 Posten für Posten zählte sie anschließend die Ausgaben auf, von der Wohnungsmiete über Kleidung bis zu Brot und Milch und die 1,50 fr täglich für Mittag- und Abendessen bei Jadwiga Warska. Jedenfalls stände sie momentan ohne einen Groschen da und wolle von jetzt an auf alle Fälle sparsamer sein.

Leo war gewiß streng im Umgang mit Finanzen; Rosa dagegen, wie Freunde bezeugten, »in der Privatökonomie vielleicht keine ganz so geniale Meisterin […] wie in der Nationalökonomie«51. Über eine Episode amüsierte sich Leo noch später: »Als wir in Paris lebten, hatten wir entfernt wohnende Freunde besucht. Auf dem Heimweg wurde Rosa müde und rief einem Fiaker zu, was die Fahrt nach Hause koste. Die genannte Summe war hoch, man konnte sie nicht ausgeben. Oh, Monsieur, rief Rosa, nous sommes pauvres (wir sind arm)! Darauf der Kutscher: Ce n’est pas ma faute, Madame (dafür kann ich nichts, Madame)! Diese Antwort belustigte Rosa so, daß sie sich auf die Erde setzte, sehr lachte und keine Müdigkeit mehr während des Marsches verspürte.«52

Da Leo Jogiches sich nur zeitweilig mit in Paris aufhielt, schrieben sie einander fast täglich. Redaktions- und persönliche Angelegenheiten gingen ständig ineinander über. Die jugendfrische Unbeschwertheit ihrer Liebe wurde durch erste Zwistigkeiten getrübt, die ihren unterschiedlichen Charakteren, Arbeits- und Lebensgewohnheiten entsprangen. Rosa Luxemburgs Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Geltung wuchs. Es kollidierte mit Leo Jogiches’ Verschlossenheit sowie seinem Hang zur Bevormundung. Da sie beide immer recht haben wollten, gerieten sie bisweilen in Streit. Sie schickte ihm Entwürfe zu Artikeln und zu Abschnitten ihrer Dissertation, erbaute sich an klugen Diskussionen, wurde jedoch sehr unzufrieden und unbeherrscht, wenn sich der briefliche Gedankenaustausch nur auf die Politik und Wissenschaft beschränkte. Sie sehnte sich nach einem Lebensstil, der ihnen genügend Freiraum bot, sich Behaglichkeit zu schaffen, ihre Individualität auszuleben, Natur, Literatur und Kunst ausgiebig zu genießen. Mit einer völligen Interessenharmonie rechneten beide nicht; Rosa glaubte von Zeit zu Zeit, dennoch mehr Zuwendung und Rücksicht einfordern zu müssen.

Während sie Leo ständig berichtete, was sie tat, fühlte und dachte, welche Fragen sie quälten, wie sie arbeitete, sich kleidete und wie stark sie das Verlangen nach ihm aufwühlte, tadelte sie an seinen Briefen die kühle Zurückhaltung in persönlichen Dingen. »Manchmal kommt es mir wirklich vor, daß Du ein Stück Holz bist.«53 Schon geniere auch sie sich, von Erlebnissen und Gefühlen, von ihrer Liebe zueinander, ihrem Wunsch nach Wiedersehen und -fühlen zu schreiben und ihm vorzuschlagen, wie sie künftig erquicklicher miteinander verkehren sollten. Sie könne sich gar nicht mehr vorstellen, wie er lache. »Warum lachst Du so selten? Du wirst sehen, was für eine häßliche Frau zu Dir zurückkommt, mit einer langen, dürren Nase und Augenrändern und einem Bart. Willst Du so eine?«54 Das wollte er natürlich nicht. Außerdem sah sie sich doch selbst meistens in einem viel günstigeren Licht und kokettierte nicht selten mit ihrem fraulichen Charme.

Von Zeit zu Zeit ist so eine Dusche gesund

Ihren Aufenthalt im Juli 1896 in Paris nutzte Rosa Luxemburg zur Vorbereitung auf den internationalen Sozialistenkongreß, der für die Zeit vom 27. Juli bis 1. August 1896 nach London einberufen worden war. Sie verständigte sich vor allem mit Cezaryna Wojnarowska und Adolf Warski und warb bei französischen Sozialisten um Unterstützung für die SDKP auf dem Kongreß.

Im Vorfeld des Kongresses hatten sich die Dispute um die nationale Frage zwischen der SDKP und der PPS verschärft. Klüger als andere Führer der PPS suchte der theoretische Kopf des Auslandsverbandes Polnischer Sozialisten in Paris, Kazimierz Kelles-Krauz, Patriotismus und Sozialismus zu verbinden. Die von ihm 1894 unter dem Pseudonym Luśnia herausgegebene Broschüre »Klasowośc naszego programu« (Der Klassencharakter unseres Programms) beeindruckte Rosa Luxemburg. Sie ließ sie unter den Mitgliedern der SDKP in Paris und Zürich kursieren und forderte zu Meinungsäußerungen heraus.55 Kelles-Krauz bekämpfte Rosa Luxemburgs Hauptargument, daß es bereits zu einer endgültigen Verschmelzung polnischer Teilungsgebiete mit der Wirtschaft der Teilungsmächte gekommen sei. Das Fehlen eines unabhängigen polnischen Staates hemmte nach seiner Ansicht die kapitalistische Entwicklung auf polnischem Boden, das Entstehen einer bürgerlichen Demokratie und damit auch die Entfaltung der sozialistischen Arbeiterbewegung.56 1894 schrieb Kelles-Krauz: »Man darf nicht einmal für einen Augenblick vergessen, daß die Unabhängigkeit Polens in den Bedürfnissen des Proletariats wurzelt, daß sie in unserem Programm nur aus dem Grunde enthalten ist, weil das Proletariat sich ohne sie nicht entwickeln kann, und nicht etwa aus diesem Grunde, daß die Stimmung und die Lage des Proletariats sich für die Erkämpfung der Unabhängigkeit gut eignen. Auf jedem Schritt und Tritt soll man dem Prinzip folgen, daß das unabhängige Polen für das Proletariat da ist und nicht das Proletariat für das unabhängige Polen.«57 Das Streben nach einem eigenen Staat war für ihn die Krönung der Nationalidee eines jeden Volkes, so auch des polnischen, und sollte mit den Forderungen nach Demokratie und Sozialismus verbunden werden.

Zur Verteidigung ihres Standpunktes zitierte Rosa Luxemburg u. a. Ludwik Waryński, der zum 50. Jahrestag des polnischen Aufstandes von 1831 auf dem internationalen Meeting in Genf erklärt hatte: »›Wir treten hier auf nicht als Kämpfer für den künftigen polnischen Staat, sondern als Vertreter und Verteidiger des polnischen Proletariats … Uns sind gleichgültig diese oder andere Grenzen des polnischen Staates – das Ideal unserer Patrioten. Unser Vaterland, das ist die ganze Welt. Wir sind Mitglieder einer großen Nation, derjenigen Nation, die unglücklicher ist als die polnische – der Nation des Proletariats!‹«58

Im Gegensatz dazu orientierte die sozialpatriotisch gesinnte Führungsgruppe der PPS um Mendelson und Jodko-Narkiewicz im Frühjahr 1896 in einem Resolutionsentwurf für den internationalen Kongreß ausschließlich auf die nationale Wiedergeburt Polens, und sie stieß damit in der II. Internationale auf Verständnis. Um weiteren Irritationen entgegenzuwirken, wollte Rosa Luxemburg auf internationaler Ebene eine grundsätzlichere Polemik führen. Anfang März wandte sie sich deshalb an Karl Kautsky, den Chefredakteur der theoretischen Zeitschrift »Die Neue Zeit«, und schickte ihm den Aufsatz »Neue Strömungen in der polnischen sozialistischen Bewegung in Deutschland und Österreich«. Eindringlich argumentierte sie in ihrem ersten Brief an ihn: Die Bedeutung des Themas reiche »weit über die Grenzen der polnischen Bewegung selbst hinaus, da sich – auch abgesehen von der unmittelbaren Bedeutung der polnischen Bewegung für die deutschen und österreichischen Genossen – die ganze nationalistische Bewegung unter den polnischen Sozialisten hauptsächlich durch die Sympathien der deutschen Sozialdemokratie einen marxistischen Schein zu geben sucht und andererseits durch ein spezielles Blatt ›Bulletin officiel du parti socialiste polonais‹, herausgegeben in London, die Sympathien der Sozialisten in Westeuropa gewinnen will.«59

Kautsky druckte sowohl diesen als auch einen zweiten Artikel von ihr, »Der Sozialpatriotismus in Polen«, ab.60 »Critica Sociale« veröffentlichte am 16. Juli 1896 ihre Polemik »Die polnische Frage und der internationale Kongreß in London«. Diese Publikationen waren ein erstaunlicher Vorstoß in das theoretische Forum der Internationale. Wie das Echo ausfallen und wie sie es verkraften würde, war ungewiß. Denn erneut begründete sie unumwunden ihren Standpunkt zur Forderung nach nationaler Wiedergeburt des polnischen Staates: »Würde das Proletariat die Unabhängigkeit Polens zu seinem Programm machen, so würde es sich dem ökonomischen Entwicklungsprozeß entgegenstemmen. Derselbe würde ihm dann nicht zur Verwirklichung dieser Aufgabe wie aller seiner Klassenaufgaben verhelfen, sondern, umgekehrt, zwischen ihm und dem Ziel seiner Bestrebungen eine immer größere Entfernung schaffen. Sein endgültiges Ziel, den Sozialismus, das Ergebnis der sozialen Entwicklung, würde es im Rücken haben, und will es das Gesicht diesem Ziel zuwenden, so muß es der Wiederherstellung Polens den Rücken kehren. Von der ökonomischen Entwicklung in Polen haben die nationalen Bestrebungen nichts zu erwarten, höchstens der Stillstand oder, genauer, der Rückgang könnte ihnen wieder einen Nährboden schaffen. Schon daraus ist ersichtlich, daß dies nicht das Programm des Proletariats, sondern dem sozialen Charakter nach nur ein typisches Programm des reaktionären Kleinbürgertums sein kann. Nimmt daher das Proletariat dieses Programm an, so wird es nicht – wie andere meinen – die kleinbürgerlichen Krethi und Plethi um sich gruppieren, sondern umgekehrt, so gering und schwach diese Elemente auch sind, tatsächlich auf ihren Boden hinübertreten.

Wir haben nicht genügend Raum, alle Folgen aus der obigen Skizze zu ziehen. Die wichtigsten sind jedoch:

1. Die nationalen Bestrebungen in Polen können, abgesehen von ihrer Aussichtslosigkeit, keine ernste Bewegung im Lande selbst schaffen, und daher kann ihnen auch keine irgendwie bedeutende Rolle in der Politik des internationalen Proletariats zugewiesen werden.

2. Die positiven Aufgaben des polnischen Proletariats gestalten sich ganz analog denjenigen der Sozialdemokratie in allen anderen Ländern: als die Demokratisierung der gegebenen staatlichen Einrichtungen. Indem Polen und Rußland zu einem kapitalistischen Mechanismus werden, wird das polnische und russische Proletariat zu einer Arbeiterklasse, und als ihre nächste gemeinsame Aufgabe ergibt sich – die Niederwerfung des Zarismus.

Der Kampf um die politischen Freiheiten in Rußland gewährt dem polnischen Proletariat die Möglichkeit, nicht nur seine Interessen als Arbeiter zu wahren, sondern zugleich, in einzig wirksamer Weise für autonome Freiheiten in Polen ringend, als Verteidiger der bedrohten polnischen Nationalität auf dem Posten zu stehen. Auf dem Boden der oben entwickelten Grundsätze steht die Sozialdemokratie Russisch-Polens seit ihrem Auftreten im Jahre 1889.«61 Das Hauptziel der SDKP sei nicht die Autonomie, sondern die Konstitution.62

Daß Rosa Luxemburg die Übersetzung einer gehässigen Reaktion aus dem »Naprzód« (Vorwärts) vom 14. Mai 1896 sofort an Karl Kautsky weiterreichte, zeugt von ihrer Courage. Die Replik lautete: »Fräulein Rosa Luxemburg, ein hysterisches und zänkisches Frauenzimmer, hat in der ›Neuen Zeit‹ einen Artikel veröffentlicht, in dem es die polnischen Sozialisten eines schrecklichen Verbrechens anschuldigen will, sie will nämlich beweisen, daß wir glühende Patrioten sind, und zwar nicht ›im Sinne der privaten (!) Vaterlandsliebe‹ …, sondern daß wir den Ehrgeiz haben, Polen wieder herzustellen! Dem Fräulein Rosa Luxemburg, das von allen Leuten in Polen, die Herz und Kopf auf rechtem Fleck haben, verlassen wurde, gefällt offenbar unser Patriotismus nicht, und dagegen können wir nichts … Wir bedauern nur, daß eine ernste deutsche Zeitschrift auf den Leim des Fräulein Rosa ging, welches in der Schweiz die Leute anschwindelt als repräsentiere sie irgend jemand oder etwas in Polen …«63 Von Witold Jodko-Narkiewicz, mit dem sie sich schon 1893 im Vereinshaus »Eintracht« in Zürich gestritten hatte, wurde sie im Berliner »Vorwärts« vom 15. bis 17. Juli 1896 verleumdet. Gegen ihn polemisierte sie mit dem Artikel »Zur Taktik der polnischen Sozialdemokratie« im selben Blatt vom 25. Juli 1896.64

Nach Meinung Rosa Luxemburgs gab es in Polen keine Gesellschaftsklasse, die ein Interesse an der Wiederherstellung der staatlichen Einheit und die Kraft hätte, dieses Interesse zur Geltung zu bringen. Sie orientierte sich theoretisch einseitig an der Abfolge von Gesellschaftsformationen und auf die objektiven Träger der künftigen Revolution. Der Nationalismus verletze so gravierend die Prinzipien internationalen Zusammenwirkens für die gemeinsame Vorbereitung auf die Befreiung vom Zarismus und von der Kapitalsherrschaft, daß dem ein absolut konsequenter Internationalismus ohne nationales Wenn und Aber entgegengesetzt werden müsse.

Doch mit nationalem Nihilismus war der Nationalismus nicht zu besiegen, da er im Patriotismus des Volkes Wurzeln besaß, sich auf historische Traditionen berief, nationale Eigenheiten ansprach und den Großmachtchauvinismus der Teilungsmächte anprangerte. Die Existenz von Nationalitäten stand außer Frage; folglich mußten Wege zu ihrer Selbstbestimmung und Gleichberechtigung gesucht und gefunden werden. In Mentalität und Kultur blieb Rosa Luxemburg trotz oder besser gerade wegen ihrer humanistischen Weltoffenheit und ihres proletarischen Internationalismus eine stolze jüdische Polin. Die Atmosphäre, die sie als Kind und Jugendliche in der assimilierten jüdischen Familie in Warschau umgeben hatte, war gewiß mit prägend für ihre strikte Ablehnung jedweder religiöser und nationaler Überheblichkeit sowie der Unterdrückung andersdenkender und -fühlender Menschen. Für die Unterordnung der nationalen unter die soziale Befreiung aber wurde ausschlaggebend die sozialkritische Beschäftigung mit der Geschichte des polnischen Volkes und mit den Anfängen der polnischen sozialistischen Bewegung. Die asozialen und intoleranten Folgen von borniertem Sozialpatriotismus und nicht zuletzt ihre intensiven wissenschaftlichen Studien über die Entwicklung des Kapitalismus in Polen, Rußland und weltweit bestärkten Rosa Luxemburg in ihrer Meinung.

Daß sie ihren Standpunkt jedoch von Anfang an so apodiktisch formulierte und Veränderungen im Verhalten der verschiedenen Klassen und Schichten des polnischen Volkes ausschloß, entsprang auch studentischem Widerspruchsgeist und starkem Geltungsbedürfnis. Der Drang, als kluge und ehrgeizige junge Frau unbedingt recht haben zu wollen, trieb Rosa Luxemburgs Gegnerschaft zum Vorrang der nationalen Wiedergeburt Polens bis zu einer gewissen Realitätsferne und theoretischem Starrsinn. Sie eilte mit ihrem Ideal einer gleichberechtigten sozialistischen Völkergemeinschaft in einer Welt ohne Nationalismus und Chauvinismus der Entwicklung auf unabsehbare Zeit voraus und erwies sich für die Vertretung unmittelbarer nationaler Interessen als inkompetent.

Rosa Luxemburg, die zu Recht versuchte, sich von Nationalismus abzugrenzen, weil dieser neue Konflikte zwischen den Völkern heraufbeschwor, formulierte ihren Standpunkt über die historische Vergänglichkeit der Nationalstaaten und über die Unterordnung nationaler Befreiungsbestrebungen unter die soziale Emanzipation so absolut, daß sie in Widerspruch zu den nationalen Interessen des polnischen Volkes geriet, bei nicht wenigen Sozialdemokraten in der II. Internationale auf Unverständnis stieß und sich zu isolieren drohte.

Victor Adler, Führer der österreichischen Sozialdemokratie, kritisierte Rosa Luxemburgs Ansichten als unzeitgemäß und fürchtete, daß durch die »doktrinäre Gans« vieles verdorben und die überflüssige, aber harmlose polnische Resolution für den Londoner Kongreß zu einer Affäre aufgebauscht werde.65 Manchen schien sie in politischen und taktischen Fragen einfach noch zu unerfahren. Rosa Luxemburg dürfte jedoch gewußt haben, in welchem Kontrast sie sich z. B. zu Friedrich Engels’ Meinung befand, der 1892 in seinem Vorwort zum »Manifest der Kommunistischen Partei« von der »unverwüstlichen Lebenskraft des polnischen Volkes« geschrieben hatte, die »eine neue Garantie seiner bevorstehenden nationalen Wiederherstellung« sei. Für das harmonische Zusammenwirken der europäischen Nationen sei ein unabhängiges, starkes Polen unbedingt notwendig. Erkämpft werden aber könne es »nur vom jungen polnischen Proletariat«.66

Karl Kautsky honorierte Rosa Luxemburgs Aufrichtigkeit in der Polemik, indem er noch vor dem internationalen Kongreß mit dem zweiteiligen Aufsatz »Finis Poloniae?« Stellung nahm.67 Er bejahte ihre Argumente teilweise: die internationale Bedeutung der früheren Losung der Wiedergeburt Polens sei geschwunden, und es sei verkehrt, »die alte Schablone« wiederzubeleben. Der neuen Internationale könne man nicht zumuten, in bezug auf Polen genau die Haltung einzunehmen wie die erste Internationale, an deren Wiege angesichts des polnischen Aufstandes 1863/64 die polnische Frage stand.68 Polen gelte nicht mehr als Revolutionsland par exzellence und Rußland nicht mehr ausschließlich als Hort der Reaktion. Kein europäischer Staat stehe so nahe vor einer politischen Revolution wie Rußland. Diese müsse unweigerlich die Lösung der polnischen Frage einschließen, und sei es auch zunächst in einem bürgerlichen Klassenstaat.69

Kautsky widersprach jedoch Rosa Luxemburgs Standpunkt, das Postulat eines unabhängigen Polens sei unerreichbar, bzw. der Behauptung, mit nationalen Ambitionen aus Kreisen der polnischen Bourgeoisie oder Bauernschaft sei überhaupt nicht mehr zu rechnen und im Kleinbürgertum wie in der Intelligenz lägen keinerlei Potenzen für eine wirksame Opposition gegen die zaristische Fremdherrschaft. Daher könne er Rosa Luxemburgs Behauptung nicht zustimmen, »die nationale Bewegung sei ein Ding der Vergangenheit, ohne festen Boden in der Gegenwart und in völligem Widerspruch zu den Tendenzen der ökonomischen Entwicklung«70. Die zu entwickelnde sozialistische Bewegung als Massenbewegung ließe zwangsläufig immer wieder nationale Verschiedenheiten spürbar werden; Rosa Luxemburg unterschätze bei ihrer Fixierung auf die ökonomischen Entwicklungsprozesse die Sprache und die Rolle von Sprachgemeinschaften, die schließlich auch für die Einflußnahme der sozialdemokratischen Parteien in ihren Ländern wichtig seien. Aus all diesen Gründen könne er einem Verzicht auf die Forderung nach der Unabhängigkeit Polens nicht beipflichten, so berechtigt viele Überlegungen des »Frl. Rosa Luxemburg« seien, insbesondere ihre Warnung vor Nationalismus und Chauvinismus. Allerdings teile er ihre Ansicht, daß sich ein internationaler Kongreß nicht zum Schiedsrichter in nationalen Streitfragen machen dürfe, zumal die von der PPS eingereichte Resolution auch einseitig sei.

Diese Resolution wurde ebensowenig behandelt und angenommen wie die der SDKP. Der Londoner Kongreß, der sich das erste Mal als Internationaler sozialistischer Arbeiter- und Gewerkschaftskongreß bezeichnete und etwa 700 Delegierte aus 21 Ländern Europas, Amerikas und Australiens in der mächtigen Queen’s Hall vereinte, beschäftigte sich hauptsächlich mit der Abgrenzung vom Anarchismus, bekräftigte die Forderung nach Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse, erörterte Fragen des konkreten gewerkschaftlichen Kampfes und nahm zum Monopolisierungsprozeß und zur Agrarfrage Stellung. Zu dem beide polnischen Delegationen interessierenden nationalen Selbstbestimmungsrecht hieß es in der allgemeinen Resolution: »Der Kongreß erklärt, daß er für volles Selbstbestimmungsrecht aller Nationen eintritt und mit den Arbeitern jedes Landes sympathisiert, das gegenwärtig unter dem Joch des militärischen, nationalen oder anderen Despotismus leidet, er fordert die Arbeiter aller dieser Länder auf, in die Reihen der klassenbewußten Arbeiter der ganzen Welt zu treten, um mit ihnen gemeinsam für die Überwindung des internationalen Kapitalismus und die Durchsetzung der Ziele der internationalen Sozialdemokratie zu kämpfen.«71

Die Vertreter der PPS versuchten wie 1893 in Zürich, durch Verleumdung die Mandate der SDKP, vor allem Rosa Luxemburgs, zu annulieren. Doch dieses Mal gelang ihnen nur, Adolf Warski auszuschließen; Rosa Luxemburg, Julian Marchlewski und Stanislaw Wojewski konnten an den Beratungen teilnehmen.

Die Debatte über die polnische Frage im Jahr des Londoner Kongresses veranlaßte, wie Rosa Luxemburg 1905 in ihrem Vorwort zum Sammelband »Die polnische Frage und die sozialistische Bewegung« schrieb, zu »einer grundlegenden Revision der im westeuropäischen Sozialismus herrschenden Anschauungen in dreierlei Hinsicht: über die internationalen Verhältnisse, über die Verhältnisse in Rußland und in Polen. Man redet viel vom ›Dogmatismus‹ der Marxschen Schule. Diese Revision der Ansichten über die polnische Frage bietet ein schlagendes Beispiel, wie ausgesprochen oberflächlich solche Vorwürfe sind.«72 Das aber hieß nicht, ihr Standpunkt hätte allgemeine Zustimmung erfahren.

Welche Eindrücke sie von London als Stadt mitnahm, verraten die Quellen nicht. Paris verließ sie 1896 mit bleibenden Erinnerungen und unauslöschlicher Sehnsucht, denn sie faszinierte diese Weltmetropole. Obwohl sie das Getöse und Gewimmel, die ungewohnt vielfältigen Arbeiten und das Verlangen nach Liebgewonnenem in Zürich bedrückt hatten,73 war ihr Paris anders als London von Anfang an ein Wiedersehen wert.

Übrigens können Sie mir zum Doktortitel gratulieren

Das Studium war zwar zuweilen etwas kurz gekommen, Rosa Luxemburg hatte ihre wissenschaftliche Ausbildung aber dennoch nicht vernachlässigt. Am 5. Mai 1897 schrieb sie an Boris Kritschewski: »Übrigens können Sie mir zum Doktortitel gratulieren, den ich vor zwei Wochen erworben habe, ich habe die Ehre mich Ihnen als Doctor juris publici et rerum cameralium vorzustellen und als solche sende ich Ihnen und allen Ihrigen einen herzlichen Gruß. […] Eine interessante Kuriosität: Ich habe eine sozialistische Dissertation verfaßt und sie wurde mit großem Lob von Professor Julius Wolf angenommen! Das gibt ein Gaudium!«74 Daß eine Frau ihr Studium mit der Dissertation und der Doktorprüfung abschloß, erregte damals auch an der Züricher Universität, wo Frauenstudium schon zur Normalität geworden war, einiges Aufsehen, zumal der Doktorantin von ihrem Doktorvater und ihren Prüfern ein hervorragendes Zeugnis ausgestellt wurde.

Am 12. März 1897 hatte sie ihre Arbeit eingereicht und beim Dekan der Staatswissenschaftlichen Fakultät das Promotionsverfahren beantragt. Ihrem Antrag wurde entsprochen. Ihre beiden Klausurarbeiten, bei Fritz Fleiner über »Die Staatsverträge« und bei Julius Wolf über »Die Lohnfondtheorie und die Theorie der industriellen Reservearmee«, wurden am 21. und 24. April 1897 angenommen. Stimmten die Universitätsprofessoren auch nicht mit den Anschauungen Rosa Luxemburgs überein und merkten zu Einzelfragen durchaus Kritisches an, so bescheinigten sie ihr doch großen Fleiß, volle Kenntnis des Gegenstandes, Belesenheit, Genauigkeit, Schärfe des Denkens und solide wissenschaftliche Arbeit.

Der Studienabschluß hatte von ihr nochmals einen hohen Arbeits- und Kostenaufwand verlangt. Vorlesungen, Prüfungen und das Diplom mußten extra bezahlt werden. Es handelte sich jeweils um 200 bis 250 Franken. Wie es bei den Abschlußprüfungen zuging, läßt sich der Beschreibung einer Kommilitonin, der Romanistin Käthe Schirmacher aus Danzig, entnehmen, die 1895 in Zürich ihr Doktorexamen abgelegt hatte. Nach den Statuten war noch ein schriftliches Examen abzulegen, »bestehend in dreitägiger Hausarbeit und in vierstündiger Klausur. […]. Endlich kommt der große Tag der mündlichen Prüfung. Man muß die Zeit dazu beim Pedellen im Bureau erwarten, da es kein eigenes Wartezimmer für das ›Opfer‹ gibt. […] Im Senatszimmer, wo die Prüfung stattfindet, sind vorläufig der Dekan, der Protokollführer und der Hauptprofessor. Die Prüfung beginnt […]. Eine Stunde geht damit hin. Inzwischen hat sich der Saal gefüllt. Die Zeugnisse des Kandidaten zirkulieren, die ganze Fakultät ist versammelt, ein Gesumm, Gebrumm, Gespräch füllt das mittlere und untere Ende des Tisches. Einige ziehen sich in die Fenstervertiefungen zurück und verhandeln Privatangelegenheiten, Bücher und Kupferstiche gehen herum. Inzwischen beginnt die Prüfung im ersten Nebenfach, nachdem der Dekan gefragt, ob der Kandidat sich vielleicht ausruhen will, nach einer halben Stunde schließt sich die Prüfung im zweiten Nebenfach an, und endlich wird der Kandidat entlassen, damit in seiner Abwesenheit zur Abstimmung geschritten werde. Der arme Kandidat muß inzwischen draußen auf dem Korridor warten, und da die Prüfungen stets sonnabends von 4–6 stattfinden, schluckt er allen Staub, den die Besen der unterschiedlichen Reinemachefrauen aufwirbeln. Endlich hereingerufen, erhält er sein: Bestanden und ein lateinisches Sprüchlein vom Dekan, nimmt seine Dissertation unter den Arm, und während die Corona ihm munter plaudernd zur Hälfte den Rücken dreht, zieht er davon.«75 Geprüft wurde Rosa Luxemburg in den obligatorischen Fächern Staatsrecht, Allgemeines oder Schweizerisches Verwaltungsrecht, Theoretische und Praktische Nationalökonomie und in zwei der folgenden Wahlfächer: Finanzwissenschaft oder Statistik, Völkerrecht, Rechts-Enzyklopädie, Transport- und Urheberrecht, Handels- und Wechselrecht.

Rosa Luxemburgs Dissertation war in deutscher Sprache geschrieben und stützte sich auf umfangreiche Literatur und Quellen in mehreren Sprachen. Sie trug den Titel »Die industrielle Entwickelung Polens«, 1898 erschien sie bei Duncker & Humblot in Leipzig; die russische Übersetzung wurde ein Jahr später in Petersburg veröffentlicht. Die Ergebnisse ihrer detaillierten Untersuchung über die Entwicklung des Kapitalismus in Polen bestärkten Rosa Luxemburg in ihrem Standpunkt zur nationalen Frage, den sie in der sozialdemokratischen Presse seit 1894 veröffentlichte und der von Leo Jogiches und Julian Marchlewski geteilt wurde. Polen stehe in ökonomischer Beziehung keine Absonderung von Rußland bevor, es werde vielmehr mit jedem Jahr der Entwicklung großkapitalistischer Produktion stärker an Rußland gefesselt. Seit in den letzten Jahrzehnten die Industrie und die Geldwirtschaft zu ausschlaggebenden Faktoren im gesellschaftlichen Leben beider Länder geworden seien, knüpften Austausch und Arbeitsteilung zwischen Rußland und Polen tausend Fäden. Die polnische Bourgeoisie sähe darin ein Fundament ihrer Herrschaft, eine Quelle zur Bereicherung. »Die verschiedenen nationalistischen Elemente der polnischen Gesellschaft endlich fassen den ganzen sozialen Vorgang als einziges großes nationales Unglück auf, welches ihre Hoffnungen auf die Wiederaufbauung eines unabhängigen polnischen Staates unbarmherzig zertrümmert. […] Die kapitalistische Verschmelzung Polens und Rußlands erzeugt als das Endresultat, was in gleichem Maße von der russischen Regierung, der polnischen Bourgeoisie und den polnischen Nationalisten außer acht gelassen wird: die Vereinigung des polnischen und des russischen Proletariats zum künftigen Syndikus bei dem Bankrott zuerst der russischen Zarenherrschaft und dann der polnisch-russischen Kapitalherrschaft.«76

Rosa Luxemburg fand durch ihre Untersuchungen sowohl Karl Marx’ Hauptaussagen im dritten Band des »Kapital« als auch ihre eigene Ansicht zum Platz des geteilten Polens im Rahmen der kapitalistischen Ökonomik der Teilungsmächte, insbesondere Rußlands, bestätigt. Der schon im »Kommunistischen Manifest« begründeten proletarischen Revolutionstheorie zufolge werde nur eine allgemeine Revolution, die die kapitalistische Ordnung stürzt und die Weltherrschaft des Kapitals vernichtet, zur Befreiung aller Völker, darunter auch des polnischen, führen.

Um sich weiter in der internationalen Debatte zu beteiligen, bot Rosa Luxemburg 1897 Joseph Bloch, dem Chefredakteur der »Sozialistischen Monatshefte«, den Artikel »Der Sozialismus in Polen« an, der prompt erschien.77 An Karl Kautsky übergab sie für »Die Neue Zeit« ihre Studie »Von Stufe zu Stufe«. Er veröffentlichte sie ebenfalls, fügte dieses Mal jedoch als redaktionelle Bemerkung hinzu, nicht völlig auf dem Standpunkt der Autorin zu stehen und z. B. die Lebenskraft der polnischen Nation höher einzuschätzen. Doch »wie immer man über den Standpunkt des Frl. Luxemburg auch denken mag, zur Beachtung und zum Verständnis dieses Prozesses können ihre Arbeiten jedenfalls sehr viel beitragen«78.

Julius Wolf zollte ihr in seinem Referat über die Dissertationsschrift große Achtung: »Die Arbeit der Frl. Rosa Luxemburg bietet eine industrielle Geschichte Polens und eine Geschichte der wirtschaftlichen Zusammenhänge von Polen und Rußland, aber nicht als Materiallieferung, sondern als Ausgestaltung der letzten Kräfte, wirtschaftlichen, sozialen, politischen, welche die Entwicklung bestimmen. Der Arbeit ist nachzurühmen volle Beherrschung des Gegenstandes, große Sorgfalt, großer Scharfsinn. Sie erschließt ihr Thema, ohne je weitläufig zu werden, und legt Zeugnis ab ebenso von theoretischer Begabung, wie von praktischem Blick. Der Stil ist etwas mangelhaft, der Standpunkt etwas einseitig. Die Verfasserin ist Socialistin und steht zu der sogenannten materialistischen Geschichtsauffassung. Hin und wieder benützt sie Quellen der socialistischen Pamphletsliteratur. Das tut aber der Tüchtigkeit der Leistung nicht Abbruch, welche weit darüber hinausgeht, was von einer Dissertation gefordert werden muß.«79

Gustav Vogt hatte ebenfalls die Annahme der Dissertation befürwortet, in der interessanter Stoff mit viel Geschick dargestellt sei. Er bemängelte jedoch, daß die letzten Abschnitte durch die Art ihrer Polemik nicht im Tone wissenschaftlicher Erörterung gehalten seien und sich eher für Zeitschriften oder Zeitungen eigneten, und empfahl, das Deutsch vor der Drucklegung zu verbessern.80

Rosa Luxemburg freute sich riesig über den erfolgreichen Abschluß ihres Studiums. Leo Jogiches schloß sie stolz und fest in seine Arme.

Für die Familie Luxemburg in Warschau war das Doktorexamen der Jüngsten eine Sensation. Vater und Mutter widmeten Rosa »einen entzückenden goldenen Ring mit einem Vergißmeinnicht aus sechs kleinen Perlen mit Amethysten in der Mitte«. In den Ring war das Datum »1. VI. 1897« eingraviert, sie konnte ihn allerdings erst im Juli 1898 von ihrer Schwester Anna überreicht bekommen.81

Anna hatte ihr am 4. Mai 1897 als erste aus der Familie gratuliert: »Meine einzige, liebe Rózia! Vor einer Stunde kam Dein Brief, nur ich und Mama haben ihn gelesen (der Rest, wie Du weißt, zerstreut sich am Tage), kann ich Dir überhaupt sagen, welchen Eindruck er machte? Mama lachte und weinte abwechselnd, sie will den Brief nicht aus der Hand geben, möchte, daß die ganze Welt weiß, welche Freude und welcher Stolz sie erfüllt. Ich gratuliere Dir, gratuliere von ganzen Herzen, meine Teure, Gute, und freue mich für Deinen Erfolg wie auch über Deinen Gedanken, der in einem wichtigen Augenblick Deines Lebens zu uns fliegt und in unserer Freude Zufriedenheit schöpft. Wie gerne ich jetzt mit Dir sein möchte!«82 Ihr Bruder Józef schrieb am 8. Mai ebenfalls, umarmte sie in Gedanken herzlich und wünschte ihr, daß sie im Leben alles so erfolgreich regeln möge.83 Tags darauf berichtete Anna, wie begeistert der Familie von allen Seiten gratuliert werde – als ob eine Verlobung stattgefunden hätte. »Jeden Tag, bevor Tatko [Väterchen] in die Stadt geht, findet dieselbe Beratung statt: Soll Dein Brief mit dieser Bekanntgabe im Hause bleiben oder zusammen mit Tatko in der Manteltasche hinauswandern. Und wenn noch jemand kommt, muß man ja [etwas] vorzeigen […], und da muß Tatko [ihn] ›gerade jetzt‹ wieder einem seiner Bekannten in der Stadt vorlesen. Schade, daß Du diese Auseinandersetzungen nicht selbst hören kannst.«84 Die Mutter legte diesem Brief für ihre Rosa 5 Rubel für Leckereien bei. Die Französischlehrerin ließ ebenfalls herzlich grüßen, schließlich hatte dieser »kleine Dr.« die ersten französischen Worte bei ihr gelernt.

Alle Briefe von zu Hause stimmten Rosa Luxemburg glücklich, vergrößerten aber auch ihre Sehnsucht, endlich einmal die Eltern und Geschwister wiederzusehen. Ihrer Mutter wollte sie zu gern einen längeren Erholungsurlaub in der Schweiz ermöglichen. Doch ihre Schwester Anna mußte in einem Brief vom 29. Juli 1897 um Geduld bitten, weil sich die Mutter, von schwerer Krankheit arg geschwächt, noch nicht auf eine solch beschwerliche Reise begeben konnte. Das Befinden der Mutter beunruhigte Rosa, und sie beklagte, daß ihr nichts Näheres mitgeteilt wurde. Anna entschuldigte sich: »Du hättest Dich nur gesorgt und gegrämt, und das ohne jeden Nutzen für irgendeinen. Dazu erschreckt aus der Entfernung alles noch mehr, und Deine eigene Hilflosigkeit hätte Dich in diesem Falle zur Verzweiflung treiben können. Wenn es nur nicht so weit wäre, aber wo Du dort ganz allein ›hinter den Bergen‹ sitzt! Ich hätte kein Gewissen, wenn ich Dir solche Nachrichten mitgeteilt hätte, umso mehr, als Du allein an Dich denken mußt und mit einer Arbeit (Dissertation) belastet warst, für die Ruhe eine notwendige Bedingung ist. […] Sorge Dich nicht, meine Liebe, das Schlimmste ist schon vorbei, Du wirst sehen, daß es jetzt immer besser geht und Mama, so Gott will, gesund wird. Ich werde Dir oft berichten, und Du erhol Dich dort auf dem Land, weil Du das aufrichtig verdienst, und verderbe Dir nicht die Ruhe mit verschiedenen Gedanken, weil es unnötig ist, und uns machst Du eine Freude, wenn Du in besserer Stimmung bist.«85

Einige Wochen später erhielt Rosa Luxemburg in Weggis die entsetzliche Nachricht vom Tod ihrer Mutter, die in der Nacht vom 29. zum 30. September 1897 verstorben war. Da sie sich in Zürich am 22. Juli 1897 nach dem Kanton Appenzell abgemeldet hatte und in Weggis, in der Pension »Zur Tanne«, mit ihrem Leo ungestört eine schöne Zeit verbringen wollte, hätte sie es der Überbringerin der Nachricht, Frau Olympia Lübeck, beinahe unmöglich gemacht, sie aufzusuchen. Zu Hause in Warschau wunderten sich der Vater und die Geschwister mit Recht, warum ihre Antwort so lange dauerte und Frau Lübeck Rosa sofort wieder verlassen hatte. Sie glaubten sie in verzweifelter, trauriger Einsamkeit und vom Studium total erschöpft. In einer Erinnerung an die vertrackte Situation verfluchte sie später die »ganze gottverdammte Politik«, an die sie Leo geschmiedet habe. Auf sein Zureden hin habe sie die Lübeck so lange abgehalten, nach Weggis zu kommen, »damit sie mich nicht stört, den epochemachenden Artikel für die ›Sozialistischen Monatshefte‹ zu beenden; dabei fuhr sie zu mir – mit der Nachricht vom Tode der Mutter! […] Würde ich doch an Gott glauben, dann wäre ich überzeugt, daß uns Gott für diese Qual schwer strafen wird.«86 Als Leo 1898 der Verlust seiner Mutter tief betrübte, versuchte sie ihn zu trösten, indem sie ihm schrieb: »vielleicht glaubst Du jetzt auch mir, daß das auch für mich ein furchtbarer Schmerz ist, der nicht aufhört und nicht für einen Tag vergeht. Ich habe in Zürich bemerkt, daß Du mir das nicht glaubst, und ließ Dich deshalb nichts merken, aber sowohl dort als auch hier läßt mich dieses Schauderhafte nicht los. Besonders wenn ich mich schlafen lege, steht mir dieser Fakt sofort wieder vor Augen, und ich muß laut aufstöhnen vor Schmerz. Ich weiß nicht, wie es bei Dir ist, aber ich leide irgendwie nicht hauptsächlich aus Sehnsucht und nicht um meinetwillen, sondern jedesmal erschüttert mich der eine Gedanke: Was war das doch für ein Leben! Was hat dieser Mensch erlebt, wozu so ein Leben!«87

Tränenüberströmt nahm Rosa Luxemburg in der Ferne Abschied von ihrer Mutter, die sie seit acht Jahren nicht gesehen hatte und von der sie so innig geliebt und vergöttert worden war. In diesem Schmerz wurde ihr vermutlich gewahr, daß sie sich ziemlich rigoros von der Familie abgekoppelt hatte, obwohl sie eine »tiefe und herzliche Anhänglichkeit« auszeichnete.88

»Mein liebes und herzlich geliebtes Töchterchen, meine Ruziunia!« schrieb der Vater am 30. Oktober 1897. »Wir erhielten gestern 3 und heute Deine 2 Briefe, zusammen 5. Für solche bis in die Tiefe aufrührenden Briefe muß man wahrlich Deine Fähigkeiten haben, um antworten zu können und den Schmerz nach einem solch empfindlichen Verlust auszudrücken.– Als Mamusia am 17. April erkrankte, war es schon gefährlich, denn es hatte sich Krebs gebildet, wovon wir nicht wußten, natürlich außer Józio, der selbst dreimal täglich kam, häufig Kollegen und Professoren mitbrachte und nächtigte. Es gab Tage, daß es uns schien, es sei besser, aber Józio sagte nichts, und die letzten paar Tage wurde sie nur künstlich [am Leben] erhalten. Während der Krankheit besuchte [uns] ständig die ganze Familie. Das Mitgefühl der Familie und der guten Bekannten war außerordentlich, wie es sich nur Mamunia durch ihre Milde erwerben konnte. Wenn sie gute Tage hatte, unterhielt sie sich sanft und erzählte dann immer von Dir.«89

Doch was sollte nun werden? War das Leben in der Schweiz nach Abschluß des Studiums noch interessant genug? Keineswegs – Rosa Luxemburg wollte mit dem studentischen Vagabundenleben aufhören.90 Vater und Geschwister wünschten, sie käme mehr in ihre Nähe, zöge vielleicht nach Wien, Berlin oder gar Krakau, damit sie sie leichter und mit geringerem finanziellen Aufwand besuchen konnten.

Rosa Luxemburg zog es nach Deutschland, denn sie wollte dort tätig werden, wo sie sich für ihre Ziele voll entfalten konnte. Das war nach ihrer Überzeugung nur in einer gut organisierten politischen Massenbewegung möglich, wie sie die deutsche Sozialdemokratie als international anerkannte Arbeiterpartei darstellte. Vor allem hatten in dieser Partei die Befreiungsideen von Karl Marx Eingang gefunden. Einige größere Abhandlungen Rosa Luxemburgs zur polnischen Frage waren in Deutschland publiziert worden. Mit Joseph Bloch von den »Sozialistischen Monatsheften« sowie mit Karl Kautsky von der »Neuen Zeit« stand sie1896/97 im Briefwechsel. Als sie das Oktoberheft der »Sozialistischen Monatshefte« in Händen hielt, entschloß sie sich, Bloch auf die voraussichtlichen Folgen vorzubereiten: »Apropos, Sie müssen sich darauf gefaßt machen, daß einige polnische Nationalisten aus London über meinen Artikel Lärm schlagen und Sie mit Repliken bestürmen werden; diese Geschichte wiederholt sich wenigstens nach jedem meiner Artikel, sei es über Armenien, Polen oder das xbeliebige Thema. Die Wahrheit einzugestehen, möchte ich den Herren nicht einmal durch eine Polemik einen Dienst erweisen […]. Dies um so mehr, als die Polemik mit Nationalisten […] stets auf das Niveau mikroskopischer innerer Parteistreitigkeiten herabgezerrt wird, die für den deutschen Leser von geringstem Interesse sind.«91

Wenn Rosa Luxemburg ihre Position polemisch verteidigen konnte, war sie in ihrem Element. Das hatte sie schon Ende des vergangenen Jahres im Streit mit Wilhelm Liebknecht über die nationalen Kämpfe in der Türkei und die Orientpolitik des »Vorwärts« bewiesen. Sie war nicht bereit, sich als Disputierende aus dem Streit über die orientalische Frage zurückzuziehen und ausschließlich auf »das Gebiet der ›polnischen Greuel‹«92 verbannen zu lassen; auch nicht von einer solchen Autorität wie Wilhelm Liebknecht. Sie warf ihm vor, die Veränderungen in Rußland und in der Türkei und in den Beziehungen zwischen den beiden Reichen sowie die Folgen des Abfalls von Rumänien, Serbien, Bulgarien, Bosnien und der Herzegowina von der Türkei übersehen zu haben. Seine Auffassungen seien daher total veraltet.

Das zwiespältige Echo auf ihre polemischen Artikel signalisierte, auch in der deutschen Sozialdemokratie werde sie Richtungskämpfe und Auseinandersetzungen über Meinungsverschiedenheiten antreffen. Diese Aussicht stimulierte Rosa Luxemburg zusätzlich, nach Deutschland zu gehen, denn sie liebte Wortgefechte und Pressefehden.

In Deutschland lebten außerdem viele ihrer Landsleute, die sie für den politischen und sozialen Befreiungskampf gewinnen wollte. Ihre Freunde Adolf und Jadwiga Warski waren aus Paris nach München gezogen, nachdem Ende 1896 die »Sprawa Robotnicza« eingestellt werden mußte. Julian Marchlewski und seine Frau Bronislawa lebten seit 1896 gleichfalls in München, und Alexander Helphand (Parvus) hatte sich bereits 1891 in Deutschland niedergelassen. Von ihnen allen besaß sie Berichte über die Lebensbedingungen und die Eindrücke in diesem Land und die Zusage, ihr, wenn nötig, behilflich zu sein.

Ohne die Staatsbürgerschaft eines deutschen Bundesstaates aber wollte Rosa Luxemburg den Ortswechsel nicht vornehmen, damit sie nicht ständig Gefahr laufe, als »lästige Ausländerin« des Landes verwiesen oder gar nach Rußland ausgeliefert zu werden. Olympia Lübeck wußte Rat. Am 23. November 1897 unterschrieb sie folgende Zeilen: »Ich, Unterzeichnete, ertheile hiermit meinem Sohne Gustav Lübeck, geb. d. 1. Dezember 1873 in der Gemeinde Fluntern, St. Zürich die Erlaubnis, sich mit Fräulein Rosa Luxemburg von Zamost, Rußland, zu verheirathen.«93 Am 19. April 1898 schloß Rosa Luxemburg mit Gustav Lübeck in Basel die Ehe, die als Scheinehe gedacht war und nach vielem behördlichen Hin und Her am 4. April 1903 geschieden wurde. Damit erhielt Rosa Luxemburg neben ihrer russischen Staatsbürgerschaft die preußische. Allerdings mußte sie am 24. April 1898 das Zivilstandsamt von Basel noch einmal darum bitten, im Trauschein die Bewilligung des Regierungspräsidenten in Preußen zur Ehe ausdrücklich zu erwähnen, weil es darauf ankäme, »bei event. Ankunft in Berlin mit der preußischen Polizei von vornherein gut in Ordnung zu sein«94.

Für ihre neue Wahlheimat entschied sich Rosa Luxemburg als junge Frau von 27 Jahren, die sich von 1889 bis 1897/98 durch gründliches Studium und reges politisches Engagement zu einer gebildeten, kritischen und im Disput geübten Marxistin entwickelt hatte. Sie hatte bereits ein polnisches Blatt geleitet und sich in der polnischen wie internationalen sozialdemokratischen Presse ausgewiesen. Als Mitbegründerin und theoretisch tonangebende Vertreterin der Sozialdemokratie des Königreichs Polen war sie zweimal auf internationalen Kongressen in Erscheinung getreten und hatte Bekanntschaft geschlossen mit vielen Sozialdemokraten oder Sozialisten in der Schweiz, in Frankreich, Deutschland, England und Rußland. Sie war eine in Politik und Wissenschaft aufmerksam beobachtete und geachtete Frau, die sich gegen Häme und Haß ihrer Widersacher klar zu behaupten verstand.

Einen festen Halt gab ihr die Partnerschaft mit Leo Jogiches, der sie unbändig liebte und nicht selten als der weiter und schärfer Blickende wie ein theoretisches und praktisches Gewissen für sie war. Mitunter wurde dies ihr lästig, führte zu kleinen Reibereien, letztendlich aber forderte sie die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mit ihm zu ungewöhnlichen Leistungen heraus. Leo Jogiches wurde von ihrer späteren engsten Freundin Clara Zetkin als »eine jener heute noch sehr seltenen großen Mannespersönlichkeiten« charakterisiert, »die neben sich in treuer, beglückender Kameradschaft eine große Weibespersönlichkeit ertragen können, ohne deren Wachsen und Werden als eine Fessel und Beeinträchtigung des eigenen Ichs zu empfinden; ein Revolutionär im edelsten Sinne des Wortes«95 – wie Rosa Luxemburg selbst eine kühne Revolutionärin war, ohne Widerspruch zwischen Bekenntnis und Tat.

 

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