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Romy Schneider

Inhaltsübersicht

I. 1938 –1964

Der Verrat der Bilder

»Das einzig Wahre für einen Schauspieler ist die Bühne«

Eine Deutsche aus Wien

Scheidung im Hause Albach

Goldenstein

»Ich filme, ich filme«

»Und jetzt plötzlich: Romy Schneider«

Die Königin

Ernst Marischka

»Was haltet ihr eigentlich von dieser Romy Schneider?«

Die Kaiserin

Die Jungfrau von Geiselgasteig

Das Paradies-Syndrom

Robinson

»Ich kann nicht mehr geben, als mir das Drehbuch erlaubt«

Monpti

Schicksalsjahre einer Schauspielerin

»Wer ist dieser Romy Schneider?«

In den USA

Mehr als Liebelei: Christine

Paris

»Beinahe wieder Kaiserin«

Die professionelle Jungfrau

»Kehr zurück, Romy«

Der Herzog von Modrone

Die tapfere Schneiderin

Boccaccio

Die Möwe

Der Prozeß

Der Kardinal

Die Hölle

»Selbstverständlich wie die Liebe ….«

II. 1965–1982

»Und Harry Meyen wird Regie führen«

Porträt eines Gesichts

Frau Meyen und Herr Schneider

David

»Mir geht es gut hier bei Dir, Papa«

»Ich bin ja ein sehr freiwilliger Berliner«

»Nichts ist kälter als eine tote Liebe«

Die Dinge des Lebens

»Ich bin eine Schauspielerin, mehr nicht«

»Und Romy Schneider filmt und filmt«

»Romy ist wie eine Colaflasche«

»Ich muß noch ein paar Jahre gut aussehen«

»Oh, Sissi, wie tief bist du gesunken …«

»Ohne Rollen kann ich nicht leben«

Scheidung im Hause Haubenstock

Gruppenbild ohne Eltern

»Die haben ja nie geschrieben, was ich gesagt habe«

Sarah

Schatten

Das Phantom der Liebe

Letztes Schicksalsjahr

»Sie wird sich umbringen, oder sonst was tun«

»Und hört im Herzen auf zu sein«

»Niemals ist eine furchtbar lange Zeit«

ANHANG

Anmerkungen

Zeittafel

Filmographie

Personenregister

Bildnachweis

Dank

Bildteil

 

Ich verfüge über dreizehn Versionen meines Lebens. Heute wähle ich die siebte, aus Liebe zur Zahl Sieben.

 

Hugo Pratt,
Die Sehnsucht, überflüssig zu sein

I.
1938–1964

Der Verrat der Bilder

»Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren und heiße Romy Schneider.«1 Am 23. April 1981, vierzehn Monate vor ihrem Tod, erscheint in der deutschen Illustrierten »Stern« ein Interview, das sich wie die Bilanz einer Gescheiterten liest. Ausgehend von der erneuten Distanzierung vom Sissi-Klischee, offenbart das Gespräch eine viel tiefer gehende Problematik, die Romy Schneiders Leben durchzieht. Mit vierzehn Jahren verlässt sie die bürgerlich behütete Welt und betritt die Filmstudios. Das weitere Leben, so scheint es, findet im Kino, als Vorlage dafür bzw. als Reflexion darauf statt. Auf dem Film- und im Jet-Set, verfremdet in Illustrierten und Magazinen, eine wechselvolle Erfolgsgeschichte auf der Leinwand, mehrere gescheiterte persönliche Beziehungen. »Was für ein Leben«, fragt sie 28 Jahre nach ihrem Filmdebüt, »was für ein Leben ist daraus geworden?«2 Nur etwas mehr als ein Jahr bleibt ihr noch Zeit, eine Antwort darauf zu finden.

Auf dem Grabstein Romy Schneiders in Boissy-sans-Avoir steht ihr bürgerlicher Name Rosemarie Albach, der sich dort beinahe wie ein Inkognito liest. Darunter meißelte man »23 - 9 - 38 – 29 - 5 - 82«. Zwischen den beiden Lebensdaten wirkt das »bis« wie ein Gedankenstrich, unter dessen Länge sich das eigentlich Wesentliche im Leben eines Menschen verbirgt. In dieser mathematischen Strecke hat der Tod wirklich sein sprichwörtliches »Gleichmachendes«, und nur die Daten menschlicher Zeitrechnung scheinen wesentlich. Das Phänomen Romy Schneider beginnt jedoch vor und endet nicht mit den Lebensdaten. Wo also soll man anfangen? Jean-Paul Sartre führt in seiner Flaubert-Biographie Der Idiot der Familie aus: »In einen Toten tritt man ein wie in eine offene Stadt. Entscheidend ist, daß man von einem Problem ausgeht.«3

Fünfzehn Jahre vor ihrer bitteren Schlussbilanz, als sich ihre Karriere nach dem Bruch mit dem deutschen Film gerade wieder neu zu formen beginnt, steht Romy Schneider sich selbst und ihrer Situation mit einer Art von abgeklärtem Interesse gegenüber. »Ich nehm mich gar nicht ernst. Es mag wohl so aussehen manchmal, aber ich nehm mich nicht ernst«, erklärt sie 1966 in Hans-Jürgen Syberbergs TV-Film Romy – Porträt eines Gesichts, »bestimmt nicht so ernst, um darüber nachzudenken, mich zu fragen: ›Warum interessieren sie sich für mich, so viel … außer der Arbeit? Warum?‹ […] Ich will‘s nicht wissen. Ich mein: Ich will es wissen, aber das soll mir jemand anderer erklären. […] Ich weiß es nicht!« Ihren Beruf dagegen nimmt sie sehr ernst. Der Sermon endet mit einer Hoffnung, die sie ihr ganzes Leben lang äußern wird: »Ich hoffe, eines Tages, dass man sagen wird: Ihre Arbeit … Was sie gemacht hat … Was sie spielt. Was man da oben sieht, sei es im Theater oder im Kino.«

Bilder verraten etwas – im doppelten Sinne des Wortes, hierin liegt ein Schlüssel zum Verständnis von Romy Schneider. Sie spiele Rollen, jedoch niemals sich selbst, betont sie, jede andere Interpretation sei falsch. Als Schauspielerin sei sie hemmungslos, privat das Gegenteil. Zwar habe sie das Gefühl, dass im Laufe ihrer Karriere von Film zu Film mehr von ihrem eigentlichen Ich zum Vorschein käme, aber: »Jeder, der glaubt, ich sei wie in meinen Filmen, ist ein Idiot.«4 Mit Sätzen wie diesem bemüht sie sich immer wieder vergeblich darum, Biographie von Filmographie zu trennen und widersetzt sich damit dem Wunsch des Publikums und der Medien, beides zu vereinheitlichen. Man ist angesichts der Problematik versucht, diese Lebensbeschreibung der Schauspielerin Romy Schneider in Anlehnung an René Magritte mit einem »Das ist keine Biographie« zu untertiteln: Auf einem seiner bekanntesten Bilder hat der belgische Maler unter die realistische Darstellung einer Pfeife geschrieben: »Ceci n’est pas une pipe – Das ist keine Pfeife.« Darstellung und Realität sind zweierlei, auch wenn unser den Bildern verpflichtetes Denken sie oft unter demselben Begriff erfasst und zu verstehen glaubt. Der eigentliche Titel des beschriebenen Bildes lautet bezeichnenderweise: »La trahison des images – Der Verrat der Bilder«.

Hoffnungen, Vermutungen, Verleumdungen werden ebenso wie künstlerische Darstellungen in Wirklichkeiten umgemünzt und als solche tradiert. Die mündliche Überlieferung hat bisweilen scharfe Zähne. Ihre Bisswunden manifestieren sich schriftlich. »Und sehen Sie, das meiste, was über mich geschrieben wurde, sind Lügen – Lügen von unfähigen, dummen Journalisten. Was mich vorantreibt? Vielleicht, weil ich mich immer wieder von neuem bestätigen muß. Alles, was ich tue, mache ich nur unter diesem Gesichtspunkt: Was kann ich, was bin ich wert, kann ich noch besser werden?«5

Man nannte sie postum das deutscheste aller Mädchen des deutschsprachigen Nachkriegsfilms, integralen Bestandteil einer vergangenen Traumwelt, die nie wirklich existiert hatte. Ihr Leben scheint retrospektiv aus mehreren Vergangenheiten zu bestehen, aus denen man wählen kann. Ihre Geschichte mäandert bereits zu Lebzeiten in unbestimmte Kanäle, über die man in der Presse gut Bescheid wissen wollte, um darüber gerne und zu viel zu berichten. Bis heute ist ihre Präsenz in der jeweiligen Gegenwart durch Bild- und Printmedien gesichert. Eine Auswahl ihrer Filme wird regelmäßig gezeigt, spätestens anlässlich von Geburts- oder Todestagen. Ihr Gesicht bleibt von unzählbaren Bildern her vertraut. Jahrzehnte nach ihrem Tod erscheinen neue Bücher über die Schauspielerin Romy Schneider, viele von Menschen, die ihr nahezustehen vorgeben und dies mit Possessivpronomen im Titel beweisen wollen. Zum Phänomen Schneider scheint zu gehören: Jeder hat seine eigene Romy-Schneider-Interpretation. Ihre Geschichte kann nicht zu Ende erzählt werden, weil sie längst symbiotischer Teil der Geschichte von Millionen Zuschauern geworden ist. »Ich verleihe mich zum Träumen« nannte sich folgerichtig und frei nach Gabriel García Márquez eine Ausstellung Ende der 1990er Jahre, die den »Mythos Romy Schneider« zu erläutern suchte. Immer neue Fotobände erscheinen, jedes Negativ, auf dem sie zu sehen ist, wird entwickelt, die Bilder werden von Textpassagen umrahmt, deren Herkunft oft nicht belegt ist. »Ich, Romy« übertitelt sich ein Textkompilat aus Tagebucheintragungen und Interviewzitaten. Aber wer war dieses »Ich«?

»Wie soll man ihnen erklären«, fragt der Autor des mit dem Namen Alain Delon unterzeichneten öffentlichen Abschiedsbriefs nach Schneiders Tod 1982, »wer du warst, und wer wir sind, wir, ›die Schauspieler‹? Wie ihnen sagen, daß wir durch das Spielen, das ›Interpretieren‹, das Einanderer-Sein, als wir wirklich sind, wie Verrückte und Verlorene werden?«6 Man mag den Schreiber manieristischer Verklärung bezichtigen, eine Ver-rückung des »Ichs« ist dem Schauspielerberuf zweifellos immanent, manchmal auch gepaart mit Verlorenheit in der eigenen Existenz.

»Was kann man heute von einem Menschen wissen?«7, fragt Jean-Paul Sartre 1964, um der Frage in seiner mehrbändigen Flaubert-Analyse nachzugehen. In einer Biographie totalisiert man einen Menschen als Mittelpunkt seiner Zeit, reflektiert Geschichte anhand seiner Person. Die Vorgehensweise an sich ist plausibel: Das Leben der zu porträtierenden Person soll aus einem individuellen, künstlich nachgeschaffenen »Ich« heraus verstanden werden, um damit unserer eigenen Wahrnehmung möglichst nahezukommen. Fakten, Details und Spekulationen rund um ein Leben werden dramaturgisch geordnet, historische Daten, Ereignisse, Kunstprodukte werden in einer nachträglich eingeführten Determination aus der Vita belegt und begründet. Sym- oder Antipathie sollen dabei einer Empathie weichen, Interpretationen möglichst behutsam eingesetzt werden und im Idealfall dem Leser vorbehalten bleiben. Im günstigsten Falle ist das, was der Biograph zu leisten imstande ist, »nur eine Ehrung, eine vergängliche Blume auf einem Grab, das dauert«, wie Paul Valéry es formulierte.8

Man könnte damit beginnen, diesem Bild seine Metaphorik zu nehmen und das Bezeichnete darin zu materialisieren. Nach dem 29. Mai 1982 wird aus Romy Schneider auf einem kleinen Friedhof nahe Paris wieder Rosemarie Albach. Mit diesem Familiennamen und seiner Geschichte beginnt auch ihre eigene.

»Das einzig Wahre für einen Schauspieler ist die Bühne«

Ihr ganzes Leben lang wird den Filmstar Romy Schneider der beinahe angstvoll zu nennende Respekt vor dem Begriff »Theater« nicht verlassen. »Das einzig Wahre für einen Schauspieler ist die Bühne«9 ist ein Satz, der in dieser oder ähnlicher Form immer wieder in Interviews fällt. Auf dem Theater allein beweise sich der gute Akteur, im Gegensatz zu serieller Atelierarbeit sei dort nichts wiederholbar. Neben eigenen, zwar geringen, aber auf ihre Art außergewöhnlichen Erfahrungen mit dem Medium dokumentiert die Feststellung auch einen gewissen dynastischen Stolz. Väterlicherseits waren Romy Schneiders Vorfahren bis in die fünfte Generation Schauspieler, deren Name sich von Feretti in Retty gewandelt hatte und die im Laufe der Jahrhunderte von Italien über Österreich-Ungarn nach Deutschland gelangt waren. Das mimische Talent der Familie schien sich auf jeglicher Bühne bewähren zu können, denn Giovanni Maria Mastai-Feretti gelangte als Pius IX. im Jahre 1846 zu päpstlichen Würden. Als Romys Großmutter Rosa Albach-Retty Ende der 1970er Jahre ihre Autobiographie vorbereitete, überlegte sie, dass Romys Verwandtschaft mit einem Papst die Medien zweifellos interessieren würde, fragte aber spöttisch: »Glauben Sie, daß man das dem Papst antun soll?«10

Romy Schneiders Urgroßeltern sind der Schauspieler und Regisseur Rudolf und die Sängerin Käthe Retty (geborene Schäfer), ihre Großmutter die Schauspielerin Rosa Retty, die 1874 in Hanau geboren wird und 105 Jahre später in Baden bei Wien verstirbt. Sie ist von 1891 bis 1894 am Deutschen Theater in Berlin engagiert und gehört von 1903 bis 1958 stolze 55 Jahre lang dem Wiener Burgtheater an, das bis zum Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie 1918 noch »k.u.k. Hofburgtheater« heißt und zu deren Ehrenmitglied man sie 1928 macht. Sechzehn Jahre zuvor, am 13. Mai 1912, wird sie per imperialem Dekret zur »Hofschauspielerin« ernannt, eine vom Kaiserhaus finanzierte Equipage bringt sie fortan zu Proben und Vorstellungen. Die Familie Habsburg kennt sie aus der Nähe. 1898 beobachtet sie Kaiserin Elisabeth zwei Monate vor deren Tod in einer Gastwirtschaft und erlebt, wie ungeniert die Monarchin dabei mit ihrem künstlichen Gebiss hantiert. Bis ins hohe Alter erinnert sich Rosa Retty an den Menschenauflauf, als man die ermordete Kaiserin von Genf nach Wien in die Hofburg bringt, an die Kandelaber der Straßenlaternen mit den abgeschraubten Brennern, mit denen die Mariahilfer Straße vom Westbahnhof bis zur Ringstraße wie von Fackeln erhellt wird. Einige Jahre danach gewährt Kaiser Franz Joseph ihr eine Audienz, und sie zeigt sich durchaus angetan von dem greisen Monarchen: »Er war zu diesem Zeitpunkt weit über achtzig, hatte sich aber Figur und Haltung eines Jünglings bewahrt.«11

Durch die bekannteste Filmrolle ihrer Enkelin bleibt sie den populärsten Repräsentanten der k.u.k.-Monarchie weiterhin »verbunden« und erlebt dabei mitunter seltsame Situationen: In den späten 1950er Jahren besucht die Burgschauspielerin mit Freunden die Wiener Kapuzinergruft, in der die Gebeine der habsburgischen Herrscher aufbewahrt werden. Als der Pater Guardian den Sarkophag der Kaiserin Elisabeth beschreibt, assoziiert eine Besucherin spontan: »Jessas, die Sissi, die Romy is g’storben?«12

1970 gratuliert Otto Habsburg-Lothringen der 95-Jährigen zum Geburtstag. Fiktion und Realität überschneiden sich in diesem Moment für eine Frau, die in zwei Jahrhunderten gelebt hat. Sie bedenkt kurz für sich, dass, nachdem ihre Enkelin die Kaiserin Elisabeth gespielt hat, der vor ihr Stehende ihr »Urgroßneffe« wäre. In die Konversation fließt das nicht ein: »Wir redeten von alten Zeiten. Von der Wirklichkeit natürlich. Nicht vom Film.«13

Rosa Retty steht noch mit altösterreichischen Theaterlegenden wie Adolf von Sonnenthal und Josef Kainz auf der Bühne. Letzterer wird ihr väterlicher Freund und Mentor (»Merke dir, Rosi, die höchste Kunst ist nichts anderes als potenzierte Natur.«14), sie wird 1958 als erste Schauspielerin mit der nach ihm benannten »Kainz-Medaille« ausgezeichnet. 1899 heiratet Rosa Retty den Offizier Karl Walter Albach (1870–1952), die Theaterzettel führen sie seit diesem Zeitpunkt als Rosa Albach-Retty. Auf einem Foto aus dem Jahre 1896 trägt Karl Albach k.u.k.-Uniform, kunstvoll gezwirbelten Schnurrbart und den treuherzigen Blick, den sein Sohn Wolf später erfolgreich im Leben wie im Film auf- und einsetzen wird. Martialisch wirkt er nicht, eher wie ein in des Kaisers Rock posierender Charmeur. Nicht der schwere Säbel ziert die auf ihm ruhende Hand, sondern ein schwerer Ring am kleinen Finger derselben.

Am 28. Mai 1906 wird ihr Sohn Wolfgang Helmut Walter Albach geboren. Als Kind versucht seine Mutter, die er stets mit »Roserl« anredet, ihn für die zu Märchen umgedichteten Theaterklassiker zu interessieren, seine Aufmerksamkeit gilt jedoch eher den Berichten über Eifersuchtsmorde und Kasseneinbrüche, die ihm das Dienstmädchen Anna aus der »Neuen Freien Presse« und der »Kronen Zeitung« vorträgt. Er spricht breiten Wiener Dialekt, und seine Mutter bezeichnet ihn als dickköpfig: »Wie später Romy, war auch er als Kind immer darauf bedacht, seinen Willen unter allen Umständen durchzusetzen.«15 Als weiteres Charakteristikum ihres Sohnes definiert Rosa Albach-Retty eine gewisse Leichtlebigkeit: »Er konnte schwer nein sagen. Film, Autos und Frauen waren, solange er jung war, die Leitmotive seines Lebens. Später las er eine Menge guter Bücher und befasste sich mit Religion und Philosophie.«16

Der erste Theaterbesuch langweilt oder, österreichisch gesprochen, »fadisiert« ihn. Trotzdem entscheidet er sich Jahre später für die Bühne. Nachdem sie ihren »Wolfi« mit einiger Mühe durch die Mittelschule gebracht hat, akzeptiert Rosa Albach-Retty seinen Entschluss, das Reinhardt-Seminar zu besuchen, um wie seine Vorfahren den Schauspielberuf zu ergreifen. Wolf Albach, der seinem eigenen später wieder den Namen Retty anhängt, wird 1926 an das Burgtheater engagiert, wo er in einigen Stücken an der Seite seiner Mutter agiert. Arthur Schnitzler vermerkt in seinem Tagebuch am 22. März 1927: »Die Retty vorzüglich als Comtesse; ihr Sohn Albach spielte sehr nett ihren Sohn.«17 Talentsucher der Ufa erspähen den »sehr netten« jungen Bonvivant 1932 und laden ihn zu Probeaufnahmen nach Berlin ein. Er erhält eine Rolle neben Lilian Harvey in Zwei Herzen und ein Schlag und hat auf Anhieb Erfolg. In der Folge wird er in zahlreichen weiteren Leinwandproduktionen spielen, welche die Sodaperlen der leichten Unterhaltung im Titel tragen. Erst 1959 kehrt Albach-Retty ans Burgtheater zurück und bleibt dort bis zu seinem Tod 1967 engagiert.

1933 präsentierte er seiner Mutter die (erste) »Frau seines Lebens«, die deutsche Filmschauspielerin Magda Schneider. Seine zukünftige Gattin entstammt einem völlig anderen sozialen Umfeld. Die am 17. Mai 1909 als Maria Magdalena Schneider in Augsburg-Pfersee geborene Tochter eines Installateurs erarbeitet sich ohne künstlerischen Rückhalt innerhalb ihrer Familie nach Anfängen als Stenotypistin über Konservatorium und Ballettschule eine erfolgreiche Karriere als Sängerin, Bühnen- und schließlich auch Filmschauspielerin. Nach dem Augsburger Stadttheater gelangt Magda Schneider an das Münchener Theater am Gärtnerplatz. Dem folgen Engagements nach Wien und 1930 die erste Filmrolle in Boykott. Zwei Jahre später entsteht Zwei in einem Auto unter der Regie von Joe May in Paris; das Drehbuch schreibt Ernst Marischka, der über zwanzig Jahre später für die Karriere ihrer Tochter wegbestimmend sein wird.

Magda Schneider berichtet in ihren Memoiren von einem Hollywood-Angebot, das sie ablehnt. Als Gründe gibt sie Bodenständigkeit an und die Tatsache, sich gerade mit dem Wiener Schauspielkollegen Albach-Retty verlobt zu haben, den sie 1933 während der Dreharbeiten zu Kind, ich freu mich auf dein Kommen kennengelernt hat. Am 11. Mai 1937 heiraten die beiden auf dem Standesamt von Berlin-Charlottenburg, die kirchliche Trauung folgt am 2. August in St. Bartholomä am Königsee in Bayern, in der Gegend liegt auch das künftige Familiendomizil, in dem die anschließende Feier abgehalten wird. Als Trauzeugen fungieren die Eltern des Bräutigams, man einigt sich auf den Familiennamen Albach.

Rosa Albach-Retty war vom Fleiß ihrer Schwiegertochter angetan, ihrer selbstgestalteten Karriere und vor allem ihrer Darstellung der Christine Weyring in Max Ophüls’ Verfilmung von Arthur Schnitzlers Liebelei (1933), eine Rolle, in der ein Vierteljahrhundert später auch ihre Enkelin Romy zu sehen sein wird. Weitere Charakterrollen werden Magda jedoch nicht angeboten. Zwischen 1933 und 1943 drehen Schneider und Albach-Retty dafür neun gemeinsame Filme, avancieren neben Lilian Harvey und Willy Fritsch zu einem der Standard-Liebespaare des deutschen Films, übertreffen diese sogar zeitweilig an Popularität.

Ein Paar auf der Leinwand, das auch im Leben eines ist, fasziniert das Publikum und schürt phantasievolle Spekulationen. Zu ihren größten Erfolgen gehören Geschichten aus dem Wiener Wald (1934), Die Puppenfee (1936) und Zwei glückliche Menschen (1943). Letzterer entsteht, als sie privat längst nicht mehr miteinander glücklich sind und ihre Ehe ein Auslaufmodell.

Im März 1938 erhält Rosa Albach-Retty die Nachricht, dass sie im Herbst Großmutter wird. In ihren Memoiren gibt sie an, den Namen des Kindes ausgesucht zu haben, indem sie die Vornamen der beiden Großmütter (Magda Schneiders Mutter hieß Maria) zu Rosemarie kombinierte. Der Name der Mutter bildet den zweiten Vornamen. »Das Mädchen Rosemarie«, wie Rosa Albach-Retty in ihren Memoiren später in Anspielung auf den gleichnamigen »Skandalfilm«18 scherzt, genauer gesagt Rosemarie Magdalena Albach, kommt am 23. September 1938 im Wiener Billrothkrankenhaus, heute als Rudolfinerhaus bekannt, zur Welt. Zu den Gründungsvätern des Spitals gehörten der Mediziner Theodor Billroth und Kronprinz Rudolf, der Sohn jener österreichischen Kaiserin, die Romy Schneider siebzehn Jahre später verkörpern wird. Einige Monate zuvor steht Magda Schneider noch in Die Frau am Scheidewege vor der Kamera und kaschiert während der sechswöchigen Drehzeit ihren Fünf-Monats-Bauch unter einem Arztkittel. »Ich habe Romy an einem Abend bekommen […] Ich lag im Kreißsaal eines Krankenhauses in Wien, über mir ein großes Fenster, durch das ich die Blätter im Kastanienbaum sehen konnte. Kurz nach 22 Uhr war Romy da – pumperlg’sund.«19 Das kleine Mädchen ist 51 Zentimeter groß und wiegt 3,2 Kilogramm.

Der Ehemann ist fern, ein Umstand, der in den kommenden Jahren immer mehr zur Gewohnheit wird. Wolf Albach-Retty dreht zu jener Zeit in Berlin, die Schwiegereltern besuchen Mutter und Kind noch in derselben Nacht. »Mit dem goldblonden Flaum, der sich in vielen kleinen Kringeln um ihr Köpfchen legte, den großen blauen, langbewimperten Augen und den zwei Wangengrübchen sah sie wie einer von den Blasengeln aus, die in der kleinen Kirche am Königsee, wo ihre Eltern heirateten, über dem Altar schwebten.«20 Nicht weit entfernt von besagter Kirche, an deren Putten Rosa Albach-Retty ihre Enkelin erinnert, befindet sich die Auffahrt zum Obersalzberg. Dort residieren in den folgenden Jahren Menschen, die eher an profane Verkörperungen der apokalyptischen Reiter gemahnen. »Ein paar von Romys Spielkameraden waren Kinder von hohen Parteifunktionären. Einmal wurde sie von Gerda Bormann, der Frau des Reichsleiters und Hitler-Sekretärs, zu einer Kinderjause eingeladen. Dabei lernte sie auch die beiden älteren der sieben Bormann-Kinder kennen.«21

Wer die Eltern dieser Kinder sind und wozu sie sich von einer abstrusen »Vorsehung« berufen fühlen, erfährt Romy Schneider erst Jahrzehnte später. Fragen an ihre Mutter, warum sich die Familie ausgerechnet in jener Gegend niedergelassen habe, werden von dieser nur unzureichend beantwortet.22 Erst Jahre später werden Romy Schneider die historischen Zusammenhänge bewusst. Der Regisseur Bertrand Tavernier erinnert sich: »Sie machte mir gegenüber zumindest zwei Anspielungen auf die Vergangenheit ihrer Mutter. Einmal, während eines Abendessens, nahm sie meine Hand und fragte mich mit Tränen in den Augen: ›Weißt du, dass meine Mutter ihre Ferien immer in Berchtesgaden verbracht hat? Weißt du das?‹ Sie wirkte verletzt, verwundet, zutiefst getroffen und auch zornig über die Vergangenheit, die sie nicht akzeptieren konnte. Später machte sie noch eine Bemerkung darüber, welche Scham sie empfand, wenn sie daran dachte, dass ihre Mutter der NS-Ideologie positiv gegenüberstand, über ihr damaliges Verhalten, und begann wieder zu weinen.«23

Gemälde von Carl Rottmann und Caspar David Friedrich sowie einige Romane Ludwig Ganghofers machten die Gegend um Berchtesgaden bereits im 19. Jahrhundert zu einem populären Anziehungspunkt für Künstler und Industrielle, der Hinter- und der Königssee wurden zahlreichen Malern beliebte Motive. 1877 öffnete die Pension Moritz auf dem Obersalzberg, 1923 trug sich Adolf Hitler zum ersten Mal als Gast ein, später wählte er die Gegend als Sitz seiner Residenz und Ort für Staatsempfänge. Zehn Jahre nach seinem ersten Besuch ließ er den Obersalzberg zum »Führersperrgebiet« erklären und mit dem Berghof im Zentrum für 50 Millionen Reichsmark zu einem NS-Repräsentationszentrum ausbauen, in dem neben SS-Kasernen etliche Parteigrößen wie Göring, Speer und Bormann ihre Freizeitschlösser in unmittelbarer Nähe zum Führer errichteten.

Von Sommerurlauben und gelegentlichen Atelieraufenthalten der Eltern in Wien abgesehen, sieht Rosa Albach-Retty ihre Enkelin erst nach dem Krieg wieder. Romy verbringt ihre Kindheit in der Obhut ihrer Großeltern mütterlicherseits im Hause »Mariengrund« im bayrischen Schönau, zwischen Berchtesgaden und Königssee, wohin ihre Mutter sie vier Wochen nach ihrer Geburt bringt. Für die nächsten zehn Jahre ist das ihre Welt. Schroffe Berge, darunter dichter Waldwuchs, Häuser aus Stein und Holz, üppige Blumenwiesen. Magda Schneider erwirbt das Grundstück 1934.24 Ihre Eltern organisieren den Bau des in noblem Stil adaptierten oberbayrischen Bauernhauses mit den Initialen »M. S.«, der 1935 abgeschlossen ist, und bewirtschaften es, während Magda ihrer Filmtätigkeit nachgeht. Zeit ihres Lebens wird Romy Schneider hierher zurückkehren, über den schmalen, gewundenen Weg hinter dem Holztor die Anhöhe zum Anwesen hinauf, mit dem Bauerngarten, von dem aus man die Berge ringsum betrachten kann. Die Mauern weißgekalkt, dunkles Holz, ein Brunnen, Blumen auf den Balkonen, ein Schwimmbassin mit steinernem Rand, Hundegebell. En miniature steht das Gebäude auch als Vogelhäuschen im Garten. Romys Zimmer ist nicht besonders groß, auf einer Holztäfelung lagern Stofftiere und Puppen, später selbst bemalte Holzteller, Bücher, Schallplatten. In den ersten Lebensjahren wacht eine aus Anif bei Salzburg stammende Kinderschwester namens Hedwig über die kleine Romy, die deren Namen mit »Deda« und »Hedy« in die Kindersprache übersetzt. »Deda« berichtet Magda Schneider in Briefen und Karten von den Fortschritten ihres Sprösslings, in denen die zu Dreharbeiten abgereiste Mutter wie in einem Tagebuch die Entwicklung ihrer Tochter nachlesen kann. Vom Zweiten Weltkrieg, der drei Wochen vor ihrem ersten Geburtstag beginnt, bemerkt die kleine Rosemarie in den kommenden sechs Jahren nichts. Während die deutsche Wehrmacht und Sowjettruppen gemäß dem Ribbentrop-Molotow-Pakt Polen unter sich aufteilen, freut sie sich über einen Puppenwagen, einen Bären, einen Kreisel und ein Äffchen.

Ein weitaus interessanteres Präsent erhält das Mädchen kurz bevor es drei Jahre alt wird. Am 21. Juni 1941 wird ihr Bruder Wolf-Dietrich (Wolfdieter) Albach geboren, auch er wächst bei den Großeltern in Berchtesgaden auf. Den Erinnerungen ihrer Umwelt zufolge dominiert sie ihn, wie für ältere Geschwister wohl nicht ungewöhnlich, behandelt ihn wie lebendes Spielzeug, probiert an ihm aufgeschnappte Schimpfworte wie »gscherter Sauhammel« aus. Romys eigene Erinnerungen an jene Zeit sind zumeist wenig hilfreich: »Es ist alles so lange her. Mir fehlen die Bilder für diese Erinnerungen. Es interessiert mich nicht mehr, und doch betrifft es mich immer noch.«25 Die ihr fehlenden Bilder sind in Form von Fotografien festgehalten und wirken heute wie einem Heimatfilm entnommen. Das blondgelockte Kind mit Wolf Albach-Rettys Augen im Jagdrucksack des Vaters, den dieser fahrradfahrend über der Schulter trägt. Romy neben ihrer Mutter, beide in lokaler Tracht. Einen ausgestopften Fuchs aus der Trophäensammlung ihres Vaters funktioniert die Kleine zum Reittier um, was diesen bald wie ein abgeliebtes Stofftier aussehen lässt. Die Aufnahmen scheinen eine pastorale Idylle zu dokumentieren. Ihre Eltern bekommen die Kinder jedoch nur zu Gesicht, wenn diese zwischen den Dreharbeiten hier kurz urlauben. Die Prospekte der Filmgesellschaften werden für Romy zu Familienalben, aus denen ihr die Eltern in eleganter Kleidung, perfekt frisiert und geschminkt, fröhlich zulächeln.

Eine Deutsche aus Wien

»Der Inhaber dieses Passes ist Deutscher« liest man auf dem am 13. Januar 1976 in Paris ausgestellten Pass von Rosemarie Magdalena Albach. Darunter ist vermerkt: »Künstlername Romy Schneider«. Ihrer Freundin Christiane Höllger schreibt die Schauspielerin 1976: »Deine Rosemarie M. Albach – geb. 1938 in Wien und keine ›stolze Trümmerfrau‹ (Gott sei’s gedankt oder wem immer!)«26

Formal wird Romy Schneider, der kein österreichisches Lexikon die Staatsbürgerschaft verweigern würde, zwar in Wien, jedoch nicht in Österreich geboren. Seit dem 13. März 1938 liegt der »Reichsgau Wien« in der »Ostmark«, einem Teil »Großdeutschlands«. Im März sieht Rosa Albach-Retty auf einem Empfang im Wiener Rathaus Adolf Hitler. Die Familie, aus der Romy Schneider hervorgeht, ist dem Führer und Reichskanzler nicht unbekannt, bereits einige Jahre zuvor war ihm Magda Schneider in München vorgestellt worden. Zu jener Zeit lebt die Schauspielerin zur Untermiete bei einer Frau, deren Tochter mit Heinrich Hoffmann befreundet ist, der sich später mit dem stolzen Titel »Leibfotograf des Führers« schmückt. An einem Silvesterabend lernt die junge Schauspielerin einen Herrn Hitler kennen, der sie als theaterbegeisterter Operettenkenner mit Ovationen und floralen Grüßen bedenkt. Rosa Albach-Retty zitiert in ihren Memoiren Hitlers später geäußerte Bemerkung: »Ja, Magda Schneider […] ich hoffe, Sie wissen, daß ich damals in München nur Ihretwegen ins Theater gekommen bin.«27 Magda Schneider spart diese Szene in ihren Erinnerungen aus.28

In ihrem Buch berichtet Rosa Albach-Retty, sie selbst habe bereits 1910 oder 1911, als sie zu Besuch bei einer Freundin war, deren Wiener Villa gerade renoviert wurde, von einem Maurer gehört, der nur Milch trinke und sich von der Besitzerin zwei Nietzsche-Bände ausgeborgt habe. Nachdem er die zurückgab, fand die Besitzerin darin zwei handgemalte Visitenkarten, auf denen der Name »Adolf Hitler« stand. Ein Vierteljahrhundert später sieht Albach-Retty vom Balkon des Wiener Burgtheaters aus den einstigen Maurer im offenen Wagen die Wiener Ringstraße entlangparadieren. Später besucht er zwei Mal das Burgtheater, während sie in Vorstellungen von Einen Jux will er sich machen und Romeo und Julia auf der Bühne steht.

Die politische Entwicklung in Deutschland nimmt umgehend Einfluss auf die künstlerische Produktion des Landes. Die Dreharbeiten zu Magda Schneiders und Wolf Albach-Rettys erstem gemeinsamen Film Kind, ich freu mich auf dein Kommen findet 1933 unter der Regie von Kurt Gerron in Berlin statt. Eines Tages werden die Aufnahmen von einem SS-Trupp unterbrochen, der sich vor dem jüdischen Regisseur aufstellt und das Horst-Wessel-Lied intoniert. Die Filmleute stimmen, so Rosa Albach-Retty, nolens volens ein, ihr Sohn habe als einziger den Hitlergruß unterlassen. Magda Schneider muss daraufhin mit dem Hinweis, er kenne als gebürtiger Österreicher die Gebräuche des Landes noch nicht, die aufgebrachten Störenfriede besänftigen. 1941 wird Albach-Retty Parteimitglied, es darf vermutet werden, aus Karrieregründen. Seine Frau erwähnt diese Szenen in ihren Memoiren nicht, berichtet aber von Gerrons Verhaftung und Deportation 1943 sowie seiner Ermordung 1944.29

Magda Schneider ist 1941 bei Adolf Hitler auf dem Berghof am Obersalzberg geladen. Es ist eine formale Audienz gemeinsam mit anderen Geladenen, einem Handschlag von höchster Seite, belegt durch Filme und Fotos, die später als Beleg eines nahen Verhältnisses ausgelegt werden, für das es keine weiteren Beweise gibt.30

Präzise Listen zu führen gehört von allem Anfang an zum unverzichtbaren NS-Instrumentarium. Gefürchtet sind jene, auf denen sich Personen wiederfinden, die in irgendeiner Form den menschenverachtenden Konventionen des Dritten Reiches nicht entsprechen und daher mit Berufsverbot, Inhaftierung, im schlimmsten Falle den Todeslagern zu rechnen haben. Daneben existieren aber auch Listen, auf denen jene Personen verzeichnet sind, die das Dritte Reich als »unverzichtbare« Künstler betrachtet. Mit kühler Strategie entwirft man bereits vor dem Angriff auf Polen Szenarien für jene Schauspieler, die man »in Kriegszeiten und danach« nicht entbehren will. Rainer Schlösser, der Leiter der Theaterabteilung im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, erstellt nach den Vorschlägen diverser Propaganda-Ämter eine erste Liste von »unabkömmlichen« Künstlerpersönlichkeiten. Auch Magda Schneider-Albach wird in diese eingetragen. Ihr Mann fehlt zunächst wie manche andere prominente Persönlichkeit, was für Historiker auf politische Präferenzen Schlössers schließen lässt und die These bestätigt, wonach »das Propagandaministerium keineswegs in erster Linie um die Förderung von ›Parteigenossen‹ bemüht ist, vielmehr nach dem durch die rassistischen und ideologisch determinierten Berufsverbote bedingten kulturellen Aderlaß um jeden ›Prominenten‹ kämpft. ›Prominent‹ wird man – selbst aus der Sicht der Propagandazentralstellen in Berlin – durch finanziellen Erfolg (die Grenze liegt bei Jahresgesamteinnahmen in der Höhe von RM 100 000), der auf entsprechende Publizität und Publikumswirksamkeit schließen läßt.«31 Fakt ist: Romy Schneiders Eltern gehören zu den vielbeschäftigten Schauspielern des Dritten Reiches. Wolf Albach-Retty findet sich auf der »Gottbegnadeten-Liste« für »Künstler im Künstlerkriegseinsatz«, Unterpunkt Film, die 280 männliche und 227 weibliche Darsteller verzeichnet.32 Magda Schneider erscheint dort nicht, wohl aber ihre Schwiegermutter Rosa Albach-Retty. Es sind Listen, die wenig über die politischen Sympathien der Aufgelisteten aussagen, als vielmehr etwas über die Einschätzung einflussreicher NSDAP-Beamter, wer als für die Unterhaltungsindustrie wichtig befunden wird. Zu den Spitzenverdienern zählen beide nicht. In der letzten Gagenliste der Wien-Film ist 1945 vermerkt, dass Wolf Albach-Retty ein Pauschalhonorar von 30 000 Reichsmark pro Film erhält, Magda Schneider kommt auf 25 000. Zum Vergleich: Gustaf Gründgens erhielt 60 000, Willy Fritsch 50 000 und Attila Hörbiger 40 000, Theo Lingen 22 000 Reichsmark. Paul Hörbiger hatte einen Jahresvertrag von 150 000. Bei den Damen erhielten Paula Wessely 120 000, Marika Rökk 70 000, Brigitte Horney und Kristina Söderbaum 60 000, Marte Harell 30 000 Reichsmark. Nach diesen Listen wurde Albach-Retty immer pauschal honoriert, Magda Schneider dagegen konnte auch Tageshonorare von 700 RM erhalten.33

Scheidung im Hause Albach

Man darf sich das Kind Romy Schneider als einen glücklichen Menschen vorstellen, auch wenn sich in den Erinnerungen der Bekannten und der Familie jene Jahre auf die obligaten Anekdoten reduzieren. Rosa Albach-Retty erzählt oft von dem kindlichen Sprachfehler, mit dem die kleine Rosemarie betrauert, dass ihre Großmutter mit anderen Akteuren anstatt mit ihr spielen muss: »Geh nicht weg! […] Dieses blüde, blüde Burgtheater nimmt mir meine Oma weg.«34 Am 7. Juni 1939 notiert die Familie, dass Rosemarie zum ersten Mal ohne Hilfe stehen kann, eine Woche später die ersten Worte spricht, »Mamama« und »Papapa«. Illustriert wird Romys Eigenwilligkeit gern mit einem Vorfall anlässlich eines Besuches im Wiener Prater. Als der Vater sie nach einigen Ringelspielfahrten zur Heimreise auffordert, setzt sie sich aus Protest auf den Gehweg und weigert sich, mitzukommen. Nachdem gutes Zureden nicht fruchtet, schleift Albach-Retty sie zum Auto, wobei sie sich das Hinterteil wundscheuert.

Dem gemeinsamen Domizil bleibt der Familienvater zunehmend fern, kommt auf Besuch, frönt seinem Hobby, über das man 1939 lesen kann: »Wenn ich Ferien hab, bin ich nicht mehr elegant, Gott sei Dank. Dann steig ich in Lederhosen, lege meinen alten Janker an und zieh hinaus ins Revier …‹ Das sagt Wolf Albach-Retty, der mit seiner Frau Magda Schneider und dem Töchterchen Rosemarie ein schönes Landhäusel bei Berchtesgaden besitzt. Und dazu gehört eine eigene Jagd. ›Aber ich knall nicht drauflos. Das Schönste ist doch, wenn man die Natur in ihren tiefsten Geheimnissen belauschen darf! Sehen Sie, das ist meine private Leidenschaft.‹«35 Seine mitunter intimen Verhältnisse zu manchen weiblichen Filmpartnerinnen ebenfalls als eine Form praktizierten Waidwerks auszulegen, wie es Kommentatorinnen später spöttisch tun, ist wohl eine zulässige Metapher. Magda Schneider versucht die Rolle ihres zunehmend abwesenden Ehemannes zu relativieren, indem sie vor allem über seine positiven Absichten den Kindern gegenüber spricht, dabei aber auch grundlegende Probleme durchblicken lässt: »Wolf war ein rührender Vater. Er gab sich schrecklich viel Mühe, seine Unbeholfenheit mit Kindern zu überwinden. Es gibt ja Menschen, die mit Kindern nichts anzufangen wissen, und es fällt ihnen auch schwer, den rechten Kontakt zu ihren eigenen zu finden. In unserem Fall mag das an den langen Zeiten der Trennung gelegen haben.«36

Für Romy blieb, so die Einschätzung Magda Schneiders, der Vater dadurch ein fernes Wesen, und die Kleine entwickelt sich ihrer Darstellung nach zu einem ausgesprochenen »Mutterkind«. Durch die vielen Trennungen habe Romy die Scheidung zunächst nicht fundamental gespürt, vermutet Magda Schneider, die väterlichen Besuche wurden lediglich seltener und hörten schließlich ganz auf. Wolf Albach-Retty hatte die Schauspielerin Trude Marlen kennengelernt, die er 1948 heiratet. Unbemerkt geht die Trennungsphase an der kleinen Rosemarie jedoch nicht vorbei: »Acht Jahre hat meine Mutter auf ihn gewartet und seine Ufa-Kostüme in den Schränken auf dem Dachboden gepflegt. Sie hat sich die Augen aus dem Kopf geheult. Als Kind habe ich sie gefragt, warum sie denn weine. Sie hat nichts gesagt. Ich hab halt festgestellt, sie war allein, es war niemand da.«37 In den frühen Chroniken der Karriere von Romy Schneider legt man ihr, wohl von ihrem damaligen familiären Management inspiriert, deutlichere Worte in den Mund: »Mutti weinte so viel. Und daran war nicht der böse Krieg schuld, nicht die Lebensmittelknappheit, die auch vor dem ›kleinen Gut‹ in Bayern nicht haltmachten. Warum mußte Mutti immer weinen und warum kam Vati nicht, um zu helfen, wenn sie, mit Taschen und Rucksack bepackt, über die Grenze ging, um Kartoffeln und andere eßbare Dinge zu hamstern, um die Familie vor Hunger und Not zu bewahren.«38

Magda Schneider selbst spricht von »fünf schwierigen Jahren«, »der schlimmsten Zeit meines Lebens«, und den vielen intensiven Frauenbekanntschaften, auf die sich der Filmstar Albach-Retty nur zu gern einlässt, relativiert jedoch: »Das Unglück unserer Ehe, die so wunderbar begonnen hatte, war wahrscheinlich der Krieg, die ewige Trennung, die sich aus unserer Arbeit ergab.«39 Tatsächlich sind die gemeinsamen Filmarbeiten die Zeit, in der sich das Ehepaar am häufigsten sieht, denn Filmverträge haben den Zusatz: »Es ist unzulässig, daß der Filmschaffende sich zu den Aufnahmen und Proben von Angehörigen oder Bekannten begleiten läßt.«40 Die Scheidung erfolgt im Februar 1945, von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, die hat 1945 mit dringlicheren Sorgen zu kämpfen, beide Kinder werden Magda Schneider zugesprochen. Vor Gericht wird das Verschulden Albach-Rettys vermerkt, die Mutter allerdings erst zehn Jahre später als alleinige Erziehungsberechtigte eingesetzt. Zu jener Zeit wird die Konservierung der musealen Textilien des Ex-Ehemannes auf dem Dachboden längst ihr Ende gefunden haben, denn eine neue Garnitur von Herrengarderobe lagert seit zwei Jahren in der Schönau.

In einem Brief an das »Jesulein« schreibt Romy während ihrer Schulzeit über ihre Familie. Neun Zeilen davon gelten ihrer Mutter, danach folgt die Bitte um Segen für »meinen Pappy, meine Mammi, Opa, Wolfi«. Sich selbst bezeichnet Romy als »schwarzes Schaferl« und schließt mit »Ich * liebe * ja * meine Eltern * sooo * innig! trotzdem sie geschieden sind.«41

Auf ein Heft mit »Rechen-Hausübungen« wird sie ein paar Jahre später schreiben: Romy Albach-Schneider Retty, zwei Zeilen braucht sie für diesen Namen. Der des Vaters steht darunter, etwas abseits, aber eben doch präsent. In Romy Schneiders Beschreibungen liest sich ihr Vater wie ein Konstrukt aus Realität und Wunschvorstellung. »Als junges Mädchen saß ich am liebsten im Zimmer von meinem Vater, der ja nicht mehr im Haus war, der meine Mutter verlassen hatte. Da war ich ganz allein. Ich wußte, ich saß in einem Zimmer von jemand, der mich sehr liebte. Der wohl kein wirklicher Vater war, der schon nach dem Kauf von zwei paar Schuhen für mich und meinen Bruder total fertig war und sagte, i kann nit mehr. Aber in diesem Raum fühlte ich mich trotzdem nie allein.«42 Nach der Geborgenheit bei einer Vaterfigur sucht sie immer wieder in ihrem Leben, findet sie jedoch kaum. Nur in dem Regisseur Luchino Visconti, gibt sie an, fand sie dies für ein paar Jahre. In ihrem Film Die Frau am Fenster (1976) sagt die von Romy Schneider gespielte Margot: »Ich träume immer von einem Mann, der sich mehr und mehr von uns entfernt. Ich bin immer acht Jahre alt und immer bei meiner Mutter in Wien. Meine Mutter sagt mir, dass mein Vater uns verließ, weil er andere Frauen liebte. Frauenzimmer. Und plötzlich kommst du, lächelst mich an, aber ich bin immer acht Jahre alt, und du bist vierzig.«

Legendär wird jener Zettel, den Wolf Albach-Retty seiner Tochter später schenkt und den sie bis zu ihrem Lebensende behalten haben soll: »Steck deine Kindheit in die Tasche und renne davon, denn das ist alles, was du hast.« Es ist ein Satz, der sich wohl auf Max Reinhardts »Rede über den Schauspieler« bezieht, einen Vortrag, gehalten anlässlich einer Gastspielreise des Deutschen Theaters 1928 an der Columbia University in New York. Im korrekten Zitat lautet er: »Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters. Es ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiter zu spielen.«43 Der Schauspieler sei das Wesentlichste am Phänomen Theater, führt Reinhardt weiter aus, er sei die Verkörperung der menschlichen Sehnsucht nach Verwandlung und Verstellung. In den Kindern spiegle sich das Wesen des Akteurs am besten, ihr Gestaltungswille, ihre Phantasie symbolisieren reinstes Theater und vorbildliche Schauspielkunst im Bewusstsein, dass alles letztlich nur Spiel sei. Die Schauspielkunst sei nicht Verstellung, sondern Enthüllung, Befreiung von der konventionellen Schauspielerei des Lebens.

Ob Albach-Retty seiner Tochter damit etwas über ihr oder sein eigenes Leben sagen wollte, gehört in den Bereich der Spekulation. In der verknappten Form wendet sich das Zitat aber in persönlicher Form an jene Romy, die er zumindest ein wenig kennengelernt hatte, an das Mädchen in seinen ersten Lebensjahren.

Wolf Calebow, der mit den Kindern des Schauspielerehepaares in der Schönau aufwächst, erinnert sich an Familienszenen aus dem letzten Kriegsjahr: »Wir waren unmittelbare Nachbarn. Die Familie Schneider wohnte von der bäuerlich-ländlichen Umgebung etwas abgehoben am Gelände des alten Bauernhofes Winkelen in einem villenartigen Haus, das 1945 von amerikanischen Besatzungsoffizieren, die sich dort einquartierten, eine Zeitlang enteignet worden war. Es war ein vom äußeren Bild her gehobener Lebensstandard. Sie hatten zum Beispiel ein Schwimmbad, und der Garten war von einer geschnittenen Hecke umgeben, was man damals in der Schönau kaum sah. Wolf Albach-Retty habe ich nur ein einziges Mal gesehen, als ich zufällig im Haus war. Da kam er mit einem für die damalige Zeit auffällig schicken Cabriolet angefahren, an seiner Seite war eine fesche junge Frau. Er sagte zu den Kindern Hallo, sonst sagte er nicht viel, marschierte ins Haus, nahm im Flur die ganzen Hirschgeweihe ab, die ihm offenbar gehörten, packte sie auf dem Rücksitz zu einem Stapel, winkte, sagte Hallo und fuhr wieder ab.«44

Am 25. April 1945 bombardieren alliierte Luftstreitkräfte den Obersalzberg und zerstören die symbolträchtigen großdeutschen Anlagen, worauf die dort verbliebenen NS-Repräsentanten das Gebiet verlassen, das nun von den Amerikanern kampflos eingenommen werden kann. Berchtesgaden und Umgebung bleiben von der gezielten Zerstörungsaktion nahezu unbehelligt. Magda Schneiders Familie hat in den letzten Kriegstagen in einem Bauernhof bei Laufen Unterschlupf gefunden und kehrt erst bei Kriegsende wieder nach Mariengrund zurück. Die Gegend steht unter amerikanischer Kommandantur, US-Soldaten requirieren das Anwesen kurzzeitig, die Familie Schneider übersiedelt derweil in den Gasthof Unterstein.

Nach Kriegsende vergeht einige Zeit, bis Magda Schneider wieder Arbeit findet. Die Argumentation der während der Kriegszeit und davor Vielbeschäftigten liest sich heute etwas apologetisch: »Ich bin im Grunde genommen das, was man einen ›Familienmenschen‹ nennt. Meine Familie geht mir über alles. Meine Kinder, die auf mich angewiesen waren, und meine Eltern, die in meinem Häuschen Mariengrund lebten, waren der einzige feste Grund, auf dem ich nun stand.«45 Fest steht jedoch, dass sie es ist, die nun den Unterhalt der fünfköpfigen Familie bestreitet. Sie tingelt durch Deutschland und Österreich, der ehemalige Ufa-Star tritt dabei mit improvisiertem Programm in Gaststätten auf. Neue Filmarbeit gibt es nicht, doch von März bis Juli 1946 steht sie in Salzburg und Innsbruck in Kammerjungfer, einem Lustspiel von Jacques Deval, auf der Bühne. Am 29. Juli 1946 gastiert sie mit demselben Stück im Wiener Volkstheater. Die Schauspielerin Senta Wengraf ist bei dieser Tournee dabei: »Magda fühlte sich allein, bekam keine Filmaufträge, verdiente wenig Geld.«46

Hans Dichand, österreichischer Journalist und Zeitungsherausgeber, erinnert sich, in jener Zeit Romy Schneider in der Wiener Mariahilfer Straße begegnet zu sein, »sie war damals ein kleines Mädchen von vielleicht acht Jahren. Romy ist auf der Straße gestanden und hat Flugzettel verteilt, die einen dieser – in der Nachkriegszeit sehr beliebten – Bunten Abende ankündigte. Damit haben sich die Schauspieler ihr Geld verdient. Auch die ganz großen, denn die Filmindustrie florierte in der Nachkriegszeit nicht so sehr«,47 zitiert ihn Daniel Biasini in seiner Schneider-Biographie. Dem Getuschel der Leute entnimmt Dichand, die Kleine sei die Tochter von Wolf Albach-Retty und Magda Schneider. Er erwirbt ein Programm, auf dem sich tatsächlich der Name Schneider findet.

Vom Dezember 1946 bis ins Frühjahr 1947 bleibt Magda Schneider am Landestheater Salzburg engagiert. Im Mai 1948 ist sie in Ein Mann gehört ins Haus wieder in den Kinos zu sehen, der Film war noch während der NS-Zeit in den Ateliers der Wien-Film entstanden, wurde jedoch erst nach Kriegsende fertig geschnitten. Im Dezember 1948 arbeitet Magda Schneider zum letzten Mal für das Theater. In der Münchner Schaubühne agiert sie in dem musikalischen Lustspiel Das Ministerium ist beleidigt. In der Nachkriegsrezession bleiben Theaterproduktionen zumeist wirtschaftlich unrentabel. Erst 1950 dreht Magda Schneider ihren ersten Nachkriegsfilm: Die Sterne lügen nicht, und wieder drei Jahre später verhandelt sie mit dem Produzenten Kurt Ulrich über einen Stoff unter dem Titel Wenn der weiße Flieder wieder blüht. Der Umstand, dass für diesen Film ein halbwüchsiges Mädchen gesucht wird, das ihre Tochter spielen soll, ändert ihre Karrieresituation schlagartig.

Goldenstein

In den Jahren 1944 bis 1948 besucht Romy die Volksschule in der Schönau. Ihre Lieblingsfächer sind im musischen Bereich angesiedelt, sie hat Zeichentalent, singt gern, interessiert sich für Geschichte und Heimatkunde. Für die sogenannten Hausfrauenfächer, auf die man damals bei der Erziehung von Mädchen großen Wert legt, zeigt sie ebenso wenig Interesse wie Talent, eine Abneigung, die nur noch von ihrer völligen Unbegabtheit auf dem Gebiet der Mathematik übertroffen wird. Am 6. Juni 1949 wird sie im Salzburger Dom gefirmt, oder, wie es die Urkunde maskulin formuliert, »zum Streiter Christi gesalbt«. Nach der Volksschulzeit schickt ihre Mutter sie in ein Internat im oberösterreichischen Gmunden am Traunsee. Da sich dieses für Besuche von Magda Schneider als verkehrsmäßig ungünstig erweist, findet man eine andere Lösung. Romy kommt in das von geistlichen Schwestern geführte Internat auf Schloss Goldenstein in Elsbethen, fünf Kilometer nördlich von Salzburg, das sie vom 1. Juli 1949 bis zum 12. Juli 1953 besucht. Ursprünglich Sommerresidenz der Benediktinerabtei St. Peter, wird das Schloss 1878 den Augustiner-Chorfrauen als Schulgebäude überlassen. Während des Krieges wird die Anstalt geschlossen, erst nach 1945 kehren die geistigen Fräulein nach Goldenstein zurück. Die wehrburghafte Silhouette ähnelt ein wenig dem nicht weit entfernten Schloss Fuschl, das in der Sissi-Trilogie als Schauplatz für das bayrische Possenhofen dient.

Nach mehr als zehn Jahren bei den Großeltern und ihrem Bruder in Mariengrund empfindet Romy Schneider die Isolation von ihrer Familie zunächst als sehr hart. Ihre Mitschülerinnen dürfen einmal im Monat nach Hause, Romy dagegen bleibt zumeist im Internat. Ihr Vater hat ein Jahr zuvor wieder geheiratet, und Romys Mutter ist auf Theatertournee. Das Kind sucht seine Bezugspersonen in den Schwestern Theresa, die ihre Klassenlehrerin wird, und Augustina, die sie in Englisch, Musik und Bildnerischer Erziehung unterrichtet. Romy bewundert das humorvolle Wesen ihrer Lehrerin und gehört in diesen Fächern stets zu den Klassenbesten.

Magda Schneider äußert sich grundsätzlich positiv über die Internatszeit ihrer Tochter, sieht in der Leiterin der Schule, Präfektin Theresa, eine »großartige, verständnisvolle Erzieherin. […] Die Zahl der Schülerinnen war jedenfalls so gehalten, daß sich die Lehrkräfte jeder einzelnen wirklich widmen konnten. Das war wirklich gut so, denn mit Romy mußte man sich individuell beschäftigen. Es war ihre schwierigste Zeit.«48 Sie erwähnt jedoch einen Vorfall, bei dem die Präfektin der Englischen Fräulein sie zu sich zitiert und ihr den möglichen Ausschluss ihrer Tochter aus der Schule androht. Der Streitfall liest sich heute wie eine Anekdote. Romy, die eine leidenschaftliche Karl-May-Leserin war, erscheint mit einem in schwarzes Einschlagpapier gewickelten Band des Populärschriftstellers in der Gesangsstunde und liest statt der Noten dessen Abenteuer vom Blatt. Als der Schwindel auffliegt, bestellt man die prominente Mutter des Zöglings und schildert ihr die »hoffnungslose« Situation. Da weitere Folgen ausbleiben, darf man in der Drohung zumindest eine gewisse Übertreibung vermuten.

Die Schülerinnenzahl beträgt 52, mit sechzehn davon geht Romy in eine Klasse. Die Zöglinge nächtigen in gemeinsamen Schlafsälen auf einfachen Holzbetten, Romy im »Philemon«-Saal. Ihre schulischen Leistungen sind unterschiedlich. Die Schwächen in Mathematik und den hausfraulichen Unterrichtsgegenständen haben sich seit der Volksschule nicht gebessert, auch die Ordnungsliebe ihrer Erzieherinnen teilt sie nicht. Ihr künstlerisches Talent im ornamentalen Zeichnen dagegen entfaltet sich weiter.

»Ich habe Schwester Theresa ein großes Denkmal in meinem Herzen gesetzt. Sie hat es trotz aller Schwierigkeiten verstanden, Romy in der Ordnung zu halten und ihr weiterzuhelfen, ohne sie zu verbittern. In dieser Zeit, in der mich meine Arbeit so sehr von meinen Kindern fernhielt, hat sie bei Romy eine wahre Mutterstelle vertreten«,49 hält Magda Schneider fest. Später verfolgt man in Goldenstein Romys weiteren Lebensweg mit großer Aufmerksamkeit. Man war, so schreibt Rosa Albach-Retty, stolz auf die Filmkarriere des ehemaligen Zöglings. Auf Anfrage sendet ihnen Romy ihr Porträt zu – in Kombination mit einem großen Farbfernsehgerät. Das Konterfei begrüßt fortan die Besucher an prominenter Stelle des Stiegenhauses. Erst als die Karriere einige Filme aufweist, mit deren Inhalt, wie er ihnen geschildert wurde, sich die geistlichen Fräulein nicht mehr abfinden konnten, und sich Romy öffentlich für die Möglichkeit legaler Schwangerschaftsunterbrechung ausspricht, erfolgt die stille Demontage der weltlichen Ikone. »Gott sei Dank«, so Romys Großmutter mit leisem Humor, »haben die guten Schwestern wenigstens den Fernsehapparat behalten!«50

Insgesamt bezeichnet Magda Schneider Romys Internatsjahre als gute Vorschule für jene Disziplin, die ihr später bei der Filmarbeit abverlangt wird. Eine Art künstlerischer Entwicklungsmöglichkeit zeichnet sich früh ab, denn Romy bemalt Holzteller mit großer Fertigkeit. Schwester Augustina hat sie darin ermutigt, ein Tischler in Salzburg fertigt das Rohmaterial dafür an. Einer, den sie als Geschenk für ihre Mutter verziert, so erzählt sie im Familienkreis gern, gerät so perfekt, dass der Zöllner ihr bei der Einreise nach Deutschland nicht glauben will, dass er nicht gekauft sei, und auf dem Erlös des Zolls besteht.

»Romy war ein unausgeglichenes Kind«, berichtet Schwester Augustina, »voller Konflikte, uneins mit sich selbst. Sie gab kaum Gedanken preis, die sie wirklich bewegten – eher eine Einzelgängerin.«51 Für die Manifestation solcher Gedanken hat das Kind jedoch eine andere Form gefunden. Romy beginnt ein Tagebuch, dem sie den Vornamen »Peggy« gibt. Rotes Leder, Goldschnittseiten, Messingschloss, auf der letzten Seite eine Widmung von Magda, die sie zu unerschütterlichem Vertrauen in ihre Mutter ermahnt. Der Schreibstil nimmt viel von Romys späterer schriftlicher Konversation vorweg. Briefe, Zettel und Notizen wird sie stets als Mitteilungsform verwenden. Sie schreibt uneinheitlich, dreht und wendet die Seiten, wechselt die Buchstabengröße, unterstreicht, verwendet Interpunktion in inflationärem Ausmaß, spiegelt sich und ihre seelischen Zustände vollkommen wider. Zwischendurch schreibt sie Briefe in »steiler Schrift«52, wie Hildegard Knef später feststellt.

»Peggy« begleitet sie ab ihrem dreizehnten Geburtstag. Noch zu ihren Lebzeiten, vor allem aber postum, werden Passagen daraus veröffentlicht, kommentiert, interpretiert, obwohl sich das Diarium nicht wesentlich von dem ihrer Altersgenossinnen unterscheidet. Der Name Romy Schneider verleitet jedoch die Amateurpsychologie zu phantasievollen Ausdeutungen. So will man in ihren ersten pubertären Phantasien von Männern, die ihr dereinst bei Bällen in den Ausschnitt schielen werden, sowie in flüchtigen Akt-Karikaturen, bei denen der Mann züchtig Shorts trägt, ein Schleier dagegen den Frauenkörper nicht wirklich verhüllt, künftige Probleme vorweggenommen sehen. Altklug vermerkt die junge Autorin an anderer Stelle: »Es saß einmal ein Liebespaar auf einer kleinen Bank. Da sagte sie auf einmal: ›Liebling, heut’ lieb ich dich so!!!‹ Vielleicht hat sie morgen aber schon ’ne Wut auf ihn! Denn Männer bleiben ja selten treu!«53 Zumeist sind die darin geschilderten Luftschlösser oder Probleme freilich alltäglicher.

Manchmal wird ihr das Tagebuch strafweise entzogen. »Gestern habe ich in der Studienzeit Tagebuch geschrieben, weil ich alle meine Aufgaben schon gemacht hatte. Da – o heiliger Schreck – da kam Frau Präfektin herein. UUUiii! Da erschallte schon ihre angsterfüllte Stimme: ›Romy! Hast du nichts zu handarbeiten? … Fix an die Arbeit! Und das Tagebuch nehme ich dir so lange weg, bis du deine Handarbeit fertig hast!‹ Oh du meine Güte, da warst du mir dann genommen!«54

Unter Überschriften mit ein bis drei Ausrufezeichen vertraut sie sich »Peggy« täglich an, träumt kindlich von Jungmädchenabenteuern, vom Ausreißen, Durchbrennen nach Paris oder Mexiko, wo sie dann in einem Theater als Cowboy auftritt. Erst 1952 kauft das Internat ein Radio an, sie hört fasziniert auf die fremden Stimmen unbekannter Menschen aus einer Ferne, in die sie einst reisen möchte. Von Goldenstein aus führt die Straße nach Salzburg, so weit reicht ihre Welt an manchen Tagen. Folgt man der Straße weiter, kann man von Salzburg aus auch Wien erreichen. Von ihrer Geburtsstadt, in der sie nur kurze Zeit verbrachte und die sie sich herrlich vorstellt, kann sie vorerst nur träumen.

In das Tagebuch klebt sie Fotos von Filmstars, ihrer Eltern sowie auch die späterer Filmpartner ein, wie etwa das von Orson Welles, freilich ohne ahnen zu können, dass der sie zwölf Jahre später als »die beste Schauspielerin ihrer Generation«55 bezeichnen wird. Über seinen Namen auf dem Szenenfoto aus Die Lady von Shanghai schreibt sie: »Mein Cherry«, über den von Rita Hayworth: »Ich«.

Aus einer Zeitung schneidet sie für sie wichtige Begriffe aus: »Musik, Theater, Film, Reisen, Kunst«, klebt sie ins Tagebuch und verkündet: »Das sind meine Elementseigenschaften. Diese fünf Worte machen mein Theaterblut kochend.«56

Es ist nachvollziehbar, dass die Welt des Films und der Bühne, in die sich nahezu jeder Teenager eskapistisch träumt, auf Romy umso stärkere Faszination ausübt, als ihre Eltern einem solchen Beruf nachgehen, der neben Ruhm und Bewunderung vor allem eines zu gewährleisten scheint: Entkommen aus dem tristen Alltag, Unerreichbarkeit gegenüber so manch profaner Gestalt, die hierorts Macht über sie ausübt. In ihr Tagebuch trägt sie ein, was nur mehr kurze Zeit kindliche Phantasie bleiben wird: »Ich * muß * auf * jedenfall * einmal * eine * Schauspielerin * werden! Ja! Ich muß!«57 In schnörkeliger Schrift mit mancher orthographischen Unsicherheit hält sie ihre Träume fest: »Einmal sah ich mich auf einer Bühne im herrlichen Abendkleid stehen – ich verbeugte mich dauernd vor einem großen Puplikum – ich strahlte im Ruhm – im Scheinwerferlicht – ich hatte die Spitze des Ruhms und Erfolges erreicht – die Leute riefen mir Beifall zu und binnen 1 Minute stand ich in einem Blumenmeer. Ja, so sah ich mich in der Phantasie. Phantasie??? Oh nein, keine Phantasie! Es muß – es wird auch mal so kommen! Bestimmt.«58

Auf einem Foto aus dem Ernst-Marischka-Film Zwei in einem Auto (1951) steht ihr Vater neben Johanna Matz. Sie konstatiert die Ähnlichkeit zwischen ihr und Albach-Retty, folgert zufrieden daraus, auch sie wäre demnach »fesch«. Von einem anderen Film notiert sie amüsiert, dass »Pappy« einen Schnurrbart trage. Auf diese Art und Weise bleiben ihr Vater und sein jeweiliges Aussehen für sie präsent. Von »Hannerl« Matz weiß sie, dass sie neunzehn Jahre ist, in dem Alter, so beschließt sie, möchte sie auch zum Film. Es gibt auch andere Beispiele, die ihr Hoffnung machen. 1952 sieht sie in einem Salzburger Kino Das doppelte Lottchen, in dem die mit ihr gleichaltrigen Zwillinge Jutta und Isa Günther spielen. Mit einer Zwillingsschwester, so findet sie, hätte sie sich ebenfalls für die Produktion bewerben können. Ihre Mitschülerinnen kennen ihre berühmten Eltern und nehmen daher an, dass auch sie in Filmkreisen verkehrt. Romy jedoch hat im Laufe ihres kurzen Lebens erst zwei von Magda Schneiders Kollegen persönlich kennengelernt, Richard Häußler und Gustl Gstettenbauer, als diese einmal zum Kaffee in Mariengrund waren. Ateliergeschichten und illustre Bekannte muss sie für ihre Zuhörerinnen noch erfinden. Mit ihrer Mutter spricht sie nicht über ihre Ambitionen. Schon die Besuche ihrer Eltern in Berchtesgaden fielen eher spärlich aus, zwischen den Filmarbeiten kam vor allem Magda Schneider jeweils für ein paar Tage nach Hause, spielte mit den Kindern, unternahm mit ihnen Wanderungen. Retrospektiv sieht Mutter Schneider die Sachlage etwas euphemistisch: »Das hatte einen ganz bestimmten Vorteil: zwischen meinen Kindern und mir hat es nie den tötenden Alltag gegeben. Jeder der seltenen Tage, die wir zusammen sein konnten, war dadurch ein Festtag.«59

Auch die Texte von Liebesliedern werden ins Tagebuch geklebt, Romy träumt von einem Rendezvous in dekolletierter Abendgarderobe: »Ja, dann werde ich vielleicht [drei Mal wellenlinienartig unterstrichen] an Goldenstein denken! Ach, ich werde denken: Wie unglücklich ich doch war, als ich an die blöööde Schule immer denken mußte! Und jetzt?!? Alles vorbei! Und ich bin ja soooooo happy wie noch nie! Es muss doch die schönste Zeit sein, wenn man verliebt ist.«60

In ihren Memoiren sieht Magda Schneider retrospektiv große Ähnlichkeiten zwischen Romys Filmambitionen und ihren eigenen, da sie, aus einer keineswegs künstlerischen Familie kommend, sich als Außenseiterin ihren Weg bahnen musste, wie Romy Jahre später: »Bekanntlich aber vererben Außenseiter ihre Fähigkeiten besonders stark. Das ist der mütterliche Einschlag. Und von der Seite ihres Vaters hat Romy das Blut einer langen schauspielerischen Tradition geerbt.«61

Der Vater besucht sie nie in Goldenstein, schreibt stattdessen Briefe, die er mit »Dein Papili« unterzeichnet. Sie freut sich über eine Leihgabe, die er ihr sendet, ein Teufelskostüm aus dem Fundus des Burgtheaters. Ihrem Tagebuch, das sie manchmal auch »Süsserle« nennt, stellt sie ihn dennoch vor. Neben eines seiner Filmfotos schreibt sie: »Das ist er auch, mein Paps! Fesch! Gellt?! Na ja! Und wenn ich nicht mehr lebe, dann hast eben hier eine Vorlage, wie ich mal aussah! Natürlich nur das Gesicht!«62 Nur einmal darf sie Wolf Albach-Retty während ihrer Internatszeit sehen, als er zu Dreharbeiten in Salzburg ist. Ihr »Freigang« ist ein kurzes, für sie etwas enttäuschendes Treffen, das im Beisein von Trude Marlen, der neuen Frau an ihres Vaters Seite, erfolgt.

Am 1. August 1951 stirbt Romys Großmutter mütterlicherseits, Maria Schneider, im Alter von 73 Jahren. In ihrem Tagebuch redet sie die Verstorbene noch einmal zärtlich an: »Omale, heute habe ich Deinen schönen warmen Rock an! So schön warm ist er. Strick mir noch einen! Ach, Gott. Du bist ja nimmer. Wie wird es nur zu Weihnachten heuer werden … So gern möchte ich Dir noch ein nettes Weihnachtsgeschenk machen, und tu es auch. Ich bring Dir’s halt zum Grab! Gelt?!«63

1952 lässt Romy sich die Haare kurz schneiden und wird deswegen von den Mitschülerinnen gehänselt, sie sähe nun aus wie ein Filmstar. Das kränkt und freut sie gleichzeitig, denn ihrem Verständnis nach sind Filmschauspielerinnen eigentlich ja »sehr nett«. Vorderhand muss sie sich mit anderen Dingen herumschlagen. Am Freitag, dem 28. März 1952, verzeichnet sie einen »Jammertag«. Zunächst wegen der Mathematikschularbeit, bei der es ihr miserabel erging. Vor allem aber war die Frau Präfektin zu ihr »saugemein«. »Man wird ja sowieso nur dauernd angeschrien und angefaucht heiligmäßiger zu sein. Ach! Ich bin sooo wie ich eben bin!«64

So, wie sie ist, gefällt sie sich am besten im Schülertheater, wo jährlich bis zu fünf Stücke aufgeführt werden. Romy ist sprachbegabt und merkt sich Texte schnell. »Nur wenn Theater gespielt wurde, wenn sie wieder Rollen lernen konnte, hat sie dann ihr eigentliches Leben damit ausgefüllt und sich nicht einsam gefühlt«,65 erinnert sich Schwester Augustina. In aufführungsfreien Zeiten fühlt die Jugendliche sich unausgelastet und lässt dies ihre Umwelt durch ihre Launen auch spüren. Stolz dagegen notiert Romy ein Kompliment der »würdigen Mutter«, die ihr versichert, sie wäre schauspielerisch begabt. Es ist ein Lob, das sie öfters hört, jedoch nicht von ihrer Familie. Im Gegensatz zu anderen Eltern, die zu den Aufführungen kommen, wie Romy traurig vermerkt, hat Magda Schneider dafür nie Zeit. Romy muss ihr schriftlich berichten. Auch auf der tränenreichen Abschlussfeier, an der zahlreiche Eltern teilnehmen, ist sie allein.

Rückblickend findet Romy Schneider ihre Schulzeit im Wesentlichen durchaus schön. Weitere berufliche Pläne gibt es auch. Nach dem Beschluss ihrer Mutter und deren neuem Ehemann soll sie ihrer zeichnerischen Begabung nachgehen und eine kunstgewerbliche Schule besuchen, um graphische Entwürfe für die Papier-, Holz-, Glas-, Keramik- oder Tapetenindustrie herzustellen. Man denkt sogar bereits an einen späteren Laden oder ein Atelier. Der eigentliche Berufswunsch sieht anders aus: »Wenn das möglich gewesen wäre, hätte ich mit sieben im Landestheater Salzburg ›Peterchens Mondfahrt‹ gespielt. Hauptsache nur spielen! Ich meine, ich hatte ja nie was anderes im Kopf. Ich hab ja auch in der Schule nur gespielt.«66

Bei ihrem Schulabgang schenkt Romy Schwester Augustina eine Ölstiftzeichnung, unterschreibt mit einem sprechenden Namen aus der Parzifal-Sage als »Herzelaide« und fügt mit zwei Rufzeichen hinzu, sie möge »Ihre Romy« nicht vergessen. Am 12. Juli 1953 verlässt Romy Schneider das Internat in Goldenstein mit dem »kleinen Abitur«. Dass sie nur drei Tage später für Probeaufnahmen nach München reisen wird, ahnt sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

»Ich filme, ich filme«

Mit 42 Jahren, 1981, sinniert Romy Schneider über Nachwuchsschauspielerinnen und meint am Beispiel der damals 26-jährigen Eva Mattes: »Die ist sehr jung, hat viel Talent, ist aber längst nicht so fotogen, wie ich es war. Ich denke, so hättest du ja auch anfangen können, so anzufangen, mit einem richtigen Alltag. Ein bißchen Film und später mehr Theater. Diese jungen Schauspielerinnen sind heute sehr viel sicherer, als ich es damals war oder heute bin.«67

28 Jahre zuvor, am 15. Juli 1953, sitzt Romy Schneider im Frühzug Richtung München. Sie ist vierzehn Jahre alt, trägt das hellblaue Kleid ihrer Mutter, deren hochhackige weiße Schuhe, die ihr glücklicherweise passen, und schließt aus der Aufmerksamkeit mitreisender Herren erfreut, dass diese sie mindestens für siebzehn halten. In der Tasche hat sie lediglich fünf Mark und hofft, dass niemand, vor allem nicht der Ober im Speisewagen, ihr das geringe Reisebudget ansieht. Einen Tag zuvor hat sie in Berchtesgaden einen Anruf von Magda Schneider erhalten, die sie nach München beordert. Den Zweck der Reise erfährt sie nicht, wie sie selbst später erzählt. In anderen Berichten, darunter Magda Schneiders Autobiographie, hat diese ihrer Tochter gleich die Überraschung verraten, worauf die Kleine mit einem Freudenausbruch reagiert habe. Romy bezieht ein Apartment im »Bayerischen Hof« und sieht zum ersten Mal das von ihr erträumte Luxusambiente der Filmstars aus der Nähe, weiß jedoch nicht, wie sie sich darin verhalten soll. Sie bestaunt die Knöpfe neben der Zimmertür, auf deren Signal Personal käme, um nach ihren Wünschen zu fragen. Zunächst bleiben sie jedoch ungedrückt. Der künftige Weltstar weiß nicht, was er sich denn, außer vielleicht einem Zitronensaft, bestellen sollte, und beschließt überdies, erst die Mutter beim Bedienen der Vorrichtung zu beobachten.

Auf der Fahrt ins Hotel erläutert Magda Schneider ihrer Tochter den Grund des Besuches näher. Der Produzent Kurt Ulrich hatte sie gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, dass ihre Tochter an ihrer Seite in dem geplanten Film Wenn der weiße Flieder wieder blüht spielt. Magda Schneider überlegt, ruft ihren geschiedenen Gatten an, der die Entscheidung ihr überlässt. Gábor von Vaszary, der später das Drehbuch zum Film Monpti schreiben wird, dokumentiert in seinem Buch Romy, dass Magda Schneider ihrer Tochter keinerlei Informationen geben wollte, wie sie sich bei den Probeaufnahmen zu verhalten hätte. Sie sollte nach ihrem Empfinden agieren, dann würde sich herausstellen, ob sie begabt sei.

Das erste Treffen mit Filmleuten findet in einem Münchner Spital statt. In einem Krankenzimmer voll mit ihr unbekannten Leuten versteckt sich Romy hinter Magda Schneiders Rücken. Später lässt sie sich die Namen der Herren auf Papier notieren und lernt sie auswendig, damit sie diese in Zukunft korrekt ansprechen kann. Der wegen eines bandagierten Beines im Bett liegende Regisseur Hans Deppe begutachtet die artig mit Knicks Grüßende und bestellt sie für Probeaufnahmen nach Berlin. Mit Erleichterung registriert Romy seinen Berliner Dialekt, der ihr besser verständlich ist als der bayrische.

Mit dem Schlafwagen treffen Mutter und Tochter tags darauf in Köln ein, wo Magdas zweiter Ehemann seinen Hauptwohnsitz hat. Diese Art zu reisen sagt Romy zu, im Zug zu schlafen findet sie angenehm. Voraussetzung dafür, so notiert sie in ihr Tagebuch, sei freilich, dass man nicht über einer Wagenachse liege, und sie ergänzt, woher sie zu jener Zeit die Grundlagen für ihre Beurteilungen bezieht: »Das […] hat Mammi gesagt.«68 Sie genießt es, nicht mehr zur Schule zu müssen, gleichzeitig fehlen ihr die Freundinnen, Gleichaltrige, mit denen sie über ihre neuen Eindrücke sprechen möchte. Die Ruinen und der Schutt in Köln bringen ihr erstmals bedrückend den nur acht Jahre zurückliegenden Krieg vor Augen, von dessen Spuren sie in der Schönau oder Goldenstein nichts bemerkte hatte.

Als sie am 1. September 1953 in Berlin eintrifft, kann sie den Text ihrer Rolle längst auswendig. Den Part eines jungen Mädchens, das für ihren fernen, berühmten Vater schwärmt, erscheint ihr vertraut. »Ich kann mir gut vorstellen, wie ich in so einem Fall reagieren würde. Ich kann das bestimmt spielen.«69 In der Nähe des Flughafens befinden sich die Ufa-Ateliers, in denen sie tags darauf ihr Vorsprechen hat. Der erste Eindruck ist ernüchternd, stimmt nicht mit jenen phantastischen Erzählungen überein, die sie noch vor kurzer Zeit für ihre Mitschülerinnen erfand. Man fährt durch ein großes, von einem Pförtner beaufsichtigtes Tor über Straßen, die von Gebäuden, »die aussehen wie riesige Turnhallen«, gesäumt werden. Innen, so bemerkt sie, erinnern sie eher an große Scheunen, in denen nur das Stroh fehle. Stattdessen sieht sie Scheinwerfer, Kulissenaufbauten, Stahlgerüste und amüsiert sich besonders darüber, dass die Schienen für Kamerafahrten »Schlitten« genannt werden. Die vielen Menschen im Studio irritieren sie. Romy ist aufgeregt, teils wegen des Vorsprechens, aber auch, weil sie zum ersten Mal geschminkt wird. In Halle 1, in der, wie Romy beeindruckt schildert, kürzlich der Jazzmusiker Stan Kenton gastiert hatte, wartet Regisseur Deppe, weist sie immer wieder an, nicht in die Kamera zu sehen. »Es ist eine nervenaufreibende Geschichte, Filmschauspielerin zu werden«, notiert sie.70 Zum Abschluss erscheint der Standfotograf, und Romy fragt sich, ob die Zeitungen wohl auch Bilder von ihr drucken werden. Sie übt sich in Zweckpessimismus, rechnet sich wenig Chancen aus. Nach einigen Tagen erhält sie positiven Bescheid, freut sich unbändig. Später wird sie enttäuscht erfahren, dass Magda Schneider eine Woche Probezeit erbeten hat. Falls ihr Romys erste Aufnahmen nicht gefallen, könne man sie noch aus dem Vertrag entlassen.

In Berlin wohnen Mutter und Tochter im Hotel am Steinplatz, dessen Besitzer der Ehemann der Schauspielerin Winnie Markus ist. Sie besichtigen das Messezentrum und den Funkturm. Vor dem Brandenburger Tor sieht Romy die Volkspolizisten, blickt in die Ostzone hinüber. Die Bezeichnung »Unter den Linden« kennt sie bis dato nur aus einem Schlager von Paul Lincke.

»Und jetzt plötzlich: Romy Schneider«

Was sie bei ihrer ersten Filmarbeit vor allem beeindruckt, sind Fachausdrücke wie etwa »Klappe« oder »Einstellung«. Das Hinterfragen solcher Begriffe wird sie auch in späteren Jahren immer vornehmen: »Das klingt so, als müsse man eine Einstellung zu irgendeiner Sache haben. Dabei ist damit der Teil einer Szene gemeint. Die Kamera wird auf irgendein Bild des Films ›eingestellt‹.«71 Nach den Dreharbeiten fühlt sie sich buchstäblich »durchgedreht«.

Fotogenität wird ihr vom ersten Arbeitstag an bestätigt. Sie ist sich dessen bewusst, auf Bildern gut zur Geltung zu kommen, setzt aber kokett hinzu, »richtig dumm sehe ich auch unfotografiert nicht aus.«72 Von der ersten Illustrierten mit ihr auf dem Titelblatt beschließt sie sich zu archivarischen Zwecken gleich zehn Stück zu kaufen. Der Kameramann Kurt Schulz erläutert ihr die langwierigen Arbeitsprozesse, nachdem der Film fertig gedreht ist und bevor er in die Kinos kommt. Filmarbeit, das erkennt sie früh, bedeutet Warten. In die Dreharbeiten fällt ihr fünfzehnter Geburtstag. Das ganze Filmteam feiert mit, und sie erhält eine große Flasche des Parfüms Chanel Nr. 5. Die Arbeit mit dem berühmten Kollegen Willy Fritsch verläuft reibungslos, zu ihrer Freude bestätigt auch er ihr Talent. Ein weiterer Partner ist der ebenfalls fünfzehnjährige Götz George, von dessen Vater sie nur weiß: »Heinrich George war sehr berühmt. Er ist nach dem Krieg eingesperrt worden und gestorben. Ich würde gern auch mal einen Film von ihm sehen, nachdem ich nun den Götz kenne.«73

Am 9. November 1953 enden die Dreharbeiten zu Wenn der weiße Flieder wieder blüht. Ob ein weiterer Film folgen wird, weiß sie zu jenem Zeitpunkt noch nicht, wohl aber, dass sie weitermachen möchte. Die Atmosphäre der Ateliers, die sie anfangs sehr ernüchternd fand, gefällt ihr nun, sie beneidet das Filmpersonal im Hintergrund, die Beleuchter, Maskenbildner, Garderobieren allein dafür, ständig in diesem Metier arbeiten zu dürfen. Vor der ersten Pressekonferenz hat sie etwas Angst und ist froh, sie in Begleitung der Mutter absolvieren zu können. Auch diesen Teil des Geschäfts erlernt sie schnell. Man wird, so schreibt sie, an die Presse weitergereicht, und da sich die Fragen zumeist gleichen, genügen floskelhaft wiederholte Sprüche. Wesentlich aufregender findet sie Autogrammstunden, ist überrascht über den Andrang, den sie in dieser Dimension nicht erwartet hat. »Als hätte ich schon geahnt, was mir bevorstand, hatte ich zu Hause noch einmal probiert, wie mein Name wohl am besten aussieht. Romy Schneider, so mit einem Kringel oder einfach so: Romy Schneider. Bis jetzt mußte ich doch immer, wenn ich irgendeinen Brief unterschrieb und besonders bei allen offiziellen Sachen, mit Rosemarie Albach unterschreiben. Und jetzt plötzlich: Romy Schneider.«74

Die ersten Autogramme gibt sie, vermittelt durch ihren Bruder, schon zuhause in der Schönau. Der Nachbarsjunge Wolf Calebow gibt Wolfdieter Nachhilfe, und der fragt plötzlich, ob Calebow Romy nicht um ein Autogramm bitten könne. Der geniert sich anfangs etwas, aber der junge Albach erläutert: »Sie hat schon Autogrammkarten, und keiner hat sie noch danach gefragt.« Als er Romy daraufhin auf der Treppe trifft, erfüllt Calebow den Wunsch des Bruders. »Sie meinte freudig erregt ›Ja!‹, rannte die Treppe hoch, als sie herunterkam, hatte sie in jeder Hand ein Autogramm und sagte: ›Ich hab’ zwei verschiedene. Willst du alle beide haben?‹ – Ich sagte ja und habe sie immer noch.«75

Die Premiere ihres Films findet am 11. November 1953 in Stuttgart statt. Zum ersten Mal stellt sich Romy Schneider danach vor ein Saalpublikum, macht ihren Knicks wie noch vor wenigen Wochen vor den unbekannten Filmleuten, in deren Reihen sie nun steht, registriert den Jubel, lässt sich bestätigen, dass es insgesamt 64 Vorhänge gegeben hätte. »Ich war ganz atemlos und so glücklich – so glücklich.«76 Von ihrer Gage kauft man in Berchtesgaden ein neues Grundstück, das an den Familienbesitz Schneider angrenzt.

»Sie machte ihrer Mutter die Rückkehr zum Film leicht«,77 lautet das Fazit einer Filmzeitschrift unter der Überschrift »Romy Albach-Schneider«. Der Artikel skizziert kurz ihre Herkunft, hält fest, dass sie es trotz horrender Abneigung gegen die Mathematik beinahe bis zur sechsten Klasse gebracht hätte und ihres Zeichentalents wegen seit dem 1. Oktober eigentlich die Kunstgewerbeschule in Köln besuchen sollte. Stattdessen bewährt sich die »kleine Krabbe« beim Film derart, dass man ihre kleine Rolle ständig erweitern musste. »Sie spielt ihren Part nicht nur, sie erlebt ihn.«78 Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter wird als vorbildlich beschrieben. »Romy hat mir bei einem schweren Schritt wesentlich weitergeholfen«,79 bekennt Magda Schneider und bezieht sich in der weiteren Ausführung auf den Umstieg auf die Mutterrollen im Film. De facto erleichterte ihr die Präsenz ihrer Tochter wohl auch den erfolgreichen Wiedereinstieg in das Filmgeschäft. Neben Ein Mann gehört ins Haus, der noch während des Krieges gedreht wurde, aber erst 1948 ins Kino kam, drehte sie nach 1945 nur einen Film: Die Sterne lügen nicht (1950). In gewisser Weise haben sich Mutter und Tochter somit gleichermaßen geholfen. Sie werde schon aufpassen, dass Romy nicht über die Stränge schlage, erklärt Magda in Interviews, spricht rustikal von einer stets paraten »Watschn«, die Romy im Falle von Ungehorsam drohe.

Später urteilt Romy Schneider nüchterner über diese Zeit. Ein Jahr vor ihrem Tod zieht sie das vermutlich von den aktuellen Ereignissen getrübte Resümee: »Ich kann mich auf so wenig besinnen aus meiner Kindheit, weil die hauptsächlich aus Filmen bestand.«80 Zu Beginn der Karriere ist dies noch nicht absehbar, denn Magda Schneider plant nach wie vor eine weiterführende schulische Ausbildung für ihre Tochter. Im Februar 1954 besichtigt Romy Schneider in Begleitung ihrer Mutter die Kunstgewerbeschule in Köln. Noch zu Beginn ihrer Filmarbeit hatte sie sich gewünscht, sich wieder solchen gewohnten kreativen Tätigkeiten hinzugeben, statt im unberechenbaren Filmgeschäft zu bleiben. Nach Abschluss der ersten Dreharbeiten und wohl nicht unbeeindruckt von Presserummel, Autogrammstunden und Premierenjubel gefällt ihr die Atmosphäre jener Schule nun gar nicht. Zudem sind die Absolventinnen dort bereits zwischen siebzehn und neunzehn Jahre alt. Ein weiterer und vermutlich entscheidender Grund ist ein neues Filmangebot, das bereits während der Arbeit an Wenn der weiße Flieder wieder blüht eintrifft. Die Neue Deutsche Filmgesellschaft plant eine Neuverfilmung von Feuerwerk nach der gleichnamigen Operettenvorlage, deren Hauptschlager »O mein Papa« Romy auf Schallplatte besitzt.

Vor den Dreharbeiten genießt sie ihre Ferien in Berchtesgaden. Romy bewohnt einen Raum im ersten Stock, den sie sich als typisches Jungmädchenzimmer gestaltet. Kleider, Bücher, Fotografien, Stofftiere und kunstgewerbliche Arbeiten sammeln sich, von einem großzügig gefassten Ordnungsbegriff behütet. Wie in der Schulzeit bemalt sie Holzteller und Kassetten, gestaltet Bucheinbände, entwirft Stoffmuster und Tapeten. In dieses Refugium zieht sie sich zurück, tanzt zu Jazz- und Boogie-Woogie-Platten, spielt mit ihren Hunden, dem später auch zu Filmehren kommenden Dackel Seppl und dem Boxer Ajax.

Aus Goldenstein trifft ein Brief ein, die Präfektin lädt zu einer Feier, auf der die Jungschauspielerin Verse vortragen soll. Romy möchte spontan zusagen, schon um ihre Freundinnen wiederzusehen. »Wir schreiben uns zwar jede Woche«, notiert sie kaum ein Dreivierteljahr nach ihrem Schulabgang, »aber man wird sich ja doch fremd, und alles schreiben, was man möchte, das kann man ja doch nicht.«81 Auf Anraten ihrer Mutter unterbricht sie den Urlaub nicht, lehnt die Bitte ihrer ehemaligen Schule ab und reist am 15. Mai direkt zu den Feuerwerk-Dreharbeiten nach München; diesmal wird ihre Mutter nicht im Film mit dabei sein. Der Kontakt zu den Freundinnen wird spärlicher, die weitere Ausbildung der nun Fünfzehnjährigen erfolgt im Beruf, ist ein Learning-by-doing, ihre Jugendzeit verlebt sie immer mehr unter der Aufsicht eines wachsenden Publikums. Der notwendige Prozess der Selbstfindung jener Zeit wird beschleunigt durch ein steigendes Maß öffentlicher Zuwendung, die Mensch und Rolle zu stereotypisieren beginnt und auch in den kommenden Jahren deren Synchronität einfordert.

Die zweite Filmarbeit beginnt sie wesentlich abgeklärter als die erste. Die Atmosphäre, von der sie Monate zuvor so schwärmt, sei im Grunde immer dieselbe, erkennt sie. Auch das Personal gleicht sich, unterscheidet sich nur in Gesichtern und Namen, nicht aber in den Funktionen. Erste Zweifel am Beruf kommen ihr, sie findet ihn plötzlich »hässlich«. Sie hat Probleme damit, sich in ihrem Spiel voll in einer Szene einzubringen und sich dabei gleichzeitig unter Kontrolle zu haben. Ihr ganzes weiteres Leben wird diese Diskrepanz sie beschäftigen, wird sie immer wieder darunter leiden. Schon mit fünfzehn erkennt sie ihre Abhängigkeit vom Filmgeschäft. »Ich weiß, daß ich in dieser Schauspielerei aufgehen kann. Es ist wie ein Gift, das man schluckt und an das man sich gewöhnt und das man doch verwünscht.«82

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