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Romanze im spanischen Schloss

1. KAPITEL

„Darf ich Ihnen einen Cognac zur Feier des Tages anbieten, Don Remi?“

Remigio Alfonso de Vargas y Goyo lehnte sich in dem Ledersessel zurück, streckte die langen Beine aus und schlug die Füße übereinander. Obwohl es ihm nicht gefiel, mit seinem Titel angesprochen zu werden, hatte er sich daran gewöhnt. Er war der Meinung, dass es nicht in die heutige Zeit gehörte. Nachdenklich sah er seinen ihm treu ergebenen Steuerberater an. „Was gibt es denn zu feiern?“

Der ältere Mann, der auf die siebzig zuging, schenkte sich einen Drink ein. „Nun, Ihr Betrieb steht jetzt wesentlich besser da, als …“ Er verstummte und trank einen Schluck der bernsteinfarbenen Flüssigkeit, ehe er fortfuhr: „Lassen Sie es mich so ausdrücken: Soleado Goyo steht wieder einmal kurz davor, die gesamte Konkurrenz zu schockieren.“

„Sind Sie da nicht etwas zu voreilig, Luis? Wir befinden uns schon wieder mitten in einer Trockenperiode, und niemand weiß, wann es wieder regnet. Bekanntlich trifft die Dürre die Olivenhaine immer am stärksten“, wandte Remi ein, der seinen Lebensunterhalt durch Arbeit verdienen musste, weil das sagenhafte Vermögen seiner Vorfahren, der Duque von Toledo, längst aufgebraucht war.

„Verlassen Sie sich neuerdings auf Ihr Gefühl?“

Remis spöttisches Lachen hallte in dem Raum wider. „Wie damals mein Vater? Es war der teuerste Fehler seines Lebens, der ihn und meine Mutter leider viel zu früh unter die Erde gebracht hat. Nein, ich stütze mich lieber auf Fakten.“

Luis zuckte die Schultern. „Es war ja auch nur eine Frage, Remi. Sie sind der Experte, eine solche Bemerkung zu machen steht mir nicht zu.“

„Doch, dazu haben Sie das Recht, nachdem Sie so lange mit meinem Vater zusammengearbeitet haben.“

„Ich kann gut mit Zahlen umgehen, das ist alles.“

„Sie sind ein perfekter Steuerberater und ein Glücksfall für mich“, erwiderte Remi.

„Danke.“

Remi stand auf. Nach zwei äußerst schwierigen Jahren hatte er es endlich geschafft, die Schulden seines verstorbenen Vaters zurückzuzahlen. Damit hatte er zugleich die Familienehre und seinen Ruf gerettet. Vor dem Treffen mit Luis hatte er sich unbehaglich gefühlt, denn jedes Mal, wenn er geschäftlich nach Toledo fuhr, wurden schmerzliche Erinnerungen wach.

So auch jetzt wieder. Voller Verbitterung dachte er daran, wie schändlich man ihn verraten und betrogen hatte. Die quälenden Gedanken ließen sich nicht verdrängen, doch auch das war nichts Neues. Ihm war bewusst, dass er in solchen Momenten ein schlechter Gesprächspartner war, was ihm ganz besonders für Luis leidtat. Der ältere Mann, der ihm immer wieder Mut gemacht hatte, verdiente etwas Besseres.

Plötzlich hatte Remi es eilig, nach Hause zurückzufahren, und durchquerte mit großen Schritten den Raum.

„Remi?“

Er drehte sich zu Luis um. „Ja?“

„Ihr Vater wäre stolz auf Sie.“

Glücklicherweise hatte dieser nicht mehr mitbekommen, dass sein dreiunddreißigjähriger Sohn beinahe alles verloren hätte, was die Familie Goyo in fünf Generationen aufgebaut hatte. Er hatte sich in seinem Privatleben einen verhängnisvollen Fehler erlaubt, dessen Folgen immer noch wie ein dunkler Schatten auf seiner Seele lasteten.

Mit einem kurzen Nicken in Luis’ Richtung verließ er das Büro und eilte die Treppen hinunter auf die Straße, wo er seine schwarze Limousine geparkt hatte. Toledo hatte sich verändert, seit er als Junge durch die engen Gassen mit den vielen Kolonnaden gelaufen war. Jetzt bevölkerten Touristenströme aus aller Welt die Stadt zu jeder Jahreszeit. Diese Menschenmengen fand er noch bedrückender als die Hitze, die seit Wochen herrschte. In diesem Jahr schien die Sonne noch erbarmungsloser vom Himmel als sonst im Juli, sodass bei einem der häufigen Trockengewitter ein Blitzschlag genügte, um einen der alten Olivenbäume in Flammen aufgehen zu lassen.

Immer weniger Großgrundbesitzer fanden Gefallen an einem so risikoreichen Leben. Doch für Remi gab es nichts anderes. Alle seine Träume waren zerstört, nur das Landgut seiner Vorfahren war ihm geblieben und der einzige Grund für ihn, morgens aufzustehen.

Er zog das Jackett seines perfekt sitzenden Leinenanzugs aus, nahm die Krawatte ab und legte beides achtlos auf die Rückbank, ehe er sich auf den Fahrersitz schwang und den Wagen startete. Dann steuerte er ihn durch die winkligen Gassen der zum Weltkulturerbe gehörenden Altstadt mit den vielen maurischen, jüdischen und gotischen Bauwerken in die Außenbezirke der Stadt. Eine Zeit lang führte die Straße am Tejo oder Tajo, wie die Spanier den Fluss nannten, vorbei, bis sich vor ihm die weite Ebene erstreckte, wo der Verkehr schwächer wurde.

Während er in südlicher Richtung davonbrauste, verschwand der Alcázar von Toledo, die auf einem Felsen errichtete alte Festung, die die Stadt dominierte, hinter ihm in der Ferne. Langsam entspannte er sich und dachte an die viele Arbeit, die ihn zu Hause auf seinem Landgut erwartete.

Körperliche Arbeit half ihm, sich von den quälenden Gedanken abzulenken, doch in den langen dunklen Nächten konnte er den Dämonen, die ihn plagten, nicht entfliehen. Und so wachte er jeden Morgen erschöpft und mutlos auf.

Tief in Gedanken versunken, schenkte er dem Wagen, der aus der scharfen Kurve kam, kaum Beachtung. Doch plötzlich überquerte vor ihm ein entlaufener Stier die Straße, den der andere Fahrer offenbar im selben Moment bemerkte wie er. Eine Vollbremsung konnte Remi nicht riskieren, das war viel zu gefährlich. Doch der andere Fahrer trat instinktiv auf die Bremse – und verlor die Kontrolle über sein Auto. Es geriet ins Schleudern, und als der Fahrer in panischem Entsetzen das Steuer herumriss, um einen Zusammenstoß zu vermeiden, überschlug sich der Wagen und blieb auf der Seite liegen.

Remi hielt an, sprang aus dem Auto und lief auf den blauen Wagen zu. Heck- und Windschutzscheibe waren zerbrochen, und überall lagen Glassplitter herum. Der einzige Insasse war eine Frau, die leise stöhnte.

Dass sie angeschnallt war, hatte ihr vermutlich das Leben gerettet. Remi versuchte, die Fahrertür zu öffnen.

„Helfen Sie mir“, rief die Fremde in dem Moment verzweifelt aus. „Meine Augen … Ich kann nichts sehen!“ Obwohl sie Spanisch sprach, verriet ihr Akzent die amerikanische Herkunft.

„Es wird alles gut“, versicherte er ihr auf Englisch. „Verhalten Sie sich bitte ganz ruhig, sonst machen Sie alles noch schlimmer. Ich hole Sie da heraus.“

Als er den Sicherheitsgurt lösen wollte, sah er, wie blutverschmiert ihre rechte Gesichtshälfte und sogar einige Strähnen ihres goldblonden Haares waren.

Schließlich gelang es ihm, sie aus dem Wagen herauszuheben. Während er sie von der Straße wegtrug und behutsam auf den begrünten Seitenstreifen setzte, nahm er den Duft ihres dezenten Parfüms wahr. „Ich sorge dafür, dass Sie ins Krankenhaus kommen. Rühren Sie sich nicht von der Stelle.“

„Nein, bestimmt nicht“, versprach sie mit schwacher Stimme. Ihr blasses Gesicht und die zu Fäusten geballten Hände ließen vermuten, dass sie starke Schmerzen hatte. Doch statt hysterisch zu weinen, nahm sie sich zusammen, was er bewundernswert fand.

Wahrscheinlich hatte ein Glas- oder Metallsplitter die Verletzung verursacht. Remi zog sein Handy aus der Hosentasche und rief die Polizei an. Nachdem er kurz erklärt hatte, was passiert war, wurde ihm versichert, dass man sogleich einen Rettungshubschrauber losschicken würde.

Danach telefonierte er mit seinem Verwalter Paco, informierte ihn über das Unglück und bat darum, seinen Wagen am Unfallort abzuholen. Dort sollte er auf das Eintreffen der Beamten warten und alle Formalitäten erledigen, während Remi die junge Frau ins Krankenhaus begleitete. Sobald sie ärztlich versorgt war, würde er selbst mit der Polizei reden.

Irgendwie fühlte er sich für den Unfall verantwortlich, denn er hätte ihn vielleicht verhindern können, wenn er mit den Gedanken nicht so weit weg gewesen wäre.

Unterdessen hielten zwei Autofahrer an und boten ihre Hilfe an. Die junge Frau klammerte sich an Remis freie Hand. „Bitte, schicken Sie die Leute weg.“

Er bedankte sich bei beiden mit dem Hinweis, die Polizei sei schon unterwegs, und dann war er mit der Unbekannten wieder allein.

„Wie heißen Sie?“

„Jillian Gray.“

Ein aparter Name, schoss es ihm durch den Kopf. „Soll ich jemanden benachrichtigen? Vielleicht Ihren Mann oder andere Angehörige?“

„Nein, vielen Dank.“

„Reisen Sie mit einer Freundin durch Spanien?“

„Nein.“ Das Sprechen fiel ihr immer schwerer.

„Ich höre den Hubschrauber, gleich wird Ihnen geholfen, Jillian.“

„Was ist mit meinem rechten Auge los?“

Die Angst, die in ihrer Stimme schwang, erschütterte ihn zutiefst. „Es hat aufgehört zu bluten. Glauben Sie mir, alles wird wieder gut.“ Hoffentlich, fügte er insgeheim hinzu.

„Weinen Sie bitte nicht, die Tränen könnten das Ganze verschlimmern.“

„Stimmt.“ Ihre Lippen zitterten etwas, und es brach ihm beinah das Herz mit anzusehen, wie sehr sie sich bemühte, tapfer zu sein.

Plötzlich lagen ihm so viele Fragen auf der Zunge, auf die er sich eine Antwort wünschte. Doch er musste sich zurückhalten und Rücksicht auf ihren Zustand nehmen.

„Der Hubschrauber ist jetzt im Anflug“, verkündete er dann.

„Meine Tasche mit dem Portemonnaie …“

„Darum kümmere ich mich.“ Er wollte alles der Polizei übergeben, die ihren Ausweis sowieso benötigte. „Am wichtigsten ist, dass Sie ärztlich versorgt werden. Ihre persönlichen Sachen erhalten Sie auf jeden Fall zurück, dafür sorge ich.“

„Danke“, flüsterte sie.

Kaum war der Hubschrauber gelandet, sprangen ein Arzt und zwei Rettungssanitäter heraus und liefen auf Jillian zu. Nachdem man sie untersucht hatte, wurde sie auf einer Trage in die Maschine befördert, und Remi kletterte mit hinein.

Noch während sie abhoben, traf die Polizei mit eingeschaltetem Blaulicht am Unfallort ein, und fast gleichzeitig kam aus der anderen Richtung auch schon Paco mit einem anderen Mitarbeiter in einem von Remis Geländewagen an. Remi war erleichtert, denn er wusste die Sache bei seinem Verwalter in guten Händen.

Inzwischen hatte man Jillian eine Infusion gelegt. Offenbar bekam sie Schmerzmittel, denn sie lag sehr ruhig da. Um den Hals trug sie eine Halskrause, sodass sie den Kopf nicht bewegen konnte.

Schließlich nahm einer der Rettungssanitäter ein Formular in die Hand und fing an zu schreiben.

„Wie ist Ihr Name?“, fragte er schließlich und blickte Remi an.

„Remigio Goyo.“

Der Mann sah ihn erstaunt an. „Don Remigio Goyo?“, vergewisserte er sich.

„Richtig.“

„Ah ja. Ihre Adresse ist mir bekannt. Sind Sie ein Freund oder Verwandter der Verletzten?“

„Nein, weder noch. Ich bin Zeuge des Unfalls“, stieß Remi zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Wir wollten beide einem entlaufenen Stier ausweichen, der plötzlich die Straße überquerte. Die junge Frau hat geistesgegenwärtig das Steuer herumgerissen, um einen Zusammenstoß zu vermeiden.“

„Wissen Sie, wie sie heißt?“

„Jillian Gray.“

„Wer sind ihre nächsten Verwandten?“

„Keine Ahnung. Das wird die Polizei herausfinden müssen.“

„Eine bildhübsche Frau … mit dem goldblonden Haar.“

Auch Remi waren ihre Schönheit und ihre perfekte Figur aufgefallen. Man lässt sich so leicht von äußerer Schönheit blenden, überlegte er. Aber das passiert mir nicht noch einmal.

„Sie ist Amerikanerin, wahrscheinlich eine Touristin, mehr kann ich Ihnen nicht sagen“, erklärte er. „Hat sie außer der Gesichtsverletzung noch andere Wunden davongetragen?“, wandte er sich an den Arzt.

Der Mann schüttelte den Kopf. „Nein, offenbar nicht. Das Auge muss allerdings operiert werden.“

„Kennen Sie einen Chirurgen, den Sie empfehlen können?“, fragte Remi.

„Dr. Ernesto Filartigua ist eine Koryphäe auf diesem Gebiet, er arbeitet an einem Krankenhaus in Madrid.“

„Dann bitten Sie den Piloten, dorthin zu fliegen. Ich versuche, den Facharzt telefonisch zu erreichen.“

„Normalerweise sind unsere Einsätze auf die Umgebung von Toledo beschränkt, aber ich denke, wir können eine Ausnahme machen. Madrid ist ja nicht so weit von hier entfernt“, antwortete einer der Sanitäter.

Remi atmete erleichtert auf. Manchmal war ein Titel doch von Nutzen. Da er nicht ganz unschuldig an dem Unfall war, wollte er alles tun, um das Augenlicht der Frau zu retten. Er würde sich sonst ewig Vorwürfe machen, wenn sie einen dauerhaften Schaden zurückbehielte.

„Unterschreiben Sir mir bitte, dass wir auf Ihren ausdrücklichen Wunsch nach Madrid fliegen“, forderte der Sanitäter Remi auf und erteilte danach dem Piloten entsprechende Anweisungen.

Dann suchte er die Nummer des Krankenhauses heraus, an dem der Augenarzt arbeitete, und Remi wollte sich sofort von der Telefonistin mit dem Mediziner verbinden lassen. Er operierte jedoch gerade, und man versprach, ihm auszurichten, dass der Rettungshubschrauber mit einem Unfallopfer unterwegs sei.

Eine halbe Stunde später landeten sie vor dem Osteingang des Krankenhauses. Dort erwartete man Jillian schon und beförderte sie rasch in die Notaufnahme, während Remi im Empfangsbereich wartete. Mehrere Ärzte eilten zu der Verletzten, um sie zu untersuchen. Als Letzter traf ein älterer Mediziner ein, der einen Schnurrbart hatte und nach wenigen Minuten wieder herauskam.

Remi ging ihm entgegen. „Sind Sie Dr. Filartigua?“

„Ja. Was kann ich für Sie tun?“

„Ich bin Remigio Goyo. Ich hatte die Patientin angekündigt.“

„Ah ja. Gut, dass Sie keine Zeit verschwendet haben, Don Remigio.“

„Wie schwer ist die Verletzung? Miss Gray konnte auf dem rechten Auge nichts mehr sehen.“

„Kein Wunder, denn es steckt ein Glassplitter darin. Sie wird jetzt auf die Operation vorbereitet. Sobald ich den Fremdkörper entfernt habe, weiß ich mehr. Hat sie Familienangehörige, die man benachrichtigen sollte?“

„Hier in Spanien offenbar nicht. Aber ich versuche, von der Polizei nähere Auskünfte zu erhalten. Wo kann ich während der Operation warten?“

„Neben dem OP im sechsten Stock des Ostflügels befindet sich ein Wartezimmer.“

„Gut.“ Remi war die Kehle plötzlich wie zugeschnürt. „Ich vertraue Ihnen, Sie sollen der Beste auf Ihrem Gebiet sein.“

Dr. Filartigua sah ihn nachdenklich an, ehe er erwiderte: „Ich tue, was mir möglich ist. Darauf können Sie sich verlassen.“

„Fein. Darf ich jetzt zu ihr?“

„Sicher, wenn Sie es möchten. Sie können es sich jedoch auch sparen, denn sie schläft. Trinken Sie lieber einen Kaffee in der Cafeteria.“ Der Arzt wandte sich zum Gehen und fügte noch über die Schulter hinzu: „Sie sehen so aus, als hätten Sie einen nötig.“

Plötzlich wurde Remi bewusst, dass er den ganzen Tag noch nichts zu sich genommen hatte. Das Frühstück hatte er ausgelassen, weil er keinen Appetit gehabt hatte, und auf das Mittagessen hatte er verzichtet, um nach der Besprechung mit Luis schneller wieder zu Hause zu sein.

Um einen letzten Blick auf die junge Frau zu werfen, ehe man sie fortbrachte, betrat er die Notaufnahme. Der dort anwesende Assistenzarzt sah ihn fragend an, doch Remi beachtete ihn nicht, sondern betrachtete fasziniert die feine helle Haut und das schöne, klassische Profil der Fremden. Man hatte ihr das Blut im Gesicht entfernt und ihr ein Krankenhausnachthemd angezogen sowie eine OP-Haube übers Haar gestreift.

Vor seinem inneren Augen spulte sich alles noch einmal ab. Ihm grauste es bei der Vorstellung, wie dramatisch der Unfall hätte verlaufen können. Wäre er langsamer gefahren, hätte er vielleicht bremsen und der jungen Frau mehr Platz zum Ausweichen lassen können. Doch für solche Überlegungen war es zu spät, was geschehen war, ließ sich nicht mehr ändern.

Plötzlich sehnte er sich nach einer Tasse Kaffee. Rasch verließ er den Raum und eilte über die Flure, als sein Handy läutete.

„Wir sind gerade zurückgekommen“, verkündete Paco. „Die Polizei lässt den Wagen der Frau abschleppen und bittet Sie, sich mit Kommissar Perez in Toledo in Verbindung zu setzen.“

„Mache ich.“ Remi schrieb sich die Nummer auf, bedankte sich und rief den Mann sofort an.

Nachdem Remi ihm berichtet hatte, dass die junge Frau in Madrid operiert werden sollte, erklärte der Beamte, dass Remi ihre persönlichen Sachen auf dem Kommissariat in Toledo abholen könne. Viel Erhellendes vermochte er Remi allerdings nicht mitzuteilen, außer dass die siebenundzwanzigjährige Amerikanerin in einem Leihwagen, der von dem Reiseveranstalter EuropaUltimate Tours in Lissabon bezahlt wurde, unterwegs gewesen war. Man nahm an, dass es ihr Arbeitgeber war, und hatte bisher vergebens versucht, mit der Personalabteilung des Unternehmens in New York Kontakt aufzunehmen.

Remi bedankte sich bei dem Kommissar und versprach, vorbeizukommen. Dann rief er seinen Vertreter in New York an, mit dem seine Familie schon jahrelang zusammenarbeitete, und bat ihn, persönlich dafür zu sorgen, dass der Personalchef von EuropaUltimate Tours ihn über seine Handynummer so schnell wie möglich kontaktierte. Es handele sich um einen Notfall, fügte er hinzu.

Nachdem er in der Cafeteria etwas gegessen hatte, trank er gerade seine zweite Tasse Kaffee, als sein Handy erneut klingelte. Mit wenigen Worten erklärte er dem Personalleiter die Situation, und ohne zu zögern, gab der Mann ihm die Nummer von Jillian Grays Bruder David Bowen, der in Albany, New York, lebte.

Nur wenige Minuten später fuhr Remi mit dem Aufzug in den sechsten Stock. Dort erfuhr er von einem jungen Arzt, der über den Flur eilte, dass Jillian noch immer operiert wurde. Also setzte er sich in den Warteraum und rief ihren Bruder an.

„Mr. Bowen?“, fragte er auf Englisch, als dieser sich meldete. „Ich bin Remi Goyo und befinde mich zurzeit in einem Krankenhaus in Madrid. Um es vorwegzunehmen, Ihrer Schwester geht es relativ gut, aber sie ist vor einigen Stunden bei einem Autounfall in der Nähe von Toledo leicht verletzt worden. Ich bin der einzige Zeuge. Ein Glassplitter ist ihr ins rechte Auge gedrungen und wird in diesen Minuten herausoperiert.“

„Oh nein, wie schrecklich!“, rief der Mann entsetzt aus.

„Der behandelnde Arzt Dr. Filartigua ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Das wollte ich Ihnen zu Ihrer Beruhigung mitteilen.“

„Danke für Ihre Mühe. Dass ausgerechnet ihr das passieren musste nach allem, was sie durchgemacht hat, finde ich allerdings erschütternd.“ David Bowens Stimme klang gequält.

„Gibt es irgendetwas, was der Arzt wissen sollte?“, fragte Remi.

„Ihr Mann ist vor einem Jahr in New York bei einem Unfall mit einem Lastwagen ums Leben gekommen. Ich habe sie eindringlich gebeten, eine Zeit lang bei uns zu bleiben, doch pflichtbewusst, wie sie ist, hat sie sich sofort wieder in die Arbeit gestürzt. Ihren Job als Reiseleiterin nimmt sie sehr ernst. Es ist eine anstrengende Tätigkeit. Seit dem Tod ihres Ehepartners bemüht sie sich, so gut wie möglich zu funktionieren. Dass dies jetzt geschehen musste …“ David verstummte.

Unter den Umständen würde Jillian Gray sich bestimmt über den Besuch ihres Bruders freuen, dessen war Remi sich sicher. „Wann können Sie nach Madrid kommen? Ich hole Sie am Flughafen ab und fahre Sie zum Krankenhaus.“

„Das dürfte schwierig werden. In einem Monat erwartet meine Frau unser drittes Kind, es sind jedoch Probleme aufgetreten. Wenn sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert, will der Arzt das Kind per Kaiserschnitt holen. Deshalb möchte ich sie nicht allein lassen. Um Jilly nicht zu beunruhigen, haben wir ihr verschwiegen, wie schlecht es meiner Frau geht. Sie hat sich selbst ein Baby gewünscht, doch leider ist ihr Mann Kyle viel zu früh gestorben. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, was ich machen soll. Hat sie darum gebeten, mich zu informieren?“

Remi räusperte sich, denn die Sache ging ihm sehr nahe. „Nein, noch nicht.“

„Mir ist klar, dass sie mich braucht, was sie jedoch niemals zugeben würde.“

Wie tapfer sie war, hatte Remi selbst erlebt. Auf seine Frage hin hatte sie erklärt, er brauche niemanden zu benachrichtigen. Offenbar bemühten sich beide, Bruder und Schwester, einander zu beschützen und Aufregungen voneinander fernzuhalten. Was für eine komplizierte Situation! Frustriert fuhr er sich mit den Fingern durchs Haar. „Ich werde mich um Ihre Schwester kümmern, bis sie alles hinter sich hat.“

„Das kann ich nicht von Ihnen verlangen …“

„Ich biete es Ihnen an, denn ich war an dem Unfall nicht ganz unbeteiligt.“ Remi schilderte ihm den Hergang.

„Es war wirklich nicht Ihre Schuld“, entgegnete David Bowen dann. „An Ihrer Stelle hätte ich auch keine Vollbremsung gemacht, das ist bei hoher Geschwindigkeit viel zu gefährlich. Glücklicherweise sind wenigstens Sie unverletzt geblieben und konnten meiner Schwester helfen.“

„Das hätte jeder andere vorbeikommende Autofahrer auch getan.“

„Jedenfalls bin ich Ihnen sehr dankbar, Mr. Goyo. Darf ich Sie um einen Gefallen bitten? Rufen Sie mich an, sobald meine Schwester aus der Narkose aufwacht, egal, wie spät es ist. Ich möchte unbedingt mit ihr reden. Als Erstes werde ich mich jetzt mit meiner Frau und dem Arzt unterhalten. Wenn er es für unbedenklich hält, setze ich mich in die nächste Maschine nach Madrid und fliege am selben Tag zurück.“

„Wir werden sehen. Unterdessen passe ich gut auf Ihre Schwester auf.“

„Ich weiß nicht, wie ich Ihnen dafür danken soll. Ich lasse mir aber bestimmt etwas einfallen. Verraten Sie mir bitte noch Ihre Telefonnummer.“

Remi nannte sie und fügte hinzu: „Ich bin sicher, Sie würden an meiner Stelle genauso handeln.“

„Ja, das stimmt“, antwortete der Mann voller Überzeugung.

„Dann machen Sie sich keine Gedanken. Wir hören wieder voneinander.“ Remi beendete das Gespräch und schob das Handy in die Hosentasche. Er war viel zu beunruhigt, um untätig herumzusitzen, und verließ den Warteraum. Auf dem Flur kam ihm Dr. Filartigua entgegen.

„Wie schwer ist die Verletzung?“, erkundigte sich Remi sofort.

„Ziemlich schwer.“

Die Nachricht traf Remi wie ein Schlag. „Wird sie auf dem Auge wieder sehen können?“

„Das kann man jetzt noch nicht sagen. Ich habe den Splitter entfernt und dabei festgestellt, dass im Innern des Organs Blutungen aufgetreten sind. Die Operation selbst ist erfolgreich verlaufen, und die Patientin befindet sich in einem stabilen Zustand. Alles andere bleibt abzuwarten.“

„Wann kann sie das Krankenhaus verlassen?“, fragte Remi, nun doch halbwegs erleichtert.

„Wenn alles normal verläuft, wacht sie innerhalb der nächsten Stunde auf, und dann können wir sie auf die Privatstation verlegen. Vorausgesetzt, es treten keine Komplikationen auf, könnte sie morgen Nachmittag entlassen werden. Angesichts des Schocks, den sie zweifellos bei dem Unfall erlitten hat, würde ich sie jedoch gern noch einen Tag länger hierbehalten. Konnten Sie mit ihren Angehörigen sprechen?“

„Ja, mit ihrem Bruder in New York. Leider gibt es da ein Problem.“ Remi berichtete, was er erfahren hatte.

„Umso besser, dass Sie bereit sind, ihr beizustehen. Kommen Sie bitte in einer Woche mit ihr zur Nachuntersuchung zu mir, dann kann ich Genaueres sagen. Ich gebe ihr Medikamente und Verhaltensregeln mit.“

„Wird sie starke Schmerzen haben?“

„Nein. Sie wird allerdings eine Reizung oder einen Juckreiz verspüren. Das Auge ist mit einer Binde geschützt, die sie ab und zu wechseln und abnehmen muss, um Tropfen hineinzuträufeln. Im Übrigen kann sie sich völlig normal verhalten. Sie darf lesen und fernsehen, jedoch nicht schwimmen.“

„Wann kann sie wieder arbeiten?“

„Frühestens in vier Wochen. Vorerst sollte sie sich nicht zu tief bücken, sondern den Kopf möglichst gerade halten. Sobald sie wach ist, sollten Sie ihr unbedingt mitteilen, dass die Operation erfolgreich verlaufen ist. Im Notfall bin ich jederzeit zu erreichen, Sie haben ja meine Telefonnummer.“

„Ja.“ Remi bedankte sich bei dem Arzt und rief wenig später David Bowen an, um ihn über den Stand der Dinge zu informieren.

Wie aus weiter Ferne hörte Jillian Stimmen. Dass sie im Krankenhaus lag und operiert worden war, hatte ihr irgendwann in der Nacht eine Schwester erzählt.

Schließlich öffnete sie die Lider, aber sie konnte die Sonnenstrahlen, die durch die Jalousien in das Einzelzimmer drangen, nur mit dem linken Auge sehen. Sie hob die Hand, um die Binde über dem rechten Auge zu betasten.

Prompt hielt jemand ihre Finger fest. „Nein, Jillian, lassen Sie das bitte“, ertönte eine tiefe männliche Stimme, die ihr bekannt vorkam. Und dann fiel es ihr wieder ein, es musste der Mann sein, der ihr nach dem Unfall geholfen hatte.

Vorsichtig drehte sie sich zu dem großen Spanier um, der Autorität und Macht ausstrahlte. Sie betrachtete sein volles dunkles Haar, die dunklen Augen unter den dichten schwarzen Brauen und seine harten, wie gemeißelt wirkenden Gesichtszüge. Ein echter Kastilier, dachte sie.

Das weiße Hemd, dessen Ärmel er hochgekrempelt hatte, und seine gebräunte Haut verliehen ihm etwas so Sinnliches und Erdverbundenes, dass es ihr fast den Atem raubte. Offenbar kann ich nach der Narkose noch nicht wieder klar denken, sonst würde ich auf ihn nicht so reagieren, sagte sie sich.

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