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Romantische Nächte im Zoo

Harald Martenstein

Romantische Nächte
im Zoo

Betrachtungen und Geschichten
aus einem komischen Land

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Impressum

ISBN 978-3-8412-0584-1

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung hißmann, heilmann, Hamburg

unter Verwendung eines Motivs von © plainpicture/Elsa

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Wanderer, kommst du nach Gerstengrund

Glück

Sozialismus revisited

Verteidigung der Ausländerfeinde

Positives Denken

Meinungsfreiheit

Mein Land

Lob der Armut

Kirchentag

Freunde

Gentrifizierung

Fernsehstars

Die drei Friseure

Tugendrepublik Deutschland

Nürburgring

König Lear, auf schwäbisch

Milch

Die Totmacher

Siegfrieds Erbin

Die Idiotie des Fortschritts

Deutscher Humor

Der Sog der Masse

Der letzte Marxist

Der Geist von Dessau

Der kleine Prinz

Der Garten

Bildung

Bad Wörishofen

Anna

Als Ghanaer bei Attac

Abschied von Rudi Carrell

Der Geschichtenerzähler

Kleine Geschichte des Ausländischessens

Danksagung

Wanderer, kommst du nach Gerstengrund

»Hallo? Hallo?«

»Ja, hier ist der Tagesspiegel. Berlin. Bin ich mit der Stadt Geisa verbunden?«

»Geisa in Thüringen. Möller.«

»Ja, Frau Möller, wir machen so eine Serie über die Hochburgen der Parteien, und da haben wir festgestellt, dass die Gemeinde Gerstengrund, die zu Geisa gehört, bei der letzten Bundestagswahl zu 95,65 Prozent CDU gewählt hat. Deutscher CDU-Rekord. Und da würde ich halt gerne wissen, woran das liegt.«

»Das ist ganz einfach. Das hängt mit dem katholischen Glauben zusammen.«

Frau Möller klingt unheimlich nett und hilfsbereit. Gerstengrund gehört, genau genommen, gar nicht zu Geisa, sondern wird als formal selbständiges Dorf von Geisa aus verwaltet. Gerstengrund hat 47 Wahlberechtigte, Geisa etwa 3500 Einwohner. Beide Orte liegen hart an der innerdeutschen Grenze, die man in gewisser Weise wohl immer noch so nennen muss, im ehemaligen Sperrgebiet, das eine verbotene Zone war. Im Sperrgebiet konnten die Leute nur mit einer Sondererlaubnis Besuch empfangen, das Rein- und Rauskommen waren eine schwierige Sache, man war isoliert. Das Sperrgebiet war eine Art verschärfte DDR. Jetzt dagegen liegt es sozusagen fast schon im Westen.

Den Westen repräsentiert hier das Bundesland Hessen. Wie läuft es denn so in Geisa und Umgebung? Recht gut, sagt Frau Möller. Geisa wird vom Gebirge Rhön umgeben, landschaftlich reizvoll, der Fremdenverkehr gewinnt allerdings nur langsam an Boden. Trotzdem ist die Arbeitslosigkeit niedrig. Warum? »Sehr viele pendeln zur Arbeit nach Hessen.«

Im Gemeinderat von Geisa verfügt die CDU über zehn Sitze, fünf Sitze gingen an die Freien Wähler, die traditionell fast überall der CDU nahestehen, ein Sitz gehört der Interessengemeinschaft der Geisaer Vereine. Die politische Opposition besteht aus der PDS, ein Sitz.

»Und die SPD?«

Frau Möller sagt: »Wir haben hier keine SPD.«

»Wie, keine SPD?«

»Es gibt keinen Ortsverein. Sie kandidiert nicht.«

Und die Grünen? »Gibt es bei uns auch nicht.« »FDP ?« Frau Möller sagt: »FDP, das haben wir hier auch nicht.«

Ich denke: Das ist das einzige frei gewählte Einparteiensystem der Welt. Ist Geisa das Pjöngjang von Deutschland? Ein demokratisches Pjöngjang?

Was Gerstengrund angeht, empfiehlt Frau Möller als Informationsquelle den Bürgermeister Antonius Schütz. Zum Schluss frage ich: »Wer hat eigentlich die anderen 4,35 Prozent gekriegt?«

»Ich glaube, die Republikaner.« Man spürt, dass sie das nicht gerne sagt.

Anruf beim Bürgermeister. Eine Frau meldet sich.

»Von der Zeitung sind Sie? Der Bürgermeister ist in Urlaub.«

»Wann kommt er denn wieder?«

Pause. »Zeitungen wollen wir hier nicht.«

»Ja, um Himmels willen, wie meinen Sie das denn?«

»Ich meine das so: Mit Zeitungen möchten wir grundsätzlich nichts zu tun haben.« Die Dame legt auf.

Zweiter Anruf bei Frau Möller. Sie hat inzwischen das genaue Wahlergebnis nachgeschaut und wirkt erleichtert. »Also, 47 Wahlberechtigte, Wahlbeteiligung 46 Stimmen, davon CDU 44, SPD 1, FDP 1.« Bei der Bundestagswahl ist, anders als bei der Kommunalwahl, die SPD zugelassen. Das Ergebnis war für die CDU, obwohl es gut klingt, im Grunde ein Desaster. Bei der Landtagswahl 1999 hatte sie in Gerstengrund nämlich 100 Prozent. Ein Minus von vier Prozent. Frau Möller sagt, wenn Antonius Schütz in Urlaub sei, könnte ich mit der stellvertretenden Bürgermeisterin reden, Frau Neidhart.

Frau Neidhart schweigt am Telefon lange. Dann ruft sie: »Nein! Nein! Nein! Das sind ja schon wieder Sie. Wir hatten bereits das Vergnügen.«

»Ach, Sie waren das bei Antonius Schütz? Dann ist die stellvertretende Bürgermeisterin also die Ehefrau des Bürgermeisters?«

»Wie kann ich denn die Ehefrau von Antonius Schütz sein? Ich heiße doch anders.«

»Na ja ... heutzutage gibt es das manchmal, dass Ehefrauen einen anderen Namen haben. In Berlin.«

»Stimmt. Also, ich bin die Schwester des Bürgermeisters.« Eine winzige Spur von Zugänglichkeit ist in der Stimme von Frau Neidhart andeutungshaft zu erahnen.

»Hören Sie, Frau Neidhart, warum reden wir nicht? Es ist doch keine Schande, CDU zu wählen.«

»Nein, eine Schande ist das weiß Gott nicht. Aber wir haben schlechte Erfahrungen gemacht. Das wissen vor allem Sie ganz genau. Sie haben doch damals diesen widerlichen Artikel geschrieben.«

»Aber nein! Ich schwöre, dass ich noch niemals in Gerstengrund gewesen bin! Das wüsste ich! Ich will doch nichts Böses. Sehen Sie, wir schreiben genauso über Dörfer, die zu 95 Prozent SPD wählen, so etwas gibt es doch auch ...« Das ist nur dahergesagt, um die Stimmung zu lockern. In Wirklichkeit gibt es solche Dörfer nicht.

Frau Neidhart antwortet: »Fahren Sie halt in ein SPD-Dorf.«

Im Archiv finden die Kollegen den einzigen Text, der weltweit jemals in einem größeren Blatt über Gerstengrund erschienen ist. Es ist ein sehr subjektiv verfasster Artikel der tageszeitung, geschrieben im Jahr 2000. Der Artikel gipfelt in dem Satz: »Gerstengrund, unbewohnbar wie der Mond.« Und Antonius Schütz hatte dem Verfasser sogar nichtsahnend seinen Kuhstall gezeigt.

Die Fahrt von Berlin nach Gerstengrund dauert, wie sich am nächsten Tag zeigt, fünfeinhalb Stunden. Der Ort ist nicht einmal in meinem alten DDR-Atlas verzeichnet. Geisa und Gerstengrund befinden sich weit weg von jedem Autobahnanschluss, in einer Gegend, wo auf der tischdeckengroßen ADAC-Karte von Thüringen lediglich einige gleichrangige Nebenverkehrsstrecken und keine einzige Hauptstraße eingezeichnet sind. Hinter Geisa führt eine Stichstraße in ein Tal hinein, das, nach den Dörfern Kranlucken und Zitters, in Gerstengrund endet. Kein Durchgangsverkehr. Keine Zufallsbesucher. Nahende Autos von weit her sichtbar. Gerstengrund ist wahrscheinlich einer der abgelegensten Orte von Deutschland.

Diese Gegend gehörte seit 817 zum Besitz des Bistums Fulda. Wenn die Leute reden, klingen sie fast hessisch. Dass Geisa und Gerstengrund überhaupt zur DDR gehört haben, hängt mit dem Wiener Kongress von 1815 zusammen, der Geisa den Fuldaer Bischöfen weggenommen und dem Großherzogtum Sachsen-Weimar zugeschlagen hat. Im Rathaus von Geisa steht auf einer Tafel, dass es sich hier um die »westlichste Stadt des Warschauer Paktes« gehandelt hat. Zu den berühmten Söhnen gehört der Moosforscher Adalbert Geheeb. Auffällig ist, dass man in den Dörfern fast keine Spuren der DDR-Zeit mehr findet. Alles neu, alles proper. Hier hat Helmut Kohl recht behalten, hier blüht die Landschaft, wenn auch nur deshalb, weil der Westen mit seinen Arbeitsplätzen direkt vor der Haustür liegt.

In Gerstengrund hat übrigens auch schon zu DDR-Zeiten die CDU den Bürgermeister gestellt, die Ost-CDU natürlich. Nicht seit 1990, sondern seit Jahrzehnten regiert die CDU. Die CDU war in Gerstengrund sozusagen gleichzeitig die SED. Vor 1933 regierte die katholische Zentrumspartei.

Als ich in das Dorf fahre, zwanzig eng beieinanderstehende Bauernhäuser vielleicht, merke ich, dass ich einen Fehler gemacht habe. Auf dem Auto steht riesig der Name der Zeitung, es ist ein Dienstwagen. Alle Leute müssen sofort denken: Die Zeitung aus Berlin ist wieder da. Die Gerstengrundkiller kommen zurück. Unbewohnbar wie der Mond. Also wende ich und verstecke das Auto im Wald, einen Kilometer entfernt, unter einem Fliederbusch. Dann gehe ich zu Fuß, als Wanderer, nach Gerstengrund.

Die Handvoll Leute, die vorher zu sehen waren, eine alte Frau, ein Bauer, ein Junge mit Anorak, sind alle verschwunden. Das Dorf ist plötzlich wie ausgestorben. Ein Geisterdorf. Klar: Antonius Schütz und seine Schwester haben das Auto gesehen und zeigen ihre Macht.

Noch etwas ist anders an Gerstengrund. Man braucht eine Weile, bis man es merkt. An dem prächtigsten Bauernhaus: ein Wandgemälde, das eine Kuhherde zeigt, mit der Jahreszahl »1992«. Vor der Kapelle in der Dorfmitte ragt ein gewaltiges Steinkreuz zum Himmel. »Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist.« In einem Garten steht eine steinerne Mutter Gottes, darunter: »Maria mit dem Kinde lieb, uns allen deinen Segen gib.« Ein paar Meter weiter, noch mal Maria mit dem Kinde. »O Jesu! Durch deine hl. Wunden erbarme  ...«, der Rest ist verwittert. Die Bauerngärten sind üppig, einer sogar mit einer kleinen Palme, in den Garagen stehen gepflegte Autos, untere oder mittlere Preisklasse, es gibt ein Gewächshaus, Wintergärten, einen Hasenstall, eine Fußballwiese, der Bus kommt achtmal täglich, Hühner laufen frei herum, vor dem Dorf grasen Pferde. Es sind keine Satellitenschüsseln zu sehen, keine Werbung, kein Straßenverkehr und natürlich keine Wahlplakate. Wozu auch? Das Dorf wirkt nicht wie ein Dorf vor 100 Jahren, allein schon wegen der Autos, aber es wirkt auch nicht wie ein Dorf von heute.

Es ist das perfekte Idyll. Vielleicht ist Gerstengrund das schönste Dorf Deutschlands. Wie der Mond? Dann möchte ich auf dem Mond Urlaub machen.

Auf der leeren Dorfstraße gehe ich auf und ab und wieder zurück und dann wieder und wieder, und wieder, ein bisschen wie in dem Film »High Noon«. Ich denke: Ich tue jetzt etwas, das hier vielleicht seit den Bauernkriegen noch nie jemand getan hat. Ich provoziere.

An allen Fenstern sind die Vorhänge zugezogen. Das einzige Geräusch kommt von einem Hund, der bellend und mit gefletschten Zähnen gegen das Gitter seines Zwingers springt. Und plötzlich wird, direkt hinter mir, mit viel Nachdruck ein Rollladen hinuntergelassen. Auf diese Weise kommt dann doch eine Art Dialog zustande.

Im Grunde ist Gerstengrund gar nicht so schwer zu verstehen, wenn man mal darüber nachdenkt. Der Glaube, feuergehärtet in der Zeit der Reformation, als hier heftig gekämpft wurde, später durch die katholische Diaspora in der DDR, die isolierte Lage in der verbotenen Zone, die geographische Situation am Ende des Tals, das Bäuerliche, Beharrende, dazu der relative Wohlstand durch die Jobs in Hessen, der jeden Veränderungsdruck abfedert, das alles ist miteinander verschmolzen zu dem, was man jetzt hier sieht. Die aus der Zeit gefallene Schönheit von Gerstengrund aber ist kein Zufall, diese Abwesenheit von Werbung und hässlichem Schnickschnack. Sie hat mit der katholischen Widerstandskraft gegen den Kapitalismus zu tun. Der Kapitalismus ist genauso ein Gleichmacher wie der Sozialismus, beide machen aus den Dörfern hässliche kleine Städte. Aber an Gerstengrund haben sich alle Dorfverhässlicher die Zähne ausgebissen, bis heute. Antonius Schütz hat völlig recht, wenn er die Rollläden runterlässt.

So denke ich und gehe rechts hinter dem Dorfausgang den Berg hoch, bis zu einer moosbewachsenen Bank und einem moosbewachsenen Tisch, die dem großen Moosforscher Adalbert Geheeb aus Geisa sicher gefallen hätten. Von hier oben aus wirkt Gerstengrund noch hinreißender, ein bisschen wie Lönneberga, das Traumdorf aus den Kindergeschichten von Astrid Lindgren. Nach etwa einer halben Stunde gehen wieder vorsichtig Fenster auf, Rollläden werden zögernd hochgezogen, ein Mann geht über die Dorfstraße, steigt in ein Auto und fährt Richtung Stadt. Sie haben den Angriff abgeschlagen. Vielleicht sollte ich jemanden fragen, was sie in Gerstengrund tun, wenn eine Vierzehnjährige schwanger wird oder wenn ein Junge sich als schwul herausstellt. Vielleicht sollte ich fragen, was sie tun werden, wenn sie merken, dass Angela Merkel mit der Jungfrau Maria genauso wenig am Hut hat wie Gerhard Schröder mit dem heiligen Joseph. Ich muss noch mal Frau Möller anrufen. Aber dann merke ich, dass mein Handy hier hinten im Tal nicht funktioniert.

Glück

Die Wissenschaft hat festgestellt, dass in Osnabrück die zufriedensten Deutschen leben. Es war eine riesige Umfrage mit mehr als 350 000 Teilnehmern. 87 Prozent der Osnabrücker leben gern oder sehr gern in Osnabrück. Das ist Rekord. Am ungernsten lebt man in Dessau.

Die Umfrage stellt alles auf den Kopf, was man über gute Städte und nicht so gute Städte und das schöne Leben und das Glück und all dieses Zeug zu wissen glaubt. Auf Platz 2 liegt zum Beispiel das Gebiet rund um Villingen-Schwenningen. Stuttgart (Platz 5) liegt weit vor München (Platz 12). In Hannover ist man wesentlich glücklicher als in Berlin (Platz 74). Bochum? Weit vor Göttingen.

Die Institution, der die Deutschen das größte Vertrauen entgegenbringen, ist übrigens der ADAC. Das hat die gleiche Studie ergeben. Gemacht hat sie das McKinsey-Institut, unter anderem im Auftrag des ZDF. Alles hochseriös und megagründlich.

Am besten fahren wir also ganz schnell nach Osnabrück. Es liegt in Niedersachsen. Es hat 160 000 Einwohner. Wenn man von oben draufschaut, sagen wir mal: aus dem Himmel, sieht man hinter der Stadt die Freizeit- und Erlebnisregion Teutoburger Wald und vorne das nordddeutsche Flachland. Das andere flache Gebiet gleich links um die Ecke heißt Holland.

Osnabrück ist hübsch. Es hat alles, was eine gute deutsche Stadt braucht. Es hat einen Dom, eine Altstadt, ein Schloss, einen Fluss, der »Hase« heißt, einen Fußballverein, der aufsteigen will, und eine Uni. Es hat Brunnen und Stadtmöbel, die Geschmackssache sind, ein paar Bausünden aus der Nachkriegszeit, viele Fahrradwege, ein Filmfest, ein Medienkunstfest, ein Musikfestival, eine lange Nacht der Museen, »romantische Nächte im Zoo«, ein Stadtfest, ein schwul-lesbisches Kulturfestival und israelische Kulturwochen.

Jede deutsche Stadt hat natürlich auch ihren Stadtprominenten. In Mainz ist es Gutenberg, in Bochum ist es Grönemeyer. In Frankfurt ist es Goethe. In Osnabrück haben sie Erich Maria Remarque, den Autor des pazifistischen Romans »Im Westen nichts Neues«. Aus dem Musikbereich könnte man vielleicht noch den Sänger Heinz Rudolph Kunze nennen.

Nichts ist perfekt. Irgendetwas fehlt immer. Aber was? Was fehlt in Osnabrück? Als das Ergebnis der Glücksumfrage bekanntgegeben wurde, stand es in der Lokalzeitung. »Wie soll das bloß werden, wenn jetzt auch noch Ikea nach Osnabrück kommt!«

Als Erstes kaufen wir also eine Zeitung. Der Feuilletonaufmacher heißt: »Auf den Spuren des Krieges«. Der Medienaufmacher heißt: »Deutschlands Fußball in (Nach-)Kriegstagen«. Im Lokalen steht auf Seite eins lang und breit der neueste Aufruf des Friedensbündnisses Osnabrück.

Das Besondere an Osnabrück ist seine Fixierung oder auch Obsession. Osnabrück nennt sich offiziell »Friedensstadt«.

Am Bahnhof hängt ein Friedenszitat des heiligen Franz von Assisi. Die Stadt ist der Sitz der Stiftung Friedensforschung, der Bundesumweltstiftung, von Terre des Hommes, des Remarque-Friedenspreises, des Friedensfestivals »Künstler sagen nein« und der Osnabrücker Friedensgespräche. Am alljährlichen Friedenstag findet ein Friedens-Steckenpferdreiten zum Rathaus statt. Osnabrück hat sogar ein offizielles städtisches »Büro für Friedenskultur«, das die vielfältigen Friedensaktivitäten zu koordinieren versucht und zum Teil finanziert.

Treffen mit zwei Sprechern der Friedensbewegung der Friedensstadt. Karin Detert ist leitende Angestellte im Rathaus, Dieter Reinhardt ist Dozent an der Uni. Zwei Tage zuvor haben sie als symbolische Geste ein weißes Friedensband rund ums Osnabrücker Rathaus geschlungen. Zurzeit suchen sie nach einem neuen Namen für das »Bündnis gegen den Irakkrieg« und sind beide sehr nett, wie eigentlich alle Leute, die man in Osnabrück trifft. Wenn jemand sagt: »Danke«, dann antwortet man in Osnabrück: »Da nich für.« »Ich fühle mich wohl« heißt hier: »Ich bin gut zufrieden.«

Zu Friedensdemos in Osnabrück, sagen sie, kommen dreimal so viel Leute wie in Hamburg. Am Tag des Angriffs auf den Irak stand ein Vertreter von Attac neben einem Vertreter des Bischofs.

Franz-Josef Bode ist der zweite Osnabrücker Superlativ. Er ist 1995 schon mit 44 Jahren Bischof geworden. Rekord. Später hat er sich auch noch zum Osnabrücker Grünkohlkönig wählen lassen. Im Jahre 2000 legte er ein »Mea Culpa«-Bekenntnis zu den historischen Irrtümern der katholischen Kirche ab, nicht alle Konservativen mögen so etwas. Aber Bode ist der beliebteste Bischof Deutschlands. Das hat ebenfalls eine Umfrage ergeben. Bischof Bode ist in Osnabrück womöglich noch beliebter als der ADAC. Es ist schwer zu sagen, wie oft Bischof Bode den Irakkrieg schon verurteilt hat. Oft genug jedenfalls.

Das hat alles, im weitesten Sinne, historische Gründe.

In Osnabrück und Münster wurde 1648 der Westfälische Friede geschlossen. Ende des Dreißigjährigen Krieges zwischen den Katholischen und den Evangelischen, quasi den Sunniten und Schiiten des Christentums. Die Leidenschaften waren gründlich ausgeglüht, Toleranz wurde Gesetz. Die Dörfer, in denen der Pfarrer das Bett mit einer Frau teilte, wurden damals offiziell für evangelisch erklärt. Alle Dörfer mit frauenlosen Pfarrern dagegen bekam der Papst. Ganz einfach. Und in Osnabrück regierten von da an abwechselnd ein katholischer und ein evangelischer Fürstbischof. Mit anderen Worten: In Osnabrück wurde die Quotenregelung erfunden.

Dann kam Erich Maria Remarque. Und bald darauf der Zweite Weltkrieg.

Nein, Osnabrück ist nicht nur die deutsche Friedensstadt. Es ist auch eine Metropole der politischen Korrektheit. Im Dom: Aufruf zur Misereor-Jahrestagung »Alternativen zum Krieg«. In der Zeitung, Veranstaltungsteil, allein auf der Frauenstrecke: Frauenhaus, Mädchenhaus, Frauenberatungsstelle, Mädchenzentrum, Frauennotruf und ein Internationales Frauennetzwerk. Das geballte Hilfsangebot macht den Eindruck, als sei Osnabrück für Frauen die Hölle.

Sind die Menschen dort deshalb so glücklich?

Karin Detert erzählt vom Machtwechsel. Wie früher die Fürstbischöfe, so lösen sich heute CDU und SPD in Osnabrück ab. SPD ist mehr evangelisch und pro Radfahrer, CDU ist mehr katholisch und ADAC. Elf Jahre regierte Rotgrün, seit kurzem regiert Schwarzgelb.

Hauptstreitpunkt in der Kommunalpolitik ist der Verkehr. Es wird viel geblitzt, zu viel nach Ansicht des ADAC. Osnabrück trägt auch den Titel »autofeindlichste Stadt Deutschlands«, verliehen vom Sender Sat 1. Die CDU hat das kostenlose Parken in der Innenstadt und die grüne Welle an den Ampeln eingeführt und die Baumschutzsatzung abgeschafft. Sie haben die Zuschüsse für einige Frauenprojekte und für die Walpurgisnacht zusammengestrichen und stattdessen zwei neue Familienzentren gegründet. Das war der Machtwechsel. Der Kulturetat wurde weitgehend geschont.

Karin Detert sagt einen besonders interessanten Satz: »In Osnabrück gibt es keine Neonazis.«

Am vergangenen Wochenende fanden in Osnabrück allerdings »Chaostage« statt, 200 Punker lagerten im Hasenpark. Das war in der Zeitung nur eine kurze Meldung. »Ein Punkkonzert wurde von der Polizei unterbunden, da keine Genehmigung vorlag ... Ein Großteil der Punks verließ Osnabrück am frühen Sonntagmorgen.«

Klaus Terbrack ist der wichtigste Osnabrücker Veranstalter und Kulturmanager. Er selber nennt sich »Kulturplaner«. Er sagt: »Ich bin Lokalpatriot und Kosmopolit.« Er führt durch seine Stadt, aus Spaß, einfach so. Das wichtigste neue Bauwerk ist das Felix-Nussbaum-Museum, von Daniel Libeskind. Es sieht genauso aus wie das Berliner Jüdische Museum, nur kleiner. Nussbaum, der jüdische Maler, wurde von den Nazis ermordet. Jetzt schaut sein Museum von oben auf das ehemalige Braune Haus herab, die NSDAP-Zentrale, direkt nebenan.

»Wir haben hier alles, nur kleiner.« Klaus Terbrack sagt, was alle sagen: Osnabrück ist so wunderbar überschaubar. Fünf Minuten Fußweg, und du bist überall. Großstadt und Dorf gleichzeitig. Enge ist ein Vorteil. Provinz ist schön.

Auch die Lokalredakteurin von der »Neuen Osnabrücker« sagt das. Im Archiv, auf der Suche nach einer Negativstory über Osnabrück, findet man nur einen länger zurückliegenden Text über eine fehlende Toilette für die Boulespieler im Schlosspark.

Das Bündnis gegen den Irakkrieg, erzählt die Redakteurin, sei weitgehend identisch mit dem Bündnis gegen Ausländerfeindlichkeit. »Aber ausländerfeindliche Übergriffe gibt es hier gar nicht.« Ein Bündnis, das sich gegen etwas richtet, das es nicht gibt. Osnabrück bemühe sich heftig um jüdische Aussiedler aus Russland, damit es wieder eine große jüdische Gemeinde gibt, die etwas hermacht. In der Fußgängerzone werden am gleichen Nachmittag Flugblätter verteilt, tatsächlich, eine kleine Demo vor einem Kiosk. »Keine Nazipresse in Osnabrück!« Der Kiosk verkauft die »Nationalzeitung«.

Diese kleine Stadt hat alles, wirklich alles, nur keine bösen Menschen. Bevor Osnabrück den Titel »Friedensstadt« angenommen hat, erzählt die Redakteurin, nannte es sich »Stadt der goldenen Mitte«.

Was für eine Titanenkraft es gekostet hat, aus dem alten, bösen Deutschland das neue, gute Deutschland zu machen: In Osnabrück spürt man es an fast jeder Straßenecke. Es ist gut, wirklich, es ist vor allem viel besser als das Gegenteil, aber das alles kommt doch noch sehr verkrampft rüber und alles andere als selbstverständlich. Es herrscht eine Art geistig-moralischer Muskelkater. In der deutschen Friedensstadt versteht man sofort, warum es für Deutschland ganz und gar unmöglich gewesen ist, beim Irakkrieg mitzumachen, wahrscheinlich selbst dann nicht, wenn die Amerikaner überzeugende Argumente gehabt hätten.

Und das Glück?

Bei Meller, in der Osnabrücker Fußgängerzone, gibt es eine ganze Abteilung mit Ratgebern zum Glücklichsein. Sie heißen: Jeden Tag weniger ärgern. Die sieben Gesetze des Glücks. Der Glücks-Faktor. Glück beginnt im Kopf. Ab heute besser drauf. Wege zum Glück. Umarme dein Glück. Das Buch »Wie Sie sich Ihr Leben gründlich versauen« ist bei näherem Hinsehen auch nur ein Ratgeber zum Glücklichsein, ein ironischer halt.

In »Die Glücksformel« von Stefan Klein steht etwas über Länder. Auch das wurde vor ein paar Jahren untersucht. Am glücklichsten sind die Menschen in Holland, Island und Dänemark, am unglücklichsten in der Ukraine und Moldawien. Deutschland und die USA liegen im Mittelfeld.

Glück hat gar nicht so viel mit Reichtum oder Armut zu tun. Ghana ist ärmer als die Ukraine, aber rangiert relativ weit oben. Klein sagt, dass vor allem Neid, Stress und Unsicherheit die Menschen unglücklich machen. Länder mit relativ gleichmäßiger Verteilung des Wohlstandes oder aber der Armut sind grundsätzlich glücklicher als Länder mit großen Unterschieden. Die »Ich-AG« und der harte Konkurrenzkampf, den die Neoliberalen predigen, bringen jedenfalls nicht das Glück ins Haus.

Ganz wichtig zum Glücklichsein ist das Gefühl, sich auszukennen. Das Leben im Griff zu haben. Kontrolle über den eigenen Alltag. Zu wissen: Dieses ist richtig. Jenes ist falsch. Deswegen, schreibt Klein, sind die Völker in der ehemaligen Sowjetunion so unglücklich. Ihr Koordinatensystem für gut und böse, für richtig und falsch ist zerbrochen.

Umbrüche sind schlecht. Ambivalenz ist schlecht. Langeweile ist gut. Klarheit ist gut. Wenn man sich zum Beispiel Osnabrück anschaut: Sie haben sich dort in den letzten Jahrzehnten ihre kleine Welt perfekt eingerichtet. Die Friedensstadt. Immer fürs Gute, in jeder Form. Das Böse macht einen großen Bogen um Osnabrück. Man kann sich darüber lustig machen. Vielleicht sollte man das sogar. Aber eines steht fest: Sie sind glücklich.

Sozialismus revisited

Am Ortseingang steht immer noch die Käsefabrik, wie damals. Dahinter fangen die Rinderkoppeln an. Der Kibbuz liegt über der Fabrik am Hang, mit Blick über die Ebene und auf die Berge. Er sieht heruntergekommen aus. Umgestürzte Schilder, verrostete Landmaschinen. An manchen Häusern blättert der Putz, andere wirken unbewohnt, am Gemeinschaftshaus fehlen ein paar Fensterscheiben. Die Palmen aber sind riesig inzwischen, bestimmt zehn Meter hoch.

Es ist immer traurig, nach vielen Jahren an einen Ort zurückzukommen und seine Erinnerungen zu begraben. Eigentlich sollte man so etwas nicht tun.

Ein Fremder, der durch ein Dorf von 300 Einwohnern geht, wird überall auf der Welt misstrauisch angestarrt. In Tel Yosef nicht. Die Leute nicken einem zu und gehen ihres Weges. Man wird zur Kenntnis genommen, das ist alles. Fremde sind harmlos. Sogar die Selbstmordanschläge scheinen nichts an dieser Meinung geändert zu haben. In dieser Gegend, nicht weit entfernt vom See Genezareth, war es während der zweiten Intifada bisher relativ ruhig.

Auch in Tel Aviv sind die Kontrollen vor den Restaurants inzwischen lässig, beinahe eine Formsache. Israel wirkt, an der Oberfläche, gelassen. Wie immer. Kein Vergleich mit dem deutschen Herbst 77, mit der hyperventilierenden Stimmung nach der Schleyer-Entführung.

Das Josef-Trumpeldor-Museum ist geöffnet. Josef Trumpeldor, genannt der »einarmige Josef«, Held des Russisch-Japanischen Krieges, einziger jüdischer Offizier in der Armee des Zaren, Kibbuz-Pionier, gefallen 1920, nicht weit von hier im Kampf gegen die Araber, durchsiebt von zahlreichen Kugeln. Seine legendären letzten Worte lauteten: »Das macht nichts.«

Ein halbdunkler Raum voller Bücher und Fotos, darunter auch deutsche Bücher. »Heroische Gestalten des jüdischen Stammes«, Berlin 1937, herausgegeben vom »Reichsbund jüdischer Frontsoldaten«. Rachel Sass sitzt da, eine Frau von Mitte sechzig, die aufpasst, dass nichts gestohlen wird. Sie erzählt, dass sie im Dorf immer noch Hühner haben, Fischteiche, die Rinder, Grapefruit. Die Oliven haben sie aufgegeben.

Ich sage: »Ich habe hier mal ein paar Monate gearbeitet.« Sie sagt: »Ach? Kennen wir uns?« Ich frage: »Was macht der Sozialismus?«

Rachel Sass: »Der Gemeinschaftsspeisesaal ist geschlossen. Das Kinderhaus ist zu. Der Einheitslohn ist weg. Die jungen Leute gehen zu den Soldaten und kommen hinterher nicht wieder. Socialism is gone.«

Und die Käsefabrik? Die Käsefabrik ist so groß wie Burg Neuschwanstein und glänzt in der Sonne wie eine Erdölraffinerie. Mit dem Käsegeld müsste man den Sozialismus in einem Dorf spielend finanzieren können.

»Die Käsefabrik gehört nicht dem Kibbuz. Sie steht auf Land, das sie uns vor vielen Jahren billig abgeschwatzt haben. Das war ein sehr schlimmer Fehler.« Die Käsefabrik sieht man dummerweise fast von jeder Stelle des Ortes aus.

Habt ihr noch Freiwillige? Rachel Sass sagte: »Nein. Für die einfachen Handarbeiten haben wir jetzt Maschinen.«

Ich gehe zu den Häusern, wo früher die Freiwilligen wohnten. Kleine Baracken mit winzigen Fenstern. Es gab dort Skorpione, die gern in die Schuhe krochen. Die Häuschen stehen noch, dort schlafen jetzt manchmal Soldaten, wenn sie übers Wochenende ihre Eltern besuchen. Eine Motorradruine steht dort und eine Hollywoodschaukel aus Sperrholz. Der Swimmingpool ist leer.

In den 70er Jahren, nach dem Abitur, vor dem Ersatzdienst, sind ziemlich viele Leute aus unserer Schule mit »Aktion Sühnezeichen« nach Israel gefahren. »Aktion Sühnezeichen« beruhte auf der halb ehrenwerten, halb verrückten Idee, dass junge Deutsche im Ausland kostenlos manuelle Arbeiten verrichten und so für die Verbrechen ihrer Väter ein bisschen Buße tun. Wie sollte diese moralische Rechnung wohl funktionieren? Das Ganze fußt auf einem Konzept von Kollektivschuld, das mir heute schräg vorkommt. Man kann aus der Geschichte der Vorfahren Lehren ziehen, und man muss ihre Schulden bezahlen, in einem moralischen Sinn sühnen oder ungeschehen machen kann man gar nichts. Außerdem waren wir für manuelle Arbeit schlecht geeignet und haben aus Ungeschicklichkeit in aller Welt bestimmt eine Menge Schaden angerichtet.

Bei unseren Sühneerwägungen spielte allerdings auch die Tatsache eine Rolle, dass in Israel, falls unsere Informationen stimmten, fast immer die Sonne schien und es Strände gab ohne Ende.

Im Kibbuz Tel Yosef musterten sie mich kurz, prüften Talente und Neigungen, dann steckten sie mich in die Hühnerfarm. Drei Monate lang hieß es, in einer neonbeleuchteten Halle panisch um sich pickende Brathähnchen einzufangen und sie mit allmählich anschwellenden Händen in Kisten zu stopfen. Die Hühner pickten in ihrer Todesangst nämlich auf die Hände, und die Hühnerscheiße sorgte dafür, dass sich die Wunden zu apokalyptischen Entzündungen auswuchsen. Handschuhe halfen nicht viel. Zur Erholung gab es manchmal Küchendienst. Ich dachte: Diese Hühnerscheiße hier hat mir nur Adolf Hitler eingebrockt. Auf diese Weise wurde ich ein noch leidenschaftlicherer Antifaschist.

Besonders renitenten Hähnchen drehten die Arbeiter schon gleich in der Halle den Hals um. So lernte ich auf meinem Sühnetrip das Töten und abends dann das Schießen. Auf den Wachgängen nahmen die Jungs aus dem Kibbuz nämlich hin und wieder ein paar von uns Helfern mit, und man durfte mal das Gewehr halten und abdrücken. Das gab hinterher immer Ärger, aber Ärger machte den Jungs nichts aus.

Das Dritte, was man im Kibbuz lernte, war Sozialismus.

Das Wort Kibbuz bedeutet »Gemeinschaft«. Ein Kibbuz ist ein Dorf, in dem allen alles gemeinsam gehört, in dem jeder das Gleiche verdient, in dem man gemeinsam isst, wo jeder abwechselnd jeden Job macht, wo man die Kinder im Kinderhaus erzieht statt in der Familie, und so weiter. Das volle Utopieprogramm.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts floss der Strom der jüdischen Einwanderer in das Gelobte Land kräftiger und immer kräftiger. Viele Einwanderer brachten in ihrem geistigen Gepäck den Sozialismus mit. Im Kibbuz verschmolz die Idee des Sozialismus mit der Idee des Zionismus. Die Kibbuzbewegung war, wenn man so will, ein israelisches Gegenstück zur Sowjetunion.

Zionismus bedeutete: das britische Palästina in den jüdischen Staat Israel zu verwandeln. Sozialismus bedeutete: den neuen Menschen zu schaffen, der sich vom Egoismus und von der Ausbeutung befreit hat. Die Siedler bauten Wehrdörfer inmitten einer feindlich gesinnten Umgebung. Sie dienten gleichzeitig der Grenzsicherung und der Besiedelung entlegener Regionen und der Schaffung des neuen Menschen. Das Gemeinschaftshaus lag immer genau in der Mitte, aus geistigen und aus militärischen Gründen. Es gibt auch eine religiös orientierte Kibbuzorganisation, aber dazu gehören nur wenige Dörfer. Im Kibbuz leben sogar heute noch 120 000 Israelis, etwa 2,5 Prozent der Bevölkerung. In der israelischen Elite ist der Anteil der ehemaligen Kibbuzkinder allerdings deutlich höher.

Damals gab es zwei Sorten von Sozialismus, die in Westdeutschland bei fast allen ein gutes Image hatten. Einerseits Jugoslawien. Jugoslawien galt als irgendwie demokratisch. Erst viel später hat man herausgefunden, dass Jugoslawien so toll nun auch wieder nicht war. Der andere gute Sozialismus war der Kibbuz. Gut, weil eingebettet in eine Demokratie. Gut, weil funktionierend. Denn die Kibbuzlandwirtschaft war eine Zeitlang erfolgreich, daran ließ sich nicht rütteln.

Man aß in Tel Yosef in der großen Speisehalle und konnte sich auch außerhalb der Mahlzeiten in der Küche jederzeit bedienen. Geld war im Kibbuz verboten. Im Laden zahlten wir mit Märkchen aus Pappe, die wir als Bezahlung kriegten. Manche Sachen gab es völlig umsonst, zum Beispiel Zucker. Jeder bekam fünf Päckchen Zigaretten pro Woche zu einem subventionierten Spottpreis, billiger als in der Stadt. Wer irgendwohin wollte, ließ sich von einem der Gemeinschaftsautos mitnehmen. Nach der Arbeit, fünf oder sechs Stunden, lag man bis tief in die Nacht am Swimmingpool, spielte Songs von Cat Stevens auf der Gitarre und versuchte anzubändeln. Mit zwei verbundenen, geschwollenen Händen war sowohl das eine als auch das andere gar nicht so einfach.

Vor allem die jüngeren Kibbuzleute erzählten gern Witze und feierten oft Feste. So also sah der Sozialismus aus – Sonne, Highlife, fast wie in Kuba, nur mit neuen Autos. Trotzdem hatten wir zu den Kibbuzleuten wenig Kontakt. Wir waren für sie billige Arbeitskräfte, und sie waren für uns ebenfalls ein Mittel zum Zweck. Bei den Festen tranken die Kibbuzleute fast keinen Alkohol. Ein paar von den Freiwilligen, die aus allen möglichen Ländern kamen, ließen sich volllaufen. Vor allem die Engländer natürlich. Die Deutschen und die Engländer im Kibbuz mochten einander überhaupt nicht. Die Deutschen waren auf dem Büßertrip, die Engländer dagegen waren gut drauf und hatten es einzig und allein auf Bier und Israelinnen abgesehen.

Man konnte abends auch ins Kaffeehaus gehen. Getränke, Kuchen, Kekse, Zeitungen, das war alles gratis. Wer morgens keine Lust hatte zu arbeiten, sagte: »Ich bin krank.« Das war okay. Es wurde nie kontrolliert. Die Engländer waren praktisch immer krank.

War es schön damals? Das ist eine typische Erwachsenenfrage. Wenn man mit zwanzig von zu Hause weggeht, will man es nicht unbedingt schön haben. Es soll anders sein. Und das war es ja auch.

Eines weiß ich noch. Es gab in Tel Yosef ein Genie. Eine Art Erfinder. Er hatte ein revolutionäres Haus erfunden. Es funktionierte so: Man blies einen sehr großen Luftballon auf. Dann wurde Beton auf den Luftballon draufgeklatscht. Sobald der Beton fest war, ließ man die Luft aus dem Ballon heraus, eine Art Iglu war entstanden. Die Häuser sahen aus wie die Bunker, die der stalinistische Diktator Enver Hodscha in seinem Cäsarenwahnsinn überall in Albanien hat bauen lassen, aber sie standen da wie eine Eins und waren in der Herstellung sagenhaft billig. Der Erfinder erklärte allen, seine Idee werde früher oder später die ganze Welt erobern. Häuser, die jeder Arbeiter sich leisten kann, in China, in Afrika, überall.

Die Wende kam auch in Israel um 1990 herum, zur gleichen Zeit wie in Osteuropa. Die Kibbuzim waren überschuldet. Sie hatten, wie die DDR, über ihre Verhältnisse gelebt. In den 70er Jahren kauften sie jede Menge Autos und Fernseher auf Pump oder bauten um die Wette Swimmingpools, in den 80ern brachen sie dann unter den steigenden Zinsen allmählich zusammen. Viele mussten Land verkaufen, um die Zinsen bezahlen zu können. Dadurch wurde die Landwirtschaft noch unrentabler. Der Zusammenbruch der Sowjetunion spülte eine Welle antikommunistischer Einwanderer ins Land, die über die Kibbuz-Utopisten nur lachen konnten. Vor vielen Jahren war die Idee des Sozialismus aus Russland gekommen, und nun kamen aus der gleichen Gegend ihre größten Verächter.

Ein Kibbuz nach dem anderen führt seitdem ein gestaffeltes Lohnsystem und die Arbeitsteilung ein. Sie steigen von Landwirtschaft auf Kleinindustrie oder Tourismus um, eröffnen Shoppingcenter, beschäftigen bezahlte Manager und ausländische Gastarbeiter, streichen Sozialleistungen, schließen die Kinderhäuser. Statt der Generalversammlung aller Mitglieder gibt es ein gewähltes Dorfparlament. Etliche Kibbuzmitglieder suchen sich gutbezahlte Jobs in der Stadt. Die Jugend haut ab.

In Tel Yosef bieten sie den jungen Leuten das Bauland fast gratis an. Es nützt nicht viel. Die Jungen leben lieber teuer in Tel Aviv als billig in Tel Yosef. Sie leben lieber in einer Weltstadt mit vielen Terroranschlägen als in einem relativ sicheren Dorf mit Kühen.

Nur in ein paar Kibbuzdörfern gilt immer noch das Prinzip: Gleicher Lohn für alle. Ein Gedi am Toten Meer gehört dazu, zu den letzten. Weil sie in Ein Gedi viel Geld haben. Schon vor Jahren haben sie ganz auf Tourismus gesetzt und ein Guesthouse gebaut, das gut läuft. Der Kibbuz betreibt ein eigenes Thermalbad und surft auf der Wellness-Modewelle. Aber sogar in Ein Gedi schaffen sie jetzt den Einheitslohn ab und verwandeln den Kibbuz in eine Kapitalgesellschaft.

Auch das letzte sozialistische Modell geht unwiderruflich den Bach runter. Es verschwindet leise und unauffällig. Ob dieses Ende die Beteiligten traumatisiert, so, wie es bei vielen in Osteuropa gewesen ist? Wahrscheinlich nicht. Israel hat so viele andere Probleme – da fällt das Ende der Kibbuzbewegung kaum auf.

Eine gewisse Trauer ist natürlich da.

Auf dem Weg zur Bürgermeisterin sehe ich die Häuser des Erfinders. Sie stehen noch. Er selber muss tot sein inzwischen, er war ein älterer Herr damals. Hinter den Iglus beginnt der schönere Teil von Tel Yosef. Ein Tennisplatz, ein schöner Spielplatz mit einem Riesenrad für Kinder, das Basketballfeld mit Flutlicht, das Open-Air-Kino, einige Häuser, die nach bescheidenem Wohlstand aussehen.

Die Bürgermeisterin erinnert äußerlich an Heide Simonis. Kurzes graues Haar, modische Brille, Ohrringe. Aya Schafrat hört klassische Musik aus dem Kofferradio, an der Wand hängen Drucke von Monet und Kandinsky, auf dem Boden stapeln sich Kartons. Es ist ein sehr kleines Büro. Bürgermeisterin ist nur ein Teilzeitjob. Am kommenden Sonntag feiert der Kibbuz 82-jähriges Bestehen. Die Bürgermeisterin ist erst vor ein paar Jahren hergezogen.

»Auch Strom war damals gratis. Die Leute haben den ganzen Tag das Licht brennen lassen. Als wir anfingen, Geld für den Strom zu nehmen, sank der Verbrauch innerhalb eines Monats um 50 Prozent.«

Aya Schaffrat sagt Guido-Westerwelle-Sätze: »Wenn man den Leuten alles Geld wegnimmt, hat keiner mehr Lust, Karriere zu machen.« Aber sie sieht nicht glücklich aus dabei. Bei ihr klingt es, als ob sie sagt: »Leider müssen wir alle irgendwann sterben.«

Sie ist eigentlich eine Linke. Sie schimpft auf die rechte Regierung. Ich frage sie: »Wann hat der Sozialismus gegen den Kapitalismus verloren, was war der entscheidende Moment?« Die Bürgermeisterin antwortet, ohne eine Sekunde zu zögern, so, als ob sie sich diese Frage täglich stellt: »Als Stalin Nachfolger von Lenin wurde.«

Später sagt sie noch: »Wir haben das Land für die Käsefabrik zu billig verkauft. Das war der größte Fehler.«

Eines Tages wird man vielleicht ein neues Tel Yosef bauen. Ein Dorf für den neuen Menschen. Irgendwo. Dann wird man es mit der Käsefabrik richtig machen. Vielleicht lag es wirklich nur an dieser einen Sache. Andererseits: Das Thermalbad hat in Ein Gedi den Einheitslohn auch nicht retten können.

Und die Häuser des Erfinders? Die stehen noch. Wie eine Eins. Es scheinen Leute darin zu wohnen.

Ich frage: »Lässt sich daraus nicht ökonomisch etwas machen?« Die Bürgermeisterin lacht. »In den Häusern ist es nicht auszuhalten. Die Hitze. Und dann, wo stellt man die Möbel hin? In einem runden Haus? Ich begreife die Leute nicht, die dort wohnen. Verrückte gibt es immer und überall.«

Wir überlegen, wie der Erfinder hieß, aber kommen beide nicht darauf. Es ist einfach zu lange her.

Verteidigung der Ausländerfeinde

Jeder Angeklagte, auch der unangenehmste, hat das Recht auf einen Verteidiger. Das verlangt unser demokratisches System. Ich bin in diesem Text der Pflichtverteidiger des Ausländerfeindes. Ich bin nicht sein Komplize. Ich behaupte nicht seine Unschuld. Ich versuche nur, ihn zu verstehen.

Meine Mandanten, die Ausländerfeinde, sind keine Monster. Sie sind wie du und ich. Ich weiß, das wollen Sie nicht hören. Sie finden meine Mandanten ekelhaft. Ja, gib den Leuten ein bisschen Bildung und Wohlstand, und du machst angenehmere Zeitgenossen aus ihnen. Leider funktioniert unser Bildungssystem zurzeit ziemlich schlecht, und unser Sozialstaat wird heruntergefahren. Es heißt, die Leute sollen sich selber helfen. Eigenverantwortung. Mut zum Risiko.

Wissen Sie, wer diese neuen Leitwerte unserer Gesellschaft perfekt verkörpert? Die Eigenverantwortung und den Mut zum Risiko? Es sind die Leute, die irgendwo in Afrika oder Asien aufbrechen in Richtung Deutschland, um hier ihr Glück zu suchen. Sie nehmen ihr Schicksal in die eigene Hand, rufen nicht nach dem Staat, ergreifen die Initiative. Sie riskieren ihr Leben in überfüllten Booten oder in Lastwagen, für eine bessere Zukunft.

Die sogenannten Migranten sind die wahren Helden der Marktwirtschaft. Jeder von ihnen ist eine Ich-AG, sozusagen ein Mensch gewordenes FDP-Programm, mutig, ideenreich, dynamisch. Sie halten sich nicht an die Gesetze, die wir, die Starken, zu unserem eigenen Schutz gemacht haben, und sie überwinden alle Widerstände, genauso wie die frühen Kapitalisten oder die Konquistadoren.

Ausländerfeindlichkeit ist relativ lange in fast allen Weltgegenden eine normale Sache gewesen. Die Menschen haben alles Fremde und Ungewohnte mit misstrauischen Augen betrachtet, erst recht, wenn es auf zwei Beinen daherkam. Misstrauen schlägt schnell in Feindschaft um. Die Menschen waren fremdenfeindlich nicht etwa, weil sie böse oder aggressiv waren. Sie waren es teils aus Erfahrung, teils, weil eine innere Stimme sie warnte. Fremde, vor allem Fremde, die in größerer Zahl auftauchten, bedeuteten meistens Gefahr. Es waren fremde Heere, fremde Siedler, Missionare eines fremden Glaubens. Fast jeder wollte den Einheimischen etwas wegnehmen – das Land, die Freiheit, den Glauben. Harmlos schien eigentlich nur der Händler zu sein, aber auch da konnte man sich irren.

Erst, als der Händler zum Herrscher der Welt wurde und das Gesetz die Schwachen vor den Starken schützte, änderten sich die Dinge. Man sah den Fremden mit neuen Augen an. Plötzlich war er Arbeitskraft oder Kunde.

Einiges spricht dafür, dass es in der Evolution eine Prämie für die Misstrauischen, Fremdenfeindlichen gab. Vertrauen, Freundlichkeit, Offenheit, dies alles ist ziemlich lange lebensgefährlich gewesen und ist es zum Teil heute noch. Andererseits gab es auch eine Prämie für Neugierde. Je intelligenter ein Lebewesen ist, desto stärker ist es am Neuen interessiert und desto leichter lernt es. Kleine Kinder laufen vor Fremden weg, verstecken sich hinter den Eltern, aber schauen sich die Fremden mit großen Augen genau an.

Dieser Zwiespalt macht offenbar unsere Gattung aus, immer schwankt sie zwischen der Angst vor dem Fremden und der Faszination durch das Fremde.

Der Philosoph Jean Baudrillard schreibt in »Die Transparenz des Bösen« über das heutige Verhältnis zum Fremden: »Wir« – damit meint er die aufgeklärten Europäer von heute – »können nichts Böses mehr sagen. Wir können nur mehr den Diskurs der Menschenrechte anstimmen – fromme Werte, die auf dem aufklärerischen Glauben an die natürliche Attraktion des Guten beruhen. Die Menschenrechte sind die einzige gegenwärtig verfügbare Ideologie.«

Unser Humanismus, auf den wir so stolz sind, wäre also nur eine Ideologie? Eine Idee, die man sich von der Welt macht, weil sie einem gerade gut in den Kram passt?

Bekanntlich stehen wir, die liberalen Europäer, an unseren Grenzen und weisen die mutigen, eigenverantwortlichen Heerscharen aus Afrika und Asien, die wahren Helden der Marktwirtschaft, streng zurück. Im Extremfall darf von der Schusswaffe Gebrauch gemacht werden. Im Grunde tun wir das Gleiche wie unsere Vorfahren, wenn sie sich mit der Keule vor ihre Höhle stellten, um das erlegte Mammut gegen den Nachbarclan zu verteidigen. Oder wie die Inkas, als sie sich gegen die spanischen Eindringlinge verteidigt haben. Wenn unser Humanismus wirklich mehr wäre als eine Ideologie, wenn wir echte nächstenliebende Christen im Geiste des heiligen Martin wären, solidarische Sozialdemokraten oder liberale Liberale, Leute also, die an ihre eigenen Prinzipien zumindest ansatzweise glauben, dann müssten wir diese Fremden natürlich zu uns hereinlassen.

Ich bin übrigens auch dagegen.

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