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Romantische Küsse in der Provence

1. KAPITEL

Schuld an allem war Paris.

Das prächtige, elegante, gleichzeitig schamlose und grelle, verführerische Paris …

Metropole der Liebenden, der Romantik. Die Stadt, deren Zauber sich niemand entziehen konnte, die die Sinne verwirrte und das Blut in Wallung brachte, die alle Vorsicht vergessen ließ.

Und Paris am Nationalfeiertag, am Jahrestag des „Sturms auf die Bastille“, forderte seine Besucher dazu heraus, alle Konventionen abzuschütteln, liberal, kühn und wagemutig zu sein. Der Geist der Revolution lag in der Luft, die ganze Stadt bebte vor Euphorie, und die tropisch anmutenden Temperaturen verliehen der Festtagsstimmung eine exotische Note. Touristen und Einheimische gleichermaßen verstopften die Straßen und feierten bis tief in die schwüle Nacht. Alle Hemmungen abzulegen und sich von der leidenschaftlichen Stimmung mitreißen zu lassen gehörte einfach dazu.

O ja, ganz gewiss, Paris war schuld! Wie hätte eine einsame, unerfahrene Reisende aus Neuseeland – eine Kiwi, wie die Neuseeländer sich selbst nannten – nicht auf die raffinierten Tricks der verführerischsten Stadt der Welt hereinfallen sollen?

Langsam zog Veronica Bell die französischen Türen auf, die das Schlafzimmer vom Rest des kleinen Apartments trennten, und überquerte auf Zehenspitzen den Fußboden aus blank polierten Eichendielen. Ihre Riemchensandalen und den hauchdünnen Häkelschal hielt sie fest an die Brust gedrückt. Mit knapp einem Meter achtzig Körpergröße und üppigen Proportionen gesegnet, fiel es ihr nicht gerade leicht, heimlich zu verschwinden. Sie hielt kurz inne, um sich zu orientieren, und bemerkte schockiert, dass ihre Handtasche nicht mehr da war, wo sie sie gelassen hatte.

Oder eher, wo sie vermutete, diese abgelegt zu haben.

Denn zugegebenermaßen verdrängte der überwältigende Höhepunkt ihrer letzten Nacht in der französischen Hauptstadt fast alles andere aus ihrer Erinnerung. Sie strich sich die vom Schlaf zerzausten Haare aus dem Gesicht und kämpfte gegen die Panik an, die sie beim Gedanken an das Risiko, das sie auf sich genommen hatte, befiel.

Zunächst musste sie sich auf das dringendste Problem konzentrieren – einen würdevollen Abgang.

Die Dämmerung brach eben an, erste blasse Strahlen Morgenlicht drangen durch die schweren cremefarbenen Vorhänge vor den Doppelfenstern, die zur Straße hinausgingen. Veronica fürchtete schon, das Licht einschalten zu müssen, als sie ein verräterisches Glitzern auf dem dicken zottigen Teppich bemerkte. Sie bückte sich und fand die schwarze Paillettentasche, die von der Armlehne der niedrigen Couch gerutscht war und halb verdeckt hinter deren klobigem Fuß lag.

Ängstlich tastete sie nach Pass und Geldtasche. Alles vorhanden, Gott sei Dank! Nun musste sie weder einem zynischen gendarme erklären, auf welche Weise sie sämtliche Reiseunterlagen und ihr Geld verloren hatte, noch einem hämisch grinsenden Beamten der neuseeländischen Botschaft.

Sie erhob sich und legte schleichend die letzten Meter bis zur Wohnungstür zurück.

Ein Rascheln hinter ihr, dann ein leises kehliges Knurren wie von einem Raubtier ließen sie erstarren.

Erschrocken blickte sie zurück.

Die französischen Türen standen noch halb offen, und ein langer blassgelber Lichtstrahl fiel durch den nicht ganz zugezogenen Vorhang auf den Verursacher des Geräusches. Veronica konnte das Doppelbett und darauf den großen sonnengebräunten Mann sehen. Fasziniert beobachtete sie, wie er im Schlaf die Laken von den wohlgeformten muskulösen Gliedmaßen abstreifte. Die breiten Schultern, die Arme mit ausgeprägtem Bizeps und der durchtrainierte Körper glänzten vor Schweiß. Kein Wunder, das Apartment hatte keine Klimaanlage, und es war drückend heiß. Wobei ihr das Wort „heiß“ auch noch aus einem anderen Grund in den Sinn kam.

Nackt sieht er wirklich großartig aus, staunte sie, sogar besser als in der schicken legeren Jeans und dem weißen Designer-T-Shirt, die er am Vorabend getragen hatte.

Kaum zu glauben, dass es ihr gelungen war, mit einem solchen Prachtexemplar von Mann eine kurze romantische Liebesaffäre in Paris zu haben. Allerdings hatte eher Lust die Handlung bestimmt als Liebe. Ihre frivole romantische Fantasie war unerwartet zu einem adrenalingesteuerten Abenteuer geworden – und der Held hatte ihre Erwartungen weit übertroffen!

Veronicas Puls begann zu rasen, als er den Kopf auf dem Kissen hin und her warf. Fieberhaft überlegte sie, was sie ihm sagen könnte, falls er erwachte. Etwas Unbekümmertes, Witziges, in der Art, wie sie sich ihm gestern präsentiert hatte – aber was nur?

Dummerweise war ihr von der Forschheit der letzten Nacht nichts geblieben. Eigentlich hatte sie nicht einschlafen wollen. In ihren Träumen war die unangenehme Situation des „Morgens danach“ nie vorgekommen.

Seine Unruhe war jedoch nur Vorspiel zu einer Drehung des eindrucksvollen Körpers, und so beruhigte sie sich schnell wieder. Er zog das Kissen, auf dem noch der Abdruck ihres Kopfes zu sehen war, an die Brust. Dichtes seidig schwarzes Haar reichte ihm fast bis zu den Schultern. Nun lag er wieder ruhig da, wie ein zufriedener Löwe, satt und unangreifbar.

Der Vergleich mit einem Tier ließ sie erröten. Eines Tages, wenn sie alt und grau wäre, würde sie sich glücklich an dieses Abenteuer erinnern. Oder vielleicht sogar schon, wenn sie in einem Monat zurück im winterlich kühlen Auckland war. Denn heute Nacht hatte sie bewiesen, dass sie den Mut und die Kühnheit besaß, ihre Träume zu verwirklichen.

Schnell huschte sie zu der verriegelten Tür und verzog erschrocken das Gesicht, als der schwere Schieber beim Öffnen ein metallisches Geräusch von sich gab.

Ein letzter Blick zurück über die Schulter brannte in ihr Gedächtnis das Bild eines wohlgeformten männlichen Pos, von einem Wirrwarr aus Laken erotisch umrahmt.

So abgelenkt, ließ sie die schwere Tür zu früh los, die mit lautem Krachen zuschlug. Der Lärm hallte noch lange durch das leere Treppenhaus und wirkte auf ihre angespannten Nerven wie ein Überschallknall. In Panik stürmte sie die Holzstufen hinunter. Auf dem zweiten Treppenabsatz angekommen, wühlte sie blind in ihrer Handtasche und fand wunderbarerweise sofort den kleinen Wohnungsschlüssel, doch ihre Hände zitterten so heftig, dass sie Mühe hatte, ihn ins Schloss zu schieben. Leise fluchend lauschte sie ängstlich, ob ihr von oben Schritte folgten.

Er sollte besser nicht herausfinden, wo sie wohnte. Zwar hatte sie am Vorabend erwähnt, dass ihr Quartier ebenfalls im Marais lag, doch er hatte keine Ahnung, dass sie direkt vor seiner Nase logierte.

Sie hatte sich insgeheim königlich amüsiert, als er sie in den frühen Morgenstunden zu seiner Wohnung geführt hatte und sie das anmutige alte Haus in der historischen Rue de Birague als ihr eigenes Domizil erkannte. Doch glücklicherweise hatte ein winziger Rest von Verstand sie davon abgehalten, mit ihrem Geheimnis herauszuplatzen.

Schnell trat sie in das kleine Apartment, zog die Tür hinter sich zu und lehnte sich dagegen. Erleichtert über ihre gelungene Flucht unterdrückte sie ein hysterisches Kichern und griff gedankenlos nach dem kleinen neuseeländischen Jadeanhänger in Form eines stilisierten Angelhakens der Maori, den sie immer an einer Kette um den Hals trug. Doch er war nicht mehr da. Erschrocken wurde ihr bewusst, dass er sich noch in seiner Wohnung befinden musste und damit für sie für immer verloren war. Denn sie konnte auf keinen Fall zurückgehen, um ihn zu holen!

In den letzten Tagen hatte sie vieles zum ersten Mal erlebt: ihren ersten Flug, den ersten Besuch in London, zum ersten Mal allein und krank in Frankreich, einem Land, dessen Sprache sie nicht beherrschte …

Zum ersten Mal neben einem äußerst attraktiven Fremden aufgewacht.

„Keine nachträglichen Skrupel“ hatte sie sich in der Hitze der Leidenschaft geschworen, und so schob sie den beunruhigenden Gedanken beiseite.

Außerdem war er nicht wirklich ein Fremder gewesen. Denn trotz der Sprachbarriere war es ihnen gelungen, miteinander zu kommunizieren.

Lucien.

Luc.

Ihr träumerischer Blick fiel auf die Uhr an der Mikrowelle in der Kochnische, und sie schrie erschrocken auf, als ein Vergleich mit der Armbanduhr an ihrem blassen Handgelenk die Angabe bestätigte.

In größter Eile wirbelte sie durch das Einzimmerapartment, sammelte ihre Besitztümer ein und warf sie in den offenen Koffer, der auf dem Fußboden stand. Es blieb ihr noch nicht einmal Zeit für eine schnelle Dusche, und so tauschte sie lediglich Rock und Top gegen dunkelblaue Cargoshorts und ein gelbes Rippshirt. Beim Blick in den Badezimmerspiegel, der für sie viel zu niedrig angebracht war, seufzte sie entnervt auf. Mit Papiertuch und Gesichtsreiniger entfernte sie das fleckige Make-up vom Vorabend, durch das schon etliche Sommersprossen hindurchschimmerten, und trug in Windeseile Feuchtigkeitscreme und Lippenstift auf. Dann glättete sie mit schnellen, schmerzhaften Bürstenstrichen ihr völlig zerzaustes Haar und fasste es zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammen, der ihr bis auf die Schultern reichte. Zuletzt packte sie noch den Kulturbeutel ein, ergriff ihr Gepäck und verließ im Sturmschritt die Wohnung.

Nur eine gute Stunde später hastete sie zu einer der Bahnsteigsperren am Gare de Lyon, um den ersten TGV-Schnellzug des Tages nach Avignon zu erwischen, der in wenigen Minuten abfahren sollte. Die Umhängetasche lastete schwer auf ihrer Schulter, als sie dem Kontrolleur die Fahrkarte vorwies.

So schlecht, wie der Morgen begonnen hatte, ging der Tag weiter: Ihr Abteil lag fast am Anfang des besonders langen Zuges. Den schweren Trolley polternd hinter sich her ziehend, musste sie ihren ohnehin schon raschen Schritt beschleunigen, um es rechtzeitig zu erreichen.

Anscheinend hatte die jeden Sommer stattfindende Flucht der Pariser aus ihrer Stadt schon begonnen, denn der Zug war zum Bersten voll. Sie fand nur mit Mühe Stauraum für ihr Gepäck, ließ sich dann völlig erschöpft auf ihren reservierten Platz sinken, lehnte den heißen Kopf an die kühle Fensterscheibe und schloss die Augen.

Als sie sie wieder öffnete, sah sie die letzten Nachzügler zu den vordersten Abteilen eilen. Ein Mann trug einen Laptop und wurde von einem Gepäckträger begleitet, der seine Koffer auf einem Wägelchen transportierte. Das ist sicher ein Passagier der ersten Klasse, schloss sie, denn alle anderen kümmerten sich selbst um ihr Gepäck.

Der stämmige Träger hatte Mühe, mit seinem Begleiter Schritt zu halten, obwohl der hochgewachsene Mann scheinbar lässig daherschlenderte. Ein weißer Panamahut mit nach unten gebogener Krempe verbarg sein Gesicht fast völlig. Veronicas Herz schlug schneller, als sie einen schwarzen Pferdeschwanz, der fast vom lässig aufgestellten Kragen seines Hemdes verborgen wurde, und die stolze Haltung bemerkte.

Nein. Nein, das konnte er nicht sein, unmöglich!

In Paris gab es Millionen dunkelhaariger Männer, und etliche von ihnen trugen das Haar so lang, dass sie es zum Pferdeschwanz binden konnten.

Den Blick fest auf seinen Hinterkopf gerichtet, beugte sie sich vor, doch er sah weiter geradeaus, und sein Profil blieb ihr verborgen.

Sie ließ den Blick schweifen: über das olivgrüne Hemd, den Bund seiner Jeans bis zu seinem Po, der von der ausgeblichenen Jeans eng umspannt wurde.

Wie absurd zu denken, dass ausgerechnet er es wäre!

Plötzlich wandte er sich um und stieg in den Zug ein. Sie erhaschte einen kurzen Blick auf eine Adlernase und unrasierte Wangen, dann war er außer Sicht.

Veronica ließ sich schnell nach hinten sinken, sodass ihr Kopf nicht mehr durch das Fenster zu sehen war. Natürlich verstecke ich mich nicht, ich mache es mir nur gemütlich, redete sie sich ein.

Dort draußen, das war nicht Lucien. Er ähnelte ihm nur, den Rest hatte ihr schlechtes Gewissen ihr vorgegaukelt.

Langsam fuhr der Zug aus dem Bahnhof, und sie richtete sich wieder auf, um aus dem Fenster sehen zu können. Dies war das Land, das sie kennenlernen wollte, und sie beabsichtigte, jeden Moment ihrer Fahrt nach Avignon zu genießen.

Wie schön wäre es, wenn ich jemanden hätte, mit dem ich meine Eindrücke während der Reise austauschen könnte, dachte Veronica, als der Zug durch die abwechslungsreiche Landschaft nach Süden glitt. Nachdenklich sah sie auf den leeren Platz neben ihrem. Wenn Karen wie geplant mitgekommen wäre, hätten sie sich königlich darüber amüsiert, dass sie den Zug beinahe verpasst hätte. Ein bisschen wütend war sie schon noch, dass die jüngere Schwester ihre gemeinsamen Urlaubspläne umgestoßen hatte.

Vor einer Woche war Veronica von Auckland kommend in Heathrow gelandet und hatte fest damit gerechnet, dass Karen sie mit einer herzlichen Umarmung und aufregenden Plänen für ein Wochenende in London begrüßen würde. Daran anschließend wollten sie gemeinsam den Eurostar nach Paris besteigen und ihren Urlaub in Frankreich antreten.

Stattdessen hatte sie nach vierzig Minuten ängstlichen Wartens eine SMS an ihre Schwester gesandt und als Antwort ein kurzes „Sorry, nimm ein Taxi, Erklärung später“ erhalten.

Die Ausrede muss wirklich gut sein, grollte Veronica, die von den Strapazen des sechsundzwanzigstündigen Flugs völlig erledigt war. Dann nahm sie ihre letzten Kräfte zusammen und machte sich, mit Rücksicht auf ihr beschränktes Reisebudget, mit der U-Bahn auf den Weg nach Kensington zu der Wohnung von Karens Arbeitgeberin, die am Vortag selbst in die Ferien aufgebrochen war und ihrer Assistentin das Apartment bis zum Auslaufen des Mietvertrags überlassen hatte.

Alle Mühen waren vergessen, als Karen die Wohnungstür aufriss und Veronica endlich fest in die Arme schloss. Mit einer Tasse Tee versorgt, tauschten die beiden Neuigkeiten über die Familie, Freunde und Bekannte aus.

Ein ganzes Jahr war seit ihrem letzten Treffen vergangen, und so musterte Veronica die Schwester gründlich. Obwohl sie gleich groß waren, hatte sich Veronica mit ihren üppigen Formen neben Karen immer wie eine unbeholfene Riesin gefühlt. Die superschlanke jüngere Schwester war geschmeidig und anmutig, ihr Teint makellos, und das blonde Haar fiel wie ein glänzender Wasserfall fast bis zu ihrer Taille herab. Ihr Gesicht, ein perfektes Oval, hätte einem Gemälde von Modigliani entsprungen sein können. Schön geschwungene Augenbrauen und hohe Wangenknochen verliehen ihr einen leicht hochnäsigen Ausdruck, doch sobald sie lächelte, sah sie aus wie ein wunderschöner Schelm. Für dieses Lächeln verzieh man ihr viel. Kein Wunder, dass sie ein bisschen verwöhnt und leichtfertig geworden war.

Das Ausmaß ihrer Gedankenlosigkeit zeigte sich kurz darauf, als Karen endlich ihr Fernbleiben vom Flughafen erklärte.

„Auf die Bahamas?“ Veronica war wie vom Donner gerührt. „Am Sonntag? Aber das ist der Tag vor unserer Abreise nach Paris!“

„Ich weiß, ich hätte es dir früher sagen sollen, doch es ist erst seit ein paar Tagen sicher. Und du hattest ja alles im Voraus bezahlt und warst praktisch schon unterwegs … aber ist das nicht fantastisch?“, schwärmte sie, als ob ihre Begeisterung den Schock der Schwester mildern könnte.

„Ich hatte keine Ahnung, dass du als Model arbeiten willst“, gab Veronica dumpf zurück. Vor Enttäuschung war ihr übel, und ihr Kopf fühlte sich an, als würde er gleich platzen.

Jetzt sprudelte alles aus Karen heraus. „Ein Agent hat mir geraten, das Modeln auszuprobieren, also habe ich ein Portfolio machen lassen und an meinen freien Tagen sogar schon ein paar kleinere Jobs gehabt. Dann wurde ich von einem Magazin für eine ganze Fotostrecke auf den Bahamas gebucht, weil das geplante Mädchen erkrankt ist. Das ist meine Chance! Weißt du, wie schwer es ist, in London den Durchbruch als Model zu schaffen?“

„Aber du hast doch schon eine Stelle“, warf Veronica ein.

Seit ihrem achtzehnten Lebensjahr arbeitete Karen bei der international bekannten neuseeländischen Autorin Melanie Reed, die Koch- und Lifestylebücher schrieb.

Zunächst hütete sie als Nanny deren jüngste Tochter Sophie. Als diese aufs Internat kam, wurde sie zur persönlichen Assistentin ernannt und blieb bei der Familie Reed wohnen. Melanie und ihr Mann besaßen ein großzügiges Anwesen in Auckland, reisten aber viel und hatten die letzten beiden Monate in London verbracht, wo Melanie einen Vertrag für ein neues Buch aushandelte und Recherchen und TV-Aufnahmen machte.

Anschließend war ein vierwöchiger Familienurlaub in Südfrankreich geplant. Als die Reeds hörten, dass Karen mit ihrer Schwester gemeinsam Ferien machen wollte, hatten sie den beiden ihr kleines Apartment in Paris und eine Lodge auf dem Gelände ihrer Villa in der Provence zur kostenlosen Benutzung angeboten.

„Ich dachte, du arbeitest gerne für Melanie“, fügte Veronica in Gedanken an die vielen Vergünstigungen und Vorteile hinzu, die diese Tätigkeit Karen brachte.

„Das stimmt schon, aber nicht für den Rest meines Lebens“, erklärte ihre Schwester. „So clever wie du bin ich zwar nicht, doch ich weiß, dass ich modeln kann. Ich könnte sogar ein echtes Topmodel werden und richtig viel verdienen! Und ich mache nichts hinter Melanies Rücken, sie ist mit allem einverstanden. Du willst doch nicht, dass ich meine große Chance verpasse, oder?“ Sie ließ die Schultern hängen und verzog traurig das Gesicht.

Bei dieser dummen Bemerkung verdrehte Veronica mit gespieltem Entsetzen die Augen. Natürlich würde sie Karen nicht im Weg stehen, das wusste diese genau.

„Du wolltest doch, dass wir zusammen Urlaub machen.“ Sie dachte an die aufregenden Wochen hektischen Organisierens, die einem nächtlichen Telefonat mit ihrer kleinen Schwester gefolgt waren.

„Ja, aber du hattest die Idee, du wolltest, dass ich dich überzeuge. Und als von Frankreich die Rede war, warst du nicht mehr zu bremsen. Du wolltest Ideen und Kontakte für dein Geschenke-Geschäft sammeln. Außerdem hattest du noch einen ziemlich guten Grund, Neuseeland zu verlassen, wenn ich mich recht erinnere.“

„Das ist doch jetzt unwichtig.“ Das Geschenke-Geschäft, das Karen so leichtfertig abtat, war die Firma Out Of The Box, die sie gerade aufbaute, ein Geschenke-Service für Firmen und Privatpersonen. Und der andere Grund war ihre geplatzte Verlobung, vielmehr ihr Exverlobter.

Dann kam ihr ein anderer Gedanke. „Was ist mit unseren Reservierungen?“

Doch auch daran hatte Karen gedacht. Alles war im Voraus bezahlt, deshalb sollte Veronica einfach an den Plänen festhalten, für fünf Tage nach Paris fahren, dann in die Provence. Sie selbst konnte die Verluste verschmerzen, da das Modeln ihr ein gutes Honorar einbrachte. Und sie würde von den Bahamas direkt nach Marseille fliegen und in der Provence zu ihrer Schwester stoßen.

Auch Veronicas Bedenken, sich den Reeds aufzudrängen, konnte sie zerstreuen. „Sie erwarten dich schon. Du wohnst ja auch nicht in der Villa, sondern im Gästehaus. Melanie, Miles und den größten Teil der Familie kennst du schon, es wird alles ganz locker zugehen. Mel mag dich wirklich gerne. Sie sieht in dir eine Seelenverwandte, weil du auf der Biofarm von Mum und Dad arbeitest.“

„Trotzdem fühle ich mich wie ein Schnorrer. Vielleicht sollte ich ihr Bezahlung anbieten …“

„Na ja“, sagte Karen lammfromm, was sofort Veronicas Verdacht erregte. „Du könntest ihr vielleicht schon etwas bieten, was sie mehr schätzen würde als Geld.“

Wie sich herausstellte, hatte Melanie sich am Tag ihrer Ankunft in der Provence den rechten Ellbogen gebrochen und musste die nächsten vier bis sechs Wochen den Arm in einer Schlinge tragen. Daraufhin hatte sie Karen angerufen und gewarnt, dass sie während der Ferien etwas Hilfe gebrauchen würde. Karen schlug vor, dass in ihrer Abwesenheit Veronica die gewünschten Arbeiten übernehmen und sich so für die Großzügigkeit der Reeds bedanken könnte. Es würde sich nur um gelegentliche Besorgungen oder ein paar Schreibarbeiten handeln, bei denen sie nicht ins Schwitzen geriet.

Geschwitzt hatte sie dann trotzdem. Noch in London begann, was sie als Anfall von extremem Jetlag vermutet und mit viel Schlaf bekämpft hatte. Auf der Fahrt durch den Kanaltunnel hatte sie sich ganz elend gefühlt, und der Notarzt, den sie in Paris voll Panik in die Rue de Birague hatte kommen lassen, hatte eine heftige Grippe diagnostiziert. Die ersten zwei Tage in Paris hatte sie allein und voll Selbstmitleid im Bett verbracht.

Kein Wunder, dass sie außer Rand und Band war, als es ihr endlich wieder besser ging und sie diesen aufregenden Franzosen kennenlernte …

2. KAPITEL

Da ist der attraktive dunkelhaarige Franzose wieder, dachte Veronica und spähte vom offenen Fenster ihrer Wohnung aus hinter dem Vorhang hervor, hinüber zu der Bar auf der anderen Straßenseite.

Er würde sie nicht bemerken. Fast jeden Tag saß er am selben Tisch an der Wand, direkt hinter den offenen Glastüren der urigen Kneipe. Den Rücken wandte er dem Bürgersteig zu, der teilweise von einer grünen Stoffmarkise überdacht war. Über dem weißen Hemdkragen hing ein ordentlicher schwarzer Pferdeschwanz, vor ihm stand ein halb volles Glas Bier, und er schenkte seine Aufmerksamkeit abwechselnd der Zeitung und einer attraktiven Brünetten.

Wie um diese Tageszeit üblich, herrschte noch kaum Betrieb. Erst nach Einbruch der Dunkelheit drängten sich die Gäste an der Bar und laute lateinamerikanische Musik erklang, bis pünktlich um Mitternacht alle Besucher verabschiedet und die Läden geschlossen wurden – sehr zu Veronicas Erleichterung, denn in der engen Straße drangen alle Geräusche laut zu ihrer Wohnung herauf. Bei geschlossenen Fenstern wurde es in dem Apartment unerträglich heiß, was besonders lästig war, wenn man über achtunddreißig Grad Fieber hatte.

Die Grippe hatte sie zwei Tage lang an die Wohnung gefesselt, abgesehen von kurzen Abstechern zur Apotheke und dem kleinen Lebensmittelladen um die Ecke.

Am dritten Tag hatte sie vorsichtig einen Ausflug gewagt, um ihre Kräfte zu testen, und bei ihrer Rückkehr den sexy Fremden zum ersten Mal gesehen. Er hatte in der Zeitung geblättert, einen Kaffee vor sich, in der Brusttasche seines Hemdes eine coole Sonnenbrille.

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