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Romantische Kamingeschichten – Winterkollektion

Inhalt

  1. Cover
  2. Über diese Folge
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Adventszeit ist Kuschelzeit
  7. Hör auf dein Herz
  8. Dezembernacht mit einem Engel
  9. Die Winterbraut
  10. In der nächsten Folge

Über diese Folgen

„Adventszeit ist Kuschelzeit“ von Lotta Carlsen

Wenn draußen dicke Schneeflocken vom Himmel rieseln, ist es im Hotel Deichhof auf Sylt besonders gemütlich. Im Kamin lodert ein Feuer, und Plätzchenduft erfüllt die Räume. Auch Tanja, die bislang mit der Adventszeit nur traurige Erinnerungen hat, spürt plötzlich diesen einmaligen Zauber, der Herzen öffnet und Wünsche weckt …

 

„Hör auf dein Herz“ von Katharina Martin

Dankbar schmiegt sich Julia in die Arme des Lehrers Matthias Reitner. Die Klänge der romantischen Musik und die Wärme seiner Haut lassen ihr Herz schneller schlagen. Matthias ist wie ein rettender Engel in ihr Leben getreten, als sie – ungewollt schwanger und sitzengelassen von ihrem Freund – nicht mehr ein noch aus wusste. Doch jetzt scheint alles gut zu werden – bis die Schulleitung des Gymnasiums Wind der von der Affäre des Lehrers mit der Abiturientin bekommt …

 

„Dezembernacht mit einem Engel“ von Anne Grafenau

Das weiße Gewand umschmeichelt ihren Körper, und die goldenen Flügel rascheln verheißungsvoll, als dieser blond gelockte Engel über die Brücke auf ihn zukommt. Richard Lindberg blinzelt verwirrt – doch die zauberhafte Gestalt ist Realität! Nun steht sie genau vor ihm, schenkt ihm ein Lächeln und berührt seinen Arm. Aber genauso plötzlich, wie sie erschienen ist, verschwindet die rätselhafte Fremde auch wieder aus seinem Leben – gerade so, als hätten ihre Engelsflügel sie davongetragen …

 

„Die Winterbraut“ von Sibylle Simon

Mitten auf der schneebedeckten, einsamen Landstraße stoppt – scheinbar ohne ersichtlichen Grund – eine cremefarbene Limousine. Im nächsten Moment wird die hintere Wagentür aufgestoßen, und eine junge Frau steigt aus. Nur kurz sieht sie sich um, dann rennt sie davon – im weißen Brautkleid …

 

Über die Autorinnen

Lotta Carlsen

Reisen, die Welt kennenlernen und Menschen begegnen – wann immer es zeitlich möglich ist, packt Lotta Carlsen ihren Koffer und macht sich auf den Weg, um neue Länder zu entdecken. So hat sie schon viel gesehen, viel erlebt – und kann viel erzählen.

 

Katharina Martin

Im Leben gibt es immer eine zweite Chance … Katharina Martin selbst hat diese Erfahrung gemacht, und darüber schreibt sie auch sehr lebensnah in ihren packenden Liebesromanen. Es geht um die Momente des Scheiterns und des Aufstehens, um die Zeit der Tränen und die Zeit des Glücks.

 

Anne Grafenau

Nach ihrem Germanistik-Studium hat sie einige Jahre als Lektorin im Verlag gearbeitet, bevor sie die Seiten gewechselt hat und Autorin wurde. Vor einem Jahr ist sie von Bayern an die Ostsee gezogen. Der Grund? Na klar – die Liebe!

 

Sibylle Simon

Auf einem herrlichen Gut in Schleswig-Holstein ist die Autorin zu Hause. Es ist die Weite der Landschaft, die sie am meisten begeistert. „Ich brauche Ruhe zum Schreiben“, sagt sie, „und die finde ich hier.“ In den Wintermonaten kuschelt sie abends mit ihrem Mann vor dem Kamin. „Das Feuer geht bei uns nie aus“, verrät sie und fügt zwinkernd hinzu: „Und das nach siebzehn Ehejahren.“

Lotta Carlsen — Katharina Martin — Anne Grafenau — Sibylle Simon

Romantische Kamingeschichten

 

 

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Adventszeit ist Kuschelzeit

Lotta Carlsen

Mit Weihnachten hat die junge Altenpflegerin Tanja nichts mehr im Sinn: Alles schwärmt vom Fest der Liebe, doch vor einem Jahr erfuhr Tanja ausgerechnet in der Adventszeit die schmerzhafteste Enttäuschung ihres Lebens: Ihr geliebter Patrick verließ sie wegen einer anderen Frau.

Am liebsten möchte sich Tanja den gesamten Dezember über verkriechen, doch da tritt „Oma Hertha“, der gute Geist des Seniorenwohnheims, in dem sie arbeitet, mit einer Bitte an sie heran: Noch einmal möchte Hertha auf die Insel Sylt reisen, wo sie einst die glücklichste Zeit ihres Lebens verbrachte. Da sie sich die Reise allein nicht zutraut, bittet sie Tanja um ihre Begleitung. Seufzend willigt Tanja ein. Sie bringt es einfach nicht übers Herz, der liebenswerten alten Dame ihren Wunsch abzuschlagen …

So sehr Tanja sich gegen die Weihnachtsstimmung wehrt, dem Zauber der verschneiten Insel und der heimeligen Wärme am Kamin des Hotel Deichhof kann sie nicht lange widerstehen  – genauso wenig wie dem gut aussehenden Sportlehrer Vincent, der gemeinsam mit seinem Großvater zu Besuch bei Lars und Maike Peters ist …

„Jetzt habe ich aber langsam genug“, schimpfte Tanja Ebert, als sie die gläserne Vordertür des Seniorenwohnheims, in dem sie als Altenpflegerin tätig war, aufschob und um ein Haar über die gigantische Weihnachtsdekoration gestolpert wäre. „Kann man eigentlich nirgendwo mehr hinschauen, ohne dass einem ein Mann im roten Mantel entgegenwinkt?“

„Och, mir wäre so ein winkender Mann eigentlich ganz recht.“ Ihre Freundin und Kollegin Birte kicherte. „Besonders, wenn er einen Sack voll Geschenke mitbringt – nur gar so alt bräuchte er nicht zu sein.“

Sie zupfte dem fast lebensgroßen Plastikweihnachtsmann, der zur Freude der Heimbewohner in der Eingangshalle stand, am Bart.

„Aber ich fürchte, mein Rainer hätte da entschieden etwas dagegen. Stell dir vor, womit dieser Goldschatz von einem Mann mich gestern überrascht hat! Eine Woche Skiferien in Zermatt! Über Weihnachten. In einer romantischen Berghütte, mit Candle-Light-Dinner und allem Drum und Dran. Und verloben wollen wir uns bei der Gelegenheit dann auch gleich.“

Tanja seufzte und wünschte sich ihre beste Freundin nicht zum ersten Mal auf den Mond. Und den ganzen Weihnachtsrummel konnte sie von ihr aus gleich mitnehmen!

Dabei war es nicht so, dass Tanja Birte ihr Glück mit ihrem Freund Rainer missgönnte, und schon gar nicht missgönnte sie den alten Herrschaften, die das Wohnheim „Abendfrieden“ bewohnten, ihre Weihnachtsfreude. Im Gegenteil. Tanja liebte ihre Arbeit, sie war Altenpflegerin mit Leib und Seele, und wenn ihre Schützlinge Grund zur Freude hatten, dann freute sie sich mit.

Auch dem Weihnachtsfest, den kuscheligen Tagen bei Kaminfeuer, Zimttee und Vanillekipferln, der romantischen Zeit der Liebe, der Herzenswärme und der großen und kleinen Überraschungen hatte sie früher mit freudiger Erwartung entgegengeblickt.

Seit einem Jahr aber waren ihr die Festtage verleidet, und daran würde sich auch gewiss nie wieder etwas ändern. Vor einem Jahr nämlich war ihr eigenes Liebesglück wie eine vom Ast gefallene Christbaumkugel zerplatzt und in tausend Scherben zersprungen.

Dabei hatte sich Tanja in jenem Jahr ganz besonders auf die Adventszeit und die Feiertage gefreut. Zusammen mit ihrem Freund Patrick hatte sie endlich eine eigene Wohnung bezogen, und sie hatte sich vorgenommen, für den gemeinsamen Advent alles besonders festlich und gemütlich herzurichten und Patrick das schönste Weihnachtsfest seines Lebens zu bereiten. Insgeheim hatte sie sogar darauf gehofft, dass es ihr ergehen würde wie jetzt Birte, dass nämlich Patrick plante, ihr den ersehnten Verlobungsring als Geschenk unter den Tannenbaum zu legen.

Daran, dass Patrick ihre große Liebe war, dass sie heiraten, Kinder bekommen und eines Tages gemeinsam alt werden würden, hatte Tanja niemals gezweifelt. Der attraktive, schlaksige Versicherungskaufmann mit dem widerspenstigen Blondschopf war für sie immer der Mann ihrer Träume gewesen – einen anderen hätte sie nie im Leben angesehen.

Bereits als Vierjährige im Kindergarten waren sie und ihr Liebster einander begegnet. Während die anderen Jungen über die „doofen Mädchen“ die Nase gerümpft hatten, hatte Patrick ihr auf dem Spielplatz Gänseblümchen gepflückt und mit ihr „Braut und Bräutigam“ gespielt.

Seither waren sie unzertrennlich gewesen, durch sämtliche Schuljahre, die Ausbildung und die erste Zeit der Berufstätigkeit, in der sie für die Einrichtung einer eigenen Wohnung gespart hatten. Und ausgerechnet in dem Moment, als sie ihr Ziel erreicht hatten, war alles auf einen Schlag zu Ende gewesen!

Nie würde sie den Tag vergessen. Es war ein Freitag gewesen, der Freitag vor dem ersten Advent. Um Patrick zu überraschen und die Adventszeit durch etwas Besonderes einzuläuten, hatte sie sich den Nachmittag freigenommen. Sie hatte ein Festessen zubereiten wollen und sich von Oma Hertha, dem guten Geist von „Haus Abendfrieden“, deren Geheimrezept für Gänsekeulen Sylter Art geben lassen.

Aufgeregt wie ein Kind hatte Tanja das köstliche Essen vorbereitet, geschmückte Kiefernzweige in allen Zimmern aufgestellt und Patricks Lieblingswein in einen Dekanter aus geschliffenem Glas gefüllt, den sie ihm als Geschenk zum ersten Advent hatte überreichen wollen. Sie hatte seine Heimkehr kaum erwarten können und war ihm entgegengelaufen, sobald sie seinen Schlüssel in der Tür gehört hatte.

„Patrick, Liebling, ein schönes erstes Adventswochenende in unserem Heim!“

Dann hatte sie sein Gesicht gesehen und sofort gewusst, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war.

„Gehen wir erst mal rein, Tanny“, hatte er gemurmelt, war ihr voraus ins Wohnzimmer gegangen und achtlos über Samson, ihren dicken Perserkater, gestolpert. Die CD mit den walisischen Weihnachtsliedern hatte er ausgeschaltet. „Ich muss mit dir reden.“

Er hatte sich aufs Sofa plumpsen lassen und sich ein Glas Wein eingeschenkt, ohne den schönen Dekanter auch nur eines Blickes zu würdigen.

„Ist etwas wegen deiner Arbeit?“, fragte Tanja, die wusste, dass das Versicherungsunternehmen, bei dem Patrick angestellt war, in einer finanziellen Krise steckte. „Hast du etwa deine Stellung verloren? Ach, Liebling, das ist doch nicht das Ende der Welt. Du bist gut in deinem Job, du findest sicher im Handumdrehen etwas Neues. Und so lange leben wir eben von Luft und Liebe, dann kommen wir mit meinem Gehalt schon über die Runden.“

„Um die Arbeit geht es nicht“, hatte Patrick sie unterbrochen. „Es geht um uns.“

„Um uns?“

„Es ist wirklich nicht so, dass ich dich nicht mehr gernhätte, Tanny. Ich werde dich immer gernhaben, du bist fast wie eine Schwester für mich. Aber bei uns ist irgendwie die Luft raus, findest du nicht auch? Wir sind doch noch viel zu jung, um uns für immer und ewig zu binden, wir haben doch noch gar nichts erlebt.“

„Nichts erlebt?“, hatte Tanja benommen gefragt. „Ja, aber wir waren uns doch einig, dass wir erst einmal für die Wohnung sparen wollten. Im nächsten Jahr machen wir dann die große Reise, von der du geträumt hast, und dann …“

„Mein Gott, ich spreche doch nicht von irgendwelchen Reisen.“ Patrick hatte geklungen, als ginge ihm Tanja auf die Nerven. „Also um die Sache abzukürzen, ich habe jemanden kennengelernt. Sabine und ich haben wirklich versucht, uns gegen unsere Gefühle zu wehren, aber zwischen uns ist ein solches Knistern, wie ich es bei dir nie empfunden habe. Ich will diese Leidenschaft nicht länger unterdrücken.“

„Aber … aber was ist denn mit uns? Ich dachte, du liebst mich!“

„Wir können doch Freunde bleiben, Tanny. Bestimmt wirst du dich mit Sabine bestens verstehen, wenn du erst einmal über den Schrecken hinweg bist.“

Über den Schrecken bin ich bis heute nicht hinweg, dachte Tanja bitter.

Wie sollte sie auch darüber hinwegkommen, dass Patrick ihre Liebe weggeworfen hatte wie eine alte Jacke, die aus der Mode gekommen war?

Wahrscheinlich fuhr er mit seiner Sabine über Weihnachten zum Segeln in die Karibik, während sie in ihrer einsamen Wohnung saß, die sie sich nur durch zahlreiche Überstunden überhaupt weiterhin leisten konnte.

Wie im letzten Jahr würde sie sich während der Weihnachtsfeiertage zum Dienst melden. Die Heimleitung war froh, wenn sie jemanden bekam, denn alle anderen Mitarbeiter hatten Partner oder sogar Familien, mit denen sie das Fest begehen wollten.

Tanja hatte sich von Anfang an bemüht, sich bei ihrer Arbeit nichts von ihrem privaten Kummer anmerken zu lassen.

Oma Hertha aber war nicht nur eine exzellente Köchin, sondern auch eine lebenskluge Frau, die sich so schnell nichts vormachen ließ, und so hatte sie Tanja eines Tages darauf angesprochen, dass sie in letzter Zeit immer so traurig wirkte.

In ihrer Not hatte Tanja sich damals der alten Dame anvertraut und war froh gewesen, endlich mit jemandem sprechen zu können.

„Das, was Sie jetzt durchmachen, ist sehr hart“, hatte Hertha gesagt, nachdem sie sich ihre Geschichte angehört hatte. „Junge Männer sind wirklich manchmal blind und taub in ihrem Drang, sich zu beweisen, was für tolle Kerle sie sind. Aber wissen Sie was? Im Grunde gibt es nur zwei Möglichkeiten.“

„Und welche?“, hatte Tanja wissen wollen.

„Entweder Ihr Patrick besinnt sich und kommt zu Ihnen zurück – oder er war doch nicht der Richtige.“

Der Richtige war er ganz bestimmt, dachte Tanja jetzt traurig, einen anderen würde sie niemals wollen. Aber daran, dass Patrick zu ihr zurückkommen würde, konnte sie nicht glauben.

Inzwischen war ein Jahr vergangen und sie hatte ihr Leben wieder recht gut im Griff. Aber jetzt, wo die ganze Stadt im Weihnachtsglanz erstrahlte, aus jedem Geschäft „Stille Nacht“ oder „Oh du Fröhliche“ auf die Straße hallte und eigentlich nur noch der Schnee fehlte, um die Romantik perfekt zu machen, flammte der alte Schmerz wieder auf. Und Birtes glückliches Geplapper machte die Sache nicht besser.

„Ich glaube, ich gehe gleich mal nach Oma Hertha sehen“, sagte Tanja deshalb schnell. „Sie war gestern Nachmittag ein bisschen niedergeschlagen.“

„Ach Gott, das habe ich völlig vergessen!“ Birte schlug sich die Hand vor die Stirn. „Beim Abendessen, als du Herrn Schmidt von der Physiotherapie abgeholt hast, hat Oma Hertha nach dir gefragt. Sie war ganz aufgeregt und hat gesagt, du sollst dich unbedingt sofort bei ihr melden, wenn du zurückkommst. Bitte sei mir nicht böse. Ich hatte nur den Abend mit Rainer im Kopf und habe total vergessen, es auszurichten.“

„Dann gehe ich am besten sofort zu ihr“, erwiderte Tanja. „Und du mach dir keine Sorgen – wenn jemand Verständnis dafür hat, dass man aus Liebe seinen eigenen Namen vergisst, dann ist es Oma Hertha.“

Die alte Dame saß in ihrem liebevoll eingerichteten Zimmer an ihrem zierlichen Sekretär und sprang auf, als Tanja eintrat.

„Guten Morgen, Kindchen!“ Die gebürtige Berlinerin strahlte über das ganze Gesicht, das Tanja ein wenig an die rotbackigen, runzligen Äpfel erinnerte, die ihre Großmutter im Advent immer auf bunte Teller gelegt hatte.

Tanja war bei ihrer Großmutter aufgewachsen. Sie war vor drei Jahren gestorben, und noch immer fehlte sie ihr. Umso mehr fühlte sie sich zu Oma Hertha hingezogen.

„Kommen Sie nur rasch her, meine Liebe“, bat die alte Dame nun. „Ich muss Ihnen unbedingt etwas zeigen.“

Tanja trat neben sie an den Sekretär und betrachtete die farbig bebilderte Broschüre, die dort aufgeschlagen lag. Statt der befürchteten Hochglanzbilder von Weihnachtsbäumen und verschneiten Bergwäldern sah sie die weite, blaugraue Fläche des Meeres, über der eine einzelne Möwe kreiste, daneben eine Dünenlandschaft mit leuchtenden Sanddornbeeren und windzerzaustem Gras und schließlich ein weiß verputztes, reetgedecktes Gutshaus mit einer Terrasse, auf der Menschen unter bunten Sonnenschirmen in ausgelassener Stimmung beisammensaßen.

„Ist das nicht wundervoll?“, schwärmte Oma Hertha. „Ich habe so lange nicht mehr gewagt, an Sylt zu denken! Aber seit mit der Post gestern dieser Prospekt ins Haus geflattert ist, denke ich an nichts anderes mehr.“

Hotel Deichhof, las Tanja zwischen den Bildern von der wild-romantischen Landschaft. Unser persönlich und liebevoll geführtes Hotel inmitten der Dünen, in Sylts naturbelassenem Süden. Treten Sie ein, fühlen Sie sich wie zu Hause, und vergessen Sie den Alltag.

Wenn das so einfach ginge, dachte Tanja wehmütig. Aber sie musste zugeben, dass das Hotel, das sich so behaglich unter sein hohes Dach kuschelte, aussah, als könne man dort tatsächlich alle Sorgen und allen Kummer des Alltags eine Zeitlang vergessen. Es wirkte, als risse die frische, salzige Brise jede trübe Stimmung mit sich und triebe sie über das Meer davon.

„Habe ich Ihnen eigentlich je erzählt, dass ich auf Sylt die glücklichste Zeit meines Lebens verbracht habe?“, fragte Oma Hertha in ihre Gedanken hinein.

„Nein, bestimmt nicht“, antwortete Tanja.

Oma Hertha hatte zwar zahlreiche amüsante Anekdoten aus ihrer Berliner Kindheit zum Besten gegeben, aber die Insel Sylt hatte sie nie erwähnt.

„Das sieht mir ähnlich.“ Die alte Dame lachte auf. „Irgendwie dachte ich wohl, wenn ich es nicht mehr erwähne, müsste ich es auch nicht mehr vermissen. Aber gestern ist mir klar geworden, dass das so nicht funktioniert. Ich habe auf Sylt gelebt, als ich etwa in Ihrem Alter war, Tanja. Ich hatte mich immer nach dem Meer gesehnt, und als in einem Hotel auf der Insel eine Stelle als Zimmermädchen angeboten wurde, habe ich sofort zugegriffen.“

Sie seufzte abgrundtief.

„Es war mein schönstes Jahr. Nie wieder habe ich mich an einem Ort so zu Hause gefühlt.“

„Aber warum sind Sie denn von dort weggegangen?“, rief Tanja bestürzt.

„Das ist eine lange Geschichte, die ich Ihnen vielleicht ein andermal erzähle“, antwortete Oma Hertha. „Heute gibt es etwas anderes, das ich Ihnen sagen möchte. Um genau zu sein: Ich habe ein Attentat auf Sie vor, mein Kind.“

„Na dann nur heraus damit.“ Tanja lächelte ihr aufmunternd zu. „Attentate sind meine Spezialität.“

„Umso besser.“ Oma Hertha erwiderte das Lächeln. „Waren Sie selbst denn überhaupt schon einmal an der Nordsee?“

„Leider nicht“, antwortete Tanja. Geträumt hatte sie davon schon seit Kindertagen, aber weil Patrick unentwegt von den sonnenüberfluteten Stränden und dem exotischen Reiz südlicher Gefilde geschwärmt hatte, hatte sie gar nicht mehr erwähnt, dass ihre eigene Sehnsucht insgeheim dem rauen, stürmischen Charme des Nordens galt.

„Dann wird es aber höchste Zeit!“, fand Oma Hertha. „Mir ist nämlich gestern noch etwas klar geworden, als ich die Hotelbroschüre in meinem Postfach gefunden habe.“

Sie nahm den Prospekt und wedelte Tanja damit vor der Nase herum.

„Und zwar?“, hakte Tanja nach.

„Die Dinge, die man sich im Leben wirklich wünscht, lassen sich nicht einfach beiseiteschieben – ganz egal, wie sehr man es versucht. Deshalb habe ich beschlossen, mir zu Weihnachten den Wunsch zu erfüllen, gegen den ich seit fast fünfzig Jahren vergeblich ankämpfe: Ich will noch einmal nach Sylt. Was sagen Sie dazu?“

Tanja hatte keine Ahnung, was sie dazu sagen sollte.

Einerseits hatte Oma Hertha mit dem modernen Reisen keinerlei Erfahrung. Sie würde das Sylt ihrer Jugend nicht mehr wiedererkennen, und womöglich würde sie sich nicht zurechtfinden.

Andererseits klang aus der Stimme der alten Dame so viel Begeisterung, dass sie regelrecht ansteckend wirkte, und Hertha Wedekind war eine rüstige Person, die sich guter Gesundheit erfreute.

„Ich finde, das ist eine wunderbare Idee …“, begann Tanja zögernd.

„Das finde ich auch!“, fiel Oma Hertha ihr fröhlich ins Wort. „Das Hotel, in dem ich damals gearbeitet habe, existiert nicht mehr, aber der Deichhof liegt ebenfalls in meinem geliebten Hörnum, und es sieht aus, als müsste man sich dort einfach wohlfühlen. Sagen Sie bloß, Sie sind anderer Meinung?“

„Das bestimmt nicht. Aber ist das Hotel denn im Winter überhaupt geöffnet?“

„Das ist ja das Schöne“, jubelte die alte Dame. „Sie bieten extra für den Advent ein besonderes Programm an: Schlittenfahrten, Schneewanderungen mit anschließendem Verwöhnen in der hauseigenen Sauna, Grog am Kamin, Gänsebraten und an den Adventssonntagen festliche Abende mit jeder Menge Überraschungen. Lesen Sie selbst: Adventszeit ist Kuschelzeit lautet das Motto.“

Sie blätterte die Broschüre um, und Tanja blickte auf Bilder eines weiß überzuckerten Strandes und eines Hotels, aus dessen Fenstern warmer Feuerschein hinaus in die Schneelandschaft fiel. Und wenn sie hundertmal mit Weihnachten nichts mehr im Sinn hatte – dass diese Fotos einen ganz eigenen Zauber versprühten, konnte sie unmöglich leugnen.

„Und?“, fragte Oma Hertha erwartungsvoll. „Sagen Sie nun Ja, Kindchen?“

„Wozu soll ich denn Ja sagen?“, gab Tanja verdattert zurück. „Zu Ihrer Sylt-Reise? Nun, ich muss zugeben, das Hotel wirkt wirklich sehr einladend, und Sylt ist bestimmt wunderschön. Aber wollen Sie nicht doch lieber bis zum Frühling warten? Vielleicht hätte ja Frau Anders, mit der Sie sich so gut verstehen, sogar Lust, Sie zu begleiten. Zu zweit reist es sich doch viel schöner.“

Tanja räusperte sich.

„Und um ehrlich zu sein, würde ich mir dann weniger Sorgen um Sie machen“, fügte sie hinzu.

Oma Hertha lachte und tätschelte ihr die Wange.

„Sie sind unbezahlbar, wissen Sie das, Kindchen? Ihr Patrick muss ein ziemlicher Dummkopf sein. Und Sie haben ganz recht: Zu zweit reist es sich schöner. Aber die Dinge, die einem wirklich wichtig sind, kann man nicht bis zum Frühling verschieben, und Amelie Anders fährt über Weihnachten zu ihrem Sohn. Außerdem müssten Sie sich um zwei vertrottelte alte Mädchen noch mehr Sorgen machen als um eines allein.“

„Sie sind doch nicht vertrottelt!“, protestierte Tanja. „Und auch nicht alt.“

„Und erst recht kein Mädchen mehr.“ Oma Hertha lachte. „Deshalb dachte ich mir, ich nehme mir eines mit. Das netteste, das ich kenne. Liebe Tanja, Sie sind herzlich eingeladen zu einer herrlichen Adventswoche auf Sylt. Unser Zug geht am Montag um neun vom Hauptbahnhof, wir brausen mit dem Sylt Shuttle über den Hindenburgdamm, und auf der Insel holt uns der Herr Peters, der das Hotel leitet, persönlich ab.“

„Aber … aber das geht doch nicht!“, rief Tanja, der fast die Spucke wegblieb.

„Und ob das geht“, erwiderte Oma Hertha gelassen. „Mit der Heimleitung habe ich schon gesprochen, und Sie wissen ja selbst, dass Sie noch reichlich Urlaub ausstehen haben. Außerdem war es wie ein Wink des Schicksals: Im Deichhof waren genau noch zwei Einzelzimmer frei, wie für uns reserviert.“

„Sie können doch nicht einfach mit der Leitung sprechen“, versuchte Tanja noch einmal, zu protestieren. So sehr sie sich auch danach sehnte, die Nordsee kennenzulernen – das Letzte, was sie jetzt wollte, war eine Reise in eine Art Winterwunderland, in dem vermutlich jede Menge verliebter Paare zwischen Kamin und Tannenbaum turtelten. „Ich habe schließlich überhaupt noch nicht Ja gesagt.“

„Genau deshalb habe ich ja gestern Abend schon alles gebucht“, verkündete Oma Hertha zufrieden. „Nun bleibt Ihnen gar nichts anderes übrig, als Ja zu sagen. Schließlich können Sie ja eine arme alte Frau nicht so enttäuschen, habe ich recht?“

***

„Schatz, ich mache mich dann auf den Weg!“, vernahm Maike Peters die Stimme ihres Mannes, der forschen Schrittes aus dem Anbau, in dem sie ihre Wohnung hatten, in den Rezeptionsbereich des Hotels hinüberkam.

Dort waren Maike und Anni Meiser, ihre bewährte Empfangsdame, gerade damit beschäftigt, aus Kiefernzweigen, silbernen Kugeln und dicken, nach Bienenwachs duftenden Kerzen hübsche Arrangements auf der Theke der Rezeption und auf den Fenstersimsen zu verteilen.

Maike liebte Weihnachten. Und wie in jedem Jahr wollte sie es ihren Gästen in dieser Zeit besonders schön und heimelig machen. Adventszeit ist Kuschelzeit hieß ihr Motto, das ihr Servicechef, der charismatische Jasper, erfunden hatte, und Maike würde alles daransetzen, ihm gerecht zu werden.

Die Gastwirtin, die den Deichhof von ihren Eltern übernommen hatte, hatte sich nie einen anderen Beruf gewünscht. Für sie gab es nichts Schöneres, als dabei mitzuhelfen, Menschen ihren Urlaub unvergesslich zu machen – zu einer echten Pause vom Alltag, nach der sich die großen und kleinen Sorgen wieder leichter tragen ließen.

Ihre Heimat, die Insel Sylt, war dazu geeignet wie kaum ein anderer Ort. Sylt, das war Urlaub pur – ganz besonders hier, in dem verwunschenen Ort Hörnum am südlichen Rand der Insel, in den der Massentourismus noch nicht vorgedrungen war. Wenn Maike nachts in ihrem Bett lag, konnte sie hinter den Dünen hören, wie das Meer sein wildes, ewiges Lied sang, der Wind rüttelte an ihren Scheiben, und am Morgen begrüßten die Schreie der Möwen mit ihr den neuen Tag. In solchen Augenblicken war Maike sicher, die glücklichste Frau auf der Welt zu sein.

Ihre Leidenschaft für die Insel und ihren Beruf teilte sie mit ihrem Mann Lars, den sie bereits auf der Hotelfachschule kennengelernt hatte und mit dem sie das Hotel Deichhof seit einigen Jahren führte. Mit Lars, so fand Maike, hatte sie mindestens ebenso viel Glück gehabt wie mit ihrem Geburtsort. Für sie beide war es die berühmte Liebe auf den ersten Blick gewesen, die mit den Jahren noch inniger geworden war. Sie hatten dieselben Ansichten und Träume, und auch bei der Arbeit ergänzten sie sich perfekt.

Das bedeutete jedoch nicht, dass es nichts gab, was ihr Liebesglück trüben konnte. Erst vor wenigen Monaten hatte Maike das schmerzlich erfahren müssen. Ganz überwunden hatte sie die kurze Ehekrise noch immer nicht, wie sie bemerkte, als jetzt ihr stattlich gebauter, attraktiver Ehemann strahlend in den Raum geschlendert kam, den Autoschlüssel in der Hand.

„Mmmh, hier riecht es aber anheimelnd“, lobte er. „Habt ihr beiden den Weihnachtsduft versprüht, oder waren die Englein persönlich hier?“

Vor ihrer Krise hätte Maike ihren Mann jetzt liebevoll mit einem Kuss begrüßt, aber heute blieb ihr Blick misstrauisch an dem Autoschlüssel hängen.

„Wohin musst du denn so früh schon fahren? Ich dachte, wir setzen uns nach dem Frühstück gleich an die Buchungsanfragen für das neue Jahr.“

Maike war wütend auf sich selbst – sie hörte sich an wie die zickig-eifersüchtige Ehefrau, die sie nie hatte werden wollen.

„Aber Schatz, das haben wir doch gestern besprochen – ich hole die beiden Berlinerinnen vom Zug ab.“

„Ach, die beiden Berlinerinnen also …“

Verdammt, warum klang sie schon wieder so sarkastisch? Sie und Lars hatten sich doch gründlich ausgesprochen, die Sache war Monate her, und letzten Endes war ja überhaupt nichts passiert!

„Ja, genau“, erwiderte Lars. „Hertha Wedekind und Tanja Ebert, die die zwei Einzelzimmer mit Meerblick gebucht haben. Frau Wedekind ist übrigens Jahrgang 1941!“

Jetzt war er es, der sarkastisch klang, und das geschah ihr ganz recht. Schließlich hatten sie wirklich besprochen, dass er die alte Dame und ihre Begleiterin, die ohne Auto anreisten, vom Zug in Westerland abholen würde, da im Winter kaum ein Bus nach Hörnum fuhr.

„Tut mir leid“, murmelte sie.

Ohne Umschweife kam Lars zu ihr und zog sie in die Arme.

„Schon vergessen.“ Er strich ihr das Haar aus dem Gesicht und zwinkerte ihr mit seinen warmen, braunen Augen zu. „Vielleicht solltest du zwischen Weihnachts-Deko und Buchungsanfragen gelegentlich mal in den Spiegel sehen, damit du siehst, dass mit meiner Frau keine andere mithalten kann – egal ob aus Berlin oder von sonstwo.“

„Ich weiß, ich bin eine dumme Gans“, bekundete Maike kleinlaut.

„Die Gans gibt’s zu Weihnachten.“ Lars gab ihr einen Kuss. „Und du machst dir zwar hin und wieder zu viele dumme Gedanken, bist aber trotzdem die klügste Frau, die herumläuft – ansonsten hättest du mich ja nicht geheiratet.“

Maike lachte und ließ ihn nach einem letzten zärtlichen Kuss ziehen.

„Oh weh, min Deern“, kam es leise von Anni Meiser, die sich während ihres Gesprächs diskret im Hintergrund gehalten hatte. „Der Stachel der Eifersucht sitzt dir aber immer noch ganz schön tief im Fleisch, was?“

„Ich wünschte, es gäbe irgendwo einen Knopf im Hirn, an dem man das abstellen kann“, seufzte Maike. „Lars gibt mir nun wirklich keinen Grund, an ihm zu zweifeln.“

„Aber mit einem Abstellknopf möchte er dich auch nicht haben“, konterte Anni.

Die Empfangsdame war die gute Seele des Hotels, die für sämtliche Kümmernisse ein offenes Ohr hatte und mit ihren einundsechzig Jahren einiges an Lebenserfahrung mitbrachte. Ihre Ehe mit ihrer Sandkastenliebe Hans-Uwe war ungewöhnlich glücklich gewesen, bis ein tragischer Unfall ihr den geliebten Mann entrissen hatte.

„Von der Frau, die er liebt, lässt sich ein Mann ein bisschen Eifersucht eigentlich ganz gern gefallen“, fügte sie hinzu.

„Meinst du wirklich? Ich komme mir schon vor wie die schlimmste Zicke, die den Hemdkragen ihres Mannes nach Lippenstiftspuren absucht. Und das alles nur, weil Lars im September ein bisschen mit dieser Berliner Schauspielerin geflirtet hat. Lars hat sich hundertmal entschuldigt, und er hat mir eindringlich erklärt, dass er im Grunde gar nichts an ihr gefunden hat. Es war wohl nur so eine Art Midlife-Crisis – die Angst, nicht mehr attraktiv zu sein –, und das habe ich ja auch verstanden.“

„Aber vergessen kannst du die Sache trotzdem nicht?“

Bedrückt schüttelte Maike den Kopf.

„Hysterisch, was? Dabei passt das doch gar nicht zu mir. Eigentlich bin ich doch eine ziemlich gestandene Nordsee-Deern, die so schnell kein Wind umpustet. Oder was meinst du, Anni?“

„Auch eine gestandene Nordsee-Deern hat ihre Schwachstellen“, gab Anni trocken zurück. „Das musst du dir vorstellen wie bei dem Kutter von meinem Schwager Frieder – das ist das stabilste Boot von der Welt, aber wenn’s irgendwo eine morsche Stelle gibt, kann das Wasser eben doch eindringen.“

Maike lachte schallend los und hätte um ein Haar die Kiste mit den Weihnachtskugeln fallen lassen.

„Mit Frieders altem Kutter verglichen zu werden ist so ungefähr das Beste, was meinem angeknacksten Selbstbewusstsein passieren konnte“, behauptete sie, als sie sich wieder ein wenig beruhigt hatte.

„So habe ich das doch nicht gemeint“, verteidigte sich Anni.

„Aber ich. Gegen dumme Gedanken und Eifersüchteleien hilft nichts so sicher wie eine Ladung friesischer Humor. Jetzt machen wir es uns hier so richtig festlich.“ Maike stellte die Kiste ab und zog die rundliche Empfangsdame kurz und herzlich an sich. „Und zu den beiden neuen Gästen, die schließlich nichts dafür können, dass sie aus Berlin kommen, bin ich nachher extra nett.“

„So ist es richtig, min Deern“, lobte Anni. „Schließlich weißt du ja wohl, dass dein Lars dich über alles liebt.“

„Und ich ihn“, antwortete Maike. „Wenn ich ihn nicht so schrecklich lieben würde, hätte ich vermutlich auch nicht solche Angst, ihn zu verlieren.“

Zu einer Antwort kam Anni nicht mehr, denn in diesem Augenblick läutete auf dem Rezeptionstisch das Telefon.

„Hotel Deichhof“, meldete sie sich, dann breitete sich ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht aus. „Ach, Sie sind es, Herr Federer! Moin, Moin – na, da wird unsere Maike sich aber freuen, sie kann ein bisschen Aufmunterung gerade gut gebrauchen.“

Noch immer strahlend reichte sie den Hörer an Maike weiter.

„Der reizende Herr Federer“, verkündete sie stolz.

Maike jedoch freute sich überhaupt nicht, sondern riss ihr den Hörer erschrocken aus der Hand. Vincent Federer war in der Tat reizend, und dass Anni auf mütterliche Art ein bisschen für den blendend aussehenden jungen Sportlehrer schwärmte, konnte sie ihr nicht verdenken. Vor allem aber war Vincent der Enkel ihres geliebten Patenonkels, und wenn er sie um diese Uhrzeit anrief, musste etwas nicht in Ordnung sein!

„Vinnie!“, rief sie aufgeregt in den Hörer. „Ist etwas mit Onkel Freddy?“

„Hilfe, mein Trommelfell!“ Vincents jungenhaftes Lachen ertönte, und Maike fiel ein Stein vom Herzen. „Nein, keine Sorge, dem alten Herrn geht es gut. Jedenfalls, was seine Gesundheit betrifft. Er wird nur in letzter Zeit wieder ein bisschen melancholisch. Ich denke, er ist einfach zu viel alleine. Deshalb wollte ich dich fragen, ob du nicht Lust hast, am nächsten Wochenende mit Lars zu uns nach Hamburg zu kommen. Ich könnte Kinokarten besorgen, Opa will furchtbar gern diesen komischen Weihnachtsfilm sehen …“

„Oh Gott, Vinnie, wie stellst du dir das vor?“, stöhnte Maike. „Ich würde liebend gern kommen, aber wir sind voll bis unter das Dach und haben am Sonntag außerdem unseren bunten Adventsabend. Da können Lars und ich hier unmöglich weg.“

„Du hast recht, das klingt nach einer echten Schnapsidee“, antwortete Vincent. „Nun schön, dann muss ich eben alleine mit Opa ins Kino. Es war ja auch nur so eine Idee, weil er ständig von dir und Sylt spricht.“

Augenblicklich meldete sich Maikes Gewissen zu Wort. Sie liebte Onkel Freddy innig. Er war ein Freund ihres verstorbenen Großvaters und hatte trotz einer unglücklichen Ehe, die in einer Scheidung und viel Einsamkeit endete, nie den Humor und den Lebensmut verloren.

„Sag deinem Opa, ich rufe ihn heute oder morgen an“, versprach sie Vincent. „Und sobald der Weihnachtstrubel hier vorbei ist, kommen Lars und ich ihn besuchen.“

„Darüber wird er sich freuen, Maike. Grüß Lars, und lasst es euch gut gehen.“

Das werden wir tun, dachte Maike, als sie den Hörer auflegte.

Das Glück konnte so schnell zu Ende sein – auch der so sorglos und charmant auftretende Vincent hatte das schon erleben müssen. Sie wollte die gemeinsame Zeit mit ihrem Mann genießen und es sich nicht mehr von irgendwelchen alten Kamellen verderben lassen!

***

Wieder und wieder sah Tanja sich in ihrem Zimmer um. Es war in Farben gehalten, die perfekt zur Umgebung passten: Blau wie das Meer und Weiß wie die Schaumkronen, die darauf tanzten. Das Zimmer war geräumig, liebevoll mit rustikalen Holzmöbeln ausgestattet, und es gab keinerlei aufdringliche Weihnachtsdekoration. Lediglich ein dezenter, wunderschöner Strauß aus Buchsbaum, der in Friesland zum Adventsschmuck gehörte, stand in einem bauchigen blauen Krug auf der Kommode.

Auf dem Fenstersims stand eine hölzerne Möwe und schien Tanja mit einem Augenzwinkern willkommen zu heißen. Wenn sie über den Kopf des Vogels hinwegsah, blickte sie direkt auf die silbrige Fläche des Meeres, über der sich die ersten Abendnebel ballten.

Nein, Oma Hertha hatte ihr wirklich nicht zu viel versprochen: Sylt war ein Paradies. Kein lieblich-sanftes, sondern ein raues, sturmumtostes, wo man sich freute, wenn man nach einer Wanderung durch den wilden Winterwind in ein so heimeliges Quartier wie den Deichhof zurückkehren konnte.

Als der sympathische Lars Peters sie hergebracht hatte, waren die beiden durchgefrorenen Gäste aus der Großstadt am lodernden Kaminfeuer mit einem Grog und einer Platte Gebäck empfangen worden. Das Gebäck hatte himmlisch geduftet und war geradezu kunstvoll geformt gewesen: Es gab eine Mühle, einen Hahn und sogar ein prachtvolles Segelschiff, das eigentlich viel zu hübsch gewesen war, um es aufzuessen!

„Das ist Kenkentjüch“, hatte Frau Peters erklärt, als sie Tanjas Blick bemerkt hatte, „ein friesisches Weihnachtsgebäck, das unser Küchenchef Adrian Krüger selbst backt. Auf Hochdeutsch heißt das Wort ‚Kinderzeug‘ – aber wir Erwachsenen essen es genauso gern.“

„Ach, wie habe ich das vermisst!“, hatte Oma Hertha glücklich gerufen und herzhaft zugelangt. „Kenkentjüch, ein steifer Grog und ein Buchsbaumkranz.“ Sie wies auf den mit roten Holzfiguren geschmückten Kranz im Fenster. „Jetzt glaube ich wirklich, dass ich auf Sylt bin – und dass ich noch einmal einen richtigen Advent erlebe.“

„Und ob Sie den erleben werden, liebe Frau Wedekind.“ Frau Peters, die Tanja sofort gemocht hatte, hatte aus einer Dose Gebäck auf den Teller nachgefüllt. „Dazu sind Sie schließlich im Deichhof, und wir werden alles daransetzen, dass Sie und Frau Ebert nicht zum letzten Mal unsere Gäste sind.“

Oh ja, dachte Tanja, dass Menschen immer wieder in dieses Hotel kamen, konnte sie nur zu gut verstehen. Und auch, dass Oma Hertha unbedingt noch einmal auf diese Insel gewollt hatte. Durch das Fenster drangen die Schreie der Möwen und das Pfeifen des Windes. Wäre sie mit Patrick hierher gekommen, würde sie jetzt sicher vor Glück mit ihm durch das Zimmer tanzen …

Gleich darauf packte sie ihr schlechtes Gewissen. Wäre sie mit Patrick hierher gekommen, hätte sie Oma Hertha nicht ihren größten Wunsch erfüllen können. Die alte Dame hatte vor Freude Tränen in den Augen gehabt, als sie in Westerland aus dem Zug gestiegen waren. Es war so nett von ihr, Tanja auf diese Reise einzuladen, und sie würde ihr die Tage auf Sylt ganz bestimmt nicht durch schlechte Laune und ihre ständigen Gedanken an Patrick verderben!

Sie wollte gerade ins Bad gehen, um sich fürs Abendessen, das unten im Restaurant serviert wurde, frischzumachen, da ertönte aus ihrer Handtasche der Klingelton ihres Handys. Kaum hatte sie das Gerät aus der Tasche gefischt, erkannte sie Birtes Nummer auf dem Display. Die Freundin hatte versprochen, ein Auge auf ihre Wohnung zu haben und Samson zu füttern – hoffentlich war ihrem geliebten alten Kater nichts passiert!

„Tanny? Bist du schon auf Sylt?“, sprudelte Birte drauflos. „Bitte entschuldige, dass ich dich störe, aber ich dachte mir, du würdest es sofort wissen wollen.“

„Was denn? Sag bloß, du bekommst ein Baby?“

„Bloß nicht“, lachte Birte, „dann passe ich ja nicht mehr in mein Hochzeitskleid! Nein, um mich geht es gar nicht, sondern um dich. Oder besser gesagt: um Patrick.“

„Patrick?“ Tanja hatte die zwei Silben kaum ausgesprochen, als ihr Herz lautstark zu hämmern begann.

„Ich war heute wegen meiner Hausratversicherung bei ihm in der Firma, und da hat mir ein Kollege von ihm erzählt, er und Sabine hätten sich getrennt“, berichtete Birte. „Aber das ist noch lange nicht alles. Ich bin gerade in deine Wohnung gekommen, um dein verfressenes Katzenvieh zu füttern, und was finde ich auf der Schwelle? Einen Brief des werten Herrn! Auf zart blauem Briefpapier!“

Ein Brief von Patrick! Monatelang hatte Tanja vergeblich auf ein Zeichen von ihm gewartet, und jetzt, wo sie die Hoffnung aufgegeben hatte, schrieb er ihr, und sie war nicht daheim!

„Birte“, rief sie aufgeregt. „Ich muss unbedingt wissen, was in dem Brief steht.“

„Das habe ich mir gedacht“, erwiderte die Freundin. „Soll ich ihn aufmachen und es dir vorlesen?“

Tanja zögerte nur eine Sekunde lang. Ein wenig kam es ihr wie Verrat an Patrick vor, dass sie Birte seine Worte lesen ließ, aber sie musste um jeden Preis erfahren, was er ihr geschrieben hatte.

„Ja, bitte lies“, bat sie.

Gleich darauf hörte sie, wie Birte den Umschlag aufriss.

„Ein großer Schreiber ist er ja nicht gerade, dein Herzallerliebster“, brummte sie. „Mit so ein paar dünnen Zeilen würde mein Rainer nie im Leben auskommen. Also pass auf:

Geliebte Tanny,

ich hoffe, ich darf Dich nach allem, was ich Dir angetan habe, überhaupt noch so nennen. Ich will nicht viele Worte machen: Das mit Sabine war ein Fehler, das habe ich jetzt endlich begriffen. Es war Leidenschaft, aber keine Liebe, denn geliebt habe ich immer nur Dich. Glaubst Du, Du kannst mir verzeihen, oder habe ich durch meine Dummheit Deine Liebe verspielt? Bitte melde Dich bei mir. Ich habe leider Deine neue Handynummer nicht, aber ich warte Tag und Nacht auf Deinen Anruf.

In Liebe,

Dein Patrick

Birte …“ Tanja konnte kaum sprechen, so trocken war ihr Mund.

„Nein“, fiel die Freundin ihr ins Wort, „sag jetzt nicht, du willst sofort auflegen und ihn anrufen, hörst du? Denk in Ruhe darüber nach. Wer sagt dir eigentlich, dass diese Sabine nicht ihn verlassen hat? Vielleicht will er dich nur benutzen, um sich über die Schlappe hinwegzutrösten?“

„So ist Patrick nicht!“

„Wirklich nicht?“, fragte Birte zweifelnd. „Das, was er mit dir gemacht hat, war zumindest nicht die feine englische Art, Tanja. Wenn du meinen Rat hören willst: Spring nicht sofort, wenn er pfeift. Nimm dir Zeit, um es dir zu überlegen, rede meinetwegen mit Oma Hertha darüber, die ist schließlich nicht auf den Kopf gefallen. Nur pass auf dein Herz auf – du willst schließlich nicht in ein paar Wochen noch einmal so dastehen wie vor einem Jahr.“

Ein kalter Schauder lief Tanja über den Rücken, und mit einem Schlag wurde ihr klar, dass die Freundin recht hatte: Sie konnte Patrick gar nicht einfach so wieder vertrauen, dafür hatte er sie viel zu tief verletzt.

Das, was Birte sagte, hatte Hand und Fuß. Aber was, wenn er es nun ernst meinte? Was, wenn er wirklich bereute, was er ihr angetan hatte? Verschenkte sie nicht die Chance, noch einmal glücklich zu werden, wenn sie ihm nicht verzieh?

Es klopfte an ihre Zimmertür.

„Sind Sie fertig, Kindchen? Von unten duftet es schon ganz köstlich nach etwas Fischigem – Seelachs, wenn mich meine alte Nase nicht täuscht!“

Oma Hertha, die sie zum Abendessen abholen wollte! Tanja beendete schnell ihr Gespräch und entschied sich, zu tun, was Birte ihr geraten hatte: Sie würde mit der klugen alten Dame sprechen und sie bitten, ihr einen Rat zu geben.

Aber erst morgen, beschloss sie. Heute Abend sollte Hertha einfach ihr Sylt genießen, auf das sie so viele Jahre gewartet hatte.

***

„Du lieber Himmel, Sie sehen ja aus wie der Schneesturm persönlich!“, rief Maike und riss die Tür weit auf, um die beiden Berlinerinnen einzulassen, die in einer Woge von Wind und Schnee ins Haus trieben.

Die beiden Frauen, die ihr bereits so sympathisch waren, dass sie sich für ihre gestrige Eifersuchtsattacke schämte, waren nach dem Frühstück zu einem Strandspaziergang aufgebrochen. Kurz darauf hatte es zu schneien begonnen, was die beiden aber offenbar nicht davon abgehalten hatte, ihre Wanderung stundenlang fortzusetzen.

„Von drauß’ vom Walde komm ich her“, verkündete Hertha Wedekind fröhlich. „Wann bekommt man das schon einmal zu sehen – solche Massen von Schnee auf einer Nordseeinsel? Sieht ganz danach aus, als stünden Ihnen weiße Weihnachten ins Haus, Frau Peters.“

„Das würde mich freuen“, erwiderte Maike. „Umso gemütlicher ist es hier im Haus. Kommen Sie, legen Sie die nassen Sachen ab, und setzen Sie sich ans Feuer. Ich sage Jasper, er soll Ihnen einen Tee bringen – oder darf es auch ein Glühwein sein?“

„Ich glaube, für das, was wir vorhaben, könnten wir einen Glühwein gebrauchen“, entschied Hertha. „Dürfen wir Sie denn zu einem Becher einladen, liebe Frau Peters?“

Eigentlich hätte Maike dringend die Lebensmittelbestellungen für die kommende Woche vorbereiten müssen, aber etwas verriet ihr, dass Frau Wedekind sich bei einem Problem ihre Hilfe wünschte. Sie trat zwar forsch auf und wirkte in ihrer wetterfesten Kleidung wie die patente Nordsee-Reisende aus dem Bilderbuch, doch hinter ihrem offenen Lächeln schien eine Sorge zu lauern.

Ein Blick auf Tanja Eberts Gesicht bestätigte ihre Vermutung: Die hübsche, junge Frau mit den warmen, schönen Augen machte einen sehr bedrückten Eindruck.

„Wenn Sie mich so nett fragen, kann ich ja wohl schlecht Nein sagen“, erwiderte Maike deshalb. „Setzen Sie sich schon einmal. Ich hole uns rasch eine Stärkung.“

Wenig später saßen die drei Frauen vor dem Kamin an einem Tisch, auf dem eine rote Kerze sanftes Licht spendete. Der Schnee stürmte ohne Unterlass gegen die Fensterscheiben, und Glühwein und Zimtgebäck verströmten einen Duft nach Wärme und Geborgenheit.

Maike liebte diese Jahreszeit, aber sie wusste auch, wie schwer die Weihnachtszeit für Menschen zu ertragen war, die niemanden hatten, mit dem sie sie teilen konnten.

„Nun, wir wollen Sie nicht lange aufhalten, sondern gleich mit unserem Problem überfallen“, wandte Hertha Wedekind sich an sie. „Meine liebe Tanja hier hat mir nämlich eine äußerst knifflige Frage gestellt, und ich weiß nicht recht, was ich ihr raten soll. Also habe ich mich entschlossen, ihr eine Geschichte zu erzählen. Und es wäre mir ganz recht, wenn noch eine Vertreterin der jüngeren Generation zuhören und ihre Meinung äußern könnte. Es geht um die Frage des Verzeihens …“

„Oje.“ Maike seufzte, hatte sie doch über dieses Thema in den letzten Monaten mehr nachgedacht, als ihr lieb war. „Aber bitte sagen Sie doch Maike!“

„Sehr gern – dann sind wir natürlich Tanja und Hertha für Sie. Tanja, Sie entschuldigen, dass ich so einfach über Ihren Kopf hinweg entscheide?“

Trotz ihres offensichtlichen Kummers lachte die junge Frau auch.

„Das tun Sie doch immer, Hertha. Und ich kann von Glück sagen, dass Sie mich mit diesem Schlamassel nicht alleinlassen.“

„Vielleicht ist es Ihnen ja aber nicht recht, dass ich dabei bin, wenn über Ihr Problem gesprochen wird?“, fragte Maike behutsam.

„Doch, doch!“, rief Tanja Ebert schnell. „Es ist mir unangenehm, Sie damit zu belästigen, weil Sie doch so viel zu tun haben. Wenn es Ihnen aber nichts ausmacht, wäre ich sehr dankbar, wenn Sie mich Ihre Meinung zu der Sache wissen lassen könnten – Sie und Ihr Mann wirken, als ob Sie eine rundum glückliche Ehe führen würden.“

„Ja, wir sind glücklich“, erwiderte Maike mit einem feinen Lächeln. „Aber das heißt ja nicht, dass es nicht hin und wieder Probleme gibt, bei denen auch wir über jeden guten Rat froh sind.“

„Darum geht es auch in meiner Geschichte.“ Hertha Wedekind nickte. „Ich denke, wenn wir sehr jung sind und unsere große Liebe gefunden haben, glauben wir oft, das Leben müsste nun als ununterbrochenes Schweben auf einer rosaroten Wolke weitergehen. Dabei bringt Sonnenschein nun mal auch Schatten mit sich, und ab und zu muss es ja auch mal einen Schneesturm geben.“

Die drei Frauen tauschten ein Lächeln.

„Einen solchen Schneesturm hat Tanja vor einem Jahr erlebt“, fuhr Hertha Wedekind fort. „Ihr Liebster hat sie auf einen Schlag verlassen, weil er sich in eine andere Frau verliebt hat. Tanja stand allein da und musste sich an den Haaren aus dem Sumpf ziehen. Jetzt, ein Jahr später, bittet er sie um Verzeihung und hofft, sie zurückzugewinnen, als wäre nichts gewesen.“

„Na, der hat vielleicht Nerven!“, entfuhr es Maike. „So etwas dürfen Sie auf keinen Fall mit sich machen lassen, Tanja.“

„Das habe ich im ersten Moment auch gedacht“, sagte Hertha. „Aber wenn der junge Mann seinen Fehler nun wirklich bereut? Wenn er erkannt hat, wen er in Wahrheit liebt, und wenn auch Tanja nicht aufgehört hat, ihn zu lieben? Muss die ganz große Liebe nicht stark genug sein, auch einmal zu verzeihen?“

Maike fiel keine Antwort ein. Vor jener unseligen Sache – oder auch Nicht-Sache – mit der Schauspielerin hätte sie spontan Nein gesagt, aber jetzt war sie sich da nicht mehr so sicher.

„Eben weil die Frage so schwierig ist, möchte ich Ihnen meine Geschichte erzählen“, setzte Hertha von Neuem an. „Sie spielt vor viel zu vielen Jahren – weiß Gott, wie sie alle so schnell vergangen sind – hier auf Sylt. Die Hauptrolle spielt natürlich ein junges Mädchen – nennen wir sie einmal Klara. Sie hatte eine Stellung als Zimmermädchen in einem Hotel, das diesem nicht ganz unähnlich war. Und in der Küche jenes Hotels arbeitete ein junger Mann, der davon träumte, sich eines Tages als Koch mit einem eigenen Restaurant selbständig zu machen. Ein äußerst fescher junger Mann, wenn ich das so sagen darf, und einen Charme hatte er …“

„Und wie hieß er?“, platzte Tanja dazwischen.

Oma Hertha schmunzelte.

„Nennen wir ihn einmal Peter. Was als Nächstes geschah, können Sie sich sicher denken: Peter und Klara verliebten sich ineinander. Es war mehr als ein flüchtiges Abenteuer zwischen zwei jungen, unerfahrenen Menschen. Es war die ganz große Liebe. Die beiden verbrachten jeden Augenblick ihrer Freizeit miteinander und erlebten hier auf Sylt Monate des vollkommenen Glücks.“

Bei der Erinnerung an jene Zeit umspielte ein verträumtes Lächeln Herthas Lippen.

„Unten am Strand entdeckten sie eine kleine Bucht, in der sie im Sommer schwammen, und hinter den Dünen hatten sie einen Unterstand, in dem sie im Herbst in eine Decke gekuschelt beieinander saßen und Pläne schmiedeten. Sie wollten jeden Pfennig Geld sparen, damit sie bald heiraten und gemeinsam Peters Traum verwirklichen konnten. Dann aber kam jener Weihnachtsball …“

Das freundliche Lächeln der alten Dame erlosch. Maike sah, wie Tanja nach ihrer Hand griff und sie fest in der ihren hielt.

„Ja, das Hotel, in dem die beiden angestellt waren, veranstaltete für seine Gäste einen großen Ball, und nach getaner Arbeit durften die Angestellten mitfeiern“, fuhr Hertha fort. „Zu dieser Zeit befand sich eine Gruppe junger Mädchen aus einem Schweizer Internat unter den Gästen. Sie entstammten durchweg vornehmsten Elternhäusern, sahen aus wie den Modemagazinen entsprungen und brachten einen Duft von großer, weiter Welt in das kleine Hotel. Peter fühlte sich diesen Mädchen unterlegen – er glaubte, sie würden ihn nicht ernst nehmen, weil er zum Personal gehörte und kein Geld, ja noch nicht einmal einen guten Anzug besaß.“

„Und war es so?“, fragte Tanja fast ängstlich.

„Nein.“ Traurig schüttelte Hertha den Kopf. „Peter wusste gar nicht, welche Wirkung er auf das weibliche Geschlecht ausübte. Er bekam schon früh am Abend frei, während Klara noch mit ihrer Arbeit beschäftigt war. Und als sie dann schließlich voller Vorfreude auf ihren Liebsten in den Ballsaal stürmte, fand sie ihn mit Inge, dem attraktivsten Mädchen der Gruppe, in einen innigen Tanz versunken. Anfangs versuchte Klara noch, Verständnis für ihn aufzubringen, doch was sie erleben musste, tat einfach zu weh: Peter beachtete sie überhaupt nicht, sondern hatte nur noch Augen für die andere.“

Sie machte eine Pause und nippte an ihrem Glühwein, der inzwischen deutlich abgekühlt war.

„Schließlich ertrug Klara es nicht länger. Sie lief hinaus in die Kälte, an ihr geliebtes Meer, wo sie sich ihren Kummer von der Seele weinte. Wenig später musste sie mit ansehen, wie auch Inge und Peter den Weg an den Strand fanden. Sie bemerkten Klara überhaupt nicht. Viel zu beschäftigt waren sie mit ihrem langen, leidenschaftlichen Kuss …“

Hertha brach ab.

„Das tut mir so leid“, murmelte Tanja. „Es geht nicht gut aus, nicht wahr? Haben die beiden sich getrennt?“

„Ja.“ Die alte Dame nickte. „Am nächsten Morgen reiste Klara Hals über Kopf ab. Sie ertrug den Schmerz nicht, wollte alle Brücken hinter sich abbrechen. Peter hat sie gesucht und ihr unzählige Briefe geschrieben, in denen er sie flehentlich um Verzeihung bat. Er wusste selbst nicht mehr, wie es zu dem unglückseligen Ausrutscher gekommen war. Vielleicht hatte er sich einfach beweisen müssen, dass er bei diesem hochnäsigen Mädchen landen konnte, zumindest bereute er tief, was er getan hatte.“

„Und Karla?“

„Im Grunde wusste sie, dass er die Wahrheit sagte, und sie vermisste ihn unendlich – aber sie war nicht stark genug, ihrem Alfred zu verzeihen.“

„Alfred?“, platzte Maike heraus. „Wer in der Geschichte ist denn Alfred?“

„Oh! Habe ich Alfred gesagt?“ Herthas Gesicht überzog sich mit einer zarten Röte. „Das muss das Alter sein – ich meinte natürlich Peter.“

Maikes Herz hatte längst begonnen, schneller zu schlagen, doch sie bemühte sich, der alten Dame ruhig zuzulächeln.

„Ich nehme an, die Klara der Geschichte heißt eigentlich Hertha?“

Hertha schlug verschämt den Blick nieder und nickte.

„Ihre Geschichte hat mich sehr berührt“, sagte Maike. „Vielen Dank, dass ich sie hören durfte. Sie und Alfred haben sich nie mehr wiedergesehen?“

„Nein.“ Die alte Dame schüttelte den Kopf. „Nach einem Jahr hat er es aufgegeben und Inge geheiratet. Die hieß übrigens wirklich so.“

Ich weiß, wäre es Maike fast herausgerutscht.

Hastig stand sie auf.

„Es tut mir furchtbar leid, dass ich nicht länger bleiben kann, aber die Arbeit ruft“, rang sie sich ab. „Tanja, ich glaube, Ihre Freundin hat Ihnen mit dieser Geschichte den besten Rat gegeben, der möglich ist: Ja, wenn es um die große Liebe geht, dann muss man manchmal auch verzeihen können. Wir alle sind nur Menschen und machen Fehler, und wenn Sie beide sich wirklich lieben, können Sie diese Krise gemeinsam überstehen. Die Frage ist allerdings, ob Ihre Liebe wirklich groß genug dafür ist – und ich fürchte, bei dieser Entscheidung kann Ihnen weder Hertha noch ich helfen. Das können nur Sie allein wissen.“

Hertha und Tanja bedankten sich, und Maike eilte davon. Es widerstrebte ihr, die beiden so abzufertigen, zumal sie überhaupt nicht vorhatte, an ihre Arbeit zurückzukehren. Aber ihr brannte etwas unter den Nägeln, und das rechtfertigte die kleine Notlüge durchaus. Sie musste sofort handeln!

Ein Verdacht war ihr bereits ganz am Anfang von Herthas Erzählung gekommen, aber als ihr dann noch der Name „Alfred“ entschlüpft war, hatte sich auch der letzte Zweifel verflüchtigt.

So schnell sie konnte, rannte Maike hinüber in ihren Anbau. Ihr Mann saß in ihrem gemeinsamen Büro an seinem Schreibtisch und telefonierte mit der Gärtnerei, die Mistelzweige, Buchsbaum und die mächtige Nordmanntanne für die Adventsfeier am Sonntag liefern würde.

Maike trat in die Tür und vollführte eine Geste, bei der sie mit beiden Händen durch die Luft fuhr, als würde sie einen Deckel zuschlagen. Das war eines der zwischen ihnen abgesprochenen Zeichen. Es bedeutete: Leg auf, so schnell du kannst. Ich muss dich unbedingt sprechen.

Kaum hatte Lars das Gespräch – ein wenig abrupt – beendet, ließ Maike sich auf seinen Schoß sinken, legte ihm die Arme um den Hals und berichtete ihm von dem Gespräch mit Hertha.

„Und du meinst wirklich …?“, fragte ihr Mann ungläubig, kaum dass sie geendet hatte.

„Und ob ich meine!“, rief Maike vergnügt, und dann setzte sie an, ihm ihren grandiosen Plan zu unterbreiten.

Lars reagierte, wie Maikes es erwartet hatte.

„Na klar, das machen wir“, rief er begeistert. „Am besten, du rufst sofort an, damit die beiden loskommen, bevor es noch mehr Schnee gibt und die Straßen unbefahrbar werden. Unterbringen können wir sie in einem der Bungalows.“

Die drei Bungalows rund um den Swimmingpool waren für Familien mit Kindern gedacht und wurden den Winter über nur selten vermietet.

„Es gibt nur ein Problem“, überlegte Lars. „Kann Vincent sich denn so einfach in der Schule freinehmen?“

„Wenn es um Onkel Freddy geht, kann Vincent alles“, erwiderte Maike und griff schon nach dem Telefon.

„Nun ja, wenn sein Großvater krank ist, bestimmt. Aber hier geht es schließlich nicht um Leben und Tod.“

„Und ob es darum geht!“, protestierte Maike. „So etwas kann auch nur ein Mann sagen.“

Ehe Lars noch einmal zu Wort kam, hatte sie bereits Vincents Nummer gewählt.

„Vinnie?“, rief sie aufgeregt in den Hörer. „Hör zu, ich habe noch einmal über unser Gespräch von gestern nachgedacht, und da ist mir etwas eingefallen: Wenn Lars und ich jetzt nicht zu euch nach Hamburg kommen können – wieso kommst du nicht einfach mit Onkel Freddy hierher?“

***

Wäre Patricks Brief nicht gewesen, hätte Tanja womöglich wirklich tun können, was die Broschüre des Hotel Deichhof versprochen hatte: Ihren Alltag samt Kummer und Sorgen ein paar Tage lang vergessen. Sie genoss die Spaziergänge in der verschneiten Landschaft, und sie liebte die gemütlichen Stunden am Kamin, die Entspannung in der Sauna und den köstlichen Sylter Fischtopf, den der Küchenchef Adrian Krüger nach einem geheimen Familienrezept zubereitete.

Auch die übrigen Hotelgäste machten durchweg einen netten Eindruck, und sie waren schon des Öfteren ins Gespräch gekommen, doch vor allem schätzte sie die Gespräche mit Oma Hertha. Die Geschichte der alten Dame hatte Tanja im Innersten aufgewühlt. Nach dem Verlust ihrer großen Liebe hatte Hertha nie geheiratet, sondern ihr Leben allein verbracht.

Sie war eine bewundernswerte Frau, fand Tanja. Obwohl ihr Traum von Ehe und Familie ihr versagt geblieben war, war sie ein lebensfroher, humorvoller Mensch geblieben. Tanja war sich nicht sicher, dass sie dieselbe Stärke hätte aufbringen können, doch Oma Herthas Beispiel machte ihr Mut.

Wäre da nur nicht Patricks Brief gewesen! Ständig nagte die Frage in ihrem Hinterkopf: Konnte sie ihm verzeihen? Musste sie es nicht sogar, wenn sie nicht wie Oma Hertha ihr Lebensglück verpassen wollte?

Sie wünschte sich das Glück der längst vergangenen Tage so sehr zurück, aber zugleich bezweifelte sie, dass sie je wieder Vertrauen zu ihm aufbringen könnte. Und eine Beziehung, in der einer dem anderen misstraute, war die nicht von Anfang an auf Sand gebaut?

Gedankenverloren stand sie an der Rezeption und betrachtete die Broschüren und Wanderkarten, die auf der Theke ausgebreitet lagen. Sie und Hertha wollten sich vor dem Abendessen noch rasch den kleinen überfrorenen See anschauen, auf dem der Deichhof morgen seine Gäste zum Schlittschuhlaufen einlud, und jetzt wartete Tanja darauf, dass die alte Dame herunterkam.

Wie üblich kreisten ihre Gedanken um Patrick. Vorhin hatte Birte noch einmal angerufen: Inzwischen hatte sich Patrick sogar im „Haus Abendfrieden“ gemeldet und nach Tanjas neuer Handynummer gefragt, die die Heimleitung aber natürlich nicht herausgegeben hatte.

„Und deinen Anrufbeantworter hier zu Hause hat er auch vollgesprochen“, hatte Birte berichtet. „Eine Liebeserklärung nach der anderen! Demnächst wird er dir Blumen schicken, obwohl das früher ja so gar nicht seine Art war.“

Waren das alles nicht Zeichen dafür, dass es Patrick ernst war, dass er sich den Neuanfang so sehnlichst wünschte wie sie?

„Guten Abend. Bitte verzeihen Sie – Sie wissen nicht zufällig, wo ich das Ehepaar Peters oder Frau Meiser finde?“

Tanja zuckte zusammen, fuhr herum und fand sich einem hochgewachsenen, breitschultrigen Mann im Lodenmantel gegenüber, in dessen leicht gewelltem schwarzen Harr ein paar Schneeflocken glänzten.

Na holla, durchfuhr es Tanja, Gott sei Dank ist Birte jetzt nicht hier!

Ihr eigener Traummann war der blonde, schmal gebaute Patrick gewesen, aber das Exemplar, das vor ihr stand, entsprach genau dem Typ, bei dem ihre Freundin weiche Knie bekam: dunkles Haar, markante Züge und ein verschmitztes Jungenlachen in den Augenwinkeln. Der arme Rainer hätte mächtig zittern müssen, wenn dieser Adonis seiner Birte über den Weg gelaufen wäre.

„Ich bitte um Entschuldigung.“ Das Lächeln des Mannes brachte seine Augen zum Funkeln. „Wie es aussieht, habe ich Sie aus einem wirklich schönen Gedanken gerissen.“

„Nein, ganz und gar nicht!“, rief Tanja hastig. „Frau Meiser ist wohl im Augenblick beschäftigt, aber sie ist sicher gleich wieder zurück.“

Sie ertappte sich dabei, dass sie die Augen des Mannes anstarrte. Sie hatten eine ungewöhnliche Farbe – beinah der Ton von Bernstein, der von innen leuchtete und voller Leben steckte.

Tanja musste an Patricks blaue Augen denken, die für sie die schönsten Augen der Welt gewesen waren. Dummerweise hatte das die unbekannte Sabine ähnlich gesehen …

„Leider kann ich nicht warten“, ließ sich jetzt wieder der fremde Mann vernehmen.

„Das werden Sie aber müssen“, gab Tanja unangemessen patzig zurück. „Frau Meiser ist nun einmal nicht da, und ich bin hier Gast wie Sie, also müssen Sie sich wohl oder übel gedulden.“

„He, bitte nicht gleich den Kopf abreißen!“ Der Mann hob die Hände und schenkte ihr erneut ein Lächeln, das vermutlich Schnee zum Schmelzen brachte. „Es tut mir wirklich leid, Sie belästigt zu haben, und ich komme mir auch entsprechend dumm vor, aber ich brauche dringend Hilfe: Mein Wagen ist an der Einfahrt nach Hörnum liegengeblieben, weil ich Hornochse vergessen habe, zu tanken.“

„Und wie sind Sie bis hierhin gekommen?“

„Gelaufen“, erwiderte der Mann unbekümmert. „Das erspart mir morgen früh eine Trainingseinheit.“

„Sind Sie Leistungssportler?“

„Viel schlimmer.“ Allmählich machte er sie mit seinem Lächeln nervös. „Sportlehrer. An einem Jungengymnasium. Wenn ich da nicht mithalten kann, hauen meins Jungs mich gnadenlos in die Pfanne.“

„Sie sehen nicht aus, als würden Sie sich so leicht in die Pfanne hauen lassen“, rutschte es Tanja heraus.

Der Fremde fuhr sich mit der Hand ins Haar und wirkte auf einmal beinahe schüchtern.

„Ich bin mir nicht sicher, ob das als Kompliment oder als Beleidigung gemeint war“, sagte er. „Geben Sie mir später Gelegenheit, es herauszufinden? Leider muss ich jetzt wirklich unbedingt nach jemandem suchen, der mir mit meinem Auto hilft …“

„Können Sie es nicht stehen lassen und sich morgen selbst darum kümmern?“ Tanja hatte keine Ahnung, warum sie so unfreundlich mit dem Mann sprach, schließlich hatte er ihr nichts getan. „Dann bräuchten Sie nicht Frau Meiser oder das Ehepaar Peters zu belästigen, die schon genug zu tun haben.“

„Das würde ich gern“, erwiderte der Mann unverändert freundlich. „Leider sitzt in dem Auto aber mein Großvater, und auch wenn er ein Heizkissen, eine Thermosflasche Tee und seine ...

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