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Romantische Bibliothek - Folge 044

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Denkst du noch an unsere Bank am See?
  4. Vorschau

Denkst du noch an unsere Bank am See?

Zwei Herzen im tragischen Konflikt zwischen Liebe und Gewissen

Von Karin Weber

„Wir lieben uns, Hanna, und Liebe ist niemals Sünde!“ Das versichert Fürst Leopold seiner Liebsten.

Die schöne Hanna, Tochter eines Köhlers, glaubt seinen Worten nicht. Denn als einfaches Mädchen aus dem Volk meint sie, kein Recht auf Glück zu haben. Die junge Frau ist nämlich fest davon überzeugt, dass es eine höhere Pflicht gibt, der sich Seine Königliche Hoheit nicht entziehen darf. Sie drängt den Fürsten, sie zu verlassen und die Ehe mit einer standesgemäßen Frau einzugehen.

Doch dann erfährt die Köhlerstochter, dass sie ein Kind von Leopold erwartet, und ändert ihre Meinung, als der Fürst ihr einen Heiratsantrag macht.

Und gerade als Hanna darauf zu vertrauen beginnt, dass sich ihr Schicksal endlich zum Guten wenden wird, betrügt ein grausamer Zufall die beiden um alles, worauf sie gehofft haben …

Leopold von Harrien stieg in die Stiefel und warf einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel. So, wie er jetzt aussah, würde niemand in ihm eine Königliche Hoheit vermuten.

Er öffnete das Fenster und lauschte in die Dunkelheit. Es war alles still. Geschickt schwang er sich aus dem Fenster und spitzte noch einmal die Ohren. Schließlich brauchte niemand zu sehen, auf welche Art und Weise er sein Zimmer im Jagdschloss verließ.

Erst als ihn schützende Bäume umgaben, atmete Leopold auf und lächelte. Der Schnee knirschte unter den Sohlen, am Himmel funkelten tausend Sterne. Es war eine klare, kühle Winternacht.

Er kam sich lächerlich vor, weil sein Herz so schnell in seiner Brust pochte. Schließlich war er kein verliebter Jüngling mehr, sondern ein Mann, der das Leben kannte und eigentlich alle Illusionen hätte verlieren müssen. Und noch vor zwei Jahren hätte der Fürst gelacht, hätte ihm jemand prophezeit, dass er sich einmal Hals über Kopf verlieben würde. So etwas gab es nicht, so etwas passierte einem nicht.

Aber ihm war es passiert.

Er sah die kleine Hütte auf der Waldlichtung und blieb lauschend stehen. Der Hund hatte ihn noch nicht bemerkt, aber bald würde er anschlagen.

Ob Hanna zu Hause war? Sicherlich, wo sollte sie um diese Zeit sonst sein? Er legte die Rechte vor den Mund und ahmte den Schrei eines Uhus nach, dreimal hintereinander.

In der Hütte wurde eine Kerze angezündet, gleich darauf öffnete sich die Tür. Leopold stockte förmlich der Atem vor Erregung, als er im Mondlicht die wunderschöne junge Frau erkannte.

„Hier bin ich“, rief er halblaut in die Nacht.

„Leopold!“ Die junge Frau lief auf ihn zu, die Arme ausgebreitet.

Der Mann fing sie auf und drückte sie fest an sich. Sprechen konnte er nicht, seine Lippen suchten und fanden ihren Mund, und eine Seligkeit erfüllte ihn, wie er sie sich früher nicht einmal hätte vorstellen können.

„Dass du wieder da bist.“ Die junge Frau presste das Gesicht an seine Brust. „Wie lange bleibst du diesmal?“

„Zwei Wochen, wenn alles gut geht. Du hast mir so gefehlt, Hanna. Liebst du mich noch?“

„Ich liebe dich. Ich lebe nur für dich, nur für die wenigen Tage, die wir zusammen sein können. Hast du mich nicht vergessen, Leopold? Ich habe immer solche Angst um dich. So viele schöne und vornehme Frauen sind um dich herum. Hast du dich nicht in eine verliebt? Sag es mir, wenn es der Fall ist, ich werde nicht klagen.“

„Ich liebe nur dich, Hanna. Wie geht es dir? Wie schön du bist!“

„Komm herein! Vater ist heute nicht da. Bei uns ist es warm.“

Der Mann nahm ihre Hand, und sie gingen eng aneinandergeschmiegt auf die ärmliche Hütte zu. Der Schäferhund winselte, als er den Gast erkannte. Der Fürst kraulte ihm abwesend das dichte Fell.

Sein Blick lag auf Hanna, der Frau, die er mehr liebte als alles andere auf der Welt. Sie stand über den Herd gebeugt und legte frisches Holz nach. Hanna trug ein einfaches Arbeitskleid, und doch erschien sie dem Fürsten schöner als die geputzten Damen seines Hofes.

Als sie sich umwandte und seinen Blick bemerkte, errötete sie.

„Sieht man es schon so deutlich?“, fragte sie befangen.

„Was?“ Leopold zog sie auf die Knie. „Könnte ich doch etwas für dich tun, Hanna. Warum erlaubst du mir nicht, dich zu verwöhnen?“

„Ich will von dir kein Geld annehmen – und überhaupt nichts. Bitte, fang nicht schon wieder davon an. Ich liebe dich, da halte ich nicht die Hand auf.“

Fürst Leopold drückte seine Stirn gegen ihre Wange. Wie stark sie war! Er verstand sie, wenn es ihm auch wehtat, dass sie in dieser ärmlichen Köhlerhütte leben musste. Wie rau ihre Hände waren. Er streichelte zärtlich ihre Finger.

„Ich bin so glücklich, dass du mich nicht vergessen hast“, raunte Hanna ihm ins Ohr. Das Holz im Herd hatte Feuer gefangen, der Flammen flackernder Schein zauberte goldene Reflexe in Hannas Haar.

„Wie könnte ich dich vergessen? Du bist ein Stück von mir, Hanna. Ich muss einen Weg finden, dass du in meiner Nähe sein kannst …“

Die junge Frau legte ihm die Hand auf den Mund. „Es geht nicht, du weißt es. Es ist sowieso ein Wunder, dass bisher niemand unser Geheimnis entdeckt hat.“

„Ich wünschte, ich könnte mich vor aller Welt zu dir bekennen. Ich wäre so stolz auf dich, Hanna.“

„Man würde dich auslachen und für verrückt halten. Unser Fürst und die Tochter eines Köhlers! So etwas gibt es nicht. Möchtest du etwas essen? Soll ich dir ein paar Eier braten?“

„Danke, nein. Sag mir, was du erlebt hast. Erzähl mir alles, was du gedacht und getan hast. Wie oft, wenn ich in meinem Arbeitszimmer gesessen habe, haben meine Gedanken dich gesucht.“

„Das ist lieb von dir, Leopold. Mir geht es wirklich gut.“

„Warum willst du nicht in mein Schloss ziehen?“

„Mein Vater würde es nie erlauben. Du weißt, wie er über euch denkt.“

„Er hasst mich. Nur weil ich ein Fürst bin.“

„Ja. Und dabei kennt er dich nicht, sonst würde er anders sprechen. Aber nur wenige denken wie er, Leopold, glaube es mir. Die meisten wissen, dass du ein guter Landesvater bist. Wirst du wieder heiraten?“

„Nein. Man drängt mich, aber ich bringe es nicht fertig. Es wäre ein Betrug an der Frau, die man mir bestimmte. Und dann … Ich könnte nicht einmal Zuneigung heucheln, seitdem ich dich kenne.“

„Aber man erwartet es von dir. Man erwartet von dir einen Nachfolger.“

„Du selbst rätst mir …?“

Hannas Augen füllten sich mit Tränen. Sie schüttelte heftig den Kopf.

„Es wäre besser, wir hätten uns niemals getroffen“, schluchzte sie. „Ich schäme mich manchmal so, dass ich – dass wir – ein anständiges Mädchen tut so etwas nicht …“

„Plagen dich Gewissensbisse? Bereust du es wirklich?“

„Nein. Und das ist schlimm. Ich bereue nicht, was ich getan habe. Aber es ist eine Sünde, eine schwere Sünde. Ich dürfte dich nicht wiedersehen, ich müsste stark bleiben. Ich halte dich davon ab, deine Pflicht zu tun. Wüsste das Volk von mir, es würde meinen Namen verfluchen.“

„Hanna!“

„Ja, verfluchen! Alle fürchten den Moment, in dem dein Vetter Eduard einmal den Thron besteigt. Er ist jung, er wird länger leben als du. Und wenn du keine Kinder hast … Ich meine Kinder von deiner Frau. Leopold, was sollen wir tun? Wir können doch nicht so weiterleben wie bisher.“

„Komm mit mir auf mein Schloss. Ich werde dir schöne Kleider kaufen, du wirst dort als mein Gast leben …“

„Die Hanna Schubart? Nein, Leopold. Man würde hinter meinem Rücken über mich lachen, vielleicht sogar direkt ins Gesicht. Ich passe nicht in ein Schloss. Mein Vater würde mich totschlagen, wenn ich in ein Schloss zöge.“

„Daran kann ich ihn hindern.“

„Ich weiß. Aber du sollst es nicht. Vater meint es ja gut mit mir. In seiner Art liebt er mich. Nur diese revolutionären Ideen, die jetzt in der Luft liegen … Wenn du wüsstest, wie er manchmal über euch schimpft. Am liebsten würde er alle Fürsten aufhängen und eine Regierung aus dem Volke bilden. So etwas schrecklich Dummes. Als wäre das Volk imstande, sich zu regieren.“

„So dumm ist das gar nicht. Es gibt Länder, in denen sich das Volk selbst regiert.“

„Aber wir haben doch dich, Leopold. Du bist klug, du bist weise, du willst nur unser Bestes. Sprechen wir jetzt nicht von der schrecklichen Politik. Sag mir, dass du mich liebst, sag mir, dass ich dir ein bisschen bedeute. Auch wenn es vielleicht nicht wahr ist“, setzte sie leise hinzu.

„Zweifelst du an mir?“, fragte der Fürst erschüttert.

„Nein. Es ist nur … Möchtest du wirklich nichts essen? Soll ich eine Flasche Wein holen? Wir haben Johannisbeerwein, er schmeckt wunderbar.“

„Du bist heute so nervös. Ganz verändert bist du. Nun sag mir schon, was ist los mit dir? Ich spüre, dass dich irgendetwas bedrückt.“

„Du täuschst dich.“ Hanna zwang sich zu einem Lächeln. „Es ist eine Überraschung … Ich habe nicht geahnt, dass du kommen würdest. Sonst hat man im Schloss immer Vorbereitungen getroffen, und ich wusste, dass ich dich erwarten konnte.“

„Ich habe mich kurzfristig zu der Reise entschlossen.“ Fürst Leopold drückte die Lippen in Hannas duftendes Haar. „Wann kommt dein Vater zurück?“

„Er bleibt in der Stadt. Was er dort macht, weiß ich nicht. Ich will es auch nicht wissen.“

„Dann könnte ich ja noch ein bisschen bei dir bleiben …“

Hanna wurde rot. Sie war eine junge Frau und trotzdem ein Mädchen geblieben. Sie schämte sich, und doch spürte sie, dass sie Leopold von Harrien nicht fortschicken durfte. Sie fühlte seine innere Einsamkeit.

Außerdem liebte sie ihn. Sie liebte ihn mehr als sich selbst.

***

Es war noch dunkel, als Fürst Leopold durchs Fenster in sein Schlafzimmer stieg. Er schloss es und kleidete sich aus.

Eine merkwürdige Unruhe war in ihm. Hanna war anders als sonst gewesen, aber sie liebte ihn nach wie vor, daran gab es für den Fürsten keinen Zweifel.

Weshalb hat sie kein Vertrauen zu mir?, fragte er sich. Wenn irgendetwas sie bedrückt, dann wäre ich der geeignetste Mann, ihr zu helfen. Wer hat im Land mehr Einfluss und Macht als ich?

Irgendwann in der Nacht hatte sie sogar an seiner Schulter geweint. Warum?, wollte Leopold von Harrien wissen. Er hatte ihr Schmuck schenken wollen, aber Hanna hatte nie etwas angenommen. Er wollte ihr ein kleines Haus überschreiben lassen, in dem sie sorglos wohnen konnte, sie wollte es nicht.

Wie gut verstand Leopold von Harrien sie, und doch, wie weh tat es ihm, ihr nicht aus ihrem armseligen Leben heraushelfen zu können.

Er fiel in einen tiefen Schlaf, aus dem sein Kammerdiener ihn Stunden später wachrütteln musste.

„Es ist neun Uhr, Königliche Hoheit“, meldete er in respektvoller Haltung.

Der Fürst richtete sich auf. Er war benommen. Er hatte Schreckliches geträumt, wusste aber nicht mehr, was.

„Ich möchte baden“, befahl er.

„Das heiße Wasser ist schon bereit, Königliche Hoheit.“

Leopold von Harrien saß lange in der Wanne. Ein Tag der zwei Wochen war schon herum. Eine Nacht wäre richtiger gewesen, denn für Leopold zählten nur die Nächte hier, die wenigen gestohlenen Stunden des Glücks mit Hanna Schubart.

Schon jetzt grauste es ihm bei dem Gedanken, dass er wieder in seine Residenz zurückfahren musste. Im Sommer würde er wiederkommen, vielleicht einen Monat lang, und seine Regierungsgeschäfte von hier aus erledigen.

Aber im Sommer waren die Nächte kurz, es war nicht einfach, ungesehen aus dem Schloss zu kommen. Missmutig starrte er auf das Wasser in der Badewanne.

„Waren Sie eigentlich jemals verliebt, Johann?“, fragte er den Kammerdiener, der in tadelloser Haltung im Badezimmer stand, das Tuch zum Abreiben griffbereit in den Händen.

„Schon oft, Königliche Hoheit.“

„Dann wissen Sie doch nicht, was Liebe ist.“ Fürst Leopold kletterte aus der Wanne und ließ sich das Badetuch reichen. „Haben Sie niemals das Gefühl gehabt, dieses Mädchen ist das einzige, mit dem ich glücklich werden könnte?“

Johann hüstelte verlegen. „Wenn Königliche Hoheit mir ein offenes Wort gestatten würden …“

„Reden Sie schon!“, fiel der Fürst ihm ungeduldig ins Wort.

„Ich glaube, kein Mädchen kann einen Mann glücklich machen. Die eine hat diese Vorzüge, die andere jene. Man muss häufiger wechseln. Das ist nur eine ganz private Meinung, Königliche Hoheit.“

„Die von vielen geteilt wird, ich weiß. Ehemänner haben Geliebte, Ehefrauen gleichfalls … Ich verstehe die Welt manchmal nicht. Wie kann man sich betrügen, wenn man sich liebt?“

„Ich glaube manchmal, Liebe gibt es gar nicht. Sie ist nur eine Erfindung der Kirchen. Ich habe jedenfalls noch niemanden getroffen, der wirklich liebt. Verliebte gibt es genug. Und währenddessen ist es ja auch schön. Dann kommt der Katzenjammer – und man tröstet sich mit einer anderen.“

„Eine praktische Philosophie“, stellte Leopold von Harrien fest. „Sie entbindet einen von jeder Verantwortung.“

„Man heiratet eigentlich nur der Kinder wegen.“ Johann kannte die Stimmungen seines Herrn und wusste, wann er so offen mit ihm sprechen konnte. „Wüchsen Kinder auf Bäumen, dann gäbe es auch keine Ehen. Aber irgendjemand muss ja für sie sorgen, und deshalb …“

„Schon gut.“ Leopold von Harrien wollte nichts mehr hören.

Ob viele so denken wie Johann?, fragte er sich. Eigentlich ist es traurig um die Welt bestellt, solange Menschen wie er sie bevölkern. Sie jagen ihrem eigenen Vergnügen nach, an andere denken sie nicht.

Sie jagen ihrem eigenen Vergnügen nach … Tu ich das eigentlich auch? Was gebe ich Hanna? Sorgen, ein schlechtes Gewissen, Unruhe. Wäre ich wirklich ein Kerl, ich hätte damals gar nicht versucht, sie näher kennenzulernen. Ich hätte gewusst, dass ich es nicht durfte.

Ich habe es gewusst und sie trotzdem zu meiner Geliebten gemacht …

„Kümmern Sie sich um das Frühstück, Johann! Heute mehr Kaffee als sonst und recht stark.“

„Sehr wohl, Königliche Hoheit.“ Johann verneigte sich gemessen und ging hinaus.

Ob er ahnt, dass ich ein Doppelleben führe?, fragte sich Fürst Leopold. Seit zwanzig Jahren war Johann sein Kammerdiener, und doch wusste er eigentlich wenig von ihm.

Heute Abend treffe ich mich wieder mit Hanna! Nicht in der Hütte, ihr Vater wird da sein. Sie musste warten, bis er eingeschlafen war, dann würde sie sich hinausschleichen und zu ihm kommen. Es gab eine Bank am See, mitten im Wald. Dort hatten sie sich schon oft heimlich getroffen.

Fürst Harrien war heute mit sich und der ganzen Welt unzufrieden. Das Frühstück schmeckte ihm nicht, an allem hatte er etwas auszusetzen. So wie jetzt konnte es jedenfalls nicht weitergehen, das stand für ihn fest.

Aber wie sollte er den Zustand ändern? Er konnte Hanna nicht heiraten. Die ganze Welt würde ihn unmöglich finden. Seine Offiziere und Hofbeamten würden ihn für verrückt erklären. Man heiratete vielleicht manchmal unter seinem Stand, ein Adliger vielleicht eine Bürgerliche. Aber die Tochter eines Köhlers?

***

Christian Schubart stieß die Tür seiner Hütte mit einem Fußtritt auf, dass sie innen gegen die Wand flog.

„Wo bist du?“, schrie er in den Raum hinein.

„Hier!“ Hanna war in der Schlafkammer gewesen und eilte heraus.

Ihre Augen strahlten, ihre Wangen waren gerötet. Sie bot einen bildhübschen Anblick.

Aber das finstere Gesicht des Vaters wurde noch grimmiger. Sein Blick glitt an ihr entlang, und sein Kinn schob sich vor.

„Ist es wahr?“, fragte er schwer atmend.

Hanna wich vor ihm zurück, bis sie mit dem Rücken an der Wand stand.

„Was?“, fragte sie flüsternd.

„Dass du ein Kind bekommst!“ Der Köhler ballte beide Hände zu Fäusten. „Ob es wahr ist, will ich wissen“, schrie er sie an. „Und wenn es stimmt, dann schlag ich dich tot und den Kerl dazu. Aber es ist doch nicht wahr? Sag, dass Meier lügt! Dann zahle ich es ihm heim. Ihm und seinem Klatschmaul von Weib.“

„Sie haben behauptet …“

„Ja, sie haben es behauptet. Und gegrinst! Sie gönnen es mir natürlich. Aber es kann einfach nicht wahr sein. Du bist immer ein gutes Kind gewesen, du würdest dich niemals wegwerfen.“

„Ich koche dir gleich Kaffee, Vater.“ Hanna lief auf den Herd zu.

„Du bist etwas dicker geworden. Vielleicht meint die Meier deshalb, dass du … Aber wie kann sie nur so etwas behaupten? Ein Lästermaul hat sie. Hanna, du bringst doch keine Schande über uns? Ich habe deiner Mutter auf dem Totenbett geschworen, immer gut auf dich aufzupassen.“

„Du hast es auch, Vater.“

Hanna senkte den Kopf über den Herd und beeilte sich, das Feuer neu zu schüren. Man sah es ihr also an. Heute konnte sie es noch abstreiten, in einigen Wochen nicht mehr. Dann würde auch ihr argloser Vater sehen, was mit ihr los war.

„Wo warst du die ganze Nacht, Vater?“

„Es geht dich nichts an. Je weniger du davon weißt, desto besser ist es für dich. Eines Tages wird alles besser für uns sein, das weiß ich. Wir Arbeiter lassen uns nicht länger unterdrücken, wir wollen unseren Anteil am Gewinn.“

„Vater, du besuchst doch nicht etwa politische Versammlungen?“, fragte Hanna stockend. Allein die Vorstellung war entsetzlich.

„Kümmere dich nicht um Politik, das ist keine Frauensache. Es wird Zeit, dass ein frischerer Wind in unserem Land weht. Leopold meint es vielleicht ganz gut, aber wenn wir regieren, dann wird es endlich Gerechtigkeit geben.“

Er räusperte sich. Hanna schwieg.

„Wie die Meier nur darauf gekommen ist, solchen Klatsch zu erzählen. Hanna, sieh mir in die Augen! Sag mir, dass nichts an dem dran ist. Du bist noch Jungfrau, nicht wahr?“

Hanna wusste selbst nicht, wie sie es schaffte, dem Vater ins Gesicht zu lügen. Aber Leopold war in der Nähe, sie musste ihn vor dem Zorn des Vaters schützen. Vater würde es fertigbringen, ein Attentat auf den Fürsten zu verüben, um seine verletzte Ehre zu rächen.

Der Köhler atmete tief auf. „Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann. Ich werde mich jetzt ein Stündchen hinlegen und später die Meiler kontrollieren. Was gibt es heute Mittag zu essen?“

„Ich dachte an Bratkartoffeln …“

„Gut. Die feinen Herren essen jeden Tag Fleisch. Aber für uns sind Kartoffeln gut genug. Wir arbeiten ja bloß für sie, da soll man uns nicht verwöhnen!“

„Sie sind gar nicht so schlecht, wie du glaubst, Vater“, verteidigte Hanna die herrschende Kaste.

„Das sagst du, weil du nichts von der Welt weißt. Du hast keine Ahnung, wie es draußen zugeht, und das ist gut so. Hier lebst du in Ruhe und Frieden, bis du heiratest.“

„Ich will nicht heiraten, Vater.“

„Dafür lass mich schon sorgen. Es muss nur ein Mann sein, der gut genug für dich ist, Hanna. Aber wenn sich einmal der Richtige um dich bewirbt …“

„Leg dich nur hin, Vater. Ich putze dir die Schuhe.“

„Du bist ein gutes Mädchen. Du schlägst nach deiner Mutter. Die war auch so. Ein Jammer, dass sie so früh von uns gehen musste. Aber ich habe ja dich.“

***

Als der Vater in der Kammer verschwunden war, füllten sich Hannas Augen mit Tränen. Sie kam sich vor wie ein Tier in der Falle. Sie erwartete ein Kind, und bald würden es alle wissen. Sie war ein gefallenes Mädchen, und kein anständiger Mann würde jemals daran denken, sie zu heiraten. Und was würde der Vater tun, wenn er die Wahrheit erfuhr?

Hanna wusch die Kartoffeln und setzte sie auf den Herd. Dann trat sie vors Haus. In der Hütte war es ihr, als würden Wände und Decken sie erdrücken. Es gab eigentlich nur eine einzige Möglichkeit, der Schande zu entgehen und dem Vater die bittere Enttäuschung zu ersparen.

Er war nur ein einfacher Köhler, aber er hatte einen unbändigen Stolz. Und sie, seine Tochter, hatte diesen Stolz mit Füßen getreten, weil sie Leopold liebte.

Der See war nicht weit entfernt. Man sagte, er sei sehr tief. An den Ufern wuchs Schilf, und er war noch nicht zugefroren. Ob es schwer war zu ertrinken?

Bestimmt leichter, als weiterzuleben, dachte Hanna. Sie presste den Kopf gegen die Hauswand, während heiße Tränen ihr über die Wangen liefen. Sie war jung, sie liebte das Leben, aber sie hatte kein Recht mehr, dass die Sonne sie beschien.

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